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Das Ostfrankenreich im 9. Jahrhundert. Der Sturz des römischen Kaisers Karl III. steht kurz bevor. Adellinda, die Tochter eines alamannischen Grafen der Mortenau, wird mit dem Erbgrafen Eberhard III. verheiratet. Diese Verbindung ist Mittel zum Zweck, denn in der Abgeschiedenheit des Schwarzwalds finden sich die fünf Großen des Ostfrankenreichs ein, um zusammen mit Eberhard und Arnulf von Kärnten ein Komplott gegen den Kaiser zu schmieden. Derweil verliebt sich Adellinda unsterblich in einen ostfränkischen Ritter und kommt in einen Zwiespalt des Glaubens und der Liebe. Diese Verbindung trägt Früchte, und das Geheimnis kommt ans Licht. Eberhard verbannt seine Gattin in eine Burg, bis das Kind auf der Welt ist. Adellinda verliert alles. In ihrer Einsamkeit, tut sie etwas, was sie bitter bereuen wird.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2022
Daniela Dittel
Die Gefangene des Svartzwalds
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Glossar
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Epilog
Anmerkung der Autorin
Quellen und Literaturangaben
Archive
Impressum neobooks
Ostfrankenreich: Nach der Teilung des Fränkischen Reichs im Jahr 843 n. Chr. in drei Teile ist es das östliche Teilreich des Mittelfrankenreichs. Ab 870 n. Chr. mit Teilen Lotharingiens und ab 880 n. Chr. mit ganz Lotharingiens.
Alamannien: Frühmittelalterliche Siedlungs- und Herrschaftsgebiete im heutigen Baden-Württemberg und Elsass, in Bayerisch-Schwaben, der Deutschschweiz, Liechtenstein und Vorarlberg
Svartzwald (Schwarzwald): eine an Frankreich grenzende Gebirgsregion im Südwesten Deutschlands
Mortenau (Ortenaukreis): flächengrößter Landkreis in Baden-Württemberg
Burcheim (Burgheim): historische Ausgrabungen weisen auf eine Kirche im 7. Jahrhundert hin, urkundliche Erstnennung 1035 n. Chr., Lahr war anfänglich ein Ortsteil von Burgheim, dann Burgheim ein Stadtteil von Lahr mit eigenen Rechten, seit 1899 Stadtteil von Lahr
Hugswir (Hugsweier): urkundliche Erstnennung zwischen 913-933 n. Chr., seit 1972 als Stadtteil von Lahr eingegliedert
Tundelinga (Dinglingen): urkundliche Erstnennung 961 n. Chr., seit 1933 als Stadtteil von Lahr zwangsvereinigt
In der Loh (Lahr): urkundliche Erstnennung 1215 n. Chr.
Elsaz (Elsass): Region im Nordosten Frankreichs
Nordgowe (elsässische Nordgau): mittelalterliche Gaugrafschaft
Sundgowe (elsässische Südgau): mittelalterliche Gaugrafschaft
Einer Sage geht immer eine Geschichte voraus.
Doch diese Geschichte beginnt mit dem Anfang der Sage – dem Zukünftigen.
Da Zeit stets voranschreitet, hat die Menschheit Worte erdacht, die zeitliche Geschehnisse in eine messbare Reihenfolge setzen. Doch ist die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ein und dasselbe – ein Fluss, der niemals aufhört zu fließen.
Das Hier und Jetzt jedoch ist die einzig manipulierbare Gelegenheit, um das eigene Sein voranzutreiben und seinen Zielen entgegenzustreben.
Zukünftiges
Ich falle. Falle im grauen Dämmerlicht des Morgens. Ich spüre den kalten Luftzug auf meiner Haut. Der Wind vermag mich nicht aufzufangen. Er erfasst meinen weißen Schleier und enthüllt mein langes Haar. Finster peitschen die schwarzen Strähnen auf das weichfließende Tuch. Eine liebgewonnene Erinnerung schiebt sich vor mein inneres Auge. Dichte Nebelschwaden, die im Morgengrauen zwischen den dunklen, hohen Tannen des Svartzwalds verharren. Ein einsames Käuzchen ruft. Mein Verstand klärt sich, und mein Auge durchdringt die Dämmerung wie das eines Wolfs. Es liegt nun deutlich vor mir. Alles hat seine Zeit zwischen dem ANFANG, dem Suchen, dem Finden und dem ENDE, dem Verlieren, dem Loslassen. Das Größte darin ist die Liebe.
Vergangenes
Ich lebte in einer Zeit, die von Macht und Gier geprägt war. Es brodelte in den Herzen der unfreien Mächtigen des Ostfrankenreichs. Ein Flüstern nach Freiheit, nach der Erschaffung eines Stammesherzogtums wurde hörbar. Die Jahre des römischen Kaisers Karl des III. waren gezählt. Selbst mein Vater Burchard, alamannischer Herr über Burcheim in der Mortenau, eingesetzt als fränkischer Amtsträger mit politischer Macht, leistete seinen Beitrag dazu. Ausgetragen über das weibliche Geschlecht, das in dieser Zeit mehr Schatz als Mensch war. Kein Recht auf Entscheidungen im eigenen Leben. Keine Mitsprache. Ich wurde zu einem kleinen strategischen Kiesel, der ohne sein willentliches Zutun dazu beitrug, eine politische Ränke-Lawine ins Rollen zu bringen.
Gegenwärtiges im Oktober im Jahr 881
»Adellinda, steht auf. Heute ist Euer großer Tag«, weckt mich Ludmilla, meine liebe Amme, unsanft aus meinem Dämmerschlaf.
Das Licht fällt nur spärlich durch die weitentfernte Tür am Eingang des Langhauses. In der Mitte des Gebäudes knistert bereits ein angenehmes Feuer im Kamin. Nichtsdestotrotz kuschle ich tiefer in die Wolldecke hinein, um die Nestwärme noch etwas länger zu genießen.
»Hopp, hopp, das Brautgewand geht nicht von selbst zur Zeremonie. Ihr müsst schon hineinsteigen. Jedoch erst, wenn ihr blitzblank seid«, sagt sie und zieht die Wolldecke mit einem Ruck von meinem Leib.
Widerwillig und fröstelnd strecke ich meine Glieder, dann erhebe ich mich vom Schlaflager. Sobald ich stehe, scheucht mich Ludmilla durch den Gang, hinüber zum Badhaus, wo gerade eine Magd warmes Wasser in einen Holzbottich schüttet. Es dampft in der kühlen Morgenluft.
»Los, hüpf schon rein«, fordert Ludmilla mich auf und zerrt bereits an meinem Unterkleid, um es mir auszuziehen.
Kaum bin ich in den Bottich gestiegen, greift sie zu Seife und Bürste und schrubbt damit rücksichtslos über meine weiße Haut, bis sie sich rötet.
»Nicht so fest, oder willst du meinen Zukünftigen glauben lassen, ich hätte die Krätze«, sage ich schnaubend und fahre mit der Hand über die gereizten Hautstellen.
»Ihr müsst mit dem Brautkleid um die Wette glänzen. Eure weißen Glieder müssen strahlen für die Hochzeitsnacht«, erwidert Ludmilla und schrubbt eifrig weiter.
Einzelne Locken ihres Haares rutschen dabei unter ihrem Kopftuch hervor und wippen bei jeder Bewegung lustig mit. Ich entdecke darin die ersten grauen in ihrem ansonsten nussbraunen Haar. Eben wischt sie sich mit dem Handrücken über die Stirn, um eines davon wegzuschieben. Sie schnauft laut vor Anstrengung.
Im Langhaus ist schon reges Treiben. Ich höre die ansonsten ruhige Stimme meiner Mutter hektisch von dort herüberschallen. Sie treibt das Gesinde und meine Schwestern hart an, damit für den Empfang des Bräutigams und die Zeremonie alles rechtzeitig fertig wird.
Mich schaudert. Nicht über den Gedanken, dass ich heute einen wildfremden Mann heiraten werde, eher vor der bevorstehenden Nacht. Ich weiß nicht viel über den Vollzug der Ehe. Nur das, was man in einem großen Haus, wo alle unter einem Dach leben und schlafen, eben hört oder sieht. Bruchstücke, nichts weiter.
»Darüber spricht man nicht«, hat Telse, meine Mutter gesagt, als ich sie kürzlich danach gefragt habe. »Deine Pflicht ist es, Kinder zu gebären, nicht, zu wissen, wie man sie macht. Darum kümmert sich dein Ehegatte. Sei nur liebreizend und bleib keusch, dann wird dir eine reichliche Morgengabe gewiss sein.«
Dabei blickte sie von ihrer Stickerei auf, an der sie arbeitete. »Die Morgengabe«, so erklärte sie mir, »ist der Ausgleich zur Hingabe deiner Jungfräulichkeit und zeitgleich die Vorausgabe für dich als Ehefrau, falls dein Mann vor dir sterben sollte. So wirst du vor der Mittellosigkeit bewahrt werden.«
Telse lächelte aufmunternd, als sie meinen erschreckten Gesichtsausdruck sah. »Keine Angst, ihr beide werdet bestimmt ein langes Leben haben.«
Selbst wenn Telse lächelt, umspielt stets ein Hauch von Traurigkeit ihre Lippen. Das liegt am natürlichen Schwung ihrer Mundwinkel, die stark nach unten weisen. Die großen braunen Augen, die wie ein scheues Reh blicken können, tun ihr Übriges dazu. Selbst nach den Geburten ihrer fünf Kinder ist sie eine unglaublich schöne Frau. Das dunkle lange Haar trägt sie zu einem festen Zopf am Hinterkopf geflochten, was ihre hohe Wangenpartie besonders gut zur Geltung bringt.
Die Leute sagen, dass meine vier Jahre jüngere Schwester Rathild und ich ganz nach ihr kämen. Abgesehen von dem markanten Grübchen am spitzen Kinn, das uns beiden fehlt.
Bevor meine Mutter sich wieder ihrer Stickerei zuwendete, erhob sie mahnend ihren schlanken Zeigefinger und fügte hinzu: »Einen Rat, Kind, möchte ich dir jedoch mit auf deine Reise geben. Hüte dich vor schicksalhafter Liebe. Sie bringt nur Unglück. Sei eine demütige Ehefrau und eine geschäftige Hausherrin, egal was das Schicksal für dich bereithält.«
Ich zittere. Ob vor Kälte, vor Aufregung oder vor dieser mahnenden Erinnerung vermag ich selbst nicht zu sagen. Ludmilla jedenfalls bemerkt mein Frösteln. Lächelnd wickelt sie mich in ein Leintuch. Der Magd gibt sie ein Zeichen, ihr das frisch gewaschene Unterkleid zu reichen, das diese über dem Arm bereithält.
Der Duft von Ascheseife und Herbstfrische steigt mir in die Nase, als ich mich ungeschickt hineinbemühe.
»Ich stecke fest«, jammere ich kindhaft, woraufhin Ludmilla laut lacht und mir zur Hand geht.
»Oh, kleine Adellinda,« flüstert sie, als mein Kopf durch die Halsöffnung zum Vorschein kommt. Ihre blauen Augen blicken zärtlich. Ich meine darin für einen winzigen Moment den Glanz von Tränen zu sehen. Dann strahlt sie mich an. »Freut Euch, Ihr heiratet einen Erbgrafen, der im Dienste der Kirche steht. Er ist bestimmt ein gottgläubiger und treuer Mann. Zudem liegt das nördliche Elsaz nicht weit von Burcheim entfernt. Gewiss könnt Ihr Eure Eltern und Geschwister oft besuchen.«
Ich blicke betreten zu Boden und frage leise: »Was ist, wenn er mich nicht mag? Wenn ich ihm nicht gefalle? Er hat mich doch noch nie gesehen.« Ich schweige einen Moment, bevor ich anmerke: »Und ich ihn ebenfalls nicht.«
Ludmilla legt einen Finger unter mein Kinn, hebt meinen Kopf an und blickt mir fest in die Augen. »Ihr seid wunderschön und erstrahlt in der Blüte Eurer dreizehn Jahre. Alles ist da, wo es sein soll«, dabei tippt sie mir mit dem Finger auf die Nase. »Eure Haut, blass wie der Schein des Mondes. Euer Haar glänzt wie schwarzes Gold. Und wenn Ihr lacht, dann geht die Sonne auf. Wer, bitte schön, könnte Euch nicht mögen?«
Ich lächle schüchtern, bevor ich ausspreche, was mich wirklich beschäftigt. »Ich weiß nicht, was ich…«, ich zögere kurz, bevor ich weiterspreche, »heute Nacht tun muss, um Kinder zu kriegen.«
Ludmilla errötet über meine Direktheit. Sie schweigt einen Moment, bevor sie ausweichend antwortet: »Da müsst ihr nichts weiter tun. Die Götter werden entscheiden.« Dann zupft sie geschäftig die Falten meines Unterkleids zurecht.
Ausflüchte, oberflächliche Antworten, nichts weiter. Die Erwachsenen glauben immer noch, dass ich ein kleines Mädchen und für die Wahrheit zu jung wäre. Doch für die Heirat bin ich es anscheinend nicht!
Ich habe das Gesinde im Pferdestall reden hören. Eberhard sei der Kirche, aber sicher nicht den weltlichen Frauen zugetan. Er sei ein Erbgraf, aus der Blutlinie der Etichonen stammend, und somit der nächste Graf der Nordgowe. Besäße jedoch bereits die Eigenrechte der Abtei Lure und damit viele Ländereien und Ortschaften links sowie rechts vom Rhein. Er sei ein reicher Mann und brächte meinem Vater mit Sicherheit einen entsprechend hohen Muntschatz ins Haus.
»Bestimmt so vierzig Goldmünzen«, schätzte einer der Pferdeknechte.
»Vielleicht auch dreihundert! Adellinda ist reif für ihr Alter und hübsch«, überbot ein anderer grienend.
»Oh, ihr Mannsbilder! Für euch spielt nur Geld eine Rolle«, schimpfte eine Magd, die sich ebenfalls im Stall aufhielt. »Fränkische Enkelkinder wird es geben, und die sind dann von adligem Geblüt. Das kommt der Familie grade recht«, merkte sie geifernd an, woraufhin alle zu johlen begannen.
Doch was das Gesinde noch brennender interessierte, war die Frage, warum dieser Eberhard ausgerechnet in die Mortenau einheiraten wollte. Doch fanden sie keine plausible Antwort darauf.
»Wo seid Ihr nur mit Euren Gedanken, Adellinda? Ich komme mir vor, wie in Stein gemeißelt. Nun schlüpft rasch in Euer Brautkleid hinein«, holt mich Ludmilla in die Gegenwart zurück.
Sie hält ein helles Leinenkleid mit cremefarbenen Damast-Einsätzen in die Höhe, dessen Säume mit Borten aus feinem Golddraht verziert sind. Ich erkenne das Brettchenmuster wieder als jenes, welches meine Mutter gestickt hat. Noch nie habe ich etwas Schöneres besessen als dieses Brautgewand.
»Ihr werdet eine hübsche Braut sein«, sagt Ludmilla, »aber nur, wenn Ihr endlich hineinschlüpft. Eilt Euch, schließlich muss ich eure glatten Haare mit dem Eisen zu Locken drehen. Das trägt Frau von Welt jetzt so. Ihr wollt doch bestimmt einen guten ersten Eindruck bei Eurem Zukünftigen machen.«
»Natürlich!«, antworte ich begeistert und freue mich über die Aufmerksamkeit, die mir meine liebe Amme am heutigen Tag zuteilwerden lässt. Aus einem kindlichen Impuls heraus sage ich: »Ludmilla, du bleibst für immer bei mir!«
Ein Schatten legt sich auf ihr Gesicht. Ein Schatten, als würde sie sagen: »Das würde ich sehr gerne, liebes Kind. Doch mit dem Ehevertrag steht Ihr fürderhin unter dem Schutz Eures Ehegatten, nicht länger unter dem Eures Vaters. Ich jedoch stehe weiterhin in seinem Dienst.«
»Du bleibst doch meine Amme, oder?«, frage ich mehr ängstlich als hoffnungsvoll.
Anstelle einer Antwort lächelt sie stattdessen wehmütig. Dann tippt sie mit dem Finger auf meine Brust, auf die Stelle des Herzens. »Du wirst mich immer hier drin finden, Adellinda.«
Dann schüttelt sie diesen innigen Moment ab und duldet keine weitere sentimentale Unterbrechung mehr. Bestimmt, beinahe ungestüm, stülpt sie mir das Hochzeitskleid über den Kopf.
Derweil trippeln kleine Füße über den Boden. Es ist Edigna, meine dreijährige Schwester. Sie strahlt über das ganze Gesicht, sodass die Sommersprossen zu hüpfen scheinen. Näschen und Wangen sind von der Kälte gerötet. »Ali, guck. Blumen für den Kranz«, verkündet sie stolz und streckt mir das Körbchen entgegen, das mit bunten Herbstblumen, Kräutern und Beeren gefüllt ist.
Liebevoll streichle ich über den blonden Struwwelkopf. »Die sind aber schön. Das wird bestimmt ein wundervoller Kranz für mein Haar.«
Ich schaue mir den Inhalt genauer an, da fällt mir ein Ästchen auf, an dem schwarze und grüne Beeren hängen. Ich fische es heraus und belehre sie: »Tollkirsche. Die lassen wir lieber weg. Alles von ihr ist gefährlich. Was hat uns Mutter über giftige Pflanzen beigebracht?«, will ich wissen.
Edigna runzelt nachdenklich die Stirn. Als sie die Lösung zu kennen scheint, erhellt sich ihr Gesicht: »Hände waschen!«
»Genau, du schlaues Kind«, antworte ich mit einem Augenzwinkern und gebe ihr einen liebevollen Klaps auf den Po. »Nun lauf und wasch deine Hände.«
Ohne weitere Umschweife setzt sie sich in Bewegung und trippelt in Richtung Badhaus davon.
Zukünftiges
Ich falle. Falle weiter in die Tiefe. Aus dem Chaos meiner düsteren Gedanken erwacht allmählich der dämmrige Morgen. Noch sehe ich unzählige Sterne am Himmel stehen. Ihr Licht glänzt schwach. Verblassende Mahnmale für unzählige Möglichkeiten, sein Schicksal zu lenken. Ich habe meines gewählt. Die Sonne legt bereits zarte Pastelltöne über das graue Firmament. Doch noch leuchtet der silberne Mond dort oben sanft. Wir teilen dasselbe Los, sind allein unter vielen. Ihm werde ich folgen, gleich, wo er sich befindet. Er erwärmt mein kaltes Herz. Erfüllt mich mit Erinnerung und Hoffnung. Lichtblicke.
Vergangenes
Die Zeremonie der Hochzeit fand im Haus meiner Eltern im Kreis meiner Sippe statt. Mir stand ein Mann gegenüber, der älter wirkte, als er im Grunde war. Sein Bauch bekam bereits einen Ansatz, den auch die breite blaue Schärpe, die er umgebunden hatte, nicht mindern konnte. Sein Blick wirkte gleichmütig, beinahe desinteressiert, denn er würdigte mich nur eines schnellen, abschätzenden Blickes. Es schien, als hätten ihm die sechsundzwanzig Jahre seines Lebens jegliche Wärme aus seinem Herzen entzogen. Oder die Haare ausfallen lassen, denn er trug nur einen Kranz aus braunen kurzen Haaren. Das bisschen Deckhaar, das ihm geblieben war, trug er von links nach rechts über dem kahlen Schädel gescheitelt. Jedoch verstand dieser Mann geschickt, die Blicke seiner Gegenüber von dem Spärlichen abzulenken, indem er stets an seinem dicken Zwirbelbart drehte.
Gegenwärtiges im Oktober im Jahr 881
Die große Hand meines Vaters ruht auf meiner Schulter, als er feierlich zu sprechen beginnt: »Ich, Burchard, alamannischer Herr des Adelshofs Burcheim in der Mortenau, Vater von Adellinda und somit ihr weltlicher Vormund, übergebe Euch, Eberhard, Erbgraf der Nordgowe im Elsaz, meine jungfräuliche Tochter zur Ehegattin. Adellinda steht von nun an unter Eurem Schutz. Ihr tragt künftig Sorge für sie und für die Nachkommen, die ihr zeugen werdet.«
Wie um seine Worte zu unterstreichen, schiebt er mich näher an den Grafen heran. Ich knickse leicht, halte meinen Blick jedoch gesenkt, wie es sich laut höfischer Sitte gehört.
Der Graf kommt auf mich zu, zögert einen Moment, bevor er dann beabsichtigt auf meinen Fuß tritt und sagt: »Ab diesem Zeitpunkt, Gräfin Adellinda, steht Ihr unter meinem Pantoffel.«
Er winkt einen seiner Brautmänner heran und lässt sich einen mitgebrachten Wollmantel geben. Diesen wirft er mir über die Schultern und spricht weiter: »Ab nun werde ich Euch, als Euer Ehegatte, unter meinen Schutz stellen.«
Er winkt einem weiteren Brautmann, der ihm nun ein Schwert reicht. Mit diesem wendet er sich an meinen Vater. »Euch, Vater der Adellinda, händige ich dieses Schwert aus. Es steht für Satisfaktion der Ehre oder des Bündnisses unserer Geschlechter, je nachdem, ob das Bettlaken morgen früh blutig ist.«
Mein Herz schlägt nach diesen Worten bis zum Hals. Warum sollte das Bettlaken blutig sein? Meine letzte Blutung war letzte Woche. Von wessen Blut ist die Rede? Ach, hätte doch nur jemand mit mir gesprochen. Nun habe ich Angst und meine Gedanken überschlagen sich. Würde ich verletzt werden? Oder würde ich gar meinem Ehegatten ein Leid zufügen müssen? Ich hatte noch nie in meinem Leben jemandem absichtlich weh getan. Wie sollte ich das tun können.
Um unsere Zusammengehörigkeit zu demonstrieren, ergreift Eberhard meine Hand und reißt sie in die Höhe, woraufhin alle Versammelten in Jubel ausbrechen. Ein deutliches Zeichen für meinen Vater, die Festlichkeiten beginnen zu lassen.
»Spielt auf, Musikanten! Wir wollen feiern!«, ruft er in die Runde und lädt seine Gäste mit einer ausschweifenden Geste zum Festmahl an den reich gedeckten Tisch ein. Es wird gegessen, noch ausgelassener getrunken.
Nur meine beiden Brüder Dankrad und Liebwin halten sich zurück. Sie werden später den Brautlauf und mich in mein neues Zuhause begleiten, worüber ich ausgesprochen froh bin.
Dankrad ist der Ältere von beiden. Er ist siebzehn und hat bereits seine eigene Familie gegründet. Zusammen mit seinem Eheweib Hulda und seinem kleinen Sohn lebt er in einem eigenen Haus auf dem Burcheimer Adelshof.
Vater zu sein, fällt ihm leicht, denn früher, als er dünn, wie eine Bohne war, hat er bereits auf uns Geschwister aufgepasst. Mittlerweile ist er ein Hüne, ein kräftiger Bauer und geschickter Kämpfer.
Hulda ist ein liebevolles Geschöpf und versteht sich auf Heilkräuter. Wenn jemand aus unserem Stamm ein Leiden oder Gebrechen hat, dann sucht derjenige ihren Rat. Viele Leute sagen ihr seherische Fähigkeiten nach und nennen sie »Liebling der Götter«.
Gerade kommt sie auf mich zu. Ihre erhitzten Backen leuchten mit dem roten Haar um die Wette. Mit strahlenden Augen und einem fröhlichem Lächeln im Gesicht, streckt sie mir die Hände entgegen. »Komm, lass uns tanzen.«
Ich sehe fragend zu meinem Ehegatten hinüber. Der nickt nur und widmet sich wieder dem Gespräch, das er mit meinem Vater führt.
Leichtfüßig tanzen wir im Kreis, so lange, bis uns die Luft ausgeht. In einer kurzen Pause drückt Hulda mir ein kleines Amulett in die Hand. Sie flüstert mir ins Ohr: »Ein Liebeszauber für dich und deinen Gatten. Füge nur eine Locke seines Haares hinzu und dann trage es. Er wird die Augen nicht mehr von dir lassen können.«
Sie greift in ihren üppigen Ausschnitt und zieht ein ähnliches Amulett heraus. Dabei lächelt sie verschwörerisch und deutet mit dem Kopf zu Dankrad hinüber. »Es wirkt!«, bestätigt sie.
Der lehnt gelassen an einem Holzpfosten des Langhauses. Sein Blick wandert durch die Menge, bis er Hulda entdeckt. Er lächelt zufrieden, löst sich vom Pfosten und geht gemächlich auf sie zu.
Bei uns angekommen, nimmt er ihre Hand und zwinkert mir zu. »Liebes Schwesterchen, gönnt mir einen Tanz mit meinem wunderschönen Eheweib.«
Ich grinse und deute einen eleganten Hofknicks an. »Nur zu. Sie ist die Deine!«
Während ich den beiden zuschaue, gesellt sich Liebwin zu mir. Er stupst mich an. »Na, fränkische Gräfin. Wie geht es dir?«
Liebwin ist fünfzehn. Er sieht aus wie sein Bruder. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Nur ist er nicht so groß wie Dankrad und bei weitem nicht so stark. Doch dafür ist er der Schlauere von beiden. Alles, was er tut, tut er mit Köpfchen.
