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Anhand von meist heiteren, mitunter auch nachdenklich stimmenden Erfahrungen an sich sowie Freunden und Bekannten versucht der Autor herauszufinden, ab wann man alt wird und ob man es mit 86 schon ist.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2021
Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
2021 Ulf Häusler
Alt werden und alt sein
ISBN Paperback:
978-3-347-39334-9
ISBN e-Book:
978-3-347-39335-6
Cover-Gestaltung: Regina Häusler
www.art-regina-haeusler.de
Technisches Layout: Jochen Zeller
1. Auflage
© 2021 Ulf Häusler
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40 - 44
22359 Hamburg
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ULF HÄUSLER
ALT WERDEN UND ALT SEIN
Eine heitere und manchmal nachdenkliche, in jedem Fall höchst subjektive Betrachtung über das Alter
Für Regina, die soeben dabei ist, mit mir älter und irgendwann auch mal alt zu werden und für unsere Töchter Sandel und Linde, die ihren Vater geduldig ertragen sowie für Julian, der seinen Großvater bisweilen so anschaut, als ob der Kalk schon aus den Hosenbeinen rieselt…
Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Der Mensch altert ab seiner Geburt
- Wenn Du alt bist und eine Brille trägst…
- Midlife-Crisis
- Das Liebesleben ab 40
- Alt mit 40? Eine Frage des Standpunkts
- Da wurde einer nachdenklich…
- Mehr als Halbzeit – ich werde 50
- Mia Carissima Antiqua
- Sich alt fühlen, ohne alt zu sein
- Mein alter Chef wird 50
- 2. April 1995
- Plötzlich Senior?
- Ein tolles Angebot – aber schon zu alt?
- Mit 62 schon zu alt für den Job?
- Man lernt niemals aus – mein erstes Laptop
- Berufsende – eine Zäsur?
- Was man als rüstiger Alter alles tun kann
- Man muss nicht mehr alles mitbekommen…
- Doppelter Blick
- Ein Hobby sollte man haben
- Reisen bildet
- Wenn man mit 50 morgens aufwacht…
- Poly…dingsbums und ein erstes Ersatzteil
- Was eine Wiese mit einer Hüfte zu tun hat
- Die Freunde werden weniger…
- Kleine Rempeleien
- Unschärfe
- Manchmal ist man ‚schlecht drauf‘
- Wenn man schon leicht angejahrt von einer Reise zurückkehrt
- Pflege nach Gefühl?
- Wenn ein neues Auto fällig ist
- Ein Notebook bietet Überraschungen
- Rauchen macht alt
- Corona verändert alles?
- Alt werden und alt sein bis zum Ende…
- Statt eines Nachworts
Vorwort
Wann ist ein Mensch eigentlich alt? Mit 60, mit 65, irgendwann zwischen 70 und 80 oder gar erst mit 90 Jahren und mehr? Ist man so alt, wie man sich fühlt?
Ist man alt, weil man (manchmal, zum Glück nicht immer) mit den neuesten Errungenschaften der Digitalisierung nicht so ohne weiteres zurechtkommt? Ist man alt, wenn die Kinder aus dem Haus gehen? Oder erst, wenn die Enkelkinder anfangen, das Gymnasium zu besuchen? Ist man alt, wenn man morgens aufwacht und es „zwackt“ einen an der einen oder anderen Stelle?
Mit solchen Fragen könnte ich mühelos noch ein paar weitere Seiten füllen, ohne zu einer plausiblen Antwort zu gelangen.
Gut – aus meiner Sicht gibt es ein paar untrügliche Zeichen, dass man alt ist. So wird z. B. niemand ernsthaft bestreiten, dass die alte Dame, der alte Herr, die ihren 100.en Geburtstag feiern, alt sind. Kluge Menschen nennen das aber nicht „alt“, sondern „hochbetagt“. Was ja sehr viel netter klingt, als wenn man die 100-Jährige eine Greisin nennen, oder den 100-Jährigen als Greis bezeichnen würde. Was aber nur damit zusammenhängt, dass das Wort „Greis“ einen recht beachtlichen Bedeutungswandel durchlaufen hat, was man daran merkt, dass anno 1764 dem berühmten Philosophen Immanuel Kant anlässlich seines 60. Geburtstages der Ehrentitel „verehrter Greis“ zuteilwurde. Würde man heute jemanden in dem Alter als Greis titulieren, käme das womöglich einer justitiablen Beleidigung gleich.
Oder ist so eine Jahreszahl gar kein echtes Indiz für das Alter? Ich fürchte allerdings, dass dem letztendlich wohl doch so ist. Nur kommt es darauf überhaupt an? Ist nicht viel entscheidender– sofern man einigermaßen gesund geblieben ist – ab wann man sich alt fühlt.
Mir sind in meinem nunmehr 86-jährigen Dasein Menschen begegnet, die schon mit 30 alt waren – sowohl in ihren Ansichten als auch in ihrem Aussehen und vor allem auch in ihren Verhaltensweisen. Andererseits kenne ich einen 90-Jährigen, der geistig so aufgeschlossen ist, dass er manch 50-Jährigen locker vor Neid erblassen lässt. Und nun?
Ich werde mich sicherheitshalber nicht auf das Glatteis begeben, und irgendwelche Messlatten anhand geben, wann man alt ist, auch nicht für das genannte altwerden und altsein.
Aber ich werde ein wenig aus der Schule plaudern, wie es mir so ergeht und ergangen ist. Übrigens: Weil es mich altersgemäß (?) schon mal hie und da ein wenig zwackt und ich dann zu meiner Frau sage „ich glaube, ich werde alt“, tröste ich mich mit ihrer Antwort: „Stell Dich nicht so an. Du bist noch nicht alt.
Du siehst jünger aus als Du bist, sitzt nicht im Rollstuhl aber jammern? Schäm Dich.“
Und so schäme ich mich bisweilen – aber nur ein klitzekleines bisschen.
U. H.
Der Mensch altert ab seiner Geburt
Es war die Nacht vom 1. auf den 2. April anno 1935.
Mein Erzeuger – ich war da ja zunächst noch nicht geboren, deshalb war er noch nicht mein Vater – hatte sein holdes Eheweib und sehr bald somit meine Mutter, am Spätvormittag ins Krankenhaus gefahren. Und das voller Stolz mit seinem eigenen Auto, einem NSU Fiat, den er seit kurzem sein Eigen nannte. Wobei nicht überliefert ist, auf was bzw. auf wen er stolzer war – auf seine nunmehr – bald, sehr bald – zwei Kinder oder das Auto, das er im Jahr zuvor gekauft hatte. Eine wahre Sensation in der Siedlung in der er mit seiner kleinen Familie damals lebte. Er hatte daselbst von allen Bewohnern das dritte Auto. Eins hatte ein Herr Striebig, seines Zeichens Vermögensberater einer sehr, sehr reichen Witwe, das andere fuhr ein Herr Schulze in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Städtischen Werke des nordhessischen Kreisstädtchens. Mein (noch nur) Erzeuger war nunmehr dergestalt in der Hautevolee des Ortes angekommen.
Ich gebe es unumwunden zu – das alles hat eigentlich noch nichts mit dem Alter zu tun. Oder doch?
Mein Erzeuger hatte sich seiner ‚Bonnie‘, wie er seine Frau immer charmanter Weise nannte, offenbar rund 9 Monate zuvor so liebevoll gewidmet, dass diese Begegnung nicht ohne Folgen geblieben war – sie wurde zum 2. Mal schwanger und hoffte inständig auf ein Mädchen, weil das erstgeborene Kind schon ein Junge war und sie der Meinung war, es sei Zeit, in puncto Ausgewogenheit der Geschlechter im Hause Häusler wieder Parität herzustellen.
Abgesehen von diesem Herzenswunsch, der leider dann doch nicht in Erfüllung gehen sollte, trieb die Hochschwangere aber noch eine ganz andere Sorge um – sie fürchtete das Datum der Geburt ihres zweiten Kindes. Ob März oder April war ihr dabei herzlich gleichgültig, aber nicht das ‚drohende‘ Datum der Geburt. Nicht auszudenken, das Baby würde schon am 1. April das Licht der Welt erblicken und damit ein Aprilscherz werden.
Ihr Papa, seines Zeichens Wirtschaftsprüfer und somit ein Mann, der durch seine Profession bedingt die 4 Grundrechenarten (und noch einiges mehr) perfekt beherrschte, hatte seiner Tochter diese Fähigkeit mit auf ihren Lebensweg gegeben. Zwar hatte er der Fähigkeit ein wenig pädagogisch nachgeholfen, als er ihr bereits in ihrem fünften Lebensjahr das Rechnen beizubringen versuchte und, da dem kleinen Mädchen es noch ein wenig schwerfiel, sich zu konzentrieren, hatte er mit dem Lineal auf seinem Schreibtisch ein wenig nachgeholfen. Immer wenn die kleine Hertha-Maus – so wurde Hildegard im Alltag meist gerufen – ein wenig unaufmerksam wurde, bekam sie mit dem Lineal ein paar Klapse auf die Finger. Ob dies etwas genutzt hat, ist nicht überliefert, wohl aber wurde später bekannt, dass Hertha-‚Mäuschens‘ Mama sich an dem strengen Vater, dessen Verhaltensweise sie keineswegs als pädagogisch besonders wertvoll erachtete, auf ihre Weise rächte – sie stellte sicher, dass ihr ‚Dicker‘, wie sie ihn immer spöttelnd nannte, nur noch Gerichte vorgesetzt bekam, die er absolut nicht mochte, was sehr bald zur Folge hatte, dass die wohl doch völlig unangebrachten Klapse mit dem Lineal fortan unterblieben. Der Papa bekam wieder anständiges Essen und Hertha-Maus erlernte auch ganz ohne Klapse die 4 Grundrechenarten. Zumindest stellte das gut ein Jahrzehnt später erworbene Abgangszeugnis vom Lyceum dies unter Beweis. Vielleicht waren die erworbenen Rechenkünste aber auch genetisch bedingt, weil Herthas Großmama eine hochintelligente Frau war, die für den verstorbenen Großpapa des kleinen Mädchens (einem in ganz Europa tätigen Baumeister) die statischen Berechnungen für dessen Bauwerke erstellte.
Übrigens hatte des ‚Dicken‘ Einsichtsfähigkeit noch eine angenehme Begleiterscheinung für ihn: Er durfte nunmehr jeweils am Tage zuvor bestimmen, was es am nächsten Tage zu essen geben sollte. Das Bäuchlein wurde daraufhin zwar noch ein wenig runder, aber er zeigte sich auch durchaus einsichtsfähig, als er zur Überraschung seiner Alli eines Tages verkündete: „Morgen essen wir mal fleischlos. Liebling, mach uns bitte eine Gans.“
Hertha, längst erwachsen, obendrein inzwischen verehelicht und nun ihr zweites Kind erwartend, hatte schon vor Monaten begonnen, auszurechnen, wann dieses das Licht der Welt erblicken würde. Nur musste sie zu ihrem großen Bedauern feststellen, dass alle Berechnungen darauf hinwiesen, dass es in der letzten März- oder der 1. Aprilwoche soweit sein müsse. Der die werdende Mutter betreuende Gynäkologe wusste es auch nicht besser zu berechnen und so lebte sie voll größter Sorge, demnächst die Familie um einem Aprilscherz zu bereichern. Angeblich nahm die Anzahl ihrer stillen Gebete zu. Immer im Wechsel, dass es ein Mädchen werden möge und bitte nicht am 1. April. Da sie evangelisch war, wurde die Jungfrau Maria nicht bemüht.
Und nun war es soweit. Es sprachen alle Anzeichen dafür, dass ihr Kind am 1. April seinen ersten Schrei tun würde. Die Mutter war schier am Verzweifeln und lamentierte allen Schwestern, der Hebamme und selbstredend auch dem Doktor die Ohren voll, sie wolle auf gar keinen Fall, einem Aprilscherz auf die Welt verhelfen. Anfangs waren alle über die junge Frau amüsiert, aber schließlich merkten sie doch, dass sie es ernst meinte – bitterernst sogar.
Nun, eine Geburt kann man nicht mal eben so zeitlich ein wenig verschieben. Beschleunigen – ja das geht schon. Aber verzögern?
Die werdende Mama hatte Glück. Die Wehen zogen sich nämlich in die Länge, die gesamte Geburt verlief so eher zögerlich. Sie litt ziemlich unter der Geburt am 1. April, aber das letzte, was sie wohl bewusst wahrgenommen hatte, bevor das Kind geboren wurde, war die große Wanduhr im Kreißsaal – sie meinte sich später zu erinnern, dass sie 23.45 Uhr anzeigte.
Endlich, endlich – das Kind hatte das Licht der Welt erspäht, sah ziemlich schrumpelig aus – keineswegs aber schon alt - meine Mutter war glücklich über den kleinen Schreihals, der nun unten rum doch ganz anders aussah, als von ihr erhofft.
Als sie erschöpft in ihrem Bett lag, noch mitten in der Nacht, fragte sie die Schwester ganz zaghaft, wann ihr Sohn geboren wurde. Die Antwort war für meine Mutter höchst erleichternd:
„Am 2. April um 0.30, Frau Häusler.“
Allerdings registrierte meine Mutter auch, dass die Schwester dabei grinste.
Gleich bei der Frühvisite fragte sie den Arzt, der ihr die Geburtsstunde lächelnd bestätigte.
„Warum grinsen sie so komisch? Haben sie etwa gemogelt, weil ich wegen des 1. April so gejammert habe?“
„Aber liebe, verehrte gnädige Frau – niemals würden wir hier in der Klinik mogeln.“ antwortete er – ebenfalls grinsend wie in der Nacht schon die Schwester gegrinst hatte.
Übrigens hat sich mein Vater erst am nächsten Morgen blicken lassen. Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, platzend vor Stolz, einen zweiten Sohn gezeugt zu haben. Fairerweise muss man hinzufügen, dass es damals absolut unüblich war, dass der Ehemann bei der Geburt eines Kindes dabei war. Meine Mutter war ihm deshalb auch nicht gram. Sie kommentierte das Ereignis knapp zusammengefasst:
„Nun habe ich drei Schreihälse im Haus.“
Etwas irritiert war sie allerdings, als er, seinen zweiten Sohn begutachtend meinte, dieser sähe arg faltig aus. Dann aber beruhigte sich mein Vater selbst:
„Nun ja, bekanntlich altert der Mensch ab seiner Geburt. Es wird sich ja sicher verwachsen.“
Meiner Mutter reichte es nun.
„Quatschkopp. Erst mal wird er wachsen und nicht altern.“
Der anwesende Chefarzt der Gynäkologie lächelte etwas nachsichtig:
„Gnädige Frau, lieber Herr Häusler, genau genommen altert der Mensch nicht erst ab seiner Geburt. Das beginnt eigentlich schon früher: Nämlich in dem Moment, wenn die männliche Samenzelle erfolgreich in die Eizelle eingedrungen ist. Die dann entstehende Zellteilung führt direkt zum Fötus, einem kleinen Menschlein also. Und logischerweise altert bereits die befruchtete Eizelle.“
„Nun lieber Doktor haben Sie nur eins vergessen bei Ihren erlauchten Ausführungen.“
„Und das wäre, gnädige Frau?“
„Dass nicht nur der Alterungsprozess beginnt sondern zugleich somit feststeht, dass mein Junge eines Tages sogar sterben wird. Sie sind heute so ‚aufbauend, lieber Doktor:“
Der Herr Doktor schaute nun etwas betreten, fing sich aber wieder:
„Nun freuen Sie sich doch über Ihren Jungen, gnädige Frau.“
Da meine Mutter zeitlebens unter Beweis gestellt hat, dass sie nicht auf den Mund gefallen war, wenn es darauf ankam, erwiderte sie, den Herrn im weißen Kittel frech anlöcheld:
„Tu ich doch, Sie Gemüts-Athlet.“
Mein Vater hat später tatsächlich behauptet, der Arzt hätte aus Wut über seine freche Frau ein um 100 Mark überhöhtes Honorar in Rechnung gestellt – die ärztliche Gebührenordnung für Privatpatienten soll dies seinerzeit angeblich ermöglicht haben.
Ich bin nun leicht verunsichert, weil ich ja bei der Geburt eigentlich schon 9 Monate alt war. Oder sehe ich da etwas nicht ganz richtig?
Wenn Du alt bist und eine Brille trägst…
Irgendwann hatte ich mal das Alter erreicht, in dem man merkt, dass es zweierlei Menschen auf Erden gibt. Dass mein großer Bruder schon richtige Freundinnen hatte, war mir natürlich nicht verborgen geblieben, aber alles in allem empfand ich Mädchen vor allem als doof und zickig. Und so ganz nebenbei registrierte ich dann auch noch, dass die jungen Damen ganz schön Ärger machen konnten – zumindest meinem Bruder. Der hatte im Laufe von ein bis zwei Jahren drei Freundinnen – alle drei hinreißende Erscheinungen, und mein Bruder war – zeitweilig – heftig verliebt. Was zur Folge hatte, dass meine Eltern ihm unter den albernsten Gründen den Umgang mit der jeweils Angebeteten untersagten. Und der parierte tatsächlich ganz brav.
Kurze Zeit später musste ich mich dann quasi zwangsläufig mit Mädchen auseinandersetzen – ich wurde nämlich in die Tanzstunde geschickt. Ich fand das damals noch ziemlich doof. Nicht etwa, dass ich in puncto des weiblichen Geschlechts geistig zurückgeblieben war. Ich hatte immerhin die Jahre 1943 – 1945 – zusammen mit meinem Bruder evakuiert - auf einem Dorf gelebt und da nicht nur gesehen, was bei Hunden, Kühen und Pferden so passierte, sondern auch mal Anschauungsunterricht gehabt, als wir damals 9-jährigen Jungs eines Tages heimlich still und leise beobachteten, wie ein HJ-Führer sich in einer Scheune mit einem BDM-Mädel vergnügte. Kurzum, als die Tanzstunde begann, war ich bereits aufgeklärt. Zumindest was den Teil der ‚menschlichen Annäherung‘ betraf.
Da ich das Alter, in dem ich ca. 40 Bände von Karl Max verschlungen hatte, hinter mir hatte und stattdessen mehr und mehr die Romane der elterlichen Bibliothek bevorzugte, kamen da auch immer mal Szenen vor, in denen sich Männlein und Weiblein sehr innig einander zuwandten, was mir durchaus imponierte. Einen Höhepunkt meiner literarischen Studien bildete da der Roman von D. H. Lawrence ‚Lady Chatterley‘. Solchermaßen gerüstet begann die Tanzstunde damit, dass wir jungen Herren erst einmal Unterricht darin bekamen, wie man sich einer jungen Dame auf dem Tanzparkett mit Anstand näherte. Was dann aber offenbar nur wenig genutzt hatte, denn als wir Jungs zum ersten Mal auf die Mädchen losgelassen wurden, stellte sich heraus, dass eins der Mädchen wirklich besonders hübsch war. Zwar saßen die jungen Damen alle in einer Reihe, wir Jungs durften stehen – auch in einer Reihe, aber dass die alle anderen Mädels ausstach, war offenkundig. Es handelte sich um Helga L., liebreizende Tochter eines Verlegers. Der Tanzlehrer gab das Signal, nun eine der jungen Damen aufzufordern.
Dessen Erziehungsbemühungen waren samt und sonders vergessen – alle Jungs rannten so schnell wie möglich in Richtung Helga, vor ihr entstand ein fürchterliches Gedrängel, einer der Jungs ging sogar zu Boden und Helga wurde puterrot vor Verlegenheit.
Ich hatte mich übrigens nicht an dem Spurt beteiligt, nicht weil ich so tugendsam gewesen wäre, sondern weil ich zu weit weg stand.
Meine Dame wurde – so stellte sich später heraus – die Tochter eines Landwirts, sogar adlig Das Fräulein war eine Freiin Jutta W. v. G.
Sie war nicht besonders hübsch, dafür aber angemessen ‚griffig‘ Sie war eigentlich ganz nett, man konnte sich recht gut mit ihr unterhalten, aber ich war kein bisschen verliebt in sie. Wir absolvierten brav die vielen Trainingsstunden und am Schluss der Tanzstunde machten wir sogar den zweiten Preis im Abschlussturnier. Wobei ich uns keineswegs als besonders gut empfand – vielleicht war der 2. Preis auch der adligen Herkunft geschuldet.
Dass Jutta in mich heftig verliebt war, konnte ich schwerlich übersehen, aber ich fühlte ihr gegenüber so gut wie nichts. Und so war das erste Kapitel dieser Form ‚zwischenmenschlicher Beziehungen‘ für mich mit dem Abschlussball beendet.
Übrigens habe ich sie viele Jahre später mal auf der Straße getroffen – wir erkannten uns beide und sprachen ein wenig – wir waren beide verheiratet, sie hatte drei Kinder, ich war Vater zweier Mädchen. Dass sie bei unserer Begegnung ein wenig rot wurde, habe ich mir aber sicher nur eingebildet.
Eine Weile später war ich dann zum ersten Mal in meinem Leben verliebt. Eine hübsche Rothaarige, ich hatte sie auf einem Tennisplatz erspäht und hatte es mit viel List und Tücke hinbekommen, dass sie meine erste richtige Freundin wurde. Aber mehr als ein bisschen rumknutschen war da nicht. Und ich war mächtig enttäuscht, dass sie sich nach etwa vier Wochen wieder von mir trennte. Wir waren gleichaltrig, gingen beide in die Obersekunda, sie auf einem Mädchengymnasium, ich auf einem für Jungen. Was damals noch die Norm war. Ich war damals stinksauer, aber sie ‚ging‘ jetzt mit einem Studenten, den sie über die Studentenverbindung ihres Vaters kennengelernt hatte – da konnte so ein Obersekundaner schlecht mithalten. Nun, der Trennungsschmerz war auszuhalten, ich war wohl vor allem aus verletzter Eitelkeit so enttäuscht.
Ich hatte dann noch zwei weitere Freundinnen – jeweils für 14 Tage bis 4 Wochen und hatte anschließend erst einmal die Nase voll von Mädchen.
Und dann passierte es, dass ich richtig verliebt war. Und zwar so, dass es schon fast weh tat. Wenn ich an das Mädchen nur dachte, wurde mir ganz komisch – ich wusste selbst nicht so recht, was da eigentlich in mir vorging.
Angefangen hatte es eher harmlos. Ein Freund meines Bruders hatte eine ‚kleine‘ Schwester. Ich kannte sie ein wenig durch meinen Bruder. Sie klingelte eines Tages bei uns zu Hause und offenbarte mir, dass ihre Klasse eine Fete plane und sie für ihre Klassenkameradinnen noch 6 Männer brauche. Ich sagte ihr die 6 Männer zu, ich war einer davon.
Nun ja – als der Tanzabend gekommen war und ich den Ort des Geschehens betrat, sah ich ‚Sie‘ zum ersten Mal.
Sie saß halb mit dem Rücken zur Tür, aber ich konnte sie sehr gut im Halbprofil sehen. Tiefdunkle Haare, einen so zauberhaften Schnitt hatte ich noch nie gesehen. Ein anregend – nicht etwa aufregend - ausgeschnittenes Kleid, aber ganz figurnah geschnitten (einfach begeisternd schön – beides) und dann drehte sie auch noch den Kopf zur Tür und schaute mich an. Wenigstens kam es mir so vor. Ein Gesicht wie – ja, so hatte ich mir immer einen Engel vorgestellt (wieso sollen die immer blond sein?). Einfach schön. Und mit mir passierte etwas, was ich zuvor noch nie erlebt hatte – ich bekam einen kalten Schweißausbruch und dazu fürchterliches Pulsrasen, lauter Dinge also, die mir bisher völlig fremd waren und ich konnte meinen Blick nicht von ihr losreißen und sie guckte auch immer noch. Bildete ich mir ein. Was sogar gestimmt hatte – sie hat es mir später nämlich mal gebeichtet.
Natürlich war mir an dem Abend ein anderes Mädchen zugeteilt worden und ich hoffte, der auch ein einigermaßen erträglicher Tanzpartner gewesen zu sein. So ganz sicher bin ich mir da aber sogar heute noch nicht. Weil ich mich immer mal nach der hinreißenden Ursache meiner Pulsbeschleunigung umdrehen musste. ‚Sie‘ hatte meinen Freund Klaus zum Tischherrn bekommen, und ich war immer noch so aufgeregt, dass ich im Stillen hoffte, dass mir ja keiner etwas anmerkte. Zum Glück gab es auch mal eine längere Tanzpause und so konnte ich meinen Freund Klaus kurz an die Seite nehmen und ein wenig aushorchen.
„Ja, die ist richtig nett“ meinte er – bei dem schüchternen Freund Klaus wollte solch eine Aussage schon viel zu bedeuten haben. Und als dann auch noch Lothar ankam und meinte, sie sei eine ‚Klassefrau‘ und wörtlich hinzufügte: „An die mach ich mich ran!“, stand ich kurz vor der Panik.
Ich ließ die beiden stehen und ging wieder in den Saal, wo ‚Sie‘ mit zwei anderen aus ihrer Klasse an ihrem Tisch saß. ‚Jetzt oder nie‘ muss ich wohl gedacht haben, nahm all meinen Mut zusammen, ging auf den Tisch zu und fragte sie, ob sie mit mir den nächsten Tanz tanzen würde. Ein so zauberhaftes Lächeln hatte ich für eine Aufforderung vorher noch nie geerntet – fand ich wenigstens – und verfiel sofort in Hochstimmung, denn ihre Antwort lautete: „Ja, gern.“ Nicht einfach „Ja“, sondern „Ja, gern!“
Endlich ging es mit der Musik weiter, ich entschuldigte mich bei meiner mir zugeteilten Partnerin und konnte nun quer durch den Saal auf ‚sie‘ zusteuern. Dabei bekam ich noch mit, wie sie irgendeinem anderen der jungen Herren einen Korb gab und dann mit einem zauberhaften Lächeln zu mir schaute.
Endlich war ich bei ihr angelangt, machte meine Verbeugung und sagte den üblichen Satz: „Darf ich bitten?“
Jetzt konnte ich sie endlich ganz anschauen – sie war noch bezaubernder, als ich sie bisher wahrgenommen hatte. Das Kleid war – so nennt man das wohl – ein Prinzesskleid, oben ganz auf Taille und Figur und der Rockteil ganz weit geschnitten und da schauten dann ganz tolle Beine heraus – also ‚Sie‘ sah aus wie ein Starmannequin, nur das von den tollen schwarzbraunen Haaren umrahmte Gesicht war viel anmutiger als alles andere, was mir bisher über den Weg gelaufen war.
Und dann tanzten wir endlich. Ich weiß heute nicht mehr, was es für Tänze waren, obwohl ja immer drei hintereinander getanzt wurden. Ein langsamer war aber auch dabei. Und da war es dann wohl endgültig um mich geschehen. Langsame Tänze tanzt man ja ein wenig enger, und sie schmiegte sich so schön in mich hinein - wenigstens kam es mir so vor - dass mir wieder ganz warm wurde, diesmal aber vor Glück.
Ich habe keine Ahnung mehr, worüber wir damals gesprochen haben. Aber eins weiß ich noch genau, dass ich nämlich am Ende des letzten Tanzes – Lothars ‚Anmache‘ noch ganz im Ohr – all meinen Mut zusammennahm und sie fragte, ob sie morgen Nachmittag mit mir in die Gartenschau gehen wollte.
Und da hat sie mich angestrahlt und „Oh ja, sehr gerne“. gesagt.
Danach bin ich dann so ganz lässig an Lothars Tisch vorbei geschlendert: „Brauchst Dich um Klaus’ Dame nicht mehr zu bemühen, ich hab mich schon mit ihr verabredet“.
Mir war es da so vorgekommen, als ob der Lothar ein bisschen rot geworden wäre, als er nur murmelte: „So so, hätte ich Dir gar nicht zugetraut, dass Du so rangehst“. Recht hatte er – ich mir eigentlich auch nicht.
Es hat sich dann herausgestellt, dass wir beide richtig verliebt ineinander waren. Woraus dann ziemlich bald erheblich mehr wurde – ein paar Jahre später verlobten wir uns erst und haben dann geheiratet. Und leichtsinnig, wie ich war, hatte ich ihr schon wenige Wochen nach unserer ersten Begegnung mal gesagt, dass ich für immer mit ihr zusammenbleiben wollte. Und habe dann noch hinzugefügt:
„Und wenn Du mal alt und 70 bist und eine Brille trägst, lieb ich Dich immer noch.“
Bereut hab ich meine damalige Aussage nie, damals ohnehin nicht, weil sie recht liebevoll belohnt wurde. Allerdings weiß ich heute, dass an meinen Worten etwas falsch war: Mit 70 ist man nämlich keineswegs schon alt…
Midlife-Crisis
Ich war Mitte 30. Natürlich ist man da noch keineswegs alt. Oder doch? Bereits ein ganz klein wenig? Kommen da möglicherweise schon Gedanken auf, dass der beste Teil des Daseins schon vorbei sein könntet?
Wir lebten damals in Bad Godesberg. Düsseldorf und unsere kleine 2-Zimmerwohnung hatten wir endlich verlassen können. Da war es mit zwei Kindern allmählich doch arg eng geworden. Gut, die beste aller Ehefrauen (stammt von Kishon und nicht etwa von mir) hatte anno 1966 als wir dort einzogen – besser wohl gesagt einziehen mussten – eine planerische Glanzleistung vollbracht: Ein Zimmer wurde Kinderzimmer, das zweite Zimmer wurde Wohn- und Arbeitszimmer, auf dessen Sofa ich abends mein müdes Haupt zur Ruhe betten durfte und sie, die allerherrlichste auf Erden (auch Kishon) nächtigte auf einer dem Fundus ihrer Eltern entnommenen, umbaubaren Eckbank in der Küche, die zum Glück für einen solchen Umbau hinreichend groß war. Sie hatte allerdings eine Bedingung gestellt – ich musste unsern Kühlschrank auf Räder montieren, auf dass er nachts auf den Flur geschoben werden konnte, um ihre Nachtruhe nicht durch sein Gebrumm zu stören.
Dem allen war ein heftiger Kampf vorausgegangen, weil wir eigentlich Anspruch auf eine 4-Zimmerwohnung hatten, die dann aber einem (dienstälteren) Kollegen zugesprochen wurde – ohne Kinder, aber die Frau hatte behauptet, sie sei schwanger, was sich allerdings als Fehlinformation herausgestellt hatte. Dafür waren ‚wir‘ aber wieder schwanger und so erblickte 1966 unsere zweite Tochter dort das Licht der Welt und verbrachte in Düsseldorf ihre ersten Lebensjahre zusammen mit ihrer großen Schwester auf insgesamt 64 m2 mit Balkon.
Irgendwann hatte man dann wohl festgestellt, dass dieser junge Häusler offenbar kein kleiner Dummer war, auch nicht als kleiner Junge mal mit dem Roller vor einen Briefkasten gedonnert war, sondern ganz manierliche Arbeitsergebnisse ablieferte. Und so landete ich eines schönen Tages im einem Bonner Ministerium, genauer dem Verkehrsministerium und dortselbst in der Abteilung ‚Eisenbahnen‘. Ziemlich weit unten in der Hierarchie, nämlich als sog. Hilfsarbeiter. Genauer als ‚wissenschaftlicher‘ Hilfsarbeiter. Was ja etwas netter klang, allerdings mit Wissenschaft absolut nichts zu tun hatte.
Bei der Gelegenheit wollten wir uns nun natürlich auch in puncto unserer Wohnverhältnisse verbessern. Allerdings war es in Bonn und seiner Umgebung noch schwerer, eine Wohnung zu finden als seinerzeit in Düsseldorf, weil der Wohnungsmarkt durch die vielen Beamten leergefegt war. Die wenigsten konnten sich nämlich seinerzeit eigene vier Wände leisten. Denn damals galt noch der hübsche Spruch, dass der Mensch, einmal verbeamtet, zugleich das Gelübde ewiger Armut ablege. Was sich mittlerweile zugegebenermaßen geändert hat.
Aber wir hatten dieses Mal mehr Glück. Denn ein veritabler Ministerialrat wurde in die Bahnzentrale nach Frankfurt berufen, verließ folglich nebst seiner Familie die Bundeshauptstadt (meist ‚Bundesdorf‘ genannt) und wollte es hindeichseln, mir seine Wohnung unter Umgehung alle ministeriellen Wartelisten zuzuschustern. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Die Wohnung hatte nur 3 Zimmer sowie unter dem Dachjuche noch eine riesengroße Mansarde.
Was sollte da mit unseren Kindern geschehen? Inzwischen 6 und 31/2 Jahre?
Hans G., besagter Ministerialrat, versuchte uns mit Engelszungen von der Vorteilhaftigkeit seines Domizils zu überzeugen.
„Lieber Herr Häusler, wir haben es damals so gemacht, dass wir die Kinder in die Mansarde ausquartiert haben. Wir haben es ihnen mit dem Argument ‚verkauft‘, dass sie beide hoch privilegiert seien – welche Kinder in ihrem Alter hätten schon eine eigene Wohnung? Das hat prima funktioniert.“
Zwei Nächte später hatten wir uns durchgerungen und es mit unsern zwei Trabanten genauso gehalten. Vor allem unsere Erstgeborene platzte fast vor Stolz, eine eigene Wohnung zu bekommen. Da aber Vorsicht bekanntlich besser ist als Nachsicht, legten wir noch zusätzlich eine Klingel von der Mansarde in die Wohnung – quasi ein Notrufknopf, falls eins der Mädchen mal nächtens elterlichen Beistand benötigen sollte.
Wir fühlten uns in der Wohnung ausgesprochen wohl. Sie lag obendrein in Bad Godesberg relativ ruhig und hatte noch einen schönen großen Balkon, auf dem ich erneut einen kleinen Sandkasten aufstellte und unsere beiden Mädchen waren in aller Regel so brav, dass sie nur selten Sand auf den unteren Balkon rieseln ließen.
So lebten wir friedlich und harmonisch – zu 90 Prozent mindestens – in besagten vier Wänden.
Und genau die 10 Prozent entfielen auf das, was ich Midlife-Crisis nenne. Also Crisis war es schon, aber mit ‚Midleife‘ hatte sie wohl weniger zu tun.
In Bonn war damals (1970 oder 1971?) Faschingszeit. Nicht nur in Mainz, Köln und Düsseldorf wurde da ordentlich gefeiert, sondern vor allem auch in Bonn – ab Weiberfastnacht konnte man jegliche Form von Arbeit, auch ministerielles Tun, getrost vergessen. In der Eisenbahnabteilung war da besonders viel los. Eine ganze Etage wurde leergeräumt, Bier, Wein, Sekt und Schnaps flossen in Strömen und Faschingsmusik ertönte in unserm Gebäude bis zur Schmerzgrenze. Und natürlich wurde getanzt. Und das ausgiebig. Morgens ab 10.30 wurden jegliche Arbeitsversuche eingestellt und alles, was einen Rock anhatte, machte sich an die Männer ran und umgekehrt – so genau war es nicht auszumachen.
Nun ja, es gab da eine Sekretärin, die mich anschmachtete und ich schmachtete zurück. Wir knutschten sogar ein wenig und heimsten uns dafür das freche Gegrinse der übrigen Teilnehmer der Fete ein, obwohl die es nicht besser machten. Allerdings wechselten die immer mal untereinander ab, wir wechselten aber nicht.
