Ältere deutsche Literatur - Gert Hübner - E-Book

Ältere deutsche Literatur E-Book

Gert Hübner

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Beschreibung

Ein gut strukturierter und lesefreundlicher Einblick in die deutsche Literatur des Mittelalters Dieser Band erläutert auf anschauliche Weise die historischen Grundbedingungen der Älteren deutschen Literatur vom 9. bis zum 16. Jahrhundert. Er stellt die Orte der Produktion und Rezeption deutschsprachiger Texte vor und zeichnet die Ausbreitung der Schriftlichkeit, die Entwicklung des Dichtungsbegriffs und wichtige Aspekte der Geschichte von Versdichtung und Prosaliteratur nach. Verfahren des Bedeutungsaufbaus in poetischen Texten werden anhand von konkreten Beispielen vorgestellt und es wird gezeigt, wie diese als Teil der mittelalterlichen Kulturen analysiert und interpretiert werden können. Tipps zur Informations- und Literaturrecherche sowie Hinweise auf weiterführende Lektüre runden den Band ab. Die dritte Auflage wurde durchgesehen und um jüngste Forschungsergebnisse und -tendenzen erweitert.

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EPUB

Seitenzahl: 733

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Gert Hübner

Ältere deutsche Literatur

Eine Einführung

3., durchgesehene und aktualisierte Auflage

Narr Francke Attempto Verlag · Tübingen

Prof. Dr. Gert Hübner (†) war bis 2016 Extraordinarius für Germanistische Mediävistik im Europäischen Kontext an der Universität Basel.

 

Prof. Dr. Cordula Kropik hat den Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik an der Universität Bayreuth inne.

 

Dr. Stefan Rosmer ist Postdoc für Germanistische Mediävistik an der Universität Basel.

 

Lysander Büchli ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik an der Universität Bayreuth.

 

Umschlagabbildung: Meister Gottfried von Straßburg aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 848, fol. 364r), Ausschnitt. Die Schreibtafel war in Darstellungen der Sieben Freien Künste das Kennzeichen der Rhetorik (vgl. S. 304).

 

DOI: https://www.doi.org/10.36198/9783838559421

 

© 2023 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetztes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor:innen oder Herausgeber:innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich.

 

Internet: www.narr.deeMail: [email protected]

 

Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung

 

utb-Nr. 2766

ISBN 978-3-8252-5942-6 (Print)

ISBN 978-3-8463-5942-6 (ePub)

Inhalt

Vorwort zur 3. Auflage1 Wozu ältere Literatur?1.1 Einführung1.2 Epochenbegriffe1.3 Aufbau des Buchs2 Ältere deutsche Literatur – der Zeitraum2.1 Literatur, Sprache, Kultur2.2 Frühes Mittelalter: Althochdeutsche und altniederdeutsche Literatur (um 750 bis um 1050)2.3 Hohes Mittelalter: Mittelhochdeutsche Literatur (um 1050 bis um 1350)2.4 Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit: Frühneuhochdeutsche Literatur (um 1350 bis um 1600) und mittelniederdeutsche Literatur (13. bis 16. Jahrhundert)3 Ältere deutsche Literatur – die Ausbreitung der Schriftlichkeit3.1 Was ist ›deutsche‹ Literatur?3.2 Deutsche Schriftlichkeit3.3 Lateinisch-deutsche Literaturbeziehungen3.4 Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen4 Ältere deutsche Literatur – ›Literatur‹ und ›Dichtung‹4.1 Die Begriffe ›Literatur‹ und ›Dichtung‹4.2 Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs4.3 Die mündliche Tradition4.4 Die Begriffe ›Autor‹ und ›Text‹4.5 Prosa und Roman5 Was lesen?5.1 ›Hildebrandslied‹5.2 Otfrid von Weißenburg: ›Evangelienbuch‹5.3 ›König Rother‹5.4 Pfaffe Konrad: ›Rolandslied‹5.5 Heinrich von Veldeke: ›Eneasroman‹5.6 Minnesang und Sangspruchdichtung5.7 Walther von der Vogelweide: Lieder5.8 Hartmann von Aue: ›Erec‹ und ›Iwein‹5.9 ›Nibelungenlied‹5.10 Gottfried von Straßburg: ›Tristan‹5.11 Wolfram von Eschenbach: ›Parzival‹5.12 Wolfram von Eschenbach: ›Willehalm‹5.13 Märendichtung5.14 Heinrich Wittenwiler: ›Der Ring‹5.15 Johannes von Tepl: ›Der Ackermann‹5.16 Oswald von Wolkenstein: Lieder5.17 Thüring von Ringoltingen: ›Melusine‹5.18 ›Fortunatus‹5.19 ›Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‹5.20 ›Historia von D. Johann Fausten‹5.21 ›Das Lalebuch‹6 Handschriften, Drucke, Editionen6.1 Schriftliche Textüberlieferung6.2 Handschriften6.3 Buchdruck6.4 Editionen7 Verse und Strophen7.1 Die Bedeutung der Verse7.2 Versformen im frühen Mittelalter7.3 Vers‑ und Strophenformen im hohen Mittelalter7.4 Vers‑ und Strophenformen in Spätmittelalter und früher Neuzeit8 Argumentativer Bedeutungsaufbau8.1 Argumentation8.2 Textuelle Sequenzierung8.3 Begriffsbeziehungen8.4 Metaphorische Analogien8.5 Kulturelles Wissen: Lebensziele und Herrschaftsordnung8.6 Pathos und Ethos9 Narrativer Bedeutungsaufbau9.1 Was sind Erzählungen?9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹9.3 ›Engelhard‹: Die Geschichte9.4 ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse10.1 Praktisches und begrifflich-diskursives kulturelles Wissen10.2 Kultur10.3 Was ist ein Diskurs?10.4 Historische Diskursanalyse10.5 Diskurs, ›schöne Literatur‹, Dichtung10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13. Jahrhunderts11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie11.1 Diskurse und Praktiken11.2 Fastnachtspiel und Fastnacht11.3 Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen11.4 Kulturelle Praktiken und Handlungswissen11.5 Praktisches Wissen und moralisches Wissen12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen12.1 Kulturelle Wirklichkeitskonstruktionen und textuelle Bedeutungspraktiken12.2 Rhetorik und Plausibilität12.3 Theologie und Wahrheit12.4 Topik und Wahrheit13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise13.1 Für die Studienpraxis13.2 Informationen im Internet13.3 Sprachgeschichte, Wörterbücher und Grammatiken13.4 Einführungen in die ältere deutsche Literaturwissenschaft13.5 Einführungen in mediävistische Nachbarfächer13.6 Literaturgeschichten13.7 Autoren- und Werklexika13.8 Sach- und Personenlexika13.9 Begriffsgeschichtliche Lexika13.10 Literatur zu den einzelnen KapitelnKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12BildnachweiseRegister

Vorwort zur 3. Auflage

Vor einiger Zeit trat der Verlag Narr Francke Attempto mit dem Wunsch an uns heran, die dritte Auflage von Gert Hübners Einführung zur Älteren deutschen Literatur zu betreuen. Wir waren schnell davon überzeugt, dass dies sinnvoll und nützlich wäre, weil wir die Einführung in der Lehre gern verwenden und es bedauern würden, wenn sie vom Markt verschwände. Gert Hübners Konzept, nicht nur Einführungswissen zu vermitteln, sondern dies von Beginn an mit begrifflicher Reflexion sowie der Vermittlung eigenständiger Analyse- und Interpretationskompetenz zu verbinden, hat sich bewährt und scheint uns eine wichtige Handreichung auch für fortgeschrittenere Studierende zu sein. Nicht ganz so einfach war es, die Frage zu beantworten, wie stark wir den Text bearbeiten wollten und sollten. Angesichts der umfangreichen Ergänzungen und Bearbeitungen in der 2. Auflage und der geschlossenen Konzeption und Komposition des Buchs haben wir nach längeren Überlegungen und intensiven Diskussionen beschlossen, Aufbau und Inhalt für die 3. Auflage weitestgehend beizubehalten. Wir haben den Text geringfügig überarbeitet, die Literaturangaben aktualisiert und an einigen Stellen notwendige Ergänzungen vorgenommen.

Wir hoffen, dass auch die dritte Auflage vielen Studierenden den Einstieg in die mittelalterliche Literatur und die germanistische Mediävistik erleichtert.

Tillmann Bub vom Verlag Narr Francke Attempto danken wir herzlich für die effiziente und freundliche Zusammenarbeit und die verlegerische Betreuung. Wir danken Noemi Grieder und Martha Holmer für ihre Unterstützung bei der redaktionellen Arbeit.

 

Bayreuth und Basel, im April 2023

    Cordula Kropik

    Stefan Rosmer

    Lysander Büchli

1Wozu ältere Literatur?

1.1Einführung

Der Himmel

 

Der Himmel liegt seit heute Nacht

in einem Ellenbogen

darein hatt’ ich gesmôgen

das kin und ein mîn wange

viel lange Zeit.

 

Der Himmel ist einsachtzig groß

und hat die blauen Augen

zum Frühstück aufgeschlagen

all so ist auch sein Magen

von dieser Welt.

 

(Ulla Hahn: Herz über Kopf. Gedichte. Stuttgart 1981, S. 12.)

Die böse Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur?‹ lautet: Zur intellektuellen Selbstbefriedigung. Welchen Gewinn bringt einem beispielsweise die Erkenntnis, dass UllaHahn, Ulla Hahn in diesem Liebesgedicht ein paar Brocken aus einem LiedLied Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide zitiert, außer der Lust an der Überlegenheit der eigenen Bildung? »Ach – Sie wussten nicht, dass das MittelhochdeutschMittelhochdeutsch ist und aus dem bekanntesten Text des bekanntesten deutschen Dichters des Mittelalters stammt?« »Ach was«, könnten Sie darauf erwidern, »ich weiß, dass Frau Dr. Hahn in Germanistik promoviert hat – Literatur für Literaturwissenschaftler:innen.«

Meine Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur?‹ setzt ein wenig hinterlistig bei der Unterstellung an, dass Sie ein Interesse an zeitgenössischer Literatur haben. Auf dieser Basis will ich versuchen zu erklären, aus welchen Gründen Sie Ihr Interesse auf ältere Literatur ausdehnen könnten.

Beginnen wir also zunächst damit, dass wir uns auf das Bedeutungsspiel in UllaHahn, Ulla Hahns Gedicht einlassen. Um das Bedeutungsangebot aufgreifen und das Spiel mitspielen zu können, müssen Rezipient:innen allerdings über Wissen verfügen. So braucht es beispielsweise sprachliches Wissen: Man muss die BedeutungenBedeutung der Wörter, die Satzkonstruktionen und die Zusammenhänge zwischen den Sätzen verstehen können. Und da lässt uns Frau Hahn schon stolpern, weil sie teilweise mittelhochdeutsch redet.

Was nützt uns das Wissen, dass sie Formulierungen aus einem berühmten LiedLied Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide zitiert? In Walthers Text (er ist auf S. 171 vollständig abgedruckt) erzählt einer, wie er einmal allein auf einem Stein saß, ein Bein über das andere geschlagen, den Ellenbogen aufs Knie gestützt und das Kinn in die Hand geschmiegt:

Ich saz ûf eime steine

und dahte bein mit beine.

dar ûf sazte ich den ellenbogen,

ich hete in mîne hant gesmogen

mîn kinne und ein mîn wange.

In UllaHahn, Ulla Hahns ReimReim »viel lange« auf »wange« klingt Walther noch nach, weil sein Text mit dô dâht ich mir vil ange (›da dachte ich sehr eingehend darüber nach‹) fortfährt. Vil lange hätte man auf MittelhochdeutschMittelhochdeutsch für ›sehr lange‹ gesagt. Der Gegenstand des Nachdenkens ist bei Walther dann, dass die drei wichtigsten Lebensziele – Besitz, gesellschaftliches Ansehen und die göttliche Gnade, die zur ewigen Glückseligkeit führt – nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. Wir müssen ein wenig enttäuscht sein und den Verdacht bestärkt sehen, dass das nicht viel mit Ulla Hahns Thema zu tun hat und das Zitat bloß Bildungsgetue ist.

Oder sind es vielleicht gerade die Unterschiede zu Walther, die dem Zitat in UllaHahn, Ulla Hahns Bedeutungsaufbau einen Sinn geben? Einmal ist einer allein und hat Kinn und Wange in die eigene Hand geschmiegt, die auf den eigenen Ellenbogen gestützt ist. In dieser Körperhaltung klagt er darüber, wie schwer es ist, die wichtigsten Lebensziele zu erreichen. Unter ihnen kommt die Liebe nicht vor, aber in Gestalt der göttlichen Gnade die ewige Glückseligkeit, die man im Himmel erreicht. Aha – der Himmel. Das andere Mal ist eine (oder einer, je nach Identifikationsvermögen) nicht allein und hat Kinn und Wange in einen anderen Ellenbogen geschmiegt. Hier gibt es nichts zu klagen, weil dieser Ellenbogen als Zeichen für ein erotisches Objekt den Himmel als Zeichen für die Glückseligkeit bedeutet. Wer Walthers Text kennt, kann der MetapherMetaphorik ›der Himmel‹ eine BedeutungBedeutung ablesen, die auf dem Unterschied zwischen beiden Texten beruht: Ulla Hahn setzt die Liebe an die Stelle, an der bei Walther die Gnade Gottes als Weg zur Glückseligkeit steht.

Nun versteht man besser, weshalb manche Formulierungen des Gedichts witzig wirken. Wenn der Himmel, wie bei Walther, im Jenseits liegt, ist die Glückseligkeit eine ewige und bleibt sich deshalb immer gleich. Wenn sich der Himmel dagegen beim diesseitigen Geliebten finden lässt, ist die Glückseligkeit zwangsläufig endlich – und womöglich auch nicht mehr stets dieselbe. Der alte Bedeutungsumfang der himmlischen Ewigkeit ist uns aber immer noch nicht ganz fremd geworden; deshalb lächeln wir darüber, dass das früher einmal zeitlose Glück »seit heute Nacht« einen neuen Ort und einen neuen Anfang hat. Und wir verstehen, dass die Dauer des Glücks unter diesen Umständen bloß noch eine Angelegenheit des subjektiven Erlebens sein kann: Wenn der Himmel erst seit heute Nacht in jenem Ellenbogen liegt, kann die »viel lange Zeit« des Schmiegens nach dem objektiven Stundenmaß nicht sehr lange gedauert haben. Zu Walthers Zeit war die himmlische Glückseligkeit objektiv ewig; in der subjektiv empfundenen Dauer klingt das immer noch nach.

Und nun versteht man auch, weshalb das Gedicht, das die Verweltlichung der Vorstellung vom Glück anklingen lässt, zwangsläufig profan endet. Heutzutage muss auch der Himmel essen; freundlicherweise deutet Frau Dr. HahnHahn, Ulla nur dezent an, dass er folglich auch verdauen wird. Der Magen macht deutlich, wie sehr der in Rede stehende Himmel »von dieser Welt« ist, und damit sind wir wieder beim Unterschied zu Walthers Glückseligkeit, die nicht von dieser Welt war. So lässt das Ende des Gedichts verhältnismäßig offensichtlich werden, worum es geht.

Das Walther-Zitat signalisiert, dass wir seinen Text kennen müssen, um UllaHahn, Ulla Hahn verstehen zu können. So weit, so gut; wir haben das Spiel mitgespielt und das Bedeutungsangebot des Gedichts dabei aufgegriffen, jedenfalls auf eine mögliche Weise, und uns so einen Sinn zusammengereimt. Aber wozu das komplizierte Verfahren? Warum sagt Frau Hahn nicht einfach, dass die gelungene erotische Beziehung im Diesseits heute den Stellenwert hat, den früher die ewige Glückseligkeit im Jenseits hatte, dass das Glück dabei aber vergänglich und profan wurde? Welches Bedeutungsangebot spielt sie uns mit ihrer Verfahrensweise zu?

Sie führt uns, leichthändig und ein wenig kokett, den Zusammenhang zwischen der Geschichtlichkeit der Literatur und ihrer Funktion vor, indem sie die Literaturgeschichte im Text aufscheinen lässt. Aus diesem Grund steht ihr Gedicht am Anfang dieses Buches. Was wir erleben und was wir sprachlich zum Ausdruck bringen, signalisiert das Gedicht, ist von Bedeutungsmustern geprägt, die im Lauf der Geschichte entstanden sind. Wahrscheinlich werden in der Tat nur Germanist:innen einen gelungenen erotischen Kontakt in den Worten Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide erleben und beschreiben – als Schmiegen von Kinn und Wange in einen Ellenbogen, der den Gedanken an den Begriff der Glückseligkeit herbeiruft. Aber auf irgendwelche Formulierungsmuster, irgendwelche Ausdrucksformen, irgendwelche Bedeutungskonstruktionen ist jedes Wahrnehmen und Fühlen, jedes Denken und Sprechen angewiesen, auch wenn wir es für intim, persönlich und individuell halten.

Indem wir etwas erleben und zum Ausdruck bringen, ordnen wir ihm BedeutungenBedeutung zu, die auf geschichtlich entstandenen Konventionen beruhen. Schon die Wörter und die Satzmuster, die wir benutzen, sortieren die Welt in einer bestimmten Art und Weise, die wir als Sprachbenutzer:innen vorfinden. Metaphern Metaphorikwie ›der Himmel‹ für ›das Glück‹, signalisiert UllaHahn, Ulla Hahn, bringen zum Ausdruck, wie wir die Welt erleben. Ihre Funktion, Modelle für das Welterleben und für das Reden über die Welt zu liefern, beruht auf den Bedeutungskonventionen, die in der Geschichte der Metapher entstanden sind: Der Geliebte kann den Himmel bedeuten, weil der Himmel einmal eine religiöse Bedeutung hatte. Indem wir einen Geliebten als Himmel erleben und bezeichnen, nehmen wir die alte Bedeutung auf, aber wir verändern sie zugleich: Denn der Himmel ist nun von dieser Welt, einsachtzig groß und morgens hungrig. Vielleicht wird dieses Gedicht in Ihr eigenes Bedeutungsuniversum eingehen und die Muster bereichern, nach denen Sie erotische Beziehungen erleben und zur Sprache bringen – beim nächsten Ellenbogenkontakt, oder wenn Sie am Frühstückstisch in blaue Augen schauen.

Genau das ist der Gedanke, den uns UllaHahn, Ulla Hahn mit ihrem Verfahren zuspielt: Wenn sie mit ihren Texten unser Bedeutungsuniversum bereichert, beruht das immer schon auf Bedeutungskonstruktionen, mit denen frühere Texte ihr eigenes Bedeutungsuniversum bereicherten. Der Zusammenhang zwischen der Geschichtlichkeit der Literatur und ihrer Funktion besteht darin, dass jede Bedeutungskonstruktion ihre Geschichte mit sich trägt, das Fortbestehen von Altem und die Unterschiede zu ihm. Das gilt für jeden Text, aber dieser macht es zum Thema.

 

BedeutungIch knüpfe an diese Beobachtungen einige abstraktere Aussagen über die Zusammenhänge zwischen den Begriffen ›Bedeutung‹, ›Geschichte‹, ›KulturKultur‹ und ›Literatur‹, die schrittweise eine Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur?‹ ansteuern.

Bedeutung1. ›BedeutungenBedeutung‹ sind Formen oder Muster, in denen wir die WirklichkeitWirklichkeit, Wirklichkeitskonstruktion erleben und zum Ausdruck bringen. Dabei hängen ›Erleben‹ und ›Ausdrücken‹ eng zusammen: Das ganze Wahrnehmungsmuster, das das Gedicht aufbaut, beruht auf den Ausdrucksformen, die es benutzt. Nur weil es die metaphorische Bedeutung von ›Himmel‹ samt ihrer Geschichte gibt, können wir das Glück als Himmel auffassen. Unsere Lebenswelt ist eine Welt der Bedeutungen: Das, wovon das Gedicht handelt, erleben und besprechen wir, wie alles andere, immer in irgendwelchen Formen oder Mustern, das heißt als eine interpretierte Wirklichkeit. Die Bedeutungsmuster unserer Lebenswelt sind das Ergebnis von Geschichte.

Geschichte2. ›Geschichte‹ hat zwei Aspekte: Zum einen die Traditionen, in denen wir stehen, Geschichtsbegriffeinschließlich der Änderungen, die wir an ihnen vornehmen; zum anderen unser Wissen um die Traditionen und ihren Wandel. Unabhängig davon, ob wir es wissen oder nicht, ist unsere Lebenswelt das Ergebnis von Geschichte. So greift jeder Text Bedeutungsmuster auf, die eine lange Geschichte haben, auch wenn wir es nicht wissen. Das Besondere an UllaHahn, Ulla Hahns Gedicht besteht darin, dass es beide Aspekte ins Spiel bringt: Das Zitat eines Textes aus der Vergangenheit steht nicht nur für die Traditionen selbst, sondern auch für das Wissen um sie. Ebenso stehen die Unterschiede zwischen der Bedeutungskonstruktion des modernen und des zitierten Textes für den Wandel und das Wissen um ihn.

Weshalb wollen wir wissen, dass und in welcher Weise unsere Lebenswelt das Ergebnis von Geschichte ist? Geschichtliches Wissen dient zwei Erkenntniszielen: Es soll zeigen, wie die Gegenwart aus der Vergangenheit geworden ist; und es soll zeigen, was in der Vergangenheit anders war. Das erste Ziel verfolgen wir, um zu verstehen, wieso heute alles so ist, wie es ist; das zweite Ziel verfolgen wir um der Einsicht willen, dass nicht immer alles so war, wie es heute ist, und dass deshalb nicht zwangsläufig alles so sein muss, wie es heute ist. Diese beiden Erkenntnisziele bringt man gern mit den Begriffen KontinuitätKontinuität›Kontinuität‹ (›Fortdauer‹) und AlteritätAlterität›Alterität‹ (›Andersheit‹) in Verbindung: Wenn wir uns unter dem Aspekt der Kontinuität für GeschichteGeschichtsbegriff interessieren, interessiert sie uns als Vorgeschichte der Gegenwart. Unter dem Aspekt der Alterität interessiert uns das Verlorengegangene, das uns mehr oder weniger fremd ist. Geschichte ist dann eine Übung im Umgang mit Ungewohntem. Beide Erkenntnisziele dienen nicht der intellektuellen Selbstbefriedigung: Wir erwarten uns davon ein überlegteres Verhältnis zu unserer eigenen Gegenwart, das vor allem darin besteht, sie für weniger selbstverständlich zu halten.

Kultur3. KulturDie Bedeutungsmuster unserer Lebenswelt, die das Ergebnis von Geschichte sind, und die Lebenspraktiken, in denen diese Bedeutungsmuster hervorgebracht, überliefert, benutzt und verändert werden, nennen wir, wenn wir sie in ihrer Gesamtheit bezeichnen wollen, ›Kultur‹. Wenn wir uns mit der Geschichte von Bedeutungsmustern und ihrer praktischen Verwendung beschäftigen, beschäftigen wir uns mit der Geschichte der Kultur.

Literatur4. Literatur versorgt uns mit Bedeutungsmustern: Sie ist eines unserer kulturellen Mittel (eines unter anderen), die Welt wahrnehmbar, begreifbar, bewertbar und ausdrückbar zu machen. Alle Bedeutungskonstruktionen, die sie uns zur Verfügung stellt, haben ihre Geschichte, ebenso wie die Verfahrensweisen, mit denen BedeutungBedeutung aufgebaut wird. Die Vorstellungen von der Liebe oder von der Glückseligkeit waren nicht immer dieselben; Metaphern haben nicht immer auf dieselbe Weise funktioniert; Erzählverfahren haben sich verändert.

Literatur-geschichteLiteraturgeschichte verfolgt dieselben Erkenntnisziele wie jede Art von Geschichte: Sie soll uns mit geschichtlichem Wissen über Traditionen und ihre Veränderungen, über KontinuitätenKontinuität und AlteritätenAlterität ausstatten, damit wir ein überlegteres Verhältnis zu unserer Gegenwart einnehmen können.

Insofern es dabei um Bedeutungsmuster und die Praktiken ihrer Verwendung geht,Kultur-geschichte ist die Literaturgeschichte ein Teil der Kulturgeschichte. Zur Geschichte der Vorstellungen vom Glück oder von der Liebe beispielsweise haben Dichter:innen Beiträge geleistet, aber auch Philosoph:innen, Theolog:innen, Maler:innen, Bildhauer:innen und wer nicht noch alles. Das kulturelle Bedeutungsuniversum reicht in die Werke der Dichter:innen hinein, aber es erstreckt sich viel weiter.

Ebenso sind die Verfahrensweisen des Bedeutungsaufbaus kulturgeschichtliche Angelegenheiten. Metaphern Metaphorikkommen nicht nur in der Dichtung vor, sondern in nahezu jeder Art von Text; auf Erzählverfahren trifft man auch in der Alltagskommunikation oder in der Geschichtsschreibung. Allerdings sind Literaturwissenschaftler:innen in besonderem Maß für die Verfahrensweisen des Bedeutungsaufbaus und ihre Geschichte zuständig.

Eine kulturgeschichtliche Angelegenheit ist zudem die Frage, was mit ›Literatur‹ eigentlich gemeint sein soll. Unseren modernen Begriff von ›Literatur‹ gab es nicht zu allen Zeiten, und auch unter ›Dichtung‹ hat man nicht immer dasselbe verstanden.

Wozu ältere Literatur?5. Die Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur?‹ könnte also folgendermaßen lauten: Mit älterer Literatur beschäftigt man sich, weil die Literatur unserer eigenen Zeit das Ergebnis von Geschichte ist und weil man hofft, das Gegenwärtige umso besser verstehen und beurteilen zu können, je mehr man von dieser Geschichte weiß. Dazu gehört das Wissen um KontinuitätenKontinuität genauso wie das Wissen um AlteritätenAlterität. Dieses Wissen bezieht sich zum einen auf die Literatur selbst, andererseits auf die Literatur als Teil der KulturKultur. Man kann beides nicht voneinander trennen, sondern nur den Interessenschwerpunkt mehr auf den einen oder mehr auf den anderen Aspekt legen.

literatur-geschicht-liches InteresseEher auf die Literatur selbst zielen, jedenfalls dem ersten Anschein nach, Fragen wie die folgenden: Woran liegt es, dass man in der älteren Zeit häufig auf VerseVers stößt, und wie ist es gekommen, dass das heute nicht mehr so ist? Woran liegt es, dass Figuren in alten Erzählungen einen typenhaften Eindruck machen und sich im Verlauf der Handlung kaum verändern, und weshalb hat sich das gewandelt? Aber selbst solche Fragen lassen sich nur in einem kulturgeschichtlichen Rahmen beantworten: Die Häufigkeit des Verses hängt vom jeweiligen DichtungsbegriffDichtungsbegriff ab, und der ist eine Angelegenheit der jeweiligen kulturellen Vorstellungen. Die Individualität von Figuren und ihre Entwicklungsfähigkeit im Lauf der Erzählung hängt vom jeweiligen Begriff vom Menschen und damit ebenfalls von den jeweiligen kulturellen Vorstellungen ab.

Kultur-geschicht-liches InteresseEher auf kulturgeschichtliche Zusammenhänge zielt beispielsweise die Frage, die das Gedicht von UllaHahn, Ulla Hahn aufwirft: Wie kommt es, dass bei Walther von der VogelweideWalther von der Vogelweide Besitz, gesellschaftliches Ansehen und Gottes Gnade als wichtigste Lebensziele gelten, während bei Ulla Hahn das Glück in einer gelungenen erotischen Beziehung liegt? Zur Beantwortung dieser Frage müsste man die jeweiligen kulturellen Bedeutungsordnungen beschreiben, die in die beiden Texte hineinreichen. Solange man diese zur Texterklärung heranzieht, richtet man sein Interesse aber trotzdem in erster Linie auf die Literatur. Die Fragerichtung lässt sich allerdings umdrehen: Man kann den Text Walthers von der Vogelweide zusammen mit anderen Texten auch als Quelle heranziehen, um die historischen Bedeutungsordnungen auf dem Feld der Glücksvorstellungen zu erforschen. Dann benutzt man die Literatur eher als Mittel, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die über sie hinausreichen.

Mit älterer Literatur beschäftigt man sich also einerseits, um etwas über die geschichtlichen Traditionen zu erfahren, in denen die Literatur unserer Gegenwart als Bestandteil unserer gegenwärtigen KulturKultur steht. Andererseits beschäftigt man sich mit älterer Literatur, um etwas darüber zu erfahren, wie sich ältere Literatur in ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld von den Verhältnissen unterscheidet, die heute herrschen.

GeschichtsbilderGeschichtsbegriffIn der konkreten Praxis zielt die Beschäftigung mit älterer Literatur, wie jede Art von historischer Wissenschaft, gewöhnlich darauf, falsche oder zu einfache Geschichtsbilder zu korrigieren. Bei meiner Interpretation des Gedichts von UllaHahn, Ulla Hahn habe ich mich beispielsweise auf ein weit verbreitetes Geschichtsbild eingelassen, nämlich dass die Werteordnung ›im Mittelalter‹ auf die ewige Glückseligkeit im Jenseits ausgerichtet war, während sie bei uns auf das diesseitige Glück ausgerichtet ist. Zur Aufgabe der Literaturgeschichte gehört in diesem Fall der Hinweis darauf, dass zur Zeit Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide, also zu Beginn des 13. Jahrhunderts, schon die MetaphorikMetaphorik auftaucht, die Ulla Hahn benutzt. Bei Walther selbst kommt der Himmel in einem Liebeslied, im Zusammenhang mit der erotischen Beziehung, in der verweltlichten BedeutungBedeutung vor: Ir houbet ist sô wunnenrîch / alse ez mîn himel welle sîn – ihr Gesicht ist so beglückend schön, gerade wie wenn es mein Himmel sein wollte. Wir beschäftigen uns mit älterer Literatur, wie mit allen Phänomenen früherer Zeiten, also nicht zuletzt, um einen differenzierteren Zugang zur Geschichte zu gewinnen.

1.2EpochenbegriffeEpochen

Was ist ›ältere Literatur‹?Wenn ich bisher von ›älterer Literatur‹ gesprochen habe, bezog sich das einerseits auf das Beispiel Walther von der VogelweideWalther von der Vogelweide, andererseits auf alles, was nicht Literatur unserer eigenen Zeit ist. In der Tat hätte ich meine Überlegungen genauso gut an ein Gedicht anknüpfen können, das Heine, Goethe, Lessing oder Gryphius zitiert, denn im Verhältnis zur Gegenwart ist das alles ›ältere Literatur‹. Freilich sind wir es gewohnt, die deutsche Literaturgeschichte in eine ›neuere‹ und eine ›ältere‹ aufzuteilen, wobei die ältere vom 8. bis zum 15. oder 16. Jahrhundert reicht und die neuere mit dem 16. oder 17. Jahrhundert anfängt. In der gegenwärtigen wissenschaftlichen Praxis ist das 16. Jahrhundert sowohl Gegenstand der Neueren als auch der Älteren deutschen Literaturwissenschaft. Mit dem Anfang im 8. Jahrhundert verhält es sich relativ einfach, weil seit dieser Zeit deutschsprachige Schrifttexte aufgezeichnet wurden. Die Entscheidung, die ältere deutsche Literatur mit dem 15. Jahrhundert enden und die neuere mit dem 16. Jahrhundert beginnen zu lassen, ist eine Konsequenz der Epochenbegriffe ›Mittelalter‹ und ›Neuzeit‹; ältere deutsche Literatur ist dann deutsche Literatur des Mittelalters. Für die Entscheidung, das 16. Jahrhundert noch zur älteren Literatur zu zählen, gibt es zwei Gründe. Der erste ist der Zweifel am Erkenntniswert der EpochenbegriffeEpochen ›Mittelalter‹ und ›Neuzeit‹; das will ich gleich noch erläutern. Historische Sprach-stufenDer zweite Grund ist ein eher pragmatischer: Dass innerhalb der deutschen Literaturwissenschaft eine ältere und eine neuere Abteilung entstanden, hängt nämlich nicht zuletzt mit den praktischen Sprachkompetenzen zusammen, die für die Beschäftigung mit ›älterer‹ deutscher Literatur nötig sind. Unter diesen Umständen bestimmen vor allem die historischen Sprachstufen, was ›ältere‹ deutsche Literatur ist – nämlich Literatur, die auf AlthochdeutschAlthochdeutsch, MittelhochdeutschMittelhochdeutsch, FrühneuhochdeutschFrühneuhochdeutsch oder in den jeweiligen niederdeutschenNiederdeutsch Entsprechungen verfasst ist. Die ›neuere‹ deutsche Literatur beginnt dann mit der Herausbildung des NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, während die frühneuhochdeutsche des 16. Jahrhunderts noch zur ›älteren‹ gehört.Epochen

Zeitein-teilung im MittelalterGeschichtsbegriffDie Unterscheidung zwischen Mittelalter und Neuzeit, die im italienischen HumanismusHumanismus entstand, ist ein Ergebnis unserer Kulturgeschichte und ihrer Bedeutungsordnungen. Nach und nach hat sie eine ältere, seit der Spätantike in ganz Europa verbreitete Zeiteinteilung abgelöst. Diese liegt beispielsweise noch der ›SchedelschenSchedel, Hartmann, ›Schedelsche Weltchronik‹ WeltchronikWeltchronik‹ zugrunde, die im Jahr 1493, kurz vor dem Ende unseres ›Mittelalters‹Epochen, in Nürnberg gedruckt wurde (vgl. dazu Kapitel 6.3). Sie war das Gemeinschaftsunternehmen eines Nürnberger Humanistenkreises, zu dem auch der Stadtarzt Hartmann Schedel gehörte, ein hochgebildeter Mann auf der intellektuellen Höhe seiner Zeit.Epochen

6 WeltalterWeltalterWeltchronikenWeltchronikGeschichtsbegriffsind ein Texttyp mit einer langen mittelalterlichen Tradition auf LateinLatein wie auf Deutsch. Sie benutzen stets dasselbe EpochenschemaEpochen für die Weltgeschichte, das auf den Kirchenvater AugustinusAugustinus (354–430) zurückgeht. In AnalogieAnalogie zu den sechs Schöpfungstagen gibt es sechs WeltalterEpochen nach dem Gang der biblischen Geschichte: 1. von Adam bis zur Sintflut die Frühgeschichte der Menschheit; 2. von Noah bis Abraham die Vorgeschichte Israels; 3. von Abraham bis König David und 4. von David bis zur babylonischen Gefangenschaft die Geschichte des Bundes zwischen Gott und Israel; 5. von der babylonischen Gefangenschaft bis Christus die Zeit der Propheten als Vorgeschichte des Bundes Gottes mit der Christenheit; 6. von Christus bis zur jeweiligen Gegenwart und darüber hinaus bis zum Ende der Welt, das die Offenbarung des Johannes beschreibt, die Geschichte der Christenheit.

Der Gang der Dinge ist nach diesem Schema zur Zukunft hin nicht offen. Wer es im Kopf hatte, lebte der eigenen Vorstellung nach im letzten Zeitalter der Welt. Wie lange es noch dauern würde, wusste man nicht, wohl aber, was danach kommen und dass es bis dahin keine prinzipiellen Veränderungen mehr geben würde.Epochen

Weltreiche4 WeltreicheDieses Modell der sechs WeltalterWeltalter benutzte auch SchedelGeschichtsbegriff für seine WeltchronikWeltchronik. Von einer ›Antike‹ oder einem ›Mittelalter‹ wusste er ebenso wenig wie die Verfasser älterer Weltchroniken. Ein Begriff war ihm das Römische Reich, denn darin lebte er gemäß der herrschenden Überzeugung: Es war nie untergegangen, sondern von Karl dem Großen und den auf ihn folgenden Kaisern – römischen, nicht fränkischen oder deutschen Kaisern – übernommen worden. Es galt Schedel nach alter Tradition als das letzte in einer Reihe von vier Weltreichen – babylonisches, persisches, griechisches, römisches – und würde Bestand haben bis zum Weltende.Epochen

Antike – Mittelalter – NeuzeitEpochenIn Italien entstanden unterdessen die Ansätze für ein anderes Geschichtsbild. Francesco PetrarcaPetrarca, Francesco (1304–1374), der als Begründer des HumanismusHumanismus gilt, wandte sich als erster von der Idee des ungebrochenen Fortbestands des Römischen Reichs ab. In den antiken Ruinen in Rom sah er vielmehr die Zeichen einer untergegangenen Herrlichkeit Italiens, die es wiederherzustellen galt. Zwischen der antiken Glanzzeit und seiner eigenen Gegenwart lag seiner Ansicht nach eine dunkle Ära, eine mittlere Zeit, in der die Völker des Nordens die Glorie der italienischen KulturKultur zerstört hatten. Mit der Rückbesinnung auf das römische Altertum sollte das Elend ein Ende finden.Epochen

Das Mittelalter ist eine Erfindung der italienischen Humanisten. Es war ursprünglich nicht so sehr als europäische EpocheEpochenGeschichtsbegriffgedacht, sondern hatte eher die Funktion eines kulturpolitischen Kampfbegriffs: Italien sollte tausend Jahre germanischer Barbarei hinter sich lassen. Erst im späten 17. Jahrhundert machte der deutsche Gelehrte Christoph CellerariusCellerarius, Christoph das Schema zu einem universalgeschichtlichen. Seitdem glauben wir daran, wie Schedel an die sechs WeltalterWeltalter glaubte: Zwischen dem Untergang des Römischen Reichs in den Wirren der Völkerwanderung und der ›RenaissanceRenaissance‹ der Antike liegt das medium aevum, das mittlere Zeitalter. Nach und nach sicherte man die obere Grenze breiter ab: Neben Renaissance und HumanismusHumanismus dienen u. a. die Erfindung des BuchdrucksBuchdruck, die geographischen Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts, die ReformationReformation und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften seit Kopernikus und Galilei als Epochenschwellen der Neuzeit.Epochen

Mittelalterbild der AufklärungEpochenGeschichtsbegriffDie Kernbestände der bis heute gängigen Mittelalter-Klischees gehen auf die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert und der Romantik um 1800 zurück. Aus der Aufklärung stammt die Idee vom ›finsteren Mittelalter‹, in dem die Vernunft, die die antiken Philosophen stark gemacht hatten, tausend Jahre lang unter Knechtschaft des Glaubens stand. Es endete, als die Humanisten der RenaissanceRenaissance-Zeit im 15. und 16. Jahrhundert die römische und griechische Antike zum kulturellen Vorbild erhoben und die Reformatoren im 16. Jahrhundert die kulturelle Hegemonie der katholischen KircheKirche brachen. Indem die Aufklärer einen großen Kontinuitätsbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit behaupteten, konnten sie ihre eigene Erneuerungskraft betonen und brauchten sich selbst nur in die Traditionen von Renaissance-Humanisten und Reformatoren zu stellen. ›Neuzeit‹ bedeutet in diesem Konzept Dynamik und Fortschritt, ›Mittelalter‹ Stagnation und Stillstand.Epochen

Mittelalterbild der RomantikEpochenGeschichtsbegriffGenauso wie das Mittelalter der Aufklärung war auch das Mittelalter der Romantik ein Gegenentwurf zur eigenen Zeit, in der die Romantiker eine wachsende Kluft zwischen Einzelnem und Gesellschaft sowie eine zunehmende Ausdifferenzierung einzelner kultureller Felder wie Politik, Religion, Wissenschaft und Kunst wahrnahmen. Als Kontrastmodell zu diesem negativ bewerteten Auseinanderfallen der eigenen Lebenswelt diente das Mittelalter, das man sich nun als eine Zeit umfassender kultureller Einheit vorstellte, in der sich alles harmonisch zusammengefügt hatte. Modern gesagt, konstruierten Aufklärer wie Romantiker eine grundsätzliche und generelle AlteritätAlterität des Mittelalters gegenüber ihrer eigenen Zeit. Beide stellten sich zu diesem Zweck das Mittelalter als eine in sich sehr homogene kulturelle Epoche vor, die sie allerdings ganz unterschiedlich bewerteten.Epochen

Epochen-begriffeEpochenEpochen ›gibt‹ es selbstverständlich nicht. Epochenbegriffe sind kulturelle Bedeutungskonstruktionen,Bedeutung die einen Erkenntniswert haben, wenn sie Veränderungen identifizieren und dadurch wichtige Unterschiede zwischen Zeiträumen erfassen. Das schließt freilich die Notwendigkeit ein, den Zeitraum, den man von einem anderen unterscheidet, zugleich als eine innere Einheit begreifen zu können. In dieser Hinsicht haben die Epochenbegriffe ›Mittelalter‹ und ›Neuzeit‹ erhebliche Schwächen, denn sie erfassen viel zu große Zeiträume. Unvermeidlich verdecken sie dabei die Vielfalt und die gravierenden Veränderungen innerhalb der jeweiligen Epoche. Zugleich konstruieren sie einen scharfen Bruch zwischen den Epochen, statt die Komplexität und Langwierigkeit historischer Prozesse in den Blick zu rücken. Epochen

So gibt es einerseits kaum etwas, von dem man behaupten könnte, es sei für das ganze Mittelalter typisch, nicht dagegen für die Antike und die Neuzeit. Andererseits lassen sich die Ursprünge mancher ›neuzeitlicher‹ Phänomene – etwa der kapitalistischen Wirtschaft, des modernen Staats oder der Trennung von Religion und Wissenschaft – bis ins 12. und 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Wichtige Innovationen des 15. und 16. Jahrhunderts wie der BuchdruckBuchdruck oder die modernen Naturwissenschaften gewannen ihrerseits nur langsam an Wirkungsmacht und veränderten die kulturelle Lebenswelt erst im 18. Jahrhundert tiefgreifend und breitenwirksam. Die alte Vorstellung, dass sich Mittelalter und Neuzeit fast schon wie zwei unterschiedliche Kulturen gegenüberstehen, ist deshalb viel zu einfach; statt mit einem klaren Bruch hat man es mit einem vielfältigen Geflecht langfristiger KontinuitätenKontinuität und Veränderungen zu tun.

Epochen der älteren deutschen LiteraturEpochenIch benutze im Folgenden weniger großräumige Epochenbegriffe, die auf den historischen Sprachstufen des Deutschen beruhen: Als frühmittelalterliche Literatur bezeichne ich die althochdeutsche und altniederdeutsche, als hochmittelalterliche die mittelhochdeutsche, als spätmittelalterlich-frühneuzeitliche die frühneuhochdeutsche und mittelniederdeutsche (Genaueres dazu im nächsten Kapitel). Die Bezeichnung ›spätmittelalterlich-frühneuzeitlich‹ verweist in ihrer Zusammensetzung einerseits auf die literaturgeschichtlichen KontinuitätenKontinuität, die von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum 16. Jahrhundert reichen, also die Grenze zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit überspannen, andererseits auf die Innovationen in den Jahrzehnten um 1500, die mit BuchdruckBuchdruck, HumanismusHumanismus und ReformationReformation zusammenhängen. Epochen

1.3Aufbau des Buchs

Historische Bedin-gungenEs geht in diesem Buch also um die ältere deutsche Literatur vom 8. bis zum 16. Jahrhundert. Die Kapitel 2 bis 7 skizzieren historische Bedingungen älterer Literatur: Kapitel 2 bietet einen Überblick über die literar- und kulturhistorischen Grundkoordinaten des Zeitraums. Kapitel 3 verfolgt die Ausbreitung deutschsprachiger Schrifttexte und informiert über die Bedeutung, die lateinische und romanische Texte für die Entwicklung hatten. Kapitel 4 behandelt die Vorstellungen, die an den Begriffen ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ hängen. Kapitel 5 stellt eine Reihe von Texten vor, die aus verschiedenen Gründen besonders große literaturgeschichtliche Bedeutung haben. In Kapitel 6 geht es um die Überlieferungsbedingungen der älteren deutschen Literatur, also darum, wie die Texte auf uns gekommen sind und welche Erkenntnismöglichkeiten die Textüberlieferung Überlieferungeröffnet. Kapitel 7 skizziert die wichtigsten Stationen der Geschichte des Verses, Versweil ›Dichtung‹ in der älteren Zeit vor allem als Rede in Versen galt.

Bedeutungs-aufbauDie Kapitel 8 bis 12 behandeln unterschiedliche, aber miteinander zusammenhängende Aspekte des Bedeutungsaufbaus in Texten: Kapitel 8 führt am Beispiel der von UllaHahn, Ulla Hahn zitierten Strophe Walthers von der VogelweideWalther von der Vogelweide in die Beschreibung begrifflicher Bedeutungsbeziehungen und des argumentativen Bedeutungsaufbaus in Texten ein. Kapitel 9 erläutert an Konrads von Würzburg Versroman ›Engelhard‹ Konrad von Würzburg›Engelhard‹Verfahrensweisen des narrativen Bedeutungsaufbaus. Kapitel 10 beschäftigt sich mit Diskursen Diskursals kulturellen OrdnungenKulturelle Ordnung begrifflichen Wissens, die den Bedeutungsaufbau Bedeutungin Texten beeinflussen; als Beispiel dient die Thematisierung des Geschlechtsverkehrs im ›Engelhard‹. In Kapitel 11 geht es anhand eines FastnachtspielsFastnacht, Fastnachtspiel um den Zusammenhang zwischen dem Bedeutungsaufbau in Texten und kulturellen Praktiken, die nicht in erster Linie auf begrifflich-diskursivem Wissen beruhen. Kapitel 12 stellt zwei Modelle kultureller WirklichkeitskonstruktionWirklichkeit, Wirklichkeitskonstruktion vor, die zwischen dem 8. und 16. Jahrhundert – teils in Verbindung miteinander, teils in Konkurrenz zueinander – als Grundlagen für den Bedeutungsaufbau in Texten dienten: das theologische Modell der OffenbarungswahrheitOffenbarungswahrheit und das rhetorische Modell der glaubhaften WahrscheinlichkeitPlausibilität. Kapitel 13 enthält eine Auswahl ein- und weiterführender wissenschaftlicher Literatur, wichtiger Nachschlagewerke und digitaler Informationsangebote.

Die neuhochdeutschen Übersetzungen zu den in diesem Buch angeführten Textbeispielen stammen entweder aus den zitierten Ausgaben oder – wenn es dort keine Übersetzungen gibt bzw. es angemessener schien – vom Verfasser.

2Ältere deutsche Literatur – der Zeitraum

2.1Literatur, Sprache, KulturKultur

Dieses Kapitel und die beiden folgenden behandeln die Frage nach den Gegenständen der älteren deutschen Literaturwissenschaft: Was ist mit ›älter‹, was mit ›deutsch‹ und was mit ›Literatur‹ gemeint? Am Anfang steht ein Überblick über sprachgeschichtliche und kulturgeschichtliche Bedingungen der deutschen Literatur in der ›älteren‹ Zeit.AlthochdeutschMittelhochdeutschAltniederdeutschMittelniederdeutsch

In Vorlesungen und Seminaren zur älteren deutschen Literatur geht es zumeist um deutschsprachige Texte, die in handschriftlicher oder gedruckter Form aus der Zeit vom 8. bis zum 16. Jahrhundert erhalten geblieben sind. Die Verhältnisse sind allerdings komplizierter, als der erste Blick verrät. Recht häufig wird man nämlich mit weiteren Texten konfrontiert, die in einem engen Zusammenhang mit den deutschsprachigen stehen: Mit Texten aus derselben Zeit, die auf LateinLatein oder in verschiedenen romanischen Sprachen abgefasst sind, ebenso wie mit erheblich älteren Texten, vor allem biblischen und solchen aus der römischen Antike.

Das liegt daran, dass der Gegenstand Literatur sowohl eine sprachliche als auch eine kulturelle Angelegenheit ist. Einerseits wird jeder Text in einer bestimmten Sprache zu einer bestimmten Zeit produziert (formuliert, vorgetragen, aufgeschrieben, gedruckt) und rezipiert (gehört, gelesen, abgeschrieben). Weil jeder Text eine Sprache hat, ohne deren Kenntnis er nicht zu verstehen ist, sind Literaturwissenschaften nach Sprachen eingeteilt. Gegenstand der älteren deutschen Literaturwissenschaft sind in diesem Sinn Texte der älteren deutschen Sprachstufen vor dem NeuhochdeutschenNeuhochdeutsch.

Andererseits steht jeder Text in geschichtlichen Zusammenhängen, die oft weit vor seine Entstehungszeit zurückreichen und die nicht an die Sprache gebunden sind, in der er verfasst ist. In diesem Sinn sind die europäischen Kulturtraditionen, zu denen die Texte der älteren deutschen Sprachstufen gehören, Gegenstand der älteren deutschen Literaturwissenschaft. Diese beiden Aspekte, den sprachgeschichtlichen und den kulturgeschichtlichen, verfolgt der Überblick über den Zeitraum der älteren deutschen Literatur.

2.2Frühes Mittelalter: AlthochdeutscheAlthochdeutsch und altniederdeutsche Literatur (um 750 bis um 1050)AltniederdeutschAltsächsischAltniederdeutschNiederdeutsch

SchriftlichkeitSchriftlichkeitSowohl für die Geschichte der Sprache als auch für die der Literatur ist es von großer Bedeutung, wer Texte herstellt, an wen diese Texte gerichtet sind und welchem Zweck sie dienen. Im engen Zusammenhang damit stehen die kulturellen – die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und bildungsgeschichtlichen – Bedingungen der Literatur.

Aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, der Zeit Karls des GroßenKarl der Große, stammen die ältesten deutschen Schrifttexte. Vorher wurde Deutsch nicht geschrieben, sondern ausschließlich gesprochen. Da gesprochene Texte nicht erhalten bleiben, wenn es keine dafür geeigneten Aufzeichnungstechniken gibt, werden sowohl die deutsche Sprachgeschichte als auch die deutsche Literaturgeschichte erst mit dem Einsetzen der SchriftlichkeitSchriftlichkeit greifbar. Außer in Gestalt von ganzen Texten ist das älteste Deutsch auch in Form von Glossen überliefert. Dabei handelt es sich um einzelne Wörter und Satzteile, die in lateinischen Handschriften als Verständnis‑ und Lernhilfen eingetragen sind.

AlthochdeutschAlthochdeutsch›Althochdeutsch‹ meint keine Standardsprache in unserem modernen Sinn. Eine solche Sprache, die jenseits der Dialekte im gesamten deutschen Sprachraum weitgehend einheitlichen Regeln folgt, hat sich erst in der neuhochdeutschen Zeit seit dem 17. Jahrhundert entwickelt. ›Althochdeutsch‹ ist lediglich eine nachträgliche Sammelbezeichnung für die Volkssprachen der Franken, Thüringer, Alemannen und Baiern.

Althochdeutsch (Alemannisch): VaterunserVaterunser aus einer Handschrift des Klosters St. Gallen, 8. Jh. (Frühe deutsche und lateinische Literatur in Deutschland 800–1150. Hg. v. Walter Haug u. Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt a. M. 1991, S.24) (vgl. Abb. 1).

Fater unseer, thu pist in himile, wihi namun dinan, qhueme rihhi din. werde willo diin, so in himile sosa in erdu. prooth unseer emezzihic kip uns hiutu, oblaz uns sculdi unseero, so uuir oblazem uns sculdikem, enti ni unsih firleiti in khorunka, uzzer losi unsih fona ubile.

emmezihic (unser Wort ›emsig‹) bedeutet ›fortwährend‹; das Substantiv khorunka für ›Versuchung‹ kommt vom Verb koron, das ›versuchen‹ im Sinn von ›auf die Probe stellen‹ bedeutet.

AltniederdeutschAltniederdeutschDie althochdeutschen Sprachen hatten Gemeinsamkeiten, die sie vom Altniederdeutschen der Sachsen (deshalb auch ›Altsächsisch‹) im Norden unterschieden. Während NiederdeutschNiederdeutsch (›Plattdeutsch‹) heute überwiegend als gesprochene Sprache existiert, entstand im 8. und 9. Jahrhundert außer der althochdeutschen auch eine altniederdeutsche Schriftliteratur.

Germanische und romanische SprachenDie Sprecher:innen der althochdeutschen Sprachen lebten in der Zeit der ersten deutschen Glossen und Schrifttexte in einem Vielvölkerreich, über das das fränkische Königshaus der Karolinger herrschte. Die Sachsen wurden dem Karolingerreich zu dieser Zeit gerade gewaltsam einverleibt. Im Westen und im Süden herrschten die Karolinger über Menschen, die romanische Sprachen benutzten. Von ihnen unterschieden sich AlthochdeutschAlthochdeutsch und AltniederdeutschAltniederdeutsch gemeinsam als germanische Volkssprachen.

LateinLateinDie gängige Schriftsprache war im gesamten Karolingerreich das Lateinische, das die Gelehrten zur Verständigung untereinander gebrauchten. In der lateinischen Gelehrtensprache wurde der Unterschied zwischen den germanischen und den romanischen Volkssprachen mit den Begriffen lingua theodisca und lingua romana erfasst. DeutschDem lateinischen Adjektiv theodiscus entspricht im AlthochdeutschenAlthochdeutschdiutisk, auf das unser neuhochdeutsches Wort ›deutsch‹ zurückgeht; diutisk gehört zum althochdeutschen Substantiv diot für ›Volk, Leute‹. Während das Frankenreich Karls des GroßenKarl der Große ein romanisch- und germanischsprachiger Herrschaftsverband war, entwickelte sich nach dem Tod seines Sohns Ludwigs des Frommen (840) seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts im östlichen Teil des Frankenreichs ein weitgehend diutisk-sprachiger, ostfränkischer Herrschaftsverband.

Die althochdeutsche und die altniederdeutsche AlthochdeutschAltniederdeutschLiteraturproduktion enden recht abrupt um 900. Aus den anschließenden 150 Jahren sind zwar Glossen überliefert, aber kaum noch althochdeutsche Texte. Eine wichtige Ausnahme davon ist der St. Galler Mönch NotkerNotker der Deutsche (genannt ›der Deutsche‹), der um die Jahrtausendwende umfangreiche Übersetzungen aus dem Lateinischen anfertigte. Um 1050 setzt eine neue, nun mittelhochdeutsche Schriftliteratur ein; seit dem frühen 13. Jahrhundert sind Texte auch in MittelniederdeutschMittelniederdeutsch aufgeschrieben worden. Die Produzenten und die Produzentinnen – im Fall der frühmittelalterlichen Literatur ist erstmals eine Autorin namentlich bekannt, Frau Ava – wussten von den althochdeutschen bzw. altniederdeutschen Texten fast nichts mehr. Zwischen der alt- und der mittelhochdeutschen Literatur gibt es deshalb nahezu keine geschichtliche KontinuitätKontinuität, ebenso wenig zwischen der alt- und der mittelniederdeutschen. Niederdeutsch

WirtschaftIn der Karolingerzeit, in der die schriftliche Überlieferung Überlieferungdeutscher Texte einsetzt, bestand der deutsche Sprachraum aus kleinen Siedlungsinseln inmitten unzugänglicher Urwälder und Sumpflandschaften. Die Menschen lebten vorzugsweise entlang der Flusstäler und betrieben Landwirtschaft. Von einer arbeitsteiligen Gesellschaft mit unterschiedlichen Berufen kann kaum die Rede sein: Was man zum Leben benötigte, stellte man weitgehend selbst her. Handel gab es, gemessen an unseren Gewohnheiten, nur in geringem Ausmaß.

GesellschaftAltniederdeutschDie sozialen Beziehungen zwischen den Menschen waren vor allem durch Verwandtschaft, Grundherrschaft Grundherrschaftund VasallitätVasallität geregelt. FamilieDer Familienverband war zugleich eine Wirtschaftsgemeinschaft und, wegen der patriarchalen Rechte des Hausherrn, eine Herrschaftsordnung.Rechtsordnung

GrundherrschaftAlthochdeutschDenselben Doppelcharakter hatte die Grundherrschaft. Das bewirtschaftete Land gehörte wenigen Adeligen. AdelAufgrund ihrer Geburtsrechte und ihres Familienbesitzes, die ihnen eine militärische Ausrüstung ermöglichten, stellten sie eine privilegierte Kriegerelite dar. Die weitaus meisten Menschen besaßen nicht nur kein Land, sondern waren selbst Eigentum. Als Leibeigene gehörten sie zum Grundbesitz eines adeligen Herrn, dessen Land sie gegen Abgaben bestellten und der über sie herrschte.

VasallitätLehenVasallität und LehenRechtsordnungVasallität regelte, zusammen mit Ehe und Verwandtschaft, die Beziehungen der adeligen Grundherren untereinander. Sie beruhte auf der persönlichen Schwurverbindung, die den mächtigeren ›Herrn‹ zu Schutzleistungen, den ›Mann‹ (oder Vasallen) zu Beistandsleistungen verpflichtete. Von der Karolingerzeit bis ins hohe Mittelalter setzte sich immer mehr die Gewohnheit durch, das Vasallitätsverhältnis mit der Verleihung von Grundbesitz (›Lehen‹) zu verbinden, so dass lehensrechtliche Beziehungen zur Grundlage des adeligen Herrschaftsverbandes wurden.

Auf der Basis persönlicher Verwandtschafts- und Vasallitätsbeziehungen fand in der Karolingerzeit ›Politik‹ statt. Nichts von dem, was wir mit institutioneller Staatlichkeit verbinden, existierte: Keine Ministerialbürokratie, keine Finanzverwaltung, keine Polizei, kein Amtsgericht, kein öffentliches Schulwesen. HerrschaftHerrschaft wurde nicht von Institutionen, sondern von Personen ausgeübt und setzte Reichtum und die Fähigkeit zur gewaltsamen Durchsetzung der eigenen Interessen voraus. Auch der König war in diese Ordnung eingebunden: Seine Macht gründete auf seinem Landbesitz und auf seinem Status als Herr von Vasallen.

KircheKircheKlosterEigenschaften einer Institution hatte in der Karolingerzeit am ehesten die Kirche. Mit unseren modernen Amtskirchen hat sie freilich wenig gemeinsam. Unter der karolingischen Kirche muss man sich in erster Linie Benediktinerklöster und Domstifte (Bischofssitze mit einem Bischof und in klosterähnlicher Gemeinschaft lebenden Domherren) vorstellen. Klöster und Bischofskirchen waren Grundherren; Landbesitz und Leibeigene sicherten ihre wirtschaftliche Basis.Rechtsordnung

Äbte und Mönche, Bischöfe und Domherren waren in aller Regel Adelige, AdelRechtsordnungdie von ihren Familien gewöhnlich schon als Kinder für die kirchliche Lebensform bestimmt wurden. Alle KirchenKirche waren über königliche oder adelige Besitz- und Herrschaftsrechte in den adeligen Personenverband eingebunden; sie gehörten entweder dem König oder einem Adeligen. Bischöfe und Äbte übten ihrerseits selbst weltliche HerrschaftHerrschaft aus. Eine päpstlich-römische Hierarchie, der sie hätten unterstehen können, gab es noch nicht.

Kleriker und LaienKlerikerLaienLesen und Schreiben lernte in der Karolingerzeit nur, wer für die kirchliche Lebensform bestimmt war – die Kleriker. Nicht-Kleriker – von den Leibeigenen bis zum König – hießen ›Laien‹ und waren der Schrift unkundig. Weil die Kirchensprache LateinLatein war, lernten die Kleriker nicht Deutsch, sondern Latein lesen und schreiben. Die Orte dieses Unterrichts waren die Klosterschulen, die Träger der lateinischen Schriftkultur des frühen Mittelalters.

Klöster und LiteraturKlosterAlle erhaltenen althochdeutschen und altniederdeutschen AlthochdeutschAltniederdeutschTexte wurden in karolingischen Klöstern aufgeschrieben, und bis auf wenige Einzelfälle wurden sie auch von Mönchen verfasst. Zum Teil dienten sie dem Lateinunterricht in der Klosterschule, Schule (Dom-, Kloster-, Stadt)indem sie durch vorlagennahe Übersetzung das Verständnis lateinischer Texte erleichterten – beispielsweise der benediktinischen Ordensregel. Zum Teil stellten sie die für Seelsorge und Mission wichtigsten Texte, wie das VaterunserVaterunser (Abb. 1) oder das Glaubensbekenntnis, in der Volkssprache zur Verfügung. Zum Teil dienten sie dazu, die in den Evangelien erzählte Geschichte auf Deutsch zu vermitteln; dies konnte sich an weniger lateingeübte KlerikerKleriker oder an adelige LaienLaien richten.

Abb. 1:

VaterunserVaterunser in althochdeutscher AlthochdeutschAltniederdeutschSprache, eingetragen am Schluss der ›Abrogans‹-Handschrift aus der Stiftsbibliothek St. Gallen. Die am Ende des 8. Jahrhunderts entstandene Handschrift gilt als ältestes Buch in deutscher Sprache.

Ein Beispiel für den dritten Typus ist das ›EvangelienbuchOtfrid von Weißenburg, ›Evangelienbuch‹‹, das der Mönch Otfrid im Kloster Weißenburg (heute Elsass) im 9. Jahrhundert verfasste. Es dokumentiert die adeligen Denkweisen Adelauch der KlerikerKleriker des frühen Mittelalters. Wenn Otfrid die Lebensgeschichte Jesu erzählt, überträgt er sie nicht nur in seine Muttersprache, sondern auch in eine frühmittelalterliche Adelswelt. Bei der Verkündigungsszene (nach Lukas 1,26) beispielsweise trifft der Engel nicht auf die Frau eines jüdischen Zimmermanns, sondern auf die zukünftige Königinmutter in ihrer Pfalz. (Otfrid von Weißenburg: EvangelienbuchOtfrid von Weißenburg, ›Evangelienbuch‹. Auswahl. Althochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Gisela Vollmann-Profe. Stuttgart 2010, S. 56, I,5, V. 3–14).

Tho quam bóto fona góte,   éngil ir hímile,

 

bráht er therera wórolti   diuri árunti.

Floug er súnnun pad,   stérrono stráza,

 

wega wólkono   zi theru ítis frono;

Zị édiles fróuun,   sélbun sancta Máriun,

 

thie fórdoron bi bárne   warun chúningạ alle.

Gíang er in thia pálinza,   fand sia drúrenta,

 

mit sálteru in hénti,   then sáng sị unz in énti;

Wáhero dúacho   werk wírkento

 

díurero gárno,   thaz déda siụ io gérno.

Tho sprach er érlicho ubar ál,   so man zi frówun scal,

 

so bóto scal io gúater,   zi drúhtines muater […].

AlthochdeutschAltniederdeutschDa kam ein Bote von Gott, ein Engel aus dem Himmel; er brachte der Welt kostbare Botschaft. Er flog den Sonnenpfad, die Sternenstraße, den Wolkenweg zu der Gottesfrau, zu der adeligen Herrin, der heiligen Maria. Ihre Vorfahren, Kind für Kind, waren alle Könige. Er ging in die Pfalz, fand sie traurig, mit dem Psalter in Händen, den sang sie bis zum Ende. Feine Tuche wirkte sie aus kostbarem Garn, das tat sie stets eifrig. Da sprach er höchst ehrerbietig, wie man es einer Herrin schuldig ist, wie es ein guter Bote schuldig ist, zur Mutter des Herrn […].

 

Druhtin ist das Wort für den Herrscher; die Jünger bezeichnet Otfrid später mit dem Wort für Vasallen und Krieger als thegana. Die Mutter des größten aller Könige ist (anders als in der Bibel) Nachkomme einer lückenlosen Reihe königlicher Ahnen. Der Engel verhält sich ihr gegenüber, wie es sich für einen karolingischen Königsboten gehört.

Otfrid kann sein EvangelienbuchOtfrid von Weißenburg, ›Evangelienbuch‹ sowohl für die adeligen Mönche seines KlostersKloster als auch für adelige LaienLaienAdelgedichtet haben. In jedem Fall handelte es sich um ein Publikum, das weder willens noch in der Lage war, sich Jesus von Nazareth als jüdischen Zimmermannssohn und Wanderprediger vorzustellen. Seine Erhebung zum frühmittelalterlichen König ist freilich kein didaktischer Kniff des Autors. Ein historisches Bewusstsein grundsätzlicher Unterschiede zwischen der eigenen Gegenwart und anderen Zeiten gab es in Mittelalter und früher Neuzeit nur vereinzelt und ansatzweise. Gewöhnlich trifft man auf die Überzeugung, dass die Verhältnisse immer schon so ähnlich waren wie in der jeweiligen Gegenwart. AlthochdeutschAltniederdeutsch

Die althochdeutsche AlthochdeutschAltniederdeutschund altniederdeutsche NiederdeutschLiteratur besteht wegen ihrer kulturellen Bedingungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus religiösen Texten, die mehr oder weniger eng von lateinischen Vorbildtexten abhängig sind. Dass es diese volkssprachlichen Texte überhaupt gibt, ist eine Folge königlicher Reformbestrebungen: Karl der GroßeKarl der Große und seine Nachfolger versuchten recht zielstrebig, das Bildungsniveau der Klöster anzuheben und die elementare Seelsorge zu verbessern. Beiden Zwecken dienten die Rückgriffe auf die Volkssprache: Zum einen, um denjenigen, die LateinLatein lernen mussten, Hilfe in der Muttersprache zu leisten; zum andern, um in der Volkssprache die wichtigsten Glaubenswahrheiten zugänglich zu machen. Dass die deutsche SchriftlichkeitSchriftlichkeit zu Beginn des 10. Jahrhunderts wieder aufhörte, liegt am Untergang der Karolinger, der das Ende ihres Bildungsprogramms bedeutete.

2.3Hohes Mittelalter: MittelhochdeutscheMittelhochdeutsch Literatur (um 1050 bis um 1350)

MittelhochdeutschMittelhochdeutsch›Mittelhochdeutsch‹ ist ebenfalls nur eine Sammelbezeichnung für die süd- und mitteldeutschen Dialekte im Unterschied zum nördlichen MittelniederdeutschMittelniederdeutsch. Während wir mit ›Dialekt‹ heute vor allem MündlichkeitMündlichkeit verbinden, ist das Alemannische, Ostfränkische, Bairische, West und Ostmitteldeutsche der mittelhochdeutschen Zeit zwischen 1050 und 1350 ausschließlich in Gestalt von geschriebener Sprache, das heißt als Schreibdialekt überliefert.

MittelhochdeutschDichter-spracheEine einheitliche Sprache für den gesamten hochdeutschen, geschweige denn für den gesamten deutschen Sprachraum – einschließlich des niederdeutschen – gab es weiterhin nicht. Die Verfasser der höfischen Dichtung (wie des MinnesangsMinnesang und der ArtusromaneArtusroman) allerdings hatten im 12. und 13. Jahrhundert ein Interesse daran, dass ihre Texte an möglichst vielen Adelshöfen verstanden wurden. Sie benutzten deshalb eine Sprache, die einen Ausgleich zwischen den mittelhochdeutschen Dialekten anstrebte und Dialektmerkmale sowohl in der Lautgestalt wie im Wortschatz möglichst vermied.

Mittelhochdeutsch (mittelhochdeutsche Dichtersprache): VaterunserVaterunser in Versen des Dichters Reinmar von ZweterReinmar von Zweter, 13. Jh. (Die Gedichte Reinmars von Zweter. Hg. v. Gustav Roethe. Leipzig 1887, S.417).

Got vater unser, dâ dû bist

in dem himelrîche, gewaltic alles des dir ist.

geheiligt sô werde dîn nam. zuo müeze uns komen daz rîche dîn.

Dîn wille werde dem gelîch

hie ûf der erde als in den himeln, des gewer unsich.

nû gip uns unser tegelich brôt, unt swes wir dar nâch dürftic sîn.

Vergip uns allen sament unser schulde,

als dû wilt, daz wir durch dîne hulde

vergeben, der wir ie genâmen

deheinen schaden, swie grôz er sî.

vor sünden kor sô mache uns vri

unt lœse uns ouch von allem übele. Amen.

gewaltic alles des dir ist: alles steht in deiner Macht; des gewer unsich: das gewähre uns; swes wir dar nâch dürftic sîn: was wir außerdem brauchen; sament: zusammen; als du wilt …: so wie du willst, dass wir um deiner Gnade willen denen vergeben, durch die wir Schaden erlitten haben, wie groß er auch sei; kor: Versuchung.

Diese Ausgleichssprache, die vermutlich nur die Dichter verwendeten, ist heute als ›klassisches‹ MittelhochdeutschMittelhochdeutsch Gegenstand des germanistischen Unterrichts (vgl. S. 168). Sie ging im 14. Jahrhundert wieder verloren.

 

Die mittelhochdeutschen Schrifttexte, die seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstanden, waren zunächst ebenfalls ausschließlich Klerikerprodukte religiösen Inhalts.Kleriker Die neue volkssprachliche SchriftlichkeitSchriftlichkeit hing jedoch nicht mehr am Herrschaftsprogramm eines Königshauses, sondern erhielt schnell eine weniger enge gesellschaftliche Grundlage. Die historische KontinuitätKontinuität, die nach 1050 begründet wurde, riss deshalb auch nicht mehr ab, sondern reicht bis heute. Die wichtigste Entwicklung der hochmittelalterlichen Literaturgeschichte besteht darin, dass die adeligen LaienLaienAdel im 12. Jahrhundert zunehmenden Einfluss auf die Textproduktion gewannen und für eine Dichtung sorgten, in der auch weltliche Themen behandelt wurden.

Aufbruch des 12. JahrhundertsAufbruch des 12. JahrhundertsDer literarische Neubeginn steht in einem kulturgeschichtlichen Zusammenhang, den man als den ›Aufbruch des 12. Jahrhunderts‹ bezeichnet. Dieser Aufbruch hatte eine Anlaufzeit schon im späteren 11. Jahrhundert und erreichte im 12. eine enorme Dynamik, die erst im späteren 13. Jahrhundert nachließ; um 1350 fand er sein Ende. Er hat die europäische Welt grundlegend verändert. Nicht zufällig umfasst er ziemlich genau die Epoche der mittelhochdeutschen Literatur.

WirtschaftDas ökonomische Fundament der Entwicklung war ein erhebliches Bevölkerungswachstum, das mit Fortschritten in der landwirtschaftlichen Technik einherging und zur Ausweitung der Siedlungsfläche führte. Durch die Rodung der Urwälder und die Trockenlegung der Sümpfe entstand die Kulturlandschaft, die unsere ländlichen Regionen bis heute prägt.Mittelhochdeutsch

StädteStadtDie Gesellschaft wurde zunehmend arbeitsteilig. Handwerker und Kaufleute siedelten sich zunächst bei Bischofssitzen an, die oft in den Überresten alter Römerstädte lagen. Die Ansätze zu einer neuen Stadtkultur setzten sich in einer breiten Welle von Stadtneugründungen fort. Auch wenn die meisten Städte klein blieben und viele ihrer Bewohner weiterhin Landwirtschaft trieben: In den Städten wurde Markt für den lokalen und regionalen Handel gehalten, Handwerker produzierten und verkauften ihre Waren, Fernhändler ließen sich nieder. Langsam löste die Geldwirtschaft den Naturalientausch ab.Mittelhochdeutsch

Adelige Hofkultur und höfische LiteraturAdelRechtsordnungBei den adeligen Grundherren konzentrierten sich Besitz und Herrschaftsrechte immer mehr in der Hand weniger Familien. HerrschaftHerrschaft bezog sich in wachsendem Maß nicht mehr allein auf einen Personenverband, sondern auf ein Territorium. Mit Hilfe des Lehensrechts entwickelten Lehensich einige Lehensherren in einem langen und komplizierten Prozess, der bis ins Spätmittelalter reicht, zu Landesherren. Die Konzentration von Reichtum und Macht ermöglichte diesen hochadeligen Fürsten einen neuen, repräsentativen Lebensstil. Man legte Burgen an; es entstand eine Hofgesellschaft, die ihren Reichtum und ihren Machtanspruch durch Waffen und Rüstung, Kleidung, Essen und Trinken, zeremonielle Umgangsformen und prachtvolle Feste zur Schau stellte. Dieser höfische Hochadel trug die neue, höfische Literatur, die in erster Linie sein Selbstbewusstsein, seine Wertorientierungen, seine Welt und Lebenshaltung zum Ausdruck brachte – allem voran im MinnesangMinnesang und im höfischen Roman.Höfischer RomanMittelhochdeutsch

Kernbegriff dieser Lebenshaltung ist die vröude, die eine weltzugewandte, auf kultivierte Weise genussfreudige, auch der SexualitätSexualitätGeschlechtsverkehrGeschlechtsverkehr zugeneigte, gesellige Hochstimmung meint. Gottfried von StraßburgGottfried von Straßburg, ›Tristan‹ beschreibt zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Tristanroman das Hoffest TristanromanKönig Markes mit einer Sprachkunst, die ebenso viel Genuss bereiten soll wie ein höfisches Fest selbst (Gottfried von Straßburg: Tristan und Isold. Hg. v. Walter Haug u. Manfred Günter Scholz. 2 Bde. Berlin 2011, Bd. 1, S. 42–44, V. 587–626).

Dâ hæte diu geselleschaft

vrô unde sêre vröudehaft

gehütet ûf daz grüene gras,

als iegelîches wille was.

dâ nâch als iegelîches ger

ze vröuden stuont, dâ nâch lac er:

die rîchen lâgen rîche,

die höfschen hovelîche;

dise lâgen under sîden dâ,

jene under bluomen anderswâ;

diu linde was genuoger dach;

genuoge man gehütet sach

mit loupgrüenen esten.

von gesinde noch von gesten

wart geherberget nie

sô wunneclîchen alse hie.

ouch vant man dâ rât über rât,

als man ze hôhgezîten hât,

an spîse und edeler wæte,

des iegelîcher hæte

ze wunsche sich gewarnet dar.

dar zuo sô nam ir Marke war

sô grôze und alsô rîche,

daz s’alle rîlîche

lebeten unde wâren vrô.

sus huop diu hôhgezît sich dô;

und swes der gerne sehende man

ze sehene guoten muot gewan,

daz lie diu state dâ wol geschehen;

man sach dâ, swaz man wolte sehen:

dise vuoren sehen vrouwen,

jene ander tanzen schouwen;

dise sâhen bûhurdieren,

jene ander justieren.

swâ zuo den man sîn wille truoc,

des alles vant er dâ genuoc.

wan alle, die dâ wâren

von vröudebæren jâren,

die vlizzen sich inwiderstrît

ze vröuden an der hôhgezît.

MittelhochdeutschDa hatte die Gesellschaft, froh und voller Freude, Hütten im grünen Gras aufgeschlagen, ein jeder, wo er wollte. Danach lagerte jeder so, wie ihm der Sinn nach Freude stand: Die Reichen lagerten reich, die Höfischen höfisch. Die einen lagerten unter Seide, die andern anderswo unter Blumen. Die Linde war vielen ein Dach, viele sah man in Hütten aus laubgrünen Ästen. Weder Hofangehörige noch Gäste waren jemals so prachtvoll untergebracht gewesen wie hier. Auch gab es da Fülle über Fülle, wie es sich bei Festen gehört, an Speisen und vornehmen Gewändern, womit sich jeder wunschgemäß versehen hatte. Zudem sorgte Marke für sie, so großartig und prächtig, dass sie alle in Reichtum lebten und fröhlich waren. So begann das Fest. Und was ein schaulustiger Mann anzuschauen Lust bekam, das erlaubte die Gelegenheit. Man sah dort, was man sehen wollte. Die einen gingen adelige Damen anschauen, die andern dem Tanz zusehen; die einen schauten beim Turnier zu, die andern beim Lanzenkampf. Was immer ein Mann auch wollte, das fand er dort in Fülle, denn alle, die in einem frohen Lebensalter dort waren, strebten auf dem Fest um die Wette nach Freude.Mittelhochdeutsch

KircheKircheRechtsordnungHerrschaftDie Kirche unternahm seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts Anstalten, größere Unabhängigkeit von den adeligen Herrschaftsverbänden zu gewinnen, ohne ihre eigenen Herrschaftsansprüche aufzugeben. Eine Reformbewegung strebte mit Erfolg den Aufbau einer hierarchischen Organisation mit dem Papst an der Spitze an, um den Einfluss der weltlichen Mächte zurückzudrängen. Deren Widerstand führte zum Konflikt, der im ›InvestiturstreitInvestiturstreit‹ anlässlich der Frage eskalierte, ob der König oder der Papst die Bischöfe einsetzen darf.Mittelhochdeutsch

Es waren diese kirchlichen Freiheitsbestrebungen, die in West- und Mitteleuropa, dem Raum der römischen KircheKirche, die Entwicklung zu einer Trennung von Weltlichem und Geistlichem einleiteten. Wenn auch die Verweltlichung der Gesellschaft ein langer Prozess war, der erst im 18. Jahrhundert Breitenwirkung entfaltete – angestoßen wurde er im hohen Mittelalter, und schon einige Intellektuelle des 13. und 14. Jahrhunderts vertraten recht säkularisierte Ansichten. Weder im Raum der orthodoxen Ostkirche noch im islamischen Raum kam es zu einer ähnlichen Entwicklung, so dass man hier eine der entscheidenden Weichenstellungen erkennen kann, die zu dem führten, was wir heute als ›westliche Welt‹ bezeichnen.Mittelhochdeutsch

Bildung und WissenschaftGleichwohl blieb die KircheKirche im 12. und 13. Jahrhundert Trägerin von Bildung und Wissenschaft, die Bildungssprache folglich LateinLatein. Vor allem in bischöflichen Domschulen Schule (Dom-, Kloster-, Stadt)beschäftigte man sich in zunehmendem Maß mit römischer Dichtung, neben der spätantiken christlichen nun auch mit der ›klassischen‹ heidnischen – VergilVergil und OvidOvid vor allem. Hier lernte man im Grammatik- und RhetorikunterrichtRhetorik, selbst lateinische Prosa und Verstexte zu verfassen. Viele höfische Dichter verfügten über eine solche Ausbildung und benutzten die poetisch-rhetorischen Techniken, die sie im Lateinunterricht erworben hatten, für ihre deutschsprachigen Texte. Die höfische Dichtung ist ohne die klerikale Tradition der Schulen deshalb genauso wenig denkbar wie ohne die neue adelige Laienkultur.AdelKlerikerMittelhochdeutsch

ScholastikScholastikDie hoch- und spätmittelalterlichen Wissenschaften bezeichnet man zusammenfassend als ›Scholastik‹ (von lateinisch scola für ›Schule‹). Die Studien nahmen nach einer langen Zeit, in der man sich eher auf die Bearbeitung des aus der römischen Spätantike Erhaltenen konzentriert hatte, einen enormen Aufschwung. Durch die Kreuzzüge gegen die arabischen Herrscher in Spanien und Palästina kamen die Europäer mit einer entschieden höher entwickelten arabischen Kultur in Berührung. Der Islam hatte Wissensbestände vor allem der griechischen Antike bewahrt und fortentwickelt, die nicht ins westliche Mittelalter gelangt waren. Manche arabische Gelehrte schätzten Beobachtung und Vernunft als Erkenntnisinstrumente in einem dem Westen unbekannten Ausmaß. MedizinMedizin, Astronomie, Mathematik, Logik, allem voran die Philosophie des AristotelesAristoteles – das waren die Gebiete, auf denen die europäischen Gelehrten griechisch-arabische Wissenschaft übernahmen. Als Kaderschmieden dienten die ersten UniversitätenUniversität: In Paris und Oxford versuchte man, mit Hilfe der aristotelischen Philosophie zu einer rationalen Begründung des christlichen Glaubens zu kommen; in Salerno studierte man Medizin, in Bologna römisches Recht Römisches Rechtund KirchenrechtKirchenrecht.Mittelhochdeutsch

LaienfrömmigkeitLaienfröm-migkeit und religiöse LiteraturLaienKlerikerEine äußerst nachhaltige Erscheinung, die im Aufbruch desAufbruch des 12. Jahrhunderts 12. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, ist die Laienfrömmigkeit. Sie trug erheblich zur Ablösung der frühmittelalterlichen Religiosität bei, die einen für unsere Begriffe durchaus fremdartigen Charakter hatte: Eine kleine geistliche Elite aus Mönchen und Weltklerikern war dafür zuständig, stellvertretend für alle das Heil zu erwirken. Zu diesem Zweck musste ein richtender und strafender Gott, den man sich als obersten Gefolgsherrn vorstellte, durch rituelle Sakralhandlungen, Gebets- und Bußleistungen versöhnt werden. Der Anteil der LaienLaien an dieser Heilssicherung war gering. Wenn sie über Reichtum verfügten, hatten sie damit Auskommen und Leistungen der Geistlichen zu ermöglichen. Sonst verlangte die frühmittelalterliche KircheKirche von den Laien nicht viel: Taufe, Wortlaut von VaterunserVaterunser und Glaubensbekenntnis, jährliche Beichte mit Abendmahl. Eine genauere Vorstellung von den Glaubensinhalten mussten Laien nicht haben, solange Religiosität vor allem in Ritualhandlungen von KlerikernKleriker bestand.Mittelhochdeutsch

Seit dem 12. Jahrhundert entwickelten sich dagegen jene Formen eines verinnerlichten, die Gefühle ansprechenden und mit religiösen Wissensinhalten gefüllten Glaubens, die bis heute die christliche Religiosität bestimmen. Zwar gab es weiterhin kein Seelenheil ohne priesterliche Vermittlung, aber Laienbewegungen brachten immer weiter um sich greifende Bedürfnisse nach religiöser Belehrung, religiöser Erfahrung und religiöser Lebensweise zum Ausdruck. Vor allem in den Städten Stadtbreiteten sich religiöse Bruderschaften und Frauengemeinschaften aus, so dass es zu einer engen Verbindung zwischen LaienfrömmigkeitLaienfrömmigkeit und entstehender Stadtkultur kam. Die KircheKirche hatte zunächst Schwierigkeiten, die Entwicklung unter Kontrolle zu halten, kanalisierte sie aber vom 13. Jahrhundert an durch die neuen ›BettelordenBettelorden‹, deren wirtschaftliche Existenz nicht mehr auf von Leibeigenen bewirtschaftetem Grundbesitz beruhte. Franziskaner, Dominikaner, Augustinereremiten und Karmeliter gründeten ihre Konvente in den Städten und beschäftigten sich vornehmlich mit PredigtPredigt und Laienseelsorge. In diesem Zusammenhang entstanden in den Städten vermehrt Frauenklöster, auch in den älteren Orden nahm die Zahl weiblicher Ordensangehöriger zu. Mittelhochdeutsch

Im Zusammenhang mit der LaienfrömmigkeitLaienfrömmigkeit