Am Ende das Leben - Jason Mott - E-Book

Am Ende das Leben E-Book

Jason Mott

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8,99 €

Beschreibung

"Unglaublich lesenswert!" The Times "Es bringt einen dazu, sich zu fragen, was es heißt, ein Mensch zu sein und was man selbst in vergleichbarer Situation tun würde." The Sun "Faszinierend und fesselnd." People "Poetisch, nachdenklich und aufwühlend ... Mott reflektiert wieder eindringlich, wie die wirkliche Welt wohl reagieren würde, wenn das Unmögliche geschieht." Kirkus Review "Es gibt einen Namen für dieses Gefühl, Macon: Kindheit. Und wenn sie vorbei ist, ist sie vorbei. Und die Vorstellung, dass die Welt ein magischer Ort ist, verschwindet mit ihr. In jenem Moment wirst du erwachsen und verlierst deine Fähigkeit, das Wunderbare in all den Dingen zu sehen. Von da an siehst du nur noch, wie sich alles seinem Ende nähert." Während einer Flugschau im idyllischen Stone Temple stürzt eine Propellermaschine ab. Der beste Freund der 13-jährigen Ava, Wash, wird schwer verletzt. Alle rechnen damit, dass der Junge stirbt. Doch dann legt Ava ihre Hände auf seine Brust, und die Wunden verschwinden. Das Wunder von Stone Temple geht um die Welt; tausende Pilger bedrängen Ava, ihnen zu helfen. Doch sie kann unmöglich alle retten, denn jede Heilung raubt ihr Lebenskraft. Aber steht es ihr zu, über Leben und Tod zu entscheiden? Als das Schicksal dann bei ihrer Familie zuschlägt, steht sie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens …

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Seitenzahl: 415

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Jason Mott

Am Ende das Leben

Roman

Aus dem Amerikanischen von Cathrin Claußen

HarperCollins

HarperCollins © Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 HarperCollins

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Wonder Of All Things

Copyright © 2014 by Jason Mott

erschienen bei HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Thorben Buttke

Titelabbildung: Thinkstock

Autorenfoto: © Michael Becker Photography

ISBN eBook 978-3-95967-001-2

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Jenen gewidmet, die uns das Unmögliche durchstehen lassen.

1. KAPITEL

Dieses eine Mal hatte der Tod Erbarmen gezeigt.

Das war es, was die Menschen aus Stone Temple in der Zeit danach sagten. Es war im späten Herbst, und die Bewohner der Stadt bereiteten sich auf einen frühen Winter vor. In den Tagen vor dem Herbstfest hingen die Wolken tief, was bedeutete, dass den Menschen hier harte und kalte Monate bevorstanden. Mit dem Fest sagten die Bewohner den kurzen Ärmeln und der Touristensaison, dem Zirpen der Grillen und dem Apfelbrandy bei Sonnenuntergang auf der Veranda Lebewohl.

Den Höhepunkt würde Matt Cooper bilden, der sie mit seinen Flugzeugstunts unterhalten sollte. Er war einer von nur zwei Menschen, die aus Stone Temple aufgebrochen und mit einem Namen von Weltruf zurückgekehrt waren. Er war Pilot einer reisenden Kunstflugtruppe und kam wann immer er konnte mit seinem rot-weiß-blau gestrichenen Doppeldecker zurück, um den Einwohnern dieser kleinen Stadt zu zeigen, dass er sie nicht vergessen hatte. Dann landete er auf dem Feld, auf dem die Stadt Feste und Grillpartys veranstaltete, und die Leute liebten ihn nicht nur wegen seiner Kunststücke, sondern auch, weil er dem Schicksal so vieler anderer getrotzt hatte, die die Stadt verlassen hatten, an der Welt zerbrochen und reumütig wieder zurückgekehrt waren.

Am Tag des Herbstfestes wurden wie üblich das Riesenrad, die Spielbuden und Verkaufszelte aufgebaut. Es gab Stände, an denen süße Speisen gekocht und Wettbewerbe um das schönste Gemüse und das beste Lebkuchenrezept abgehalten wurden. Die ganze Stadt war auf den Beinen, und als Matt Cooper am Ende des Tages endlich seine Maschine bestieg und von der Erde abhob, hing die Luft kilometerweit voller süßer, schwerer Dunstschwaden. Die Stadtbewohner saßen auf einer provisorischen Tribüne, und das alte Betongetreidesilo wurde zur Sprecherkabine umfunktioniert. Zwei Männer saßen obendrauf und riefen zu jedem Trick und jeder Figur, die Matt Cooper vollführte, den Namen. Fortwährend betonten sie sowohl die immensen Gefahren seiner Kunststücke als auch die Tatsache, dass er gebürtig aus Stone Temple stammte und „es geschafft“ hatte. Die Besucher reckten ihre Hälse und hielten den Atem an.

Das Flugzeug stieg in die Höhe – es erhob sich geradewegs in den Himmel, der Propeller zerhackte die Luft, der Motor brummte und wurde leiser, als die Grenzen der Schwerkraft wie ein Gummiband gedehnt wurden. In dem Moment hätten Berge zwischen Mensch und Erde gepasst. Schließlich konnte die Menge die Luft nicht länger anhalten. Alle atmeten aus und applaudierten, auch wenn sie ganz genau wussten, dass Matt Cooper sie nicht hören konnte.

In dem Augenblick, als ihr Applaus abebbte, vernahmen sie das Geräusch des stotternden Motors. Das Brummen stoppte, setzte erneut ein, hörte wieder auf. So ging es dreimal, bis nur noch Stille vom Himmel über ihnen herabfiel. Die Stille hielt an. Da das Flugzeug so hoch oben über ihnen war, brauchten die Menschen eine Weile, bis sie begriffen, dass es herabfiel. Für eine unendlich lange Zeit schien es einfach nur stillzustehen – ein blasser, roter Stern, der in der Ferne brannte. Dann wurde die Stille hinweggeschwemmt von der langen, düsteren Arie eines Mannes, von dem Stone Temple glaubte, er sei der Beste von ihnen – der aber nun auf die Erde zustürzte.

Es war schwer zu sagen, wie viel Zeit von dem Moment an verging, als Matt Coopers Flugzeug zu fallen begann, bis zu jenem, in dem es schließlich auf dem Boden aufschlug. Manche sagten später, dass alles viel zu schnell ging, um es zu begreifen. Andere, dass sie niemals gedacht hätten, dass der Schrecken so lange andauern könne.

Dann endete das Warten.

Matt Cooper war tot, ein Feuer brannte, und das Getreidesilo, auf dem die Ausrufer gesessen hatten, lag in Trümmern. Um es herum die Teile von Matt Coopers Flugzeug verstreut wie herabgefallene Blätter. Es herrschte Panik.

Abgesehen davon, dass sich solche Dinge manchmal ereigneten, war das Schicksal dennoch gnädig. Die Trümmer des Flugzeugs wirbelten über die Menschenmenge wie Gischt. Sie hinterließen blutige Schrammen und manch einen gebrochenen Knochen, aber der Tod verschonte die Menschen. Noch während sie versuchten, das Feuer zu löschen und den Schutt des Getreidesilos zu durchforsten, nahmen sie untereinander Bestand auf. Matt Cooper war als der einzige Tote zu beklagen und sofort gestorben, als sein Flugzeug das Silo traf. Sogar die Ausrufer, die wie Vögel darauf gekauert hatten, waren irgendwie mit dem Leben davongekommen. Je mehr Zeit verging, desto mehr erwarteten die Menschen, dass Leichen gefunden wurden – dass sich die Zahl der Lebenden in dieser Welt verringerte. Aber es war ein Tag der Wunder.

Und so war man sehr nervös, als ein Junge und ein Mädchen begraben in einer Höhle aus Beton und Stahl unter dem Getreidesilo gefunden wurden. Das Silo hatte ein Gerüst aus Stahlrohren, die, als es nach dem Flugzeugtreffer zusammenbrach, kleine Höhlen gebildet hatten. Macon Campbell, der Sheriff des Orts – ein dunkelhäutiger, überarbeiteter Mann, der es geschafft hatte, den Löwenanteil seiner Dreißiger hinter sich zu bringen und sich nur von einer Handvoll Dinge zu wünschen, er hätte sie anders gemacht –, konnte die beiden in den Trümmern verschütteten Kinder gerade so sehen. Für einen kurzen Moment waren sie nur als Umrisse in dem schwachen Licht zu erkennen. Dann wurde ihm klar, dass eines der Kinder seine Tochter war, Ava. Das andere war ihr bester Freund, ein Junge namens Wash.

Die Angst, die ihn überfiel, fühlte sich an, als hätte er Blitze verschluckt.

„Ava!“, rief er. „Ava! Wash! Könnt ihr mich hören?“

Seine Tochter antwortete, indem sie ihre Hand bewegte. Ihr Körper war merkwürdig verdreht. Sie sah aus wie ein mit einem Band zusammengeschnürter Fötus, der halb unter Trümmern begraben war, aber sie lebte. „Gott sei Dank“, sagte Macon. „Alles wird gut. Ich hole euch da raus.“

Sie sah zu ihm auf, Angst und Tränen in den Augen. Ihre Unterlippe zitterte, und sie blickte sich um, als versuche sie, zu begreifen, wie all das passieren konnte, als hätte die Welt ein Versprechen gebrochen, an das sie immer geglaubt hatte. Beton und Stahl umgaben sie – scharfkantig und nur darauf wartend, auf sie hinunterzustürzen.

„Kannst du dich bewegen?“, fragte Macon. Sie tat es, anstatt zu antworten. Zuerst ihre Hand, langsam, vorsichtig. Dann, nach und nach, ihre anderen Körperteile. Ihre Beine waren von Schutt bedeckt, aber nachdem sie sie etwas hin und her bewegt hatte, konnte sie sich befreien.

„Beweg dich lieber nicht zu viel“, sagte Macon. Er sprach durch einen kleinen, engen Spalt zwischen den Trümmern. Er konnte seinen Arm und einen Teil seiner Schulter hindurchzwängen, mehr aber nicht. Es würde Hilfe und Zeit bedürfen, die Trümmer zu bewegen und sicher zu den Kindern zu gelangen. Er rief der Menge hinter ihm zu, dass er Hilfe brauche. „Hier sind Kinder“, schrie er.

Erst nachdem Ava ihre Beine befreit hatte, sah sie den Jungen. Er war bewusstlos und bis zur Brust unter Steinen begraben. „Wash?“, rief sie. Er antwortete nicht, und sie konnte nicht erkennen, ob er atmete. „Wash?“, rief sie noch einmal. Sein Gesicht war voller Staub, und er hatte eine kleine Wunde an einer Augenbraue. Er war zwar von Natur aus blass, was Ava oft zum Anlass nahm, ihn aufzuziehen, aber dies war eine andere Art von Blässe. Er wirkte wie ein ausgeblichenes Foto, das zu lange in der Sonne gelegen hatte. Und da sah sie die Stahlstange, die aus seiner Seite ragte, und das Blut, das aus der Wunde quoll. „Wash!“, schrie sie und kroch langsam zu ihm hin.

„Ava, nicht bewegen!“, rief Macon. Er versuchte noch einmal, sich durch den schmalen Spalt im Schutt zu pressen. Aber wieder passten nur sein Arm und seine Schulter hindurch. „Ava, halt still“, mahnte er. „Das Ding ist nicht stabil.“

Aber sie hielt nicht an. Sie hatte nur Augen für Wash und kroch weiter zu ihm. Als sie bei ihm angekommen war, flüsterte sie seinen Namen. Weil er nicht antwortete, legte sie ihre Hände auf sein Gesicht, in der Hoffnung, fühlen zu können, ob er noch lebte. Sie beugte sich dicht über seinen geöffneten Mund und versuchte, seinen Atem zu fühlen. Aber sie konnte nur schwer sagen, was sie da spürte. Ihr ganzer Körper war mit blauen Flecken und Schrammen übersät, und sie hatte Angst. Jeder Nerv in ihrem Körper schien gleichzeitig zu ihr zu sprechen. Jeder Atemzug, den sie vielleicht durch Washs Lippen hätte entweichen fühlen können, wurde davon verschluckt.

„Lebt er?“, rief Macon.

„Ich weiß nicht“, antwortete Ava. „Er ist verletzt.“ Sie berührte Washs Hals und hoffte auf einen Pulsschlag, aber ihre Hände zitterten, und der einzige Herzschlag, den sie spürte, war ihr eigener furchterfüllter.

„Wo ist er verletzt?“, fragte Macon. Endlich eilte Hilfe herbei, Feuerwehrleute und Freiwillige. Doch sie standen noch ganz am Anfang des Rätsels, wie sie die Trümmer stabilisieren und zu den Kindern kommen sollten.

Ava hörte, wie ihr Vater Befehle schrie. Sie hörte Leute Antworten rufen. Man sprach über Kanthölzer, Stahlstangen, Wagenheber und Kräne. Bald hörte sie lediglich ein Gewirr von Stimmen. Für Ava gab es nur noch die Wunde in Washs Seite und den Anblick seines Blutes, das in den Staub floss.

„Ich muss etwas tun“, sagte Ava. Sie fasste ihn unter die Schultern.

„Nein“, schrie Macon. „Beweg ihn nicht. Fass ihn nicht an.“

Aber es war zu spät. Ava zog an seinen Schultern, und in dem Moment kam der Schutt, der ihn bedeckt hatte, mit einem fürchterlichen Ruck ins Rutschen. Die Stange, die in Washs Seite steckte, löste sich. Sein Blut floss nun stärker.

Macon rief um Hilfe.

Ava weinte. Entsetzt wimmerte sie immer wieder: „Es tut mir leid, es tut mir leid …“ Sie ruderte nervös mit den Händen, wusste nicht, wohin mit ihnen. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihrem Freund zu helfen, und dem Schock darüber, dass sie mit dem, was sie gerade getan hatte, die Lage noch verschlimmert hatte.

„Ava!“, rief Macon. Irgendwann hörte seine Tochter ihn.

„Es tut mir leid“, sagte sie.

„Denk nicht darüber nach“, antwortete Macon. „Leg einfach deine Hände auf die Wunde. Leg deine Hände darauf, um die Blutung zu verlangsamen. Warte.“ Obwohl er wusste, dass es keinen Zweck hatte, versuchte er zum dritten Mal, sich durch die Öffnung zu zwängen. Zum dritten Mal erfolglos. „Leg einfach deine Hände auf seine Seite und drück drauf, Liebling“, sagte er.

Ganz langsam legte Ava ihre Hände auf Washs Wunde. Sie fühlte das rhythmische Schwallen seines Blutes, als es über ihre Hände rann. Sie schloss ihre Augen und weinte. Sie hoffte. Sie betete. Sie rief einen Gott an, von dem sie mit ihren dreizehn Jahren nicht wusste, ob sie ihn verstand oder nur an ihn glaubte. Aber in diesem Moment würde sie an alles und jeden glauben. Sie würde alles dafür geben, dass ihr bester Freund überlebte und wieder ganz gesund wurde.

Und plötzlich spürte sie eine Kälte in ihren Händen. Ihre Handflächen wurden taub, und ihre Arme fühlten sich an wie von Nadeln zerstochen. Die Stimme ihres Vaters, der nach ihr rief, verstummte. Alle Geräusche verschwanden, und die Finsternis vor ihren geschlossenen Augen war dunkler als alles, was sie bisher wahrgenommen hatte.

In der Dunkelheit sah sie ihn. Wash. Er stand inmitten der Finsternis, und seine blasse Haut leuchtete beinahe. Er hatte blaue Flecken und eine Schnittwunde über seiner Augenbraue. Seine Kleidung war verschmutzt und die rechte Seite seines Shirts zerrissen, und Blut quoll aus seiner Wunde. Aber er schien nichts davon zu bemerken. Er sah nur Ava an; in seinem Gesicht war nicht die geringste Regung zu erkennen.

„Es ist in Ordnung“, sagte Wash. Seine Worte erklangen auf wundersame Weise mit der Stimme von Avas Mutter, die vor fünf Jahren gestorben war. „Alles wird gut werden.“ Er lächelte. Die kleinen Sommersprossen auf seinem Gesicht wirkten wie Zimt auf Leinen gestreut. Als er lachte, war es das Lachen von Avas Mutter.

Und dann öffnete Ava wieder ihre Augen. Ihr Vater schrie immer noch ihren Namen. Ihr Körper war immer noch von blauen Flecken übersät und schmerzte. Sie kniete noch immer neben Wash und ihre Hände bedeckten seine Seite, ihre Finger waren klebrig vom Blut. Sie hörte die Sirenen der Krankenwagen. Sie hörte Schreie. Sie hörte Menschen weinen. Sie weinten vor Angst, weil sie Matt Cooper verloren hatten, weil sie nicht begreifen konnten, wie dieser Tag so eine brutale Wendung nehmen konnte.

Und dann hörte sie Washs Stimme.

„Ava?“, fragte Wash, als er die Augen öffnete. „Ava? Was hast du getan?“ Er griff nach seinem Bauch und legte seine linke Hand auf ihre.

„Nein, Wash!“, sagte sie schnell. „Ich muss meine Hände dortlassen! Du blutest! Ich muss die Blutung stoppen!“ Aber sie hatte keine Kraft mehr in sich. Ihr wurde schwindelig, und sie konnte sich nicht wehren, als Wash ihre Hände wegschob.

Und dort, wo gerade noch ihre Hände gelegen hatten, wo eine Stahlstange den Jungen durchbohrt, Organe verletzt und klargemacht hatte, dass auch das Leben von Kindern nicht selbstverständlich war, dort war nun nur noch Haut zu sehen, perfekt und unverletzt.

„Was hast du getan?“, fragte Wash noch einmal und sah zu ihr auf.

Doch da geriet Avas Welt ins Wanken, als wäre sie aus den Angeln gehoben. Washs Anblick verschwamm zu einem schimmernden Schatten. Und dann verblasste auch der Schatten und wurde durch leere, grenzenlose Dunkelheit ersetzt.

Die Nachricht von ihrer Heilung des Jungen verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Irgendjemand hatte sie mit seiner Handykamera gefilmt. Das Video wurde hochgeladen und rund um die Welt weitergeleitet und geteilt. Es sprang von Bildschirmen zu Augen zu Lippen zu Ohren, befeuert von der Flamme der Einbildung eines Planeten, dessen Bewohner schon viel zu lange den geheimen Wunsch hegten, dass Wunder existierten.

Die nächsten Tage wich Avas Vater ihr im Krankenhaus nicht von der Seite und hielt ihre Hand. Sie war nicht immer klar bei Verstand, um ihn zu erkennen. Sie befand sich in einer Art Trance, konnte aber am Gesicht ihres Vaters ablesen, dass es ihr nicht gut ging. Er wirkte besorgt, ängstlich und widerwillig, und doch hatte er auch so einen wissenden Ausdruck im Gesicht. Es war der gleiche Blick, mit dem er sie damals angesehen hatte, als sie mit Wash in dem Wald hinterm Haus gespielt hatte und auf ein Stück Holz gefallen war. Ein dicker, fast vier Zentimeter langer Splitter hatte sich in ihren Schenkel gebohrt.

Damals hatte sie ihr Vater ins Haus gebracht, an den Küchentisch gesetzt und sich die Wunde und den Splitter, der wie ein schrecklicher Pfeil daraus hervorragte, angesehen. Er hatte Ava mit dem gleichen Gesichtsausdruck angesehen wie jetzt, einem Ausdruck, der ihr sagte, dass ihr eine schwere Aufgabe bevorstand, ehe der Heilungsprozess einsetzen konnte.

In Avas Krankenzimmer standen überall Leute und warteten. Viele von ihnen waren Ärzte, aber es gab auch Menschen mit Kameras und Mikrofonen. Und jeder im Zimmer, selbst ihr Vater, trug Sicherheitsausweise. Jedes Mal, wenn die Tür geöffnet wurde und jemand den Raum betrat, drangen Rufe und das Flackern von Blitzlicht vom Flur zu Ava herein. Drei Polizisten bewachten die Tür.

„Ava?“, sagte ihr Vater. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie schon wieder eingeschlafen war. Ihr Körper fühlte sich weit weg an, so als würde er wie ein Ballon auf der Oberfläche eines Sees treiben. Sie kämpfte darum, ihre Augen offen zu halten. „Ava, kannst du mich hören?“, fragte ihr Vater. „Ich muss dich etwas fragen, was diese netten Menschen hier wissen wollen, okay? Sieh mich einfach an und stell dir vor, wir wären allein. Ich verspreche dir, dass es schnell gehen wird.“

Ein Mann, der mit einer Videokamera in ihrer Nähe gestanden hatte, machte einen Schritt auf sie zu und richtete ein Mikrofon aus, das auf der Bettkante zwischen Ava und ihrem Vater lag. Er überprüfte etwas an seiner Ausrüstung und nickte ihrem Vater dann bestätigend zu. Ein anderer Mann schoss Fotos. Er bewegte sich um das Bett herum, hockte sich hin, stand auf, machte abwechselnd Fotos von Ava, ihrem Vater und von beiden zusammen.

Ihr Vater drückte Avas Hand, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. „Ist so etwas wie das hier schon jemals zuvor passiert?“, fragte er. Die Kamera des Fotografen klickte. Dann stellte er eine weitere Frage, und Ava war sich nicht sicher, ob sie die vorige bereits beantwortet hatte. Die Zeit war für sie nicht linear, sondern blubberte nach oben wie Luftblasen im Wasser. Nie war sie sicher, wie tief sie drin war. „Seit wann kannst du das schon? Wann hast du es das erste Mal getan?“

Wieder verging eine nebelige, verwirrende Zeitspanne, dann sprachen plötzlich alle im Raum gleichzeitig. Sie riefen ihrem Vater Fragen zu, verlangten nach besseren Antworten. „Das müssen Sie doch gewusst haben“, hörte Ava jemanden brüllen. Der Beschuldigung folgte eine Reihe von Blitzen aus der Kamera des Fotografen, der bestrebt war, den Gesichtsausdruck ihres Vaters für die Nachwelt festzuhalten.

Er hielt durch, so gut er konnte, das sah Ava. Er trug den einzigen Anzug, den er besaß, dunkelgrau, dazu ein hellblaues Hemd. Der Anzug war an einigen Stellen abgewetzt und hatte auf der Rückseite einen Fleck, der von einer Beerdigung stammte, auf der er den Anzug getragen hatte und hinterher mit einem Freund in dessen Jeep mit schmierigen Sitzen mitgefahren war. Aber nichtsdestotrotz hatte Ava den Anblick ihres Vaters in diesem Anzug immer geliebt.

„Das reicht für heute“, wandte er sich nun an alle. Seine Stimme klang tief und dröhnend. Es war die Stimme eines Mannes, der nicht nur Vater, sondern auch Sheriff war. „Sie ist noch immer kaum bei Bewusstsein, und ich werde meine Tochter nicht weiter belästigen, nur weil Sie unbedingt Antworten haben wollen. Sie werden einfach abwarten müssen.“

„Fragen Sie weiter“, sagte einer der Ärzte. Er hieß Eldrich, Ava hatte ihren Vater diesen Namen schon oft schreien hören, wenn die beiden sich stritten. Er war ein hagerer, kleiner Mann mit ein paar jämmerlichen, über seine Glatze gekämmten Haaren. Sein Gesicht war rot vor Enttäuschung. „Wir haben doch noch überhaupt nichts erfahren“, bellte er. „Nichts darüber, wie all das angefangen hat, wie lange sie das schon kann und wie sie es tut. Und Sie, Sheriff, Sie wussten es schon die ganze Zeit. Wir müssen mehr Tests machen.“ Unmut lag in seiner Stimme. „Wie konnten Sie glauben, dass Sie so etwas vor dem Rest der Welt verbergen können? Wie kommen Sie darauf, dass Sie das Recht dazu haben?“

Wieder schoss der Fotograf seine Fotos. Wieder richtete der Kameramann sein Mikrofon aus und nahm alles auf. Er wartete auf den Moment, in dem er alles schneiden und endlich an den Rest der Welt weitergeben konnte. Jeder sollte erfahren, dass ein Sheriff hier in dieser kleinen Stadt in North Carolina der Welt seine Tochter vorenthalten hatte, die das Unmögliche tun konnte.

Danach folgte weiteres Geschrei und Gestreite, aber da war Ava schon nicht mehr wach. Alles fühlte sich wieder weit weg an. Die Dunkelheit kehrte zurück. Die Zeit sprang vorwärts.

Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, sah sie nur das gebrochene Weiß der Krankenhausdecke. Der Geruch nach Desinfektionsmittel lag wie ein Tuch über ihrem Gesicht. Ihr war kalt, sehr kalt. Irgendwo sprach jemand. Panik erfasste sie, Ava versuchte, sich im Bett aufzusetzen, aber der Schmerz, der ihr durch den Kopf schoss, pulsierte so heftig, dass er ihr den Atem nahm. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte nicht schreien können.

Und dann ebbte der Schmerz ab, wie Blitze, die durch die Nacht zuckten und dann nur das Beben des Donners zurückließen. Immer noch redete irgendjemand irgendwo. Die Stimme klang leise und gedämpft wie ein Lied, das unter Wasser gespielt wurde. Sie fragte sich, ob so wohl Taubheit begann. Der Klang der Stimme streckte sich, hielt eine einzelne, lange Note, hob an und ebbte wieder ab. Die Stimme redete nicht, sie sang. Ava schnappte ein paar Worte auf und nahm die Tonlage und das Timbre der Stimme dahinter wahr. Und dann, als hätte sich ein Hebel umgelegt, erkannte sie die Stimme und konnte sie deutlich hören. Der Trost, der darin lag, half ihr, den Schmerz beiseitezuschieben.

„Wash?“, rief sie und hob ihren Kopf vom Kissen.

Ihr Freund saß mit geschlossenen Augen auf einem kleinen Metallstuhl an der Wand am Fußende ihres Bettes. Er hatte eine Hand vor sich in die Luft gestreckt und formte mit Daumen und Zeigefinger ein Okay-Zeichen. Diese Haltung nahm er immer ein, wenn er Schwierigkeiten mit der Tonlage eines Lieds hatte, was fast immer der Fall war. Wash hatte nicht gerade eine Singstimme, was ihm absolut bewusst war. Seine Stimme war eher dafür geeignet, laut vorzulesen, und das tat er oft für Ava.

Als Ava zu sprechen begann, hörte Wash auf zu singen. Er grinste breit. „Ich wusste es.“

„Was wusstest du?“, fragte Ava. Ihre Stimme klang dünn und rau. Sie setzte sich im Bett auf und versuchte, sich auf die Ellbogen zu stützen, damit sie Wash besser sehen konnte, aber ihr Körper war noch nicht bereit dazu. Also legte sie sich wieder hin und bemühte sich, ihre Augen auf Wash zu richten. Er war immer noch der schlaksige, dreizehnjährige Bücherwurm, den sie kannte. Das war sehr tröstlich.

„Ich wusste, dass du aufwachen würdest, sobald ich dir etwas vorsinge“, sagte Wash.

„Wovon redest du?“, fragte Ava. Ihre Stimme klang hohl.

„Es war ‚Banks of the Ohio‘“, sagte Wash. Er streckte seinen Rücken und setzte sich aufrecht hin, wodurch er sehr selbstsicher wirkte. Er schien stolz auf sich zu sein. „Es ist eine Tatsache, dass Menschen selbst dann hören können, wenn sie schlafen oder wenn sie im Koma sind. Ich weiß nicht, ob du im Koma lagst, zumindest hat es der Arzt nie so benannt, aber ich wusste, dass du aufwachen würdest, sobald ich dir etwas vorsinge.“ Er griff unbeholfen nach hinten und klopfte sich selbst die Schulter. Dann zeigte er auf Ava und sagte: „Bitte schön!“

„Ich hasse dieses Lied“, sagte Ava. Ihr tat alles weh, und sie fror. Ihre Knochen fühlten sich so schwer an, als seien sie mit Beton gefüllt. Als sie ihren Arm heben wollte, gelang es ihr nur langsam und schwerfällig. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, tief und langsam zu atmen. Es half, wenn auch nur ein wenig. „Ich hasse dieses Lied wirklich“, brachte sie endlich über die Lippen.

„Ich weiß“, entgegnete Wash. „Aber wenn ich eines gesungen hätte, das dir gefällt, hättest du vielleicht nie Lust bekommen, aufzuwachen und mir zu sagen, dass ich die Klappe halten soll.“

Trotz der Schmerzen musste Ava lachen.

„Wie fühlst du dich?“, fragte Wash.

„Normalerweise mit den Händen“, antwortete Ava.

„Idiot“, zischte Wash leise. Er stand vom Stuhl auf und kam an Avas Seite. „Im Ernst“, sagte er, „wie geht es dir?“

„Mir ist kalt“, antwortete Ava. „Mir ist kalt, und alles tut mir weh.“ Wash ging zu einem großen Schrank in einer Ecke des Krankenzimmers und kam mit einer Decke zurück. Ava sah ihn sich genau an, als er ging. Es gab irgendetwas Wichtiges, an das sie sich erinnern musste, etwas, das passiert war. Aber wenn sie versuchte, die Erinnerung zurückzuholen, war da nur Leere in ihren Gedanken, wie Nebel, der einen See im Mondlicht umarmt.

Wash breitete die Decke über sie. „Ich weiß nicht, wie ich dir bei dem anderen helfen könnte“, sagte er, „aber gegen die Kälte kann ich etwas tun.“

„Du bist okay“, antwortete Ava. Sie hatte es endlich geschafft, sich auf die Ellbogen zu stützen. Washs Lächeln verschwand, und tiefe Falten bildeten sich über seinen Brauen. „Oh, oh“, sagte Ava langsam. „Du runzelst die Stirn, was bedeutet, dass du denkst. Das ist kein gutes Zeichen.“

„Mir geht’s gut“, sagte er und rieb sich die Stirn. Er stellte sich neben ihr Bett. „Bist du bereit für all das?“, fragte er. Ava konnte seinen Ton nicht recht deuten. Er klang aufgeregt, aber auch unsicher.

„Wofür soll ich bereit sein?“, fragte sie.

Wash fummelte an seinem T-Shirt herum und zog es ungeschickt aus der Jeans. Er richtete den Bund seiner Unterhose, damit er nicht herausguckte, hob dann sein Shirt an und drehte sich zur Seite.

„Kannst du das glauben?“, fragte er. Er lächelte unsicher, als er auf ihr Urteil wartete.

Ava sah sich die Haut von seiner Hüfte bis zu seinen Rippen an. Ihr Freund war dünn, schlaksig und blass. „Was soll ich glauben?“, fragte Ava. „Dass du dünner als eine Cornflakes-Packung bist und so blass, dass du von einer Leselampe einen Sonnenbrand bekommen könntest? Das weiß ich schon länger, Wash.“ Sie lachte, musste dann aber so sehr husten, dass ihre Augen zu tränen begannen.

Wash ging nicht auf ihren Witz ein. Er drehte sich vor und zurück, um sicherzugehen, dass Ava das ganze Ausmaß seiner nicht vorhandenen Verletzung sehen konnte. Keine blauen Flecken. Keine Schrammen. „Das warst du“, sagte Wash. Er ließ sein Shirt wieder herunter, griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher an, der oben an der Wand über dem Fußende von Avas Bett hing.

Er zappte schnell durch die Kanäle, weil er wusste, was er suchte, und wurde immer frustrierter, als er es nicht fand. „Warte noch eine Sekunde“, sagte er. „Fang noch nicht an, dich zu erinnern. Es wird viel besser sein, wenn ich es dir einfach zeigen kann. Du wirst es nicht glauben.“

„Du machst mich wahnsinnig, Wash.“

„Psst!“, unterbrach er sie. Er stoppte bei einem Sender, in dem eine Nachrichtensprecherin in einem gut sitzenden Kostüm vor einem großen Bildschirm mit einem Foto von Ava darauf stand. Unten auf dem Bildschirm stand die Einblendung „Das Wunderkind“. Für die nächsten paar Minuten lehnte Ava sich in ihrem Bett zurück und sah sich eine Aufzeichnung des Herbstfestes an. Sie sah Matt Coopers Flugzeug in den Himmel steigen. Familien mit Kindern und alle anderen Besucher vergnügten sich an den Spiel- und Fressbuden und in den Karussells. Alles schien perfekt, alles war in Sonnenschein gebadet.

An all das konnte Ava sich noch erinnern.

Dann sah sie zu, wie das Flugzeug weiter in den Himmel hinaufstieg. Sie hörte nur ein leises Dröhnen des Flugzeugmotors hinter den Ohs und Ahs der Person, die das Video drehte. Dann verschwand das Motorengeräusch, und es wurde still.

Der Film brach ab, und die Nachrichtensprecherin erschien wieder. Sie sah in die Kamera und sprach von der möglichen Zahl der Todesopfer, vom Schrecken und von der Tragödie, die hätte passieren können. Und dann erschien ein Foto von Ava auf dem Bildschirm. Es stammte aus ihrem Jahrbuch. Sie lächelte breit und etwas verlegen, wie jemand, der sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte.

„In einer völlig unerklärlichen Wendung der Ereignisse“, fuhr die Nachrichtensprecherin fort, nachdem sie beschrieben hatte, wie Wash und Ava unter den Trümmern begraben wurden, „hat dieses junge Mädchen, Ava Campbell, es geschafft, die Verletzungen ihres Freundes zu heilen.“ Auf dem Bildschirm erschien nun ein Bild von Wash, der aus den Trümmern herausgezogen wurde. Seine Kleider waren zerrissen, und die Aufmerksamkeit wurde auf die Seite seines Bauches gelenkt, wo kurz vorher noch eine fürchterliche Wunde geklafft hatte. „Der Junge wurde vollkommen geheilt gerettet“, sagte die Reporterin noch einmal, die ihre Worte langsam und überdeutlich wiederholte.

„Siehst du!“, sagte Wash aufgeregt und zeigte auf den Fernseher. Dann sah er Ava an und hob noch einmal sein Shirt, wie um zu beweisen, dass das, was sie gerade im Fernsehen gesehen hatte und was sie jetzt im wirklichen Leben sah, gleichermaßen wahr war. „Du hast das wirklich getan“, sagte er. „Das hier hast du getan!“ Er lächelte sie strahlend an, voller Bewunderung und Erstaunen.

„Das kann nicht wahr sein“, sagte Ava. Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Das ist ein Witz, oder?“

Die Aufregung verschwand aus seinem Gesicht. „Setz dich auf“, sagte er sanft. Er ließ sein Shirt wieder los und legte seine Arme um Avas Rücken, um ihr zu helfen, sich wieder aufzusetzen.

„Was hast du vor?“, fragte sie.

„Vertrau mir einfach“, sagte er. Er half ihr, ihre Füße aus dem Bett zu schwingen. Bei jeder Bewegung atmete sie vor Schmerz scharf ein. Wash litt mit ihr. „Es geht ganz schnell“, sagte er. „Ich verspreche es dir. Aber du musst das einfach selbst sehen.“

Die beiden durchquerten den Raum, wobei sie sich mit einem Arm auf seiner Schulter abstützte und er seine Arme um ihre Taille gelegt hatte. Als sie das Fenster erreichten, half er ihr, sich auf die breite Fensterbank zu setzen. „Wo ist eigentlich mein Dad?“, fragte sie. „Warum ist er nicht hier?“

„Das geht schon in Ordnung“, sagte Wash und sah ihr in die Augen. „Ich vermute mal, dass er da draußen ist und sich um das kümmert, was ich dir zeigen will.“

„Was meinst du?“

„Sieh selbst“, sagte er und blickte hinaus.

Schließlich drehte sie sich ebenfalls um und sah aus dem Fenster. Es ging auf einen Parkplatz hinaus, der überfüllt war mit Autos, Bussen, Menschen, Transparenten und Kameras. Die Leute schrien, jubelten und wedelten mit Schildern. Vor dem Krankenhaus stand eine Reihe Polizisten, die die Menge daran hinderten, ins Gebäude zu stürmen.

„Was ist da los?“, fragte Ava. „Was wollen die?“

„Dich“, sagte Wash sanft. „Sie sind alle nur wegen dir hier. Kannst du dir das vorstellen? Du wirst dich wundern, wie berühmt Stone Temple jetzt ist. Wie berühmt du bist. Die Menschen kommen von überall her, um dich zu sehen. Hunderte, vielleicht sogar Tausende.“

Die Menge unter ihr wirkte wie ein Ozean. Sie bewegte sich wie Wellen, und die Rufe der Menschen klangen wie das Plätschern von Wasser. Die Plakate schwankten vor und zurück wie bunte Segel.

„Es ist einfach unglaublich“, sagte Wash.

„Hilf mir zurück ins Bett, Wash“, sagte Ava. Plötzlich durchzuckten sie die Schmerzen wieder wie Blitze, und eine Leere, die wie ein Herzschlag pochte, breitete sich in ihrem Bauch aus. Es fühlte sich an, als würde ihre Mitte nicht existieren, als sei ihr Körper nicht fertig geformt. Ihr Magen zog sich zusammen, sie hatte keine Kraft mehr in den Beinen. Wash war nicht schnell genug, um sie aufzufangen, als sie auf die Knie sank. Ava hustete hart und rasselnd, Blut tropfte auf den Boden. Und mit jedem Husten wurde es mehr.

„Schwester! Schwester!“, schrie Wash. „Hilfe!“ Er mühte sich, Ava vom Boden hochzuheben und sie ins Bett zurückzubringen. Immer noch rief er um Hilfe.

„Ist schon gut“, sagte Ava, als er sie ungeschickt zurück ins Bett bugsierte. Sie hatte das Blut nicht gesehen, das ihr beim Husten aus dem Mund tropfte. Nur Wash war es nicht entgangen.

„Alles wird gut“, sagte Wash sanft. Auf dem Flur waren Schritte zu hören, die sich näherten.

Ava schloss die Augen.

„Bevor sie gleich hier sind, will ich dir noch danken“, sagte Wash. „Danke für … na ja … für was auch immer passiert ist. Für was auch immer du getan hast.“

„Ich will nach Hause“, sagte Ava. Benommenheit und Müdigkeit überschwemmten sie wie eine Welle. „Wenn ich erst zu Hause bin, wird alles gut werden“, sagte sie. Vor ihrem inneren Auge sah sie das kleine graue Haus ihres Vaters in Stone Temple. Die Farbe war verblichen und das Holz alt und brüchig, aber ein Zuhause ist immer etwas Wunderschönes für ein Kind. „Ich will das alles nicht“, sagte Ava leise. „Ich will nur nach Hause.“

„Alles ist jetzt anders“, sagte Wash. „Zuhause ist nicht mehr das, was es war.“

Als das Mädchen fünf Jahre alt war, hatte ihre Mutter den Rhythmus der Dinge gefunden. Die beiden hatten ein Muster entwickelt, in dem sich Ava niemals weit vom Rockzipfel ihrer Mutter entfernte und Heather immer lächelte, sobald ihre Tochter in ihre Nähe kam. An manchen Tagen, vor allem in den warmen Nachmittagsstunden, wenn die Arbeit des Tages getan und Macon noch auf dem Revier war, hatten die beiden fast das Gefühl, dass sie die einzigen Menschen auf der Welt waren. Dann verschwanden sie manchmal in den Bergen, einfach nur aus Spaß am Verschwinden.

Heather ging voraus und suchte den Boden nach Schlangen und Fallen ab, wie es besorgte Eltern zu tun pflegten, und Ava übernahm die Aufgabe, doch immer wieder vorauszulaufen und ihre Mutter so dazu zu bringen, sich ein kleines bisschen zu sorgen. Während Heather ging, dachte sie darüber nach, wie sich ihr Leben wohl in den folgenden Jahren verändern mochte. Sie dachte an den Tag, an dem ihre Tochter sie nicht mehr brauchen würde, an dem ihr Kind kein Kind mehr sein würde, sondern eine Frau, die sich in die Welt aufmachte, ohne vielleicht sogar zurückzusehen. Was würde dann aus ihr werden?

„Los, komm, Mom!“, rief Ava.

„Ich komme schon“, antwortete Heather.

Die Sonne stand hoch, es wehte kein Wind, und die Erde vibrierte vom Klang des Lebens. Die Vögel sangen. Die Insekten summten.

„Mom?“, rief Ava. Sie war um die nächste Biegung des Weges geflitzt, und es klang nun etwas anderes in ihrer Stimme mit, als sie da an einem Ort stand, wo Heather sie nicht sehen konnte. Vor Angst bildete sich ein Kloß in ihrem Hals.

„Was ist los?“

„Mom!“, schrie Ava.

Heather stürzte durch die Büsche. Ihre Angst wuchs ins Unermessliche. Es war eine Angst, von der sie nicht gedacht hatte, dass sie möglich sei. Obwohl sie immer Angst hatte, hatte sie bisher nichts gehabt, woran sie ihre Angst festmachen konnte. Nun aber gab es so etwas, denn Heather hatte ein Kind.

Als Heather endlich um die Kurve gerannt kam, hörte sie ihre Tochter weinen. Es war ein schluchzendes, ersticktes Geräusch, eine leise Erschütterung, als würde Eis brechen. „Was ist?“, fragte Heather besorgt, als sie sah, dass ihre Tochter unversehrt war. Aber vor ihr ausgestreckt im dichten, grünen Gras lag ein Reh. Es war ein weibliches Tier, dessen Fell die Farbe des späten Abends hatte. Ein Pfeil ragte aus seiner Brust heraus. Das Tier keuchte langsam.

„Mom“, schluchzte Ava. Ihr Gesicht war tränenüberströmt. „Mom“, wiederholte sie. Das Wort war ein Mantra. Heather sah sich in der Hoffnung um, den Jäger zu finden oder jemanden, der half, das Leiden des Tieres zu einem schnellen, weniger schmerzhaften Ende zu bringen, doch es war niemand da. „Wird es sterben?“, fragte Ava.

„Es ist nicht deine Schuld“, antwortete Heather, obwohl sie nicht genau wusste, warum sie das sagte.

Ava schluchzte. Sie versuchte, zu begreifen. „Wie lange wird es dauern? Was passiert danach? Wird es jemand begraben?“, so fragte sie weiter und ließ all die Fragen heraus, die in ihrem Kopf umherschwirrten.

Heather hatte keine Antworten darauf. Und so teilten die beiden schließlich still diesen Moment, diese kleine Begebenheit in einer großen, grausamen Welt, mit einem Tier, das seine letzten Atemzüge aushauchte. Das Reh sah sie ohne Angst an, und es zuckte auch nicht, als das Kind seine zitternde Hand ausstreckte und sie auf den Hals des Tieres legte. Sein Fell war weich.

Heather küsste Avas Kopf. Sie weinten nun beide.

Der Atem des Tieres wurde langsamer. Ohne zu fragen, griff Ava nach dem Pfeil, der die Lunge des Rehs durchbohrte. Sie zog daran, und nach einem kurzen Moment des Widerstands ließ er sich herausziehen. Das Reh zitterte. Es seufzte, was so klang wie ein Schaf, das blökt. Ava warf den Pfeil weg.

„Es ist zu spät, Ava“, sagte Heather.

Heather las im Gesicht ihres Kindes dessen innigen, einzigen Wunsch: Es möge dem Tier besser gehen. Alles, was sie wollte, war, dass die Wunde aufhörte zu bluten. Der Tod sollte sich abwenden, nur dieses eine Mal. Ava legte ihre Hände über die Wunde. Das Blut des Rehs quoll pulsierend wie ein Herzschlag. Ava schloss ihre Augen und wünschte sich nichts mehr, als dass es dem Reh besser ginge.

Gleich darauf begannen ihre Hände zu zittern, als funkelten elektrische Blitze unter ihren Handflächen. Und plötzlich stand das Reh auf. Es blutete noch immer, aber es konnte laufen, wenn auch sehr langsam.

Heather griff Ava unter die Arme und krabbelte mit ihr rückwärts durchs Gras. Ava fühlte sich unendlich schlapp. „Ava!“, rief Heather. „Ava!“

Heather sah, wie das Reh langsam davonlief. Es keuchte immer noch, immer noch tropfte Blut aus seiner verletzten Lunge, aber nicht mehr so heftig wie zuvor. Schritt für Schritt verschwand das Tier im Wald und zog eine Blutspur hinter sich.

„Ava?“, rief Heather wieder und immer wieder. „Wach auf, bitte!“, flehte sie. Die Minuten verstrichen und verzweigten sich wie Ranken, bis Ava begann, sich zu regen.

„Alles in Ordnung“, sagte Ava so leise, dass ihre Mutter sie kaum hören konnte.

Heather schluchzte freudig auf, als sie die Stimme ihrer Tochter hörte.

„Das Reh“, flüsterte Ava. „Geht es ihm gut? Ich habe mir gewünscht, dass es ihm gut geht.“

Heather betrachtete die Blutspur, die in den Wald führte, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was passiert war.

2. KAPITEL

„Deine Tochter hat da ja echt was losgetreten, was, Sheriff?“ John Mitchell stemmte die Hände in die Hüften und verzog mürrisch seinen Mund. Er war vor Macon Sheriff von Stone Temple gewesen und hatte den Zynismus, den er sich in seiner Zeit als Gesetzeshüter zugelegt hatte, nicht wieder abgelegt. Er war ein drahtiger Mann voller Ecken und Kanten: spitze Ellbogen, kantige Schultern, eine lange Nase und tiefe Furchen in den Augenwinkeln, die ihn düster aussehen ließen, sogar wenn er glücklich war. Er stellte die Art von finsterer Erscheinung dar, die Kindern ein ungutes Gefühl in seiner Nähe gab, obwohl er ein netter Mann war, der Kinder liebte.

Seit er das Amt an Macon weitergegeben hatte, kam er jeden Mittwochnachmittag im Büro des Sheriffs vorbei, um nach Macon zu sehen und einen Eindruck davon zu bekommen, was er zurückgelassen hatte. An den meisten Tagen gab es nicht viel zu berichten, außer über vermisste Farmtiere, normalerweise waren diese einfach ausgebrochen, und die je nach Wetter und Jahreszeit besten Angel- oder Jagdplätze. Aber als John heute vorbeikam, gab es weit mehr Gesprächsthemen als das Angeln oder entlaufene Tiere. „Scheint, als wäre die Hölle los“, sagte John.

„Ja, sieht so aus“, antwortete Macon. Die beiden Männer standen in Macons Büro und linsten durch die Jalousie vor dem Fenster. Draußen stand eine Meute von Reportern mit Kameras und Menschen mit Schildern. Macon nippte an einer Tasse Kaffee und betrachtete das alles nachdenklich.

Er war dabei, seinen Dienst im Polizeibüro von Stone Temple für diesen Tag zu beenden, und während er sich darauf vorbereitete, seine Tochter aus dem Krankenhaus in Asheville abzuholen, tat er sein Bestes, die Menschenmenge vor dem Polizeigebäude zu ignorieren. Es gefiel ihm nicht, sich die Meute anzugucken, aber wegzusehen war auch eine Herausforderung. Er wollte das alles verstehen, und der Weg zum Verständnis war wohl immer gepflastert mit Stunden, die man damit verbringen musste, etwas zu tun, von dem es einfacher wäre, es zu lassen. Und dennoch, alles, was der Anblick dieser Massen bei ihm bewirkte, war, sich daran zu erinnern, dass die Welt um ihn herum gerade außer Kontrolle geriet.

Er war seit dem Ereignis jeden Tag im Krankenhaus gewesen, und jeden Tag war es komplizierter geworden, dorthin zu gelangen – schuld daran waren der Verkehr, die Menschen und Reporter. Und sobald er ankam, musste er mitansehen, wie seine Tochter einen Test nach dem anderen über sich ergehen lassen musste. Die Ärzte und die Schwestern arbeiteten wie ein Uhrwerk. Sie stocherten und stießen. Sie nahmen Ava Blut ab. Sie nahmen Macon Blut ab. Sie folgten Theorien, wonach das, was auch immer Ava getan hatte, vielleicht genetisch bedingt war. Und da Avas Mutter tot war, war Macon das Nadelkissen, von dem sie sich mehr Aufschluss erhofften, um ihre Theorien untermauern zu können. Sie nahmen Knochenmark- und DNA-Proben. Und dann kamen sie wie die Orakel der Alten Welt wieder, um noch mehr Blut abzunehmen, und sagten, dass die Antworten darin verborgen sein müssten.

Macons Arm tat immer noch weh von den Stichen einer jungen Schwester, die ihr Handwerk noch nicht perfekt beherrschte. Immer wieder hatte sie die Vene verfehlt. Beim ungefähr sechsten Versuch beschloss er, dass es nun reiche. „Es ist an der Zeit, damit aufzuhören“ war das Einzige, was er sagte. Und von dem Punkt an beschränkte er den Zugang der Ärzte zu seiner Tochter und erklärte ihnen unmissverständlich, dass er sie nach Hause holen würde.

Heute war dieser Tag gekommen, und die ganze Welt schien ihn zu verfolgen. Er hatte immer eher zurückgezogen gelebt, und nichts von dem, was nun in seinem Leben passierte, gefiel ihm auch nur im Geringsten. Die Welt geriet unter seinen Füßen aus den Fugen.

„Das hätte ich nie gedacht“, sagte John.

„Was?“

„Dass so etwas in einer Stadt wie unserer geschehen könnte.“

„Ich schätze, dass niemand je denkt, dass so etwas bei ihm geschehen könnte“, erwiderte Macon und trank noch einen Schluck von seinem Kaffee. Schließlich schloss er die Jalousien und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. „Aber jetzt ist es so weit“, sagte er und zeigte zum Fenster und auf die Menschenmenge dahinter.

„Ich kann aber immer noch nicht ganz begreifen, warum du nicht in Asheville bleiben willst“, sagte John. Er lehnte sich ein bisschen zurück und dachte nach. „Andererseits“, sagte er, „denke ich, dass ich, wenn ich du wäre und meine Tochter gesund genug wäre, um nicht mehr dort sein zu müssen … ich glaube, dann würde ich wohl auch lieber den Heimvorteil haben. Da oben in Asheville hast du nur eine Stadt mit Leuten, die du nicht kennst. Hier weißt du wenigstens, wem du vertrauen kannst. Und wenn es gar nicht mehr anders geht und du das wirklich willst, gäbe es genug Berge und Wälder, in die ihr vor all den Kameras flüchten könntet.“

Macons Büro war wie der größte Teil von Stone Temple: klein und alt. Das Polizeigebäude war in den späten Sechzigerjahren nach einem Brand durch einen Blitzeinschlag wieder aufgebaut worden. Und seit damals hatte sich nicht mehr viel geändert, außer dass vor ein paar Jahren eine Internetverbindung gelegt worden war.

„Gibt es zurzeit irgendwelche unaufgeklärten Verbrechen?“, fragte John, als er vom Fenster zurückkam. „Ich vermute mal nicht, aber ich wollte wenigstens nachfragen.“

„Verbrechen? Nein“, antwortete Macon. „Unser Problem sind meist Menschen. Davon gibt es verdammt noch mal einfach viel zu viele. Und jeder hat seine eigenen Ziele. Warst du in letzter Zeit mal auf der Bergstraße draußen?“

„Nicht, wenn ich nicht musste“, sagte John. „Ich bleibe in letzter Zeit am liebsten in der Stadt.“

„Du würdest es jetzt nicht mehr über den Berg schaffen, selbst wenn du wolltest“, sagte Macon. „Jedenfalls nicht, ohne drei oder vier Stunden dafür zu verbraten. Da ist ein einziger Parkplatz voll mit Menschen. Menschen in Autos, Menschen in Vans, Menschen in Bussen, Menschen auf Fahrrädern und zu Fuß. Ich frage mich, wo die alle bleiben wollen. Manche Einwohner haben schon damit begonnen, ihre Häuser und Grundstücke an alle zu vermieten, die genügend Geld bieten, aber trotzdem glaube ich nicht, dass Stone Temple groß genug ist für alle. Es ist, wie einer drohenden Überschwemmung zuzugucken. Außer dass ich das Gefühl habe, wir haben den Moment übersprungen, in dem man das Wasser an den Knöcheln fühlt und merkt, dass es langsam steigt. All das …“, er machte eine Handbewegung, um die Menschenmasse vor dem Fenster zu illustrieren, „… all das fühlt sich eher an, als würde uns das Wasser schon bis zum Hals stehen.“

John nickte, um zu zeigen, dass er derselben Meinung war. Er ging zur offenen Tür von Macons Büro und sah sich den Rest der Polizeiwache an. „Es gibt ein paar neue Gesichter hier“, bemerkte er.

„Die State Police hat uns ein paar Leute geschickt, damit wir das hier auf die Reihe kriegen“, sagte Macon. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und kratzte sich am Kinn. „Gibt inzwischen ganz schön viele Leute mit verschiedenen Meinungen hier in der Stadt. Manche glauben, das ist alles nur ein Scherz. Und ich kann nicht behaupten, dass ich es an ihrer Stelle anders sehen würde. Alles, was sie gesehen haben, ist ein Video im Internet. Und es gibt nicht viel, was in dieser Welt weniger glaubwürdig ist als das, was man sieht. Es sind also die Skeptiker gekommen und auch diejenigen, die glauben, Ava sei der nächste Heiland. Nimm sie alle zusammen und du hast das perfekte Rezept für jede Menge Unruhe. Wenigstens hatte irgendjemand die gute Idee, dass wir möglicherweise etwas Hilfe brauchen könnten.“

„Auf wessen Kosten?“, fragte John.

„Ich bin mir nicht sicher, ob sie Überstunden bezahlt bekommen oder so“, sagte Macon. „Ich denke, das meiste kommt vom Staat, von uns jedenfalls nicht, so viel ist verdammt noch mal sicher. Aber …“

„Aber was?“, fragte John.

„Um ehrlich zu sein“, sagte Macon, „ich glaube, es könnte sein, dass einige von ihnen freiwillig hier sind.“

John grunzte geringschätzig. Er schloss die Bürotür. „Kann nicht behaupten, dass mich das wundert. Behalt sie im Auge.“

„Wen? Die Freiwilligen?“

„Ja“, sagte John. „Es gibt keine echten Freiwilligen. Nicht in diesem Leben. Auch sie haben Mäuler zu stopfen, genau wie du. Wenn sie hier sind und arbeiten, werden sie auch dafür bezahlt. Könnte sein, dass sie für die Reporter da draußen arbeiten.“ Er zeigte zum Fenster herüber, durch das er und Macon geschaut hatten. Abscheu lag in seiner Geste. „Vielleicht werden sie dafür bezahlt, Informationen zu beschaffen. Kleine Leckerbissen, die sie an die Boulevardmedien verkaufen können. Sie kommen her, arbeiten, hören zu, schauen zu, und dann, wenn ihre Schicht vorbei ist, gehen sie raus und berichten.“ John seufzte. „Uralter Trick.“

Macon dachte einen Moment lang nach. „Schätze, das wusste ich schon, hab aber nicht weiter darauf geachtet.“

„Gibt es Kollegen, die sich für Posten in der Nähe deines Hauses gemeldet haben?“

„Einige“, sagte Macon.

„Ja“, meinte John. „Das sind wohl die, die am besten bezahlt werden.“

„Meinst du, ich sollte mir Sorgen machen?“

John winkte ab. „Glaub ich nicht. Sicher, sie sind da, um an dir zu verdienen, aber ich glaube nicht, dass auch nur einer darunter ist, der es auf Kosten deiner Familie tun würde. Sie sorgen für deine Sicherheit und machen nebenbei ein bisschen Kohle, wenn sie können. Ich würde nur aufpassen, wem ich was erzähle.“

Macon betrachtete John, während er sprach. Der alte Sheriff rutschte auf seinem Stuhl hin und her und biss sich auf die Lippen, während er sich im Büro umsah. „Können wir zur Sache kommen?“, fragte Macon. „Ich weiß, dass wir hier im Süden die Kunst der ausführlichen Gesprächsführung besonders gut beherrschen, aber meine Welt ist im Moment einfach zu verrückt, um noch viel mehr Zeit aufzubringen für das, was du mit mir zu besprechen versuchst, John. Ich muss heute noch nach Asheville fahren, und so wie die Straße da draußen aussieht, wird das Stunden dauern.“

John kniff die Augen zusammen und beugte sich zu Macon. „Wie hat sie es getan?“, fragte er. „Wie hat sie den Jungen wirklich geheilt?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Macon. „Wie ich es auch den Reportern, den Ärzten, all diesen Biologen, die sie mitgebracht haben, den zwanzig verschiedenen Pfarrern, die mich angerufen haben, und den Bloggern, die nicht aufhören, mir zu mailen, gesagt habe. Meine Geschichte hat sich nicht geändert, John. Ich hab nicht die geringste Ahnung, was hier vor sich geht.“

„Schwachsinn“, erwiderte John mürrisch. „Wir wissen doch beide, dass Welten zwischen dem liegen, was jemand weiß, und was er vorgibt, nicht zu wissen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du nicht die geringste Ahnung davon hattest.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, du wusstest es und wolltest sie, es, diese Sache, die sie kann, für dich behalten, es geheim halten.“

Macon seufzte. „Jeder auf diesem Planeten scheint das zu denken, auch wenn es nicht stimmt.“

„Es war ein Fehler, das geheim zu halten“, sagte John. „Meine Frau“, setzte er an. Er fummelte an einem nicht vorhandenen Fussel auf seiner Hose herum. „Ich habe meine Frau geliebt“, sagte John. „Sie war ein wunderbarer Mensch. Ein besserer, als diese Welt verdient hat, wenn du mich fragst. Sie war eine Woche in genau dem Krankenhaus, bevor sie starb. Die Ärzte haben alles getan, was sie konnten, um sie zu retten. Zumindest dachte ich das.“ Als er endlich aufblickte, stand ihm eine düstere Mischung aus Anschuldigung und Bitterkeit ins Gesicht geschrieben.

„Ich werde diese Art von Gespräch nicht mit dir führen, John“, sagte Macon.

„Es ist nur so, dass du hättest helfen können“, antwortete John, und nun war er nicht mehr länger der hartgesottene Sheriff. Er war einfach nur ein Mann, der vor zwei Jahren seine Frau verloren hatte und nun, ganz plötzlich, daran glaubte, etwas hätte anders laufen können.

„John“, sagte Macon.

John schnaubte. „Lass mich raten“, sagte er. „Du weißt nicht, wie sie es gemacht hat. Du hattest nicht den geringsten Schimmer davon, dass sie Menschen heilen kann, richtig?“ Bevor Macon antworten konnte, fuhr John fort. „Egal, an welcher Version du festhältst, du wirst diese Frage noch sehr viel häufiger beantworten müssen, als dir lieb ist. Du wirst es nicht glauben, aber die Reporter da draußen haben mir fünfhundert Dollar dafür bezahlt, dass ich hier reingehe“, sagte er. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich ihnen nichts zu erzählen haben werde, wenn ich wieder rauskomme, und genauso ist es. Aber ich bin nicht der Einzige, der dich jetzt, wo klar ist, was du versteckst, fragen wird, welches Recht du hast, so etwas für dich zu behalten.“

„Sie alle stellen diese Fragen ja schon, John“, antwortete Macon. „Und was die Tatsache angeht, dass sie dich dafür bezahlen, hierherzukommen, nun ja, tue, was du meinst, tun zu müssen. Ich weiß ja, wie hoch deine Rente ist und dass sie nicht reicht. Jeder muss irgendwie überleben.“

John nickte nachdrücklich. „Genau“, sagte er. „Vom Tag unserer Geburt bis zu unserem Tod muss jeder von uns leben. Und überleben. Es war nicht leicht in letzter Zeit.“