Alte Väter - Uly Foerster - E-Book

Alte Väter E-Book

Uly Foerster

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Beschreibung

Franz Beckenbauer wurde mit 58 Jahren noch einmal Vater, Pablo Picasso mit 68, Anthony Quinn sogar mit 81. Prominente Beispiele für sogenannte »Geronto-Väter« gibt es viele. Ein Trend, der sich in der Gesellschaft fortsetzt, was auch eine Folge des demografischen Wandels ist: Wer länger lebt, der liebt auch länger. Inzwischen haben in Deutschland Zehntausende Babys einen Vater, der bei ihrer Geburt über 50 war. Und es werden immer mehr, obwohl die gesellschaftliche Akzeptanz eher noch gering ist: Nur zehn Prozent der Deutschen halten eine Vaterschaft jenseits der 50 für okay. Der Journalist Uly Foerster wird zwei Wochen vor seinem 60. Geburtstag Vater zum ersten Mal. Sein Wunschkind stellt sein bisheriges Leben auf den Kopf. Kurz vor dem Ruhestand hat er plötzlich alles noch vor sich. Warum aber gelten alte Väter vielen als verantwortungslos? Was motiviert sie und ihre immer deutlich jüngeren Partnerinnen? Ist es der egoistische Wunsch, sich noch einmal jung zu fühlen? Oder ist es, andersherum, altruistisch, die letzten Lebensjahre einem Kind zu widmen? Uly Foerster geht diesen Fragen nach und berichtet mit großer Offenheit aus eigener Erfahrung witzig, unterhaltsam, temporeich. Vom Glück der späten Väter und ihrer Diskriminierung bis hin zum turbulenten Familienalltag.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Allitera Verlag

Uly Foerster, Jahrgang 1948, ist seit mehr als 40 Jahren Journalist. Er schrieb als innenpolitischer Redakteur und Hauptstadtkorrespondent für zahlreiche Wochen- und Tageszeitungen. Beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel, wo er von 1980 bis 1996 tätig war, leitete er das Deutschland-Ressort, später das Medienressort; 1994 war er Mitbegründer von Spiegel Online. Später arbeitete er als Chefredakteur bei der Gruner+Jahr-Tochter G+J Corporate Media. Seit 2011 ist er freier Autor. Er lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Wiesbaden.

Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unterwww.allitera.de

E-Book-Ausgabe April 2013 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2013 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Alexander Strathern, München unter Verwendung eines Bilds von © oly5 - Fotolia.com ISBN 978-3-86906-501-4

Widmung:

Für P. und C.– Für alle jungen Frauen, die es mit ihren alten Männern aushalten

Inhalt

Prolog Der Augenzeugenbericht

1 Verfallsdatum Vater mit 60: Bloß nicht schlappmachen

2 Verantwortung Hunderttausende Egoisten

3 Schrottgene Besuch im Masturbatorium

4 Algorithmusbaby Wahrscheinlichkeitsrechnungen für späte Eltern

5 Opapaopapaopapa Eine ausbleibende Diskriminierung

6 Glückliche Kindheit Warum es dafür nie zu spät ist

7 Rollator Das neue Bild des Alters und der Rollenkampf auf den Straßen

8 Endhaus Urbaner Abschied

9 Kindergarten Allein unter Kleinen

10 Schädling Partisanen im Rentensystem

11 Alter Vater Neubeginn nach der Rush Hour of Life

12 Vaterlos Kind alter Eltern

13 Largo für Anna Frühe Bildung und die Optimierung von Kleinkindern

14 Junge Frauen Für junge Männer viel zu schade

15 Entgleist Das Ende einer klaren Lebensplanung

Anhang Methusalems Zehn älteste Väter zwischen 70 und 95

Literatur

Prolog

Arglos öffnete ich das Kouvert mit der Werbesendung. Nein, auf unserem Briefkasten steht nicht „Werbung – Nein danke!“ Ja, ich öffne solche Umschläge. Ich finde nämlich, ich muss fair sein, ich muss auch dankbar sein, schließlich finanziert Werbung erhebliche Teile der Magazine, die ich lese, des Fernsehens, das ich schaue, und des kostenlosen Internets, das ich andauernd nutze. Und sie bezahlt meinen Arbeitsplatz als Schreiber.

Ich öffnete also dankbar und fair. Ich erhielt den Rat, fortan ein „Seniorenhandy“ zu benutzen. Mit breiten Tasten, alles ganz einfach, ohne komplizierte Einstellungen, ohne Musik, ohne E-Mail und ohne Zugang zum Web. Es war kurz vor meinem 62. Geburtstag.

Ich befand mich allerdings nicht nur im Vollbesitz mehrerer neuester Handymodelle, sondern auch meiner geistigen und körperlichen Kräfte, ich hatte mich bereits auf einen anderen Weg ins Alter begeben. Zwei Jahre zuvor hatte meine Frau nämlich, durchaus beabsichtigt, ihr erstes Baby bekommen – und ich war zum ersten Mal Vater geworden. Mein Töchterchen, die kleine Anna, spielt mittlerweile alleine mit meinem iPhone, das ihr Tierstimmen vorführt oder Fotos vom letzten Ausflug zeigt.

Zielperson für Seniorenhandywerbung und zugleich junger alter Vater zu sein, ein Leben zwischen Rollator und Kinderwagen – das ist doch wirklich mal ein Spannungsbogen. Um den geht es hier.

Sie sollten nicht einem Missverständnis erliegen: Dies ist kein Papa-Handbuch. Solche Ratgeber werden, den vermeintlich „neuen Vätern“ sei Dank, seit den Achtzigerjahren reichlich geschrieben. Viel Gefühl. Viel Betroffenheit. Viel guter Wille. Ganz lustige Titel. Sie kriegt ein Baby – und ich die Krise etwa, oder Durchs wilde Kindistan: Zwischen Windeln und Wahnsinn. Wahnsinn.

Dieses Buch handelt erst einmal von alten Männern; zugegeben: in erster Linie von mir, was mir vielleicht – Egoist! Macho! Narziss! – anzukreiden ist. Junge Frauen kommen auch darin vor; zugegeben: in erster Linie Julia, meine 18 Jahre jüngere Frau, was damit zu tun hat, dass ich seit Langem in sie verliebt bin. Jene jungen Frauen also, die mit den alten Männern trotz aller Warnungen, vielleicht sogar aus Liebe, Kinder zeugen, was manche wirklich für einen Wahnsinn halten. Es ist aber, wie sich mehr oder weniger deutlich zeigen wird, die wahre Freude und die reine Vernunft.

Ich gebe Ihnen also keine Ratschläge, wie Sie auch als älterer Mensch, der ungleich schwerer als jüngere seine Lebensrituale aufgeben kann, mit nächtlichem Babygeschrei und den Tücken des Windelgenies, mit den hakelnden Klappmechanismen von Kinderwagen und kleckerarmen Fütterungstechniken, mit ausgepowerten Müttern und kinderfeindlichen Arbeitgebern zurechtkommen. Dies ist kein Ratgeber, kein Musterkoffer, kein Handbuch für irgendetwas. Es ist auch kein Sammelwerk über die alten Väter der Geschichte, von Abraham bis Anthony Quinn, von Thomas Parr bis Franz Beckenbauer.

Mit Abraham, 99, fing alles an, einem Erzvater des Volkes Israel, wir wissen es aus dem 1. Buch Mose. Es war wohl etwas schiefgegangen in der frühen biblischen Menschheitsgeschichte, Abrahams bildschöne Frau Sara erwies sich als unfruchtbar, aus dem dereinst vielköpfigen Volke Israel wurde zunächst einmal nichts. Bis Gott mit Abraham einen Bund schloss und Sara tatsächlich, damals auch schon beinahe 100, zu ihrem nicht geringen Erstaunen schwanger wurde und schließlich Isaak gebar. Sie starb, als sie 127 war, Abraham mit 175.

Diese Geschichte muss sich ein gewisser Thomas Parr zum Vorbild genommen haben, dessen unwahrscheinliches Leben auf einem Grabstein in der Westminster Abbey dokumentiert ist:

THO: PARR OF YE COUNTY OF SALLOP. BORNE IN AD: 1483. HE LIVED IN YE REIGNES OF TEN PRINCES VIZ: K.ED.4. K.ED.5.K.RICH.3.

K.HEN.7.K.HEN.8.K.EDW.6.Q.MA.Q.ELIZ K.JA. & K. CHARLES. AGED 152 YEARES. & WAS BURYED HERE NOVEMB. 15. 1635

Das ergibt ein beeindruckendesd Bild: Thomas Parr, 1483 in Winnington, Shropshire, geboren, erlebte die Regentschaft von zehn Königen und Königinnen, wurde 152 Jahre alt und am 15. November 1653 in London begraben. Was nicht erwähnt wird: Parr soll erst mit 88 geheiratet und zwei Kinder gezeugt und dann, bei einem Seitensprung im Alter von 100, noch ein weiteres Kind in die Welt gesetzt haben. Mit 122 ehelichte er nach den Berichten seine zweite Frau, eine gewisse Catherine Milton, hatte mit ihr angeblich Geschlechtsverkehr, bis er 140 war, und sorgte so für weiteren Kindersegen. Überliefert ist, was der Doktor William Harvey nach einer vom König angeordneten Untersuchung der Leiche notierte: „Seine Geschlechtsorgane waren in gutem Zustand, der Penis war weder zurückgebildet noch dünn, wie es bei alten Menschen sonst normal ist.“ Nun könnten alte Väter wie ich daraus falsche Schlussfolgerungen ziehen, wenn nicht Spielverderber nach Analyse der Dokumente später verkündet hätten, dass Parr wahrscheinlich bestenfalls 70 geworden ist. Was seiner Rolle als folkloristisches Symbol des „Merry Old England“ keinen Abbruch tat.

Dass alte Väter von manchen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen eher wie Figuren aus einem Panoptikum wahrgenommen werden, als Schaustücke aus einem Kuriositätenkabinett, mag an solchen Legenden liegen. Wow! Der Quinn kann noch mit 82, was für eine alte Sau! Was, der indische Bauer Nanu Ram Jogi ist mit 90 noch Vater geworden – zum 21. Mal! Wie ekelhaft!

Es sei allen, die bei der Lektüre solcher Berichte erschauern, ihr Voyeursvergnügen, ihr Genuss heftiger moralischer Empörung von Herzen gegönnt. Verzeihen Sie mir aber, dass ich mich in erster Linie meinen derzeitigen Schicksalsgefährten und mir selbst widme, auch wenn wir weder Anthony Quinn noch Pablo Picasso oder Charlie Chaplin und all den anderen prominenten späten Vätern an paternaler oder anderer Bedeutung nahe kommen. Vorerst jedenfalls nicht.

Aber wir werden immer mehr, über Zehntausend sind es schon jedes Jahr allein in Deutschland, die erst im 50. Lebensjahr oder später Vater werden. In Ländern, in denen viel geschieden wird, wird auch viel und spät wieder geheiratet, vorzugsweise von Männern, die sich dann, wenn es irgend geht, mit jüngeren Frauen zusammentun. Die Medizin beschert uns ein immer längeres gesundes Leben, sodass Partnerschaften nach Art von Parr gar kein Kuriosum mehr, zumindest aber wahrscheinlicher sind als bisher in der Menschheitsgeschichte.

Über alte Väter sind wenige Forschungsberichte, dafür viele Schilderungen aus zweiter Hand auf dem Weg. Und Vorurteile. Sie seien verantwortungslos, egoistisch, nicht ganz klar im Kopf und beraubten viele junge Frauen der schönsten Zeit ihres Lebens.

Ich dagegen weiß, wie es wirklich ist. Meine Frau Julia auch. Deshalb will ich Ihnen aus den Stürmen des demografischen Wandels meinen Augenzeugenbericht liefern. Authentisch. Mögen andere mit ihrem Seniorenhandy glücklich werden.

1 Vater mit 60

Bloß nicht schlapp machen

Hamburg, ein kleiner Park in einem Schicki-Viertel, eine Rotbuche blutet in der ersten Sonne. Ein Penner sortiert nach kühler Nacht seine abgeschabten Plastiktüten, der depressive Reiher starrt wie jeden Morgen verdrossen in den verdreckten Teich. Ein Witzbold hat dort eine weiße Maske versenkt, sodass es aussieht, als stiere den zufälligen Betrachter die Fratze eines Ertrinkenden an. Doch hier ist niemand zu retten. Auch ich nicht.

Ich, 60, jogge. Ich hasse es. Ich bin noch nie gejoggt. Sport ist mir zuwider, eigentlich, und das schon mein ganzes Leben lang, seit mich meine sportversessenen Eltern in den örtlichen, 1846 gegründeten, immerfort nach dem Schweiß von Turnvater Jahn riechenden Turnverein gesteckt haben. Da war ich zwei.

Nicht dass ich – 177 Zentimeter, 77 Kilo, Bauchansatz – ein Frühgreis wäre, jahrzehntelang in schlechter Haltung an Schreibtischen, Schreibmaschinen und Bildschirmen verbogen, zermatscht und verrunzelt. Gelegentliche längere Phasen körperlicher Ertüchtigung in Sportstudios, eilig abgerissene Kilometer auf dem Fahrrad, morgendliche Schwimmbahnen in Linie mit fitten Rentnern, Kämpfe mit Atlantikwellen und Besteigung von Alpengipfeln – das alles hat die Kondition stabilisiert. Mir geht’s gut, ich fühle mich wohl, ich bin selten krank.

Jetzt jogge ich. Auf dem Gletscher zum Brandenburger Haus in den Ötztaler Alpen vor drei Jahren zog ich, in über 3000 Meter Höhe, nach stundenlangem steilen Aufstieg noch lässig durch. Julia hingegen, meine Frau und 18 Jahre jünger, bat zu meiner Freude ein ums andere Mal um Verschnaufpausen, während über dem Gletscher und uns bei unter Null ein Schneehagelregennebelgewitter niederging. Und nun dehnt sich der äußere Weg rund um den kleinen Hamburger Park auf unendliche 500 Meter Länge. Ein Witz. Ich schaffe noch nicht einmal zwei Runden ohne Pause. Der Hass aufs Joggen blockiert das Herz, die Psyche stopft die Atemwege mit dicken Klößen zu, die Beine baden sich selbst in Milchsäure.

Ich muss aber. Ich muss es zum ersten Mal in meinem Leben ernst nehmen. Meine neugeborene Tochter ist zwei Monate auf der Welt, kurz vor meinem 60. Geburtstag kam sie in unser Leben, und ich habe eine neue Aufgabe: möglichst alt werden. Nicht schlapp machen, bevor sie mindestens das Abitur hat. Das ist, so scheint es jedenfalls, ein kritisches Datum. Ratgeber teilen nämlich meine Restlaufzeit nun nach den Lebensabschnitten meiner winzigen Tochter ein, ermitteln Verfallsdaten und kalkulieren mein baldiges Ableben.

„Überleg mal, wie alt du bist, wenn deine Tochter ins Gymnasium kommt.“

„Überleg mal, wie alt du bist, wenn deine Tochter Abitur macht.“

„Überleg mal, du bist wahrscheinlich schon tot, wenn deine Tochter zu Ende studiert hat.“

Vielleicht will sie gar nicht studieren. Vielleicht macht sie gar kein Abitur. Vielleicht will sie Altenpflegerin werden, der Beruf hat in den Wirrnissen des demographischen Wandels schließlich Zukunft. Vielleicht wird sie Tischlerin oder Immobilienmaklerin oder erste Weltmeisterin in der Formel 1 oder Germany’s next Topmodel und trägt sowohl zu meiner Ernährung als auch zu meiner medizinischen Versorgung bei, wenn ich 80 bin. Vielleicht bin ich dann gar nicht tot – frühes Sterben kann ich mir nicht mehr leisten.

Mit dem Gedanken an den Tod hatte ich eigentlich schon abgeschlossen. Ich bin das ein oder andere Mal schon davongekommen, da plagt einen das Altwerden nicht mehr so sehr, man freut sich vielmehr über jeden Tag, den der Herr werden lässt. Eines Tages ist es dann so weit, und wenn man keine Kinder hat, erlischt nicht von heute auf morgen eine Verantwortung für andere Menschen, man kann abtreten ohne großes Aufheben, den Schmerz haben die anderen. Und tschüss. Mein Sterbealter hatte ich auf etwa 75 kalkuliert. 77,72 ist das Mittel für durchschnittliche Männer, sagt die Statistik des Bundesamtes, das sind immerhin rund 10 Jahre mehr als 1960. Und den heute 60-Jährigen verheißt die Statistik sogar 21,31 Jahre mehr. Das Lebensalter steigt kontinuierlich an, vor allem die Frauen halten immer länger durch. Die Rentner-Republik kommt, und Methusalems wie ich haben genug Kraft und Zeit, perfide Komplotte gegen die verzweifelte Minderheit der Jugend zu schmieden. Vielleicht kann ich, wenn alle älter werden, mit einer Zugabe rechnen. Vielleicht muss ich aber auch einen Abschlag befürchten – Gastwirte und Journalisten sterben früher, heißt es.

Ende mit 75? Damit kann es dem Gevatter Tod doch nicht mehr ernst sein, nun, da ich eine kleine Tochter habe?

Es nützt mir nichts, dass sich immer mehr Alte heute immer jünger fühlen. Emnid etwa fand 2006 heraus, dass sich 56- bis 65-Jährige selbst erleben wie 51. Der Soziologe Dieter Otten hat eine Verschiebung des „Alters-Limes“ beobachtet, die Generation zwischen 50 und 75 sei „schlicht nicht alt. Sie verschiebt damit den ,Alters-Limes’, der traditionell bei 60 liegt, um 15, in Zukunft vielleicht um 20 Jahre oder noch mehr nach oben. Das ist die eigentliche ,Revolution’.“ Ich mit meinen 60 Jahren dürfte mich also, wenn ich wollte, fühlen wie 45. Höchstens. Und als Partner eines sehr viel jüngeren „Phantomselbst“, wie es die Zukunftsforscher Peter Wippermann und Corinna Langwieser nennen: „Das gefühlte Alter, Geburtsdatum minus 15 Jahre, bestimmt die eigene Weltwahrnehmung.“

Aber vielleicht nicht die Weltwahrnehmung meiner kleinen Tochter? Vielleicht sollte ich, das revolutionäre Phantomselbst, es zunächst einmal mit einer positiveren Einstellung zum Altern versuchen? Auch das verlängert das Leben, haben Forscher der Yale Universität 660 Probanden ab 50 Jahren abgeschaut. Wer sich mental nicht ums Altwerden schert, vital und glücklich lebt, macht es im Schnitt sieben Jahre länger als die anderen, die mit dem Altwerden hadern. Ich könnte, zur Lebensverlängerung, auch erwägen, samt Familie nach Dänemark oder Schweden oder Griechenland umzusiedeln. Dort nämlich, fanden Forscherteams an der britischen Universität von Leicester bei einer Untersuchung in 25 europäischen Ländern heraus, haben 50-Jährige gute Chancen, noch etwa 30 Jahre zu leben, 20 Jahre davon in guter Gesundheit. Und in Italien, Großbritannien und den Niederlanden ebenso.

Ich entscheide, dass wir bleiben. Wer kann schon Griechisch, Schwedisch oder Dänisch.

Also lieber einen „Komplett-Check“ für gestresste Manager in der universitätsnahen Spezialklinik buchen, inklusive Körperkompositionsanalyse (ich fand schon immer, dass mein Körper nicht so richtig gut komponiert war, vielleicht können die da zum Ende hin noch was machen), Hormonstatus, Knochendichtemessung, Ultraschalluntersuchung diverser Drüsen, Adern und Organe, Ganzkörper-Magnetresonanztomografie mit oder ohne Darmuntersuchung, virtuelle Darmspiegelung, Haut-Check und Herz-Lungen-Screening. Und dann die Demonstration des Befunds. In 3D.

Ich erhalte, als sei ich ein renovierungsbedürftiges Badezimmer, einen Kostenvoranschlag: 2700 Euro.

Noch vor zehn Jahren habe die Wissenschaft geglaubt, die Gene und der gewählte Lebensstil bestimmten je zur Hälfte, wie alt man wird. Heute tendiere man zu der Ansicht, dass die Gene zu 30 Prozent und der eigene Lebenswandel zu 70 Prozent darüber entscheiden, welches Alter man erreiche. „Gesundheit im Alter“, prognostiziert der Professor, „wird zum Statussymbol werden.“ Das finde ich auch. Und mein Status ist mir jetzt schon wichtig. Es geht eigentlich ganz leicht, sagt er: 1. Einen bauchfett- und rauchfreien Lebensstil mit viel Bewegung wählen; 2. Die eigenen technischen Daten kennen (Blutdruck, Cholesterin, Zucker, Jod …) und entsprechend handeln; 3. Richtig mit Stress umgehen. Und natürlich erst einmal den „Komplett-Check“ machen. Kostenvoranschlag siehe oben.

Die private Krankenkasse meutert. Nicht nur, weil die gesetzliche AOK bereits 2006, ganz ohne Lebensverlängerungsprofessoren und Checkparcour, in zehn Punkten festgehalten hat, wie man jung und fit bleibt: 1. Genügend Schlaf. 2. Lachen. 3. Sonnenschutz. 4. Bewegung. 5. Vitamine und Mineralstoffe aus Obst und Gemüse. 6. Viel trinken. 7. Mit Liebe durchs Leben gehen. 8. Freundschaften pflegen. 9. Hirntraining. 10. Erholung ernst nehmen.

Die Privatkasse meutert auch aus medizinischen Grundsatzerwägungen. Programme mit „klangvollen Namen wie ,Großer Check Up’, ,Manager Check Up’, ,Medical Check Up’ gehen weit über das hinaus, was medizinisch notwendig und sinnvoll ist“, argumentiert sie. Man empfehle hingegen Untersuchungen nach dem bewährten Stufenschema (Basis-, Aufbau-, Spezialdiagnostik) und Abrechnung nach Einzelbeleg gemäß Sozialgesetzbuch V, Paragraph 25, und GÖA, das ist die Gebührenordnung für Ärzte.

Sollte ich mich trotz dieser Argumente für den „Komplett-Check“ des Professors, der zehn Jahre mehr in Aussicht stellt, entscheiden, könne man allenfalls einen Pauschalbetrag „von maximal 400 Euro anerkennen“. 400 Euro – für zehn Jahre Leben, für meine komplette Gesundheit und die Zukunft eines Kleinkindes! Dabei sollte die Krankenkasse froh sein, dass ich nicht auch noch ein „Lebensstil-Coaching“ und die Analyse des genetischen Risikoprofils mitbuchen will. Also erst einmal joggen, damit die preisgünstigeren und abrechenbaren Stufendiagnostikbefunde in diversen Facharztpraxen bei Lungentest und Belastungs-EKG nicht gar so deprimierend ausfallen. Also noch gesünder leben. Mal im Biomarkt vorbeischauen. Mal auf einen Lagavulin verzichten. Bisher verachtete Ratgeberbücher erstmal wahr- und vielleicht auch ernst nehmen. Sie tragen Titel wie Jung und vital. Bis ins hohe Alter, forever young – das Leicht-Lauf-Programm, Die Kunst, länger zu leben. Jugend ist keine Frage des Alters oder Bleib doch einfach jung. Das Komplettprogramm für Jugend, Vitalität und Gesundheit. Möglicherweise bringen sie Verheißung und haben Verachtung nicht verdient.

Während ich sinne und schnaufe, schwenkt Theodor Horstmüller in leichtem Laufschritt auf den Joggerpfad ein, ein Profi des Direktmarketings, vier Jahre älter, beinahe 65. Er ist gebräunt, hat, anders als ich, das Haupt voller Haare, die sorgfältig gekämmt und gescheitelt sind, und joggt seit Jahrzehnten jeden Morgen.

„Was machen Sie denn hier?“, begrüßt er mich überrascht und wenig originell.

„Ich jogge.“ Für längere Erklärungen fehlt mir die Puste.

Der breitschultrige 1,90-Mann kann das, was auch in den Büchern steht: Er unterhält sich locker, während er rennt, er muss keine Pause einlegen, er atmet nicht schwer, er ist fit. Seine innere Ruhe findet er durch Meditation. Sohn und Tochter sind erwachsen, haben fertig studiert und globale Karrieren eingeplant. Sie sind aus dem Haus, Horstmüller ist mit allem durch.

Jetzt plant er, erzählt er trabend, eine entspannte Zukunft zwischen Landhaus und Stadtwohnung, ohne zermürbendes Tagesgeschäft, vielleicht ein bisschen Beraten hier und da, sich Zeit nehmen für selbstgewählte Projekte. Und so oft es geht Spaß haben mit dem Aufsitzrasenmäher.

Meine kleine Anna ist zwei Monate alt. Ich habe alles plötzlich wieder vor mir. Als hätte mein Erwachsenenleben gerade erst begonnen. Ist es tatsächlich so, wie einer der staunenden Kommentatoren aus meinem Bekanntenkreis gemeint hat? Als unser Baby, kurz vor meinem 60. Geburtstag, auf die Welt kam, analysierte er grinsend: „Sie machen wie immer alles richtig, nur in der falschen Reihenfolge.“ Neid steigt giftig hoch. War die Reihenfolge nicht klar gewesen? War nicht alles, wie beim fitten Horstmüller, geregelt gewesen für die Zeit nach dem Lohnschreiberleben? Eigentum hier und Haus im Süden, ein Paar und zwei Einkommen (= zwei Renten), etwas Vermögen, wenig Verschwendung. Ein fein durchgeplanter und ruhiger Alltag, er hätte andauern und andauern können, vielleicht bis zu meinem 75. Oder, mit Glück und gut dosiertem Rotwein, auch länger.

Ein gutes Jahr nach der silbernen Hochzeit bekam der dümmliche Begriff „50plus“ für mich ohne Vorwarnung eine neue Bedeutung. Ich war 50 und hatte plötzlich eine Frau zu viel. Die erste habe ich verlassen, die zweite, beinahe 20 Jahre jünger, ist geblieben. Deshalb muss ich jetzt joggen.

Horstmüller ist längst mit einem Lächeln davongezogen. Kurz darauf überrundet mich ein dürrer, faltiger Typ mit schlohweißem Haar weitausgreifenden Schrittes das zweite Mal. Während ich mich noch über seinen leisen und regelmäßigen Atem ärgere, bin ich wieder am Weiher angekommen, um am Geländer die nur wenig strapazierten Glieder zu stretchen.

Der depressive Reiher ist verschwunden. Vielleicht hat er sich verzweifelt zu der fahlen Wasserleichenmaske in den Teich gestürzt. Meine Stimmung bessert sich erst, als mir ein Mann, wohl auf dem Weg ins nahe Universitätskrankenhaus, vielleicht gegen die Folgen eines Schlagflusses kämpfend, gebeugt entgegenschlurft, viel älter als ich dürfte er nicht sein. Er schiebt einen Rollator vor sich her, eine dieser praktischen Gehhilfen mit vier Rädern.

Ich dagegen habe zu Hause einen knallroten Kinderwagen. Und das ist kein Zufall.

2 Verantwortung

Hunderttausende Egoisten

Erna war es gar nicht recht, als der Niki, 60, von der Birgit, 30, die Zwillinge Mia und Max bekam. „Also ich finde es verantwortungslos“, ließ sie die Welt über ein Internet-Forum wissen, „aber mit viiiel Geld lässt sich alles kaufen! Vaterschaftstest nicht vergessen – Opa Lauda.“

Ich lese so etwas, weil ich mich, auf der Suche nach anderen Tätern und dem mir wahrscheinlich ebenso abhanden gekommenen Verantwortungsbewusstsein, gelegentlich in einschlägige Netzwerke verirre. Väterblogs, Foren von Eltern für Eltern, Bfriends von Brigitte für Freundinnen von Brigitte. Eines Tages, kleine Tochter Anna, werde ich dir vielleicht erklären müssen, weshalb du gar nicht, wie Julia und ich womöglich irrtümlich meinen, ein Kind der Liebe und des Wunsches bist, sondern eine Ausgeburt der Verantwortungslosigkeit. Wie die Zwillinge von Niki Lauda.

Erna weiß besonders zu beeindrucken. Was für eine grausige Zusammenschau menschlicher Abgründe sie in eineinhalb Sätzen bündeln kann. Erstens: Lauda ist ein Depp und ein Egoist dazu. Zweitens: Lauda kauft sich für Sex und Kind eine junge Frau, die nur aufs Geld aus ist. Drittens: Lauda ist doppelt ein Depp, weil er glaubt, er sei der Vater. Viertens: Lauda ist ein Greis, der das nicht weiß oder nicht wahr haben will.

Erna steht nicht allein. Egoismus hält auch die Tübinger Psychologin Helga Käsler-Heide für eine Triebkraft der alten Väter: „Das Kind hilft ihnen, sich jünger zu fühlen.“ Ich wollte, ich könnte von dieser Erkenntnis profitieren: Nie habe ich mein Alter so schmerzlich gefühlt wie nach der Geburt der kleinen Anna, nie ist mir meine Endlichkeit bewusster gewesen, nie war die Zeit so sehr mein Feind.

Die Berliner Psychotherapeutin Eva Jaeggi wiederum lässt in ihrer Porträtsammlung Tritt einen Schritt zurück und du siehst mehr nur gelassenes und artgerechtes Altern unter Gleichaltrigen gelten. Sie kommentiert die Konstellation von alten Männern und jungen Frauen ganz ungelassen: „Haben diese alten Böcke kurz vor ihrem Lebensende wirklich nichts Besseres zu bedenken, als nochmals einen Skalp am Gürtel ihres faltigen Bauchs baumeln zu sehen?“