Sinnenschwund und ein Verlust? - Ulf Häusler - E-Book

Sinnenschwund und ein Verlust? E-Book

Ulf Häusler

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Beschreibung

Mit viel Humor versucht der Autor seinen altersbedingten ‚Wehwehchen‘ zu begegnen – der zunehmenden Schwerhörigkeit und seiner Makuladegeneration. Und gelangt zu der Überzeugung, dass sein ‚Sinnenschwund‘ ja eigentlich keine Krankheit ist, sondern nur das Dasein ein wenig komplizierter gestaltet. Mit heiterer Distanziertheit schildert er seine Erlebnisse, mit ärztlicher Hilfe beide ‚Leiden‘ zu lindern und tröstet sich u. a. mit der Erkenntnis, dass in Gesprächen meistens zwar viel geredet, aber nur wenig gesagt wird, schlechtes Hören also auch seine Vorteile hat. Und da man ja mit vergrößerten Buchstaben im PC und E-Book-Reader noch prima lesen kann, lässt auch das reduzierte Sehvermögen erträglich werden. Und auch den Wechsel vom eigenen Haus in eine ‚altersgerechte‘ Mietwohnung lernt der Autor schließlich zu akzeptieren, auch wenn der Verlust des eigenen Gartens schmerzt. Bekanntlich soll der Mensch ja lernen, auch loslassen zu können. Wie lautet doch der hübsche Spruch? „Sei froh und dankbar, denn es hätte schlimmer kommen können. Ich war dankbar und froh – und es kam schlimmer.“ Aber: Der Autor ist guter Hoffnung, dass ihm Letzteres nicht widerfährt.

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EPUB
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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ulf Häusler

Sinnenschwund und ein Verlust?

Ein Bericht

Bibliographische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

Ulf Häusler

Sinnenschwund und ein Verlust?

ISBN

Paperback: 978-3-384-68187-4

E-Book: 978-3-384-68188-1

Cover-Gestaltung: Regina Häusler

www.art-regina-haeusler.de

1.Auflage

© 2025 Ulf Häusler

tredition GmbH

Heinz-Beusen-Stieg 5

22926 Ahrensburg, Deutschland

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:

Ulf Häusler, Klimataria A1, CY 4607 Pissouri

LimassolKontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:

[email protected]

Meiner Frau

und unseren beiden Töchtern,

die es immer wieder hinbekommen,

dass der Ehemann und Vater

sich nicht ‚hängen‘ lässt.

ULF HÄUSLER

Sinnenschwund und ein Verlust?

Ein Bericht

Älter werden ist gar nicht so schlecht, wenn man die Alternative bedenkt.

Maurice Chevalier

Inhalt

Cover

Halbe Titelseite

Urheberrechte

Titelblatt

Prolog

Kapitel 1.

Kapitel 2.

Kapitel 3.

Kapitel 4.

Kapitel 6.

Kapitel 7.

Kapitel 8.

Kapitel 9.

Kapitel 10.

Kapitel 11.

Kapitel 12.

Kapitel 13.

Kapitel 14.

Kapitel 15.

Kapitel 16.

Kapitel 17.

Kapitel 18.

Kapitel 19.

Kapitel 20.

Kapitel 21.

Kapitel 22.

Kapitel 23.

Kapitel 24.

Kapitel 25.

Kapitel 26.

Kapitel 27.

Kapitel 28.

Kapitel 29.

Kapitel 30.

Kapitel 31.

Kapitel 32.

Kapitel 33.

Kapitel 34.

Kapitel 35.

Kapitel 36.

Kapitel 37.

Kapitel 38.

Kapitel 39.

Kapitel 40.

Kapitel 40.

Kapitel 41.

Kapitel 42.

Epilog

Über den Autor

Sinnenschwund und ein Verlust?

Cover

Urheberrechte

Titelblatt

Epigraph

Prolog

Epilogue

Über den Autor

Sinnenschwund und ein Verlust?

Cover

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Prolog

Dieses Buch trägt den (hübschen?) Titel ‚Der Sinnenschwund‘. Dazu muss ich mal kurz gut 80 Jahre zurückblenden. Also in die Zeit, als ich 7 oder 8 muntere Jährchen jung war. Wir saßen beim Mittagessen und ich stütze mein müdes Haupt – die Ellbogen auf dem Tisch – in meine Hände und wollte die fetten Speckstücke im Makkaroni-Auflauf partout nicht essen.

„Nimm gefälligst die Ellbogen vom Tisch und iss Deinen Teller leer.“

Mein Herr Papa war offenbar vom Benehmen seines Zweitgeborenen genervt. Der wohl die Ellbogen vom Tisch nahm, aber die weitere Nahrungsaufnahme verweigerte.

„Ich hau Dir gleich eine runter, dass Dir Hören und Sehen vergeht.“

Nun, die Sache eskalierte, aber statt der angedrohten Ohrfeige mit der Gefahr eines Sinnenschwundes wurde ich übers Knie gelegt. Wegen meines Vaters Leibesfülle ging das aber schlecht und er nahm deshalb meinen Kopf zwischen seine Beine und dann landete mein Kinder-Spazierstock auf meinem Po. Mein Gebrüll war deutlich hörbar, aber – und das war entscheidend – ganz ungeohrfeigt verging mir weder das Hören noch das Sehen. Zum Ausgleich brannte es aber ziemlich heftig auf meiner Sitzfläche, woraus ersichtlich ist, dass von den dem Menschen mitgegebenen fünf Sinnen alle voll funktionsfähig blieben: Hören und Sehen waren mir nicht wie angedroht abhandengekommen, der Geschmackssinn hatte mich vor fettem Speck bewahrt, das Fühlen merkte ich auf meinem Podex und nur der Geruchssinn hatte – allerdings nur vorübergehend – gelitten, weil ich nach der Tracht Prügel bitterlich weinte und die Tränenflut folglich meine Nase verstopfte. Und da die beschriebenen erzieherischen Maßnahmen an mir nur ein- bis zweimal jährlich exekutiert wurden, habe ich auch keinen seelischen Schaden davongetragen.

Aber ich will nun doch ein wenig systematischer an mein Thema ‚Sinnenschwund‘ herangehen wozu ich ein wenig ausholen muss.

Als der berühmte deutsche Philosoph Immanuel Kant einst anno 1784 das 60.e Lebensjahrjahr vollendete, wurde ihm der Ehrentitel ‚Verehrter Greis‘ zuerkannt. Es kann aber auch sein 65.er, also in 1789 gewesen sein.

Man sollte nun aber ja nicht heutzutage auf die glorreiche Idee verfallen, einen Mann in dem Alter als Greis zu titulieren. Besser auch nicht mit dem Attribut ‚verehrter‘ vorneweg. Denn allenfalls wenn der so Angesprochene sehr viel Humor hat, nimmt er’s nicht übel. Eher steht zu befürchten, dass man unverhofft eine Klage am Hals hat, als dass der so Titulierte die (wenn auch spöttisch gemeinte) Anrede mit Humor aufnimmt. Kurzum – was damals Ehrerbietung war, ist heute eine Beleidigung. Das nennt man Bedeutungswandel.

Ich bin jetzt 90 Jahre alt geworden und zähle damit nicht mehr zu den Jüngsten. Wohlwollend formuliert, könnte man es als ‚Spätes Mittelalter‘ bezeichnen. Sehr wohlwollend könnte man auch formulieren, dass ich mich meiner fortgeschrittenen Jugendlichkeit erfreue.

Nun ja – vielleicht bin ich doch schon alt. Aus Sicht meines Enkelsohnes auf jeden Fall. Der Bengel ist zwar ganz manierlich erzogen worden. Und deshalb sagt er auch nichts. Dafür schaut er mich bisweilen so an, als ob der Kalk schon sichtbar aus den Hosenbeinen rieseln würde. Ich weiß zwar nicht, ob Demenz und Verkalkung dasselbe sind, aber ich nehme für mich in Anspruch, bisher von gegebenenfalls beiden Altersübeln verschont worden zu sein. Wofür ich sogar den Beweis antreten kann. Denn wenn mich solches Leiden plagen würde, könnte ich ja wohl kaum dieses Buch – vorab in Bits und Bytes gegossen – zu Papier bringen.

Mein mir vor Jahrzehnten angetrautes Eheweib ist ohnehin der Meinung, dass ich – bisweilen wenigstens – noch arg unreif sei. Was sie autoritätsmindernd mit Vorliebe feststellt, wenn unsere beiden Töchter dabei sind und selbige dann in schönster Regelmäßigkeit zu einem aus meiner Sicht höchst albernen Grinsen verleitet. Ich pflege dann immer einen Bibelvers zu zitieren: Der Gerechte muss viel leiden, aber lieber Unrecht leiden, als Unrecht tun. Wobei ich zugeben muss, dass der zweite Teil des Verses von mir etwas abgewandelt wurde. Korrekt steht da nämlich: ‚… aber der Herr hilft ihm aus dem allen.‘

Aus alldem folgt, dass Gina, die beste aller Ehefrauen (stammt von Kishon und nicht etwa von mir), aus meiner Sicht mit einem gewissen Recht festgestellt hat, dass ich noch gar nicht alt sein kann, denn Alte pflegen bekanntlich schon mehr oder weniger weise, keinesfalls aber unreif zu sein. Übrigens bei der Gelegenheit: Gina muss man ‚Dschina‘ aussprechen und lesen. Auch wenn sie zum Glück nie so kurvenreich aussah und aussieht, wie einst die berühmte italienische Filmschauspielerin Gina Lollobrigida. Allzu viel Kurven mochte ich nämlich nie – außer beim Autofahren und da auf gebirgigen Passstraßen.

Allerdings soll es auch Männer geben, die Kurven sogar bei Frauen mögen. Und wenn die Holde dann richtig mollig ist und die Kurven mit dem restlichen Corpus eingeebnet werden, trösten sich meine Geschlechtsgenossen nur zu gerne: ‚Im Winter wärmt se mich und im Sommer gibt se Schatten‘. Und wer sich dergestalt nicht trösten mag, sucht anderweitig Trost, meist bei einer, die auch wieder leicht barocke Formen aufzuweisen hat, aber nur halb so alt ist wie jener, der nicht mehr im Schatten liegen mag.

Aber bevor ich endgültig vom Thema abschweife und womöglich einen Reisebericht oder PaarBerater verfasse, zurück zum Thema: Ich bin in puncto meines Alters inzwischen geneigt, der Definition ‚Spätes Mittelalter‘ zuzustimmen. Ohne dass ich das noch näher begründen will, da ich ja schon mal ein Buch mit dem hübschen Titel ‚Alt werden uns alt sein‘ verfasst habe – da ist zu dem Thema alles aus meiner Sicht Erwähnenswerte gesagt.

Und obendrein hat mich bei meinem vorvorletzten Geburtstag der Glückwunsch einer sehr guten Freundin recht erfreut: Alt ist nur der, der zehn Jahre älter ist als man selbst. Wow – solch ein Spruch erfreut und baut wahrhaft auf.

Aus alldem ist zweifelsfrei abzuleiten, dass ich wirklich noch kein Greis bin. Und ich neige zu der Auffassung, dass man ein solcher folgerichtig erst dann wird, wenn man (mindestens) zehn Jahre älter ist…

1.

Mit großer Dankbarkeit kann ich feststellen, dass ich kerngesund bin. Gut – es zwackt schon mal hier und da ein wenig. Was mir eine gewisse Disziplin und Demut abverlangt. Nämlich nicht übermütig zu werden. Früher habe ich unsern Enkel immer mal auf den Arm genommen, aber inzwischen ist er fast 19 – da sollte man so etwas besser unterlassen. Auch Gina habe ich einst öfters mal hochgehoben, sogar mal über eine Schwelle getragen und vorher bisweilen auch wahrhaft auf den Arm genommen – um sie ins Schwimmbecken zu schmeißen. Aber das lasse ich nun auch lieber bleiben, weil es entweder zu einem verrenkten Kreuz oder einem Leistenbruch führen könnte. Auch wenn sie nur knapp 50 kg auf die Waage bringt. Ich meide ferner u.a. längere Spaziergänge, zumal sie meines Erachtens eine höchst unproduktive Beschäftigung sind. Ein geöffnetes Panoramadach im Auto verschafft schließlich auch frische Luft. Wobei ich leicht verschämt einräume, dass diese, durch köstlichen Duft meiner Tabakspfeife geschwängert, nicht mehr ganz so frisch ist. Soviel zu meinem aktiven Beitrag in puncto Gesundheit. Aber halt – ehe ich’s vergesse: Ich betätigte mich einst vier- bis fünfmal in der Woche doch ein wenig sportlich: Immer abwechselnd 15 Minuten Home-Trainer oder Cross-Stepper. Doofer konnte ich meinen Tag zwar nicht beginnen, aber was tat ich nicht alles, um nicht total einzurosten.

Inzwischen entfallen diese albernen Übungen, weil wir inzwischen in ein kleines Städtchen in der Nähe von Frankfurt a. M. gezogen sind. In eine – welch ein Hohn – ‚altersgerechte‘ Wohnung, in der Gina und ich uns ausgesprochen wohl fühlen. Ich vor allem deshalb, weil dortselbst weder Platz für einen Hometrainer noch einen Cross-Stepper, geschweige denn für beides ist. Allerdings freute ich mich zu früh, denn Gina schickt mich seitdem regelmäßig zum Einkaufen. Und das zu Fuß! Und damit ich mich mit den Einkäufen nicht überanstrenge, kaufte sie mir ein Einkaufswägelchen, das ich nun alltäglich auf dem Rückweg wohlgefüllt hinter mir herziehen darf. Wozu ich zweierlei anmerken muss. Erstens fand ich es total doof und schämte mich mit der kleinen ‚Karre‘, aber inzwischen empfinde ich sie als sehr praktisch und schäme mich auch mit ihr nicht mehr, weil ein paar ältere und noch mehr alte Leute mit solchen Dingern herumlaufen bzw. - fahren. Und schließlich ist mir solch ein Gerät allemal lieber, als ein Rollator. Darüber hinaus konstatierte ich zweitens, dass der tägliche Spaziergang – 12 Minuten hin, zwölf zurück – meinem Rücken ausgezeichnet bekommen ist. Ich muss darüber hinaus auch noch eingestehen, dass mein Weg durch eine wunderschöne kleine Grünanlage führt. Also kann man da wirklich nicht meckern.

Den weitaus größeren Teil meines alles in allem recht manierlichen körperlichen Zustandes habe ich allerdings wohl Gina zu danken, die uns seit Jahrzehnten äußerst gesund ernährt. Nicht nur, dass sie alles ‚Bio‘ bereitet, nein es schmeckt auch noch hervorragend, was mir eine gut gepolsterte Hautfalte um meines Äquators Mitte beschert hat. Anfangs schmeckte es bisweilen etwas ‚alternativ‘, aber seit gut 15 Jahren einfach köstlich. Und deshalb bin ich wie schon gesagt geneigt, ihren Kochkünsten den größeren Teil an meinem guten gesundheitlichen Status zuzuschreiben.

Und last but not least kommt vielleicht noch so etwas wie Genetik hinzu. So alt wie ich es jetzt bin, ist in unserer Familie noch keiner geworden. Mit Ausnahme meiner Urgroßmutter. Sie wurde 96 und starb dann keineswegs etwa an Altersschwäche, sondern an den Folgen eines Unfalls: Sie war nachts über einen Teppich gestolpert, war hingefallen, hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen, kam folglich ans Liegen und starb dann an einer Lungenentzündung. Besonders tragisch an dem Unfall war der Umstand, dass sie aus dem Bett geklettert war, um sich aus der großväterlichen Bibliothek ein Buch zu holen. Woraus man unschwer ableiten kann, dass Bildungshunger zur Unzeit tödlich verlaufen kann. In weiser Voraussicht lege ich mir deshalb allabendlich meinen E-Book-Reader auf den Nachttisch.

Nun hoffe ich auf besagte Genetik. Genau gesagt auf das genetische Erbe der Urgroßmutter. Leider hat die Genetik beim Thema Intelligenz schon mal nicht mitgespielt, denn die alte Dame war die Statikerin im urgroßväterlichen Betrieb – er war Baumeister gewesen und hatte in ganz Europa Brücken, Schlösser und dergleichen mehr gebaut und seine Frau führte seinerzeit die statischen Berechnungen für die Bauwerke aus. Bei mir reicht‘s leider nur für die 4 Grundrechenarten und den Dreisatz. Mir bleibt also nur, auf genetisches Erbe bezüglich körperlicher Verfasstheit zu hoffen. Und ich tröste mich bezüglich des (nicht) vererbten IQs mit meinem Doktor- und Professorentitel.

Nun, mit Oberschenkelhals und/oder Hüfte ist’s mit der Genetik ebenfalls nichts rechtes geworden. Als die alte Dame sich den ihren brach, gab es noch keine Ersatzteile. Heute ist das anders. Als ich einst ein flotter Endsiebziger war, plagte mich meine rechte Hüfte immer mehr. Und zum Schluss war ich dankbar, mir bei jedem Einkauf für eine Leihgebühr von einem Euro vor dem Supermarkt einen Einkaufswagen holen zu können – quasi als Rollator-Ersatz. Was schlussendlich dazu führte, dass ich mit Anfang 80 eine neue Hüfte bekam. Die mich anschließend dazu verführte, über dieses einschneidende Erlebnis ein Buch zu schreiben: ‚Die OP‘.

Das Ersatzteil muss offenbar auch Metall enthalten, denn seitdem endet jeder Sicherheitscheck am Flughafen für mich mit einer eingehenden Leibesvisitation, weil es mir nicht gelingen will, ohne lautes Fiep-Geräusch die Sicherheitsschleuse zu passieren.

Ich hatte deshalb schon mal überlegt, ob ich diese überaus lästige Prozedur abkürzen könne. Weil ich ja bei besagter Leibesvisitation immer den Gürtel meiner Hose ablegen muss, auf dass selbiger separat durchleuchtet werden kann, gerät mein Beinkleid immer sehr ins Rutschen – wie wäre es da, wenn ich die Hosen einfach fallen ließe, um dem Menschen, der mich da immer abtastet, meine OP-Narbe zu präsentieren? Sein Rumgefummel an mir könnte er sich dann sparen. Aber ich gebe es zu – als Nackerter biete ich wohl in meiner recht fortgeschrittenen Jugendlichkeit respektive als im späten Mittelalter befindlich Mensch keinen sehr erfreulichen Anblick mehr und man würde mir vermutlich öffentliches Ärgernis und schwerlich öffentliches Wohlgefallen attestieren.

Aber um aufs Thema zurückzukommen – ich muss leider zugeben, dass meine neue Hüfte nichts mit dem genetischen Erbe meiner Uroma zu tun hat.

Aber in anderer Hinsicht war und bin ich dafür sehr erfolgreich. Uroma war im Alter nämlich nahezu taub geworden. Wenn auch meine Mutter immer behauptete, dass Uroma immer das verstanden hätte, was sie nicht mitbekommen sollte. Nicht, dass meine Mutter etwa geflunkert hätte – es konnte ja sein, dass die Erwachsenen ihre Stimme auf einen Flüsterton absenkten. Und die auf diese Weise geänderten Frequenzen der Stimmen vielleicht für Uroma wahrnehmbar waren. Wie dem auch sei - ich erinnere mich sehr gut, dass sie über ein hölzernes Hörrohr verfügte, dessen spitzes Ende sie sich ans oder ins Ohr hielt und am anderen, dem mit einem Trichter versehenen Ende brüllten meine Großeltern und Eltern hinein. Was meistens mit einem freundlichen Lächeln quittiert wurde, verbunden mit dem Satz „Was habt Ihr gerade gesagt?“

Bis auf die Urgroßmutter hat es in unserer Familie noch nie auch nur ansatzweise so etwas wie Schwerhörigkeit gegeben – aber mich hat es nun damit erwischt.

2.

Zugegeben – das hölzerne Hörrohr findet man heute nur noch im Museum. Das heißt, es hat einen gewissen technischen Fortschritt auf diesem Gebiet gegeben. Das Hörrohr von einst wurde durch feinste Elektronik ersetzt, die man nunmehr im oder hinter dem Ohr trägt.

Es war anno 1999, als ich mitunter meinte, manches nicht mehr so recht mitzubekommen. Ergo suchte ich einen Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde auf. Besagter HNO-Spezialist unterzog mich einer eingehenden Untersuchung, indem er meine Ohren gründlich reinigte und mich anschließend einer liebreizenden Hilfskraft von geschätzten 200 Pfund Lebendgewicht übergab, die mich in ein kleines Kämmerlein führte, die Tür hinter uns schloss und mir dann mit übergestülpten Kopfhörern diverse Töne vorspielte. Für jedes Ohr extra. Heraus kam zweierlei: Mir war schlecht, weil die Dame etwas streng roch und ein oder zwei Bögen bedrucktes Papier, die die müffelnde Lady ihrem Chef überreichte. Der dann eine beginnende Schwerhörigkeit diagnostizierte. ‚Liebe Uroma – muss das sein?‘ dachte ich.

Gleich gegenüber dem Domizil meines HNO-Spezialisten liegend, gab es ein Hörstudio, das ich nun ansteuerte.

Also am Ende des vorigen Jahrtausends waren die Hörgeräte noch relativ groß und so entschied ich mich für ein sog. Innen-Ohr-Gerät. Ich durfte das Probegerät sogar mit nach Hause nehmen, nachdem der Hörgeräte-Akustiker eine Kopie meines Ausweises zu seinen Akten genommen hatte.

Offen gestanden war ich von den Dingern fasziniert. Ich hörte vor allem Geräusche jedweder Art hervorragend. Und auch Gina war nicht gänzlich unzufrieden – sie musste mir fortan alles nur noch zweimal sagen, bisher war dreimal zur Regel geworden. Das dritte Mal jeweils etwas lauter und besonders deutlich.

Meine Begeisterung hielt allerdings nur zwei Wochen lang vor, nachdem ich die Dinger gekauft hatte. Irgendwie kam es mir so vor, als ob man Ohropax in den Ohren hätte und wenn mehrere Leute gleichzeitig sprachen, verstand ich gar nichts mehr. Und so ‚stöpselte‘ ich mich nur noch gelegentlich und eigentlich war ich erleichtert, als mir eins der kleinen Geräte mal hingefallen war. Ich suchte es verzweifelt auf dem Fußboden und fand es endlich auch, als es unter dem Absatz meines rechten Schuhs knirschte – ich hatte es wahrhaft zermalmt. Mit Handfeger und Schippe kehrte ich seine Reste auf, legte das noch intakte Gerät dazu und entsorgte ein intaktes und ein zerkrümeltes Gerät im Hausmüll. Zu meiner Ehrenrettung muss ich hier anmerken, dass es damals noch keine Mülltrennung gab.

3.

Mit meinem Sehvermögen vermag ich allerdings absolut nichts von besagter Urgroßmutter abzuleiten. Ich erinnere mich noch sehr gut an sie. Was wohl darauf zurückzuführen ist, dass sie von ihrem Lieblings-Urenkel immer ein Küsschen haben wollte. Was mir als Kind ganz schrecklich war, weil ihre Haut auf der Wange schon arg runzlig war. Ich bekam dann auch immer ein Küsschen von ihr, meist etwas feucht, was ich dann abwischte. Worauf es mir rückblickend aber vor allem ankommt: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie je eine Brille gehabt hätte. Gesehen habe ich bei ihr jedenfalls keine. Ich war zwar erst 4 Jahre alt, als sie starb, da ich aber ihr Bild noch heute sehr gut vor Augen habe, unterstelle ich mal, dass sie tatsächlich keine brauchte.

Aber meine Großeltern, Eltern und auch mein Bruder waren samt und sonders Brillenträger – mein Herr Papa allerdings erst ab Mitte 70.

Ich fing damit schon etwas früher an – mit Mitte 30.

Meine Arme waren etwas kurz geraten – um noch gut lesen zu können, musste ich Geschriebenes und Gedrucktes mit gestreckten Armen entziffern – der Gang zum Augenarzt war angesagt. Der mir dann freundlich bescheinigte, dass ich ja auch nicht mehr der Jüngste sei (Frechheit – ich war da noch keine 40! Und der ‚Kerl‘ mindestens schon 60…) und eine Lesebrille bräuchte.