Alte Seilschaften - Julia Lieder - E-Book

Alte Seilschaften E-Book

Julia Lieder

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Beschreibung

Dieser Kletterführer stellt nicht nur die Wege des Hangsteins vor, sondern bietet auch einen Einblick in deren Entstehungen. So mancher unbekannte Erstbegeher tauchte bei den Recherchen des Buches wieder auf. Wer die Hangsteine und deren Kletterrouten etwas genauer kennenlernen möchte oder einfach nur einen Kletterführer sucht, der übersichtlich die vorhandenen Wege beschreibt, hat das richtige Buch in der Hand.

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Seitenzahl: 66

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Auf dem Titelbild zu sehen sind (v.l.n.r.) Hermann Hartmann, Hans Bassiner, Max Dell, Otto Winkler, Gerhard Kreutzburg, Heinrich Flinte, Inge Mattheysl, Otto Mattheysl im Garten der Hohen Sonn

Quellenangaben

Privatarchiv und Erinnerungen von Jutta Vogelsang und Hans Schädlich

Privatarchiv und Erinnerungen von Gerhard Kreutzburg (geb. 1922) und Ernst Schäfer (geb. 1925)

Privatarchiv und Erinnerungen von Renate Sabrowsky

Kletterführer „Der Bergsteiger II“ (Auflage von 1958)

Kletterführer Thomas Engler: Klettern im Thüringer Wald

Kletterführer Hans Pankotsch: Zittauer und andere Gebirge

Kletterführer Mike Jäger: Thüringen

Kletterführer Thomas Hocke und Dirk Uhlig: SteinReich

Privatarchiv Ralf Richter

Verschiedene Unterlagen des Thüringer Bergsteiger Bundes

Inhaltsverzeichnis

Warum es dieses Buch gibt…

Zu den Felsen

westlicher Hangstein

süd-westlicher Hangstein - linke Seite

süd-westlicher Hangstein - rechte Seite

nord-östlicher Hangstein

Warum es dieses Buch gibt…

Eigentlich hatte ich das Thema Kletterführer abgeschlossen.

Bis auf ein paar Formulierungen und kleine Ungenauigkeiten passte die erste Ausgabe.

Solange der Inhalt des Marmeladenglases von der Winkelwand/ Hansbachroute verschollen bleibt, konnten keine neuen Erkenntnisse folgen. Hier lag ich falsch.

Am 15.06.2017 kletterten BN und ich an der Dreiherrenwand im Lauchagrund, als unser alter Kletterfreund Manne Hermann auftauchte. Er rief mir zu, dass er einen Namen von einem „den es noch gibt“ gefunden hat und mich abends anrufen wird. Ich hatte ihn gebeten, sich den Kletterführer und die Dokumente anzuschauen, ob vielleicht noch irgendetwas über die Kletterer von damals bekannt ist.

Vor allem über Gerhard Kreutzburg, den Erstbegeher der Falkennest Tour.

Da in Eisenach nichts zu finden war, vermutete ich, dass er im Krieg gefallen war.

Im Kletterführer von 1958 stand, dass Kletterer aus Waltershausen am Hangstein aktiv waren.

In dieser Richtung „fahndete“ Manne Herrmann bei seiner Recherche.

Abends klingelte das Telefon:

„9te Begehung 20.07.1942 Gerhard Kreutzburg, Erich Schäfer Erfurt. Volltreffer!! Erich Schäfer lebt in Oberursel. Manfred Göring hat eine Telefonnummer. Ruf an!“

Ich bekam die Telefonnummer von Erich Schäfer und rief an. Ich sagte meinen Namen, wo ich wohne, dass ich einen Kletterführer über den Hangstein schreibe und auf seinen Namen gestoßen war. Ruhe am anderen Ende der Leitung.

„Junger Mann, ich bin 92 Jahre alt und höre nicht mehr so gut. Und außerdem sprechen sie viel zu schnell“.

Ich wiederholte mein Anlegen.

„Junger Mann ich war 1942 am Hangstein. Da wollen sie doch bestimmt etwas über Gerhard Kreutzburg wissen?“

„Herr Schäfer, keiner weiß irgendetwas über Gerhard Kreutzburg“, sagte ich. Er lachte.

„Ich schon. Gerhard Kreutzburg und mich verbindet eine lebenslange Kameradschaft.

Er ist mein bester Kumpel.“

Er IST mein bester Kumpel. Ich hatte es genau gehört. „Soll das heißen er lebt noch?“

Erich Schäfer lachte: „Ja klar. Er ist bei bester Gesundheit, lebt bei Kassel und ist 95 Jahre alt“.

Erich Schäfer ist Jahrgang 1925 und stammt aus Erfurt.

Er hatte sich mit einem Freund im Jahr 1942 am Eisenacher Bahnhof zum Klettern verabredet.

Der kam aber nicht. Daher ging er zu seinem anderen Kumpel: Gerhard Kreutzburg.

Der wohnte in Eisenach 'Am Wolfgang'. Er war zuhause und sie gingen Klettern. Sie wurden Freunde fürs Leben.

Ich fragte ihn, ob er mir ein Treffen mit Gerhard Kreutzburg vermitteln könne.

Er wich aus.

Er fragte, wie ich ihn gefunden hätte.

Ich antwortete, dass es eine Eintragung von ihm in einem Wandbuch gibt, auf die ich bei meinen Recherchen zum Hangstein gestoßen war und ich versprach, diese Unterlagen zu schicken.

Ich packte alles zusammen und schickte es zu Erich Schäfer.

Wenige Tage später klingelte mein Telefon erneut.

„Wo wohnen Sie noch mal?“ fragte Erich Schäfer.

„In Eisenach“ sagte ich.

„Ich komme nächste Woche nach Oberhof. Ich habe dort Bergfreunde, die nehmen mich mit zum Falkenstein. Die 'Jungs' (Anmerkung: die Jungs sind um die 70 Jahre) haben mir nämlich eine große Freude gemacht. Sie haben mir eine Kopie des 1. Wandbuches des Falkensteiner- Risses geschickt. Dort haben Gerhard und ich die erste richtige Winterbegehung gemacht.

Am 2. Weihnachtsfeiertag 1942.

Wollen Sie kommen?“

Und wie ich wollte.

Mich erwartete ein 92-jähriger Mann mit einem Messerscharfen Verstand.

Erich Schäfer war vorbreitet.

Obwohl er nicht oft am Hangstein klettern war, war alles bei ihm, wie auf einer Festplatte, gespeichert.

Als er ein Bild aus seinem Fotoarchiv von Gerhard Kreutzburg im Vorstieg am Hangstein zeigte, wusste ich sofort, dass irgendwas nicht stimmt.

Die Wegbeschreibungen und das Bild passten nicht.

Erich Schäfer hatte das Glück nur kurz in Kriegsgefangenschaft gewesen zu sein.

Als er im März 1946 wieder in Erfurt war, nahm er an einem Abiturkurs, der für Kriegsheimkehrer angeboten wurde, teil. Erichs Vater riet ihm, nachdem er sein Abitur in der Tasche hatte, sich auf den Weg zu machen. So kam er nach Frankfurt am Main. Nachdem er einige Zeit auf dem Bau gearbeitet hatte, erkannte ihn ein Bekannter, der früher im Alpenverein war und wusste, wie sportlich er war.

Man fragte ihn, ob er sich vorstellen könne Modernen Fünfkampf zu machen.

Er konnte sich alles vorstellen um vom Bau weg und an die Uni zu kommen.

Die Bedingung war, dass er sich der Polizei anschloss.

Er beendete seine berufliche Kariere in führender Stellung bei der Kriminalpolizei in Frankfurt am Main und wollte 1952 in der Olympiamannschaft im Modernen Fünfkampf.

Er konnte alles-außer Fechten. Das musste er intensiv lernen. Im Ausscheidungs-Wettkampf misslang ausgerechnet seine Parade Disziplin: Schießen. Danach war es vorbei mit dem Modernen Fünfkampf.

Er ging wieder Klettern.

Mit 82 Jahren war er das letzte Mal auf dem Thüringer Falkenstein.

Er hat es nie bereut kein Fünfkämpfer geworden zu sein.

Am Ende unseres Gesprächs zog er sein schwarzes Notizbuch aus der Tasche und ich bekam die gewünschte Adresse und Telefonnummer von Gerhard Kreutzburg.

Als wir uns verabschiedeten, wollte ich ihm beim Aufstehen helfen.

„Nein, lasst mal, geht schon.“

Als er stand, grinste er und sagte trocken:

„So sieht jemand aus, der das Silberne Lorbeerblatt bekommen hat. Nur 70 Jahre später!“.

Ich habe wenig Menschen kennengelernt, die mich so beeindruckt haben wie Erich Schäfer.

Kaum zuhause, wählte ich die Nummer von Gerhard Kreutzburg.

Dreimal klingeln und er hob ab. Ich stellte mich vor und sagte weshalb ich anrief.

„Ich weiß was sie wollen. Erich hat sie schon angemeldet.

Wann wollen sie kommen? Morgen 12 Uhr? Ich freue mich.“

Gerhard Kreutzburg hatte die Einfahrt seines Grundstückes geöffnet und wartete davor im Gartenstuhl sitzend.

Ich folgte ihm in seinen Garten, wo seine 93-jährige Frau Anna im Schatten sitzend, ebenfalls wartete.

Da ich ihn nicht gleich mit Fragen über den Hangstein löchern wollte, erzählte ich, dass ich ebenfalls aus Eisenach komme und nur wenige hundert Meter von seinem alten Wohnort zuhause bin.

Dann erzählte er:

Die Lebensgeschichte von Gerhard Kreutzburg endete nach zwei Stunden.

Allein diese Informationen sind es wert ein eigenes Buch zu schreiben.

Er fing damit an zu berichten, dass er eine Lehre bei der Kunstschmiede Laufer in Eisenach begonnen hatte, sich aber nie wohl fühlte.

Die Lehre endete abrupt, als er eines Tages zum alten Meister Gustav Laufer kommen musste. Er beschuldigte ihn auf einer Baustelle etwas geklaut zu haben.

Bevor er sich rechtfertigen konnte, schlug er ihn.

Gerhard wurde krank. Nicht körperlich, sondern seelisch.

Er fühlte sich nicht wohl. Nach einiger Zeit fiel das auch einem Nachbarn seiner Eltern auf. Dieser war Ausbilder in der Maschinen-Schlosserei in der Eisenacher Spinnerei.

Nach einem Gespräch von Meister zu Meister durfte Gerhardt seine Lehrstelle wechseln. Dieser Schritt änderte sein Leben grundlegend.

Meister Duphorn, so hieß der Nachbar, war nicht nur ein hervorragender Lehrmeister, sondern auch Chorleiter eines Männerchores. Er nahm ihn mit und behandelte ihn dort vom ersten Tag an gut. Gerhardt blühte auf.

Er absolvierte seine Ausbildung mit Auszeichnungen.

Und nachdem er in der Lage war 0,3mm Bohrer mit der Lupe zu schleifen, wurde er ins Flugzeugmotorenwerk am Eisenacher Dürrenhof versetzt. Er wurde als Kriegswichtig eingestuft. Der Kriegsdienst blieb ihm erspart.

Erst im April 1945 wurden er und ein 65-jähriger Förster eingezogen.

Mehr Männer waren in Eisenach nicht mehr zu rekrutieren.