Also sprach Casanova - Dieter Hauri - E-Book

Also sprach Casanova E-Book

Dieter Hauri

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Beschreibung

Das vorliegende Buch erfasst Potenz und Impotenz in ihrer ­geschichtlichen und kulturellen Bedeutung von ihren Anfängen her. Alle Behandlungsversuche bis heute werden aufgeführt, die anatomischen und physiologischen Vorbedingungen beschrieben und auch die Gründe für das Versagen aufgelistet. Es ist nicht nur für Ärzte, sondern auch für interessierte Laien geschrieben. Die zentrale Thematik der Potenz und Impotenz wird von je einem Kapitel zu Beginn und am Schluss von zwei Extremen eingerahmt. Einerseits von einem Essay über das Leben von Casanova, dem großen ­Libertin des Rokoko und Liebhaber unzähliger Frauen. Es zeigt sich, dass er nicht der vermeintlich oberflächliche Wüstling war, als der er oft geschildert wird, sondern ein intelligenter, origineller ­Lebenskünstler. Das abschließende Kapitel andererseits berichtet über unfreiwillig Impotente, über Eunuchen und Kastraten – von ihren mystischen Anfängen bis zur traurigen Gegenwart. Wir sind uns heute gar nicht mehr des Elends von Gesangskastraten bewusst, deren Geschichte erst anfangs des 20. Jahrhunderts endete.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dieter Hauri

Also sprach Casanova

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Also sprach Casanova

Die Geschichte der männlichen Potenz und Impotenz und deren Behandlungen – Von Venus zu Viagra

R. G. Fischer Verlag

»Ich danke

der Schweizerischen Gesellschaft für Urologie, die das Werk finanziell unterstützt hat

dem R. G. Fischer Verlag, Frankfurt, für die angenehme Zusammenarbeit und die schöne Gestaltung des Buches

allen meinen ehemaligen Mitarbeitern der Klinik, die mich zum Thema der erektilen Dysfunktion unterstützt haben.«

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2025 by R.G. Fischer Verlag

Orber Str. 30, D-60386 Frankfurt/Main

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Bergamo 11 pt

Herstellung: rgf/1C

ISBN 978-3-8301-9363-0 EPUB

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Giacomo Giorlamo Casanova – Chevalier de Seintgalt (1725–1798)

Casanovas Jugendjahre

Casanova in Paris und Wien

Wieder in Venedig – und kurz darauf im Gefängnis

Wieder in Paris gründet Casanova die Französische Staatslotterie

In Amsterdam

Kurzer Aufenthalt in Paris als Geschäftsmann und Gefängniseinsitz wegen versuchter Abtreibung

Casanova in der Schweiz

Casanova und die Geschlechtskrankheiten

Aus der Schweiz über Italien nach England

Wieder auf dem Festland

Reise nach Spanien

Zurück nach Venedig – und an seinen Alterssitz auf Schloss Dux

Kurzer Rückblick auf Casanova und seine Zeit

II. Die Erektion – Der Phallus

III. Der Erektionsausfall – Die Impotenz

IV. Die alte Frage – Wie kommt es zu einer Erektion?

1. Das Pneuma

2. Die Muskeln

3. Die Venen

4. Die Arterien

5. Die Nerven

6. Die Trabekelmuskulatur

V. Von der Behandlung mit Kräutern bis zur frühen Hormontherapie

VI. Die verschiedenen Abklärungsmöglichkeiten

1. Blutuntersuchungen

2. Arterien

3. Venen

4. Perfusionsszintigraphie

5. Abklärung des Nervensystems

6. Nächtliche Tumeszenzmessung

7. Messungen mittels farbkodierter Duplexsonographie

VII. Die Physiologie der Erektion

VIII. Moderne Behandlungsverfahren

1. Penisimplantate – Penisprothesen

2. Revaskulierende Operationen

3. Die Vakuum-Erektionshilfe

4. Schwellkörperautoinjektionstherapie (SKAT) – Die Potenzspritze

5. Die »Pille für den Mann«

IX. Der alternde Mann und seine Potenz

Was passiert nun im Alter?

X. Arteriosklerose/Hypertonie und die Potenz

XI. Cholesterin und Potenz

XII. Diabetes mellitus und Potenz

XIII. Der Fahrradsattel – ein Potenzkiller

XIV. Das Testosteron

XV. Das metabolische Syndrom

XVI. Zentralnervensystem und Erektion

XVII. Psyche und Potenz

XVIII. Ist Impotenz vererblich?

XIX. Eunuchen und Kastraten

Warum wurde kastriert?

Auf welche Weise wurde kastriert?

Welches waren die Folgen?

Die Gesangskastraten

1. Carlo Broschi – Farinelli (1705–1782) – (Abb. 255)

2. Gaetano Majorano – Caffarelli (1710–1783) – (Abb. 260)

3. Filippo Balatri – Die Nachtigall des Zaren (1682–1756) (Abb. 264)

Schlusswort

Vorwort

Dieses Buch erzählt über die männliche Potenz und Impotenz. Es ist unter anderem ein Rückblick auf unsere klinische Arbeit. Die Urologische Klinik des Universitätsspitals Zürich war eine der ersten, die sich ab den 1980-er Jahren mit diesem Thema beschäftigte. Kommt hinzu, dass mich das Phänomen der Potenz in seiner geschichtlichen ebenso wie in seiner symbolischen Bedeutung faszinierte. Die Impotenz andererseits forderte mein Interesse heraus, ein Thema, das bis vor relativ kurzer Zeit ein Tabu darstellte, über das auch von ärztlicher Seite ungern gesprochen wurde und zu lang zu keinen brauchbaren oder nur unbefriedigenden Lösungen in seiner Behandlung geführt hatte. In diesem Sinne gilt dieses Buch auch als Dank an meine Mitarbeiter, die mit viel Engagement und Interesse zu Antworten beigetragen haben.

Dieses Buch ist nicht ausschliesslich der Wissenschaft gewidmet, sondern möchte vielmehr auch den Laien in ein spannendes Kapitel der Medizin einführen, in dem nicht nur theoretische Wissenschafter wie beispielsweise Physiologen, Biochemiker und andere mitgewirkt haben, sondern klinisch tätige Mediziner, und hier vor allem Urologen.

Das Buch beginnt mit der urzeitlichen Bedeutung der Erektion, ihrem symbolischen und kulturellen Einf luss. Denn Sexualität und Fortpf lanzung sind Grundlage unseres Seins. Beide müssen die Menschheit seit ihren Anfängen interessiert und begleitet haben, was die ältesten noch erhaltenen Bildgebungen in Form von Gravierungen in Stein und Höhlenmalereien belegen. In diesen und allen nachfolgenden Darstellungen lässt sich nachweisen, dass die Erektion nicht nur als Symbol von Fruchtbarkeit, sondern auch für Kraft und Potenz verstanden wurde, dann aber auch als ein Zeichen für Macht. Und gleichzeitig stand auch der Erektionsausfall, die Impotenz, im Fokus. Sie wurde schon seit Anfang als Versagen empfunden und – wie viele Naturereignisse – als göttliche Strafe interpretiert. Dementsprechend wurden Heilungsversuche bis vor kurzem mystisch verstanden und mit Beschwörungen, Zauberei, Meditation und Beten zu beeinf lussen versucht. Seit jeher waren auch die Kräutermedizin und andere, uns heute fremd vorkommende, Medikamente im Gebrauch. Man erinnere sich an den Liebestrank! Ein Ansatz zur Abklärung einer Impotenz, gewünschter Startpunkt für deren effektive Behandlung, wurde von zwei Seiten her verhindert. Einerseits wurde die Impotenz um das Jahr 1000 von der katholischen Kirche offiziell als »Dämonen- oder Zauberkrankheit« erklärt, demzufolge Abklärung und Behandlung dieser Erkrankung allein der Kirche vorbehalten blieb. Andererseits verbesserte die Psychiatrie unter der Vorreiterrolle von Sigmund Freud das Los Impotenter ebenfalls nicht, mit der Behauptung, dass eine Impotenz ohnehin zu 90 % einen psychischen Ursprung beinhalte. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen ernsthafte Anstrengungen der klinischen Medizin in einer naturwissenschaftlichen Abklärung der Impotenz. Zwar beschäftigten sich schon griechische Philosophen, unter deren Vertretern sich oftmals Ärzte befanden, mit der Frage nach dem Entstehen einer Erektion. Doch deren Antwort bedurfte der Renaissance und der Aufklärung. Das Buch erzählt von den möglichen Abklärungsmöglichkeiten bis zur Diagnose einer Impotenz. Es beschreibt auch die daraus entwickelten physiologischen und biochemischen Erkenntnisse. Auch die Geschichte aller Behandlungsverfahren, die im Laufe der letzten 200 Jahre zur Anwendung gelangten, wird aufgezeichnet – von der Kräutermedizin, von den frühen Versuchen mit Hormonen bis zu Behandlungsverfahren mittels Prothesen, Gefässoperationen, Vakuumanwendung und Potenzspritzen. Und schliesslich gelangen wir zur ersten erfolgreichen Entwicklung eines tauglichen Medikaments – Viagra – das 1998 auf dem Markt erschien.

Wir kommen abschliessend auf die Potenzprobleme, ihre Gründe und ihre Auswirkung, des alternden Mannes zu sprechen, auf die Mitbeteiligung von Arteriosklerose, Hypertonie, Cholesterin und Diabetes mellitus. Dabei fehlen darf keineswegs die Einwirkung des Testosterons respektive seines Fehlens auf die Potenz und dessen Konsequenzen.

Das Buch ist für Ärzte geschrieben, aber ebenso für interessierte Laien. Ich habe mich bemüht, auch kompliziertere Probleme allgemeinverständlich darzustellen. Gewisse Textstellen, die ins Detail gehen, sind in Kursiv-Schrift gedruckt. Sie können von nicht speziell Interessierten übergangen werden, ohne dass das allgemeine Verständnis verloren gehen würde.

Die zentrale Thematik der Potenz und Impotenz wird eingerahmt von zwei Kapiteln der Extreme: Mit Giacomo Casanova zu Beginn und endend mit den Eunuchen, respektive mit den Gesangskastraten.

Casanova, der legendäre Libertin und Verführer unzähliger Frauen verschiedensten Standes, war der Ausdruck des Spätbarocks und Rokoko. Die offene erotische Lebensweise war damals allgegenwärtig. Sie wurde gelebt und beschrieben, am nachhaltigsten im Lebenslauf von Casanova. Seine Erinnerungen waren damals so frei und offen niedergeschrieben, dass die nachfolgenden prüden Generationen ihr Erscheinen um zwei Jahrhunderte verhinderten. Der Theologe, der Jurist mit abgeschlossenem Studium, Reisediplomat, Abenteurer, hemmungslose Spieler, galante Unterhalter, kulinarische Geniesser, Autor vieler Bücher, »Homme de lettres« von europäischem Rang, Lotterieunternehmer, war ein grossartiger Erzähler. Er beschreibt mit Esprit, offenherzig auch gegenüber sich selbst, die höfische und grossbürgerliche Gesellschaft, so es letztere damals überhaupt schon gab, von ganz Europa. Er schreibt spannend über Höhen und Tiefen seines Lebens – und ebenso über sein vielgestaltiges Liebesleben. Es erstaunt nicht, dass Casanova bei seinem Lebenswandel mehrmals von Geschlechtskrankheiten befallen wurde. Eine kurze Geschichte über die Lustseuchen und deren Behandlung darf deshalb nicht fehlen. Er war ein Frauenverführer, aber nie ein Frauenverächter. Er konnte sich jedoch Zeit seines Lebens nie definitiv binden. Casanova eroberte Frauen zuhauf und ohne Mühe, war jedoch niemals brutal in seinen Beziehungen zu ihnen. Seine Memoiren sind von hohem kulturellem Wert.

Das Gegenteil davon ist die den Abschluss bildende Schilderung über die Eunuchen und Kastraten. Die Entmannung taucht schon in Sagen und Mythen unserer Geschichtsschreibung auf. Ausgeführt von Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen ist sie etwas vom Widerlichsten, was unsere Kultur hervorbrachte. Und leider kann die katholische Kirche keineswegs davon freigesprochen werden. Sie war vor allem im 17. und 18. Jahrhundert (der letzte Gesangskastrat erlebte allerdings noch den Anfang des 20. Jahrhunderts!) die treibende Kraft, junge Knaben zu kastrieren, um klare, himmlische Stimmen für ihre Kirchenchöre frei zu bekommen. Daraus entstanden später die Gesangskastraten auf den Opernbühnen, auf denen weibliche Stimmen – ebenso von Rom verordnet – nicht teilhaben durften. Die Lebensläufe von drei typischen Gesangskastraten legen ihr problematisches Dasein offen. Enthusiastisch auf der Bühne gefeiert, von hysterischen Damen vergöttert, waren sie im »normalen Leben« meist verachtet und verspottet. Gegen den Schluss ihres Lebens vereinsamt, oft verarmt, verachteten sie nicht selten sich selbst, empfanden sich als Neutrum. Impotenz verspricht kein angenehmes und erfülltes Leben.

I. Giacomo Giorlamo Casanova – Chevalier de Seintgalt (1725–1798)

»Ob glücklich oder unglücklich, das Leben ist der einzige Schatz, den der Mensch besitzt; und wer es nicht liebt, ist seiner nicht wert.«

(Casanova)

In dieser Einsicht und nach diesem Motto verkörpert Casanova das Zeitalter des lebenshungrigen Rokokos (Abb. 1). Ein gerne gesehener Gast an den Höfen Europas, Gesprächspartner von bekannten Grössen wie Papst Benedikt XIV, König Louis XV von Frankreich, Madame de Pompadour, Friedrich dem Grossen von Preussen, Kaiserin Maria-Theresia in Wien, Stanislaus II, König von Polen, Zarin Katharina der Grossen, Carlos II, dem Spanischen König, von Albrecht von Haller, Rousseau, Voltaire, Benjamin Franklin und gegen sein Lebensende auch von Wolfgang Amadeus Mozart, des weiteren als promovierter Doktor beider Rechte, als Direktor der Französischen Lotterie, Schriftsteller und Verfasser vieler, heute nicht mehr gelesener Bücher, unter anderen mehrerer mathematischer Schriften, als »Homme de lettres« von europäischem Rang – wir würden uns nicht mehr an ihn erinnern, er wäre eine unbedeutende Randfigur der Geschichte. Auch sein Ruf als Libertin und Verführer unzähliger Frauen verschiedensten Standes, als der er uns heute noch bekannt ist, wäre längst verblasst, stellte doch beispielsweise einer seiner kurzzeitigen Arbeitgeber, Kardinal Aquaviva, mit seinen über tausend Abenteuern Casanova weit in den Schatten. All dies wäre vergessen gegangen, hätte Casanova uns nicht, an seinem Lebensabend angelangt, als Rückblick gleichsam, seine Erinnerungen auf 5000 Seiten hinterlassen. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Casanovas postum veröffentlichten Lebenserinnerungen mit grösster Empörung aufgenommen, von den Zensurbehörden verfolgt und auf den Index gesetzt. Ende des 18. Jahrhunderts geschrieben und erst ein Vierteljahrhundert später publiziert, trafen Casanovas Memoiren im Biedermeier und zu Beginn der Romantik auf ein grundlegend gewandeltes Lebensgefühl. Die freimütigen Bekenntnisse und Lebensmaximen eines libertinen Rokokomenschen, eines Weltmannes des feudalistischen Ancien régime, in wel-

Abb. 1. Giacomo Casanova (ca. 1750), portraitiert von seinem Bruder Franco

chem verheiratete Frauen grosse Freiheiten genossen und Eifersucht verpönt war, widersprachen allen Vorstellungen des sich etablierenden Bürgertums, das sein Selbstbewusstsein auf Erwerb, Familie und Innerlichkeit begründete. Noch Stefan Zweig (1928) sieht in Casanova den unersättlichen Triebmenschen. Er ist von der Anzahl der Amouren so fasziniert wie die Kritiker des vorigen Jahrhunderts, die Casanova darum für einen Lügner hielten und seine Lebenserinnerungen für erdichtet. Mindestens so spektakulär wie sein Leben ist die abenteuerliche Geschichte seines Manuskripts. Es war in Französisch, der damaligen Sprache von Welt und gutem Geschmack abgefasst. Casanova vermachte es kurz vor seinem Tod einem Neffen, dessen Nachkommen es 1821 an den Leipziger Verlag Brockhaus verkauften. Vom Verleger Friedrich Arnold Brockhaus wurde auf Anraten Ludwig Tiecks (1773–1853) dem deutschen Romantiker und Literaturkritiker Wilhelm von Schütz (1776–1847) die Übersetzung in die deutsche Sprache anvertraut, wobei ihm nahegelegt wurde, gewisse Passagen dem Zeitgeschmack entsprechend zu »bearbeiten«. Brockhaus: »Ich theilte ihm dann heftweise zu, was er übersetzen sollte, bezeichnete ihm die Stellen, die er auslassen müsste und hülfe ihm mit meinem Rath, wie andere halb bezeichnet und halb verschwiegen werden können. Denn vieles ist für uns Deutsche, ja vielleicht für jeden Menschen gar arg; anderes, das schlimm genug ist, darf doch nicht ganz übertragen werden.« Wilhelm von Schütz teilte jedoch keineswegs diese Ansicht: »Der Verfasser hat Liebesabenteuer erlebt, welche gerade in dem, was man zu sagen scheu tragen möchte, das Schicksal und die Poesie verborgen halten. Sollte dies weggelassen oder durch anderes ersetzt werden? Ist es thunlich, hier und da Zucker und Vanille hineinzustreuen, wo ein scharfes Salz hingehörte und gewirkt hätte?(…) Dass Sie den erotischen Teil seiner Memoiren ganz unterdrücken wollen, kann ich indes nicht durchaus billigen. Meiner Meinung nach thut der frömmelnden Impotenz unserer Zeit eine kräftige Sinnlichkeit vor allem gut und ein Aristophanes unserer Tage wäre der Arzt der Zeit, der all dem weichlichen Gefasel von mythisch-religiöser Moral ein Ende machen könnte.« In der Tat blieb die Veröffentlichung der »Histoire de ma vie« nicht unbeachtet, und die Ansicht des Übersetzers wurde auch nicht von den Literaturkritikern des Biedermeier geteilt. Nur stark bereinigte Fassungen wurden veröffentlicht, die dann in Raubdrucken und eigenwilligen Übersetzungen erschienen. Sie wurden ausnahmslos ausserhalb Deutschlands gedruckt. 1943 wurde das Manuskript, nachdem es einen Luftangriff auf den Verlag unbeschädigt überstanden hatte, per Fahrrad zu einer Bank gebracht und in einem Safe eingelagert. Als Leipzig 1945 von den Amerikanern besetzt wurde, erkundigte sich sogar Winston Churchill nach dem Verbleib der Handschrift, die schliesslich auf einem Armeelaster nach Wiesbaden gelangte und den deutschen Besitzern übergeben wurde. Ironischerweise durfte »Histoire de ma vie« erst 1962 in vollständigem Originaltext erscheinen. Das Werk wurde 2010 vom Verlag Brockhaus an die Bibliotheque National de Paris verkauft.

Von einem Venezianer verfasst, der auf Italienisch oder Französisch schreibt, dessen Familie teilweise in Dresden lebt und der in Böhmen stirbt, spürt man etwas vom Geist einer grossen, noch nicht in Nationalstaaten zergliederten Kultur. Bezeichnenderweise nennt er seine Aufzeichnungen nicht »Mémoires de ma vie«, als Erinnerungen aus seinem Leben, sondern »Histoire de ma vie«, seine Lebensgeschichte im Rahmen eines Reiseberichtes. Er versteht sich dabei nicht als Historiker, sondern als Zeuge seiner Zeit. Casanova versteht es, uns ein kulturgeschichtliches Panorama vorzuzeigen mit einer Farbenpracht und Sinnesfreude, die ihresgleichen suchen. Er trifft dies in Worten eines von ihm erwähnten Autors aus der Antike: »Wenn du nichts vollbracht hast, was das Aufschreiben lohnt, so schreibe wenigstens etwas, was wert ist, gelesen zu werden.« Die Unzahl der in seinen Memoiren aufgeführten Personen gibt dem Historiker wichtige Aufschlüsse auf Zusammenhänge der Gesellschaft des Ancien Régime. Lange wurde angenommen, dass viele Teile davon, zumindest partiell, als fiktiv zu gelten hätten. Heute ist erwiesen, dass Casanovas Lebenserinnerungen bis auf einige Details, Jahreszahlen und Verwechslungen der Wahrheit entsprechen. Sein Gedächtnis war aussergewöhlich. Seine Beobachtungen sind nicht immer objektiv und seine Urteile durch persönliche Interessen geprägt.

Der in Italien Geborene schreibt französisch, der internationalen Sprache der feinen Gesellschaft, der Reisenden, Diplomaten und Gebildeten der Epoche, der politischen Führungsschicht in ganz Europa. Es war die Sprache des »Esprit«, den er so schätzte, Medium jener schlagfertigen und gewandten Geister, der die Zeit in vielerlei Hinsicht geprägt hatte und auch seinen Leser auszeichnen sollte; zugleich trotzige Botschaft an seine Heimat, die ihn zweimal verstossen hatte.

In seinen bilderreichen Erzählungen wird uns bewusst, wie f liessend, aber auch prägnant sich die Jahrhunderte dieser Epoche ablösten. Während im 16. Jahrhundert der »Uomo universale« der Renaissance die anderen Männer überstrahlte, während im 17. Jahrhundert von den Höfen der stärkste Glanz ausging, so verfiel ein Jahrhundert später der Absolutismus in Degeneration und es tauchten unabhängige Aussenseiter – die Libertins – auf, halb belacht und halb bewundert, ein Spiegelbild des eigenen Niedergangs in verschiedenen Formen, als Abenteurer, Spieler, Scharlatan – alles dies auch Charaktere Casanovas.

Er spürte es und formulierte dies in seiner typischen Art: »Nachdem wir nun mal die Gewohnheit haben, bekleidet und nicht splitternackt herumzulaufen, müsste das Gesicht eigentlich völlig bedeutungslos sein, sonst würden wir es nicht jedermann zeigen. Warum ist es uns trotzdem wichtiger als alles andere? Warum verlieben wir uns nur seinetwegen? Warum entscheiden wir uns nur nach ihm, ob eine Frau schön ist oder nicht? Warum nehmen wir es ihr nicht einmal übel, wenn die Körperteile, die sie uns nicht zeigt, das wahre Gegenteil von dem sind, was das Gesicht uns versprach? Wäre es nicht natürlicher und vernünftiger, wäre es nicht schlicht besser, wenn wir immer mit verhülltem Gesicht ausgehen würden, aber sonst splitternackt?«

Alles, worüber sein Publikum mit ihm lachen wird, handle es sich um den Betrug von Dummen oder die Betrügereien in der Liebe, gehören derselben Handlungsebene an. Casanova legt kein Seelenbekenntnis ab, sondern ein Tatbekenntnis. Und was er im Laufe seines Lebens getan hat, hält er nachträglich nicht für verwerflich, sondern für komisch. Sein Leser kann und soll lachen, weil sich der Autor ihm nicht als Büsser präsentiert und auch nicht errötend oder schuldbewusst, sondern seinerseits lachend; der Beleg ist sein Stil. Was er in seiner »Histoire de ma vie« beschreibt, ist nicht allein der Stil seiner Erzählungen, sondern seine gegenwärtige Haltung zur eigenen Vergangenheit, der Stil seiner Retrospektive. Mit seinen offenherzigen Memoiren wurde Casanova zum Vorbild für Mark Twain (1835–1910), der hundert Jahre später mit »Huckleberry Finn«, seinem fiktional-autobiographischen Werk, ebenfalls in Ich-Form, ähnlich offen auftrat. Casanova erweist sich als grossartiger Erzähler. Vergleicht man seine Amouren mit anderen aus dem literarischen Rokoko, so bleibt er bewundernswürdig. Alles, was seine Zeitgenossen wie beispielsweise Wieland oder Gessner in ihren Romanen und Idyllen beschreiben, nimmt sich gegenüber Casanovas erfrischender Direktheit und Leidenschaft als blosses Getändel aus – verschämt, lüstern und harmlos in einem. So offen er über seine Person berichtet, so gnadenlos will er auch die Geschichte seines Gegenübers wissen. Er schreibt sehr offenherzig über seine verschiedenen Techniken der Verführung und der Liebe, über seine geheimen Gelüste, die Reaktionen seiner Geliebten anlässlich des Sexualaktes, über sein Durchstehvermögen und seine Pannen. Seine Schreibweise ist einerseits – seiner Zeit entsprechend – in gewissen Themen bedeckt, andrerseits werden diese – gut verständlich – umschrieben. Im »Cabinet de l'amour«, weiss man, wo man sich befindet, »Auteil« (= der Altar) wird jedermann verstehen. »Résurrection« und »Eruption« beschreiben Vorgänge ohne zu beleidigen. »Tombeau« oder »Sanctuaire de la vie à mort« stehen für blumige Umschreibungen der Scheide und auch »Sanglante sacrifice« wird jeder Interessierte als Def loration interpretieren können.

Casanovas Memoiren sind von hohem kulturhistorischem Wert. Sie zeigen einen bisher oft verschwiegenen Teil des gesellschaftlichen Lebens im 18. Jahrhundert in all seinen Facetten. Er ist ein ausgezeichneter Beobachter, der die damaligen Zustände äusserst treffend wiedergibt.

Folgen wir nun seinem Lebensweg (Abb. 2):

Casanovas Jugendjahre

Casanova wurde am 2. April 1725 in Venedig geboren. Sein Vater, Gaetano Giuseppe Casanova (1697–1733), möglicherweise aus einer ehemals begüterten Patrizierfamilie stammend, war Schauspieler; seine Mutter, Zanetta Farusso (1707–1776), eine ausnehmend schöne Schusterstochter, die es zu einer berühmten Schauspielerin brachte, für welche selbst Goldoni ein Stück schrieb – »La pupilla«. Einer seiner Brüder, Francesco, wurde Maler und entstammte einer f lüchtigen Liaison seiner Mutter mit dem damaligen Prince of Wales.

Venedig war eine der typischsten Städte des 18. Jahrhunderts, mit seinen tausendfältigen Verderbnissen, seinem freien Geist, unbe-

Abb. 2. Eine Seite aus Casanovas »Histoire de ma vie« in seiner Handschrift (Weltwoche Verlag, Zürich, mit freundlicher Genehmigung)

kümmert und als Handelsstadt mit mehr Toleranz gesegnet als andernorts, wo sich eine Kultur von Kurtisanen aus höchster Gesellschaft, bekannt für ihre Eleganz in Benehmen und Erscheinung ausbreitete und sich selbst Ordensschwestern ausserhalb des Klosters mit ihren Geliebten, hatten jene genügend Einf luss, treffen konnten. Dies alles spiegelt sich in Casanovas Memoiren, insbesondere auch Venedigs Karneval, der meistbesuchte Europas. Aber trotz freien Denkens und der daraus wachsenden grossen Fortschritte, beispielsweise in Physik und Chemie, darf nicht vergessen werden, dass sich damals die Medizin in grossem Rückstand befand. Insbesondere erwies sich die Hygiene als rudimentär. Nur die sehr Reichen konnten sich eine Toilette leisten. Öffentliche Aborte müssen sich teils widerlich präsentiert haben, sodass man sich lieber in der freien Natur erleichterte. Im übrigen Europa war es nicht anders. In England beispielsweise war das öffentliche Pissen nichts Unanständiges und man erledigte dies direkt auf offener Strasse, ohne sich um die Zuschauer zu kümmern. Lediglich in Wien unter der bigotten Maria-Theresia verhinderte dies die eigens dafür eingestellte Sittenpolizei, worauf wir noch zurückkommen werden. Unter den Krankheiten standen Parasiten, die jederzeit in Herbergen eingefangen werden konnten, im Vordergrund. Die Pocken wüteten. Casanova selbst war davon zwar nicht betroffen. Dafür berichtet er über zwei Geliebte, Marguerita in Rom die eine, die hässliche Narben im Gesicht davontrug und den Verlust eines Auges beklagte, und Bettina in Padua, deren ganzer Körper mit scheusslichen Narben verunstaltet wurde. Die Inoculation war damals schon bekannt, wurde aber von der Kirche heftig bekämpft. Geschlechtskrankheiten grassierten, verschonten auch Casanova nicht, worüber wir speziell berichten werden.

In seinem ersten Altersjahr verliess die Mutter die Familie und folgte einem Engagement nach London, später an den sächsischen Hof nach Dresden. Casanova wurde von seiner Grossmutter aufgezogen. Seine Lebenserinnerungen beginnen mit dem 8. Lebensjahr, als die Grosmutter ihn zu einer Hexe brachte, die ihn von einem chronischen Nasenbluten heilte. Möglicherweise war dies ein Anstoss, dass sich Casanova zeit seines Lebens mit obskuren Heilpraktiken beschäftigte, diese auch anwandte und uns als veritabler Scharlatan begegnet. 1737 schickte ihn die Grossmutter nach Padua. Zur Vorbereitung auf die Universität wurde er in die Privatpension eines frömmlerischen Lehrers gesteckt. Mit dessen Tochter Bettina machte er seine ersten erotischen Erfahrungen. Die um drei Jahre Ältere behandelte ihn anfänglich wie ihren Bruder, kämmte ihn und wusch sein Gesicht, bei dem es dann nicht blieb. »Besonders wenn sie sich auf mein Bett setzte und mir sagte, dass ich unter ihren Liebkosungen, wie ich mich mit eigenen Augen überzeugen könne, schon recht korpulent würde, dann machte mich das ganz unruhig. (…) Eines Morgens aber kam sie an mein Bett und brachte mir ein Paar weisse Strümpfe, die sie für mich gestrickt hatte. Sie sagte mir, dass sie dieselben selbst anprobieren müsse, um zu sehen, ob sie auch passten. Ich erhob keinen Einwand und freute mich irgendwie darüber, dass ihr Vater ausgegangen war, um an der Messe teilzunehmen. Als Bettina gerade damit beginnen wollte, mir die Strümpfe anzuprobieren, sagte sie plötzlich, meine Schenkel seien nicht ganz sauber, und ohne mich erst um Erlaubnis zu bitten, fing sie sogleich an, sie mir zu waschen. Ich scheute mich, Scham zu zeigen, da sie selbst keine zu empfinden schien und ich liess sie daher gewähren, ohne die Folgen voraussehen zu können. Auf jeden Fall trieb Bettina den Eifer der Reinlichkeit wohl zu weit, denn ihre Neugier entfachte eine Wohllust in mir, die erst endete, als sie nicht mehr gesteigert werden konnte.« (Abb. 3).

Casanova musste miterleben, wie seine junge Freundin durch eine Pockenerkrankung grausam entstellt wurde und es reifte der Wunsch, Medizin zu studieren. Davon wurde er aber von der Familie abgehalten. »Wäre man vernünftig gewesen, so hätte man mir den Willen gelassen und ich wäre Arzt geworden, wo mit Scharlatanerie noch mehr zu erreichen ist als im Advokatenstand.« Nebenbei wurde er von Freunden zum Glücksspiel verführt. Diese Leidenschaft verfolgte ihn sein ganzes Leben lang und bescherte ihm immer wieder Geldsorgen. Da er seine aktuellen Schulden nicht begleichen konnte, bat er seine Grossmutter um Unterstützung. An Stelle des erhofften Geldes erschien diese gleich selbst und holte ihn nach Venedig zurück. Er studierte in der Folge Theologie und brachte es zur »niedrigen Weihe« und seiner Einsetzung als Abate, was der Stellung eines Hilfspfarrers entsprach. Nach einer missglückten Predigt wurde auch diese Karriere abgebrochen und er trat in die juristische Fakultät ein. Er wurde nun tatsächlich mit 17 Jahren zum Doktor beider Rechte promoviert. Im selben Jahr verführte er in derselben Nacht und im selben Bett gleichzeitig die beiden Schwestern Nanetta und Martina (Abb. 4).

Abb. 3. Casanova mit Bettina, der Tochter seines Schulmeisters. Illustration von Wilhelm M. Busch

Abb. 4. Casanova mit Martina und Nanetta, nach Zeichnungen von J. A. Chauvet

Da seine Grossmutter inzwischen verstorben war, wurde er vom greisen Senator Signor Malpiero aufgenommen, der sich gleichzeitig um zwei junge Töchter aus Venedig kümmerte. Nach einem gemeinsamen Mittagessen blieb Casanova mit der um drei Jahre jüngeren Teresa allein: »Wir sassen nebeneinander vor einem Tischchen mit dem Rücken zur Tür, hinter der wir unseren Gönner schlafend wähnten. Da kam uns im Laufe des Gesprächs in unserer arglosen, natürlichen Fröhlichkeit die Lust an, die Unterschiede unserer leiblichen Beschaffenheit zu vergleichen. Wir waren gerade im spannendsten Augenblick unserer Prüfung, als ein heftiger Stockschlag auf meinen Hals niedersauste, gefolgt von einem zweiten, dem noch weitere gefolgt wären, hätte ich mich nicht durch schleunigste Flucht zur Tür dem Hagel entzogen.« Das war das Ende des Aufenthalts im Palazzo, aber auch in der Stadt Venedig.

Von seiner Mutter, der schönen »Zanetta« am sächsischen Hof, wurde ihm eine Anstellung beim Bischof von Martrano in Kalabrien arrangiert. Auf dem Weg nach Süden verspielte er sein Reisegeld und schloss sich dem Franziskanermönch Bruder Stefano an, einem Trinker, Betrüger und Dieb. Angewidert trennte er sich von ihm, beging nun selbst einige Betrügereien und erreichte schliesslich sein Ziel in einer Kutsche. Dort traf er auf grosse Armut bis in die Kirche, hässliche Frauen und elendigliches Essen. »Um dem Martyrium zu entrinnen« gelangte er 1743 nach Rom, »in der Überzeugung, dass dies die einzige Stadt war, wo schon oft ein Mensch, mit nichts beginnend, die höchsten Höhen erreicht hatte. Der Mensch, der dazu berufen ist, in dieser alten Hauptstadt Italiens sein Glück zu machen, muss wie ein Chamäleon alle Farben annehmen können, die das Licht dort zurückstrahlt. Er muss geschmeidig sein, aalglatt, ein grosser Verstellungskünstler, undurchdringlich, zuvorkommend, oft niederträchtig, anscheinend aufrichtig, stets bestrebt, weniger zu sagen, als er weiss, und wenn er spricht, nur in angemessenem Ton, geduldig, selbstbeherrscht, kalt wie Eis, auch dann, wenn ein anderer an seiner Stelle in Hitze geriete; und wenn er zu seinem Unglück die Religion nicht im Herzen hat, muss er sie im Verstand haben, und wenn er ein Ehrenmann ist, stillschweigend die Kränkung hinnehmen, sich selbst als Heuchler zu erkennen. Graut ihm vor dieser Rolle, muss er Rom verlassen und sein Glück in England versuchen.« Dies wurde zu seinem Motto auf allen seinen Reisen durch ganz Europa. Mit einem Empfehlungsschreiben gelangte er zu Pater Giorgi, einem gelehrten Mönch, der Achtung in der ganzen Stadt genoss und auf den auch der Papst grosse Stücke hielt. Dieser verwies ihn an den genussfreudigen Frauenverschleisser Kardinal Aquaviva. Der Kardinal empfahl ihm, sich der Politik zuzuwenden, wozu er jedoch der französischen Sprache mächtig sein müsse. Er vermittelte ihn an einen bekannten Advokaten, der sein Sprachlehrer werden sollte. Gleichzeitig arrangierte er ihm eine Unterkunft im Palazzo seines Kanzleibeamten als dessen Gehilfe. Durch seinen Haushofmeister liess er ihm das erste Gehalt auszahlen. Sofort verliebte sich Casanova in die Gemahlin seines Sprachlehrers. Mit Donna Lucretia, so hiess sie, und ihrer Schwester Angelika fand er sich im Nu zusammen im Bett. Der Advokat hatte aber auch eine hübsche Tochter, Barbaruccia. Casanova kam mit seinem Begehren zum Ziel, indem er ihr die Hilfe einer Flucht aus dem sehr beschützten Hause zusammen mit ihrem Geliebten versprach. Der Plan jedoch f log auf, und da Donna Lucretia, ihre Mutter, zudem einen einf lussreichen Kardinal als ihren Geliebten hielt, wurde die Angelegenheit rasch sehr brenzlig. Kardinal Aquaviva verhalf ihm mit einer Abfindung zur Weiterreise nach Konstantinopel.

Dort liess sich Casanova ins Militär anwerben und diente kurze Zeit als Fähnrich, verliess die Stadt jedoch bald wieder in Richtung Korfu, wo er das Leutnantpatent erwarb. Bald zog es den Unruhigen nach Ancona. Er begegnete einem in Frauenkleidern herumstreunenden Kastraten, in den er sich, sich dessen wahren Geschlechts nicht bewusst, verliebte. Da ihn dieser abwies, tat er sich an dessen junger Schwester gütlich. Doch es trieb ihn unweigerlich in seine Heimatstadt Venedig zurück. Er tauchte dort, wieder einmal mit einer »unsauberen Krankheit« behaftet, im Frühjahr 1746 auf. »Da ich die Uniform ausgezogen hatte, war ich nun wieder mein eigener Herr und hatte sogar etwas mehr als hundert Zechinien in der Tasche. Das enthob mich aber nicht der Verpflichtung, nach einem Beruf Ausschau zu halten. Ich entschied mich für das Nächstliegende und wurde gewerbemässiger Spieler. Eine Sache gewerbemässig zu betreiben, setzt jedoch voraus, dass man einen gewissen Gewinn aus ihr zieht. Da das nicht der Fall war und ich acht Tage später mit leeren Taschen dastand, sattelte ich um und wurde Geigenspieler.« Casanova hatte dieses Instrument schon in seinen Jugendjahren gespielt und schaffte es deshalb bis ins Orchester des Teatro San Samuele. Als Geiger traf er anlässlich einer Hochzeitsfeier einen älteren, einf lussreichen Senator, den er an seiner roten Robe erkannte, Signor Don Matteo Bragadin, wie es sich später herausstellen sollte. Dieser bat ihn um die Begleitung in seinen Palast. Unterwegs in der Gondel spürte der Senator plötzlich, wie sein rechter Arm gefühllos wurde, später sein rechtes Bein. Zudem verzog es ihm das Gesicht und seine Artikulation wurde nahezu unverständlich. Wir können heute annehmen, dass es sich um einen leichteren apoplektischen Insult (Schlaganfall) gehandelt haben dürfte. Casanova begleitete ihn nach Hause, brachte ihn mit Hilfe seiner Diener zu Bett und trieb einen Arzt auf. Dieser liess als erstes, wie es damals üblich war, zur Ader und man holte den Priester. Als ein zweiter Aderlass die Situation eher noch verschlechterte, legte der Arzt ein Quecksilberpf laster auf die Brust, ein damals gerne gebrauchtes, jedoch nicht ungefährliches Medikament. Dies führte beim Patienten zur akuten Atemnot und Bewusstlosigkeit. Da riss Casanova die Quecksilberverbände weg und nach wenigen Stunden erholte sich der Senator zusehends. Der zurückgekehrte Arzt beschwerte sich heftig über das freche Eingreifen des Jüngeren. Der Senator aber, der aus seiner Ohnmacht erwacht war, erkannte Casanova als seinen Retter und offensichtlich tüchtigen Arzt. Signor Bragadin erholte sich und war in wenigen Wochen imstande, wieder im Senat zu erscheinen. Das Gerücht über den Heilungserfolg verbreitete sich in ganz Venedig. Als Dank dafür machte der Senator Casanova zu seinem Adoptivsohn, lud ihn ein, in seinem Palazzo zu wohnen und zu speisen, besorgte ihm einen Diener, stellte ihm eine private Gondel zur Verfügung und versorgte ihn mit einer ansehnlichen, monatlichen Pension.

Casanova in Paris und Wien

Mit genügend Geld in der Tasche und einer nie nachlassenden Neugierde zog es Casanova nach Paris, zu jener Zeit in höherem Masse als jemals zuvor oder nachher die eigentliche Metropole Europas, welche mit ihren ungefähr einer halben Million Einwohnern die besten und wissbegierigsten Geister anzog. Von den verschiedenen Salons der Pariser Gesellschaft begann sich die Aufklärung auszubreiten. Auf seiner Reise dorthin machte Casanova in Lyon Station und trat der Freimaurerloge als Lehrling bei und sollte in Paris die letzten Weihen als Meister erhalten. Von Lyon aus wurde er von einem Freimaurer-Bruder, Mr. Balletti, in dessen Kutsche mitgenommen. Casanova war beeindruckt von den grossen Landstrassen, die von Louis XV stark ausgebaut worden waren, nicht zuletzt eines verbesserten Postverkehrs und rascherer Verschiebung der Truppen wegen. Es fielen ihm besonders die im Vergleich mit Italien weit überlegene Sauberkeit der Gasthöfe, die viel bequemeren Betten und auch die gute Küche sowie die Schnelligkeit der Bedienung auf. Bei der Ankunft in Paris (1750) erwies sich sein Begleiter aus gehobenem Bürgertum als der Sohn einer der damals berühmtesten und als Idol von ganz Frankreich verehrten Schauspielerin, genannt Silvia, die insbesondere auch deshalb sehr beliebt war, da sie sich keine Liebhaber hielt. Mr. Balletti organisierte Casanova ein ordentliches Quartier. Der junge Ungestüm war von Paris, dessen Ringmauern erst vor ein paar Jahrzehnten unter Louis XIV geschliffen und durch breite Boulevards ersetzt worden waren, auf denen sich bis zu 12.000 Wagen und Kutschen drängten, äusserst beeindruckt. Er bemerkt: »Wer behauptet, dass ein Ausländer sich die ersten vierzehn Tage nach seiner Ankunft in Paris langweilt, sagt die Wahrheit, denn um sich einzuführen, braucht es seine Zeit. Was mich betrifft, weiss ich, dass ich bereits nach vierundzwanzig Stunden voll in Anspruch genommen war und dass es mir dort unzweifelhaft gefiel.« Schon nach einigen Tagen luden ihn sein Gastgeber und dessen Mutter Silvia zu einem Empfang in ihrem Stadthaus ein. Dort traf er auf Crébillon, Zensor des Königs, einen damals sehr bekannten Schriftsteller, unter anderem auch erotischer Romane. In seinem Zynismus war er ein Vorgänger von Voltaire. Er wandte sich an Casanova: »Für einen Neuling sind Sie, meine ich, recht vielversprechend. Sie werden rasche Fortschritte machen. Ich finde, Sie erzählen gut. Sie sprechen ein Französisch, das man völlig versteht; aber alles, was Sie sagen, drücken Sie mit italienischen Redewendungen aus. Man hört Ihnen gerne zu, Sie erregen Interesse und Sie sichern sich durch diesen ungewohnten Stil eine doppelte Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer. Ich würde sogar sagen, Ihre Ausdrucksweise ist dazu angetan, die Gunst Ihrer Zuhörer zu erringen, weil sie ungewöhnlich und neu ist; und Sie befinden sich in dem Land, wo man hinter allem her rennt, was ungewöhnlich und neu ist. Aber trotz alledem müssen Sie gleich morgen und nicht später beginnen, mit Anspannung aller Kräfte unsere Sprache gut sprechen zu lernen, denn in zwei oder drei Monaten werden die gleichen Leute, die Ihnen heute Beifall zollen, anfangen, sich über Sie lustig zu machen.« Auf Casanovas Entgegnung, er sei ein unausstehlicher Schüler, stelle dauernd Fragen, sei neugierig und lästig und unersättlich, und sei nicht reich genug, um einen guten Lehrer zu bezahlen, entgegnete Crébillon: »Seit fünfzig Jahren suche ich einen solchen Schüler, wie Sie sich schildern: ich werde Sie meinerseits bezahlen, wenn Sie kommen wollen, um bei mir Stunden zu nehmen. Ich besitze Ausgaben der besten italienischen Dichter; die werde ich Sie ins Französische übertragen lassen.« Casanova ging ein ganzes Jahr hindurch drei Mal wöchentlich zu diesem ehrwürdigen, belesenen Mann, »der ständig eine Pfeife im Munde hatte und rings um sich achtzehn oder zwanzig Katzen, mit denen er sich den grössten Teil des Tages beschäftigte.« Damit erreichte Casanova den Stil, mit dem er sich in Diskussionen, Gesprächen und Erzählungen in ganz Europa meist beliebt, sicher jedoch bekannt machte.

Etwas später bot sich ihm die Möglichkeit, mit seinen Gastgebern nach Fontainebleau und Versailles zu fahren. König Louis XV (Abb. 5), der die Jagd leidenschaftlich liebte, war gewohnt, jeden Herbst in Fontainebleau zu verbringen. Mitte November war er stets wieder zurück in Versailles. Diese Reise kostete ihn fünf Millionen, denn er nahm alles mit, was zum Vergnügen aller ausländischen Gesandten und des Hofes beitragen konnte. Die französischen und italienischen Schauspieler und auch die Sänger und Sängerinnen der Oper bestellte er dorthin. Fontainebleau überstrahlte in diesen sechs Wochen Versailles bei weitem. Eines Tages spielte man eine Oper von Lully. »Ich sass im Parkett, genau unter der Loge von Madame de Pompadour, die ich nicht kannte. Gleich in der ersten Szene erschien die berühmte Le Maure auf der Bühne und stiess beim zweiten Vers einen so lauten und unerwarteten Schrei aus, dass ich glaubte, sie sei verrückt geworden; unbefangen lachte ich kurz hellauf, ohne zu ahnen, dass man es mir übel nehmen könne. Ein Blaubebänderter (= Kardinal), der neben der Marquise sass, fragte mich streng, woher ich sei; ich antwortete ihm trocken, ich sei aus Venedig. ›Als ich in Venedig war, habe ich beim Rezitativ Ihrer Opern auch sehr gelacht.‹ – ›Ich glaube es gern, und ich bin auch davon überzeugt, dass es niemandem eingefallen ist, Sie daran zu hindern.‹ Über meine Antwort lachte die Pompadour herzlich. (…) Eine halbe Stunde später fragte mich Monsieur de Richelieu, welche der beiden Schauspielerinnen mir in Bezug auf Schönheit besser gefalle. ›Diese dort.‹ – ›Sie hat hässliche Beine.‹ – ›Man sieht sie ja nicht; ausserdem sind die Beine das erste, was ich beiseite schiebe, wenn ich ihre Schönheit beurteilen will.‹ Dieses unfreiwillige und ungeahnt kräftige Bonmot machte mich

Abb. 5. König Louis XV (1710–1774)

interessant und liess die Gesellschaft in der Loge auf mich aufmerksam werden.« Mit seiner Schlagfertigkeit und Beredsamkeit wurde Casanova in vielen Salons bekannt (Abb. 6)

Mit einem jungen Mann namens Pattu, den er dort kennen lernte, kam er auch mit dem anderen Paris in Berührung, mit den Schauspielern, unter denen viele aus Italien kamen, mit Theater und Oper, mit den Bordellen. Vor allem eines, etwas ausserhalb von Paris gelegen, beeindruckte ihn sehr; ein gediegenes Gebäude, von einer bewundernswürdigen Dame geführt. Das Haus strahlte vor Sauberkeit und ebenso die überdies sehr gut erzogenen, hübschen Mädchen (Abb. 7). Man durfte sich eines aussuchen, ohne den Neid der anderen zu erwecken. Man unterhielt sich in gediegenen Ecken, vergnügte sich in stilvoll eingerichteten Zimmern, ging anschliessend in einem lauschigen Garten spazieren, setzte sich an einen reich gedeckten Tisch, stärkte sich mit erlesenen Speisen und wählte ein weiteres Mädchen. Und das Ganze konnte von neuem beginnen – falls man eine sichere Pension im Hintergrund wusste!

1753, mit 28 Jahren, reiste Casanova über Dresden, wo er seiner Mutter einen kurzen Besuch abstattete, nach Wien. »Alles in Wien war schön; es gab dort viel Geld und viel Luxus, aber grosse Hemmnisse für die Anbeter der Venus. Schändliche Spione, die man Keuschheitskommissare nannte, waren die unerbittlichen Quälgeister aller hübschen Mädchen; die Kaiserin (Maria Theresia) hatte alle Tugenden, nicht aber die der Duldsamkeit, wenn es sich um unerlaubte Liebe zwischen Mann und Frau handelte (Abb. 8). Die grosse, sehr fromme Herrscherin hasste die Todsünde ganz allgemein, und in dem Wunsch, sich vor Gott durch deren Ausrottung ein Verdienst zu erwerben, glaubte sie füglich, man müsse jeden einzelnen streng bestrafen. Sie nahm also das Verzeichnis der sogenannten Todsünden in ihre königlichen Hände, fand ihrer sieben und beschloss, dass sie sechs übersehen könne; die Unzucht aber erschien ihr unverzeihlich, und gegen diese wandte sich ihr Eifer und überschlug sich. Alle Mädchen, die durch die Strassen Wiens gingen, waren genötigt, einen Rosenkranz in der Hand zu halten. (…) Wien war von diesem Lumpenpack von Kommissaren so überlaufen, dass ein Mann, der Wasser lassen musste, nur schwer einen Ort fand, wo ihn niemand sehen konnte. Ich war eines Tages sehr überrascht, von einem Halunken mit Stutzperücke unterbrochen zu werden, der mir androhte, mich verhaften zu lassen, wenn ich nicht für den Rest anderswohin ginge. ›Warum, wenn ich fragen darf?‹ – ›Weil links von Ihnen eine Frau am Fenster steht, die Sie sieht.‹

Abb. 6. Casanova bei einer Vorlesung im Salon der Madame Necker (ullstein bild, D-Berlin, mit freundlicher Genehmigung)

Abb. 7. Im Edelbordell in Paris, nach Zeichnungen von J. A. Chauvet

Abb. 8. Kaiserin Maria Theresia (1717–1780), Ausschnitt aus einem Gemälde von Martin van Meytens

Ich schaute auf und sah tatsächlich im vierten Stock eines Hauses an einem Fenster eine weibliche Gestalt, die mit einem Fernglas hätte feststellen können, ob ich Jude oder Christ war (Abb. 9). Ich lachte über den Vorfall und fügte mich: Ich erzählte die Geschichte überall, aber niemand fand sie komisch.« Ein Baron machte Casanova das freundschaftliche Angebot, ihm in Wien alle Vergnügen zu verschaffen, die in seiner Macht stünden und ihn in die höhere Gesellschaft einzuführen. »In dieser Gesellschaft lernte ich einen Grafen Roggendorf und einen Grafen Sarotin sowie mehrere Fräulein kennen, darunter eine Baronin, die ein lockeres Leben geführt, aber nicht alle Reize eingebüsst hatte. Beim Souper machte man mich zum Baron. Vergebens beteuerte ich, dass ich keinerlei Titel hätte. Man antwortete, ich müsse in dieser Welt wohl irgendetwas sein und wenigstens ein Baron; das müsse ich mir gefallen lassen, wenn ich in Wien irgendwo aufgenommen werden wolle. Ich fügte mich.« Hat sich seither wirklich etwas verändert? In Wien herrschte damals eine allgemeine Spielsucht, von der auch die Kaiserin vergiftet war. So dauerte es nicht sehr lange, bis Casanova abgebrannt war. Kam dazu, dass er anlässlich einer Einladung zu einem Picknick in Schönbrunn von einer Nahrungsmittelvergiftung erfasst wurde. Einige Freunde brachten ihn zu Bett und riefen nach einem Arzt. »Dieser glaubte, mit der Eigenmächtigkeit seiner Zunft vorgehen zu können, und hatte nach einem Bader geschickt, der mich gegen und ohne meine Zustimmung zur Ader lassen sollte. Ich weiss nicht, was mich Halbtoten veranlasste, die Augen zu öffnen; da sah ich den Mann mit der Lanzette, der dabei war, mir die Vene aufzustechen. ›Nein, nein‹, sagte ich, und matt entzog ich ihm meinen Arm. Aber der Schinder wollte, wie es der Arzt verlangte, mir gegen meinen Willen das Leben retten, und ich fühlte meinen Arm von neuem gepackt. Rasch brachte ich die Hand an eine der beiden Pistolen, die ich auf dem Nachttisch liegen hatte, und drückte auf jenen ab, der dem Arzt Gehorsam gelobt hatte. Die Kugel stutzte ihm ein Haarbüschel, und das war mehr als ausreichend, um den Bader, den Arzt und alle übrigen Anwesenden zu vertreiben. Nur die Dienerin liess mich nicht im Stich und brachte mir so viel Wasser zu trinken, wie ich verlangte; in vier Tagen war ich völlig gesund.« Doch es war wieder einmal Zeit, den Ort seines Wirkens zu verlassen. Und wiederum trieb es ihn in seine Heimatstadt Venedig.

Abb. 9. Casanova wird von der Sittenpolizei beim Wasserlassen in Wiens Strassen festgehalten, nach Zeichnungen von J. A. Chauvet

Wieder in Venedig – und kurz darauf im Gefängnis

»Nachdem ich Abschied von meinem Freund und den Freundinnen genommen hatte, reiste ich nach Triest, wo ich mich nach Venedig einschiffte, das ich einen Tag vor Himmelfahrt (1753) erreichte. (…) In meiner Heimat erlebte ich jenes köstliche Gefühl, das man empfindet, wenn man an den Ort zurückkehrt, der einem die ersten Erinnerungen geschenkt hat.« Eines Tages, zur Zeit des Karnevals, traf Casanova auf der Piazza San Marco auf ein junges, sehr hübsches Mädchen, in das er sich sofort verliebte. Die 14-Jährige hatte einen älteren Bruder, einen Halunken und Betrüger. Da dieser bis über die Ohren in Schulden steckte, wollte er Casanova in Betrügereien verwickeln und da er Geld witterte, seine Schwester mit ihm verheiraten. C. C. (Caterina Capretta?), wie Casanova diese junge Frau in seinen Memoiren nennt, verbarg ihre Naivität hinter einer kecken Kindlichkeit und wurde von Casanova in die Liebe eingeführt, nicht zuletzt, weil er ihr in stürmischer Verliebtheit und entgegen seinen Grundsätzen die Hochzeit versprochen hatte. Ihr Vater jedoch, in der Überzeugung, dass eine Heirat vor 18 Jahren nicht in Frage käme, steckte sie hinter seinem Rücken in ein Kloster. Auf der Suche nach ihr wurde Casanova durch eine ihm vorerst unbekannte Botin ein Brief von C. C. zugesteckt, in dem sie ihm ihre Liebe und Treue versicherte und ihm das Versteck verriet – das Kloster auf Murano. Es folgte nun ein reger Briefwechsel über Laura, die Botin, in welchem C. C. ihm alle ihre Geheimnisse und geheimen Wünsche mitteilte, auch davon, dass sie sich in eine der Nonnen, die Schönste und Gebildeteste von allen, verliebt habe und dies auf Gegenseitigkeit beruhe. Mit der Zeit erfuhr Casanova, dass C. C. schwanger und etwas später, dass sie an einer Fehlgeburt fast gestorben war. Dabei leistete Laura, die freien Zutritt zum Kloster hatte, wertvolle Dienste, damit der Grund der »Krankheit« nicht entdeckt wurde. Den Verliebten drängte es nun zu seiner Angebeteten. Und wie er durch seine Botin erfuhr, dass C. C. als Nonne eingekleidet werden sollte, schmuggelte er sich zu dieser Festlichkeit in die Klosterkirche. In diesem Moment schaltete sich M. M. (Marina Morosini?) ein, eine Persönlichkeit aus berühmtem und reichem Hause, die schöne Nonne, von der C. C. berichtet hatte und die von ihrer Freundin auch genauestens über Casanova orientiert war (Abb. 10). M. M. arrangierte ein Treffen mit Casanova, bei

Abb. 10. Die schöne Nonne M. M. in Venedig, nach einer Radierung von Chodowiecki, 1758 (Campus Verlag, D-Frankfurt a. M., mit freundlicher Genehmigung)

dem sie sich im Empfangsraum des Klosters durch ein Gitter unterhalten konnten und glühende Blicke austauschten. Sie vereinbarte ein Treffen in Venedig in einer Wohnung, die sie als die ihrige ausgab und überreichte Casanova auch die dazu notwendigen Schlüssel. »Zu festgesetzter Stunde begab ich mich in das von ihr bezeichnete Kasino. Ich gelangte in einen Salon, in dem ich M. M. elegant gekleidet vorfand. Da der Salon von Girandolen beleuchtet wurde, erschien mir ihre Schönheit in einem völlig veränderten Licht. Ihr Haar war prachtvoll frisiert, und ich küsste ihre schöne Hand in Erwartung eines nahen Liebeskampfes. Allein, M. M. setzte mir Widerstand entgegen, und ich dachte: Wie reizend sind die Weigerungen einer verliebten Frau, die den Augenblick des Glückes nur verzögert, um später um so mehr geniessen zu können! Ehrerbietig, aber kühn und unternehmend, mischte ich Feuerblicke mit Zartgefühl. Dann raubte ich glühende Küsse und verlebte so zwei Stunden in vorbereitendem Kampf, bei dessen Ende wir uns gegenseitig dazu Glück wünschten, unsere Ungeduld gemässigt zu haben. ›Mein Freund‹, sagte sie schliesslich, ›nun habe ich einen Appetit, der dem Souper alle Ehre machen wird.‹« … Zu seinem ersehnten Ziel kam er erst einige Tage später bei einem weiteren Rendez-vous. »Ich sank trunken vor Glück in ihre Arme. Sieben Stunden lang gab ich die überzeugendsten Beweise meiner Glut, und sie lehrte mich, wie sehr sich eine gefühlvolle Seele in den süssesten Augenblicken entwickeln kann.« In einem Brief von M. M., der ihn einige Tage später erreichte und in welchem sie auf ihr erstes, harmloses Treiben Bezug nahm, gestand sie ihm: »Um zu vermeiden, dass Du eines Tages denken könntest, ich sei nicht immer ganz aufrichtig zu Dir gewesen, habe ich mich entschlossen, Dir ein Geheimnis zu offenbaren, das meinen Freund betrifft. Ich tue es, obgleich ich weiss, dass er auf meine unbedingte Verschwiegenheit rechnet. Als ich das Verlangen fühlte, Dich kennen zu lernen, vertraute ich mich meinem Freund an. Er zeigte grosses Verständnis, bat mich jedoch, unserem ersten Rendez-vous beiwohnen zu dürfen, und zwar in einem kleinen, versteckt gelegenen Kabinett, von dem aus man alles sehen und hören kann, was im Salon geschieht und gesagt wird. Du hast dieses Kabinett nicht bemerkt, doch Du sollst es bei unserem nächsten Treffen kennen lernen. Zuvor aber sage mir, ob ich dem Manne, der sich mir so gefällig zeigte, jene sonderbare Befriedigung verweigern konnte. Du weisst jetzt, dass mein Freund Zeuge all dessen war, was wir in der ersten Nacht taten und sagten. Wenn Dir das unangenehm sein sollte, so nimm zur Kenntnis, dass Du ihm sehr gefallen hast. So, nun bin ich froh, meinen Verrat gebeichtet zu haben; als verständiger Liebhaber wirst Du mir sicherlich Verzeihung gewähren. – Und jetzt etwas anderes: Mein Freund wird am letzten Tag des Jahres im Kasino sein. Wir werden ihn nicht sehen, er aber uns, und da er glaubt, dass Du von seiner Anwesenheit nichts weisst, musst Du Dich so natürlich wie möglich geben, da er sonst Argwohn hegen und annehmen könnte, ich hätte sein Geheimnis verraten. Ich frage Dich deshalb: Bist Du bereit, Dich einem Manne in den Augenblicken zu zeigen, da Du Dich der süssesten Wohllust Deiner Sinne hingibst? Bitte beantworte diese Frage mit einem offenen Ja oder Nein!« Casanovas Antwort war kurz: »Ja, ich werde die letzte Nacht des Jahres mit Dir verbringen und mich bemühen, Deinem Freund ein grossartiges Schauspiel zu geben. (…) An dieser Neigung kenne ich den Franzosen.« Casanova beschrieb diese Szene sehr zurückhaltend und in verklausulierten Worten (Abb. 11) Es erweist sich nicht nur in dieser Begegnung, dass seine Ausführungen nichts mit Pornographie im heutigen Sinne zu tun haben, andererseits auch, dass er nicht nur ein lüsterner Draufgänger war, sondern Gefühl für Stil und Rücksichtnahme gegenüber Damen zeigte. M. M. bedankte sich in ihrem Brief: »Es war ein herrliches Geschenk, das Du unserem Freund zum Dank dafür machtest, dass er sich nicht widersetzte, als ich Dir mein Herz schenkte. Du besitzt es ganz und wirst es immer besitzen; aber es ist süss, die Freuden der Liebe durch neue Reize erhöhen zu können.« M. M. arrangierte in den folgenden Tagen ein Treffen zu dritt. Dabei stellte sich heraus, dass ihr Freund François-Joachim Pierre de Bernis war, der Gesandte Frankreichs bei der Republik Venedig (Abb. 12). Aus verarmtem Adel stammend, hatte dieser durch die Gunst der Marquise de Pompadour in Frankreich eine erfolgreiche Karriere gemacht, wurde Mitglied der Académie Française, später Aussenminister und verfügte über beträchtlichen Einf luss. Später sollte er zum Kardinal gekürt werden. Casanova freundete sich sofort mit ihm an; nicht zuletzt in der Ahnung, von ihm noch profitieren zu können. In der Zwischenzeit hatte Casanova C. C. beinahe vergessen. Auch M. M. bemerkte dies und schlug ein Treffen zu viert vor. De Bernis liess sich kurzfristig entschuldigen und so ergab sich das altbekannte Spiel unter dreien, das Casanova meisterlich beherrschte. Wenige Tage später wurde ein Souper aller vier geplant. Diesmal fehlte Casanova, was wiederum ein Anlass einer Liebelei unter den verbliebenen Dreien bedeutete, und sich C. C. dabei in de Bernis verliebte. Somit trat C. C. für eine Weile aus Casanovas Leben. Insbesondere, da die unerwartete Situation eintrat, dass de Bernis zu Vertragsverhand-

Abb. 11. Liebesszene mit M. M. in ihrem »Casino«, Illustration von Wilhelm M. Busch

Abb. 12. Kardinal de Bernis (1715–1794), Stich aus dem 18. Jahrhundert

lungen nach Wien beordert wurde. Dies bedeutete aber das Ende für M. M., die Klostermauern verlassen zu können, da die Protektion eines einf lussreichen Mannes ausfiel und der Polizei freien Zugriff ermöglichte. Davon erkrankte M. M. schwer. Casanova wollte möglichst nahe bei ihr verweilen. Durch Laura, seine ehemalige Botin, wurde ihm eine hübsche Wohnung ganz in der Nähe des Klosters vermittelt, wo ihre 15-jährige hübsche Tochter Tonina sich seiner liebevoll, im besten Sinne des Wortes, annahm. Schon ganz zu Beginn seiner Umsiedlung nach Murano hatte ihn M. M. brieflich inständig darum gebeten, sie aus dem Kloster zu entführen. Doch einerseits wurde M. M. ernstlich krank, was das Unternehmen verzögerte, andererseits erschien Casanova in den Armen von Tonina die Flucht nicht mehr ganz vordringlich. »Eines Tages ersuchte mich der Englische Gesandte um ein Souper in meiner Wohnung, die ich wegen Tonina in Murano beibehalten hatte. Murray fand meine kleine Mätresse so hübsch und anregend, dass er mir am nächsten Tage schrieb: ›Ich bin rasend verliebt in Ihre Tonina. Wenn Sie mir diese abtreten, so bin ich bereit, ihr eine vollständig möblierte Wohnung mit allem Drum und Dran zu geben, selbstverständlich unter der Bedingung, dass sie mir alle Rechte eines Liebhabers eingesteht. Ich stelle ihr des Weiteren eine Kammerfrau, eine Köchin und monatlich dreissig Zechinen zur Verfügung, nicht gerechnet die Weine, die ich selbst liefere. Ausserdem setze ich ihr eine Leibrente von zweihundert Talern jährlich aus, über die sie verfügen kann, sobald sie mindestens ein Jahr mit mir gelebt hat.‹«