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In den letzten sieben Jahren habe ich mein Unternehmen Mawave von 2 auf 150 Mitarbeitende skaliert und dabei fast alles erlebt: Höhenflüge, Sinnkrisen, Wachstumsschmerzen. Aus diesen Erfahrungen ist ein System entstanden, das heute der Kern meines unternehmerischen Handelns ist – das Success Triangle. Es ermöglicht nachhaltiges Wachstum – im Team, in der Organisation, in der Beziehung zu unseren Kunden. In diesem Buch teile ich Prinzipien, Fehler, Learnings und echte Cases hinter diesem Modell – für alle, die ambitioniert wachsen wollen, ohne sich selbst, ihr Team oder ihre Werte zu verlieren. Das Success Triangle ist mehr als ein Führungsansatz – es ist ein Tool, das sich auf jedes moderne Unternehmen, vom Startup bis zum Konzern, anwenden lässt. Und genau das macht es für nahezu jeden Leser mit Ambition im Beruf relevant: für Gründerinnen und Gründer, die langfristig erfolgreich sein wollen für alle die Führungsverantwortung haben oder haben wollen und die Leadership neu denken für Unternehmen, die neue Blickwinkel auf Wachstum und Unternehmertum suchen für Menschen, die sich selbst herausfordern – und im Business über sich hinauswachsen wollen.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2025
JASON MODEMANN
ALWAYSHUNGRY
NEVER GREEDY
Meine Strategie für schnelles Wachstum, ohne das Gleichgewicht zu verlieren – für dich und dein Business
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1. Auflage 2025© 2025 Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag,Deutscher Wirtschaftsbuch Verlag GmbH, Christoph-Rodt-Straße 11, 86476 Neuburg an der Kammel www.deutscherwirtschaftsbuchverlag.comAlle Rechte vorbehalten.
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Redaktion: Christiane OttoSatz und Layout: inpunkt[w]o, Wilnsdorf (www.inpunktwo.de) Korrektorat: Silvia KinkelUmschlaggestaltung: www.b3k-design.de, © 2025 Andrea Schneider & diceindustriesCovergestaltung: Fotografie: Christian Walter; Art Direction: Martin Schumacher; Illustrationen: Nina SeebauereBook: ePUBoo.com
ISBN Print: 978-3-69066-018-1ISBN E-Book (PDF): 978-3-96066-020-4ISBN E-Book (EPUB, Mobi): 978-3-69066-019-8
Das Ziel dieses Buches
Warum mein größter Businesslehrer ein Kinderbuch ist
My Journey
Wenig Plan, aber Haltung
Die Anfänge
Warum Scheitern keine Option war
Studium oder Praxis
Hörsaal, Hustle und Höhenflug
Gründer-Duo
Vertrauen statt Vertrag
Persönliche Werte
Der innere Kompass im Entscheidungsdschungel
Leading Gen Z
Zeitlose Ansprüche, neuer Mut
Wachstum
Wo Bewegung ist, entstehen neue Möglichkeiten
Success Triangle
Das Modell, das alles veränderte
Company
Ohne Werte, kein Erfolg
Brand Building
Identität ist der Schlüssel für nachhaltigen Erfolg
Ownership
Warum alle Mitarbeitenden wie CEOs denken sollten
Fokus statt Perfektion
Weniger ist oft mehr
Finanzen & Gehalt
Was finanzielle Stabilität mit Kultur zu tun hat
Visionen
Der innere Kompass eines Unternehmens
Meetings
Produktivitätskiller versus Erfolgstreiber
Leadership
Der Herzschlag starker Unternehmen
Failing forward
Die Kunst, in die richtige Richtung zu scheitern
Konflikte
Reibung erzeugt Richtung – Warum Konflikte wichtig sind
Crew
Das Team ist der größte Wettbewerbsvorteil
Freiheit
Warum Selbstbestimmung & radikale Transparenz Höchstleistung bringen
Visionen
Persönliche Ziele. Gemeinsame Richtung.
Culture
Workplace Matters
Selbstzweifel
Warum das ein gutes Zeichen ist
Pulse Surveys
Weil Kultur auch messbar ist
Recruiting
Hire Culture, not CVs
Work-Life-Balance
Wie Arbeit ins Leben passt – nicht umgekehrt
Verantwortung
Wer führen will, muss auch abgeben können
Persönlichkeit
Was dich ausmacht, macht den Unterschied
Clients
Kunden sind keine Projekte, sondern Partnerschaften
Haltung
Identität statt Austauschbarkeit
Abhängigkeit
Kein Kunde darf dein Schicksal sein
Tempo
Relevanz hat ein Verfallsdatum
Pitch
Zuhören ist die beste Strategie
Engagement
Kommunikation auf Augenhöhe. Auf allen Ebenen.
Kundenentwicklung
Gemeinsam wachsen oder ehrlich trennen
Glück & Zufall
Nicht kalkulierbar, aber kultivierbar
Selbstüberschätzung
Die größte Gefahr ist, sich selbst zu glauben
Vorausdenken
Statt nur mitziehen
Drama Triangle
Toxische Muster erkennen und auflösen
The Power of »and«
Führen heißt verbinden
Weitermachen
Warum Erfolg nicht das Ziel, sondern ein Ergebnis ist
Danke
Das mag überraschend klingen, denn auf der Must-Read-Liste vieler Founder stehen oft Business-Ratgeber wie The Diary of a CEO, Die 1%-Methode, Millionaire Mindset und wie sie alle heißen. Doch das Buch, das mich am meisten inspiriert und geprägt hat, steht bereits seit Kindertagen bei mir im Schrank. Es ist schmal und umfasst gerade einmal 26 Seiten. Auf vielen davon sind Zeichnungen. Der Textumfang ist also überschaubar. Der Titel dieses Büchleins lautet: Die kleine Raupe Nimmersatt. Ja, richtig, ein Kinderbuch. Wobei ich persönlich in diesem Fall keinen Unterschied zwischen einem Buch für Kinder und einem für Erwachsene machen würde. Ich bin selbst vor kurzem Vater geworden und bestimmt werde ich meiner Tochter irgendwann vor dem Einschlafen aus diesem Buch vorlesen. Wer wird mehr davon profitieren, meine Tochter oder ich? Vermutlich wir beide.
Wie auch immer, ein Buch ist ein Buch. Was zählt, ist die Message. Und die ist bei der Raupe Nimmersatt so simpel wie beeindruckend. In Kurzzusammenfassung: Die kleine Raupe schlüpft aus dem Ei und frisst so ziemlich alles, was ihr in den Weg kommt, um möglichst schnell zu wachsen. Eine ganze Woche lang. Dann ist ihr total schlecht, sie hat sich völlig überfressen. Damit riskiert sie ihre gesamte Entwicklung – ja sogar ihre Existenz. Also begnügt sie sich am nächsten Tag mit einem einzigen grünen Blatt. Das tut ihr richtig gut, so kann sie sich schließlich doch noch in einen wunderschönen Schmetterling verwandeln. Happy End!
Die Raupe Nimmersatt ist mein Held. Denn sie gelangt zu der Erkenntnis, die wirklich alle Gründerinnen und Gründer absolut verinnerlichen sollten: Bleib hungrig – aber werde nicht gierig. Und so prägt die Philosophie dieser sympathischen kleinen Raupe auch den Titel dieses Buches: Always hungry, never greedy. Immer hungrig bleiben, aber nie gierig werden. Für mich ist das der absolute Grundsatz für nachhaltigen und langfristigen Erfolg. In allen Branchen. In allen Geschäftsfeldern.
Erfolgreichen Menschen wird oft nachgesagt, dass sie grundsätzlich gierig sein müssen, um Erfolg zu haben. Und hier liegt das Missverständnis. Denn Gier, oder nennen wir sie etwas freundlicher »übersteigerte Ambition«, wird oft mit Hunger verwechselt. Hunger ist gut, er ist die Basis, der Antrieb. Hunger ist wichtig. Gier dagegen kann sehr schnell kontraproduktiv und toxisch werden. Sie verleitet Menschen dazu, sich zu übernehmen, zu überschätzen, ins Negative abzudriften. Sie handeln dann nicht mehr vollkommen bedacht, machen Fehler. Die Gier lähmt sie in der Klarheit ihrer Entscheidungen. Sie verbrennen Freundschaften, nutzen skrupellos Kontakte, ohne Rücksicht auf Nachhaltigkeit. Sie vernachlässigen sich selbst. Und ihre Gesundheit. Sie geben ihr ICH auf. All das führt dazu, dass sie irgendwann ihre Leidenschaft verlieren. Und daran scheitern, dass sie in kurzer Zeit zu viel wollen, zu großen Erfolg haben möchten. Und im Gegensatz zur Raupe Nimmersatt wird aus zu gierigen und ambitionierten Unternehmerinnen und Unternehmern leider meist kein Schmetterling.
Eher durch Zufall entdeckte ich eine Dokumentation über den Basketballspieler Giannis Antetokounmpo. Seine Story hat mich sehr bewegt, denn sein Charakter steht für maximalen Hunger ganz ohne Gier. Giannis mutierte zum Basketballstar und galt ein Jahrzehnt lang als einer der besten Spieler der Welt. Dieser Film inspirierte mich wirklich. Giannis stammt aus einer Familie nigerianischer Migranten und lebte viele Jahre in Griechenland in Armut am Rande der Gesellschaft. Als Kind musste er in einer Vorstadt von Athen auf den Straßen Waren verkaufen, um seine Familie zu unterstützen und über die Runden zu kommen. Auf einer dieser Straßen wurde er dann auch vom Basketballtrainer eines örtlichen Vereins entdeckt und gefördert.
Der Rest ist Geschichte: Giannis schaffte den rasanten Aufstieg vom Vorortclub bis zum griechischen Zweitligisten. Bald wurde er in die NBA geholt, die relevanteste Basketball-Liga der Welt. Dort wurde er zum Superstar. Auch mit der griechischen National-mannschaft feierte er große Erfolge. Eine Bilderbuchkarriere, die dazu bestimmt schien, dass er nicht nur auf dem Platz abhob. Giannis ist einer der höchstdekorierten Spieler in der Geschichte des Basketballs und wurde in den Jahren 2019 und 2020 jeweils zum wertvollsten Spieler der NBA gekürt. Damit ist er nach Kareem Abdul-Jabbar und LeBron James der einzige Spieler in der Geschichte der NBA, der zwei MVPs (Most Valuable Player) vor dem 26. Lebensjahr gewann.
Aber was tat Giannis? Kaufte er sich einen Bentley? Inszenierte er sich als Insta-Star oder Promi? Kaufte er sich eine Luxusvilla? Nein, er blieb auf dem Boden. Überheblichkeit? Fehlanzeige! Stattdessen versuchte er in seiner Karriere selbst auf allerhöchstem Level sein Spiel immer noch weiter zu optimieren. Und obwohl er als NBA-Megastar besonders in den USA gefeiert und gehypt wurde, blieb er bescheiden und dankbar dafür, dass er diesen Weg gehen konnte. In seinen Anfängen in der NBA beim Verein Milwaukee Bucks, lebte er in einer Zwei-Zimmer-Wohnung mit seiner Familie. Einmal überwies er sein gesamtes Monatsgehalt an seine Verwandten in Griechenland. Deshalb hatte er kein Geld mehr, um das Taxi zur Arena zu bezahlen. Er lief also einfach zu Fuß los, bis ihn irgendwann Fans entdeckten und mit dem Auto gerade noch rechtzeitig zum Heimspiel brachten. Der ganze Ruhm konnte Giannis nicht dazu verleiten, seine Wurzeln und Werte zu vergessen. Es klingt schon fast ein bisschen zu sehr nach Hollywood, um wahr zu sein. Aber es ist tatsächlich so gewesen.
Als ich in der Doku diesen einen markanten Satz von ihm hörte, konnte ich es kaum glauben. Denn es war, in minimaler Abwandlung, genau das Motto, dass ich von der Raupe Nimmersatt kannte. Gianni beschrieb seine Philosophie mit den Worten: »Always want more, never be greedy.« Also: »Strebe immer nach mehr. Aber werde dabei nie gierig.« Was für eine tiefe Botschaft. Und das aus dem Munde eines ehrgeizigen Sportlers, der im Basketball so ziemlich alles erreicht hatte, was man erreichen kann.
Es hört sich vielleicht einfach an, auch im Erfolgsrausch nüchtern und bodenständig zu bleiben, aber es ist sicher eine der schwierigsten Übungen. Man muss eine derart unglaubliche Karriere wohl wirklich erleben, um für sich selbst diesen Charaktertest zu bestehen. Keiner weiß für sich selbst, ob er sich durch den Erfolg und das unfassbar viele Geld nicht doch verändern würde.
Gier und der extrem starke Wille, schnell und deutlich zu wachsen, überschneiden sich manchmal in ihrem Ziel. Die ursprüngliche Absicht ist die unbedingte Motivation für Erfolg. Nur die Wege unterscheiden sich. Hier kommt das Thema Nachhaltigkeit ins Spiel. Es ist in den letzten Jahren zum Modewort geworden, aber deshalb nicht weniger wichtig und wahr. Absoluter Wachstumswille ohne Einordnung in den Gesamtkontext hat das Potenzial, toxisch zu wirken. Jede Gründerin und jeder Gründer muss die Folgen von rapidem Wachstum auf dem Schirm haben und hinterfragen. Was macht das extreme Wachstum mit den Mitarbeitenden? Welche Auswirkungen hat es auf die Unternehmenskultur? Welche Folgen hat genau dieser Fall von extremem Wachstum auf die Gesellschaft und die Umwelt?
Wer Wachstum kreiert,hat eine große Verantwortung.
Ich werde in diesem Buch darstellen, wie wichtig und alternativlos Wachstum ist – für jede und jeden von uns. Für die Wirtschaft, für die Natur, für uns persönlich. Unternehmerinnen und Unternehmer sollten sich jeden Tag aufs Neue fragen, ob sie noch auf einem gesunden Wachstumspfad unterwegs sind oder ob nicht schon an den Rändern der Erfolgsbilanz die Gier ins Unternehmen drängt.
Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern ein Modell vorstellen, das wir in unserer Company entwickelt und über die Jahre hinweg perfektioniert haben. Wir nennen es: Success Triangle. Dieses magische Dreieck gehört längst zur DNA unserer Unternehmensphilosophie. Ich beschreibe das Tool und seine Wirkungsweise an späterer Stelle in allen Details. So viel schon mal vorweg: Die Basis der Wirkungsweise ist, die drei Schenkel eines gedachten Dreiecks immer in Balance zu halten. Zugeordnet sind den drei Seiten: Crew, Company, Clients. Also die drei C’s. Das übergeordnete Ziel einer Company sollte sein, alle drei Beteiligten gleichzeitig und nachhaltig glücklich zu machen und voranzubringen.
Welchen Zweck soll dieses Buch erfüllen? Es soll ein Guide für junge Führungskräfte und ambitionierte Talente sein, die sich mit mir identifizieren können. Ich möchte zeigen, dass aktives, ambitioniertes Wachstum und eine gesunde Unternehmenskultur gleichzeitig nötig und möglich sind. Ich will Unternehmenskulturen positiv prägen und Mut machen. Denn ich bin der Meinung: Mit der richtigen Strategie ist es eigentlich gar nicht so schwer, erfolgreich ein Unternehmen oder Team aufzubauen und zu führen.
Das Buch soll aber auch etablierten Unternehmerinnen und Unternehmern Einblicke geben, wie wir als relativ junge Company unterwegs sind und arbeiten. Wie wir strukturiert sind, welche Philosophien für uns wichtig und prägend sind und wie wir miteinander umgehen. Sicherlich gibt es ein paar Punkte, die auch erfahrene Manager für sich und ihr Unternehmen mitnehmen können. Denn wir machen vieles radikal anders.
Mein Blick ist dabei nicht nur auf die Social-Media- und die digitale Branche fokussiert. Denn ich bin der Überzeugung, dass sich viele unserer Grundsätze und Workflows auch auf andere Bereiche übertragen lassen. Es sind Basics, die in jedem Unternehmen funktionieren.
Was soll das Buch nicht sein? Stumpfes Coaching oder eine Biografie. Sicher werde ich auch ein bisschen von mir erzählen, aber immer vor dem Hintergrund, zu erklären, warum ich so handle, wie ich handle. Und warum ich so bin, wie ich bin.
Lustigerweise wurde ich, als ich kommuniziert habe, dass ich ein Buch schreibe, auch gefragt: »Bist du nicht zu jung, um schon ein Buch schreiben zu wollen?« Ich antwortete dann immer im Scherz, dass es Altersdiskriminierung auch in umgekehrter Richtung gebe. Mozart war elf Jahre jung, als er seine erste größere Oper komponierte. Boris Becker gewann mit 17 Jahren das Wimbledon-Finale. Und natürlich kann man auch im hohen Alter noch einiges erreichen. Um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Die rumänische Künstlerin Geta Brétescu war 91 Jahre alt, als sie gebeten wurde, 2017 ihr Land bei der Biennale in Venedig zu vertreten. Und sie wurde dort international gefeiert.
Nicht, dass ich mich mit diesen herausragenden Leuten vergleichen möchte, wirklich nicht. Ich will damit sagen: Gute Ideen zu haben, etwas zu bewegen, scheinbar Unmögliches möglich zu machen, das funktioniert in jedem Alter. Mein Buch soll die Leserinnen und Leser auf eine Reise einladen, aus der im Idealfall ihre eigene wird. Ich möchte keinen weiteren Ratgeber schreiben nach dem Motto »So macht man das! Und nicht anders!« Ich möchte vielmehr das Gefühl vermitteln: »So habe ich persönlich gelernt, das zu machen. Und ich bin in meiner Learning Agenda schon einige Schritte gegangen. Immer vor dem Hintergrund, dass ich in ein oder zwei Jahren einige Dinge wieder ganz anders machen werde.«
Ganz entscheidend ist für mich, nie den Optimismus zu verlieren, dass man etwas bewegen kann, und nie die Neugierde auf neue Entwicklungen, die man vielleicht in sein persönliches System integrieren kann – oder sogar muss. Hungrig zu bleiben, bedeutet für mich auch, sich intensiv mit Innovationen und Trends in seiner Branche auseinanderzusetzen.
Meine Absicht ist es, mit diesem Guide spannende Impulse zu setzen. Wenn du ein paar dieser Impulse mitnehmen und realisieren kannst, wäre ich schon sehr zufrieden. Ich möchte für dich einen starken Mehrwert generieren. Und natürlich auch zeigen, wie man die Klaviatur der modernen Medien möglichst wirkungsvoll bespielt.
Always hungry, never greedy – das ist für mich nicht nur eine Zielsetzung für den Job, sondern für mein gesamtes Leben. Ich werde immer hungrig nach neuen Herausforderungen sein. Und ich hoffe dich mit diesem Buch anstecken zu können.
Warum ich hier alles zu meiner Reise erzähle? Weil ich selbst nie erwartet hätte, wie schnell sich alles entwickeln würde. Und weil ich glaube, dass genau darin eine wichtige Erkenntnis steckt – nicht nur für mich, sondern auch für andere. Manchmal muss ich mich jetzt noch morgens zwicken, um zu realisieren, dass das alles kein Traum ist. Vor wenigen Jahren war ich ein Student, der nicht so richtig wusste, wohin die Reise des Lebens gehen soll. Ich komme nicht aus einem reichen Elternhaus und wuchs in einem kleinen Ort bei Regensburg in Bayern auf. Meine Kindheit und Jugend würde ich als völlig normal bezeichnen. Ich hatte auch keinen Mentor, der irgendein herausragendes Talent bei mir entdeckt und mich gefördert hätte.
Heute sitze ich in meinem Office in München. Draußen auf der großen Dachterrasse gehen ein paar Mitarbeitende auf und ab. Mit Kopfhörern im Ohr führen sie Calls oder sind in Meetings. Rund 150 Mitarbeitende sind wir inzwischen – wir nennen uns Mawavies. Der Großteil davon sind Social Natives. Mawave, mit mir als CEO und meinem Freund Patrick Brüch als COO, ist Europas Spitzenreiter für Social-Media-Outcomes. Das Team verwaltet ein Werbevolumen von etwa 200 Millionen Euro pro Jahr. Es ist das größte Social-Media-Budget aller unabhängigen Agenturen in ganz Europa. In den letzten Jahren hat sich Mawave zu einer festen Größe im Social-Media-Marketing entwickelt. Viele Marken, wie zum Beispiel Red Bull, Nike oder s.Oliver wenden sich an uns, wenn sie nach neuen Ideen und messbaren Ergebnissen suchen. Für viele sind wir die erste Adresse, wenn es um zeitgemäße Social-Media-Kommunikation geht. Wir sind für die Kunden spannend und relevant oder, wie Meta es mal – mit einem Satz, den wir uns ehrlich gesagt auf ein T-Shirt drucken könnten – formulierte:
»Mawave is probably the leading agency for social media in Europe.«
Zugegeben, in dem Moment, in dem ich das gerade schreibe, fühlt es sich schon ganz cool an. Ich weiß unsere Erfolgsgeschichte zu schätzen, aber ich denke im Alltag selten zurück an den unglaublichen Aufstieg von Mawave. Oder an unsere momentane Größe, schon gar nicht an vergangene Erfolge. Mein Blick ist eher nach vorn gerichtet, ich schaue nicht oft in den Rückspiegel. Ich habe auch keinen Spiegel gegenüber vom Schreibtisch hängen, um jedes Mal, wenn ich mein Spiegelbild sehe, sagen zu können: »Geiler Typ.« Wer mich ein bisschen näher kennt, der weiß, dass Selbstbeweihräucherung so gar nicht mein Ding ist. Ich glaube, das wirklich ganz ehrlich sagen zu können.
Sicher kannst du dich jetzt fragen: »Warum schreibst du dann ein Buch?« Ist nicht eine Portion Eitelkeit dabei, mit 28 Jahren den Leuten Erfolgstipps geben zu wollen? Ich habe natürlich darüber nachgedacht, dass dieser Eindruck entstehen könnte, aber Besserwisserei soll dieses Buch auf keinen Fall ausstrahlen. Ich hoffe, dass es mir gelingt.
Der Grund, meine Gedanken ganz klassisch auf Papier zusammenzutragen, sind die Fragen, die mir immer wieder gestellt werden. Sei es als Speaker auf Summits, als Führungskraft im Team oder auch beim lockeren Branchen-Treffen. Ja, sogar beim Smalltalk im Bekannten- und Freundeskreis. Fragen, die ein ehrliches Interesse daran zeigen, wie ich arbeite. Warum ich tue, was ich tue. Aber auch Fragen nach zeitgemäßem Management, nach unseren Visionen bei Mawave. Danach, was wir anders machen, was wir vielleicht besser umsetzen. Aber auch für mich selbst ist dieses Buch eine Chance, kurz inne- und Rückschau zu halten: Was lief gut? Was weniger? Was kann ich in Zukunft anders oder noch besser machen?
Als wir mit Mawave an den Start gingen, gab es bereits etablierte Agenturen. Einige scheinbar übermächtig groß, mit unglaublich vielen Kunden und im Markt sehr bekannt. Sie hatten weitaus mehr Erfahrung als wir, tolle Cases und eine gefestigte Position in der Branche. Die Agenturen schienen bei nüchterner Betrachtung uneinholbar. Normalerweise wäre das der Punkt gewesen, um zu sagen: »Okay, lass uns was anderes machen.«
Aber da kamen nun wir als Underdogs. Das soll nicht arrogant wirken, aber wir rollten den Markt neu aus. Ich werde später nochmals darauf zu sprechen kommen. Aber wir haben die Wettbewerber nicht nur überholt, sondern regelrecht outperformt. In einem Maße, dass ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen habe, aber man sollte sich für diese Wachstumsgeschichte nicht entschuldigen.
Heute, rund sieben Jahre später, stehen viele dieser Agenturen immer noch genau dort, wo sie damals waren. Währenddessen haben wir sie weit hinter uns gelassen – in Größe, Kundenstamm, Relevanz und Marktposition. Das wirft für mich die zentrale Frage auf: Welche Faktoren haben uns so viel schneller wachsen lassen? Auch das werde ich in diesem Buch beantworten.
Ein Feedback, das mir besonders im Kopf geblieben ist, kam von einem guten Freund aus unserem Netzwerk:
»Was ihr in sieben Jahren aufgebaut habt, schaffen andere nicht in zwanzig – wenn überhaupt.«
Ein Satz, der mich gleichermaßen stolz wie nachdenklich macht. Denn es stimmt. Viele Unternehmen mit unserer Größe sind in Deutschland meist eher ein Lebenswerk. Teilweise sogar über mehrere Generationen aufgebaut. Genau deshalb schreibe ich dieses Buch. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir Spaß macht, all diese Fragen zu meiner Company zu beantworten. Dadurch werde ich auch zur Selbstreflexion inspiriert. Ich finde es spannend, dass ich für dieses Buch meine Gedanken noch mehr strukturieren musste, die Insiderperspektive verlasse und von außen und mit Abstand auf unser Unternehmen blicke. Also eine klassische Win-win-Situation für alle Leser und mich.
Erfolgsgeschichten werden im Nachgang gerne mal etwas umgeschrieben und geschönt. Hier kommt nun aber die ungeschminkte Wahrheit über die Anfänge von Mawave:
Patrick Brüch und ich haben Mawave nicht gegründet, um reich und berühmt zu werden. Wir gingen überhaupt nicht vom Materiellen aus, von: »Ich will jetzt eine Rolex.« Vielmehr waren wir hungrig, im Sinne von neugierig und gleichzeitig selbstbewusst.
Alle erfolgreichen Unternehmerinnen und Unternehmer, die ich kennengelernt habe und die glücklich mit ihrem Unternehmertum sind, hatten als Ziel der Firmengründung nicht vor Augen, möglichst bald einen Porsche oder Ferrari zu fahren und unendlich Kohle zu scheffeln. Gut, irgendwann hatten vielleicht doch einige von ihnen einen Porsche in der Garage. Es kann nicht das Ziel sein, kein teures Auto zu fahren, wenn man das gern macht. Aber schnell reich zu werden, sollte keine ernsthafte Motivation für einen Founder sein. Denn bei dieser Vorgabe wird schon bald die Motivation nachlassen und die Leidenschaft erlöschen. Das reine Geldverdienen ist mir als Triebfeder für Selbstverwirklichung und Erfolg viel zu eindimensional.
Beginnen wir am Anfang: Unsere Company verdankt ihre Existenz der Blasmusik – ganz im Ernst. Patrick Brüch, den ich Pati nenne, und ich landeten nur deshalb in derselben fünften Klasse am Gymnasium in Neutraubling, weil wir uns für die Bläserklasse angemeldet hatten. Klingt lustig, war aber in der gelebten Realität gar nicht so spaßig. Mein Plan war es, Saxophon zu lernen, um irgendwann lässig Jazz spielen zu können. Ich hatte auch bereits Vorkenntnisse in Sachen Blasinstrumente – zwei Jahre lang hatte ich schon Klarinette gespielt.
Als ich jedoch in diese Bläserklasse am Gymnasium kam, wurde mir mitgeteilt: »Du darfst kein Saxophon spielen, weil das technisch der Klarinette viel zu ähnlich ist. Damit hättest du einen zu großen Vorteil.« Was für eine seltsame Logik. Ich halte viel mehr davon, persönliche Stärken weiter zu stärken, statt an Schwächen zu feilen. Nun, das Ende vom Lied war: Ich musste Trompete lernen. Und Pati, den ich bis dahin nur vom Sehen kannte, wurde ans Waldhorn gesetzt. Ein extrem schwierig zu spielendes Instrument. Wir beide waren sicher die schlechtesten Blasmusiker im Umkreis von 100 Kilometern – mindestens. Denn uns beide vereinte auch, dass wir nie geübt haben. Bei den Proben schaute Pati immer zu mir, wenn wir wieder mal einen Kiekser produzierten. Woraufhin wir beide lachen mussten. Die Leute rund um uns spielten richtig gut und engagiert. Wir beide wirkten eher wie Fremdkörper.
Während meiner Zeit im Orchester lernte ich jedoch eine wichtige Lektion über das Zusammenspiel: Eine gute Aufführung gelingt nur dann, wenn alle Musiker intensiv zusammenarbeiten. Jeder hat sein eigenes Instrument, seine eigene Stimme. Doch erst das Zusammenspiel macht aus einzelnen Tönen ein harmonisches Ganzes.
Besonders fasziniert mich, wie von einem eingespielten Orchester Fehler ausgeglichen werden. Wenn jemand sich verspielt oder ein Ton nicht ganz sitzt, wird das von den anderen Musikern kompensiert. Auf eine fast schon intuitive Weise. Das Gesamtbild bleibt so intakt, weil das Orchester trotz der Fehler als Einheit funktioniert. Es geht also nicht darum, dass jeder Musiker perfekt ist, sondern dass das Zusammenspiel funktioniert.
Diese Erfahrung lässt sich meiner Einschätzung nach direkt auf Unternehmen übertragen: In einem starken Team werden individuelle Fehler nicht zum Problem, weil das System diese auffängt und nivelliert. Ich habe also auch in der Blaskapelle fürs spätere Leben gelernt.
Der Schlüssel für Erfolg liegt nichtin der Perfektion, sondern in dergemeinsamen Bewegung nach vorn.
Aber zurück zu meiner ziemlich kurzen Karriere als Trompeter. Irgendwann merkte meine Mutter leider, dass ich nie übte. Das war auch schwer zu verheimlichen, woraufhin sie mich dazu verdonnerte, jeden Tag eine halbe Stunde zu proben. Also überlegte ich mir etwas, um dem leidigen Üben zu entgehen: Ich nahm mich selbst beim Trompetespielen auf und ließ das Ergebnis dann auf meiner Stereoanlage mit voller Lautstärke ablaufen. Es klang richtig real und meine Taktik ging auch eineinhalb Jahre gut, bis ich bei meiner Mutter aufflog. Aber damit hatte ich eine zweite wichtige Lektion gelernt: Ich investiere seitdem nur noch Zeit in Dinge, für die ich wirklich brenne. Mit meinen Leidenschaften als Kompass für Entscheidungen.
Nun, Pati und ich lernten uns also durch unsere zweifelhafte Blasinstrumenten-Karriere kennen. Wir konnten uns gut leiden, waren aber damals noch keine Best Buddies. Das ergab sich erst, als wir uns dem Abi näherten. In der Zeit wuchsen wir stärker zusammen. Auch, weil wir beide immer nur haarscharf an der verhängnisvollen Note 5 vorbeischrammten. Wir waren echt keine guten Schüler. Wir verstanden oft nicht den Sinn hinter trockenem und weltfremdem Lernstoff und gingen deshalb lieber kicken. Trotzdem schafften wir glücklicherweise beide das Abi.
Die eigentliche Gründungsgeschichte von Mawave begann allerdings erst auf einer der wilden Partys kurz nach dem Abi. Pati und ich, damals beide 19 Jahre alt, saßen mit einem Bierchen am Lagerfeuer. Ich erinnere mich, es war eine Party an einem See. Wir unterhielten uns und überlegten: »Was machen wir jetzt eigentlich?«
Am liebsten wollten wir jetzt, da wir unseren Schulabschluss hatten, selbst etwas auf die Beine stellen. Wir trauten uns auch beide zu, das hinzubekommen. Mangelndes Selbstvertrauen war damals nicht unser Problem. Die Entscheidung stand also, dass wir gemeinsam etwas hochziehen. Was genau, davon hatten wir keinen Plan. Also verabredeten wir uns für den nächsten Morgen, wenn wir den Kater auskuriert hätten, um einen Businessplan auszuarbeiten.
Am nächsten Tag trafen wir uns tatsächlich. Ich schleppte sogar ein Flipchart aus dem Keller nach oben in mein Kinderzimmer, wo wir unser erstes Meeting abhielten. Wie wild beschrieben wir das Flipchart mit Ideen, die wir umsetzen könnten. Von Software-Start-up über Immobilien bis hin zu noch wilderen Einfällen war alles dabei. Wir merkten aber bald: Das können wir alles gar nicht. Und außerdem hatten wir überhaupt kein Startkapital zur Verfügung. Das Einzige, was am Ende übrigblieb, war Marketing. Denn dafür brauchten wir nur einen PC. Und ein paar smarte Konzepte. Wir waren uns sicher, dass wir das schon irgendwie hinbekommen.
Im Anschluss brainstormten wir noch über den Namen. Im Rückblick muss ich sagen: Das hätten wir ein bisschen länger tun sollen, denn am Ende einigten wir uns auf: »MB creative«. Nach der Logik: Wir heißen Modemann und Brüch und sind kreativ. So war also die Absicht geboren, mit einer Marketingagentur an den Start zu gehen. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass daraus eine größere Company entstehen könnte. Wir waren einfach zwei Freelancer, die Bock hatten, sich neben dem Studium was dazuzuverdienen. Denn erst einmal schrieben wir uns beide an einer Uni ein. Pati entschied sich ganz klassisch für ein BWL-Studium, ich wählte den Studiengang Energie, Effizienz und Design.
Mit der Freelance-Tätigkeit konnten wir unser Studentenleben aber nicht finanzieren. Das Geld war am Anfang so knapp, dass wir parallel noch als Werkstudenten arbeiteten. Ich fing in einem Start-up an und war dort fast ein Jahr angestellt. Schon nach wenigen Monaten merkte ich aber, dass es immer wieder zu Reibungen zwischen mir und dem Geschäftsführer kam. Nicht wegen großer strategischer Fragen, sondern aufgrund völlig simpler Dinge, die ich einfach anders sah.
Ein Beispiel, das mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Er bestand auf meiner Anwesenheit im Büro, egal ob es für meine Arbeit sinnvoll war oder nicht. Als ich nach dem Grund fragte, kam die Antwort: »Einfach so, damit ich auch sehe, dass du arbeitest.« Das fand ich sehr befremdlich, weil ich genau wusste, dass ich meine Aufgaben von zu Hause aus sogar effizienter erledigen konnte. Ich entschied mich also, nicht ins Office zu kommen. Eine Woche später wurde mir gekündigt.
Das war meine erste und einzige Anstellung. Und gleichzeitig meine erste Kündigung. Rückblickend war das für mich der perfekte Beweis, dass ich für das klassische Angestelltenverhältnis einfach nicht gemacht bin. Ratet mal, ob es das Start-up mit dem unflexiblen Chef heute noch gibt? Nope – das war zwei Jahre später insolvent. Bei diesem Führungsstil hätte man sich das denken können.
Aber zurück zu unserem Mini-Start-up. Wir fanden bald ein paar Kunden, die 200 Euro dafür zahlten, dass wir ihre Website bauten. Für uns unglaublich. Du hättest uns damals 5 Euro geben können, und wir hätten das gemacht. Unser Stundenlohn lag wohl bei maximal 20 Cent. Vom Mindestlohn konnten wir nur träumen, aber das war uns egal. Das Geld stand völlig im Hintergrund. Und wir nahmen jeden Auftrag an: Websites, Flyer, Visitenkarten, auch schon ein bisschen Social Media auf Facebook.
Wir sahen unsere unternehmerische Tätigkeit relativ schnell als zweites Studium, denn wir wollten lernen: Wie läuft das? Nicht nur das fachliche Marketing, sondern auch der Kundenkontakt. Wie funktioniert BWL, wie erstelle ich Bilanzen? Alles, was uns die Möglichkeit gegeben hat, zu lernen, nahmen wir gern an. Denn es ging darum, uns mit spannenden Leuten zu connecten und hinter die Kulissen von interessanten Unternehmen zu blicken.
Unsere ersten 50 Kunden waren total unbekannt, und die meisten gibt es auch schon gar nicht mehr. Aber wir hatten noch keinen USP – kein Alleinstellungsmerkmal. Es gab so viele, die das, was wir anboten, ebenfalls und sogar noch besser machten. Ich weiß noch, dass unser erster großer Kunde Computermäuse verkaufte. Wir hätten 800 Euro als Honorar für die Gestaltung der Website bekommen, für unsere damaligen Verhältnisse unglaublich viel. Pati und ich dachten, wir kriegen das mit den Features schon alles hin. Einige besprochene Elemente der Seite, wie ausklappbare Textboxen oder aufwendigere Animationen brachten uns dann aber doch an unsere Grenzen und es gelang uns nicht, den Auftrag zu Ende zu bringen. Wir konnten uns aber mit dem Kunden einigen und schafften es, mit der Hälfte, also 400 Euro, im Guten aus dem Projekt auszusteigen. Keine verbrannte Erde zu hinterlassen, ist uns übrigens bis heute extrem wichtig – das ist ein wesentlicher Teil unserer Philosophie.
Ich erinnere mich noch sehr gut, wie das Geld damals einfach immer knapp war. In der Anfangszeit unserer Agentur verdienten wir zusammen, wenn es gut lief, vielleicht 500 Euro im Monat. Gerade genug für ein paar Rechnungen, aber definitiv nicht für die gemeinsame WG-Miete und das tägliche Leben.
Meine Eltern unterstützten mich zwar zusätzlich während meines Studiums, ich zahlte mir aber nur die Hälfte dieses Geldes aus und steckte vom Rest jeden Cent in die Company. Für Lebensmittel blieben mir in manchen Monaten nur 20 Euro. Pati und ich verglichen damals bei Aldi die Nudelpreise und schauten, ob die sowieso schon günstigsten Nudeln vielleicht noch im Sonderangebot waren.
Psychologisch war unser Geldmangel genial, denn Pati und ich gaben Vollgas, damit wir uns möglichst bald ein Gehalt auszahlen konnten, von dem wir auch leben konnten. Es war eine verrückte Zeit, im Nachgang aber alles gut so, weil es uns den initialen Kick gab, um unsere Existenz zu kämpfen. Es war eine Zeit, die ich nie vergessen werde.
Doch uns war klar, dass wir mit unplanbaren Aufträgen und einem Bauchladen an unterschiedlichen Dienstleistungen kein ernstzunehmendes Unternehmen aufbauen könnten. Was wir mit der Zeit jedoch beobachten: Facebook war ein neuer, aufstrebender Player in der Werbebranche und die Nutzerinnen und Nutzer waren schon den Schritt auf die soziale Plattform gegangen. Teilweise generierte Facebook Millionen Anmeldungen am Tag. Die durchschnittliche Nutzungsdauer der User stieg rasant an und löste andere Medien wie TV mehr und mehr ab. Die Werbetreibenden und Marken hatten dagegen auf der anderen Seite diese Entwicklung noch nicht auf dem Schirm. Besonders die Big Player waren auf Social-Media-Kanälen schlecht oder gar nicht unterwegs. Dieses Ungleichgewicht wurde uns immer bewusster und deshalb war uns klar: Die Marken werden früher oder später verstehen, dass Social Media eine Riesenchance ist, um die Konsumenten von morgen zu erreichen – und um Umsatz zu generieren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie das erkennen.
Wir merkten schnell, dass wir in diesem Bereich besser als die anderen waren. Und wir lernten, dass wir uns positionieren müssen, um uns zu unterscheiden. So fokussierten wir uns immer intensiver auf Social Media.
Unser Wohnzimmer in der WG entwickelte sich zur Business-Zentrale. Wir trafen uns dort regelmäßig, um unsere nächsten Schritte zu besprechen. Als wir eines Tages wieder zusammensaßen, stellten wir uns die entscheidende Frage:
Wie schaffen wir es, aus dieser unsicheren, projektbasierten Arbeitein echtes Business zu machen, dasunseren Lebensunterhalt trägt?
Die Antwort war uns ziemlich schnell klar: Wir mussten weg von Einmalprojekten und hin zu langfristigen Kunden, die uns monatlich bezahlen. Nur so würden wir planbaren, wiederkehrenden Umsatz generieren. Und erst dadurch würde es möglich sein, ein Team auszubauen und die Agentur langfristig zu skalieren. Von diesem Moment an entwickelten wir unsere gesamte Strategie hin zu einem Retainer-Modell statt einmaligen Projekten.
Das war der große Gamechanger. Und die Basis für alles, was danach kam. Eine Marketingagentur aus Würzburg zahlte uns als erster Kunde einen MRR (Monthly Recurring Revenue), dafür schmissen wir ihr Social Media. Ein extrem wichtiger Moment für unser junges Unternehmen – und für Pati und mich. Zum ersten Mal spürten wir dieses Vertrauen, mit uns länger zusammenarbeiten zu wollen. Das tat wirklich gut.
