Am Ende der Straße die Schlei - Lars Haider - E-Book

Am Ende der Straße die Schlei E-Book

Lars Haider

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Beschreibung

Wenige Tage vor seinem 40. Geburtstag erhält Konstantin Wagner einen Anruf, der ihn nach langen Jahren wieder an die Schlei führt – in das Haus, in dem er endlose Sommer seiner Kindheit verbracht hat und das er nun für seine Eltern verkaufen soll. Aus dem verlängerten Wochenende wird eine Woche, dann mehr. Und während zu Hause in Hamburg seine Freundin alles für die Geburtstagsfeier vorbereitet, steht Konstantin unverhofft vor großen Fragen: Wo und wie will er wirklich leben?  Eine unvergessliche Geschichte über den Zauber der See, die Liebe zum Land und das, was wirklich wichtig ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lars Haider

Am Ende der Straße die Schlei

Roman

»Manchmal muss man sich einfach nur auf eine Bank am Ufer setzen,um den Wirren der Welt zu entgehen.«

Rosalie Tavernier; Aufschrift auf einer Tafel in Sieseby

1

Der Bahnhof in Schleswig war trotz des gewaltigen Backsteinbaus nicht mehr als eine Haltestelle. Ich hatte gehofft, mir schnell etwas zu trinken kaufen zu können. Aber der Kiosk mit dem selbst gemalten Holzschild über der Tür hatte geschlossen. Dafür war die Luft viel frischer als in Hamburg, wo ich bei schwülen zweiundzwanzig Grad in den Zug gestiegen war, zu warm für Mitte Mai. Der Wind fuhr mir durchs Haar, als wollte er mich daran erinnern, wie nah das Meer war. Ich atmete tief ein, das war die einzige Möglichkeit, sich nach den zwei Stunden im muffigen Regionalexpress zu erfrischen, und nicht die schlechteste.

Ich schob mein Rad vom Bahnsteig auf den Vorplatz hinaus.

Der Bus nach Süderbrarup war schon da. Eine fette Möwe saß auf dem Dach und starrte auf den Fahrer, der an dem Wagen lehnte und sich eine Laugenbrezel mit Salami und Käse in den Mund schob. Ich überlegte kurz, ob ich den Mann, durch dessen Vollbart sich eine gar nicht so feine Remouladenspur zog, auf den gierig blickenden Vogel über ihm aufmerksam machen sollte. Ich hatte in der Zeitung von Möwen auf Sylt gelesen, die Urlaubern ganze Hamburger aus den Händen schnappten und sie dabei sogar verletzten. Aber erstens war das hier nicht Sylt, und zweitens sah der schmatzende Mann aus, als könnte er auf kluge Ratschläge von einem aus der Stadt verzichten.

»Moin«, sagte ich deshalb nur, zeigte mein Ticket und stieg mit dem Rennrad durch die Hintertür ins Businnere.

»Gut festhalten«, rief der Fahrer mir hinterher.

Ich dachte, er meinte das Rad. Erst eine gute Stunde später wusste ich, was er wirklich im Sinn gehabt hatte.

Vielleicht lag es daran, dass an den wenigen Haltestellen zwischen Schleswig und Süderbrarup kaum jemand zustieg. Vielleicht hatte es der Fahrer auch einfach nur eilig, in den Feierabend zu kommen. Auf jeden Fall kachelte er in einer Geschwindigkeit über die Landstraße, dass der älteren Frau, die mit ihrem Mann vier Reihen vor mir saß, erst ein ängstlicher Seufzer und dann ein »Hermann, nun sag doch mal was« entfuhr. Aber Hermann wollte nichts sagen, zumindest nicht zum Tempo des Busses. Er las in einem schmalen Buch und zeigte ansonsten jedes Mal aus dem Fenster, wenn ein knallig gelbes Rapsfeld vorbeirauschte: »Guck mal, so schön, oder?«

Als die beiden eingestiegen waren, hatte ich aufgeschnappt, dass sie weiter nach Sieseby wollten, es könnte auch Rieseby gewesen sein. »Da machen wir seit einundzwanzig Jahren Urlaub, wissen Sie?«, hatte Hermanns Frau, deren Kölnisch Wasser ich trotz der Entfernung zu riechen glaubte, dem Fahrer erzählt. »Also lange bevor die Schlei der große Geheimtipp wurde und die ganzen Touristen …« »Na denn«, hatte der Busfahrer sie unterbrochen, die Türen geschlossen und aufs Gaspedal gedrückt.

Ich hatte mich zunächst in den Mittelgang neben mein Rad gestellt, doch nach den ersten scharf genommenen Kurven setzte ich mich schließlich hin, es war sicherer. Ich versuchte, mir die Zeit mit dem Handy zu vertreiben, bis das passierte, was mir zuletzt passiert war, als ich vor vielen, vielen Jahren mit meinen Eltern in den Urlaub an die Schlei gefahren war.

Damals hatte ich auf der Rückbank unseres Opels so lange Tom Sawyer und Huckleberry Finn gelesen, bis mir schlecht geworden war und mein Vater eine Vollbremsung hinlegen musste. Ich war gerade rechtzeitig aus dem Auto gesprungen, um mich in eines der malerischen Rapsfelder zu erbrechen. Davon gab es da draußen auch heute genug, aber ich wollte es nicht darauf ankommen lassen. Nach acht Minuten steckte ich das Handy zurück in den Rucksack, der zwischen meinen Beinen klemmte, und tat das, was seekranken Menschen auf Schiffen geraten wurde: Ich blickte auf den Horizont, während im Augenwinkel die Landschaft wie eine übertrieben farbenfrohe Filmkulisse an mir vorbeirauschte.

Wir kamen drei Minuten vor der Zeit in Süderbrarup an. Der Fahrer packte ein weiteres Laugenbrötchen aus und stellte sich wieder vor seinen Bus. Die Möwe auf dem Dach war weg, abgeschüttelt von diesem Typen, dem Hermanns Frau im Vorübergehen ein »Vollkommen irre, oder was?« zuzischte.

Ich war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Bus, der von Süderbrarup nach Kappeln fuhr, sollte in einer Viertelstunde kommen. Aber ich hatte von öffentlichen Verkehrsmitteln erst einmal genug, schulterte meinen Rucksack und stieg aufs Fahrrad. Den Rest der Strecke würde nur einer das Tempo bestimmen: ich selbst.

 

Nach Kappeln waren es etwa zehn Kilometer, von dort bis nach Maasholm, wo das Ferienhaus meiner Eltern stand, genauso viel. Ich bog vom Bahnhof Richtung Hauptstraße ab, weiter gen Ortsausgang. Süderbrarup musste damit leben, von wunderschönen pittoresken Dörfern und Flecken umgeben, selbst aber farblos zu sein. Die meisten Menschen, die hierherkamen, taten genau das, was ich jetzt tat: Sie fuhren schnell durch, immer der Schlei entgegen.

Früher hatte ich mit meinen Eltern einige Radtouren in der Region unternommen, aber ich hatte doch vergessen, wie hügelig die Landschaft im ansonsten platten Norden war. Es ging ein Stück rauf und dann wieder runter, rauf, runter, fast die gesamte Zeit. Der Radweg schlängelte sich an nicht enden wollenden Rapsfeldern entlang, die sich mit Waldstücken abwechselten. Gelb und grün, dazu mal das Blau des Wassers, und ein Gegenwind, der in seiner Schärfe nicht zum Rest der Gegend passte. Lieblich fiel mir zu der Natur um mich herum ein, und ich musste an Weine denken, die dieses Attribut trugen. Es waren Weine, die ich nicht besonders mochte. Ich war eher der trockene Typ.

 

Ich habe nie verstanden, warum meine Familie ausgerechnet an der Schlei ein Ferienhaus gekauft hatte. Als Jugendlicher beneidete ich meine Freunde, die im Sommer nach Sylt fuhren oder wenigstens nach St. Peter-Ording, an die Nordsee jedenfalls, wo es große Wellen gab und wo richtig was los war. Die Schlei war, wenn überhaupt, für diese biedere Landarzt-Serie im Fernsehen bekannt und ansonsten vor allem eins: ruhig. Viel zu ruhig mich. Schlei war für mich ein anderes Wort für Langeweile, und insofern war ich froh, dass ich dieses Kapitel jetzt ein für alle Mal beenden konnte.

 

Die Karte auf meinem Handy zeigte kurz vor Kappeln eine Abkürzung an. Ich bog nach links auf eine Landstraße ein, die zu einem Anwesen führte, vor dem zwei gigantische Gorilla-Figuren standen. Offensichtlich Kunst. Auch das Reetdach, das eines der Haupthäuser schmückte, war gigantisch, fast so groß wie ein Fußballfeld. Ich musste unwillkürlich an einen der letzten Sommer denken, den ich an der Schlei verbracht hatte. Damals hatten sich meine Eltern entschieden, das Reet auf der Nordseite des Hauses neu eindecken zu lassen. Die Firma, die sie beauftragt hatten, war allerdings nicht rechtzeitig fertig geworden, weswegen ich den ersten Teil der Ferien damit verbrachte, Männern mit braun gebrannten Oberkörpern und Armen wie Oberschenkeln bei ihrer Arbeit zu helfen: Ich durfte das Reet anreichen und staunte, wie aus den dünnen Röhrchen ein Dach wurde, das die schlimmsten Regen- und Hagelschauer abhielt. Endlich war mal was los gewesen an der Schlei. Als die Dachdecker fertig waren, wäre ich am liebsten mit ihnen zur nächsten Baustelle gezogen.

 

Wie lange war das jetzt her? Knapp fünfundzwanzig Jahre? Irre.

 

Ich sah erneut aufs Handy: Wenn ich in dem Tempo weiterfuhr, wäre ich in einer guten Dreiviertelstunde in Maasholm. Das würde hoffentlich reichen, um das Haus einmal durchzulüften, bevor die ersten Interessenten kämen.

2

Die beiden waren nicht viel älter als ich, hatten aber schon drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen. Sie tobten durch das Haus, als würde es ihnen gehören, ein gutes Zeichen. Als ihr Papa am Ende der Besichtigung fragte, ob beim Preis noch etwas zu machen sei, schüttelte ich den Kopf – 695.000 Euro waren viel Geld, keine Frage, aber die Familie Melzer, so hießen die fünf, sah aus, als könnte sie das bezahlen. Und wenn nicht: Auf meiner Besichtigungsliste standen noch fünfzehn weitere Namen.

Nachdem die Melzers das Haus verlassen hatten, wartete ich ein paar Minuten, bevor ich ebenfalls losging. Ich musste dringend etwas essen. Von der Haustür waren es nur ein paar Meter bis zum Hafen. Die Straße, an der das Haus meiner Eltern lag, war kopfsteingepflastert und so eng, dass zwei Autos nicht aneinander vorbeipassten. Sie endete abrupt hinter der Petrikirche, die wie das Wahrzeichen Maasholms über der Schlei thronte. Wenn mir früher in den Ferien langweilig gewesen war, hatte ich dem Pfarrer geholfen, Stühle aus dem alten Schuppen neben der Kirche zum Wasser hinunterzutragen. Direkt am Ufer hatte es im Sommer regelmäßig Taufgottesdienste gegeben. Der Höhepunkt war der Moment, in dem der Pfarrer mich oder einen der anderen Helfer bat, mit einem Plastikeimer Wasser aus der Schlei zu schöpfen, das er dann dem Täufling über den Kopf träufelte.

Es hatte sich gut angefühlt, Teil dieser Zeremonie zu sein, ohne hinterher mit der Familie und den Angehörigen zu einer öden Kaffeetafel ins Dorfrestaurant zu müssen. Ich hatte manchmal noch während des Gottesdienstes mein T-Shirt ausgezogen, war in die Schlei gesprungen und so lange geschwommen, bis meine Mutter mich vom Ufer gerufen hatte: »Konstantin, wo bist du denn schon wieder?« Damals hatte es die halben Ruderboote noch nicht gegeben, die jetzt hochkant am Ufer standen und als Bänke dienten. Ich beschloss, hierher zurückzukehren, wenn ich etwas zu essen gefunden hatte.

Der Eisladen und das benachbarte Fischgeschäft im Hafen hatten geschlossen. Davor stapelten sich blaue und orange Kisten zu mannshohen Türmen, Taue und Seile lagen kreuz und quer. Ein Mann wienerte den Boden auf einem kleinen, roten Boot, das längsseits im Hafenbecken lag, und rauchte dabei Pfeife.

»Moin«, sagte ich im Vorbeigehen.

»Moin«, kam es zurück.

Ich hoffte, dass es den Imbiss von Hansen, dem Fischhändler Maasholms, noch gab; und wenn ja, dass er geöffnet hatte. Ich hatte Glück. Zwar war eine der zwei Mitarbeiterinnen bereits mit dem Aufräumen beschäftigt, aber die andere nahm meine Bestellung bereitwillig entgegen: ein Brötchen mit Backfisch und Remoulade und dazu ein Flensburger. Ich beeilte mich, damit zurück zur Ruderbootbank zu kommen.

Der Backfisch war noch warm, als ich das erste Mal in das Brötchen biss. Das Bier ploppte nicht wie in der Werbung, aber das hatte es bei mir noch nie getan. Ich kaute und trank abwechselnd und merkte erst jetzt, wie hungrig ich gewesen war. Als ich alles aufgegessen hatte, pulte ich mein Handy aus der Hosentasche und beschloss, hier noch etwas sitzen zu bleiben. In die Wiese, die vor mir bis zum Schleiufer führte, waren Kahnstellen eingelassen für die anrainenden Häuser, die früher Fischern gehört hatten. Schräg gegenüber schaukelte ein Holzboot im Wasser, die »Marie«. Drei Plätze weiter legte ein Motorboot an, der Mann an Bord sah aus, als käme er von einer Angeltour.

Von hier aus waren es nur ein paar Hundert Meter bis zum Hauptarm der Schlei, auf dem an diesem Abend jede Menge Verkehr herrschte. Ein Ausflugsschiff kam aus Schleimünde zurück, ein Segelboot war in die andere Richtung unterwegs, dazwischen kreuzten ein paar kleinere Motorboote gen Hafen. Ich musste an die TikTok-Reihe »Männer, die aufs Wasser starren« denken und dass ich gerade selbst einer von ihnen war.

Mein Handy piepte. Ich hatte Laura gefragt, ob sie nicht mit an die Schlei kommen wolle, aber sie hatte sich entschieden, zu Hause zu bleiben. Was wahrscheinlich mit dem Sonnabend in drei Wochen zu tun hatte, an dem ich vierzig Jahre alt werden sollte. Ich hatte nicht vorgehabt, daraus ein großes Ding zu machen. Eigentlich wollte ich gar nicht wahrhaben, dass seit meinem dreißigsten Geburtstag schon zehn Jahre vergangen waren. Damals hatte mir eine ältere Kollegin in der Werbeagentur, für die ich arbeitete, mit dem seltsamen Satz gratuliert: »Als ich dreißig geworden bin, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass das Leben endlich ist.«

Wie würde es erst mit vierzig sein? Ich mochte derartige Gedanken nicht, und ich wäre nicht auf die Idee gekommen, eine größere Feier zu planen, wenn Laura nicht darauf gedrängt hätte. Sie würde sich um alles kümmern, hatte sie gemeint, und dass man schließlich nur einmal vierzig würde. Was man halt so sagt, wenn man selbst gerade erst einunddreißig ist.

»Meine Eltern fragen, was sie dir schenken sollen«, schrieb Laura.

»Sie haben mir doch schon das Beste geschenkt, was sie haben«, antwortete ich und bekam drei Herzen zurück.

 

Das Flensburger ging zur Neige, ich hätte eine zweite Flasche mitnehmen sollen. Jetzt war es zu spät, der Imbiss hatte sicher längst geschlossen. Außerdem wollte ich den Ruderbootbank-Platz nicht aufgeben, auf den mindestens das Pärchen spekulierte, das zum zweiten Mal Händchen haltend an mir vorbeiging. Ich erwischte mich dabei, dass ich automatisch überlegte, wie alt die beiden wohl sein mochten – irgendetwas zwischen fünfzig und sechzig, tippte ich –, und dass das so kurz vor meinem eigenen Geburtstag zu einer Manie wurde. Als ginge es nicht vielmehr darum, wie alt man sich fühlte, als darum, wie alt man war.

Wie fühlte ich mich? Wie vierzig auf jeden Fall nicht, eher wie – Mitte zwanzig? Ich trank vorsichtig einen Schluck Bier, als müsste ich den Platz sofort räumen, sobald die Flasche leer war. Mitte zwanzig – ich weiß noch, wie ich damals überlegte, wie es sein würde, wenn ich eines fernen Tages die Frau meines Lebens kennenlernen, sie heiraten und Kinder kriegen würde. Ich wollte das alles unbedingt und hatte gleichzeitig panische Angst davor, statt der Frau meines Lebens versehentlich eine andere zu erwischen – die Falsche, mit der der Weg von der Hochzeit direkt in Richtung Scheidung führen würde. Die größte persönliche Niederlage, die ich mir in meinem Leben vorstellen konnte, war die einer gescheiterten Ehe. Ich konnte nicht sagen, warum mir das Szenario so realistisch erschien, zumal meine Eltern seit mehr als fünfzig Jahren glücklich verheiratet waren.

 

Mein Vater war fünfundvierzig Jahre alt gewesen, als ich zur Welt kam. Er war ein sehr lieber Papa gewesen, aber auch ein sehr, sehr alter. Zeit meines Lebens hatte ich mir vorgenommen, mit dem Kinderkriegen nicht so lange zu warten, und dabei anscheinend nicht gemerkt, wie schnell die Jahre verstrichen. Selbst wenn Laura morgen schwanger würde, wäre ich fast einundvierzig, wenn …

»Und, wie ist es?«

Eine neue WhatsApp unterbrach meine Gedanken, und ich war ganz froh darüber. Ich sah auf das Handy, das neben mir in der Ruderbootbank lag, und musste an die TV-Serie Raumschiff Enterprise denken, in der die Menschen wie selbstverständlich durch Zeit und Raum gebeamt worden waren. Etwas, das auch im Jahr 2025 immer noch unvorstellbar war und zugleich Wirklichkeit – denn dank des Handys war Laura jetzt neben mir, hier an der Schlei. Für das Pärchen, das meinen Standort gerade das dritte Mal passierte, musste es aussehen, als säße ich dort ganz allein mit einer fast leeren Flasche Bier. Aber das stimmte nicht.

»Schön ist es«, schrieb ich zurück.

3

Ich hatte erst nicht einschlafen können, weil es so ruhig gewesen war. Zu ruhig für einen, der normalerweise in der Großstadt lebt, und dann noch in Hamburg-Eimsbüttel, angeblich einer der am dichtesten besiedelten Flecken Deutschlands. Ich hatte an meinen Kumpel Lasse denken müssen, der auf einer Reise durch Namibia in irgendeiner Wüste wegen der Stille fast durchgedreht war und den Trip abbrechen musste. Davon war ich an der Schlei zwar weit entfernt; aber um überhaupt einschlafen zu können, brauchte es die beruhigenden Klänge einer Folge der Drei ???. Das wirkte immer.

Dass ich mitten in der Nacht wieder aufwachte, lag an einem Geräusch direkt neben meinem Kopf. Ich hatte mich auf das Schlafsofa gelegt, das im obersten Stockwerk stand. Eigentlich war es verboten, hier zu übernachten, weil es nur das kleine Guckloch im Giebel und somit keinen Fluchtweg gab. Trotzdem war ich als Kind immer hier oben gewesen, es hätte sich komisch angefühlt, jetzt woanders zu schlafen. Außerdem war es unterm Reetdach am gemütlichsten.

Ich schaute auf mein Handy. 2.34 Uhr.

Da war das Geräusch wieder. Es klang, als würde jemand aufs Dach klettern. Plötzlich war ich hellwach. Ein Marder, dachte ich, griff nach Pullover und Jeans. Ich zog mich an, während ich die Treppe hinunterlief, schlüpfte im Erdgeschoss in meine Turnschuhe und riss die Haustür auf. Ich hatte damit gerechnet, in eine stockdunkle Nacht zu treten, doch es war erstaunlich hell. Wie in der Kuppel des Hamburger Planetariums standen die Sterne über dem Haus, aber auch ihr Licht reichte nicht, um zu erkennen, was auf dem Reetdach vor sich ging. Ich ging zurück ins Haus in der Hoffnung, im Abstellraum oder in der Küche eine Taschenlampe zu finden. Sie lag auf dem Regal über der Waschmaschine. Der Lichtstrahl war nicht sehr stark, wahrscheinlich hätten die Batterien längst ausgewechselt gehört. Aber jetzt musste es reichen.

Ich schlich langsam um das Haus herum und leuchtete Meter für Meter das Reetdach ab. Als ich schon meinte, mich getäuscht zu haben, sah ich es: ein gar nicht so kleines Tier mit einem langen buschigen Schwanz. Der Marder hatte begonnen, einzelne Halme aus dem Reet zu klauben, wenn er so weitermachte, würde er bald drinnen bei meinem Bett herauskommen. Ich versuchte, ihn mit dem schwächer werdenden Licht der Taschenlampe zu verscheuchen. Als das nicht funktionierte, zog ich mein Handy aus der Hosentasche, gab »Heavy Metal« bei Youtube ein und tippte auf das erstbeste Lied, das mir vorgeschlagen wurde. Ich glaubte mich daran zu erinnern, dass man Marder mit lauter Musik vertreiben konnte. Der Song war schrecklich, aber genau das sollte er auch sein. Und was machte der freche Kerl? Hielt nur kurz inne, als wollte er sagen: Was ist denn da unten los?, um dann sein Werk unbekümmert fortzusetzen.

Ich steckte das Handy weg und sah mich nach etwas um, womit ich nach dem Marder werfen konnte. Ich fand ein paar mittelgroße Kieselsteine und versuchte vier-, fünfmal mein Glück. Ohne Erfolg. Der Marder tat, als hätte ihn nicht mindestens einer der Steine haarscharf verfehlt. Und jetzt? Ich fing an, zu klatschen und zu rufen, im Stil von Queens We will rock you: dumm-dumm-ahhhh, dumm-dumm-ahhhh. Endlich ließ der Marder vom Dach ab und flüchtete über den Carport in Richtung Schlei.

Ich lief ihm ein paar Schritte hinterher und übersah dabei einen Gartenschlauch, der nur notdürftig aufgewickelt worden war. Mein linker Fuß blieb hängen, ich verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Mir wurde schwarz vor Augen, was aber nur daran lag, dass mein Kopf durch den Sturz für einen kurzen Moment ins Gras gedrückt wurde. Bevor ich mich hochrappelte, blieb ich ein paar Sekunden liegen, um zu checken, ob ich mich nicht doch ernsthaft verletzt hatte. Hatte ich zum Glück nicht. Ich stand auf, klopfte mir die Erde und anderen Dreck, so gut es ging, von den Klamotten und ließ mich erschöpft in den Strandkorb sinken, der auf der Terrasse stand.

»So ein Mistvieh!« Ich atmete mehrmals tief durch, bevor ich mich zurücklehnte. Der Strandkorb war von der Besichtigung am Nachmittag, bei der die Melzer-Kinder darin herumgeturnt hatten, noch in der Liegeposition. Ich blickte direkt in den Himmel und in unzählige Sterne, die strahlten, als wären sie gerade angeknipst worden. Ein Lichtermeer am Meer. Ich musste an meine Mama denken, die mir nach dem Tod von Oma gesagt hatte, dass die nun für immer ein Stern am Firmament sei und auf uns alle aufpasse. Ich fand die Vorstellung sehr tröstlich, dass meine Großmutter nicht ganz weg war, sondern wenigstens ein leuchtender Punkt dort oben. Oma war es gewesen, die das Haus an der Schlei gekauft hatte, zusammen mit meinem Vater. Der hatte mir als Kind die Geschichte so oft erzählt, dass es sich irgendwann anfühlte, als hätte ich sie selbst erlebt.

Die beiden waren kreuz und quer durch den Norden gefahren, mit einem alten Porsche 911, den sich Oma mit Anfang siebzig gekauft hatte. Sie waren in Dänemark gewesen, an der Nordsee, an der Ostsee, schließlich an der Schlei. Eigentlich hatten sie die Hoffnung aufgegeben, etwas zu finden, das ihnen gefallen könnte und dabei bezahlbar war. Bis Oma ihren Sportwagen vorsichtig über das Kopfsteinpflaster in Maasholm steuerte und vor der Nummer fünf anhielt. Nicht weil sie gewusst hätte, dass das Haus zum Verkauf stand. Sondern weil an der Tür ein großes Namensschild prangte: »Olaf Jensen.«

Ich sah auf mein Handy, es war halb vier, höchste Zeit zu schlafen. Morgen hatte ich acht Besichtigungen geplant, jede volle Stunde eine. Die ersten Interessenten wollten um acht Uhr kommen, das waren nicht einmal mehr fünf Stunden, und was tat ich? Lag in einem Strandkorb und dachte an Olaf, der diesen Ort geliebt hätte.

Olaf Jensen war der Name des ersten Mannes meiner Oma gewesen. Sie hatten sich mitten im Zweiten Weltkrieg kennengelernt. Er musste ein Draufgänger gewesen sein, sowohl in der Liebe als auch im Krieg, und mindestens Ersteres hatte Elisabeth offenbar beeindruckt, die in einem der Heimaturlaube von der Front schwanger wurde von ihrem Olaf. Ich sah über mir zwei Sterne, die in diesem Moment besonders hell leuchteten und eng beieinanderstanden. Das könnten die beiden sein, dachte ich, endlich vereint, nachdem das Schicksal sie auf Erden getrennt hatte.

Olaf war bei einem der letzten Einsätze der Luftwaffe im Mai 1945 ums Leben gekommen. Seine Maschine stürzte ab, und meine Oma verbrachte den Rest ihres langen Lebens damit, den Leichnam ihrer großen Liebe zu suchen. Wenige Wochen vor ihrem Tod fand man Olafs sterbliche Überreste in einem Dorf in Niedersachsen, mehr als siebzig Jahre nach seinem Verschwinden. Die beiden wurden im selben Grab beerdigt.

Keine Geschichte war in unserer Familie öfter erzählt worden. In dem Haus an der Schlei, das einem anderen Olaf Jensen gehört und der es meiner Oma tatsächlich verkauft hatte, stand bis heute ein Bild von ihrem Olaf. Ganz oben im Regal im Wohnzimmer, von wo aus er auf alle herunterschaute. Erst auf meine Oma, dann auf meine Eltern und nun auf die Menschen, die dieses Haus kaufen wollten. Das Namensschild »Olaf Jensen« hing bis heute neben der Tür, lediglich an der Klingel war der Name meiner Eltern zu lesen, ganz klein: Wagner.

Mein Handy blinkte kurz auf, dann erlosch es. Der Akku. Ich war zum ersten Mal an diesem Tag wirklich allein. Und schlief ein.

4

»Ähem.«

Ich träumte von Oma Elisabeth, wie sie ihren Olaf am Ende des Heimaturlaubs zum Bahnhof brachte. Er gab ihr einen Kuss und streichelte über ihren Bauch, in dem mein Vater heranwuchs. Pass auf dich auf, Lisbeth, sagte er. – Und du auf dich, Olaf.

»Ähem.«

Ein Geräusch wie aus einer fernen Welt störte meinen Traum. War der Marder zurück? Bevor ich die Augen öffnete, berührte mich etwas an der Schulter. Sanft, aber doch so, dass ich mich erschreckte. Ich riss die Augen auf und starrte in das Gesicht einer jungen Frau, die genauso überrascht dreinblickte wie ich.

»Entschuldigung«, sagte sie, »wir haben geklingelt, und als keiner geöffnet hat, bin ich außen rumgegangen.«

Ich wusste nicht, wem die Situation unangenehmer war, ihr oder mir. »Sind Sie Herr Wagner? Wir wollten das Haus besichtigen«, sie zeigte auf die Mauer hinter mir, als könnte ich vergessen haben, wo ich war.

»Ich muss eingeschlafen sein«, sagte ich und benannte das Eindeutige.

»Schön haben Sie es hier«, sagte die Frau.

Das sagten alle, die ich in den kommenden Stunden unter dem kritischen Blick meines Opas durch das Haus führte. Die einen lobten den massiven Keramikofen im Wohnzimmer, der vom Vor-Vor-Vorgänger Olaf Jensens stammte, die anderen die moderne Küche, die meine Eltern vor knapp zehn Jahren eingebaut hatten und die wie neu aussah. Die meisten Interessenten waren Paare, drei hatten Kinder dabei. Es war putzig zu beobachten, wie jeder Einzelne von Fenster zu Fenster ging, um zu prüfen, ob man das Wasser sehen konnte. Was fast überall der Fall war.

Den meisten war anzumerken, wie schwer es ihnen fiel, ihre Begeisterung zu unterdrücken, um den Preis nicht unnötig in die Höhe zu treiben. Ein Haus am Wasser, nein, ein Haus an der Schlei. Was wollte man mehr? Zwei Paare machten mir noch auf der Terrasse ein Angebot, und auch die Familie mit dem schönen Nachnamen Engel war bereit, die gewünschte Summe zu zahlen. Thema durch, dachte ich und dass ich eigentlich die restlichen Besichtigungen am Sonntag absagen konnte.

»Wie läuft es?«, schrieb Laura am späten Nachmittag.

»Besser geht es nicht«, antwortete ich. »Das Haus ist quasi verkauft.«

»Dann kann ich ja schon mal nach Wohnungen im Viertel gucken.«

Ich schickte einen nach oben gestreckten Daumen zurück.

 

Normalsterbliche wie wir konnten sich in Eimsbüttel eigentlich keine eigene Wohnung leisten. Schon die Miete war eine Zumutung, für unsere achtzig Quadratmeter zahlten wir satte 2100 Euro warm. Aber kaufen? Die Quadratmeterpreise lagen in dem Stadtteil zwischen 9000 und 11.000 Euro, und mindestens hundert Quadratmeter sollten es dann schon sein. Wenn man sich nicht bis an sein Lebensende oder darüber hinaus verschulden wollte, war es so gut wie unmöglich, so viel Geld zu bezahlen. Es sei denn, man bekam fast 700.000 Euro für ein altes Haus an der Schlei.

 

Als die letzten Interessenten sich verabschiedet hatten, brummte mir der Schädel. Ich hatte immer und immer wieder dasselbe erzählt, die einzelnen Zimmer gezeigt, unzählige Fragen beantwortet. Jetzt trank ich erst mal einen halben Liter Wasser, in der Hoffnung, nicht doch eine Aspirin nehmen zu müssen.

Ich ließ mich wie in der vergangenen Nacht in den Strandkorb fallen und musste daran denken, wie mir meine Eltern bei einem meiner selten gewordenen Besuche bei ihnen in Berlin eröffnet hatten, dass sie sich von dem Haus an der Schlei trennen wollten. »Dein Vater fährt nicht mehr so gern Auto«, hatte meine Mutter gesagt und meinem Papa dabei über den Arm gestreichelt.

Früher hätte der auf so einen Satz etwas wie »Und deine Mutter ist noch nie Auto gefahren« geantwortet. Jetzt sagte er nur: »Alles hat seine Zeit.« Er war kurz vorher fünfundachtzig geworden. Mein sehr, sehr alter Vater war auf einmal wirklich sehr, sehr alt.

»Wenn wir könnten …«, fuhr er fort,

»… würden wir das Haus selbst verkaufen. Aber wir können nicht«, vollendete meine Mutter den Satz. Ich weiß noch, wie ich mich fragte, ob Laura das in vierzig Jahren genauso mit mir machen würde. Mein Papa und meine Mama waren ein so eingespieltes Team, dass der eine fast immer wusste, was der andere sagen wollte. Wenn sie sich ins Wort fielen, wirkte das nicht unhöflich, sondern liebevoll. Ich hatte die Worte meiner Eltern so verstanden, wie ich sie verstehen wollte: dass sie sich mit Dingen wie mit einem Hauskauf nicht auskannten, dass ihnen das zu viel Papierkram und auch sonst zu viel wäre. Dass sie es nicht ertragen könnten, andere Menschen durch ihr geliebtes Haus zu führen, verstand ich erst viel später.

»Mit dem Geld«, sagte meine Mutter,

»… kannst du machen, was du willst«, fiel mein Vater ein. »Früher oder später erbst du es ja sowieso.«

 

Ich hatte ein Multifunktionsshirt und eine kurze Trainingshose mitgenommen. Vor ein paar Monaten hatte ich mit dem Radfahren angefangen, um mit vierzig nicht zugeben zu müssen, dass ich seit Jahren überhaupt keinen Sport gemacht hatte. Ich befestigte mein Handy mit einem Klettverschluss an meinem linken Oberarm, setzte die Kopfhörer auf und fuhr mit dem ersten Takt der Musik los. Ich hörte seit kurzem beim Radfahren die Beatles, Yesterday genauso wie Let it be. Vielleicht, weil die Lieder meinem Tempo entsprachen, vielleicht, weil sie zu der melancholischen Stimmung angesichts des drohenden Geburtstags passten.

Ich fuhr aus Maasholm heraus, an der Werft der Familie Modersitzki vorbei, bei der Olaf Jensen früher ein Schiff liegen hatte. Zumindest hatte das die Werftbesitzerin meinen Eltern erzählt. Die ersten Minuten führte mein Weg direkt an dem Ausläufer der Schlei entlang, der das Noor genannt wurde und ein ideales Gebiet für all jene war, die Surfen lernen wollten. Viele der Häuser, die hier direkt am Wasser standen, waren zu Ferienwohnungen geworden, eine Idee, die mir für das Haus meiner Eltern interessanterweise nicht einen Moment gekommen war. Ich überquerte ein paar Hundert Meter nach dem Ortsschild die Straße und radelte weiter in Richtung Ostsee.

Der Übergang zwischen der Schlei und dem Meer war fließend. Ich fuhr unterhalb der Deichkrone entlang und konnte nach kurzer Zeit den Strand von Kronsgaard sehen, der wahrscheinlich der schönste hier oben war. Auf jeden Fall gab es in den Fotoalben meiner Eltern jede Menge Bilder, auf denen ich als kleiner Junge zu sehen war, mit roten Wangen und nacktem Hintern, buddelnd im Sand. Ich überlegte, bis zur Möwe Jonathan zu fahren, diesem ungewöhnlichen Restaurant in Pommerby, in dem es ausschließlich schwäbische Küche gab: keine Pommes, keinen Fisch, stattdessen Spätzle, Leberkäs, Fleischsalat und, wirklich wahr, Grießpudding. Ich erinnerte mich, dass wir jedes Mal die kleinen Portionen bestellt hatten, weil die großen nicht zu schaffen waren, und uns genauso jedes Mal wunderten, wenn wir tatsächlich auch kleine Preise bezahlten. Ob ich einen Tisch bestellen sollte?

Ich stoppte kurz hinter Kronsgaard und suchte die Nummer der Möwe Jonathan heraus. Es sprang nur ein Anrufbeantworter an. Dafür sah ich, dass eine SMS von meinem Kollegen Johann eingetrudelt war: »Hast du schon eine Idee?«

 

Unsere Agentur hatte vor drei Wochen zum ersten Mal den Zuschlag für eine Kampagne der Bundesregierung bekommen. Der neuen Bundesregierung, genauer gesagt, die Wahl war erst ein paar Monate her. Weil die Stimmung im Land angesichts der vielen Krisen allüberall so schlecht war, sollten wir uns etwas einfallen lassen, das Zuversicht vermittelte, Hoffnung und Mut. Das waren die Worte, die man uns in einem ersten Brainstorming zugeworfen hatte, sogar der Kanzleramtsminister war dabei gewesen.

»Habe noch keine Idee. Bin am Meer«, schrieb ich an Johann zurück. Der Wind hatte begonnen, den Schweiß in meinem Gesicht zu trocknen. Ich beschloss umzudrehen, während die Sonne unterging.

Erst auf dem Rückweg fiel mir das gedrungene, graue Haus in Hasselberg unweit des Strands auf. Ich hatte es aus meiner Kindheit als eine Mischung aus Pommesbude, Eisladen und Strandkorbverleih abgespeichert. Immer, wenn meine Eltern einen Strandkorb gemietet hatten, hatte ich den Schlüssel, der an einem riesigen Stück Holz mit der Nummer hing, zurückbringen müssen. In dem grauen Haus hatte ein uralter Mann mit sonnengegerbter Haut und bratpfannengroßen Händen gesessen, der den Schlüssel wortlos entgegennahm, solange ich pünktlich war. Aber wehe, ich kam ein, zwei oder gar drei Minuten zu spät, dann brummelte er Sätze wie »Eigentlich müsste ich jetzt einen neuen Tag berechnen« oder »Was bin ich froh, wenn diese verdammte Urlaubssaison vorbei ist« in seinen schlohweißen Bart. Der Typ hatte mich an Long John Silver aus der Schatzinsel erinnert, einem meiner Lieblingsbücher.

Jetzt war er weg und das graue Haus nicht wiederzuerkennen. »Mehr Meer« stand in geschwungenen Buchstaben über der Tür. Durch die Fenster konnte ich schicke weiße Tische und Stühle sehen und große Bilder mit Meeresszenen und Einrichtungsgegenständen wie aus der Schöner Wohnen, der Illustrierten, die meine Mutter las, seit ich denken konnte.

Wie hatte mir das Café auf dem Hinweg nicht auffallen können? Ich checkte, ob ich Geld dabeihatte, und stellte das Rad in einem Ständer vor dem Gebäude ab. Dann zog ich die Tür auf, ging hinein und setzte mich auf den letzten freien Platz. Der Laden könnte, so schick, wie er war, auch in Hamburg stehen, dachte ich, als eine Bedienung an meinen Tisch trat. Ich war noch in die Speisekarte vertieft und überlegte, ob ich nur etwas trinken oder gleich auch essen sollte, als eine Stimme mich fragte: »Konstantin, bist du das?«

5

Weil alle Ruderbootbänke unweit unseres Hauses besetzt waren, wechselte ich an diesem Abend auf die andere Seite Maasholms, wo die Schlei sich ebenso entlangschlängelte. Das war nur ein kurzer Fußmarsch. Auf dem Weg holte ich diesmal gleich zwei Flaschen Flensburger beim Imbiss von Hansen. Der Chef selbst reichte sie mir über den Tresen. Während seine Mitarbeiterinnen, die unentwegt Pommes frites und Currywürste in eine der Fritteusen warfen oder Fischbrötchen belegten, Polohemden mit der Aufschrift »Imbiss Hansen« trugen, stand auf dem Shirt des Bosses nur: »Hansen himself«.

»Nimm zwei, dann haste eins mehr, mien Jung«, sagte er, als er mir die Bierflasche reichte. Ich bestellte noch ein Krabbenbrötchen, obwohl ich im Mehr-Meer-Café schon eine große Portion Milchreis gegessen hatte, und ging über den Campingplatz am Maasholmer Hafen in Richtung Wasser. Dort ließ ich mich in den Sand plumpsen und ploppte das Bier auf, das Brötchen hatte ich im Gehen verdrückt.

Weil ich mein Handy im Haus meiner Eltern vergessen hatte, hatte ich keine Ahnung, wie spät es war. Ich wusste nur, dass es sich nicht so anfühlte, als wäre ich erst seit gut vierundzwanzig Stunden hier oben. Es kam mir viel länger vor, aber anders als in meiner Kindheit war dies keine unangenehme Erkenntnis. Und das lag nicht nur an Emma.

Na ja, vielleicht ein bisschen.

Emma war das erste Mädchen, das ich geküsst hatte, und zwar genau hier, wo ich jetzt saß, rechts ein Bier, links ein Bier. Emma war vierzehn gewesen, fünf Monate älter als ich. Wir hatten uns im Sommer 1998 bei einem Surfkursus im Noor kennengelernt, und sie war dem Irrtum auf den Leim gegangen, dem damals viele aufsaßen, wenn sie mich sahen. Weil ich sehr früh sehr stark gewachsen war, sah ich mit dreizehn aus wie sechzehn. Als Teenager hatte ich deshalb auch fast immer ältere Freundinnen gehabt. Emma war die erste.

Sie war etwas kleiner als ich, hatte dunkelblonde, lange Haare gehabt und eine unverschämt braune Haut. Wann immer wir im Surfkursus eine Pause machten und an Land paddelten, war sie die Erste, die den Neoprenanzug nach unten rollte. Darunter trug sie abwechselnd ein rotes und ein pinkes Bikinioberteil, das aus zu wenig Stoff bestand, um nicht ständig zu verrutschen. Ich war nicht der einzige Junge in der Gruppe, den das wuschig machte. Aber ich war der einzige, der Emma küssen durfte.