Alt, schräg, aber nicht tot - Daniela Dittel - E-Book

Alt, schräg, aber nicht tot E-Book

Daniela Dittel

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Beschreibung

Albert Lehmann, kurz Ale, sieht sich als ehemaliger Bürgermeister eines idyllischen Dörfchens im Schwarzwald in der Pflicht, das Amt des Heimbeirats im dortigen Seniorenheim zu übernehmen, in dem er mittlerweile residiert. Mit Elan, Herz und Entschlossenheit widmet er sich sowohl den alltäglichen Problemen im Seniorenheim als auch den branchentypischen in der Pflegebranche. Gemeinsam mit dem weisen Rat des Alters, den er um sich schart, finden sie nicht selten schräge Lösungen, die noch seltener nach Wunsch und Vorstellung aufgehen würden, wenn nicht der Zufall oder eine höhere Macht sie dabei unterstützten würde. Die Bewohner des Seniorenheims sind alt, ihre Ideen meist schräg, aber sie sind eben nicht tot, weshalb sie handeln.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Letztlich ist die Realität

in der Vorstellung

eine Illusion

VORWORT DER AUTORIN

Vielen Dank, dass du diesen Roman für deine Lektüre ausgewählt hast. Manchmal ist es auch für den Autor spannend, in welche Richtung sich sein Buch entwickelt. Es gelang mir nicht auf Anhieb, in dem doch eher ernsten Thema nicht zu stagnieren. Erst als ich mich entschied, heiter und mit Schalk in den Augen zu schreiben, fanden die Buchstaben aufs Papier wie flüssige Tinte.

Auch wenn ich aktuelle Problematiken in Pflegeheimen und Pflegeberufen aufgegriffen habe, sind die Handlungen doch frei erfunden. Die Handlungsorte sind ebenfalls fiktional, außer dem Schwarzwald, den gibt es wirklich. Wer glaubt sich oder jemand anderes in einer Person wiederzuerkennen, den muss ich leider enttäuschen. Ihr seid es nicht.

Schön, dass du bis hierhin gelesen hast.

Viel Spaß weiterhin.

Daniela Dittel

INHALTSVERZEICHNIS

1. Der KFM

2. Der Holzweg

3. Der WHIZK-Shot

4. Die Liebe

5. Der Aberglaube

6. Der Ernstfall

7. Die Alterspyramide

8. Das HUMPF

9. Die WoP

10. Der Winterblues

PROLOG

Mitten im tiefsten Schwarzwald, versteckt zwischen hohen Tannen, befindet sich ein kleines, von der restlichen Welt vergessenes Dorf. Inmitten dieses kleinen Dorfes steht ein blaues Seniorenheim.

Dort also, wo Fuchs und Hase sich »Gute Nacht« sagen, lebt es sich für die betagten Bewohner sehr gut, scheinen die Sorgen doch in weiter Ferne bis …

DER FKM

Die Situation

Schwer keuchend humpelt Fritz Herold, kurz Fritze genannt, so schnell seine alten Beine und Gehbock es zulassen, über den Weg. Es ist keine lange Strecke vom Briefkasten des Seniorenheims bis zum Gebäude der Einrichtung, aber Fritze ist alt. Die Haare sind grau bis spärlich weiß und haben sich vom Oberkopf verzogen und buschig über die Augen gelegt.

Als ehemaliger Briefträger lässt er sich die Aufgabe jedoch nicht nehmen und schlappt die Strecke zweimal täglich hin und zurück. Zum einen am Morgen, um die Zeitung zu holen, zum anderen gegen elf Uhr, wenn sein Nachfolger kommt und die Post bringt.

Weniger wichtig sind für ihn die Briefe, dafür umso interessanter die »stille Post«, das Geflüster des Dorfs, der Tratsch der Gemeinde. Heute gibt es eine Nachricht von größter Wichtigkeit, die das traute, idyllische Heimleben drastisch verändern könnte.

»Die bauen ein neues Seniorenheim! Gleich hinter den Wäldern! Keine zehn Kilometer von hier!«, verkündet er Albert Lehmann, alias Ale, brühwarm.

Der lässt die Zeitung sinken und schaut Fritze über seine Hornbrille aus den sechziger Jahren hinweg an. Das weiße Hemd und das dunkle Sakko sind aus modernerer Zeit, da die Leibesfülle mit den Jahren dazu gewonnen hat, Hängebäckchen, Doppelkinn und Rollstuhl XXL inklusive.

»Wie kommst du denn da drauf? Steht nichts davon in der Zeitung,« sagt er und wackelt mit den Blättern derselben, sodass sie raschelt.

»Vom Postboten habe ich es. Der ist zuverlässig. Schließlich habe ich ihn eingearbeitet. Bei mir darf er sich keinen Schnitzer erlauben. Das weiß er!« Sein von Gicht gezeichneter Zeigefinger schnellt in die Luft und tippt sich damit an die lange Nase, die ihm beinahe bis zur Oberlippe reicht.

Ale kratzt sich am Schädel, der bis auf zwei große Geheimratsecken mit schneeweißem Haar bedeckt ist. Stets haben die Menschen bei ihm Rat gesucht. Das hat sich nicht geändert.

So ist es verständlich nach jahrelanger Amtszeit als Bürgermeister dieser Gemeinde, nun die ehrenvolle Aufgabe des Heimbeirats dieses kleinen Seniorenheims innezuhaben.

»Dem muss man jetzt mit der Weisheit des Alters begegnen«, sagt er und ruft innerlich bereits die drei Weisen zusammen, wobei er einer von ihnen ist, und zwar der, der die Schreibfeder führt.

Die beiden anderen sind Momme, mit bürgerlichem Namen Mombert Brenner, ein Schnapsbrenner mit dem Gesicht eines Zwergs. Sein linkes Auge schielt nach außen, sodass er Ähnlichkeit mit einem Chamäleon hat.

Momme ist bei den Versammlungen unter anderem für die Lieferung des Schnapses zuständig. Das Teufelszeug macht ihn zu einem prophetischen Methusalem, die anderen nach einem Schluck blau.

Zwecks der Frauenquote ist Dorle Holzapfel die Dritte im weisen Rat des Alters. Ein buckliges Weiblein mit tief faltiger Lederhaut und Kopftuch. Sie kann kaum einen Fuß vor den anderen setzen, aber auf die Kraft ihres Pilgerstocks schwört sie und verweigert vehement die Nutzung eines Rollators.

Dorle ist der Meinung, dass ein Rollator für die meisten alten Männer ein Prestigesymbol ist, mit dem sie brillieren wollen, und dass er für die meisten alten Weibsbilder den Hund ersetzt, den sie Gassi führen können.

Sie spricht nicht viel, im Grunde nur, wenn es etwas zu sagen gibt und das ist selten. Daher liegt ihre Qualität darin, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

So sitzen die Drei nun am Tisch des Heimbeirats und beratschlagen, was der Neubau eines nahegelegenen Seniorenheims für die Behaglichkeit ihres kleinen Domizils bedeuten mag.

»Darauf einen Schnaps«, verkündet Momme und schenkt die Gläschen voll. Mit einem Ruck schüttet er das Gebräu den Schlund hinab. Es schüttelt ihn kurz, dann dreht sich das korrekt blickende Auge nach außen.

»Ich sehe … Ich sehe …« Das Auge zuckt und richtet sich wieder zur Mitte aus. Momme schüttelt den Kopf und murmelt: »Ich sehe, dass ich noch einen brauche.«

Dorle, die den Schnaps nicht angerührt hat, sagt nichts. Sie starrt Momme lediglich aus stahlblauen Augen an, so als wolle sie ihm Worte in den Schädel teleportieren, die sagen: »Trink meins!«

Momme ergreift ihr Glas und kippt es in einem Zug hinab. Wieder schüttelt es ihn und wieder dreht sich das gesunde Auge nach außen.

»Ich sehe … ich sehe düstere Zeiten auf uns zukommen … ganz deutlich wird es. Der FKM kommt … der FKM!«

Dorle nickt und richtet ihren bohrenden Blick nun auf Ale, der Mommes Weissagung Wort für Wort mitschreibt.

Noch bevor er fragen kann, was FKM bedeutet, flüstert Dorles Stimme in seinem Kopf: »Fachkräftemangel«.

Ale blickt vom Aufschrieb auf.

»Ihr meint, unsere Pflegefachkräfte könnten überlaufen? Aber die haben es doch gut bei uns!«

Dorle zieht skeptisch eine Augenbraue in die Höhe, was sie fast wie eine Hexe aussehen lässt, irgendwie furchteinflößend.

»Nicht?«, fragt Ale überrascht.

»Wartedamussichnocheinskippen«, lallt Momme des Heimbeirats erste Frage aufgreifend. Er schnappt sich dessen Schnapsglas, das ebenfalls nicht angerührt wurde. Mit einem Zug ist es ausgetrunken.

Mommes Auge flutscht sogleich nach außen, doch diesmal zuckt das Lid. Ein untrügliches Zeichen, dass ein weiteres Glas in ausknocken würde.

Nach einem langgezogenen Grunzen, was vermutlich Nachdenklichkeit ausdrückt, wedelt er mit dem Zeigefinger in der Luft herum und antwortet: »Jasoistes! Wirkriegenein-Problem.«

Das Dorf

Nun muss gesagt werden, dass das kleine Seniorenheim noch nie Probleme hatte, die Stellen der geforderten Fachkräfte zu besetzen. Das liegt nicht zuletzt an der guten Vetternwirtschaft, die in dieser Gemeinde betrieben wird.

»Gemeinschaft leben«, lautet die Devise.

Da jeder jeden kennt, findet sich immer ein passender Flicken auf das Loch in der Hose, sprich die passende Person für eine Stelle.

Das Dorf ist überschaubar und bringt alle Annehmlichkeiten mit sich, um nicht wegen jeder Kleinigkeit in die Stadt fahren zu müssen.

Es gibt einen Tante-Emma-Laden, der auch so heißt, wobei die Besitzerin Fabian ist und der Erstgeborene von Frieder Kaufmann. Seit Generationen bringen die Kaufmanns keine Emma mehr zustande, aber das tut dem Laden nichts ab. Es gibt alles, was nötig ist und wenn nicht, dann wird es besorgt. Es braucht nur ein bisschen Geduld, mehr nicht.

Natürlich gibt es im kleinen Dorf auch eine Bibliothek, eine Schule und eine Kirche. Zum Leidwesen aller Gläubigen ist in der Kirche bereits der Fachkräftemangel angekommen, daher gibt es in diesem idyllischen Schwarzwälder Dorf keinen eigenen, sondern einen geliehenen Pfarrer.

Ebenso vorhanden ist die Dorfmetzgerei, in der der Metzger noch selbst schlachtet und wurstet, somit genau weiß, bei wem die Sau im Stall gestanden hat.

Die Bäckerei befindet sich gleich nebenan. Versteht sich von selbst, dass auch sie ihr Handwerk versteht. Es wird zwar nicht alles mit den Händen, dafür mit ländlicher Liebe zubereitet.

Nicht zu vergessen ist die Apotheke, wo im oberen Stockwerk der Herr Doktor seine Praxis hat. Dieser hat zwar auch schon sein Alter erreicht, allerdings findet sich kein Nachfolger, daher praktiziert er vermutlich, bis er tot umfällt.

Natürlich darf in dieser Gemeinde die Freiwillige Feuerwehr nicht fehlen, in der gefühlt jeder Dritte aktives Feuerwehrmitglied ist. Da es aber seit hundert Jahren nicht im großen Stil gebrannt hat, gibt es nicht viel zu tun, außer feuchtfröhliche Feste zu feiern.

Zu den restlichen Prozent der Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr gehören die Gattinnen, die Kinder und die Senioren, von denen einige der Letzteren ihre Ehrennadel wichtigtuerisch am Kragen ihres Sakkos zur Schau tragen.

Doch der ganze Stolz der Dorfgemeinde ist das kleine Manni-Museum, das zu Ehren des Bauers Manfred Bauer erbaut wurde.

Dieser fand beim Pflügen seines Ackers ein paar alte Münzen aus der Römerzeit. Wie sich jedoch herausstellte, waren sie nicht von großem Wert. Doch die Denkmalschutzbehörde hoffte auf einen archäologischen Schatz zu stoßen und pflügte über Jahre hinweg den Acker des Bauern erfolglos um.

Zu guter Letzt gibt es das bereits erwähnte Seniorenheim. Damit die älteren Herrschaften sich jedoch nicht diskriminiert fühlen, nennt es jeder Bürger der Gemeinde »Blaues Haus«.

Der Grund hierfür ist mit dem bloßen Auge zu erkennen, denn es ist von außen knallblau angestrichen. Das ist absichtlich so, damit es von jeder Ecke des Dorfes leicht zu erkennen ist und somit jedem, der nicht blind ist, wie ein Signalfeuer den Weg ins Heim leuchtet.

Der Plan

Kehren wir nun zum Blauen Haus zurück, indem bereits durch die Weisheit des Alters nach einer guten Lösung für das nahende Problem des Fachkräftemangels gesucht wird.

»Ich bin mir nicht sicher, ob deine Prophezeiung richtig ist, Momme«, wirft Ale ein. »Wieso sollten die Fachkräfte uns verlassen? Die Arbeit bleibt dieselbe. Es ist doch pureIdiotie zu glauben, dass es woanders besser wäre. Nur weil ich mir andere Schuhe anziehe, muss ich die Strecke dennoch mit den eigenen Füßen gehen.«

»MeinSchnapsundichhabenunsnochniegetäuscht«, lallt Mombert.»Aberwennduwillstprüfichdasnochmalnach.«

Er greift zur Schnapsflasche, doch Ale ist schneller und schnappt sie sich.

»Nein! Das kann ich nicht verantworten. Das Zeug bringt dich noch um!«

»Dasweißichwohlbesser. IchbindasOrakelundnichtdu!« Momme versucht an die Flasche zu kommen.

»Nichts da!«, brüllt Ale und hält sie in die Höhe.

»Der Plan«, unterbricht Dorle das Gerangel mit einer Stimme, die sich wie quietschende Kreide auf einer Tafel anhört.

Ale stellen sich die Nackenhaare auf, während Momme sich die Ohren in Erwartung weiterer schriller Worte aus Dorles Kehle zuhält. Doch sie bleibt still. Stattdessen spürt er ihren bohrenden Blick auf sich ruhen und hört ihre Stimme in seinem Kopf.

»Was siehst du?«, fragt sie.

Erst ist alles schwarz, aber dann sieht er die Lösung.

»Sabotage«, murmelt er.

Ale schaut ihn verwundert an.

»Was sagst du da?« Er braucht einen kurzen Moment, bevor er versteht. »Du meinst, dass wir den Bau des neuen Pflegeheims sabotieren sollen?«

»DassagtdasOrakelnichtich«, korrigiert Momme.

Ale blickt zu Dorle. Sie lächelt und nickt.

»Das ist Irrsinn«, stellt er fest. Da ihm jedoch nichts Besseres einfallen will, fügt er sich seufzend. »Nun gut, hat jemand eine Idee, wie wir das anstellen sollen?«

»Museum«, krächzt Dorle in einem Ton, der an eine Krähe erinnert.

Ale blickt sie verstört an. Es ist ihm schleierhaft, wie sie diese schiefen Töne fabriziert. Noch schleierhafter ist ihm, was sie damit meint. Obwohl es ihm unangenehm ist, sie noch einmal sprechen hören zu müssen, hakt er nach: »Wieso Museum?«

Instinktiv zieht er seinem Kopf zwischen die Schultern, da er eine erneute Gänsehaut erwartet. Die lässt nicht lange auf sich warten.

»Brachliegendes Land«, lautet Dorles Antwort und es fällt ihm wie Schuppen von den Augen.

»Ihr meint, wir stehlen die Münzen aus dem Manni-Museum, verbuddeln sie auf dem Baugrundstück des neuen Pflegeheims und lassen die Denkmalschutzbehörde die Sache für uns regeln?«

Dorles stahlblaue Augen glitzern vor Begeisterung, während sie zustimmend nickt.

Momme ist derweil am Tisch eingeschlafen. Sein Schnarchen wird als Enthaltung seiner Stimme gewertet. Der Plan zur Sabotage ist somit angenommen.

Der Diebstahl

Da weder Albert Lehmann mit dem XXL-Rollstuhl noch Dorle Holzapfel, die zwar geradeaus und um die Kurve gehen, jedoch nicht Treppen steigen kann, wird mit der Suche nach dem fähigsten Amateur-Einbrecher gestartet.

Momme lassen sie außen vor, da er nach dem Orakeln stets einen Filmriss hat. Je weniger Leute von ihrem gesetzeswidrigen Vorhaben wissen, desto besser.

Ein paar Tage später fällt die Wahl auf den stummen Ivan. Stumm, nicht taub!

Der Neunzigjährige kam wie aus dem Nichts ins Blaue Haus. Niemand kann genau sagen, wann er dort aufgeschlagen ist, geschweige denn warum, besteht dieses doch seit Anbeginn aus den heimischen Alten der Dorfgemeinde. Und Ivan ist keinesfalls ein Hiesiger, da ist sich Ale sicher.

Gerade weil stumme Menschen in einem Seniorenheim aufgrund ihres stillen Daseins oft überhört werden, sozusagen unsichtbar sind, glauben Ale und Dorle, dass er der Richtige für den Job des Einbruchs ist.

Ivan, dessen Familienname niemand kennt, was auch nicht nötig ist, weil ihm der Vorname zu Ehren gereicht, ist ein riesenhafter, fahlgesichtiger Kettenraucher. Er ist bei Wind und Wetter auf dem Hof anzutreffen, da das Rauchen im Gebäude strengstens untersagt ist.

Es ist ein typischer verregneter Apriltag. Ivan steht ohne Jacke nur mit einem Rollkragenpullover, den er sommers wie winters trägt, im Hof und zieht an seiner Zigarette, dass die Glut leuchtet.

Da Dorle nur spricht, wenn es Unwichtiges von Wichtigem zu unterscheiden gilt, ist Ale zuständig, um das sensible Gespräch mit dem griesgrämig dreinschauenden Kahlkopf zu führen.

Er rollt auf den Hünen zu, blickt aus seinem Rollstuhl zu ihm hinauf und kommt sich plötzlich sehr klein vor.

Er räuspert sich.

Wie ein gehemmter Schulknabe vor dem strengen Lehrer trägt er Ivan die ehrenvolle unehrenhafte Aufgabe zu und hofft nun auf dessen Zustimmung.

Die Antwort dauert eine gefühlte Ewigkeit, während Ivan überlegt und seine Zigarette in Ruhe zu Ende raucht. Dann drückt er den Filter an der Baumrinde aus, unter dem er steht und lässt sie auf den Haufen fallen, der sich dort türmt.

Er schaut hinab auf Ale, dessen Herz bis zum Hals schlägt, solange bis die Frage, ob der Richtige auch der Richtige ist, endlich mit einem Kopfnicken des Riesen bestätigt wird.

So ist es beschlossene Sache, dass in wenigen Tagen der Diebstahl der römischen Münzen vonstattengehen wird, die sich im Museum befinden, in einer kleinen, ungesicherten Ecke im zweiten Stockwerk der dörflichen Bibliothek.

»Hier hast du das Brecheisen«, flüstert Ale eines Nachts Ivan zu und reicht ihm das Werkzeug, das er über das Internet gekauft hat.

Der nickt und steckt es im Gangster-Stil wie eine Pistole in den rückwärtigen Hosenbund. Er zieht seinen Pullover darüber, damit niemand es sehen kann. Auf seinem kahlen Schädel sitzt eine schwarze Sturmhaube.

»Also, ich lenke den Nachtpfleger ab, dann hast du Zeit zu verschwinden. In exakt einer Stunde mache ich das wieder, dann musst du zurück sein, damit du ungesehen ins Heim gelangen kannst. Verstanden?«, instruiert Ale den Dieb in spe.

Ivan wartet, bis er die Stimme des Nachtpflegers in Ales Zimmer hört, dann schleicht er zur Haustür und verlässt die Einrichtung.

Es ist eine mondlose, dunkle Nacht, doch die Straßenlaternen erhellen den Weg. Ivan zieht sich die Sturmhaube über das Gesicht und schleicht in gebückter Haltung von Hausschatten zu Hausschatten, bis er nach wenigen Minuten an die Bibliothek gelangt. Dort schaut er sich kurz um. Die Straßen sind menschenleer.

Bevor er sich an der Tür zu schaffen macht, kämpft er damit, die viel zu kleinen Latexhandschuhe anzuziehen, die er zuvor aus dem Stationszimmer des Seniorenheims entwendet hat.

Als zumindest seine Finger drinstecken, stemmt er mit dem Brecheisen die Tür mit Leichtigkeit auf, als hätte er nie etwas anderes getan und verschwindet ungesehen im Inneren des Gebäudes. Der Schein der Straßenlaternen leuchtet schwach hinein, gerade genug, um das Nötigste zu erkennen.

Leichtfüßig wie eine Katze schleicht er die Stufen hinauf und folgt dem Wegweiser zum Museum. In einem hüfthohen Glaskasten liegen die fünf römischen Münzen.

Ale hat ihn wissen lassen, dass die Vitrine nicht verschlossen ist und er nur drei der fünf Münzen stehlen soll, damit dem Museum zwei Gedenken an die Römer bestehen bleiben.

Doch was Ale möchte, ist Ivan egal. In seinem mittlerweile öden, stummen, alten Leben möchte er noch einmal gehört werden. Er hebt das Brecheisen in die Höhe und schlägt zu.

Das Glas bricht mit lautem Klirren in tausend kleine Scherben. Doch anstatt sich die Münzen zu greifen, tritt Ivan an ein Fenster und sieht hinaus. Niemand scheint den Lärm gehört zu haben, denn außer den Straßenlaternen ist und bleibt alles dunkel.

Er seufzt schwermütig, während er zur Vitrine zurückkehrt. Unachtsam holt er drei der Münzen heraus und schneidet sich dabei an einer Glasscherbe. Ein paar Tropfen Blut fallen zu Boden.

Ivan macht sich auf den Rückweg, den er wiederum ungesehen meistert. Am Blauen Haus angekommen, zündet er sich eine Zigarette an und stellt sich wie gewöhnlich unter den Lindenbaum, um zu rauchen. Nur die Glut der Zigarettenspitze ist zu sehen, wenn er daran zieht.

Etwas später hält Ale die drei römischen Münzen in seiner Hand. Nachdem Ivan sein Zimmer verlassen hat, versteckt er sie bis zum weiteren Gebrauch, also bis zum Baustart des neuen Pflegeheims, an einem sicheren Ort. Bis dahin, so hofft er, ist der Diebstahl in Vergessenheit geraten.

Die Folgen

Am nächsten Morgen geht die Neuigkeit des Einbruchs ins Manni-Museum in rasender Geschwindigkeit im Dorf herum und kommt letztlich auch um elf Uhr im Blauen Haus an.

Dort sind alle empört darüber, außer Ale, Dorle und Ivan, die nur so tun, als ob, weil sie ja wissen, was wirklich passiert ist.

Es ist wie es in einer schnelllebigen Welt eben ist. Bereits einige Tage später scheint das Thema vergessen und neueglobale und regionale Ereignisse beherrschen wieder die Schlagzeilen.

Ale wundert es nicht, denn der Wert der Münzen ist kaum der Rede wert.

So kehrt der Alltag ins kleine Dorf und auch im Blauen Haus wieder ein, bis etwa einen Monat später die Bundespolizei mit einem Aufgebot von vier Beamten bei Heimleiter Ulrich Urban auftaucht und ihm ein Fahndungsfoto zeigt.

Der Mittdreißiger setzt sich die große Brille mit Goldrand, die er eben geputzt hat, zurück auf die Nase.

»Ach, du liebe Güte«, entsetzt er sich und reibt sich die Glatze, auf der sich vor Schreck Schweißperlen bilden. »Das ist doch der stumme Ivan!« Den Familiennamen schenkt er sich, denn er verursacht jedes Mal einen Knoten in seiner Zunge, wenn er versucht ihn auszusprechen.

»Das«, setzt der leitende Beamte zu sprechen an, »ist ein weltweit gesuchter Kunstdieb. Aufgrund der lautlosen Methode, mit der er vorgeht, ist er unter vielen Namen bekannt. Fips, der Fisch, alias Fischi oder Luchs, der Schleicher, um nur ein paar davon zu nennen. Mit bürgerlichem Namen heißt er Peter Leichtfuß, was ihm auch den Beinamen Peterle, die Katz einbringt. Eigentlich dachten wir, er hätte sich zur Ruhe gesetzt. Keiner hat damit gerechnet, dass er noch einmal zuschlagen würde. Ausgerechnet hier, in einem Kaff am Arsch der Welt, stiehlt er ein paar wertlose, alte Münzen.«

Ulrich Urban streicht über seinen getrimmten, melierten Vollbart. Er denkt kurz darüber nach, eine Debatte über das Alter und seinen Wert in Gang zu setzen, verwirft den Gedanken sogleich. Er erkennt, dass sein Gegenüber nicht diegeringste Lust hat, hier zu sein und einen Dieb abzuholen, der seinen Jagdtrieb nicht fordert und in seinen Augen ein wertloser Greis ist.

»Wie sind Sie darauf gekommen, dass er sich hier aufhält? Ich meine, hier ist ein winziger Ort im Nirgendwo. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihn die restliche Welt vergessen hat, falls sie ihn je kannte«, fragt er stattdessen.

»Reiner Zufall«, gibt der Beamte zu. »Erinnern Sie sich an den Diebstahl im hiesigen Museum vor einem Monat? An der Einbruchstelle wurde Blut gefunden. Die DNA-Analyse ergab, dass es sich um Leichtfuß’ Blut handelt. Also, nun frage ich Sie, wo würden Sie einen Neunzigjährigen suchen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fordert er dann: »Führen Sie uns zu ihm.«

»Ist das Aufgebot wirklich nötig?«, äußert der Heimleiter vorsichtig seine Bedenken, denn ihm selbst hat das Einsatzteam einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Was würde das bei den Herzkranken auslösen oder mit dem Ruf seiner Einrichtung anstellen?

»Augenblicklich!«, fordert der Beamte kaltschnäuzig.

Ulrich Urban bleibt nichts anderes übrig, als das Einsatzteam durch den Wohnbereich zu führen.

Beim Anblick der Beamten wird es Albert Lehmann, der gerade die Zeitung studiert, um einen möglichen Baustart des neuen Pflegeheims zu erfahren, siedend heiß. Er sitzt starr vor Schreck und hält die Luft an, bis die Polizisten mit schnellen Schritten an ihm vorbei sind, bis auf einen, der die Tür bewacht.

Widerstandslos lässt sich der stumme Ivan in seinem Zimmer von den Beamten festnehmen. Als er an Ale vorbeigeführt wird, scheint es fast so, als würde er lächeln.

»Bibel«, raunt er ihm mit rauchiger Stimme zu, was Ale einen weiteren Schrecken versetzt.

»Verdammt, der Stumme kann reden«, denkt er. »Wir sind geliefert.«

Die nächsten Wochen sind unerträglich für ihn. Er kann nichts essen. Nachts kann er nicht schlafen. Er ist ein nervliches Wrack und das nur wegen des Bruchs, besser gesagt, wegen des vermaledeiten Fachkräftemangels.

Zudem ist Ale immer noch im Besitz der Münzen, die er nicht loswerden kann, ohne sich selbst als Mittäter zu entlarven. Täglich erwartet er einen erneuten Aufmarsch der Polizei, weil Ivan ihn verpfeifen könnte. Doch der bleibt aus.

Eines Tages um kurz nach elf Uhr humpelt Fritz Herold mit seinem Gehbock und einem Brief auf Albert Lehmann zu.

»Der ist an dich adressiert, von einem Peter Leichtfuß. Kennst du so jemanden?«, fragt er ganz außer Atem.

Ale schüttelt den Kopf. Der Name sagt ihm nichts.

Als er den Umschlag öffnet, sind in krakeliger Schrift nur Zahlengruppen ohne und mit Kommas darauf geschrieben.

Fritze, der Ale über die Schulter linst, fragt: »Ist das ein Geheimcode?«

Ale zuckt mit den Schultern. Er kann damit nichts anfangen.

»Ich kenne keinen Peter Leichtfuß«, stellt er erneut fest und wendet den Brief. Dort, auf der Rückseite steht ein Name, den sie beide kennen.

»Ich werde verrückt. Das ist ein Brief vom stummen Ivan«, murmelt Ale und überlegt fieberhaft, was es mit den Zahlen auf sich haben könnte.

»Ich bin mir sicher, das ist ein Code«, stellt Fritze noch einmal fest.

Plötzlich fällt es Ale wieder ein. Das erste und zugleich das letzte Wort, das Ivan je zu ihm gesagt hat, lautete »Bibel«. Er weiß nun, was er zu tun hat.

So schnell ihn seine Räder rollen, fährt er in sein Zimmer und zieht aus seinem übersichtlichen Bücherregal eine Ausgabe der Bibel.

Es ist kein leichtes Dechiffrieren, denn die Zahlen sind einerseits Seitenzahlen, andererseits Worte, aber auch einzelne Buchstaben.

Ale benötigt den restlichen Tag und die ganze Nacht, um den Code zu knacken. Was er dann liest, erhellt sein Gemüt.

Der richtige Name von Ivan lautet Peter Leichtfuß. Er ist hier in diesem kleinen Schwarzwalddorf geboren und zehn Jahre lang aufgewachsen. Dies sei seine schönste Zeit gewesen, so schreibt er. Deshalb ist er zurückgekehrt und hat sich unter falschem Namen ins Heim eingeschrieben. Dort hätte er sorglos sein restliches Dasein fristen können. Doch das Gespräch und die Erfüllung jener Sache hat ihm gezeigt, dass er bis dahin nicht glücklich gewesen ist, dass ihm seine Aufgabe gefehlt hat, die ihn stets erfüllt hat. Für dieses persönliche Glück möchte er sich bedanken und im Gegenzug einen Platz empfehlen, an dem Ale und die Bewohner ebenfalls Glück finden können. Es ist ein friedlicher Ort in der Natur, wo Fledermäuse durch die Lüfte flattern und einem Stille und Ruhe begegnen. Beim Kreuz des Herrn, so schreibt er, hätte er besser Jäger werden sollen. Aber zudieser Erkenntnis wäre er sechsundsechzig Jahre zu spät gelangt. Der Brief endet mit den Worten: Segne es Gott. Ivan.

»Vergelts Gott«, bedankt sich Ale inbrünstig, denn er ahnt, was er auf dem Friedhof neben dem Kreuz Jesu am Grab von Hans Jäger, der seit sechsundsechzig Jahren dort begraben liegt, finden wird.

Die Freude ist nur von kurzer Dauer, denn Ale wird gerade bewusst, wie schwer das Leben als Rollstuhlfahrer ist. Er braucht Unterstützung, um den Schatz zu bergen. Doch wem könnte er dieses wertvolle Geheimnis anvertrauen? Wer hätte den Mumm, nachts auf den Friedhof zu gehen und würde sich an einem Grab zu schaffen machen?

Wie Albert Lehmann es auch dreht und wendet, kommt er nur zu einer Lösung, nämlich den Heimleiter einzuweihen. Was auch immer er entscheiden würde, er würde es akzeptieren.

»Ihr habt WAS?«, brüllt Ulrich Urban und reibt sich mit der Hand über den Schädel, nachdem Ale ihm den Diebstahl im Manni-Museum gestanden hat. »Dann seid ihr Schuld, dass Ivan, ich meine Peter Leichtfuß im Gefängnis sitzt?«

Ale wehrt kopfschüttelnd ab.

»Das hat er sich selbst eingebrockt. Erstens hätte er nein sagen können. Zweitens sagte ich ihm, dass die Vitrine nicht verschlossen ist. Er hätte nur den Glasdeckel anheben müssen und nicht zertrümmern brauchen. Und drittens war er unachtsam und hat sich verletzt. Ulrich, du musst mir glauben. Es tut mir leid, wie alles gekommen ist. Ich wusste nichts von seiner Vergangenheit als Kunstdieb. Das ist nämlich der wahre Grund, warum er einsitzt und nicht wegen der wertlosen römischen Münzen.«

Ulrich schnaubt wütend.

»Also, ehrlich, als ehemaliger Bürgermeister habe ich mehr Vernunft von dir erwartet. Ich schäme mich tatsächlich, dich jemals gewählt zu haben! Ich will mir gar nicht ausmalen, was du alles während deiner Amtszeit getrieben hast.«

Ales Befürchtung bewahrheitet sich. Sein Ruf leidet jetzt schon und dass, obwohl erst eine Person von der Geschichte weiß.

»Das wird ein Spießrutenlauf«, denkt er düster. »Was machen wir denn jetzt?«, fragt er nach einer kurzen Pause den Heimleiter.

Ulrich streicht über seinen kurzen Vollbart und denkt nach. Einerseits findet er es verständlich, dass die Bewohner des Seniorenheims sich Gedanken über den Fachkräftemangel machen, andererseits sollen sie ein sorgenfreies Leben im Blauen Haus führen.

»Die antiken Münzen müssen wieder zurück!«, sagt er bestimmt.

Ale nickt.

»Ich habe auch schon einen Plan, dass nichts auf uns zurückfällt«, verkündet er.

Ulrich verdreht die Augen, denn er befürchtet, dass dieser Plan genauso schräg sein könnte wie die Idee des Diebstahls.

»Wir schicken die Münzen per Post an das Museum zurück«, eröffnet Ale ihm.

»Und wer bezahlt die zerstörte Vitrine?«, fragt Ulrich trocken.

Ale, der kein Nein hört, wittert ein kleines bisschen Hoffnung in der Frage.

»Wenn wir erst einmal den Schatz vom Friedhof geholt haben, kriegt das Museum einfach eine Neue, sozusagen als anonyme Schenkung. Aber dazu müssten wir den Schatz erst einmal holen.«

»Wie stellst du dir das vor? Das nennt man Störung der Totenruhe! Eine Straftat!«

»Aber Ulrich, stell dir vor, was wir mit dem Geld alles machen könnten. Schließlich ist es ein Geschenk.«

»Es ist ergaunertes Geld, Ale!«

»Die Kunstgegenstände waren bestimmt hoch versichert. Die Besitzer sind durch die Versicherungssummen längst entschädigt worden«, wirft Ale ein.

Ulrich reibt sich über den kahlen Schädel. Es klingt verlockend, aber er kann und will es nicht selbst entscheiden.

»Wir werden den Bürgermeister einweihen, schließlich geht es im weitesten Sinne auch um das Ansehen des Dorfs.«

Ale wird bleich. Er braucht keinen weiteren Mitwisser und schon gar nicht, wenn es sich um seinen Nachfolger handelt.

»Nein!«, brüllt er und wedelt abwehrend mit den Händen. »Alles, nur das nicht!«

»Das, oder wir vergessen dieses Gespräch. Es hat nie stattgefunden. Und vor allem gibt es keinen Schatz auf dem Friedhof«, stellt ihm Ulrich Urban ein Ultimatum.

Ale überlegt nicht lange, er ist mit Letzterem einverstanden.

»Zudem vergiss du und alle anderen Bewohner das Wort Fachkräftemangel«, dabei setzt Ulrich das Wort Fachkräftemangel mit den Fingern in Anführungszeichen. »Den gibt es bei uns nicht! Sobald die Sache einen Namen hat, beginntsie unsere Gefühle zu manipulieren. In diesem Fall wird sie zur Angst, aber die braucht ihr nicht haben. Dieses Recht gehört mir allein, wenn es so weit ist.«

»Ist gut«, murmelt Ale wie ein Schuljunge, der nur noch aus dem Zimmer des Direktors flüchten will.

»Eins noch!«, hält ihn Ulrich zurück. »Die Münzen kommen zurück ins Museum, und zwar so, dass nicht der kleinste Verdacht auf das Heim zurückfällt. Ist das klar? Wie, ist mir egal.«

So poliert Ale an diesem Nachmittag, hinter verschlossener Tür und zugezogenen Vorhängen, mit Latexhandschuhen an den Händen die römischen Münzen. Damit sie im Kuvert nicht klimpern, wickelt er sie in ein Einmaltaschentuch. Da er Rechtshänder ist, schreibt er die Adresse des Museums mit der linken Hand auf den Umschlag und klebt eine selbstklebende Briefmarke darauf. Dann fährt er zum nächsten Postkasten, obwohl dieser entfernter liegt als das Museum selbst und wirft den Brief ein. Da nun alle Anspannung der letzten Tage von ihm abgefallen ist, schläft Ale in dieser Nacht tief und fest und länger als üblich. Als er gegen elf Uhr in den Aufenthaltsraum kommt, herrscht große Aufregung.

»Das Grab des Hans Jäger wurde geschändet«, ruft Fritze quer durch den Raum.

»Was? Das kann doch nicht … « Ale beißt sich auf die Lippen. Ihm schwant Fürchterliches. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, fährt er zum Büro des Heimleiters und klopft an.

Niemand antwortet.

Er drückt die Klinke runter. Die Tür ist verschlossen.

»Ach, wollten Sie zu Herrn Urban? Der hat sich krankgemeldet«, informiert ihn eine Pflegehilfskraft freundlich, die gerade vorbeiläuft.

»Dieser Lump!«, zischt er.

Es tobt in ihm. Er könnte schreien und weinen gleichzeitig, wenn es nicht so grotesk wäre.

»Fachkräftemangel gibt es bei uns nicht!«, äfft er die Stimme des feinen Herrn Urban nach und ergänzt im Stillen: »Jetzt dafür einen Heimleitermangel!«

Albrecht Lehmann braucht mehrere Tage, um mit den vielen Niederlagen zurechtzukommen. Der Schatz ist futsch. Die Münzen sind dahin. Aus dem Fachkräftemangel ist ein Heimleitermangel geworden. Und die Baufirma hat mittlerweile mit dem Ausheben der Baugrube für das neue Pflegeheim begonnen. Dabei hat er doch nur das Beste für die Leute im Blauen Haus gewollt. Sie verlassen sich schließlich auf ihren Heimbeirat.

»Da hilft nur noch beten«, denkt er und weiter, »Denn die Würfel Gottes fallen immer richtig. Das wusste auch Sophokles schon.«

Mit diesen Worten beschließt er, den Ballast der letzten Wochen einfach abzuschütteln und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Allmählich kehrt wieder Gelassenheit in den Alltag von Albrecht Lehmann ein und die Geschichte ist nahezu vergessen.

Doch eines Morgens fällt ihm beim Lesen des Regionalteils der Zeitung eine Schlagzeile ins Auge.

»Archäologische Funde: Neubau Pflegeheim gestoppt«

Die Unterzeile liefert genauere Informationen.

»Denkmalschutzbehörde vermutet Römersiedlung«

Ale seufzt wohlgefällig und ein breites Lächeln legt sich auf sein Gesicht. Er faltet die Hände über seinem Wanst und denkt, dass es doch etwas, wie ausgleichende Gerechtigkeit gibt.

Fritze gesellt sich zu ihm und verkündet ihm eine weitere erfreuliche Nachricht.

»Habe eben gehört, dass die gestohlenen Münzen wieder im Museum sind, ohne Absender per Post geschickt. Eine neue Vitrine wurde auch gespendet. Anonym.«

»Ha!«, freut sich Ale und sein Grinsen reicht bis über beide Ohren. »Das schlechte Gewissen«, denkt er heiter, »kann einen ganz schön plagen, nicht wahr, Herr Urban?«

So endet diese Episode im Guten, weil die Würfel fallen, wie sie fallen, nämlich richtig.

DER HOLZWEG

Die Situation

Nun sind die Einwohner des idyllischen Schwarzwalddorfs auf die Situation eines längeren Ausfalls oder gar Schwunds eines Heimleiters natürlich vorbereitet, dümpelt doch die Tochter der Bibliothekarin als qualifizierte Heimleiterin in der Dorfbibliothek vor sich hin.

Larissa Blütenlese ist um die Dreißig, eine graue Maus, in der, wenn sie sich aus diesem Kostüm befreien würde, eine wahre Schönheit steckt. Sie trägt das blonde Haar zu einem Knoten im Nacken gebunden, was ihr eine gewisse Strenge verleiht.

Als sie von der freien Stelle erfährt, erwacht ihr Gesicht aus einem Dornröschenschlaf. Womöglich schafft sie es endlich, dem tristen Dasein als hineingewachsene Tochter einer Bibliothekarin zu entkommen. Ihre braunen Augen weiten sich und die blassen Wangen werden rot vor Aufregung und Freude.

Genauso schnell wie sich die Begeisterung zeigt, ist sie auch wieder verschwunden. Sie denkt an ihre Großmutter Gardi, mit vollständigem Namen Gerharde Blütenlese, ehemals Gründerin der Bibliothek und selbst leidenschaftliche Bibliothekarin gewesen.

Die Blütenleses sind eine reine Frauenwirtschaft, denn beinahe traditionell wiederholt sich ihre Familiengeschichte, die sich wie ein Liebesroman liest, bloß dass die Geschichte in der Realität über den Kuss hinausgeht. Bibliothekarin trifft große Liebe. Die große Liebe wird irgendwann zur Gewohnheit. Die Gewohnheit kommt eines Tagesvom Zigarettenholen nicht nach Hause und zurück bleibt eine Mutter mit Tochter.

Jedenfalls kümmert sich Larissa Blütenlese rührend um die Großmutter, die an Demenz erkrankt ist. Letztere liebt es, wie in früheren Zeiten, zwischen den Bücherregalen der Bibliothek zu flanieren, um nach den Größen der Literatur zu sehen. So lässt sich Larissas Aushilfstätigkeit in der Bibliothek mit den Gepflogenheiten der Großmutter gut verbinden.

»Guten Morgen, Mister Charles Dickens«, begrüßt die zierliche Dame die Bücher, die unter der Rubrik »Internationale Literatur des 19. Jahrhunderts« unter dem Buchstaben »D« einsortiert sind. Sie zieht den Roman »Oliver Twist« heraus und pustet den nicht vorhandenen Staub herunter.

Dann schlendert sie mit dem Buch unter dem Arm weiter zu »K« und begrüßt so oder ähnlich Herrn Franz Kafka und so weiter und so fort. Regelmäßig, wenn sie die gesammelten Werke, die sie auf dem Arm balanciert, nicht mehr halten kann, plumpsen sie zu Boden.

»Oh, nein! Nein, nein!«, jammert Gardi stets und rauft sich das weiße Haar, sodass es nicht mehr der Marilyn Monroe gleicht.

Sie versucht das Chaos zu sortieren, was jedoch nie gelingt, weil die Titel der Bücher für sie nur Buchstabensuppe ergeben. Natürlich würde sie das nie zugeben, sondern schiebt es auf die vergessene Brille, aber Larissa weiß, dass das nur eine Ausrede ist, um die verlorene Fähigkeit zu verheimlichen.

Was Gardi jedoch gelingt, ist, die Bücher aufeinander zu stapeln. So entstehen im Laufe des Tages Türme aus Büchern vor Regalen, wo sie nicht hingehören.

Lenelotte Blütenlese, eine sich gut gehaltene Mittfünfzigerin mit feinen Gesichtszügen, schimpft immer, sodass die blondierte Dauerwelle nur so hüpft.

Larissa beseitigt das Chaos stets mit den Worten: »Mutter, lass ihr doch die Freude!«

Nun zurück zu Larissa und dem neuen Jobangebot.

Den Bachelor Sozialmanagement hat sie per Fernstudium absolviert. Sie arbeitet Teilzeit im Seniorenheim, und zwar dann, wenn die Bibliothek geschlossen ist, somit die Mutter Zeit für ihre Mutter hat.

Eigentlich hat Larissa nie damit gerechnet, dass Ulrich Urban, der nur ein paar Jährchen älter ist als sie, die Stelle als Heimleiter kündigen und sie nachrücken würde.

Doch wer könnte sich nun um ihre Großmutter kümmern? Lenelotte, ihre Mutter, packt das nicht, dazu ist sie zu ekpathisch. Sie hat sich noch nie in jemand anderen hineinversetzen können, weswegen sie der Meinung ist, dass ihre Mutter Gerharde sie der puren Absicht wegen ärgert.

»Ich würde gern den Posten übernehmen, auch wenn keine ordentliche Einarbeitung möglich ist, weil Ulrich spontan gekündigt hat und sich auf Weltreise befindet«, sagt Larissa.

Ein scheues Lächeln huscht über ihr Gesicht. Sie traut sich kaum, die nächsten Worte auszusprechen, aus Angst, dass sie die Stelle dann nicht bekommen würde. »Aber wer kümmert sich dann um meine Oma?«