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Nachdem Andrea eine zerstückelte Leiche gefunden hat, ist nichts mehr wie es war. Schlimme Gerüchte ranken sich um den Toten. Andere feiern ihn als Helden, der vor Jahren zwei entführte Jugendliche gerettet hat. Sogar die Polizei ist wegen des Toten zwiegespalten. Was haben Andreas neue Freunde mit der Entführung von damals zu tun? Warum benimmt Anna sich so seltsam? Und Nick scheint völlig übergeschnappt zu sein!!? Am Ende ihres Praktikums im ländlichen Niederheid bekommt Andrea ihren ersten eigenen Fall. Doch der ist alles andere als einfach. Und doch wird es ihr schwer fallen, nach Frankfurt zurückzukehren.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Erinnerung, leis´ und schwach, Versunken war sie, lang und tief, Wird sie plötzlich wieder wach, Wie schön es wär´, wenn sie noch schlief.
ALLE FIGUREN SIND FREI ERFUNDEN. ÄHNLICHKEITEN SIND ZUFÄLLIG.
ANDREA JANSEN
aus Frankfurt am Main macht ein Praktikum bei Hofmeister in Niederheid am Niederrhein.
NICK WILMS
bleibt Polizeioberkommissar, weil er in Niederheid blieben will. Er ist Andreas bester Freund.
FERDINAND HOFMEISTER
Schlichter und Notar, bei dem Andrea ihr Praktikum macht. Er ist anerkannt und geachtet.
MARION GUSTAFS
Polizeikommissarin und Freundin von Andrea.
JENNIFER TREILERT
Kriminalhauptkommissarin des LKA. Sie ist zuständig, wenn es in Niederheid einen Mord gibt.
DIRK TERHAAG
Dienststellenleiter der Polizeiwache Niederheid.
ANNA REI
Andreas beste Freundin. BKA-Beamtin.
SAMIRA
eine Tigerkatze, die zu Andreas Leben gehört.
HANNE GIESBERT
Andreas Freundin und Nachbarin.
JO UND EVA-MARIA PETERS
Landwirte mit modernem Bauernhof. Freunde von Andrea, Jo ist Nicks bester Freund.
MALTE LOHDEN, HOLGER BOREJAANS, JAN BRECHTSOHN UND ARMIN THEMEN
Freunde von Nick und Jo. Holger und Malte sind Bauern, Jan ist Hufschmied, Armin Pastor.
MARKO JOLTEN
Feuerwehrmann. Andrea trifft sich mit ihm.
JOHANNA UND CHRISTOPH WILMS STEPHAN UND DAVID ‚DOC‘ WILMS
Nicks Eltern und Nicks ältere Brüder. Stephan ist Steuerberater, der ‚Doc‘ Arzt im Krankenhaus.
LIESCHEN
eine esoterische Frau, die Andrea unverhofft ins Herz geschlossen hat.
EHEPAAR LEUTER
weiß Alles. Sie suchen einen Freund für Andrea.
JULE FREY UND XAVER SCHMIDT
Schulkameraden von Nick. Nach zehn Jahren kommen zurück nach Niederheid.
PAUL HENSEN
hat einen schlechten Ruf. Nick hat Streit mit ihm.
GEORG HENDES
war Dirk Terhaags Partner und hat vor zehn Jahren den Dienst quittiert.
HARALD KNOPS
war gut mit Georg Hendes befreundet, bis er vor vielen Jahren die Gemeinde verließ.
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Epilog
Nick seufzte, bevor er an Jos und Evas Küchentüre klopfte. Jo und Eva-Maria Peters waren seine besten Freunde seit der Kindheit. Jo stand ihm näher als seine Brüder. Zu ihm wollte er jetzt. Eva wollte er eigentlich lieber nicht sehen. Sie würde von Dingen sprechen, die Nick lieber nicht wissen wollte. Aber er hatte keine Wahl: Jo frühstückte mit seiner Frau und seinem sechs Monate alten Sohn Aljoscha. Nick hatte ihn nicht gefragt, ob er Zeit für ihn hätte. Warum auch? Er gönnte seinem Freund die Momente mit seiner Familie. Bald kam die Erntezeit und da war Jo oft genug den ganzen Tag und die halbe Nacht auf den Feldern. Nick hatte dienstfrei. Er wollte Jo bei der Arbeit helfen. Er hatte ihm schon oft geholfen, auch als Jo noch auf dem väterlichen Hof mitgearbeitet hatte.
„Nick! Schön, dass du kommst! Guten Morgen“, rief die kleine quirlige Eva erfreut. Sie sprang vom Tisch auf, bevor Jo es ihr verbieten konnte, und holte Brettchen, Messer und Tasse für Nick.
Der nickte Jo kurz zu, der den Gruß in gleicher Weise erwiderte. Als Eva an ihm vorbei wirbelte, fing Nick sie ein. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und drückte sie. „Guten Morgen. Setz dich, ich trink nur `n Kaffee…“
Kichernd wehrte sie sich. „Nicht! Ihh… Hast du die Zähne geputzt, nachdem du letzte Nacht Irgendeine weiß-der-Himmel-wohin geküsst hast?“
Er ließ sie los. „‚Zähne geputzt’? Deine Phantasie möchte ich haben…“ brummte er und setzte sich.
„Jan sagt, du hättest gestern `ne hübsche Dunkelhaarige erwischt?“
Nick sah den rothaarigen Hünen erstaunt an. Er schüttelte überlegend den Kopf: „Nee, nicht…“
„Jan und Emily haben dich aber mit ihr gesehen. Katrin Thomsen aus Weidheim“, mischte Eva sich ein.
Nick schüttelte wieder den Kopf: „Kati kenn ich. Die hab ich gestern aber nicht gesehen. Die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen…“
„Emily und Jan lügen aber nicht! Die waren gestern zum Essen hier und haben das erzählt“, empörte sich Eva. Emily war ihre beste Freundin.
Nick musterte sie überlegend: „Ich hab Kati gestern nicht gesehen, Eva, egal, was Emily und Jan sagen. Ich hab in Weidheim auf dem Dorffest ausgeholfen. Da waren ein Haufen Frauen, aber ich bin alleine in meinem Bett aufgewacht und die Tür war von innen abgeschlossen, bevor du noch weiterfragst.“
Jo warf seinem Freund einen erstaunten Blick zu. Das hatte schärfer geklungen, als Nick es beabsichtigt hatte.
Sogar Eva war im ersten Moment vor Überraschung still. Dann kicherte sie: „Das wollte ich gar nicht fragen. Außerdem weiß ich, dass du nie eine mit zu dir nimmst. Du gehst immer mit zu ihr.“
Nick grinste leicht schief: „Woher hast du das denn?“
„Stimmt das nicht?“ stichelte sie.
Nick zuckte mit den Schultern: „Wer sagt das?“
„Katrin Thomsen. Steffi arbeitet jetzt im gleichen Büro wie Kati.“
Nick stöhnte leise. Er würde Kati bitten müssen, Evas exzentrischer Schwester möglichst nichts zu erzählen. Er war ein paar Mal mit Kati ausgegangen. Es waren immer sehr angenehm unkomplizierte und lustige Treffen gewesen. Und beide hatten genau das gewollt.
„Also stimmt es?“ triumphierte Eva.
Nick zuckte wieder mit den Schultern: „Dann kann ich gehen, wann ich will“, murmelte er.
Sie sah ihn ungläubig an: „Du gehst? Ich meine… Frühstück ans Bett oder so? Wenigstens noch zusammen frühstücken…“
„Als wenn du dich bei Flo damals nicht rausgeschlichen hättest“, brummte Jo. „Fünfmal.“
Eva sah ihn verblüfft an: „Woher weißt du das?“
Jo und Nick lachten auf. Jo küsste seine Frau: „Der ist zu Nick und mir Heulen gekommen, Schatz. Jetzt lass Nick in Ruhe! Die bekloppten Weiber wissen seit Jahren, dass er keine von ihnen will und meinen trotzdem, er ändert seine Meinung plötzlich. Und Emily und Jan haben wahrscheinlich irgendwen gesehen und nicht Nick…“
Eva wollte widersprechen, aber Jo ließ sie nicht: „Jan hat gefragt, seit wann Nick karierte Hemden trägt, aber wenn er da ausgeholfen hat, hat er Uniform getragen! Oder meist du, er kellnert plötzlich? Außerdem trinkt Nick im Dienst nie oder lässt sich von Frauen ablenken! Schluss jetzt! Lass ihn in Frieden!“
Eva hatte erneut widersprechen wollen. Jetzt fügte sie sich schmollend seinem Verbot.
Nachdem Nick und Jo sich eine Weile über das Wetter und die anstehende Getreideernte unterhalten hatten, mischte sie sich wieder ein. Sie schmollte nie lange. „Gehst du morgen zu Andrea? Die hat Geburtstag, oder?“
„Mmh. Ich wollte mal vorbeigehen, gratulieren“, murmelte Nick.
Jo warf seinem Freund einen seltsamen Blick zu.
„Nur gratulieren? Bleibst du nicht zum Essen oder auf `n Bier?“ wunderte sie sich.
„Nee, bin nicht eingeladen.“
„Sie hat niemanden eingeladen“, erklärte Eva. „Nur ein paar Frauen am Dienstag zum Kuchen. Aber morgen dürfen alle vorbeikommen, die wollen, hat sie gesagt.“
Der Polizist nickte nur. „Geht ihr hin?“ wollte er wissen.
Jo schüttelte den Kopf: „Schwiegereltern kommen.“
„Hast du gewusst, dass Andrea ein Date hat?“ fiel Eva ein. „Sie trifft sich heute Abend mit Marko… Ich weiß nicht, wie der mit Nachnamen heißt. Der war doch mit euch in einer Klasse…“
„Marko Jolten“, brummte Nick. „War zwei Klassen unter uns.“
Jo sah Nick erstaunt an, der es aber vorzog, nicht zu reagieren.
„Wusstest du das? Ich finde das schön, dass sie sich endlich mit jemandem trifft! Ist ja auch schon so lange her, dass sie mit Fabian Schluss gemacht hat. Es wird Zeit, dass sie wieder einen Freund hat. Und ich glaube, die beiden passen sehr gut zusammen. Andrea hat erzählt, dass die immer viel Spaß zusammen haben und… Ach, das würde mich so für sie freuen!“
Nick stand auf. „´Tschuldigung!“ murmelte er und ging.
Jo fand seinen besten Freund wenig später auf einer Bank an einem Wanderweg. Dorthin hatten sie sich in ihrer Jugend immer zurückgezogen, wenn sie ihre Ruhe haben wollten. Die Bank stand auf einer kleinen Anhöhe. Sie hatten oft dort gesessen, Bier getrunken und über die Felder gesehen. Oder im Nadelwald dahinter nach Tieren Ausschau gehalten.
„Sie hat’s nicht böse gemeint“, brummte Jo und setzte sich.
„Ich weiß.“
„Rede doch mit ihr“, schlug Jo vor, nachdem sie lange schweigend auf die gelben Getreidefelder und die grünen Rübenacker geblickt hatten.
„Mmh“, machte Nick.
„Dann geht’s dir sicher besser“, drängte Jo.
„Und was soll ich sagen? Sie sagt, ich bin ihr bester Freund und fragt mich, was sie für ihr Date anziehen soll: das weiße Top wäre zu wenig Stoff, außerdem zu durchsichtig, und das rote hat zu viel Stoff…“
„Scheiße“, murmelte Jo. Er lehnte sich auf der Bank zurück und schwieg wieder.
Eva lächelte, als sie die beiden Männer auf der Bank sah. Sie schob den Kinderwagen mit ihrem schlafenden Sohn die letzten Meter die Anhöhe hinauf und erklärte ihnen: „Ich wusste doch, dass ich euch hier finde.“ Sie setzte sich zwischen sie und stieß Nick leicht an: „Was habe ich falsch gemacht?“
„Nichts“, murmelte er. Er legte den Arm um sie und zog sie an sich.
„Doch, hab ich wohl! Sonst wärst du nicht gegangen! Ich kenne dich, Nick Wilms, und du bist echt nicht zimperlich! Also: was habe ich gemacht?“
Nick schwieg lange. Es wunderte Jo, dass seine Frau die Geduld aufbrachte, ihn nicht weiter zu drängen.
Schließlich stieß sie ihn doch wieder leicht an. Erschreckt sah er sie an und erinnerte sich an ihre Frage. „Andrea – ich liebe sie“, erklärte er.
Erst mit Unverständnis, dann immer betroffener sah sie ihn an: „Andrea? Unsere Andrea?“
„Welche denn sonst?“ murmelte Nick. Er sah wieder zum Horizont.
„Weiß sie das?“ wollte Eva wissen.
Er schüttelte den Kopf.
„Und sie redet so oft von…“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Dann sah sie zu ihm auf: „Du liebst sie? Also so richtig? Nicht nur… Nicht nur, weil… weil… du noch nie mit ihr…“
Jo schüttelte leise über seine Frau kichernd den Kopf. Er zuckte mit den Schultern, als er Nicks Blick begegnete.
Der grinste leicht: „Warum magst du mich eigentlich, wenn du so schlecht von mir denkst?“
„Ich denke nicht schlecht von dir!“ widersprach Eva. „Aber… es ist doch so, dass du alle Frauen verführst!?“
Er schüttelte den Kopf: „Nein, das stimmt nicht. Eigentlich… lasse ich nur alle in dem Glauben, dass ich das tue. Ich hab wahrscheinlich weniger Sex als ihr, Eva.“
Da sie ihren Mann fragend ansah, erklärte der: „Überleg mal: wenn er mit so vielen Frauen ins Bett gehen würde, wie gesagt wird, bekäme er nie Schlaf. – Außerdem ist er scheiß-wählerisch: die Damen müssen einigermaßen intelligent sein, müssen die Klappe halten können, also auch nach zwei Monaten noch nicht darüber tratschen, dann fasst er keine Verheirateten oder Frauen mit Beziehung an, außerdem will er kein uneheliches Kind und – nicht unerheblich: nur die Sahnehäubchen haben eine Chance…“
Nick verdrehte leicht grinsend die Augen. Jo beneidete ihn etwas um seine Freiheit, deshalb zog er ihn gerne damit auf. Er ließ seinem besten Freund diese Freude.
Eva sah zwischen ihnen hin und her. Sie schien etwas ratlos. Dann fragte sie doch: „Wirklich? Das… das sind dann aber nicht so viele, oder?“
Die Männer lachten. Nick küsste sie auf die Schläfe: „Ja, wirklich! Glaub doch nicht alles, was die im Dorf erzählen! Wenn ich mit einer betrunkenen Frau die Kneipe verlasse, heißt das nicht, dass ich mit ihr ins Bett gehe. Meistens bringe ich sie nur nach Hause… und trinke dadurch fünf Bier weniger.“
Eva sah zu Jo: „Stimmt das?“
„Schlafe dann meistens neben dir, aber warum sollte er lügen? Er wäre immer noch unser Freund, wenn die Geschichten alle stimmen würden, also hat er keinen Grund zu lügen!“
Sie nickte nachdenklich: „Stimmt. Bisher hab ich gedacht, du würdest jede Nacht… und ich mochte dich trotzdem. – Also liebst du sie wirklich? Andrea, meine ich“, bohrte sie nach.
Nick lachte: „Ja! Ich liebe sie wirklich!“ Er zog Eva auf seinen Schoß und schmiegte seinen Kopf an ihren. Augenzwinkernd erzählte er: „Es ist alles strahlend schön und herrlich, wenn sie in der Nähe ist: die Blumen duften stärker, die Vögel zwitschern schöner, die Luft ist frischer – auch wenn gerade Hergetts, Manni mit seinem Zweitakter vorbeigefahren ist – und alle Farben sind bunter…“
„Die bunteren Farben liegen an Mannis Zweitakter“, brummte Jo dazwischen.
„…Und wenn sie nicht da ist…“ Nick schwieg eine Weile und murmelte dann: „…hab ich das Gefühl, ich bekäme keine Luft.“ Er schob Eva sanft von seinen Beinen.
Sie schwieg.
„So was hast du nie zu mir gesagt“, warf sie Jo schließlich vor.
Nick grinste: „Zu dir nicht, aber ich musste mir das immer anhören… also über dich.“ Er zwinkerte Jo zu, der ihn ansah, als wäre er geisteskrank. Doch er nickte sehr überzeugend, als Eva zu ihm aufsah.
„Echt?“ Sie kuschelte sich zufrieden in seine Arme und betrachtete Nicks Profil. Er war immer der attraktivere und beliebtere der beiden Männer gewesen, und der umtriebigere. Aber Sorgen hatte sie sich nie um ihn gemacht. Er war immer ihr Freund gewesen, loyal, verlässlich und… ihr bester Freund. Mehr als einmal war sie in ihrer Jugend mitten in der Nacht zu ihm gegangen, weil sie Streit mit Jo gehabt hatte. Seine Eltern und Geschwister hatten schon gar nicht mehr gefragt oder geschimpft, weil sie sie aus dem Bett geklingelt hatte. Sie hatten sie direkt in sein Zimmer gelassen. Er hatte sie in die Arme genommen und war wieder eingeschlafen. Sie hatte dann auch schlafen können und am nächsten Morgen war es alles nicht mehr so schlimm gewesen. Dass es ihm jetzt schlecht ging, verwirrte sie. Ihm war es nie schlecht gegangen, soweit sie sich erinnern konnte. „Und wenn du mit ihr redest?“
„Sie fragt ihn, was sie anziehen soll, damit Marko sie am ehesten flachlegt“, warf Jo ein.
„Oh!“ machte Eva und schwieg wieder. „Soll ich mit ihr reden?“ bot sie an.
Nick schüttelte den Kopf: „Das mache ich selber. Aber nicht heute und auch bestimmt nicht an ihrem Geburtstag! – Wenn… wenn sie sich weiter mit Marko oder einem anderen trifft, komme ich erst mal nicht mehr, wenn sie euch am Wochenende im Stall hilft.“
Sie nickte.
Jo drückte kurz und kräftig seine Schulter: „Dann bringe ich dir Frühstück.“
Nick lachte auf und steckte seine Freunde an. Er kicherte: „Ich kann mir sogar selbst Frühstück machen, Jo. Ich bin meistens nur zu faul.“
Jo grinste: „Vergiss nicht, dass Andrea wegfällt: bei ihr kannst du auch nicht mehr frühstücken gehen.“
Nick lachte wieder: „Wie lange sind Heinz und Karin da? Wollt ihr zum Abendessen kommen?“
Eva strahlte, Heinz und Karin waren ihre Eltern: „Dann schmeiße ich die früh raus! Gegen sieben?“ Nick konnte gut kochen.
Eigentlich hatte Andrea überhaupt keine Lust. Langsam zog sie sich an, war mit nichts zufrieden und ertappte sich immer wieder dabei, wie sie eine Möglichkeit suchte, Marko abzusagen. Sie hatte immer Spaß mit Marko, konnte gut mit ihm reden und es wurde nie langweilig. Aber… würde sie nicht mit Marko Essen gehen, wäre Nick vielleicht vorbeigekommen und sie hätten irgendwas gekocht, Bier getrunken, oder vielleicht sogar Wein, weil Nick anlässlich ihres Geburtstages am nächsten Tag eine Ausnahme gemacht hätte, und sie hätten sich blendend unterhalten. Sie zog die beigefarbene Bluse wieder aus. Keines ihrer Oberteile gefiel ihr. Sie hätte gewusst, was sie anzöge, wenn sie Nick erwartet hätte: ihr altes, zu großes T-Shirt, während sie kochten und dann würde sie wahrscheinlich vergessen, das dunkelblaue, bestickte, neue Oberteil anzuziehen. Aber es würde ihnen beiden nicht auffallen, weil es nicht wichtig war. Nick hätte zum Kochen sein weißes oder hellblaues Hemd ausgezogen. Sein weißes T-Shirt darunter durfte Tomatenspritzer abbekommen. Und wie sie hätte er vergessen, sich zum Essen wieder ‚schick’ anzuziehen.
Die beige Bluse war zu langweilig. Sie wollte Marko nicht sofort verschrecken. Aber zu viele Hoffnungen wollte sie ihm auch nicht machen. Sie wollte am liebsten gar nicht mit ihm ausgehen. Aber sie hatte ihrer besten Freundin Anna versprechen müssen, sich wieder mit Männern zu treffen.
Marko war dazu eigentlich perfekt: lieb, süß, aufmerksam, lustig, intelligent und redegewandt. Andrea seufzte. Sie entschied sich für ein hellblaues T-Shirt und verbot sich jede weitere Überlegung. Ihre Katze Samira beobachtete sie. Ihr passte es gar nicht, dass Andrea ausgehen wollte. Sie hatte Andrea gedrängt, Zuhause zu bleiben. „Guck nicht so, Sammy! Ich würde auch lieber hier bleiben!“ murmelte sie, als sie die gelben Augen der Tigerkatze im Spiegel auf sich gerichtet sah. „Ich hab es Anna versprochen…“ maulte Andrea mit der Katze, die sie unverwandt anstarrte. Sie setzte sich neben die Katze auf den Boden: „Wenn ich dir was Leckeres mitbringe, guckst du dann nicht mehr so vorwurfsvoll?“ Samira duckte sich unter Andreas Hand hinweg und verließ das Schlafzimmer grußlos.
Mit einem großen, bunten Strauß Blumen in den Händen klingelte Nick am nächsten Nachmittag bei Andrea. Sie mochte Blumen, aber eigentlich nur solche, die noch Wurzeln hatten. Er wusste das, hatte den Blumenstrauß aber mit Absicht gewählt. Er freute sich auf ihr etwas enttäuschtes Gesicht und dann die doppelte Freude über das wahre Geschenk. Als sie die Tür öffnete, bereute er seine Idee. Andrea wirkte gereizt. Aber sie freute sich, ihn zu sehen.
„Was ist los? Darf ich nicht rein?“
Sie machte keine Anstalten, ihn hereinzubitten. Sie sah vorsichtig in ihre Wohnung und kam dann heraus. Sie zog die Haustüre ihrer kleinen Einliegerwohnung fast zu: „Ich… Armin ist da, Lieschen und meine schlimmste Klassenkameradin von früher mit ihrem strahlenden Vorzeige-Ehemann… Es fehlen eigentlich nur noch Leuters…“
Nick lachte auf.
„Armin und Lieschen streiten sich über ihre Götter…“ jammerte sie.
Er grinste und spähte an ihr vorbei: „Sind die im Wohnzimmer?“
„Ja. Warum?“
„Und die Tür ist zu?“
„Ja.“
Nick überlegte einen Moment und sagte dann: „Pass auf: du holst jetzt deine Sachen, am besten auch Schwimmsachen und dann kommst du mit mir mit.“
Hoffnungsvoll sah sie ihn an: „Ehrlich?“
„Ja, klar! Wenn du die in deiner Wohnung alleine lassen kannst?“
„Ja, sicher…“ rief Andrea, während sie ins Schlafzimmer lief.
„Wohin fahren wir?“ fragte Andrea fröhlich.
Nick hatte noch keine Frau erlebt, die so schnell ihre Badesachen gepackt hatte. Sie war wie ausgewechselt. Sie lachte und strahlte über das ganze Gesicht. „Sag ich dir nicht, musst mir schon vertrauen“, brummte er gutgelaunt.
Sie lachte: „Das ist nicht schwer! Danke, Nick! Dass du mich da rausgeholt hast, ist das schönste Geburtstagsgeschenk, was du mir machen konntest!“
„Also muss ich dich nicht mehr zum Essen einladen?“ schmunzelte er.
„Nein, musst du nicht.“
„Ich wollte selbst kochen…“
„Doch! Doch! Du musst mich noch einladen“, rief sie.
Er lachte: „Mach ich! Und willst du jetzt irgendwas Besonderes? Schokolade? Chips?“ Er hielt an einem Supermarkt.
Andrea schüttelte den Kopf: „Nix Besonderes.“
Zwanzig Minuten später beobachtete sie neugierig, wie Nick das Vorhängeschloss an einem großen Tor öffnete. Durch das Gitter konnte sie Sträucher und Büsche sehen.
„Darfst du das?“
Er sah sie erstaunt an: „Ich habe einen Schlüssel.“
Sie grinste: „Den kannst du ja geklaut haben!?“
Er lachte und schob das Tor auf: „Das ist Familienbesitz. Wir haben hier und da ein bisschen Land, und dieses Stückchen ist eingezäunt, weil mittendrin ein kleiner See ist.“
Staunend sah Andrea zu ihm auf. Ihr fiel wieder auf, wie wenig sie über ihn wusste. Er war der Polizeichef des kleinen Ortes, war der jüngste von fünf Geschwistern und Jo war sein bester Freund. Mehr wusste sie eigentlich nicht von ihm. Frauengeschichten wurden ihm nachgesagt, aber sie bezweifelte deren Wahrheitsgehalt.
„Guck nicht so“, brummte Nick. „Unsere Familie ist uralt. Wir hatten viel Land. Das meiste haben wir mittlerweile verkauft, aber ein bisschen haben wir noch. Jo spekuliert seit Jahren darauf, gibt es aber nicht zu.“
„Und wieso verkaufst du es ihm nicht?“ Sie folgte ihm einen schmalen Pfad zwischen Schlehen und anderen Sträuchern entlang.
„Er tut es nur, um mich zu ärgern. Außerdem ist es nicht meine Entscheidung. Vor ein paar Jahren ist es meinen Geschwistern und mir überschrieben worden, also müssen wir fünf entscheiden. Aber es ist nie schlecht, Land zu haben. Es ist praktisch unsere Absicherung: Geld verliert seinen Wert, Land nicht. Und wir haben gutes Land. Stephan verwaltet den Kram für uns alle.“ Stephan war Nicks ältester Bruder.
„Willst du sagen, dass du reich bist?“
Er lachte leise: „Weiß ich nicht. Ich komme mit meinem Gehalt gut aus, muss also niemanden nach Geld fragen. Und ich vertraue Stephan, dass er das vernünftig macht.“
„Aber euer Land ist verpachtet, ihr bekommt Pacht dafür und Stephan teilt das zwischen euch auf… oder wie…?“ Andrea sah mit großen Augen zu ihm auf. Er war etwa anderthalb Köpfe größer als sie.
Nick war stehengeblieben. Er lächelte und drehte ihren Kopf sanft nach rechts. Sie vergaß das Land. Vor ihr lag ein kleiner See, von Bäumen und Sträuchern dicht umwachsen, nur vor ihnen war eine kleine Grasfläche und sogar etwas Sandstrand. „Das ist euer…?“
„Ja.“ Er suchte eine ebene Stelle und breitete die Decke aus, die er sonst immer in seinem Auto liegen hatte.
Andrea ging zum Wasser. Sie zog die Schuhe aus und krempelte ihre Jeans hoch. Vorsichtig ging sie hinein. Amüsiert beobachtete Nick ihr schönes Gesicht. Erst war es skeptisch, doch als sie die ersten Schritte im Wasser gemacht hatte, drehte sie sich strahlend zu ihm um: „Das ist warm!“
Er lachte: „Ja, klar. Da scheint den ganzen Tag die Sonne drauf und es ist seit drei Wochen warm und klar.“
Sie wandte sich wieder dem Wasser zu, hob den Kopf dann aber doch wieder: „Was hast du denn da alles?“
„Du hast doch Geburtstag“, erwiderte Nick.
Andrea kam barfuß zu ihm. Er hatte Orangensaft, Tomaten, Brot, Käse und Kräuterbutter auf der Decke ausgebreitet. Sie sah ihn sprachlos an, sogar mit offenem Mund, was ihn sehr amüsierte. „Du solltest eigentlich noch etwas da am Wasser bleiben, aber dann…“ Er holte einen kleinen Schokokuchen aus der Tragetasche, die er aus dem Supermarkt mitgebracht hatte und piekte eine Kerze hinein. Er zündete sie an und reichte ihr den Kuchen: „Herzlichen Glückwunsch, Andrea!“
Sie war immer noch sprachlos. Sie nahm den Kuchen, tat aber nichts weiter. Nick freute sich. Er überraschte sie gerne.
Als Andrea sich gefasst hatte, stellte sie den Kuchen auf die Decke und umarmte und küsste ihn auf die Wange: „Danke! Vielen, vielen Dank! So ein schönes Geburtstagsgeschenk habe ich noch nie bekommen! Danke, Nick!“
„Alles Gute, Süße, “ murmelte er neben ihrem Ohr. Freudig drückte sie ihn noch mal, dann löste sie sich von ihrem besten Freund und wandte sich den Leckereien zu.
Andrea war sich sicher, dass sie noch nie so leckeres Brot und so aromatische Tomaten gegessen hatte. Die Kräuterbutter war etwas zu salzig, aber der Käse war sehr lecker und der Orangensaft auch. Sie aß alles durcheinander, bis ihr Magen wehtat. Stöhnend legte sie sich auf die Decke und hielt ihren Bauch.
Nick musste lachen: „Du siehst fast so aus, als wärst du schwanger“, feixte er.
Andrea grinste. Sie schob ihr dunkelrotes Top etwas hoch und streckte den Bauch raus: „So etwa?“
Der Polizist nickte: „Genau.“ Seine Stimme klang etwas heiser. Sie war unglaublich schön, fand er. Das blonde Haar trug sie heute offen, das tat sie selten. Es fiel ihr etwas lockig über die Schultern. Ihre blauen Augen hatte sie geschlossen, als sie sich hingelegt hatte. Wenn sie ihn mit großen Augen ansah, tat er alles, was sie wollte. Er wusste das, kam aber nicht dagegen an. Sie wusste es nicht.
Sie betastete ihren ausgestreckten Bauch und meinte dann: „Es ist bestimmt schön, schwanger zu sein.“
Nick schluckte. Es dauerte einen Moment, bis er sich gefasst hatte, dann brummte er: „Das sagst du mir irgendwann, ja?“
Sie öffnete die Augen und sah ihn strahlend an: „Ja, mache ich. – Nick?“
„Mmh?“
„Marko… Du kennst ihn doch, oder? Meinst du, er mag mich wirklich?“
Nick spürte einen Stich in der Brust, antwortete aber: „Kann mir nicht vorstellen, dass er dich nicht mag. Warum?“
Sie hatte sich auf einen Ellenbogen gestützt und sah ihn an: „Weiß nicht… er ist so… Wir waren gestern Essen, aber… wir haben uns gut unterhalten, aber… ich hatte den Eindruck, er wollte nicht so richtig… also sich mit mir treffen. Ich glaube, er war nur höflich.“
Er wusste, was sie meinte. Marko wusste, was Nick für sie empfand und respektierte seine Gefühle. „Ich meine… ich habe ihn gefragt, ob wir uns noch mal treffen. Aber er wollte nicht so wirklich. Hab ihm schließlich eine Wette vorgeschlagen…“
„So gerne triffst du dich mit ihm?“ Nick war mehr erstaunt als eifersüchtig.
Andrea zuckte mit den Schultern: „Na ja, es ist immer lustig und… also um ehrlich zu sein, habe ich Anna versprechen müssen, mich wieder mit einem Mann zu treffen.“
Nick musste lachen. Er kicherte: „Deshalb triffst du dich mit ihm? Armer Kerl! Dann wirf ihm nicht vor, kein Interesse zu haben. – Sag Anna, du triffst dich mit mir.“
Sie seufzte: „Würde ich ja. Aber sie sagt, das zählt nur, wenn ich dich auch ausziehen will. – Na ja, sie formuliert es anders, aber… du verstehst, was ich sagen will.“
Er lachte. Er legte sich auf die Decke: „Du darfst mich ausziehen, Süße, wann und wo du willst.“
Andrea kicherte: „Hab schon gehört, dass du in letzter Zeit Pech mit den Frauen hast, aber dass dein Liebesleben so schlimm ist, dass du mich…“
„Hab kein Liebesleben“, brummte Nick dazwischen.
„Warum nicht? Du siehst doch so gut aus, du kannst doch jede haben!?“ Er drehte sich auf die Seite und sah sie an. Er stützte seinen Kopf in die Hand. Gerne würde er ihr Haar streicheln, ihren Kopf in seinen Händen halten, ihre weiche Haut unter seinen Fingerspitzen spüren… „Danke, hab aber beschlossen, auf Jo zu warten“, erklärte er und unterbrach damit seine eigenen Gedanken.
„Glaub ich dir nicht!“ sagte Andrea bestimmt.
„Ich will nicht ‚jede’, Andrea. Ich will nur eine! Ich weiß, mir werden tausend Affären nachgesagt. Nicht mal die Hälfte davon ist wahr.“ Er wollte ihr nicht an ihrem Geburtstag sagen, dass er sie liebte. Sie liebte ihn als ihren besten Freund und der Gedanke, dass er tiefere Gefühle für sie hatte und sie nicht für ihn, würde sie hart treffen und verletzen.
Sie grinste: „Nicht mal die Hälfte von Tausend? Also hast du 400 Affären?“
Er legte sich wieder auf den Rücken: „Hab nicht durchnummeriert, nur alphabetisch sortiert, aber so in etwa.“
„Angeber!“ kicherte sie.
„Und alle begeistert!“
Andrea musste lachen, nickte aber: „Glaube ich dir!“
Erstaunt drehte er sich wieder auf die Seite: „Wie…? Wieso?“
„Na ja, du hättest bestimmt nicht so viele Groupies, wenn… wenn es sich nicht lohnen würde. Und Frauen reden. – Also… ich habe nichts gehört, aber… na ja, sie würden sich ja nicht so um dich reißen, wenn sie was Schlechtes gehört hätten.“
„Vielleicht wollen die nur mein Geld, oder ein gesichertes Auskommen als Polizistenfrau?“
Sie nickte nachdenklich: „Wahrscheinlich hast du Recht.“
„Biest!“ grinste Nick.
„Darf man in dem See baden?“ wollte Andrea wissen, nachdem sie eine Weile in der Sonne gedöst hatte.
„Sicher! Hab doch gesagt, ‚nimm Schwimmsachen mit’.“
„Kommst du mit?“ strahlte sie.
Nick schüttelte den Kopf: „Nachher fällst du über mich her, wenn du mich halb nackt siehst…“
Andrea lachte auf. Sie warf eine Tomate nach ihm: „Eingebildeter Angeber! So gut kannst du gar nicht aussehen, dass ich deine Arroganz und Selbstverliebtheit vergesse.“
Er grinste nur.
„Kann ich mich irgendwo umziehen?“
„Ich guck weg“, bot er großzügig an. Wie von ihm beabsichtigt, lachte sie wieder. Sie lachte gerne und er sah sie gerne lachen. Er zeigte auf einen kleinen Weg, der zwischen zwei Nadelbäumen und Holundersträuchern verschwand: „Meine Schwestern und meine Schwägerin gehen sich immer dahinten irgendwo umziehen.“
„Das Wasser ist herrlich“, schwärmte Andrea, als sie sich wieder zu ihm auf die Decke setzte. „Willst du wirklich nicht?“
„Hab keine Badesachen mit. Hab nicht geplant hierherzukommen.“
Etwas betroffen sah sie ihn an: „Stimmt, natürlich nicht! Wovon… was wolltest du eigentlich machen?“
Er zuckte mit den Schultern: „`N Bier auf deinen Geburtstag trinken und dann zur Wache. Bin auf Abruf.“ Er zeigte ihr sein Diensthandy.
Ihr Blick war fast bestürzt: „Halte ich dich… also… musst du zur Wache? Ich… ich komme mit Lieschen und so schon klar…“
Er schüttelte den Kopf: „Hab zwar noch Einiges zu tun, aber das kann ich auch morgen machen. Ich muss heute nur erreichbar sein. Normalerweise hole ich dann liegengebliebenen Kram nach, aber… dass du einen schönen Geburtstag hast, ist wichtiger.“
Am liebsten hätte Andrea ihn umarmt! „Der Geburtstag ist wunderschön!“ sagte sie mit viel Wärme. Zufrieden legte sie sich hin und schloss die Augen.
Nick hatte etwas Mühe gehabt, seinen Blick nicht über ihren Körper wandern zu lassen. Sie war wunderschön. Nur wenn sie gelacht hatte, war es ihm leicht gefallen, ihren halb nackten Körper zu vergessen: er liebte es, sie lachen zu sehen.
„Weißt du, was du vergessen hast?“ neckte sie. „Das Bier.“ Sie blinzelte zu ihm auf.
„Echt? Bier?“ wunderte er sich.
„Ja, warum nicht?“
„Hab gedacht, ich tu dir einen Gefallen und kaufe Rotwein“, meinte Nick.
Andrea setzte sich wieder auf: „Wie? Ehrlich?“
„Mmh.“
Sie sah ihn erneut sprachlos an. Schließlich grinste sie: „Das glaubt mir niemand! Dass du mir zuliebe Rotwein trinkst, glaubt mir niemand!“
Nick wusste nicht, ob er sich erklären oder einfach lachen sollte. „Möchtest du Wein?“ fragte er daher einfach.
„Gerne!“ nickte sie. „Ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen soll! Danke, Nick! Das ist wirklich der schönste Geburtstag, den ich bisher hatte!“
Andrea schnitt den Schokoladenkuchen zum Rotwein an. Es passte nicht ganz zusammen, aber sie hatte keine Lust, sich darüber Gedanken zu machen: zu Rotwein aus Plastikbechern konnte man auch Schokoladenkuchen essen. Und beides schmeckte ihr hervorragend.
Nick hatte hauptsächlich Spaß daran, dass es ihr schmeckte. Er trank von dem Wein, aß aber nur wenig Kuchen.
Andrea kicherte: „Dafür, dass du sonst nie Wein trinkst, trinkst du gerade aber ganz schön viel!?“
„Bei meiner Mutter und meinen Schwestern gibt es immer nur Wein. Da trinke ich auch Wein. Daher weiß ich auch, welchen Wein ich mag.“
„Du bist also doch nicht so hart, wie du immer tust?“
Er lachte: „Das weißt du besser als jeder andere!“
Andrea nickte langsam: ja, dass wusste sie. Ihm ging es näher als allgemein angenommen wurde, wenn etwas in der Gemeinde nicht stimmte, wenn es jemandem schlecht ging oder es Streit gab. Sie lächelte ihn an: „Ich sag es nicht weiter. Nicht mal Jo.“
Nick lachte leise: „Ich fürchte, der weiß das noch besser als du.“
Sie grinste, wurde aber von ihrem klingelnden Handy abgelenkt. Zwischen zwei Telefonaten erklärte sie: „Jetzt sind die Zuhause in Frankfurt langsam vom Brunch in der Stadt zurück.“
„Hat Anna schon angerufen?“ wollte Nick wissen, als Andrea mal wieder ein Gespräch mit Freunden in Frankfurt beendet hatte.
„Nein. Die ruft spät an.“ Sie grinste: „Die will wissen, wer angerufen hat und terrorisiert dann die, die nicht angerufen haben.“
Er sah sie zweifelnd an: „Ehrlich?“
„Nein. Also sie fragt schon, wer angerufen hat und sagt dann, sie würde die anderen nerven, bis die anrufen, aber sie macht es nie. Anna ist Zuhause so eine Art große Schwester für alle. Jeder, der Probleme hat, kommt zu ihr, also wenn es um Polizeikram oder Juristisches geht.“
„Nicht zu dir? Also wegen dem Juristischen?“
„Doch, früher schon, aber jetzt bin ich ja weg, und Annas Schwester ist Richterin.“
Nach einer kleinen Weile, in der Andrea auf den See geblickt hatte, fragte Nick: „Wärst du gerne Zuhause?“
Sie sah ihn etwas verwirrt an: „Musst du arbeiten?“
„Wie…? Nein! Was hat das denn mit Frankfurt zu tun?“
Sie lachte auf: „Ach so. Nein, ich hab gedacht… Ich hab gedacht, du wolltest mich jetzt in meine Wohnung hier in Niederheid bringen.“
Er lachte leise: „Nein. Ob du gerne in Frankfurt wärst, meine ich.“ Es gefiel ihm, dass sie bei ‚Zuhause’ sofort an ihre Wohnung in Niederheid dachte.
„Schon irgendwie… Aber wenn meine Freunde und Verwandten herkämen, wäre ich schon glücklich… noch ein bisschen mehr als jetzt.“ Sie lächelte ihn lieb an.
Er biss sich auf die Zunge. Sie war so wunderschön! Ihm fiel keine Antwort ein. Aber da seine Kehle sich anfühlte, als ob er sowieso nichts würde sagen können, versuchte er es gar nicht erst.
„Ich gehe nochmal schwimmen“, erklärte Andrea fröhlich.
„Sei vorsichtig, du hast getrunken“, murmelte Nick. Es war ein Reflex und es war nicht wichtig, dass sie ihn nicht hörte. Er sah ihr nach, bis nur noch ihr Kopf aus dem Wasser ragte, dann ließ er sich stöhnend auf die Decke sinken. Er zweifelte daran, dass er ihr noch lange mit klarem Verstand begegnen konnte. Bald würde sie ihm den letzten verbleibenden Rest auch noch vernebeln – nur dadurch, dass sie ihn anlächelte. Er grinste: er hatte Jo, Jan und seinen ältesten Bruder Stephan immer damit aufgezogen, dass sie sich von ihren Frauen um den Finger wickeln ließen. Und jetzt ging es ihm nicht anders. Allerdings hatte er noch einen Vorteil: Andrea wusste nichts von ihrer Wirkung auf ihn, die anderen Frauen hatten ihren Männern absichtlich zu schaffen gemacht. Ein erstickter Schrei ließ ihn auffahren. Andrea hatte erschreckt geschrien und sich am Wasser verschluckt.
Später wusste Nick nicht mehr, wie er sich Schuhe und Jeans heruntergerissen und zu ihr gekommen war. Sie hatte sich am gegenüberliegenden Ufer des kleinen Sees ein paar Müllsäcke angesehen, die ihm auch schon aufgefallen waren. Er hatte sich darüber gewundert, weil niemand außer seiner Familie Zugang zu dem Grundstück hatte. Aber er hatte sich später, nicht an Andreas Geburtstag, darum kümmern wollen. Jetzt saß sie zusammengekauert und in eine Decke gehüllt auf seinem Schoß. Sie zitterte am ganzen Körper. Nick hielt sie fest umschlungen. Besorgt wartete er auf Rettungsdienst und Polizei.
„Da war… da war…“ stammelte Andrea.
„Ich weiß“, murmelte er beruhigend und drückte sanft ihren Kopf an seine Brust. „Ich hab es gesehen.“
„Wer macht sowas?“
„Ich weiß es nicht. – Denk nicht daran.“ In den Säcken befanden sich Leichenteile.
Nicks Kolleginnen Marion und Manuela trafen als erste ein. „Was ist passiert?“ wollten sie gleichzeitig wissen. Er schilderte es in knappen Worten.
„Wie geht’s ihr?“ fragte Marion mit einem kurzen Kopfnicken in Andreas Richtung. Andrea war ihre Freundin.
„Nicht gut“, murmelte er.
„Sie hat Geburtstag, oder?“ Manuela sah ihre kleine Kollegin betroffen an.
Der Hüne nickte.
„Sch…! Na gut, komm, Manu, wir sagen den Kollegen, wo sie hinmüssen. Nick: bleib bei ihr, wir kriegen das hin! Sie braucht dich jetzt mehr als wir! – Die Feuerwehr muss Strahler aufstellen, wir sind hier eine Weile beschäftigt. Und dann…“
Nick ließ sich von Marion überzeugen. Er hätte es sowieso kaum geschafft, sie in die Obhut eines anderen Menschen zu geben. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Andrea zu. Er sprach leise mit ihr, erinnerte sie an schöne oder lustige Situationen. Manchmal lächelte sie sogar fast. Das Nächste, was er von der Außenwelt mitbekam, waren die Rettungsassistenten, die sich um Andrea kümmern wollten. Nick verwehrte ihnen, sie auf eine Trage zu legen. Er bedeutete den Männern, die Trage wieder über den schmalen, unebenen Pfad zurück zur Straße zu schieben. Andrea tragend folgte er ihnen. Am Rettungswagen angelangt, legte er sie auf die Trage.
Marko Jolten, der bei der freiwilligen Feuerwehr arbeitete, kam zu Nick, als Andrea untersucht wurde: „Nick, alles in Ordnung?“
Er schüttelte die Hand seines Freundes. „Mir geht’s gut. Andrea… sie spricht nicht und zittert.“
„Sie hat einen Schock! Hätte ich auch, das kannst du mir glauben! Scheiße, das hat sie nicht verdient! – Wenn ich was tun kann, sag Bescheid!“
„Nick.“ Ein älterer Mann gab ihm die Hand.
Er nahm sie: „Dirk. Was machst du hier?“ Es beruhigte und verwirrte ihn, seinen Dienststellenleiter zu sehen.
„So schnell, wie Marion alles fallen gelassen hat, als dein Anruf kam, muss was Schlimmes passiert sein. Was ist denn passiert?“
Nick wiederholte, was er seinen Kolleginnen zuvor schon erklärt hatte. Der kleine Mann mit dem runden Bauch und den gütigen Augen sah immer entsetzter zu ihm auf. Eine Weile nachdem Nick geendet hatte, wollte er wissen: „Und wer ist sie?“
„Andrea Jansen. Sie arbeitet bei Hofmeister. Sie… sie hat heute Geburtstag.“
„Geb…?! Das arme Mädchen! Wieso seid ihr hier?“
„Hab sie eingeladen.“
