Der Kuss der Llorona - Daniela Dittel - E-Book
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Der Kuss der Llorona E-Book

Daniela Dittel

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Beschreibung

Alexander ist sich sicher, mit seiner Verlobten Gerke, die Richtige an seiner Seite zu haben. Doch dann begegnet er in seinem Mexikourlaub der Einheimischen Marita und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Noch bevor er seine Verlobte verlassen kann, stirbt Marita bei einem tragischen Unfall. Alexander ist am Boden zerstört, doch hält er seine Trauer hinter einer Fassade verborgen, bis ihn ein Videoclip erreicht, dessen Inhalt ihn völlig verstört. Es zeigt die Erscheinung von La Llorona, der Weinenden aus einer südamerikanischen Legende. Alexander erkennt in ihr seine große Liebe, die in Mexiko nach ihm sucht. Gegen jede Logik macht er sich mit einem Verbündeten auf den Weg nach Yucatán, um der Sache auf den Grund zu gehen. Wird ihn der Kuss der Llorona erlösen oder töten, so wie es die Legende besagt?

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EPUB
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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Daniela Dittel

Der Kuss der Llorona

2. Auflage

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Eine Begegnung, die keine ist

Das Geheimnis kehrt zurück

Die Gefühle im Innen und Außen

Der Weg zum Lächeln

Die Ecke, in der es nichts zu sehen gibt

Nicht alles ist, wie es scheint

Eine tiefgreifende Sitzung

Zwei Reisen und ein Freund

Das Chamäleon in Mexiko

Der Hinweis mit X

Eine Nacht zum Tanzen

In letzter Sekunde nicht geküsst

Zwei Sombreros und ein Einbruch

Der Priester mit den zwei Gesichtern

Der Hund, der zu Tränen rührt

Die Rache der Llorona

Die Beichte stärkt das Vorhaben

Der Kuss der Llorona

Die letzte Reise

Impressum neobooks

Eine Begegnung, die keine ist

»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, Frau Gruber«, murmelt Alexander und starrt an die helle Zimmerdecke. Alles ist weiß und ordentlich in diesem Raum, steril wie in einem Krankenhaus. Auf dem weißen Schreibtisch liegt ein weißer, schmaler Ordner. Daneben liegen unbeschriebene Blätter.

Es fällt dem jungen Mann sichtlich schwer, über seine Angelegenheit zu sprechen, aber das ist Helene Gruber nicht neu. Anfangs verhalten sich viele Patienten so, die zum ersten Mal bei einem Psychotherapeuten auf der Couch liegen.

Als Erstes gilt es ein vertrauensvolles Verhältnis herzustellen, denkt sie und versucht das Eis zu brechen.

»Das ist schon in Ordnung, Herr Maurer. Bitte, nennen Sie mich Helene.«

Alexander betrachtet die schlanke Frau, die in einem hellen Ledersessel neben ihm sitzt. Die weißen Haare, die zu einem tiefen Pferdeschwanz zusammengefasst sind, stehen in Kontrast zu ihrem jugendlichen Gesicht. Er schätzt sie auf Ende Dreißig, nicht älter. Die hellblaue Bluse, die sie trägt, unterstreicht ihre ebenfalls hellen Augen.

Er nickt unmerklich und sagt: »Ist gut. Ich heiße Alexander. Meine Freunde nennen mich Alex.«

Sie lächelt zufrieden.

»Gut, Alex. Was führt dich zu mir? Fang an, wo du möchtest.«

Wieder lächelt sie, doch diesmal wirkt es aufgesetzt.

Sein Blick wandert zurück zur Zimmerdecke. Die Hände liegen verkrampft in seinem Schoß. Alexander schweigt. Er weiß, wenn er mit der Tür ins Haus fallen würde, wäre er schneller im Irrenhaus, als er Dummkopf sagen könnte. Er seufzt.

Helene schweigt, denn sie weiß, dass die meisten Menschen Stille nicht ertragen können. Auf kurz oder lang würde Alexander diese brechen und würde mit ihr sprechen, denn schließlich ist er deswegen hergekommen.

Das einzige Geräusch, was zu hören ist, ist das Ticken der Uhr an der Wand.

Helene schweigt weiter und betrachtet dabei ihren Patienten. Er ist schlank und gut gebaut. Ein Mann im besten Alter, denkt sie und blättert geschwind in ihren Unterlagen. Anhand des Geburtsdatums errechnet sie, dass er Anfang Dreißig ist.

Sie nimmt ihn weiter in Augenschein. Eine braune Haarlocke hängt ihm ins Gesicht. Im Grund ist er ein äußerst attraktiver Mann, findet sie, wenn man von den dunklen Augenrändern und dem verhärmten Gesicht absieht. Die Haut sieht unnatürlich blass aus, beinahe grau wie bei einem starken Raucher.

Wieder blättert Helene in den Unterlagen, aber findet keine Angaben zu einem ungesunden Lebensstil.

Ihr Blick wandert erneut hinüber zu ihrem Patienten, der nach wie vor angespannt und schweigsam auf der Couch liegt.

Nach seinem vernachlässigten Äußeren zu urteilen, dem bereits längst überschrittenen Dreitagesbart und dem ungewaschenen Haar, bei dem ebenfalls ein Schnitt überfällig ist, befindet sich dieser Mann vermutlich in einer depressiven Phase.

Sie muss ihn erreichen, bevor er sich ganz in sein Schneckenhaus zurückzieht, denkt sie, weshalb sie weiterschweigt.

Das Ticken der Uhr an der Wand wird lauter, empfindet Alexander, immer lauter, je länger die beiden schweigen. Zudem hört er die regelmäßigen Atemzüge der Psychotherapeutin, die entspannt zu sein scheint und nicht gewillt ist, ihm Fragen zu stellen oder irgendetwas zu sagen oder zu tun, was ihm helfen könnte.

Sie muss ihm helfen, denkt er. Er würde sonst verrückt werden.

Hilflos wirft er einen Blick auf die Uhr an der Wand und stellt fest, dass die Hälfte der Therapiezeit bereits verstrichen ist.

Verlegen räuspert er sich.

Es klingt laut im stillen Raum.

Was hat er schon zu verlieren, denkt er. Er ist nicht verrückt. Oder doch? Jedenfalls ist es nicht normal, was zurzeit passiert. Es macht ihm Angst, und zugleich macht es ihn glücklich. Er muss mit der Psychotherapeutin darüber sprechen, aber er weiß nicht, wie er anfangen soll.

Ein weiteres Mal blickt er hinüber zu Helene und bittet: »Hilf mir! Ich schaffe es nicht allein. Du musst es aus mir herausholen.«

Helene nickt. Die meisten Patienten kommen zu ihr, weil sie zusätzlich die Heilmethode der Synergetik-Therapie anbietet. Eine Reise in die eigene Innenwelt, an die Grenze des Bewusstseins und des Unterbewusstseins, um psychische Blockaden aufzuspüren und zu beseitigen.

»Ist gut Alex.«

Sie rückt näher an die Couch heran und legt ihre Hand auf seine Schulter.

»Wir werden jetzt eine Reise in dein Seelenleben unternehmen. Ich möchte, dass du die Augen schließt und dich entspannst. Ich werde gleich von vier abwärts zählen, und du atmest dabei ruhig ein und aus. Du wirst dabei hellwach sein und alles wahrnehmen, was um dich herum geschieht. Du wirst meine Stimme hören, und auch du kannst mit mir sprechen. Dein Geist bleibt wach und aufmerksam. Wenn ich dich zurückhole, dann wirst du dich gut fühlen. Ich beginne nun zu zählen. Vier. Einatmen. Drei. Ausatmen. Zwei. Einatmen. Eins. Ausatmen. Du siehst vor dir eine Treppe, die nach unten führt. Mit jedem weiteren Atemzug steigst du eine der Stufen hinab.«

Alexander atmet ein und aus, schüttelt dann den Kopf.

»Da ist keine Treppe«, stellt er nüchtern fest.

»Sieh genau hin. Vor deinen Füßen ist die erste Stufe. Siehst du sie?«, wirkt Helene mit ruhiger Stimme auf ihren Patienten ein.

»Ja, jetzt sehe ich sie, aber sie ist brüchig. Da stehe ich nicht drauf«, wehrt Alexander ab.

»Ich versichere dir, die Stufen werden dich tragen. Geh einfach weiter, und sag mir, was du siehst«, beruhigt Helene ihn.

Alexander prüft, im Geiste, die erste Stufe vorsichtig mit einem Fuß. Sie knarrt laut, scheint jedoch zu halten. Also steigt er hinab.

»Es ist dunkel, ich kann kaum die nächste Stufe erkennen. Ich fühle mich nicht sicher«, gibt er eine ehrliche Rückmeldung.

Doch Helene lässt sich nicht beirren.

»Ergreife den Handlauf, der wird dir Sicherheit geben.«

»Da ist kein Handlauf«, antwortet Alexander bestimmt.

»Schau genauer hin. Da ist einer. Wie sieht er aus?«, regt Helene die Fantasie ihres Patienten an.

Alexander bewegt leicht seinen Kopf, als suche er den Handlauf.

»Du hast recht. Da ist er, aber der ist genauso marode wie die Holzstufen, die ich hinabsteigen soll. Ich gehe nicht weiter«, weigert er sich.

Helene verstärkt den Druck ihrer Hand auf Alexanders Schulter.

»Spürst du meine Hand auf deiner Schulter?«, fragt sie.

Alexander nickt.

In ruhigem Ton fährt sie fort zusprechen: »Ich bin da und werde dich nicht loslassen. Ich bin direkt neben dir. Atme ruhig weiter ein und aus. Mit jedem Atemzug steigst du eine Stufe hinab. Du bist sicher. Nur noch ein paar Stufen, dann hast du es geschafft«, suggeriert sie ihm. Dabei beobachtet sie jede Regung ihres Patienten.

Alexanders Herz schlägt schnell, denn seine Halsschlagader pulsiert kräftig. Es kostet ihn große Überwindung weiter in die Tiefe seiner Psyche hinabzusteigen.

»Bist du angekommen, Alex?«, fragt sie.

»Eine Stufe noch, dann bin ich unten«, lautet seine Antwort.

»Wie sieht der Boden aus?«, forscht Helene weiter.

»Sandig. Nass«, murmelt Alexander.

»Traust du dich den letzten Schritt zu tun?«, will Helene wissen.

Alexander holt tief Luft und nickt. Er spürt Helenes Hand auf seiner Schulter und weiß, dass ihm nichts passieren kann.

Vorsichtig prüfend, setzt er seinen Fuß ab. Der Boden fühlt sich hart an.

»Es ist Sand. Ganz normaler Sand«, stellt er erleichtert fest und setzt den zweiten Fuß nach.

Helene führt ihn weiter in seine Innenwelt.

»Sieh dich um. Was kannst du erkennen?«

Er ist am Meer. Das Rauschen der Wellen dringt an sein Ohr. Genüsslich atmet er eine Brise voll salziger Seeluft durch die Nase ein. Mexiko. Wie schön es dort immer gewesen ist. Besonders in den Abendstunden, kurz bevor die Sonne im Meer versank. Doch er scheint zu spät zu kommen, die Sonne ist nicht mehr als ein Silberstreif am Horizont.

»Ich bin am Meer«, antwortet Alexander und fragt dann: »Kann ich den Handlauf jetzt loslassen?«

»Ja, wenn du dich sicher fühlst«, antwortet Helene. Ihre Hand ruht weiterhin auf seiner Schulter.

Er lässt den Handlauf los und geht ein paar Schritte auf das Wasser zu. Die Wellen umspülen seine Füße, die leicht im Sand versinken.

»Alejandro!«, hört er eine ihm vertraute Frauenstimme rufen.

Er sieht sich um. Da ist sie und winkt ihm aus der Ferne zu.

»Alejandro! Mi amor!«

Wie schön ihre Stimme klingt, die der Wind herüberträgt. Die weiche Aussprache seines Namens, wenn sie ihn ruft. Er kann sie immer noch hören. Kann sie nicht vergessen. Marita, seine schöne Mexikanerin. Nie hatte er für einen Menschen tiefer empfunden als für sie. Wenn er gewusst hätte, was passieren würde, wäre er nicht fortgegangen. Er würde alles geben, um sie noch einmal im Arm halten zu dürfen. Alles.

Marita kommt näher. Die samtschwarzen Haare wehen im Wind. Das weiche, lange Kleid schmiegt sich an ihren schlanken Körper und umschlingt ihre langen Beine, als sie auf ihn zu schwebt.

Wie gerne wäre er dieses Kleid. Wie gerne würde er sie noch einmal berühren, würde mit den Fingern über ihre zarte Haut fahren, und ihr dabei ein Lachen oder einen tiefen Seufzer der Begierde entlocken.

Marita bewegt sich auf ihn zu.

Ihr folgt dichter Nebel, der sich über den Strand und das Meer legt. Das Wetter wird rau, und Wind zieht auf, der Alexander an den Haaren zerrt. Er pfeift jämmerlich um seine Ohren.

Nein! Es ist nicht der Wind, den er hört. Es ist das wehklagende Geheul einer todunglücklichen Frau, ein herzzerreißendes, untröstliches Weinen.

Die Brandung wird lauter, die Wellen schlagen höher. Das Wasser wirbelt um Alexanders Füße und gräbt sie tiefer in den Schlick hinein.

Er kann die Augen nicht von Marita lassen.

Sie ist so blass, beinahe durchscheinend. Die Augen sitzen tief in den dunklen Schatten ihrer Höhlen. Sie weint wegen ihm. Es zerreißt ihm das Herz.

»Alex! Ergreif den Handlauf!«, dringt nun Helenes Stimme in sein Bewusstsein.

Der Herzschlag ihres Patienten hat sich drastisch erhöht. Seine Körpertemperatur ist rapide gesunken, sodass er am ganzen Körper zittert. Daher beschließt Helene die Sitzung sofort abzubrechen.

Alexander löst widerwillig den Blick von seiner Geliebten, die immer näher auf ihn zu schwebt. Er schaut sich um, aber findet weder Treppe noch Handlauf.

»Da ist kein Handlauf, keine Treppe«, äußert er erschrocken.

»Schau genau hin. Sie sind da!«, hört er Helenes Stimme klar und deutlich.

Sie hat recht. Er entdeckt den Handlauf und auch die Treppe, die noch schlimmer aussehen, als sie beim Hinabsteigen gewirkt haben.

»Ich glaube nicht, dass ich da heil hinaufkomme. Sie sehen aus, wie wenn sie vor Jahren im Wasser versunken wären«, äußert Alexander seine Bedenken.

»Doch! Sie sind sicher. Komm jetzt! Ich halte dich«, treibt ihn Helene zur Eile an. Sie hat ein ungutes Gefühl, das sie so noch in keiner Sitzung gespürt hat.

Alexander will zur Treppe gehen, aber das Wasser steht ihm bereits bis zu seinen Waden. Er kann sich nicht von der Stelle bewegen, denn seine Füße stecken tief im Sand fest.

»Ich komme nicht los. Das Meer hält mich fest«, schreit er Helene zu.

Plötzlich flacht der Sturm ab. Es kehrt Stille ein.

Er weiß, dass Marita ganz dicht hinter ihm steht. Ihr kalter Atem bläst ihm ins Genick, als sie flüstert: »Alejandro, mi amor. Warum zitterst du? Komm, ich deck dich mit meinem Schal zu, wie ich es immer getan habe.«

Nebel umfängt ihn. Er trägt den Duft ihres Haares mit sich, wilder Pfirsich.

Alexander schließt die Augen.

Maritas wunderschönes Gesicht schiebt sich in sein Gedächtnis. Er verliert sich in ihren braunen Augen, die ihn sanftmütig und liebevoll anblicken. Als sie ihn anlächelt, wird ihr spitzes Kinn etwas weicher, doch die hohen Wangenknochen treten noch stärker hervor, sodass ihn die Form ihres Gesichts, an das eines Herzens erinnert. Der Wind wiegt sacht ihr seidenschwarzes, langes Haar. Etwas magisches geht von ihr aus. Es ist, als würde jede Faser seines Körpers sich zu ihr hingezogen fühlen, auch jetzt noch.

Alexander ringt mich sich, ist gewillt sich umzudrehen, doch er weiß, dass sie nicht mehr dieselbe ist. Sie ist tot.

Da spürt er Helenes festen Griff an seiner Schulter. Sie zieht ihn empor, während sie bestimmt spricht: »Drei, zwei, eins, aufwachen! Alex, du bist im Hier und Jetzt. Du fühlst dich gut und entspannt.«

Das Geheimnis kehrt zurück

Alexander öffnet die Augen. Er kann sich an alles erinnern, dennoch fühlt er sich entspannt wie seit Tagen nicht mehr.

Helene versichert ihm mehrfach, dass sein Zustand keiner Wahnvorstellung entspringt, sondern auf den schweren Verlust eines geliebten Menschen zurückzuführen ist.

»Dennoch bin ich ein Stück weit bescheuert. Das lässt sich nicht leugnen«, scherzt er beim Verlassen der Praxis.

Er steigt in ein Taxi.

»Braun Marketing, bitte!«, gibt er dem Fahrer die Order.

Kurze Zeit später hält der Wagen vor einem großen Bürogebäude an, einem Betonklotz in Form eines Ufos, der auf drei dicken Pfeilern steht. Eine steile, breite Treppe führt hinauf.

Braun Marketing gehört seinem zukünftigen Schwiegervater. In ein paar Jahren wird die Werbeagentur seiner Tochter gehören.

Das Herz der hübschen Gerke Braun hat Alexander damals im Sturm erobert. Im Grunde ist sie es gewesen, die sich zuerst für ihn interessierte, doch auch er mochte sie von Anfang an. Daher ist es ihm nicht schwergefallen, sich auf sie einzulassen. An eine romantische Liebe aus der Tiefe zweier Herzen hat er damals nicht geglaubt. Er fühlte sich wohl in Gerkes Nähe, mehr brauchte es nicht, deshalb erfolgte auch nach kurzer Zeit die Verlobung. Eine bessere Partie hätte er nicht machen können.

Ebenso wie Gerkes Vater mit ihm, denn er gewann durch diese Verbindung einen Spezialisten für das Blog Marketing. Ein fehlender Bereich durch den Braun Marketing ein neuer lukrativer Zweig eröffnet wurde. Sogleich wurde Alexander mit dem Aufbau dieser neuen Abteilung beauftragt und als Abteilungsleiter eingestellt.

Alexander reißt sich aus seinen Gedanken los. Er betritt das Gebäude und geht schnurstracks in sein Büro.

Der schlichte, betongraue Raum gleicht einer Tiefgarage, wäre nicht die weißgerahmte Fensterfront, die einen herrlichen Blick auf den grünbepflanzten Innenhof freigibt.

Er setzt sich an den schlichten Betontisch, auf dem nichts weiter steht als der Monitor seines Computers.

In aller Kürze überfliegt er die E-Mails, die in seiner Abwesenheit eingegangen sind. Die meisten davon hat Falk bereits beantwortet und entsprechend bearbeitet.

Falk Forstner ist sein Assistent, seine rechte Hand, zudem sein bester Freund, seit Kindheitstagen an. Da Falk im Umgang mit den neuen Medien ein absolutes Ass ist, hat Alexander ihn, als erste Amtshandlung, in sein Team geholt.

Im Gegensatz zu seinem brillanten Wissen steht sein lässiges bis nachlässiges Äußeres, das sich in abgewaschenen Jeanshosen und dem scheinbar immer selben T-Shirt widerspiegelt. Das dünne, rot-blonde Haar wird meist ungekämmt in einem Dutt am Hinterkopf zusammengehalten, wie auch der Vollbart selten mit einem Kamm gebändigt wird.

Doch das alles stört Alexander nicht im Geringsten. Für wichtige Meetings liegt eigens für seinen Freund ein Anzug samt Hemd und Krawatte, sowie ein elektrischer Rasierapparat, Kamm und Haargummis bereit.

Alexander scrollt weiter die Liste der E-Mails hinab, weit über das heutige Datum hinaus. Er bleibt an der Nachricht hängen, die ihn vor etwa einer Woche erreichte. Im Anschreiben befindet sich ein Hyperlink, der zu einer Website eines Bloggers führt.­­ SNGB nennt er sich, was für Supernatural Ghostbusters steht.

Alexander weiß, was er dort sehen wird, denn er hat den Clip gefühlte hundert Mal angeschaut.

Dieser Jungspund, mit der Frisur des Vampirs Edward Cullen aus der Eclipse-Trilogie, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Geistern und übernatürlichen Phänomenen nachzugehen, sie aufzustöbern und deren Existenzen in Videoclips festzuhalten. Anfänglich waren es wackelnde Tische, schwebende Gegenstände und Schatten an den Wänden, untermalt mit schauerlicher Backgroundmusik, kaum besser als die gängigen Grusel-Schocker aus den sechziger Jahren. Erst als SNGB begann, mit Nachtsichtfilter zu filmen und die Geister zu visualisieren, wuchs auch die Zahl seiner Follower.

Zögerlich zieht Alexander den Cursor auf den Link. Es ist ein Leichtes den Geist von Marita wiederzusehen. Er braucht nur den Druck auf die Maus verstärken, und er würde zur Website gelangen. Seine Sehnsucht nach ihr ist groß. Es klickt leise, als er auf den Link tippt. In Sekundenschnelle wird er zur Website geführt.

Ein kleines Fenster öffnet sich und SNGBs schmales Gesicht mit den dichten Augenbrauen, die seinem Blick einen Hauch von Verwegenheit geben, ist zu sehen. Durch den Nachtsichtmodus sieht er selbst wie ein übernatürliches, gespensterhaftes Wesen aus.

Mit flüsternder Stimme spricht er in die Kamera und setzt seine Fans ins Bild: »Ich bin hier in Mexiko, auf der geilen Halbinsel Yucatán, weil »Die Weinende« wieder aufgetaucht ist. La Llorona. Die war übelst lange verschwunden, aber ihre Ghost Story nie vergessen. Also, Lauscher auf … Maria, eine rattenscharfe, junge Mexikanerin lernte einen Hipster kennen, der von weit herkam. Sie verliebten sich und verbrachten eine geile Zeit miteinander. Doch der Typ musste mal nach Hause, wichtige Dinge regeln und so. Er schwor ihr, wiederzukommen und dann zu bleiben. Wie krass, der wollte einen auf Aussteiger machen für die Tussi, aber die starb, während er weg war. Was für ein fucking übles Ende, denkt ihr, aber es kommt noch besser …«

SNGB holt tief Luft, bevor er weitererzählt: »Sie war also tot. Doch von wegen R.I.P. Ihr Geist blieb auf dieser Welt, spukte durch die Nacht und suchte nach ihrem Lover. Sie fand ihn nicht, weil der Typ nie wieder nach Mexiko zurückgekehrt war. Deshalb heulte sie Nacht für Nacht, was eine ganz lange Zeit zu hören war. Deshalb auch ihr Name »Die Weinende«. Oh Jesus, ich will gar nicht wissen, wieviel Männer sie geknutscht hat, weil sie dachte, es wäre ihr Lover. Die sind allesamt durchgeknallt!«

Plötzlich raschelt es im Hintergrund, SNGB zuckt zusammen. Er wirft einen kurzen Blick über seine Schulter, bevor er sich wieder der Kamera zuwendet.

»Irgendwann muss sie ihn dann doch gefunden haben, denn das Flennen hörte auf. Maria wurde nie wieder gesichtet.«

Ein schiefes Grinsen huscht über SNGBs Gesicht.

»Na, jedenfalls scheint ihr Lover die Biege gemacht zu haben. Seit Anfang Juli ist sie wieder da. Zeugenaussagen zufolge ist eine weiße Frauengestalt, nachts, mehrfach am Strand gesehen worden. Mit langem, wehendem Haar und schwarzen Löchern anstelle der Augen. Sie ruft seinen Namen. Weil sie ihren Typ jedoch nicht finden kann, ist ihr Geheul übelst weit zu hören.«

SNGB wirft einen Blick auf die Uhr.

»Leute, es ist jetzt Mitternacht und …«

Der Blogger schreckt hoch. Wieder wirft er einen Blick hinter sich, dabei sinkt er langsam in die Hocke. Mit weit geöffneten Augen dreht er sein Gesicht erneut der Kamera zu.

»Oh, my god«, formen seine Lippen lautlos. Schnell fährt er mit der Hand an den Mund, damit er keinen Laut von sich gibt.

Er legt sich bäuchlings auf den Boden und robbt näher an den Strand. Die Kamera hält er auf einen weißen Punkt in der Ferne gerichtet. Langsam zoomt er das Objekt heran. Das Bild verwackelt dabei. Eine unscharfe Person hebt sich von der nächtlichen Umgebung ab.

»Oh, my god! Oh, my god!«, ist die heisere Stimme des Bloggers im Hintergrund zu hören. »Da ist sie! Sie ist es! Ganz ruhig jetzt. Ganz ruhig. Könnte auch ein Fake sein. Noch weint sie nicht.«

Dann trägt der Wind ihre Stimme herüber.

»Hört ihr das? Sie ruft jemanden!«

Wieder Stille.

»Irgendetwas mit A. Ich verstehe sie nicht. Bleib ruhig, Alter«, versucht er sich selbst zu beruhigen, denn er ist nervös. Seine Hände zittern, und die Kamera gleitet ihm aus der Hand.

Für einen Moment ist nur der dunkle Strandboden zu sehen.

Fahrig hebt er sie wieder auf und sucht über das Monitorbild den Strand nach der Gestalt ab. Diese steht plötzlich näher bei ihm, als er erwartet hat.

»Fuck! Wie ist die so schnell da hingekommen?«

Mit zitternden Händen zoomt er das Bild näher heran.

»Wow, Leute. Seht ihr sie?«

Am Strand steht eine anmutige Frauengestalt. Das wallende Kleid und ihr langes Haar leuchten hell im Schein des Mondes. Sie ruft einen Namen aufs Meer hinaus, der im Rauschen der Brandung untergeht.

Plötzlich wendet sie ihren Kopf in Richtung Kamera. Ihr Mund bewegt sich. Deutlich trägt der Wind einen Namen herüber.

»Alejandro, mi amor!«

Die Kamera flackert kurz. Der Monitor wird schwarz, doch der Ton läuft im Hintergrund weiter. Ein schauerliches Weinen bricht los, einer Sirene gleich.

Es mischen sich schnelle Schritte darunter, und die keuchende Stimme von SNGB ist zu hören: »Ich verschwinde, Leute. Fuck! Fuck! Fuck!«

Ein Schauer läuft Alexander über den ganzen Körper, wie beim ersten Mal, als er den Clip gesehen und ihre Stimme erkannt hat. Sie ist es. Marita. Er ist sich hundert Prozent sicher. Niemals würde er den Klang ihrer Stimme vergessen, wenn sie seinen Namen ruft. Alles passt!

Marita ist Anfang Juli vor einem Jahr gestorben.

Der Unfall hatte sich kurz nach Alexanders drittem Besuch ereignet. Er weiß noch, wie er Marita versprochen hatte, schnell wieder zu kommen und dann für den Rest seines Lebens bei ihr zu bleiben, für immer.

Es war ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht. Trotz Zeugen blieb die Suche der Polizei erfolglos und der Autofahrer unauffindbar. Die Ermittlungen wurden eingestellt und niemand dafür zur Rechenschaft gezogen.

Alexander fährt sich über die Augen. Er ist müde, so furchtbar müde.