Alte Geschichte - Antje Kuhle - E-Book

Alte Geschichte E-Book

Antje Kuhle

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Beschreibung

Was ist überhaupt Alte Geschichte? Wie kann ich mein Studium der Alten Geschichte erfolgreich gestalten? Welche Berufsperspektiven habe ich? Dieses praxisbezogene Handbuch vermittelt alles Wissenswerte zum Einstieg in die Alten Geschichte und zum Studium dieses Faches. Der Aufbau des Buches orientiert sich an althistorischen Proseminaren. In kompakter Form erläutert es auf der Grundlage von Quellenbeispielen die geschichtswissenschaftlichen Forschungsmethoden. Neben den literarischen Zeugnissen werden verschiedene Quellentypen wie Inschriften oder Münzen thematisiert und die damit verbundenen Arbeitstechniken der Nachbar- und Hilfswissenschaften vorgestellt. Die Studieneinführung ist durch die zielgerichteten Literaturhinweise, die zahlreichen Illustrationen und den hohen Praxisanteil ein wertvolles Hilfsmittel nicht nur für Studienanfänger.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 423

Veröffentlichungsjahr: 2020

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UTB 5426

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Antje Kuhle / Martin Lindner

Alte Geschichte

Quellen – Methoden – Studium

mit zwei Kapiteln von Dorit Engster

Vandenhoeck & Ruprecht

Dr. Antje Kuhle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Regensburg.

Dr. Martin Lindner ist geschäftsführender Assistent am Althistorischen Seminar der Universität Göttingen.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de

Trotz sorgfältiger Recherchen ist es nicht in allen Fällen gelungen, die Rechteinhaber aller Abbildungen zu ermitteln. Der Verlag bittet gegebenenfalls um Mitteilung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: Fotografie © Geronimo Förster

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

UTB-Nr. 5426

ISBN 978-3-8463-5426-1

Inhalt

Vorwort

1. Einführung: Studium der Alten Geschichte(Antje Kuhle)

2. Quellenkritik(Martin Lindner)

3. Recherche(Martin Lindner)

4. Literarische Quellen

4.1 Poesie (Antje Kuhle)

4.2 Prosa (Antje Kuhle)

4.3 Fragmente (Martin Lindner)

5. Epigraphik(Antje Kuhle)

6. Numismatik(Dorit Engster)

7. Onomastik und Prosopographie(Martin Lindner)

8. Chronologie(Antje Kuhle)

9. Geographie(Martin Lindner)

10. Paläographie(Antje Kuhle – Martin Lindner)

11. Archäologie(Dorit Engster)

12. Rezeption(Martin Lindner)

13. Ausblick(Martin Lindner)

Abbildungsverzeichnis

Sachregister

Vorwort

Wozu eine weitere Einführung in das Studium der Alten Geschichte? Es gibt viele hilfreiche und verdienstvolle Überblicke zu Teilepochen und Themen der Alten Geschichte. Tatsächliche Einführungen in das Studium, und zwar vom ersten Interesse bis hin zum Berufseinstieg, sind schon seltener. Viele dieser Werke wurden vor oder zu Beginn der Bologna-Reformen verfasst und lassen sich nicht (mehr) adäquat auf die heutige Studienrealität anwenden. Das vorliegende Buch ist als Leitfaden für das Studium der Alten Geschichte in den Bachelor- und Masterstudiengängen geschrieben. Damit stellen wir uns als Schreibende einer doppelten Aufgabe: Zum einen sind die Besonderheiten eines sogenannten kleinen Faches zu berücksichtigen. Zum anderen soll die Einführung – auf Basis mehrjähriger Erfahrung mit den spezifischen Anforderungen der Studiengänge – ein Vademekum für die Organisation und Gestaltung eines erfolgreichen Studiums bieten, das mit praktischen Hinweisen und vor allem zahlreichen Quellenbeispielen unterfüttert ist. Der historische Abriss wird bewusst kurz gehalten und die Ausgewogenheit der Teilepochen unter anderem mit der Auswahl der besprochenen Zeugnisse gesichert.

Interesse an der Alten Geschichte ist zwar eine wichtige Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Studium, reicht alleine jedoch leider nicht aus. Unsere Einführung ist daher als praxisbezogenes Handbuch konzipiert, das als begleitende oder vertiefende Lektüre zum Proseminar eingesetzt werden kann. Somit ist es vor allem an Studienanfängerinnen und -anfänger gerichtet, denen das Buch beim Überwinden verschiedener Einstiegshürden helfen möge. Darüber hinaus ist es in allen Studienphasen für diejenigen gedacht, die ihr Wissen auffrischen und vertiefen wollen. Wer dieses Buch „nur“ zum Selbststudium nutzen möchte, ist ebenfalls herzlich eingeladen, damit den Weg zur Alten Geschichte einzuschlagen.

Die drei Kernelemente des Bandes sind bereits im Titel enthalten: Quellen, Studium und Methoden. Die Quellen sind die Grundlage des historischen Arbeitens und bilden in Studium und Forschung stets den Ausgangspunkt. Um die Quellen erschließen und aus ihnen historische Erkenntnisse gewinnen zu können, sind Methoden nötig, die während des Studiums erlernt werden. Die Einführung ist daher wie Ihr Studium gestaltet: Zunächst erhalten Sie Vorwissen zu Studieninhalten, zur Organisation und zu Gestaltungsmöglichkeiten. Danach steht der kritische Umgang mit den Quellen im Fokus – und hier beginnt die Arbeit an den Musterbeispielen, die für das gesamte Werk charakteristisch ist. Im dritten Abschnitt zur Recherche haben wir uns bewusst auf wichtige Grundtechniken und bewährte Hilfsmittel konzentriert, die Ihr Studium nachhaltig erleichtern und sich auf unterschiedliche Herausforderungen anwenden lassen.

Nach diesen einführenden Kapiteln beginnt die Quellenkunde, wobei die literarischen Zeugnisse am Anfang stehen. Darauf folgen Beiträge zu den Nachbar- und Hilfswissenschaften. Dabei wird nicht nur das methodische Handwerkszeug vermittelt, sondern dieses wird direkt auf die unterschiedlichen Quellengattungen angewendet. Jeder Abschnitt beginnt mit einer Einführung in die Begriffe und Methoden der jeweiligen Nachbar- und Hilfswissenschaft. Anhand eines konkreten Beispiels wird anschließend jeweils eine Quellenkritik durchgeführt, welche den Mehrwert der Teildisziplin aufzeigt. Abgerundet wird der vorliegende Band durch einen Ausblick mit Hinweisen zur Berufsqualifizierung.

Es ist unsere angenehme Pflicht, denjenigen zu danken, die an der Entstehung und Fertigstellung des Buches mitgewirkt haben. Dies betrifft die zahlreichen Studierenden, die an mehreren Universitäten an unseren Lehrveranstaltungen teilgenommen und mit ihren Fragen und Thesen zum Gelingen des Buches beigetragen haben. Großer Dank gilt zudem den studentischen Testleserinnen und -lesern: Pauline Ehrhardt, Carolina Römer, Lisa Schneider und Lars Wichmann. Weiterhin sind wir den Kolleginnen und Kollegen, die einzelne Passagen oder das komplette Manuskript durchgesehen und mit ihren Anregungen bereichert haben, zu Dank verpflichtet, insbesondere Balbina Bäbler und Jörg Fündling. Von Verlagsseite haben Kai Pätzke und Victor Wang das Projekt von Anfang an freundlich und kompetent begleitet. Besonders möchten wir Geronimo Förster und Sylvia Lindner für die Hilfe bei der Erstellung des Bildmaterials und für Hinweise zum Text, vor allem aber für ihre Geduld und ihren Beistand danken.

Göttingen im Juni 2020

Antje Kuhle und Martin Lindner

1. Einführung: Studium der Alten Geschichte

Wie viel Getreide passte in einen Riesen-Pithos im minoischen Palast von Knossos? Warum prägten die Athener Eulen auf ihre Münzen? Warum sind kaum Schriftquellen aus dem antiken Sparta überliefert? Was trugen die Römer unter ihrer Toga? Warum konnte sich das Christentum als Staatsreligion durchsetzen? Auf welchen Quellen und welchem Wissen über die Antike basiert das Computerspiel Assassin’s Creed Odyssey? Zur Beantwortung dieser und vieler weiterer Fragen ist ein Studium der Alten Geschichte erforderlich, denn die Alte Geschichte ist ein hochaktuelles und flexibles Fach.

Wer sich für ein solches Studium entscheidet, stößt bei der Suche nach einem geeigneten Studienort möglicherweise auf Hindernisse. Das Fach Alte Geschichte kann nur noch an wenigen Universitäten und nur als ein Fach neben anderen studiert werden. Althistorische Lehrveranstaltungen werden im Rahmen einer fachwissenschaftlichen Ausbildung (Bachelor/Master of Arts) oder eines Lehramtsstudiums (Bachelor/Master of Education oder Staatsexamen) angeboten. An vielen Universitäten ist die Alte Geschichte neben dem Mittelalter und der Neuzeit ein Teilbereich der Geschichtswissenschaft. Seltener wird die Ur- und Frühgeschichte (oder Vorgeschichte) – die Erforschung der Zeit ohne schriftliche Überlieferung – dazugezählt. Die Geschichtswissenschaft untersucht menschliche Gesellschaften und deren Entwicklung, wodurch sie sich zum Beispiel von den Naturwissenschaften unterscheidet. Während des Studiums ist die Alte Geschichte zumeist die früheste gelehrte Epoche.1 „Alt“ darf jedoch nicht im Sinne von „weniger entwickelt“ oder „rückständig“ missverstanden werden, sondern bezeichnet nur, dass die Epoche vor dem Mittelalter und der Neuzeit angesiedelt ist. Entsprechend sind für die Erforschung späterer historischer Abschnitte Kenntnisse der Alten Geschichte von Nöten: Viele Entwicklungen nahmen in der Antike ihren Anfang und wurden in späterer und sogar bis in die heutige Zeit übernommen, modifiziert oder rezipiert.2

An anderen Universitäten zählt die Alte Geschichte zu den Klassischen Altertumswissenschaften (im Englischen: Classics), zu denen auch die Klassische Archäologie, die Griechische und die Lateinische Philologie gehören. Daneben können die Ägyptologie, die Altorientalistik oder die Kirchengeschichte genannt werden. Als Nachbarfächer verbindet sie alle der antike Schwerpunkt, weshalb Jörg Rüpke die Klassische Altertumswissenschaft als „Regionalwissenschaft, die sich auf den antiken Mittelmeerraum konzentriert“,3 bezeichnet. Eine Abgrenzung der Alten Geschichte zu den anderen Fächern ist durch die Quellenbasis möglich: Historikerinnen und Historiker beschäftigen sich vor allem mit schriftlichen Zeugnissen. Zwar gab es mit der Keilschrift, den Hieroglyphen oder der Linear-A-Schrift schon sehr früh schriftliche Zeugnisse, die althistorischen Studieninhalte setzen aber üblicherweise erst mit der Übernahme des griechischen Alphabets und den ersten literarischen Texten etwa im 8. Jh. v. Chr. an. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass die nichtschriftlichen Quellen keine Rolle spielen.

Da jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein Spiegel der Gegenwart ist, stehen die Epochen und Fachdisziplinen gleichberechtigt nebeneinander. Von späteren Zeitabschnitten unterscheidet sich die Alte Geschichte vor allem durch ihre Quellenbasis:4 Um Wissen über die Antike zu erlangen, müssen verschiedene Quellengattungen erschlossen, befragt und ausgewertet werden. Neben den literarischen Zeugnissen sind dies unter anderem Inschriften,5 Papyri,6 Münzen7 und andere materielle Hinterlassenschaften.8 Dabei werden historische, aber auch philologische oder archäologische Methoden angewendet. Weil der Bestand an nicht-literarischen Quellen ständig zunimmt, hat das Fach seine eigene Dynamik entwickelt. Eine weitere Besonderheit der Alten Geschichte sind die Quellensprachen: Die meisten Texte sind in Altgriechisch oder Latein verfasst, weshalb Kenntnisse dieser Sprachen unabdingbar sind.

Die doppelte Zugehörigkeit der Alten Geschichte ist historisch bedingt. Die Geschichte des Faches beginnt bereits in der Antike: In der antiken Historiographie, aber auch in der Dichtung und Philosophie ist eine intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu erkennen.9 Noch die mittelalterlichen Chronisten sahen ihre eigene Gegenwart als Erbe und Fortführung der Antike an. Als wissenschaftliche Disziplin bildete sich die Alte Geschichte im deutschsprachigen Raum erst im 19. Jh. aus. Da sie aus der Klassischen Philologie – der Wissenschaft, die sich mit den griechischen und lateinischen Texten der Antike befasst – hervorging, standen zunächst die Texte und ihre Erschließung im Zentrum der Forschung. Die Spezialisierung der Klassischen Philologie und damit auch der Alten Geschichte auf die Kultur der Griechen und Römer ist auf deren Idealisierung im Humanismus und in der Renaissance zurückzuführen. Der Buchdruck, durch den die antiken Texte, die vorher nur als klösterliche Handschriften zugänglich waren, massenhaft verbreitet werden konnten, fungierte als zusätzlicher Katalysator. Im Neuhumanismus (ab 1750) wurde die Antike als Kulturgut wieder aufgegriffen und durch Persönlichkeiten wie Johann J. Winckelmann (1717–1768) und Wilhelm von Humboldt (1767–1835) zum erstrebenswerten Vorbild erhoben. In dieser Zeit erfolgte auch die Aufnahme des Latein- und Altgriechisch-Unterrichts in den bürgerlichen Bildungskanon.

Bei den gesellschaftlichen und politischen Fragen, die zu dieser Zeit verstärkt an die Antike gestellt wurden, stieß die philologische Herangehensweise an Grenzen. Als Reaktion darauf entstanden bereits im 18. Jh. erste Studien, die sich dezidiert historischen Fragestellungen widmeten, wie dem Grund für den „Untergang der Antike“. Außerdem war durch zahlreiche Grabungen und andere Großprojekte in relativ kurzer Zeit ein immenser Wissenszuwachs zu verzeichnen. Die damit einhergehende Menge an neu verfügbaren Quellen führte zu einer Ausdifferenzierung: Neben die kritisch-philologische Methode trat die kritisch-historische. Die Alte Geschichte „war von einem breit angelegten Fach mit einem allgemeinen Bildungsanspruch zu einer modernen, spezialisierten Wissenschaft geworden“.10 Dies spiegelt sich seit 1870 auch in der deutschen Universitätslandschaft wider. Nach und nach wurden althistorische Lehrstühle oder Seminare institutionalisiert. Die Pioniere der althistorischen Forschung sind zahlreich, weshalb hier nur zwei genannt werden können: Ernst Curtius (1814–1896) und Theodor Mommsen (1817–1903). Beide sahen sich selbst nicht als Althistoriker im modernen Sinne, prägten jedoch mit ihren Werken, die eine breite Leserschaft fanden, das Bild der Antike in ihrer Zeit (und im Falle von Mommsen noch bis heute). Ihre Forschungen waren thematisch und methodisch altertumswissenschaftlich angelegt: Curtius verfasste nicht nur eine „Griechische Geschichte“, sondern war auch der Ausgräber Olympias. Theodor Mommsen publizierte eine „Römische Geschichte“ und widmete sich Großprojekten wie dem Corpus Inscriptionum Latinarum.11 Dabei sind ihm bis heute gültige Standards der Quellendokumentation und -publikation zu verdanken.

Jede Generation althistorisch Forschender war von ihrer eigenen Gegenwart geprägt, was sich in den Forschungsschwerpunkten niederschlug. So standen im deutschen Sprachraum in der Gründerzeit (1870–1914) politik- und militärhistorische Themen im Zentrum. Die Versorgungsengpässe und sozialen Spannungen im 1. Weltkrieg und in der Weimarer Republik führten zu einer Blüte sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Fragestellungen. In der jüngeren Vergangenheit blieb die Alte Geschichte auch von politischen Ideologien nicht unberührt. Im Nationalsozialismus flochten beispielsweise Fritz Schachermeyr (1895–1987), Joseph Vogt (1895–1986) oder Helmut Berve (1896–1979) pseudowissenschaftliche Theorien wie die Rassenlehre in die eigene Forschung ein. In der DDR wurden im Sinne des Historischen Materialismus vorkapitalistische Gemeinschaftsformen oder die Sklaverei erforscht. Daher ist bei der Lektüre und Bearbeitung jedweder Forschungsliteratur wichtig, diese historisch und methodisch einzuordnen.

Die Entwicklung des Faches dauert bis heute an. Die Alte Geschichte ist weiterhin mit Impulsen aus Wissenschaft, Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft konfrontiert und muss sich in deren Spannungsfeld stets neu verorten. Dazu gehört das Erproben von Methoden und Theorien, durch die Quellen erschlossen oder bekannte Quellen in neue Zusammenhänge gestellt werden können. Zudem bieten die technischen Innovationen Chancen und Risiken für das Fach. Ebenso wie der Buchdruck bringt das Internet für die Alte Geschichte große Veränderungen mit sich, denn es ermöglicht (internationalen) Austausch und macht Informationen leichter zugänglich. So ersetzen Algorithmen zwar die früher nötige heuristische Handarbeit, stellen die Forschenden aber gleichzeitig vor die Herausforderung, die zahlreicher verfügbaren Vergleichsergebnisse sinnvoll zu bearbeiten. Trotz allem müssen die Autopsie des Originals und die Arbeit mit den Originalquellen immer als Maximen in Studium und Forschung gelten. Es ist und bleibt Aufgabe jeder Generation von Althistorikerinnen und Althistorikern, das Wissen zu bewahren und aktuelle Impulse der Geistes- und Kulturwissenschaften auf ihre Anwendbarkeit zu prüfen.

Räume und Zeiten

Von der Alten Geschichte werden der Mittelmeerraum und die von ihm beeinflussten Gebiete untersucht. Im Zentrum stehen die Gebiete, in denen Altgriechisch und/oder Latein gesprochen und geschrieben wurden. Diese räumliche Begrenzung ist aus mehreren Gründen nur ein Analysekonstrukt der modernen Forschung. Einerseits bildet sich darin nicht die Wahrnehmung der Menschen der jeweiligen Zeit ab.12 Andererseits verschiebt sich die Perspektive je nach Fragestellung deutlich, wie anhand der Einflussgebiete derjenigen Herrscher gezeigt werden kann, unter denen das zu untersuchende Gebiet seine größte Ausdehnung erlangte (Abb. 1, Abb. 2): Alexander der Große (356–323 v. Chr.) und Traian (53–117 n. Chr.).

In chronologischer Hinsicht widmet sich die Alte Geschichte der griechischen und der römischen Periode. Innerhalb dieses mindestens 1300 Jahre umfassenden Zeitraums werden zur besseren Orientierung kleinere Abschnitte bestimmt, die als Gliederungsversuche der altertumswissenschaftlichen Forschung nicht mit antiken Zeitvorstellungen verwechselt werden dürfen. Moderne Epochengrenzen werden meist mit Persönlichkeiten oder Ereignissen, die in der Retrospektive gesellschaftlichen Wandel nach sich zogen, verbunden. Sie sind selbst historische Konstrukte, die von der jeweiligen Perspektive der Betrachtenden abhängen.

Ausgehend von der chronologischen Reihenfolge steht die ältere griechische Kultur am Anfang der Betrachtungen. Sie entstand nicht in einem luftleeren Raum, sondern war von verschiedenen Vorgänger- und Parallelkulturen beeinflusst.

Abb. 1 Beim Tod Alexanders des Großen erstreckte sich sein Herrschaftsraum vom heutigen Albanien im Westen bis nach Indien im Osten.

Abb. 2 In den letzten Jahren der Herrschaft des Kaisers Traian hatte das Imperium Romanum seine größte Ausdehnung erreicht: Es erstreckte sich vom heutigen Spanien im Westen bis zum Persischen Golf im Osten.

Im später als „griechisch“ bezeichneten Raum gingen ihr die minoische und mykenische Kultur voraus. Nach deren Untergang folgten die sogenannten Dark Ages, eine Zeit, über die aufgrund der Quellenarmut wenig bekannt ist. Besser wird die Quellenlage in der als Archaik bezeichneten ersten Epoche der griechischen Geschichte. Diese beginnt mit der Übernahme des phönikischen Alphabets im griechischen Raum etwa im 8. Jh. v. Chr.13 Schriftliche Zeugnisse gab es zwar schon vorher – die Keilschrift ist im Vorderen Orient schon vor 3000 v. Chr. und die Linear-B-Schrift in der Ägäis seit etwa 1450 v. Chr. greifbar –, doch erst durch das einheitliche Alphabet entstand ein mehr oder weniger geschlossener Kommunikationsraum. Dies zeigt sich einerseits darin, dass die panhellenischen Olympischen Spiele zum ersten Mal im Jahr 776 v. Chr. stattgefunden haben sollen.14 Andererseits entstanden in dieser Zeit die frühesten erhaltenen Schriftquellen in griechischer Sprache: die Epen Homers und Hesiods.15

Prägend für die Archaik war die Organisationsform der Polis. Als Polis wurde eine Gemeinschaft von Bürgern (πολῖται) bezeichnet, die in einem städtischen Raum lebten und politische, soziale und religiöse Institutionen teilten. Diese Struktur wirkte bis in die Spätantike hinein. Mit der Einrichtung von Poleis und der Ausbildung eines Bürgerbewusstseins ist auch die Entwicklung der Hopliten-Phalanx verbunden. Im Kampf waren die Hopliten (Bürgersoldaten) in mehreren Schlachtreihen, jeweils durch ihren Rundschild (ὅπλον) geschützt, dicht hintereinander aufgestellt. So konnten sie die Gegner rammen und zurückdrängen, weshalb diese Technik φάλαγξ (Walze) genannt wurde. Gleichzeitig wurden in der Archaik einzelne Gemeinwesen in Form einer Tyrannis monarchisch regiert. Weiterhin wichtig für diese Zeit war die griechische Kolonisation, durch die weite Bereiche des Mittelmeerraums und sogar die Küsten des Schwarzen Meers besiedelt wurden. Mit der zunehmenden Mobilität entstand eine vernetzte Welt, in der Altgriechisch gesprochen wurde und die griechische Kultur tonangebend war.

Die Klassik löste die Archaik ab. Der Begriff wurde von Johann J. Winckelmann (1717–1768) geprägt und bezeichnete ursprünglich eine Kunstepoche. An ihrem Beginn stehen die Perserkriege (500–479 v. Chr.), als deren Auslöser der Ionische Aufstand (500/499 v. Chr.) gilt. Einige griechische Poleis an der kleinasiatischen Küste erhoben sich gegen die persische Vorherrschaft und baten dafür Städte des griechischen Mutterlandes um Unterstützung. Die Perserkriege veränderten die Machtverhältnisse im Mittelmeerraum grundlegend: Zum einen entwickelten sich mehrere griechischen Poleis, vor allem Athen und Sparta, zu Hegemonialmächten über ihre griechischen und nichtgriechischen Nachbarn. Zum anderen bewirkte der mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Kriegszustand Veränderungen im Gefüge der Poleis sowie in deren Verfasstheit. Entsprechend war die Phase nach den Perserkriegen von innergriechischen Kämpfen um die Vorherrschaft im zentralen und östlichen Mittelmeerraum geprägt. Den Athenern als Schirmherren des Attisch-Delischen Seebunds standen die Spartaner mit dem Peloponnesischen Bund gegenüber. Der schwelende Konflikt zwischen den Großmächten mündete in den Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.), an dessen Ende Athens Niederlage und die Auflösung des Seebundes standen. Daneben begann in der Klassik eine Phase der Bündnisse und Bundesstaaten im griechischen Raum.

Die folgende Zeitspanne, die mit dem Erstarken Makedoniens beginnt, wird seit Johann G. Droysen (1808–1884) als Hellenismus bezeichnet. In der Forschung sind sowohl Anfang als auch Ende dieser Epoche umstritten. Als Wendepunkte werden unter anderem die folgenden genannt: der Herrschaftsbeginn Philipps II. von Makedonien (359 v. Chr.), die Schlacht von Chaironeia (338 v. Chr.) oder der Tod Alexanders des Großen (323 v. Chr.). Weite Anerkennung hat der Epochenbeginn mit dem Herrschaftsantritt Alexanders des Großen (336 v. Chr.) gefunden. Für das Ende werden folgende Daten in die Diskussion eingebracht: die Niederlage Makedoniens gegen die Römer (168 v. Chr.), die Provinzialisierung Griechenlands und Makedoniens (146 v. Chr.) oder sogar das Ende des Römischen Reiches. Am häufigsten wird in der Forschung der Tod der letzten hellenistischen Herrscherin Kleopatra VII. (30 v. Chr.) genannt.

Prägend für diese Epoche waren die Eroberungen der makedonischen Herrscher Philipps II. und Alexanders des Großen, welche das Herrschafts- und Einflussgebiet der griechischen Kultur bis an den Rand der indischen Halbinsel erweiterten (Abb. 1). Nach Alexanders plötzlichem Tod teilten seine Generäle das Reich unter sich auf, da keine Nachfolgeregelung getroffen worden war und sich kein legitimer Erbe für das Reich in seiner Gesamtheit durchsetzen konnte. Diese Phase hoher Instabilität, die von wechselnden Allianzen und zahlreichen Kriegen geprägt war, wird als Diadochenzeit bezeichnet. Erst nach der Schlacht von Kouroupedion (281 v. Chr.) etablierten sich drei Großreiche, die neben zahlreichen kleineren Reichen und Poleis bestanden: dasjenige der Antigoniden in Makedonien, jenes der Seleukiden in Vorderasien und das der Ptolemäer mit dem Kernland Ägypten. Doch auch diese Dreiteilung sicherte den Frieden nicht dauerhaft, sodass weiterhin außen- und innenpolitische Konflikte an der Tagesordnung waren.

Im Gegensatz zur Klassik war im Hellenismus die Monarchie die vorherrschende Staatsform. Trotzdem blieben ältere Traditionen präsent und wurden weiterentwickelt. So bestand die Polis als Verwaltungs- und Identifikationsgröße weitgehend fort. Ferner wurden die Bundesstrukturen ausgebaut: Freie Poleis des griechischen Festlands schlossen sich wie in Achaia oder Aitolien zusammen, um gegen die Monarchien agieren zu können. Mit den hellenistischen Königen endet die griechische Geschichte jedoch nicht. Vielmehr liefen die griechische und die römische Geschichte parallel zueinander ab und beeinflussten sich gegenseitig.

Die römische Geschichte ist ebenfalls in eine ältere Regionalgeschichte einzuordnen: Vor den Römern siedelten auf der italischen Halbinsel bereits Kelten, Etrusker, Griechen und zahlreiche andere. Die Geschichte der Stadt Rom beginnt mit ihrer mythischen Gründung durch die Zwillinge Romulus und Remus, die sich im Jahr 753 v. Chr. ereignet haben soll.16 Während die Einteilung der griechischen Geschichte an die Kunsthistorie angelehnt ist, sind die Epochen der römischen Geschichte an der Politik- und Verfassungsform orientiert. So wird die frühe Geschichte Roms als Königszeit bezeichnet. Die Quellenlage für diese Zeit ist sehr lückenhaft. Einige spätere Autoren wie der Geschichtsschreiber Titus Livius (etwa 59 v. Chr.–17 n. Chr.) unternehmen Rekonstruktionsversuche, die eher als Spiegel der eigenen Gesellschaft zu lesen sind, in der das Königtum mehrheitlich als negativ wahrgenommen wurde.

Mit der traditionell in das Jahr 509 v. Chr. datierten Absetzung des letzten Königs und der Einsetzung von Oberbeamten,17 den späteren Konsuln, beginnt eine zweite Epoche: die Römische Republik. Diese wird meist bis in das Jahr 27 v. Chr. angesetzt. Da unter dem Oberbegriff der Römischen Republik eine lange Zeitspanne und ein sich ständig vergrößernder Raum zusammengefasst ist, kann eine weitere Untergliederung vorgenommen werden: Die Frühe Republik reichte aus innenpolitischer Perspektive bis zum Ende der sogenannten Ständekämpfe zwischen Patriziern und Plebejern mit der Lex Hortensia (287 v. Chr.). Durch diese erhielten plebiscita (Beschlüsse der Plebs) Gesetzeskraft und wurden den regulären Gesetzen (leges) gleichgestellt. Wenn die außenpolitische Entwicklung, besonders die allmähliche Ausdehnung der Herrschaft Roms über die italische Halbinsel, betrachtet wird, ist der Beginn des ersten Punischen Krieges zwischen Rom und Karthago (264 v. Chr.) anzuführen.18 Die Frühe Republik war von politischen sowie sozialen Aushandlungsprozessen gekennzeichnet, an deren Ende sich die politischen Gremien des Senats und der Volksversammlungen (comitia) institutionalisiert und der cursus honorum19 (die Ämterlaufbahn) formalisiert hatten.

Im Laufe der Mittleren Republik, welche die Zeit bis zu den Gracchischen Reformen (133/122 v. Chr.) bezeichnet, setzten sich die Römer zunehmend auch militärisch mit Karthagern und Griechen auseinander. Durch die Punischen Kriege wurde Rom zur Hegemonialmacht im westlichen Mittelmeerraum. Ab 200 v. Chr. sicherten erfolgreiche Kriegszüge die Vorherrschaft der Römer im hellenistischen Osten. Die jeweils hinzugewonnenen Gebiete wurden auf Dauer als Provinzen organisiert und dem Imperium Romanum angegliedert. Durch weitere Expansionen in der Phase der Späten Republik erlangte Rom schließlich die teils direkte, teils indirekte Kontrolle im gesamten Mittelmeerraum und den angrenzenden Gebieten. Diese galt es besonders in den Grenzregionen, wie zum Beispiel in Kleinasien gegen Mithridates VI. von Pontos (89–63 v. Chr.), oder in den Provinzen wie Hispania und Africa zu verteidigen. Die immer noch mit den Mechanismen eines aristokratisch geführten Stadtstaats verwaltete römische Herrschaft, deren Gebiet sich innerhalb weniger Jahrhunderte immens vergrößert hatte, war an ihre Grenzen gestoßen. Im Agrarsektor, im Heer oder beim Umgang mit den Bundesgenossen (socii) waren Reformen überfällig. Die Republik blieb zwar eine Aristokratie, der Senat wurde aber zunehmend von wenigen herausragenden Feldherren wie Gaius Marius (158/157– 86 v. Chr.), Lucius Cornelius Sulla (138–78 v. Chr.) oder Gnaeus Pompeius Magnus (106–48 v. Chr.) abhängig, die ihren Handlungsspielraum ständig vergrößerten und sich immer schwerer integrieren ließen. Schließlich gelang es Gaius Iulius Caesar (100–44 v. Chr.), gestützt auf sein Heer, effizient innere wie äußere Feinde niederzuringen und eine Alleinherrschaft einzuleiten. Die Ermordung Caesars durch seine Standesgenossen führte nicht zu einer Renaissance der republikanischen Staatsführung. Vielmehr übernahmen Caesars Adoptivsohn Gaius Octavius (63 v. Chr.–14 n. Chr.), Caesars Verbündeter Marcus Antonius (86–30 v. Chr.) und Caesars Anhänger Marcus Aemilius Lepidus (90–12 v. Chr.) als vom Senat bestätigte Triumviri (Drei-Männer-Kollegium) die Macht. Nach dem Tod der Caesarmörder bei der Schlacht von Philippi (42 v. Chr.) teilten sie das Imperium Romanum provisorisch unter sich auf. Den folgenden Bürgerkrieg konnte Octavius in der Schlacht von Actium (31 v. Chr.) endgültig für sich entscheiden. In den kommenden Jahren gelang es ihm unter dem Titel Augustus, eine Alleinherrschaft neuen Typs zu etablieren, die er nicht nur überlebte, sondern die auch ihn überdauerte.

Die Römische Kaiserzeit wird auch Prinzipat (27 v. Chr.–284 n. Chr.) genannt: Sie beginnt mit Augustus und endet gewöhnlich mit dem Herrschaftsantritt Diokletians. Der Begriff leitet sich von dem lateinischen Wort princeps ab. Als solcher wurde ein „Erster unter Gleichen“ bezeichnet, womit das römische Kaisertum charakterisiert ist: Einerseits mussten sich die Kaiser in ihrem Verhalten von den als negativ wahrgenommenen römischen Königen und hellenistischen Monarchen abgrenzen. Andererseits stellten die Kaiser sich als die Angesehensten unter den theoretisch gleichen Senatoren dar, obgleich sie faktisch über dem Senat standen. So wurden dem Kaiser unter anderem der Oberbefehl (imperium proconsulare), das oberste Priesteramt (pontifex maximus) und die Befugnisse eines Volkstribuns (tribunicia potestas) übertragen. Die Stellung des Kaisers wurde aber nie schriftlich definiert und auch die Nachfolge war nicht einheitlich geregelt. Daher brach nach dem Tod Neros (68 n. Chr.), dem letzten Kaiser der iulisch-claudischen Dynastie, ein Bürgerkrieg aus. Die folgenden Jahrzehnte werden nach Herrschergruppen zusammengefasst: Flavier (69–96 n. Chr.), Adoptivkaiser (96–192 n. Chr.), Severer (193–235 n. Chr.) und Soldatenkaiser (235–284 n. Chr.). Außenpolitisch fuhren die Römer ihren Expansionskurs zwar immer weiter zurück, dafür errichteten sie durch diplomatische Beziehungen eine Schutzzone verbündeter und befreundeter Mächte, durch welche die Außengrenzen gesichert waren. Innenpolitisch reformierten und stabilisierten einzelne Kaiser den Verwaltungsapparat, wobei das Heer als Träger des Kaisertums immer wichtiger wurde. Eine rasche Folge von Bürgerkriegen, Herrscher- und Dynastiewechseln belastete Herrschaftsstrukturen und Bevölkerung massiv.

Mit dem Regierungsantritt Diokletians (284 n. Chr.) wird oftmals der Beginn der Spätantike angesetzt. Die Herrschaftsform ist weiterhin das Kaisertum, aber Diokletian reformierte das Imperium Romanum grundlegend. Um die zahlreichen Usurpationen einzudämmen und den wachsenden Bedrohungen an gleich mehreren Außengrenzen entgegenzutreten, führte er die Tetrarchie (Viererherrschaft) ein: Zwei Augusti (Oberkaiser) herrschten gemeinsam mit zwei von ihnen ernannten Caesares (Unterkaiser). Dadurch wurde sowohl die Kaisernähe in allen Teilen des Reiches gewährleistet als auch die Nachfolgeproblematik entschärft. Dieses System war jedoch nicht von Dauer, da schon 324 n. Chr. Constantin wieder als Alleinherrscher regierte. Mit ihm beginnt die Ära des christlichen Kaisertums, dessen Traditionen weit über die Grenzen der Spätantike hinaus wirksam blieben. Da Rom zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Zentrum des Reiches neben anderen Residenzen war, bildete sich eine neue Verwaltungselite aus: Hohe Beamte waren unter anderem die praefecti praetorii (Prätoriumspräfekten) für die Zivilverwaltung, die magistri militum (Heermeister) für das Militär und der magister officiorum (Meister der Ämter) für den Hof. Daneben bestand die kirchliche Selbstverwaltung, wobei die fünf Patriarchate in Rom, Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Jerusalem an oberster Stelle standen. Unter den Kaisern Valentinian (364–375 n. Chr.) und Valens (364–378 n. Chr.) zeichnete sich schließlich die Zweiteilung des Reiches in Ost und West ab, die seit 395 n. Chr. zur faktischen Reichsteilung wurde und bis ins Mittelalter prägend war. Mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus 476 n. Chr. endete das Weströmische Reich. Dagegen bestand das Oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel bis 1453. Entsprechend ist auch das Ende dieser letzten Epoche umstritten: Die Alleinherrschaft Konstantins (324 n. Chr.), die Absetzung des Romulus Augustulus (476 n. Chr.), der Tod Kaiser Justinians (565 n. Chr.) oder der Beginn der islamischen Expansion (632 n. Chr.) sind gängige Epochengrenzen. Die meisten Forschenden benennen das Jahr 500 n. Chr., welches sich weder auf eine Person noch ein Ereignis bezieht, als Epochengrenze. Hieran wird nochmals deutlich, dass es sich bei den Epochen nur um Hilfskonstruktionen handelt.

Abb. 3 Epochen der Alten Geschichte.

Sowohl in Bezug auf den Raum als auch die Zeit gibt erst die konkrete Fragestellung den Ausschlag. Daher reicht beispielweise der Berichtszeitraum der L’Année philologique20 vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis zum Jahr 800 n. Chr. Die Binnenperiodisierung ist auf Konventionen innerhalb des Faches zurückzuführen; die antiken Zeitgenossen sahen solche Umbrüche in den entsprechenden Daten nicht oder mit anderen Akzenten. Eine auf Epochen gestützte Ausbildung an Universitäten hat den Vorteil, dass die spezifischen Quellen besser erforscht werden können. Sie kann aber ebenso den Nachteil haben, dass Tendenzen und Entwicklungen, die Epochengrenzen überspannen, aus dem Blick geraten. Ferner ist deutlich geworden, dass die geographische und chronologische Gliederung der Alten Geschichte eurozentristisch ist: Der Vergleich etwa mit zeitgleichen chinesischen, mittelamerikanischen oder zentralafrikanischen Kulturen ist eher die Ausnahme.

Leitfaden zum Studium

Ziel eines Studiums der Alten Geschichte ist es, „die überprüfbare, festgelegten Regeln und Standards folgende kritische Herangehensweise zur Wiedergewinnung bestimmter Aspekte des vergangenen Geschehens“21 zu erlernen. Somit unterscheiden sich Schule und Studium in ihrer Zielsetzung: An Universitäten wird die wissenschaftliche Ausbildung vorgenommen. Valides Wissen über die Vergangenheit soll nicht mehr nur konsumiert und wiederholt, sondern produziert und kritisch geprüft werden. Dafür gilt es selbstständig denken und handeln zu lernen, weshalb die eigenverantwortliche Arbeit im Studium eine herausragende Rolle spielt. Bei der Erforschung historischer Phänomene dürfen Sie jedoch nicht dem Trugschluss erliegen, dass „historische Fakten“ existieren.22 Ein Faktum ist zunächst einmal lediglich eine gesprochene oder geschriebene Aussage über einen Sachverhalt. Es hat keinen vorhistorischen oder übergesellschaftlichen Anspruch, sondern ist im Gegenteil erst durch den Diskurs einer Gemeinschaft entstanden und prinzipiell jederzeit wandelbar: „Die Aufgabe des Historikers [und der Historikerin] ist deshalb nicht einfach, eine bereits bestehende Auswahl von Tatsachen ans Licht zu fördern und zu interpretieren. Aufgabe des Historikers [und der Historikerin] ist es, durch die Interpretation der Quellen festzulegen, welchen Dingen der Status von Fakten zugemessen werden soll und welche somit als Basis für eine historische Darstellung verwendet werden können.“23

Ein Studienbeginn geht oft mit zahlreichen Hürden einher: einer eigenen Wohnung, einem neuen sozialen Umfeld und vielem mehr. Hinzu kommen die Anforderungen des Studiums. Zunächst müssen Sie sich an der Universität zurechtfinden: Wer sind meine Ansprechpersonen? Wo finden meine Veranstaltungen statt? Wo ist die Mensa? Außerdem müssen Sie sich in einer nicht immer leicht verständlichen Studien- und Prüfungsordnung und in einem Modulkatalog zurechtfinden. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken, sondern nehmen Sie die Herausforderung an. Es empfiehlt sich dringend, die Rechte und Pflichten des eigenen Studienganges zu kennen, damit Sie Ihr Studium selbstbestimmt gestalten können und nicht auf vorgefertigte Stundenpläne angewiesen sind. Dabei helfen Ihnen die Homepages der Universität und Ihres Faches, die Orientierungsphase, die meist in der Woche vor Vorlesungsbeginn stattfindet, oder die Beratungsangebote. Jede Universität verfügt sowohl über eine zentrale Studienberatung als auch über fachspezifische Ansprechpersonen. Bei den zentralen Beratungsstellen können Sie allgemeine Fragen zu Studienablauf und -organisation klären. Daneben können Sie sich bei Bedarf zu einem Studium mit spezifischen Herausforderungen – wie chronischen Erkrankungen (Nachteilsausgleich), Studieren mit Kind oder wenn Sie als Erste oder Erster in Ihrer Familie an einer Universität studieren – beraten lassen. Die Fachstudienberatung unterstützt Sie mit besonderer fachlicher Expertise zum Beispiel bei der Erstellung von Stundenplänen, bei der Wahl eines Praktikumsplatzes oder beim Auslandsaufenthalt. Für Fragen zu einzelnen Lehrveranstaltungen bieten die Dozierenden eine wöchentliche Sprechstunde an, die Sie mindestens für die Absprache von Prüfungsleistungen und deren Nachbesprechung wahrnehmen sollten. Scheuen Sie sich auch nicht, Ihre Kommilitonen um Hilfe zu bitten. An vielen Universitäten gibt es Fachgruppen/Fachschaften, die dem Austausch unter den Studierenden dienen. Immerhin haben Sie sich alle für ein geisteswissenschaftliches Studium entschieden und verfolgen somit ähnliche Interessen.

Vor Beginn jedes Semesters erstellen Sie einen Stundenplan, wobei Ihnen die Prüfungs- und Studienordnung und das Vorlesungsverzeichnis helfen. Um einen Bachelor oder Master erfolgreich abzuschließen, werden Module absolviert, die aus verschiedenen Lehrveranstaltungen bestehen. Unterschieden werden kann zwischen einem Pflichtbereich und einem Wahlpflichtbereich. Die Module des Pflichtbereiches müssen von allen Studierenden absolviert werden, während Sie bei den Wahlpflichtmodulen aus einem größeren Angebot je nach Interesse wählen können.

Jedes Modul ist mit ECTS-Punkten (European Credit Transfer System) versehen, die sich nach Anwesenheit, Arbeitsaufwand und Prüfungsleistung berechnen (Abb. 4 und 5). Module mit vielen ECTS-Punkten beeinflussen die Endnote mehr als solche mit wenigen, denn am Ende werden die Bewertungen aller Module zusammengerechnet und so die Abschlussnote ermittelt.24 Um ein Modul zu bestehen, werden zum einen semesterbegleitend Prüfungsvorleistungen absolviert, die Sie auf Ihre Modulprüfung vorbereiten. Letztere wird zum anderen am Ende der vorlesungsfreien Zeit in Form oft nur einer notenrelevanten Leistung abgelegt. An Universitäten werden Noten, im Gegensatz zur Schule, als Drittelnoten vergeben,

Abb. 4 Folgende Informationen können Sie Modulblättern unter anderem entnehmen: (1) Modulbezeichnung, (2) Anzahl der ECTS, (3) Lernziele und Arbeitsaufwand, (4) Anzahl der Lehrveranstaltungen, (5) Regelungen zu den Prüfungen, (6) mögliche Zugangsvoraussetzungen.

Abb. 5 Folgende Informationen können Sie Vorlesungsverzeichnissen entnehmen: (1) Titel der Lehrveranstaltung, (2) Veranstaltungsart, (3) Veranstaltungsnummer, (4) Anzahl der ECTS, (5) Termine und Ort der Veranstaltung, (6) Lehrperson, (7) Kommentar und Literaturliste, (8) Prüfungsleistungen, (9) Modulzuordnung.

das heißt, auf 1,0 als Bestnote folgen 1,3 und 1,7; die letztmögliche Note, mit der Sie noch bestehen können, ist 4,0.

Pro Semester empfiehlt es sich, etwa 30 ECTS-Punkte zu erreichen. Eine deutliche Überschreitung dieses Richtwerts ist nicht ratsam, da sonst der Lerneffekt und die Qualität Ihrer Leistung leiden werden. So ergibt sich eine wöchentliche Präsenzzeit zwischen 14–18 Stunden im Semester. Hinzu kommt das Selbststudium, welches je nach Veranstaltungstyp das Doppelte oder Dreifache der Präsenzzeit umfasst. Dabei eignen Sie sich eigenständig oder mit Hilfe von Arbeitsaufträgen der Lehrveranstaltungsleitung Hintergrundwissen an und erstellen die Prüfungsleistung. Vor Beginn der Veranstaltung machen Sie sich mit Hilfe von Einführungsliteratur mit den Grundzügen des Themas vertraut, damit Sie so viel wie möglich mitnehmen können. Während der rund 14 Wochen des Semesters lesen Sie begleitend die Quellen und die dazugehörige Forschungsliteratur. Schreiben Sie zu jeder Zeit mit, denn dies hilft Ihnen nicht nur bei der Modulprüfung, sondern Sie können im Laufe Ihres Studiums immer wieder darauf zurückgreifen. Zudem unterstützt der Prozess des Schreibens nachweislich das Abspeichern des Gehörten oder Gelesenen. Je nach Prüfungsart präsentieren Sie das gesammelte Wissen entweder am Ende der Vorlesungszeit (Klausur, mündliche Prüfung) oder Sie fertigen zum Beispiel Hausarbeiten oder Essays in den 10–12 Wochen der vorlesungsfreien Zeit an. Achten Sie stets darauf, nicht alle Arbeiten an das Ende der vorlesungsfreien Zeit zu verschieben, da Sie sich wiederum auf die Lehrveranstaltungen des kommenden Semesters vorzubereiten haben.

Um Ihr Studium erfolgreich zu gestalten und sich für den späteren Berufseinstieg gut zu positionieren, empfiehlt es sich, mehrere Bereiche im Blick zu behalten, die in Ihrer Studienordnung möglicherweise nicht in gleicher Weise abgebildet sind:

–die Fachkompetenz

–die Sprachkompetenz

–die interdisziplinäre Perspektive

–die Berufsqualifikation.25

Fachkompetenz

Trotz vieler Unterschiede zwischen den einzelnen Universitäten können drei Phasen des Bachelorstudiums herausgearbeitet werden:

–Grundstudium oder Einführungsphase (1.–2. Semester)

–Hauptstudium oder Aufbau- und Vertiefungsphase (3.–5. Semester)

–Abschlussphase (6. Semester).

Häufige Veranstaltungstypen an der Universität sind Vorlesungen, Seminare, Übungen und Kolloquien oder Ringvorlesungen. Die meisten Veranstaltungen dauern 90 Minuten; mehrstündige Proseminare oder Blockseminare sind ebenfalls möglich.

Die Vorlesung wird meist von fortgeschrittenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, meist Professorinnen und Professoren, gehalten. Sie findet in Vortragsform statt, wobei Fragen zugelassen sein können. Wegen der großen Anzahl der Teilnehmenden und ihrem oft sehr unterschiedlichen Wissensstand findet keine Diskussion statt. Vielmehr wird die historisch-kritische Methode exemplarisch vorgeführt. Vorlesungen dienen der Wissensvermittlung über historische Ereignisse und die dazugehörigen aktuellen Forschungsdebatten. Außerdem kann die Vorlesung bei der Einbettung des Seminarthemas und Ihres Hausarbeitsthemas in einen größeren Zusammenhang unterstützen. Gleichwohl sollten die Sitzungen nicht passiv rezipiert werden, sondern im Rahmen des Selbststudiums vor- und nachbereitet werden. Arbeiten Sie die Literaturlisten oder Quellenpapiere durch und schlagen Sie unbekannte Begriffe, Personen oder Orte nach. Dies gilt besonders am Anfang des Studiums, da die Vorlesung für alle Studienstufen vom ersten Semester bis zum Masterabschluss konzipiert ist.

Seminare sind aktiver gestaltet, da hier kleinere Gruppen zusammenkommen. Im Gegensatz zu den Überblicksdarstellungen der Vorlesungen werden speziellere Themen diskutiert. Die Vorgehensweise ist nicht zwangsläufig chronologisch, sondern problemorientiert. Begleitend zu einer Vorlesung „Der frühe Prinzipat“ könnte etwa ein Seminar „Frauenräume in der augusteischen Zeit“ angeboten werden. Die Seminare sind oft diejenigen Veranstaltungen, in denen Sie Ihre Modulprüfung meist in Form von Referaten und Hausarbeiten oder Essays ablegen, und somit diejenigen mit dem größten Zeitaufwand. Am Beginn des Studiums stehen Proseminare, in denen die wissenschaftliche Arbeitsweise, die Methoden und der Umgang mit den Quellen der Alten Geschichte erläutert und angewendet werden. Dabei liegt der Fokus sowohl auf den literarischen als auch auf den nicht-literarischen Quellen, welche durch die Nachbar- und Hilfswissenschaften erschlossen werden können. Begleitend zu Proseminaren werden meist Tutorien von fortgeschrittenen Studierenden angeboten. Im Rahmen des Tutoriums können Sie sich auf Augenhöhe über den erlernten Stoff austauschen und diesen vertiefen. Da im Proseminar die Fundamente für das folgende Studium gelegt werden, sollten Sie hierfür viel Zeit einplanen und auch freiwillige Zusatzangebote nutzen.

Für den Verlauf der zweiten Phase des Studiums sehen die Studienordnungen zwei verschiedene Möglichkeiten vor. An einigen Universitäten folgen Hauptseminare, die aus den Magisterstudiengängen übernommen wurden. An anderen Universitäten schließen zunächst Aufbauseminare an, in denen Sie auf das Wissen aus dem Grundstudium aufbauen können. Diesen folgen Vertiefungsseminare, wo in kleinen Gruppen auf höherem Niveau über wissenschaftliche Fragestellungen diskutiert wird. Unabhängig von der Benennung dienen die Seminare des Hauptstudiums dazu, durch die Kenntnis der meisten Quellen, der Forschungsgeschichte und der aktuellen Forschungsdiskussion ein Thema in seiner gesamten Tiefe zu durchdringen.

Daneben gibt es Lehrformen, die sehr frei gestaltet sein können und die Sie im Rahmen von Wahlpflichtmodulen in Ihrem Hauptstudium besuchen. Zu nennen sind Übungen, Grundkurse und Exkursionen. In diesen Veranstaltungen sitzen wieder Studierende unterschiedlicher Semester zusammen. Die beiden Erstgenannten vermitteln wie die Vorlesungen Überblickswissen, wobei enger an den Quellen gearbeitet und diskutiert wird. Sie sind auch der Ort, um Methoden und Kenntnisse der Nachbar- und Hilfswissenschaften zu vertiefen. Übungen werden darüber hinaus für forschungsorientiertes Lehren und Lernen genutzt, indem Dozierende Ausschnitte ihrer aktuellen Projekte oder neue methodische Zugänge zur Diskussion stellen. Exkursionen sind meist mehrtägige Veranstaltungen, bei denen Orte der Antike besucht werden. Dazu zählen Sammlungen und Museen in der Nähe des Universitätsstandortes genauso wie Reisen nach Griechenland oder Italien.

Eine Gruppe von Veranstaltungen, bei der Sie die ganze Breite des Faches kennenlernen und die aktuelle Forschungsdiskussion direkt verfolgen können, sind Kolloquien und Ringvorlesungen. Ein Kolloquium wird für gewöhnlich jedes Semester oder einmal jährlich von den einzelnen Lehrstühlen angeboten. Hierbei stellen Forscherinnen und Forscher der eigenen Universität oder Gastvortragende aktuelle Ergebnisse ihrer Arbeit vor. Im Anschluss daran werden die Thesen im Plenum diskutiert. Dagegen werden Ringvorlesungen seltener angeboten und stehen immer unter einem gemeinsamen Oberthema, welches unter verschiedenen, oft interdisziplinären Gesichtspunkten beleuchtet wird. Hierzu werden ebenfalls ausgewiesene nationale und internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eingeladen. Der Besuch solcher Veranstaltungen lohnt sich ab dem ersten Semester, wobei Sie im Laufe des Studiums immer besser werden folgen können. So lernen Sie die Autorinnen und Autoren der Forschungsliteratur kennen, die Sie gelesen haben, und können mit ihnen ins Gespräch kommen.

Zum Abschluss des Studiums wird eine Bachelorarbeit verfasst. Diese entwickelt sich thematisch meist aus einer der Veranstaltungen des Hauptstudiums, sodass Sie sich mit den Quellen und der Forschungsliteratur bereits in Ansätzen vertraut gemacht haben. Während der Bachelorarbeit werden Sie von zwei Betreuenden begleitet, mit denen Sie mindestens Thema, Fragestellung und Gliederung absprechen sollten. Des Weiteren stehen die Betreuungspersonen für Diskussionen über die Quellen, die Literatur und Ihre Thesen zur Verfügung. Parallel zur Abschlussarbeit wird an den meisten Universitäten ein Oberseminar angeboten, in dem Sie mit anderen Abschlusskandidatinnen und -kandidaten sowie Promovierenden ins Gespräch kommen können.

Sprachkompetenz

Die Sprache ist das Werkzeug der Historikerinnen und Historiker, denn durch sie wird Wissen kommuniziert. Eine sichere Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift ist daher für ein erfolgreiches Studium unabdingbar. Dabei reicht es nicht, der Rechtschreibung und Grammatik mächtig zu sein, sondern Sie sollten über ausreichende rhetorische Fähigkeiten verfügen, um eine Argumentation plausibel darzulegen. In der mündlichen Präsentation ist zudem sicheres Auftreten, welches Sie in verschiedenen Prüfungsformen erlernen und anwenden, grundlegend. Um Ihre Sprachkompetenz zu erhöhen, sollten Sie so viel wie möglich lesen. Darüber hinaus ist es lohnenswert, sich durch den Besuch zusätzlicher Kurse Rhetorik- und Präsentationsstrategien anzueignen.

Ferner sind Kenntnisse verschiedener Fremdsprachen erforderlich, denn wissenschaftliche Debatten werden über Staats- und Sprachgrenzen hinaus geführt. Damit Sie die Möglichkeiten Ihres Studiums maximal ausnutzen können, sollten Sie diese schnellstmöglich erwerben. Jede Universität verfügt über ein Sprachenzentrum, an dem semesterbegleitende Sprachkurse oder Intensivkurse in der vorlesungsfreien Zeit angeboten werden. Diese können Sie im Bereich „Schlüsselkompetenzen“ anrechnen lassen. Für die Alte Geschichte sind altsprachliche Kenntnisse – Altgriechisch (Graecum) und Latein (Latinum) – unerlässlich. Ein Latinum ist an vielen Universitäten noch immer der Standard, um weiterführende Studienabschlüsse zu erwerben. Hinzu kommen die modernen Wissenschaftssprachen Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Neugriechisch. Die Kenntnis zweier moderner Fremdsprachen haben viele Universitäten als Zugangsvoraussetzung in ihren Ordnungen verankert. Oft kann eine moderne Sprache aber durch eine alte Sprache ausgeglichen werden. In jedem Fall ist es ratsam, mindestens zwei moderne Fremdsprachen sicher zu beherrschen. Unbedingt notwendig ist Englisch, das Sie sicher und zügig lesen, schreiben und sprechen können sollten. Die zweite Sprache richtet sich nach Ihrem Forschungsinteresse: Interessieren Sie sich beispielsweise vor allem für die römische Geschichte oder die Rechtsgeschichte, ist Italienisch ratsam.

Um Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern und zu vertiefen, empfiehlt sich ein ein- oder zweisemestriger Auslandaufenthalt zum Beispiel im Rahmen des Erasmusprogramms. Außerdem können Sie auf diese Weise die Fachkultur des Ziellandes kennenlernen. Bei einem Wechsel an eine ausländische Universität werden Sie durch zahlreiche Beratungsangebote unterstützt, sodass kein Studienzeitverlust zu befürchten ist. Viele Lehrstühle haben eigene Partnerschaften sowie Netzwerke und können Ihnen bei der Wahl der Zieluniversität helfen. Zudem entfallen bei einem Studienortswechsel die teilweise sehr hohen Semestergebühren an den Gastuniversitäten und Sie werden durch Stipendien oder Kostenübernahmen finanziell unterstützt. Ein Wechsel bietet sich im Rahmen des fortgeschrittenen Hauptstudiums an: im Bachelor im 4. bis 5. Semester, im Master im 2. bis 3. Semester. Auslandserfahrungen sind sowohl für Ihr Studium als auch für den späteren Berufseinstieg und Ihre persönliche Entwicklung Pluspunkte.

Interdisziplinarität

Zusätzlich zur Fachkompetenz in der Alten Geschichte sind Grundkenntnisse in anderen Disziplinen nützlich. An vielen Universitäten werden im Bachelorstudium ohnehin ein bis drei Fächer in ihrer Breite studiert und erst im Masterstudiengang erfolgt eine Spezialisierung.26 Ein Beispiel: Jemand studiert im Bachelor zunächst Geschichte und Klassische Philologie, im Master dann Alte Geschichte und Altgriechisch. Bei der Wahl der Fächer sollten einerseits persönliche Interessen eine Rolle spielen. Andererseits haben Nachbarfächer in Bezug auf die Quellen oft große Schnittmengen. Gewinnbringende Kombinationen sind etwa (Alte) Geschichte und Klassische Philologie oder Klassische Archäologie, aber auch Fächer wie Philosophie, Religionswissenschaft/Theologie oder Ägyptologie können sinnvolle Ergänzungen bieten. Darüber hinaus kann ein gemeinsames Studium der Anthropologie, einer Naturwissenschaft oder der Wirtschaftswissenschaften mit der Alten Geschichte zu interessanten Fragestellungen führen. In jedem Fall lohnt es sich unabhängig von den Studienfächern, in mindestens einer weiteren Klassischen Altertumswissenschaft Grundlagen zu erwerben, um auch dort Forschungsergebnisse einordnen und nutzen zu können. Dafür können Sie einführende Vorlesungen oder Übungen besuchen.

Eine Spezialisierung ist aufgrund der Masse der Quellen und Forschung auch in der Alten Geschichte notwendig. Ab dem Hauptstudium ist es ratsam, sich einer Epoche besonders zu widmen. Dennoch sollten Sie nicht den Blick über den Tellerrand hinaus verlieren. Stellen Sie sich breit auf und setzen Sie sich mit verschiedenen Methoden und Sichtweisen auseinander, die Sie dann auf Ihr Expertenthema anwenden können.

Einführungsliteratur

H. Blum – R. Wolters, Alte Geschichte studieren, UTB basics 2(Konstanz 2011).

G. Budde – D. Freist – H. Guenther-Arndt (Hrsg.), Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf, Akademie Studienbücher. Geschichte (Berlin 2008).

K. Christ, Römische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft (München 1982).

K. Christ, Hellas. Griechische Geschichte und deutsche Geschichtswissenschaft (München 1999).

K. Christ, Klios Wandlungen. Die deutsche Althistorie vom Neuhumanismus bis zur Gegenwart (München 2006).

A. Erskine (Hrsg.), A Companion to Ancient History, Blackwell Companions to the Ancient World. Ancient History (Chichester 2009).

N. Freytag – W. Piereth, Kursbuch Geschichte. Tipps und Regeln für wissenschaftliches Arbeiten, UTB 2569 5(Paderborn 2011).

H.-J. Gehrke – H. Schneider (Hrsg.), Geschichte der Antike. Ein Studienbuch 5(Berlin 2019).

R. Günther, Einführung in das Studium der Alten Geschichte, UTB 2168 3(Paderborn 2009).

K.-J. Hölkeskamp – J. Rüsen – E. Stein-Hölkeskamp – H. T. Grütter (Hrsg.), Sinn (in) der Antike. Orientierungssysteme, Leitbilder und Wertkonzepte im Altertum (Mainz 2003).

H. Leppin, Einführung in die Alte Geschichte, C.-H.-Beck-Studium (München 2005).

H. Leppin, Das Erbe der Antike, Beck’sche Reihe 1980 (München 2010).

H. Leppin, Die Aktualität der Alten Geschichte, Geschichte für heute (Schwalbach 2012).

N. Morley, Alte Geschichte schreiben (Heidelberg 2013).

W. Nippel, Über das Studium der Alten Geschichte (München 1993).

S. Rebenich, Theodor Mommsen. Eine Biographie (München 2002).

J. Rüpke, Wozu Altertumswissenschaften?, in: F. Keisinger – T. Lang – M. Müller – S. Seischab – A. Steinacher – C. Wörner (Hrsg.), Wozu Geisteswissenschaften? Kontroverse Argumente für eine überfällige Debatte (Frankfurt a. M. 2003), 117–123.

D. Vollmer, Alte Geschichte in Studium und Unterricht. Eine Einführung mit kommentiertem Literaturverzeichnis (Stuttgart 1994).

1Früher anzusiedelnde historische Gesellschaften wie die Ägypter oder Babylonier werden von eigenen Fächern, der Ägyptologie und der Altorientalistik, untersucht.

2Siehe Kapitel 12 (Rezeption).

3Rüpke 2003, 117.

4Zum Quellenbegriff siehe Kapitel 2 (Quellenkritik).

5Siehe Kapitel 5 (Epigraphik).

6Siehe Kapitel 10 (Paläographie).

7Siehe Kapitel 6 (Numismatik).

8Siehe Kapitel 11 (Archäologie).

9Siehe Kapitel 4.2 (Prosa).

10Leppin 2005, 13.

11Siehe Kapitel 5 (Epigraphik).

12Siehe Kapitel 9 (Geographie).

13Siehe Kapitel 10 (Paläographie).

14Siehe Kapitel 8 (Chronologie).

15Siehe Kapitel 4.1 (Poesie).

16Siehe Kapitel 8 (Chronologie).

17Liv. 1,60.

18Die Punischen Kriege werden in der Forschung auch als Römisch-Karthagische Kriege bezeichnet.

19Die Ämterlaufbahn beginnt mit der Quästur, gefolgt von der Ädilität oder dem Volkstribunat, der Prätur, dem Konsulat und der Zensur.

20Siehe Kapitel 3 (Recherche).

21Blum – Wolters 2011, 10.

22Morley 2013, 54–59.

23Morley 2013, 56.

24Für einen Bachelor müssen Sie insgesamt 180 ECTS-Punkte erreichen, für einen Master 120 ECTS-Punkte.

25Siehe Kapitel 13 (Ausblick).

26Die Lehramtsstudiengänge sind wegen der besonderen Bedeutung der Pädagogik und Fachdidaktik ein Sonderfall, wobei Sie auch hier einen Epochenschwerpunkt setzen können.

2. Quellenkritik

Convictolitavis ist im Jahr 52 v. Chr. der Anführer der Haedui, eines gallischen Stammes. Seine Stellung verdankt er römischer Einflussnahme – was ihn aber nicht daran hindert, sich von den benachbarten Arverni bestechen zu lassen. Kurz bevor die Truppen überlaufen können, wird der Plan von Eporedorix, einem anderen Mitglied der Haedui, an die Römer verraten.1

In den Wäldern des Nordens lebt die merkwürdige Tierart der Elche, die „ein bisschen größer [als Ziegen] sind, mit stumpfen Hörnern und ohne Gelenkknöchel in den Beinen.“2 Wegen der steifen Beine schlafen Elche an Bäume gelehnt, was sich findige Jäger zunutze machen: Sie sägen die Bäume an, die Tiere fallen mit ihrer Schlafstütze um und können sich mangels Knien nicht von selbst wieder aufrichten.3

Quellen und ihre Einordnung

Die beiden Texte liegen hier zwar in deutscher Zusammenfassung vor, wurden jedoch vor über 2000 Jahren von einem römischen Autor namens Gaius Iulius Caesar (100–44 v. Chr.) verfasst. Wir sind sehr gut informiert über seine Karriere, ebenso über den Hintergrund seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Beide Auszüge sind also eindeutig historische Zeugnisse, aber sind sie auch Quellen? Diese Frage müsste eigentlich mit einer Gegenfrage beantwortet werden: Wofür genau sollten sie Quellen sein? Die Antwort hängt stets vom Standpunkt der Betrachtung ab. Unser jeweiliges Erkenntnisinteresse beziehungsweise unsere konkrete Fragestellung bestimmt den „Wert“ als Quelle. Auch was überhaupt eine Quelle sein kann, ist in diesem Sinn eine Definitionsfrage. Grundsätzlich können alle antiken Texte – oft vermittelt über spätere Abschriften – sowie alle von antiken Menschen erzeugten Bilder, Gegenstände, Siedlungsspuren und so weiter Informationen für die althistorische Forschung liefern. Alles, woraus wir Kenntnisse über den in Kapitel 1 beschriebenen zeitlichen und räumlichen Bereich erhalten können, ist prinzipiell eine Quelle.4

Die beiden Passagen aus Caesars De bello Gallico („Über den Gallischen Krieg“) sind in dieser Hinsicht nicht so verschieden, wie es den Anschein haben mag. Als Zeitzeuge und Beteiligter an der römischen Eroberung Galliens verfügt Caesar über einen besonderen Kenntnisstand. Als bewährter Feldherr kann er kompetente militärische Analysen liefern. Als kundiger Politiker besitzt er ein gutes Verständnis für die gesellschaftlichen Konsequenzen seiner eigenen Taten. Die Liste ließe sich noch sehr lange weiterführen. Trotzdem ist die Beschreibung der Schlacht damit nicht automatisch „wertiger“ als die der Elchjagd. Wenn uns eher interessiert, wie Römer fremde Sitten und Gebräuche beschreiben (oder was sie über die Tiere Mittel- und Nordeuropas wissen), hilft uns die Episode mit den Elchen deutlich weiter. Erst diese Schwerpunktsetzung gibt der Quelle ihre Relevanz. Ein Text kann viele Informationen liefern, oftmals unfreiwillig und zwischen den Zeilen – nur spricht er nicht aus sich heraus. Quellenkritik bedeutet daher, immer zu fragen, für welche Bereiche wir aus einem Text, einem Bild oder einem Gegenstand Erkenntnisse über die Vergangenheit gewinnen wollen und können. Ob sich dies mit den Aussagen deckt, die der Urheber oder die Urheberin der Nachwelt überliefern wollte, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Ohne Wissen um den historischen Kontext sind antike Quelle entweder unverständlich oder nur als unterhaltsame Geschichtchen wirksam. So könnte man sich De bello Gallico auch als einen – zugegebenermaßen etwas sperrigen – Fantasyroman um einen visionären Feldherren und seine große Mission vorstellen.5 Wir benötigen Wissen um den Hintergrund des Werks wie auch der einzelnen Passagen, sonst können wir sie nicht einordnen. Die Schilderung ist literarisch überformt, aber dennoch weit entfernt von einer rein literarischen Erfindung. Die Eroberung Galliens hat handfeste Spuren hinterlassen und ist auch ansonsten gut schriftlich belegt. In De bello Gallico selbst tritt Iulius Caesar als handelnde Figur auf, beschrieben durch die historische Persönlichkeit Iulius Caesar (teilweise mit Hilfe seines Untergebenen Aulus Hirtius).6 Wir müssen uns daher fragen, warum ein römischer Feldherr einen solchen Bericht über seine eigenen Taten verfasst. Für wen war die Darstellung bestimmt? Warum schreibt Caesar über seine eigenen Aktivitäten in der dritten Person? Wie nahe ist die Darstellung zeitlich zu den Ereignissen? Wie weit lässt sie sich durch andere Zeugnisse in ihrer Glaubwürdigkeit überprüfen?

Sobald wir uns klarmachen, dass Caesar vor allem als Feldherr und Politiker in der Region aktiv war, wird deutlich, wieso er in seiner Schrift nur bedingt Interesse für die lokale Tierwelt zeigt. Womöglich ist er hier einer unterhaltsamen Anekdote eines Informanten aufgesessen. Wäre Caesar bei einer solchen Pseudo-Jagd dabei gewesen, hätten ihm die Gegenbeweise sofort vor Augen gestanden (oder besser: sie wären davongelaufen). Damit erscheint umgekehrt der Schluss plausibel, dass der Autor Caesar nicht die Zeit und Möglichkeit hatte, alle ihn erreichenden Berichte auf Plausibilität zu überprüfen. Die Forschung spricht bei solchen unwillentlich oder auch randständig gelieferten Informationen vom Überrestcharakter einer Quelle. Womöglich war Caesar selbst sogar skeptisch im Hinblick auf die Anekdote, benutzte sie aber dennoch – nur warum? Weil sie so eine unterhaltsame Auflockerung für das römische Publikum bedeutete? Weil sie seine Botschaft von Germanien als Land, in dem alles fremd und anders ist, unterstützte? Eine solche Darstellungsabsicht wäre im Gegensatz zum Überrest- der Traditionscharakter der Quelle.7 Wieder zeigen sich uns erst im Vergleich mit anderen Textstellen und weiteren Zeugnissen gewisse Tendenzen in Caesars Arbeit. Generationen von Forscherinnen und Forschern haben eben diese Anzeichen identifiziert, die entsprechenden Stellen zusammengetragen und analysiert. Wie diese Vorarbeiten zu erschließen sind, ohne selbst Hunderte von Texten lesen zu müssen, wird in Kapitel 3 erklärt. Vorerst bleibt als Faustregel festzuhalten: Versuchen Sie keine Quellenkritik, ohne sich über den Kontext zu informieren.