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In "Am Hofe August des Starken" entführt uns Józef Ignacy Kraszewski in das prunkvolle und intrigante Leben am sächsischen Hof des frühneuzeitlichen Königs August II. Der Roman verwebt historische Fakten mit fiktiven Charakteren und bietet ein facettenreiches Bild der Machtspiele und gesellschaftlichen Strukturen des 18. Jahrhunderts. Kraszewski nutzt eine reichhaltige, oft barocke Sprache, die es dem Leser ermöglicht, die farbigen Kostüme, das höfische Zeremoniell und die emotionalen Konflikte der Akteure wirklich nachzuvollziehen. Die Erzählung ist sowohl eine Schilderung der politischen Ambitionen als auch eine tiefgreifende Untersuchung menschlicher Beziehungen in einer Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit. Kraszewski, ein vielseitiger polnischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war nicht nur literarisch aktiv, sondern auch ein scharfer Beobachter seiner Zeit. Sein Interesse für Geschichte und sein Engagement für die polnische Identität flossen in seine Werke ein und prägten seinen Stil. Seine Reise durch verschiedene europäische Kulturen und politisches Geschehen stärkte seine Fähigkeit, komplexe Charaktere zu schaffen und das soziale Gefüge seiner Epoche lebendig zu machen. "Am Hofe August des Starken" ist ein fesselndes Werk, das nicht nur Geschichtsinteressierte ansprechen wird, sondern auch Leser, die sich für das Zusammenspiel von Macht, Intrigen und Menschlichkeit begeistern. Kraszewskis Meisterwerk fordert zur Reflexion über die Natur der Macht und die Konsequenzen höfischen Lebens auf und sollte in keiner Bibliothek fehlen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen barocker Glanzentfaltung und brüchiger Staatsmacht entfaltet sich am Hofe Augusts des Starken das dauernde Ringen zwischen persönlichem Begehren, höfischer Gunst und politischer Vernunft, ein Spiel aus Anziehung und Abwehr, aus Versprechungen, die Glanz versprechen, und Verpflichtungen, die Freiheit kosten, in dem Figuren um Sichtbarkeit, Einfluss und Sicherheit kreisen, während die Kulisse aus Festen, Ritualen und symbolischen Gesten die Unsicherheiten der Macht eher verhüllt als behebt und die Frage offenhält, ob Loyalität in einer Welt kalkulierter Nähe mehr Schutz bietet als Distanz oder ob beides nur andere Namen für Abhängigkeit sind.
Józef Ignacy Kraszewski, einer der produktivsten Romanciers des 19. Jahrhunderts, verortet dieses Werk als historischen Roman an den Höfen Dresdens und Warschaus im frühen 18. Jahrhundert, als der sächsische Kurfürst August der Starke zugleich König von Polen war. Am Hofe August des Starken gehört zu Kraszewskis umfangreichen historischen Zyklen, in denen er politische und gesellschaftliche Prozesse aus der Vergangenheit in erzählerische Formen bringt. Entstanden im späten 19. Jahrhundert, nähert sich der Roman seiner Epoche mit dem Anspruch quellennaher Anschaulichkeit und bietet deutschen Lesern mit seinem Titel eine klare Setzung des Schauplatzes: die Welt der sächsisch-polnischen Personalunion.
Die Ausgangssituation führt in einen Hof, der seinen Ruhm aus Kunstsinn, Bauprojekten und einer sorgfältig inszenierten Repräsentation bezieht, während außenpolitische Verpflichtungen und innere Rivalitäten nach Aufmerksamkeit verlangen. Die Erzählung setzt dort an, wo Alltägliches und Staatsgeschäft ineinander greifen: in Audienzen, auf Korridoren, bei Festen und in den Kabinetten, in denen Entscheidungen vorbereitet werden. Leserinnen und Leser begegnen Diplomaten, Höflingen, Geistlichen und Offizieren, die mit Titeln, Gunstbezeugungen und Zugängen handeln, ohne dass die Handlung auf einen einzelnen Helden verengt würde. Daraus ergibt sich ein breiter Blick, der die Mechanik eines Systems erhellt, bevor es einzelne Schicksale zuspitzt.
Kraszewskis Erzählerstimme ist zugleich panoramisch und aufmerksam für Details: Sie schildert Räume, Kleidung, Protokolle und Gesten mit einem Sinn für soziale Bedeutung, ohne den Fluss zu belasten. Der Stil verbindet eine ruhige, bisweilen chronikalische Übersicht mit lebhaften Dialogen, die Spannungen offenbaren, ohne sie auszuerzählen. Der Ton bleibt überwiegend nüchtern und beobachtend, mit feinen ironischen Brechungen dort, wo die Selbstinszenierung der Mächtigen den Blick auf das Fragile ihrer Position freigibt. So entsteht ein Leseerlebnis, das weniger auf Sensation als auf Verdichtung setzt und seine Spannung aus der Konsequenz kleiner Verschiebungen bezieht.
Zentrale Themen sind Macht und ihre Inszenierung, die Ökonomie der Gunst und der Preis der Nähe, Loyalität und Verrat, aber auch kultureller Austausch zwischen Sachsen und der polnisch-litauischen Adelskultur. Der Roman zeigt, wie öffentliche Rituale, Kunst und Architektur nicht nur Dekor, sondern Werkzeuge der Politik sind. Ebenso deutlich wird, wie persönliche Bindungen – familiäre, amoröse, klientelistische – politische Entscheidungen färben, ohne sie vollständig zu determinieren. Indem die Erzählung Interesse, Status und Gewissen in wechselnden Konstellationen beleuchtet, legt sie frei, dass Stabilität oft nur ausbalancierte Instabilität ist und dass Handlungsräume stets umkämpft bleiben.
Für heutige Leserinnen und Leser ist das Buch relevant, weil es Mechanismen sichtbar macht, die in modernen Demokratien unter anderen Namen fortbestehen: Politik als Inszenierung, Macht als Netzwerk, Einfluss als Ressource, die über Nähe, Sprache und Symbolgebrauch verhandelt wird. Die Darstellung höfischer Patronage erhellt Strukturen, die sich in Lobbyismus, Medienauftritten und informellen Verhandlungen wiedererkennen lassen. Zugleich eröffnet der Blick auf die Personalunion zwischen Sachsen und Polen Perspektiven auf europäische Verflechtungen, Identitätspolitiken und die Übersetzbarkeit von Interessen über kulturelle Grenzen hinweg. Das Werk lädt dazu ein, gegenwärtige Konflikte in ihrer historischen Tiefendimension zu lesen.
Wer sich für Historienromane interessiert, die politische Prozesse nicht vereinfachen, sondern in ihren sozialen Texturen zeigen, findet hier eine dichte, kenntnisreiche Erzählung. Am Hofe August des Starken bietet eine Welt aus Pracht und Protokoll, die nie bloße Kulisse bleibt, sondern Handlungsmotor und Erkenntnisinstrument ist. Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit, belohnt aber mit einer fein austarierten Dramaturgie, die ohne Effekthascherei Spannung erzeugt. Gerade weil der Roman auf sichere Fakten gründet, ermutigt er zum Weiterdenken über Glaubwürdigkeit, Verantwortung und die Versuchungen der Nähe zur Macht – Fragen, die weit über seine Epoche hinausweisen.
Józef Ignacy Kraszewski entwirft in Am Hofe August des Starken ein vielschichtiges Bild der sächsisch-polnischen Epoche, in der der Dresdner Glanz und die polnische Königswürde aufeinanderprallen. Gleich zu Beginn führt der Roman in die Räume des Hofes, wo Etikette, Festlichkeiten und diskrete Absprachen den Ton angeben. Der Schauplatz wirkt zugleich verführerisch und bedrückend, denn hinter dem Prunk liegen soziale Spannungen und politisches Kalkül. Kraszewski ordnet Figuren und Milieus so, dass die Mechanik des Hoflebens sichtbar wird: Gunst, Gerüchte und Geschenke entscheiden über Karrieren, während sich die größeren Linien europäischer Politik unaufdringlich am Horizont abzeichnen.
Im Zentrum steht der Herrscher, als charismatische, kraftvolle Erscheinung gezeichnet, die zwischen dem sächsischen Kurstaat und der polnisch-litauischen Adelsrepublik vermitteln muss. Seine Suche nach Glanz und Anerkennung wird zur Bühne, auf der Minister, Höflinge und Gesandte um Einfluss ringen. Der König stützt sich auf Patronage, militärische Stärke und symbolische Politik, doch jede Geste hat einen Preis. Kraszewski zeigt frühe Risse: rivalisierende Klüngel, widersprüchliche Erwartungen der Stände und das Drängen ausländischer Mächte. Damit setzt der Roman den Grundkonflikt, in dem persönliche Neigungen und Staatsräson unauflösbar verknüpft bleiben und jede Entscheidung neue Abhängigkeiten erzeugt.
Vor diesem Hintergrund steigt eine Höflingsdame zur Favoritin auf, deren Nähe zum Monarchen rasch politische Bedeutung erhält. Ihr Aufstieg löst Bewunderung und Missgunst aus, und er verschiebt die Gewichte zwischen alten Familien und ehrgeizigen Neulingen. Parallel dazu festigt ein erfahrener Staatsdiener seine Stellung, indem er Akten, Audienzen und Zugänge kontrolliert. Ein Wendepunkt markiert der Moment, in dem Gunst in konkrete Macht umschlägt: Bittsteller drängen sich, Patronageketten verlängern sich, und Gegner suchen nach Angriffspunkten. Kraszewski lässt erkennen, wie schnell sich Loyalitäten verflüssigen, sobald Hoffnungen auf Ämter und Renten oder die Furcht vor Verlusten überhandnehmen.
Von Dresden weitet sich der Blick nach Warschau und in die Provinzen, wo die politischen Praktiken der Adelsrepublik mit Hofstrategien kollidieren. Sejmsitzungen, lokale Bündnisse und konfessionelle Spannungen erschweren verlässliche Mehrheiten. Der König setzt auf Zeremoniell, Reisen und persönliche Vorsprachen, um Zustimmung zu sichern, stößt jedoch auf das Misstrauen autonomer Magnaten. Ein weiterer Wendepunkt entsteht, als eine heikle Entscheidung im polnischen Kontext die Dresdner Gleichgewichte beeinträchtigt. Das zeigt, wie eng Innen- und Außenräume des Doppelreichs verbunden sind: Ein Triumph am Hof kann sich in den Landtagen in Skepsis verwandeln, und umgekehrt.
Der äußere Druck nimmt zu: militärische Verpflichtungen, Finanznöte und die diplomatischen Folgen europäischer Konflikte durchziehen die Handlung. Während das Hofleben seinen Rhythmus aus Jagden, Festen und Maskeraden behauptet, gewinnen Gerüchte Kontur und verknüpfen Privatleben und Staatsgeschäft. Ein gesellschaftlicher Eklat macht verletzliche Stellen sichtbar und zwingt Minister zu Gegenmaßnahmen. Absprachen im Verborgenen, umgestellte Allianzen und vorsichtig dosierte Indiskretionen verschieben die Fronten. An diesem Punkt legt Kraszewski die Funktionsweise eines Systems offen, das sich selbst unter Stress durch Rituale stabilisiert, jedoch mit jedem Kompromiss neue Sollbruchstellen produziert.
Die Folgen treten schrittweise ein: die Favoritin gerät unter Beobachtung, Vertraute werden kaltgestellt, und der Kreis der Zutrittsberechtigten verengt sich. Entscheidungen fallen nicht offen, sondern in Randzonen der Macht, wo Briefe, Boten und kleine Gesten Signale ersetzen. Ein letzter größerer Einschnitt zeichnet sich ab, als der Monarch seinen Handlungsspielraum neu ordnet und die Gewichte zwischen Sachsen und Polen justiert. Kraszewski vermeidet grelle Enthüllungen und zeigt stattdessen den leisen Verschleiß von Machtpositionen. Was als persönlicher Triumph begann, kippt in eine Lage, in der Klugheit und Geduld über bloße Nähe zum Thron entscheiden.
Am Ende bleibt weniger eine einzelne Auflösung als das Panorama eines politischen Organismus, der aus Glanz, Berechnung und verletzlichen Eitelkeiten besteht. Kraszewski macht erfahrbar, wie höfische Favoritismen staatliche Entscheidungen formen und wie die Besonderheiten der polnisch-litauischen Ordnung den sächsischen Absolutismus begrenzen. Die leitende Idee ist die Prekarität der Gunst: Sie kann Karrieren tragen und zugleich ganze Systeme erschüttern. Dadurch wirkt das Werk über seine Epoche hinaus, als Studie über Mechanismen der Macht und die Kosten von Repräsentation. Es lädt dazu ein, im Glitzer die Risse zu erkennen, ohne das konkrete Schicksal einzelner Figuren vorwegzunehmen.
Das Geschehen, auf das Józef Ignacy Kraszewski in Am Hofe August des Starken zurückgreift, spielt im frühen 18. Jahrhundert zwischen Dresden und Warschau. Prägend sind die Personalunion des Kurfürstentums Sachsen mit der polnisch‑litauischen Adelsrepublik sowie die Institutionen des Dresdner Hofes und des polnischen Sejm. Die Wettiner herrschen in Sachsen im Rahmen landständischer Ordnung, während in der Rzeczpospolita die Wahlmonarchie, die pacta conventa und das liberum veto die Politik bestimmen. Konfessionell trifft ein lutherisches Sachsen auf die katholische Krone Polens. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich Hofkultur, Diplomatie und Kriegsführung unter August II., genannt August der Starke.
1697 erlangte Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen durch die Wahl der polnischen Szlachta die Krone als August II. Seine Konversion zum Katholizismus, im selben Jahr in Baden bei Wien vollzogen, war Voraussetzung für die Krönung in Krakau. Er akzeptierte die Henricianischen Artikel und pacta conventa, die seine Macht in der Rzeczpospolita begrenzten. In Sachsen blieb die lutherische Konfession Staatsreligion, was eine institutionelle Trennung zwischen Land und Krone erforderte. Die Personalunion brachte dem Dresdner Hof neue Bedeutung, band ihn jedoch an die komplexe Verfassungsordnung und an die rivalisierenden Magnatenfamilien der polnisch‑litauischen Adelsrepublik.
Unmittelbar nach Amtsantritt stieg August II. in die Große Nordische Kriegskonstellation ein. 1700 verbündete er sich mit Russland und Dänemark‑Norwegen gegen Schweden unter Karl XII. Die frühen schwedischen Siege führten in der Rzeczpospolita 1704 zur Erhebung Stanisław Leszczyńskis als Gegenkönig. Durch den Frieden von Altranstädt 1706 musste August II. vorübergehend auf die polnische Krone verzichten und schwedische Forderungen anerkennen. Nach der Niederlage Schwedens bei Poltawa 1709 kehrte er mit russischer Unterstützung auf den Thron zurück. Krieg, Besatzungen und Kontributionen belasteten Sachsen und Polen‑Litauen schwer und verschoben die Machtbalance dauerhaft zugunsten Russlands.
Der Dresdner Hof wurde unter August II. zu einem Zentrum des Barock. Der Zwinger entstand ab 1709 nach Entwürfen Matthäus Daniel Pöppelmanns, mit plastischem Schmuck von Balthasar Permoser; Festarchitektur und höfische Feste demonstrierten Rang und Ambition. Die Hofkapelle galt europaweit als erstklassig: Musiker wie Johann Georg Pisendel, der Geiger Francesco Maria Veracini und der Lautenist Sylvius Leopold Weiss prägten das Musikleben. Kunstankäufe und Schutz der Bildhauerei und Malerei förderten Dresdens Ruf als „Elbflorenz“. Diese Prachtentfaltung stand im Kontrast zu den fiskalischen Belastungen und politischen Konflikten, die durch Krieg, Bündnisse und Wahlmonarchie gleichzeitig verschärft wurden.
Ein Schlüsselprojekt der Ära war die Gründung der Meissener Porzellanmanufaktur 1710 in der Albrechtsburg. Auf der Grundlage der Forschungen Ehrenfried Walther von Tschirnhaus’ und der Arbeiten Johann Friedrich Böttgers gelang in Meißen erstmals in Europa Hartporzellan. Das neue Luxusgut stärkte Prestige und Einnahmen, belieferte den Hof und europäische Märkte und wurde zu einem Symbol sächsischer Technik‑ und Kunstförderung. Gleichwohl verschlangen Hofhaltung, Bauprogramme und Krieg erhebliche Mittel. In Polen‑Litauen erschwerten die Zustimmungsrechte der Stände stabile Steuern und Heeresreformen. So kontrastierten wirtschaftliche Inseln der Modernisierung mit strukturellen Finanzproblemen beider Herrschaftsbereiche der wettinischen Personalunion.
Die politische Ordnung der Rzeczpospolita beruhte auf Adelsfreiheiten und regionalen Machtzentren. Das liberum veto konnte einen gesamten Sejm sprengen; in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts häuften sich Blockaden. Bedeutende Magnatenhäuser wie die Potocki, Radziwiłł und Czartoryski konkurrierten um Ämter, Klientel und Einfluss auf den Thron. 1715/1716 formierte sich die Tarnogroder Konföderation gegen königliche und sächsische Truppen. Ihre Beilegung führte 1717 zum Stummen Sejm, der unter russischer Vermittlung Militär‑ und Finanzrahmen festschrieb und die königliche Macht begrenzte. Damit institutionalisierten sich äußere Einflussnahme und innenpolitische Lähmung, die Augusts Handlungsspielräume deutlich einschränkten.
Mit dem Frieden von Nystad 1721 bestätigte sich Russlands Vorrangstellung im Ostseeraum. August II. suchte durch Bündnisse mit Wien und Projekten maßvoller Heeresreform Gegengewichte, blieb jedoch von Sejm‑Zustimmungen und auswärtigen Garantien abhängig. In Sachsen formte die Hofkanzlei eine außenpolitische Achse, während im Reich die Stellung als Kurfürst fortwirkte. Nach Augusts Tod 1733 eskalierte die Thronfolge in der Wahl von Stanisław Leszczyński und Friedrich August II. (August III.) und mündete in den Polnischen Thronfolgekrieg. Die Auseinandersetzung zeigte, wie sehr die Krone von Habsburg, Russland und Frankreich abhängte und wie begrenzt wettinische Gestaltungsmacht blieb.
Józef Ignacy Kraszewski (1812–1887) verfasste seine Romane über die sächsische Zeit im 19. Jahrhundert, als Polen unter Teilungsmächten stand. Mit Quellenstudien und populärer Erzählweise zeichnet er Hof, Magnaten und Diplomatie als Spiegel struktureller Schwächen der Wahlmonarchie. Am Hofe August des Starken fungiert – ähnlich wie Gräfin Cosel (1873) und Brühl (1874) – als literarischer Kommentar zu Pracht, Intrige und auswärtiger Einflussnahme jener Epoche. Ohne die Ereignisse zu verklären, kontrastiert das Buch barocke Kulturleistungen mit politischer Ohnmacht. So verdeutlicht es, warum die sächsisch‑polnische Verbindung zugleich Glanz entfaltete und Reformen an verfassungsrechtlichen und geopolitischen Hürden scheiterten.
Es war im Herbste[1q]. Im königlichen Schlosse zu Dresden, das schwarz und finster über die dunklen Schatten, welche es umgaben, hoch emporragte, herrschte Grabesstille. Der August war kaum zu Ende, die Zeit der Regen und eiskalten Winde noch nicht gekommen, alle Bäume trugen noch ihren vollen Blätterschmuck. Wenngleich die Tage zu dieser Jahreszeit schön, die Nächte lau und klar zu sein pflegen, stürmte es in jener Nacht, da unsere Erzählung beginnt, dennoch mit geradezu winterlichem Ungestüm. Ein kalter, von Norden kommender Wind jagte die dunklen Wolken über den Himmel, zerriß sie und drängte sie wieder zusammen, so daß der blasse Schimmer der Sterne kaum auf Augenblicke sichtbar war.
Am Sanct Georgs-Thor, vor dem Gitter des Schlosses und in den Höfen desselben gingen schweigende Schildwachen langsam auf und nieder. Die Fenster der königlichen Empfangssäle, denen sonst die rauschenden Klänge entzückender Tanzweisen, der Glanz von tausend und abertausend Kerzen entströmten, starrten heute lichtlos in die Nacht hinaus.
Diese Ruhe, diese Todtenstille war eine Seltenheit am Hofe August's II., den man den Starken nannte und der diesen Beinamen in der That verdiente. Besaß er doch die Kraft, nicht allein Hufeisen, sondern auch Herzen zu brechen, ließ er sich doch von keinerlei Mißgeschick und Kummer bewältigen, blieb er doch immer unerschütterlich, unbeugsam.
Der Dresdener Hof hatte sich durch seinen Glanz einen europäischen Ruf erworben, die Verschwendung, die Pracht, welche dort herrschten, suchten ihresgleichen.
In diesem Jahre aber war August der Starke durch einen schweren Schlag getroffen worden; die polnische Krone, die er sich mit solchen Unkosten erworben hatte, war ihm durch den Schweden entrissen worden, der ihn noch vollends aus Polen vertrieben hatte. Jetzt stand er von neuem auf sächsischem, ererbten eigenen Boden und grübelte über die Wechselfälle des Lebens nach, beweinte sowohl den Wankelmuth der Polen als die Millionen, welche ihn die Königskrone jenes Landes gekostet hatte.
Daß die Polen August den Starken[1], den so liebenswürdigen, edlen Monarchen, nicht anbeten, für ihn nicht in den Tod gehen wollten, war sowohl dem König als seinen Unterthanen geradezu unbegreiflich. Er zeihte sie, die Polen, des schwärzesten Undanks. Um August's Erbitterung nicht zu steigern, vermied es seine Umgebung aufs sorgfältigste, ein Wort über die Polen oder die Schweden in seiner Gegenwart fallen zu lassen und auf die jüngsten verhängnißvollen Ereignisse anzuspielen, die höchst demüthigend gewesen und für welche König August sich dereinst glänzende Genugthuung zu verschaffen hoffte.
In Dresden lebte man seit der Rückkehr des Königs wieder in Saus und Braus. Man mußte sich doch Mühe geben, die umdüsterte Stirne des liebenswürdigen Monarchen aufzuheitern! Um so auffälliger war daher die tiefe Stille, welche heute im Schlosse herrschte. Die Vorübergehenden waren darüber höchlich verwundert. Wußte man doch, daß der König sich in Dresden befand, hieß es doch, daß er den Entschluß gefaßt habe, Fest an Fest zu reihen, um Karl XII. von Schweden, seinem Feinde, Aerger zu bereiten und ihm zu beweisen, daß dem starken August das erlittene Mißgeschick nicht sehr zu Herzen gegangen war.
Wer aber in jener stürmischen Nacht bis in den zweiten Hofraum des Schlosses gedrungen wäre, hätte sofort erkannt, daß im Innern des Palais noch reges Leben herrschte.
Die Fenster der ersten Etage waren trotz des kalten Wetters weit geöffnet und durch die Lücken der nicht ganz geschlossenen schweren Vorhänge drang ein heller Lichtstrom. Von Zeit zu Zeit ertönte im Innern der königlichen Gemächer ein lautes Gelächter, auf das ein bald leises, bald lauteres Murmeln mehrerer Stimmen oder auch momentanes Stillschweigen folgte. Oft brach nach einer Rede eine Salve stürmischen Beifalls los und dabei erklang von neuem jenes schallende Gelächter, ein wildes, ausgelassenes Lachen, welches nur von einem Manne kommen konnte, der sich nicht davor zu fürchten brauchte, daß man ihn so lachen höre, daß man ihm dies als unschicklich anrechnen werde.
So oft dieses wilde Gelächter erscholl, hielt die Schildwache unten im Hofe still und blickte secundenlang zu den hell erleuchteten Fenstern hinauf, um dann seufzend ihre monotone Wanderung von neuem fortzusetzen.
Der Contrast zwischen dem anscheinend ausgestorbenen Schlosse, der stummen Stadt, den entfesselten Elementen und der königlichen Orgie war geradezu von peinlicher, fast unheimlicher Wirkung.
Seit jener seltsame Wahnwitzige, der sich Karl XII. nannte, August den Starken besiegt hatte, versammelte dieser seine Freunde immer häufiger zu schwelgerischen Gelagen. König August schämte sich seiner Niederlage derart, daß er es geflissentlich vermied, öffentlich zu erscheinen. Selbst bei Hofe zeigte er sich nicht. Da der Vergnügungssüchtige aber ohne Zerstreuung nicht existiren konnte, war er auf den Gedanken verfallen, die Zeit im Kreise seiner Vertrauten mit Trinken todtzuschlagen.
Es wurde da goldener, köstlicher ungarischer Wein aufgetragen, welcher aus Reben stammte, die alljährlich unter der Aufsicht königlicher Abgesandter abgelesen und gekeltert wurden. Der König ließ die Becher ohne Unterbrechung füllen und leeren, bis endlich der Tag graute, die schlaf- und weintrunkenen Gesellen zu Boden sanken und August lachend sich erhob, um von Hoffmann, seinem Lieblingskammerdiener, unterstützt, das Lager aufzusuchen.
Zu diesen bacchantischen Gelagen wurden nur die Vertrauten des Königs gezogen, weil August, wie man sagte, den Personen, welche er nicht liebte, im weinseligen Zustande höchst gefährlich werden konnte. August's herkulische Kraft machte seinen Zorn fürchterlich. Außerdem besaß der König eine unbegrenzte Gewalt. In den Morgenstunden, wenn er noch nüchtern war, pflegte er sich zu beherrschen. Zwar wurde sein Gesicht im Zorn feuerroth, die Augen schossen Blitze und die Lippen bebten, allein er blieb immer Herr seiner selbst und wandte nur Demjenigen, welcher seinen Zorn erregt, mit einer brüsken Bewegung den Rücken. Anders am Abend. Wehe dem, der ihn Abends reizte! Der Unglückliche, welcher August erzürnte, konnte, ehe er sich's versah, zum Fenster hinausfliegen, um sich die Hirnschale auf dem Pflaster des Hofes zu zerschmettern.
Zum Glück stellten sich diese Zornesanfälle selten ein. Im Privatleben, in intimen Kreisen war August ja der liebenswürdigste, nachsichtigste, gütigste Gebieter der Welt; ja man hatte gar oft bemerkt, daß seine Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit in dem Maße stiegen, als seine Antipathie gegen Jemanden zunahm. Sein Naturell war eben edel und barmherzig und drängte ihn, Diejenigen zu trösten, die er vernichten – mußte. So geschah es, daß Diejenigen, welche auf seinen Befehl nach dem Königstein[3] abgeführt werden sollten, nach jener Festung, wo die in Ungnade gefallenen Günstlinge August's häufig jahrelang schmachteten, am Vorabend vor ihrer Verhaftung von dem König immer herzlichst umarmt wurden, als wären sie seine besten und liebsten Freunde.
Sich zu unterhalten, das war es hauptsächlich, wonach August strebte. Kein Wunder daher, wenn er sich zuweilen heißhungerige Bären vorführen ließ und sich an dem Schauspiel ergötzte, sie einander auffressen zu sehen. Auch liebte er es, seine Günstlinge betrunken zu machen und sie alsdann gegen einander aufzuhetzen. Wenn die weintrunkenen Gesellen handgemein wurden, wie herzlich konnte August da lachen! Der Anblick war ja so drollig.
Zwietracht in die Geister der Höflinge zu säen, war für den König eine leichte Sache. Kannte er doch die Verhältnisse, ja die Geheimnisse jedes Einzelnen genau. Was immer bei Hofe geschehen mochte, das erfuhr August durch seine Spione, die sich auch gegenseitige Angebereien zu Schulden kommen ließen. Nichts entging ihm, und was er nicht sehen konnte, das errieth er. Niemand wußte, wer den König von allem, was vorging, in Kenntniß setzte. Jedermann beargwöhnte seinen Nächsten; der Bruder fürchtete den Bruder, der Gatte die Gattin, die Eltern ihre Kinder.
August den Starken aber erheiterte die Angst dieser guten Leute; er konnte über ihren panischen Schrecken laut auflachen. Es unterhielt ihn, von der Höhe seines Thrones aus der Komödie des Lebens zuzusehen, doch verschmähte er es nicht, sich zuweilen an derselben zu betheiligen und die Rolle des Herkules oder des Apollo zu spielen. Am Abend übernahm er aber am liebsten die des Bacchus.
Der Saal, in welchem sich der König und dessen Gäste befanden, war glänzend erleuchtet. Glitzerndes, blankes Krystall- und Silbergeräth stand auf den eichenen Consolen, ein silbernes Faß mit goldenem Reif thronte auf dem Buffet, in dessen Nähe, rings um einen länglichen Tisch aus geschnitztem Eichenholz, die Genossen der schwelgerischen Gelage des Königs saßen. Unter ihnen bemerkte man den vor Kurzem aus Rom zurückgekehrten Grafen Taparel Lagnasco, Wackerbarth aus Wien, Watzdorf, den sogenannten »Bauern von Mansfeld«, Fürstenberg, Friesen, Vitzthum, Hoym und den berühmten Friedrich Wilhelm Freiherrn von Kyau, einen der geistreichsten Männer seiner Zeit, der, mit unversiegbarem Witze begabt, trotz seiner ewig ernsthaften Miene die Fähigkeit besaß, die betrübtesten, verdrießlichsten Menschen zum Lachen zu bringen.
Starr vor sich hinsehend, einen düsteren, brütenden Ausdruck auf dem sonst so heiteren Gesichte, saß August am oberen Ende des Tisches, das Haupt auf den auf der Lehne des Sessels ruhenden Arm gestützt. Die leeren Flaschen, welche neben seinem Pocal vor ihm auf dem Tische standen, lieferten den Beweis, daß er nicht eben jetzt zu zechen begonnen. Indes hatte der göttliche Nektar heute nicht die gewöhnliche Wirkung gehabt, sein goldener Reflex war noch nicht auf die düsteren Gedanken des Fürsten gefallen, dessen ganzes Wesen Schwermuth athmete.
Die Gäste nahmen wiederholt einen Anlauf, ihren Gebieter zu erheitern. Vergebens! Träumend starrte er ins Leere; er sah sie nicht, er hörte sie nicht. Dieses Benehmen war auffallend genug von Seite eines Fürsten, der stets bemüht war, sich zu zerstreuen und zu unterhalten, und der alles auf die leichte Achsel zu nehmen Pflegte. Kein Wunder daher, daß ihn die Höflinge nicht ohne Bestürzung von der Seite ansahen und bedenklich die Köpfe schüttelten.
»Gott steh' uns bei!« raunte Fürstenberg seinem Nachbar Wackerbarth ins Ohr. »Sich' Dir den König an! Was mag ihn plötzlich verstimmt haben? Es ist schon elf Uhr. Um diese Stunde pflegt er sonst über alle Maßen fröhlich zu sein. Wir unterhalten ihn nicht ...«
»Dafür kann ich nicht, bin ich doch nur ein Fremder hier,« fiel Wackerbarth in leisem Tone ein und drückte seine weinseligen Augen zu. »Ihr, die Ihr immer um ihn seid, solltet doch wissen, was ihm fehlt.«
Hier wandte sich Graf Lagnasco gegen die beiden Herren und bemerkte: »Vermuthlich langweilt ihn die Lubomirska[2].«
»Ich glaube eher, daß die Schweden an seiner üblen Laune schuld sind,« sagte der Wiener. »Donnerwetter, so eine Niederlage ist unverdaulich ...«
»Bah!« unterbrach ihn Fürstenberg. »Er denkt gar nicht mehr an die Schweden. Seid unbesorgt, Wackerbarth, Schweden findet dereinst seinen Meister, und das kommt dann uns zugute. Nein,« fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, »nicht Schweden ist's, was des Fürsten Herz beschwert, sondern die Lubomirska, deren er überdrüssig ist. Lagnasco hat Recht. Es ist unumgänglich nothwendig, daß wir für ihn eine neue Maitresse finden.«
»Ist das nicht leicht genug?« fragte Wackerbarth.
»Gewiß,« lachte Lagnasco. »Immerhin hättet Ihr wohl gethan, uns aus Wien eine neue Esterle mitzubringen.«
Das Gespräch verstummte, denn August war aus seinem stillen Brüten erwacht und ließ jetzt seinen scharfen Blick über die Gäste schweifen. Seine Augen blieben an dem am unteren Ende der Tafel sitzenden Freiherrn von Kyau haften. Der wunderliche Mann schien sich über seinen Gebieter oder vielmehr über dessen Stimmung lustig zu machen; denn er hatte die Beine von sich gestreckt und zog aus seiner Brust die tiefsten Seufzer hervor. Das Haupt ruhte melancholisch auf seiner Rechten, während die linke Hand schlaff herabhing. Er sah in dieser Stellung so komisch aus, daß August unwillkürlich lachen mußte. Nun brachen selbstverständlich sämmtliche Höflinge in helles Lachen aus, obwohl nur Einige von ihnen wußten, worüber der König zu lachen geruht hatte.
Kyau-rührte sich nicht.
»Nun, Kyau, was ist Dir?« rief August in heiterem Tone. »Hast Du kein Geld? Hat Deine Geliebte Dich betrogen? Wer Dich sieht, möchte glauben, ein unsichtbarer Geier zerfleische Dein Inneres. Sprich, Prometheus, was fehlt Dir?«
»Mich quält kein persönliches Uebel, mein Fürst,« seufzte der Baron. »Ich habe weder Hunger noch Durst, mich drückt weder Liebe noch Eifersucht, noch Mangel an Geld. Trotzdem bin ich verzweifelt.«
»Wer aber hat Dich in diesen beklagenswerthen Zustand versetzt?« rief August.
»Kein Geringerer als Euere Majestät,« erwiderte in tragischem Tone Kyau. »Was mich so traurig stimmt, ist das Schicksal meines geliebten, unglücklichen Gebieters. Schön wie ein Gott, stark wie ein Herkules, schien er mit seinem edlen Herzen und seiner unvergleichlichen Tapferkeit zum Glück geboren, die Welt sollte zu seinen Füßen liegen – und dennoch besitzt er nichts, nichts!«
»Wahr, wahr!« murmelte August mit zusammengezogenen Brauen und gesenktem Blick.
»Wir sind hier unser Viele und Keinem von uns gelingt es, unseren königlichen Herrn aufzuheitern,« fuhr Kyau mit komischem Pathos fort. »Seine Maitressen altern und hintergehen ihn, sein Wein versauert, sein Geld wird gestohlen. Wenn er aber seine treuen, ihm ergebenen Diener zu fröhlichem Gezeche herbeiruft, so thut er ihnen mit der Miene eines Leichenbitters Bescheid. Das ist's, mein Fürst, was mich bekümmert.«
August erfaßte lächelnd seinen Pocal und stieß ihn wiederholt gegen den Tisch. In Folge dessen stürzten die beiden Zwerge, welche bislang regungslos neben dem Buffet gestanden hatten, herbei und stellten sich in ehrerbietiger Haltung vor dem König auf, seines Befehles gewärtig.
»Tramm,« sagte August zu einem der beiden Zwerge mit aufgeheiterter Miene, »schaff' uns Ambrosia! Wahrlich, der Wein den wir getrunken, war allzu zahm!«
»Ambrosia« nannte man jenen berühmten Wein, den Zichy eigens für den König aus nicht gekelterten Trauben hatte bereiten lassen. Es war geradezu ein einziger Wein, süß und ölig, dabei aber heimtückisch, daß er einen Riesen umzuwerfen vermochte. Die beiden Zwerge eilten aus dem Saale. Nach einigen Secunden erschien ein Neger in orientalischer Tracht, in den Händen ein silbernes Servirbrett, auf welchem ein ungeheuerer Krug stand. Die Herren erhoben sich von ihren Sitzen und verneigten sich mit komischem Ernste vor dem göttlichen Nektar. König August aber rief, gegen Kyau gewendet:
»Baron, ich ernenne Dich zu meinem Mundschenk. Walte Deines Amtes!«
Kyau betrachtete die Gläser, welche die Zwerge unterdessen auf den Tisch gestellt hatten. Sie schienen ihm nicht zuzusagen. Nachdem er den Kleinen leise einige Worte zugeflüstert hatte, brachten sie eine Anzahl Gläser von verschiedener Größe herbei.
Mit der straffen Haltung eines Mannes, der sich seiner Würde wohl bewußt ist, stellte Kyau die Gläser auf. Rings um den königlichen Pocal kam ein Kranz kleiner Gläser zu stehen, welche von einem Kreise noch kleinerer umgeben wurden. Unter den letzteren fanden sich welche, die nicht größer als ein Fingerhut waren.
Die Gäste beobachteten schweigend das Beginnen des Mundschenken. Kyau nahm den Krug und begann den Wein auszuschenken. Zunächst füllte er die kleinsten Gläser; wenngleich jedes einzelne Gläschen nur wenige Tropfen Weines zu fassen vermochte, so war doch die Zahl der Gläschen so groß, daß der Mundschenk zwei Drittel des Kruges leeren mußte, um sie zu füllen. Der Nest wurde in die größeren Gläser gegossen; für den König waren nur wenige Tropfen geblieben. Kyau tröpfelte die Neige des Kruges in den fürstlichen Pocal und blickte zum König hinüber.
»Ein sauberer Mundschenk, fürwahr!« rief August. »Du scheinst zu glauben, daß ich zuletzt bedient zu werden verdiene. Was soll das bedeuten?«
Die Herren lachten verlegen. Kyau aber sagte, den leeren Krug auf den Tisch setzend, mit der Ruhe, die ihm eigen war:
»Die Antwort auf die Frage ist nichts weniger als neu; was Euere Majestät jetzt sah, sehen Sie ja alle Tage. Wie ich mit dem Weine verfuhr, so verfahren die Minister unseres königlichen Herrn mit den Einkünften des Staates. Zunächst füllen die unteren Beamten ihre Säckel, hierauf thun die höheren ein Gleiches und kommt endlich die Reihe an den König, so ist nichts mehr da ...«
»Bravo!« unterbrach ihn händeklatschend der Fürst. »Dieses Gleichniß wäre eines Aesop würdig gewesen! ... Jetzt aber lass' schnell auch für mich Wein herbeibringen, auf daß ich mein Glas auf Dein Wohl leeren kann.«
Kaum war der Fürst mit seiner Rede zu Ende, als der Neger mit dem ambrosischen Weine erschien. Während Kyau den riesigen Pocal des Fürsten füllte, fiel so mancher böse Blick auf ihn. Wie sehr die Herren auch über den Einfall des Mundschenken gelacht hatten, Jeder ärgerte sich im Stillen darüber. Indes traten alle mit lächelnder Miene vor König August hin, beugten ein Knie und hielten die gefüllten Becher, welche sie in den Händen hatten, hoch empor.
»Es lebe der sächsische Herkules!« rief Kyau. Der Toast ging von Mund zu Mund und August leerte seinen Pocal nach einem gnädigen Kopfnicken gegen den Baron, während die Herren aufsprangen, gleichfalls ihre Gläser leerten und dann wieder an dem Tische Platz nahmen.
»Mein Herr und König,« rief Fürstenberg, »lass' uns von dem reden, von dem allein zu dieser Stunde gesprochen werden sollte, von den Wesen, welche bei Tag und Nacht regieren: von den Frauen!«
»Wohlan, es soll ein Jeder uns das Bild der Dame seines Herzens zeichnen,« sprach August. »Fange Du an, Fürstenberg!«
Ein boshaftes Lächeln umspielte bei diesen Worten die Lippen des Fürsten. August's Liebling aber wurde über und über roth; er warf einen verzweifelten Blick auf seinen hohen Gebieter und bat ihn, er möge ihm die Beschreibung seiner Schönen erlassen.
»Nein, nein!« riefen mehrere Stimmen zugleich. »Das Porträt, Fürstenberg, das Porträt!«
Fürstenberg zögerte, er hatte vollauf Grund hierzu. Denn die Dame, in welche er in einem kritischen Moment des Lebens sich verliebt hatte oder vielmehr zu haben vorgab, diese Dame schminkte sich die Jugendfrische an und zählte mehr als vierzig Jahre. Frau von Friesen war Witwe und besaß viel Geld, während Fürstenberg keines hatte. Er strebte zwar nicht nach der Hand der reichen Witwe, aber er war ihr steter Begleiter. Sowohl bei allen Festen wie auf der Reise sah man ihn immer mit ihr.
Die Gesellschaft bestand darauf, daß Fürstenberg ihr seine Schöne schildere. Alle schrien durcheinander. Endlich wurde der Lärm so groß, daß der König Stillschweigen gebot.
»Du sträubst Dich vergebens, Fürstenberg,« rief August lachend. »Muth, mein Junge, und fange an! Male sie uns vor, wie sie sich selbst nicht schöner malen könnte.«
Der junge Mann leerte sein Glas in Einem Zuge, wie um sich Muth zu machen, und begann:
»Die Dame meines Herzens ist die Blume der Frauen. So mancher unter Euch dürfte anderer Meinung sein, dürfte meiner Dame einen Vorwurf daraus machen, daß sie ihre Schönheit künstlichen Mitteln verdankt. Was verschlägt's? Ist doch dadurch ihre Schönheit ewig, wie die der Unsterblichen, braucht sie doch das nicht zu fürchten, was so Viele ängstigt – den Zahn der Zeit!«
Schallendes Gelächter unterbrach diese Rede.
»Hoym!« rief jetzt August und heftete seinen Blick auf Fürstenberg's Nachbar, einen Mann von schönem Körperbau, dessen Gesicht mit den kleinen, listigen, stechenden Augen jedoch nicht besonders anziehend war. »Hoym, jetzt ist an Dir die Reihe, zu erzählen. Wir lassen keinerlei Ausflüchte gelten. Du bist, was die Weiber betrifft, ein feiner Kenner, und Glück hast Du bei den Frauen, wie kein Anderer. Auch wissen wir alle, daß galante Abenteuer Dir zum Bedürfniß geworden sind. Erzähle uns also eine lustige Geschichte – beichte, Hoym, beichte! Du weißt ja, daß das, was an diesem Orte zur Sprache kommt, nie ausgeplaudert wird.«
Hoym lachte vergnügt und blinzelte die Gäste der Reihe nach an. Die Bewegungen seines Kopfes, der bald nach dieser, bald nach jener Seite fiel, sein gezwungenes Lächeln, seine glühenden Wangen, kurz, alles an ihm verrieth, daß er betrunken war.
Sowohl dem König als seinen Gefährten war es angenehm, daß sich der Finanzminister Hoym in einem Zustande befand, wo die Zunge sich durch den Verstand nicht im Zaume halten läßt. Sie hofften die ergötzlichsten Geschichten aus dem Munde des Betrunkenen zu vernehmen.
Hoym stand im Rufe eines Don Juan. Es hieß zwar, daß er seit einigen Jahren einen gesetzteren Lebenswandel führe, weil er sich verheiratet habe. So Mancher wußte indes, daß er noch immer seinen galanten Abenteuern nachging, daß es aber jetzt im Stillen geschah, während er früher aus seinem Glück bei den Weibern kein Hehl gemacht hatte. Seine Gattin sah man nie – es hieß, daß Hoym sie irgendwo auf dem Lande verborgen halte.
Auf ein Zeichen des Königs füllte Kyau den Becher des Finanzministers. Dieser nahm den Pocal und trank den ambrosischen Wein mit jener unbewußten Gier, welche den Betrunkenen, die der Nachdurst verzehrt, eigen ist. Sein Gesicht wurde feuerroth.
»Meine Maitresse soll ich schildern?« lallte Hoym. »Wie wäre das möglich, da ich keine Maitresse besitze. Wozu auch? Ist doch meine Frau schön wie eine Göttin.«
Auf diese Worte folgte allgemeines Gelächter. Nur der König blieb ernst und blickte Hoym unverwandt an.
»Warum lacht Ihr?« fragte Hoym mit schwerer Zunge. »Glaubt Ihr, was ich gesagt, sei nicht wahr? O, wer meine Frau nicht gesehen hat, weiß nicht, wie Venus aussah. Ja, ich bin überzeugt, daß Aphrodite neben ihr für eine Waschfrau gelten würde. Haha! Wie wäre es möglich, sie zu schildern? Ihre Augen sind von unwiderstehlicher Gewalt, ihre Formen von classischer Schönheit, ihr Lächeln ... ah, dieses einzige Lächeln! ...«
Die Einen zuckten mit den Achseln, die Anderen lächelten ungläubig. August aber schlug mit der Faust auf den Tisch und rief:
»Weiter, weiter! Und seufze nicht so oft; schildere rascher und besser! Wir wollen ein anschauliches Bild von diesem unvergleichlichen Geschöpfe haben.«
»Ihr Lächeln ist unbeschreiblich,« fuhr der Finanzminister in fast unverständlichem Lallen fort. »Leider lächelt sie nur selten; denn meine Göttin ist streng, ja furchtbar!«
Er hielt inne.
»Fahre fort,« herrschte ihn August an. »Beschreibe uns ihre Schönheit.«
»Wer vermöchte die Vollkommenheit zu schildern?« lallte Hoym und starrte zu der Decke des Saales empor.
»Ich fange an, zu glauben, daß seine Gattin in der That schön ist,« bemerkte Lagnasco.
»Liebt er sie doch seit drei Jahren,« rief ein anderer Edelmann. »So lange ist's, daß er auf fremdem Gebiete nicht mehr jagt.«
»Bah, er übertreibt!« meinte Fürstenberg. »Er ist ja betrunken. Schöner als die Teschen-Lubomirska kann seine Frau nicht sein.«
Hoym warf einen scheuen Seitenblick auf den König. Dieser fragte ihn in ruhigem Tone, ob seine Gattin wirklich schöner sei als Lubomirska, seine, August's Geliebte. »Sei aufrichtig,« fügte August hinzu. »Hier braucht man nichts zu berücksichtigen als die Wahrheit.«
»O, mein Fürst!« rief Hoym in Heller Verzückung, »die Prinzessin ist schön, ich weiß es; meine Frau ist aber beiweitem die Schönere von Beiden, ja ich behaupte, daß der Hof, die Stadt, ganz Sachsen, ganz Europa nicht ihresgleichen aufzuweisen hat. Welch' ein Weib! Ein einziges Wesen!«
Hoym hielt plötzlich inne. Sein Blick war zufällig auf August gefallen und der lauernde Ausdruck seines Gesichtes hatte ihn erschreckt. Der König schien keines seiner Worte, keine seiner Bewegungen verlieren zu wollen. Der Schrecken ließ in Hoym die Besinnung wieder aufdämmern; er wollte seine Worte zurücknehmen, aber es war schon zu spät. Er schwieg, und ohne auf die Zurufe der Gesellschaft zu achten, die ihn bat, in seiner Rede fortzufahren, ließ er sein Haupt auf die Brust sinken, um den seltsamsten Gedanken nachzuhängen.
August aber winkte dem Freiherrn von Kyan, die Becher zu füllen. Der königliche Mundschenk gehorchte, worauf Fürstenberg einen Toast auf August-Apollo ausbrachte.
Die Herren erhoben sich. Einige leerten ihre Gläser mit gebeugtem Knie, Andere stehend. Hoym wankte und mußte sich auf die Tischplatte stützen, um sich aufrecht zu halten. Die Trunkenheit, welche der Schrecken momentan verscheucht hatte, kehrte mit verdoppelter Vehemenz zurück; ohne zu wissen, was er that, nahm er sein volles Glas in die zitternde Hand und trank es aus.
Hinter dem Sessel des Königs stand Fürstenberg, August's treuer Gefährte, der Vertraute all seiner galanten Intriguen dem er den familiären kurzen Beinamen »Fürstchen« gegeben hatte.
»Fürstchen,« begann August-Apollo, gegen seinen Günstling gewendet, in gedämpftem Tone, »der Accisor hat die Wahrheit gesprochen. Wir müssen ihn zwingen, uns den Schatz, welchen er seit einigen Jahren so behutsam verbirgt, zu zeigen. Ich gebe Dir carte blanche – thu', was Du willst; spare weder Geld noch Mittel, nur zeige sie mir. Ich will seine Frau sehen.«
Fürstenberg lächelte. Diese Laune konnte ihm und Anderen Vortheil bringen. Prinzessin Teschen, die augenblickliche Geliebte des Fürsten, hatte viele Feinde, namentlich unter den Parteigängern und Freunden des Kanzlers Beichling, dessen prächtiges Palais in der Pirna'schen Gasse nach seinem Sturze in ihren Besitz übergegangen war. Zwar vertheidigte Fürstenberg die Maitresse des Königs gegen alle Angriffe seitens der Damen des sächsischen Hofes, aber das verhinderte ihn nicht, jetzt gegen sie aufzutreten, sie der Gefahr auszusetzen, von einem anderen Weibe verdrängt zu werden.
Die etwas verwelkte Schöne mit dem sentimentalen Wesen begann August, der bei den Frauen ein heiteres, muthwilliges Naturell liebte, zu mißfallen. Fürstenberg, der dies wußte, errieth den Hintergedanken seines Gebieters. Er trat zu dem Finanzminister und raunte ihm ins Ohr:
»Accisor, Accisor! Ich erröthe für Dich, denn Du hast eine freche Lüge ausgesprochen; Du hast Dich über uns lustig gemacht. Vergaßest Du, daß Dein König zugegen ist? Wir wollen ja glauben, daß Deine Frau kein gewöhnliches Weib ist, allein eine Venus, eine Göttin, eine Teschen ist sie nicht! Gestehe es nur, Du hast übertrieben!«
»Tausend Donnerwetter!« schrie der Betrunkene, »ich habe nicht gelogen! Jetzt aber laßt mich in Frieden, Blitz-Element!«
August nahm die Heftigkeit Hoym's nicht übel. Bei den königlichen Trinkgelagen war alles erlaubt. Im betrunkenen Zustande durften die unbedeutendsten Gäste den Goliath ungestraft umarmen.
»Hoym!« rief Fürstenberg laut, »ich wette tausend Ducaten, daß Deine Frau die Schönen des Hofes an Anmuth nicht übertrifft.«
»Die tausend Ducaten sind mein!« jubelte der Accisor. »Sie sind mein!«
»Darüber werde ich entscheiden,« fiel August in ernstem Tone ein, »und zwar ohne Verzug. Hoym muß seine Gattin nach Dresden kommen lassen und sie uns bei dem nächsten Hofball vorstellen.«
»Er soll sofort schreiben! Sogleich! Der königliche Eilbote bestellt den Brief!« riefen verschiedene Stimmen.
Das erforderliche Schreibzeug herbeizubringen und Hoym eine Feder in die Hand zu drücken, war das Werk eines Augenblicks. Auf ein Zeichen des Königs fing der unglückliche Mann an zu schreiben, was ihm August dictirte. Sobald die an seine Frau gerichtete Aufforderung, unverzüglich nach Dresden zu kommen, zu Papier gebracht war, entriß man ihm den Brief und einer der Höflinge stürzte mit demselben davon, um dem Eilboten des Königs den Befehl zu ertheilen, das Schreiben nach Laubegast zu befördern.
»Fürstchen,« flüsterte der König seinem Günstling ins Ohr, »ich fürchte, daß Hoym seinen Befehl widerrufen würde, wenn er zur Besinnung erwachte. Gieb ihm zu trinken, bis er sich nicht mehr rühren kann.«
»Sire, er hat sich ja bereits fast zu Tode getrunken,« meinte Fürstenberg.
»Desto besser!« lachte der König. »Wenn er stürbe, ließe ich ihn auf meine Kosten mit Gepränge bestatten. Es fände sich schon Jemand, der den Accisor ersetzte.«
Dieser Scherz, der keineswegs im Flüsterton vorgebracht worden war und den die Zunächststehenden gehört hatten, veranlaßte einige Höflinge, sich um den beklagenswerthen Accisor zu schaaren und ihn durch hunderterlei Sticheleien und Toaste zu zwingen, Glas auf Glas zu leeren. Eine halbe Stunde später fiel Hoym, wie vom Schlage gerührt, vom Stuhle herab.
Auf einen Wink des Königs sprangen zwei Heiducken herbei, um den Finanzminister aufzuheben und ihn aus dem Saale zu schaffen. Weniger aus Mitleid als aus Vorsicht ließ man den Bewußtlosen in ein an das Cabinet des Königs anstoßendes Gemach bringen, statt ihn in seine Wohnung zu transportiren. Er wurde auf ein Ruhebett gelegt und dem Riesen Cojanus mit dem gemessenen Befehl übergeben, nicht zu gestatten, daß er das Schloß verlasse, für den Fall, als er aufwache und nach Hause zu gehen wünsche. Es wäre indes nicht nöthig gewesen, diese Vorsichtsmaßregel zu treffen. Denn Hoym verbrachte unter erbärmlichem Stöhnen die ganze Nacht in bewußtlosem Zustande.
Im Trinksaale wurde die Orgie fortgesetzt, nachdem die Heiducken mit dem Accisor ihn verlassen hatten. Der König war bei heiterster Laune; seine Ausgelassenheit spiegelte sich auf den Gesichtern sämmtlicher Hofleute ab. Als der Tag zu grauen anfing, wurde August, der allein noch aufrecht saß, von den Heiducken auf sein Lager gebracht.
Vielleicht beschuldigt mich der Leser der Uebertreibung ... Ach, leider entspricht jeder Zug, jede Einzelheit dieses Zeitgemäldes, selbst die geringfügigste, der reinen Wahrheit.
Fürstenberg, der sich geschickterweise die volle Klarheit seines Geistes zu bewahren gewußt hatte, richtete sich in die Höhe und betrachtete eine Weile schweigend den Schauplatz der Orgie. Dann sagt er bei sich: »Uns steht eine neue Herrschaft bevor. Lubomirska ist ein gefährliches Weib; sie macht sich allzuviel mit der Politik zu schaffen, sie könnte sich noch einen uns verhängnißvollen Einfluß erringen und den König nach Willkür leiten. Wozu brauchte August eine Frau von Verstand? Den König lieben, ihn unterhalten, darin besteht die Mission einer Favoritin. Wir werden uns diese Hoym ansehen! ...«
Laubegast[4] liegt zwei Stunden von Dresden an dem Ufer der Elbe. Zu jener Zeit bestand das kleine Dorf nur aus wenigen, inmitten uralter Linden und Buchen und hoher Tannen gelegenen, von reichen Edelleuten bewohnten Häusern.
Dorthin begab sich insgeheim der Finanzminister August's II., so oft es ihm die Geschäfte erlaubten, und brachte daselbst den Abend oder einen Theil des Tages zu. War der König nicht in Dresden, so hielt sich Hoym ganze Wochen in Laubegast auf.
Hoym's Haus in Laubegast glich allen übrigen Häusern jener Zeit. Auf dem hohen Dache bemerkte man die den französischen Gebäuden eigenthümlichen Mansarden, die Mauern waren mit Statuen und Zierat in halb erhabener Arbeit geschmückt. Die Arbeiter, welche aus Dresden gekommen waren, das Haus zu restauriren, hatten dem bescheidenen Gebäude fast ein elegantes Aussehen gegeben. Man sah es demselben an, daß sein Besitzer bemüht gewesen war, es zu verschönern. Den kleinen Hof umgab ein geschmackvolles Gitterwerk, das von Vasen tragenden Säulen durchbrochen war; zwei Pfeiler, welche die übrigen Säulen überragten, bildeten das Portal und trugen eine Gruppe pausbackiger Engel, welche ihrerseits zwei Laternen emporhielten.
Hübsche Statuen und Marmorvasen mit exotischen Blumen schmückten das Peristyl. Von mächtigen Bäumen umgeben, sah das Gebäude stattlich genug aus. Doch es herrschte eine klösterliche Stille darin, es war dort öde wie in einer Ruine. Man vermißte jene zahlreiche, lärmende, hin und her rennende Dienerschaft, die den herrschaftlichen Häusern eigen ist. Zwei alte Kammerdiener, einige Mägde und eine Dame, welche gegen Abend, ein Buch in der Hand, in dem Garten unter den hohen Bäumen lustwandelte, schienen die einzigen Bewohner des Hoym'schen Hauses zu sein.
Der Anblick dieser Dame erregte bei den Bewohnern von Laubegast zugleich Ehrfurcht und Bewunderung. Im Gebüsche und hinter den Baumgruppen versteckt, lauerten sie ihr auf, um sie zu betrachten. Sie war aber auch eine seltsame Erscheinung für jenen Ort.
Niemand hatte noch etwas Aehnliches erschaut, etwas Schöneres erträumt. Die junge Frau war von hoher Gestalt und edler Haltung. Sie hatte schwarze, klare, durchdringende Augen und eine selten schöne, blendend weiße Hautfarbe. Wenn sie so unter den hohen Bäumen dahinschritt, strahlend von Jugend und Schönheit, erfüllte sie Diejenigen, welche sie sahen, mit einer Art Scheu. Es lag etwas Gebieterisches, Königliches in ihrem Wesen, so daß Jedem bei ihrem Anblick die Luft anwandelte, sich ihr zu Füßen zu werfen.
Sie war immer traurig und ernst ... Ihre Augen, ihre Lippen lächelten nie; wenn sie zum heiteren Himmel emporschaute, so drückte ihr Blick nicht die mindeste Freude aus. Sie sah gewöhnlich entweder still vor sich hin oder ihre Augen hafteten unverwandt an der grauen Wasserfläche der Elbe oder an den farbenreichen Blumen des Gartens, die sie niemals pflückte und deren Duft sie nie einsog. Sie schien unglücklich zu sein. Oder empfand sie nur Langeweile? Jedermann wußte, daß sie seit mehreren Jahren ein fast ganz einsames Leben führte. Es besuchte sie niemand außer Frau von Vitzthum, die Schwester ihres Gatten. Hoym war es nichts weniger als angenehm, daß Anna mit seiner Schwester verkehrte. Er wußte, daß diese einst bei August II. eine Zeit lang in Gunst gestanden und noch immer die Hoffnung hege, den verlorenen Einfluß wiederzugewinnen. Hoym suchte seine Frau gegen die Cabalen des Hofes zu wappnen; er hätte seine gefährliche Schwester von ihr fernzuhalten gewünscht. Allein Frau von Vitzthum zuckte bei seinen Bitten, der unschuldigen Anna keine Schilderungen des verderbten Dresdener Hofes zu machen, die Achseln, und hörte nicht auf, ihre Schwägerin zu besuchen, ihr skandalöse Histörchen über August den Starken und dessen Umgebung zu erzählen.
Die arme Einsiedlerin langweilte sich zum Sterben; die Lecture und die Promenaden bildeten ihren einzigen Zeitvertreib. Sie verschlang die frommen, schwärmerischen Werke protestantischer Schriftsteller und verließ das Haus nur unter der Obhut eines alten Kammerdieners.
Dieses einförmige Leben war freilich monoton genug; dafür brachten auch die Leidenschaften keine Stürme in dasselbe. Hoym, der im Anfänge seiner Ehe mit Anna ungemein zärtlich und zuvorkommend gegen diese gewesen, Hoym war von allzu leichtfertigem Wesen, als daß er lange seinen liederlichen Neigungen hätte widerstehen können. Er war des Glückes zuletzt überdrüssig geworden und vergaß jetzt zuweilen, daß er eine Frau besaß. Zwar liebte er sie noch immer, aber auf eine Weise, das heißt mit Eifersucht. Er suchte seinen Schatz vor der ganzen Welt zu verbergen und erlaubte seiner Gattin nur dann zu ihrer Zerstreuung nach Dresden zu kommen, wenn der König und der Hof nicht daselbst weilten und die Hauptstadt wie ausgestorben war.
Die Gefangenschaft der letzten Jahre hatte die junge Frau mit tiefster Verbitterung erfüllt, die traurigsten Gedanken in ihr erregt, einen Abscheu vor der Welt in ihr wachgerufen, der sie ascetisch stimmte. Für sie war das Buch des Lebens geschlossen; sie hatte sich darein ergeben, freudelos zu vegetiren, bis ihr Geist erlösche, und sie war doch schön wie ein Engel, zählte nur vierundzwanzig Jahre und sah so jung aus, daß sie für ein achtzehnjähriges Mädchen gelten konnte.
Frau von Vitzthum, die im Alter der glühenden Leidenschaften sowohl ihre Jugendfrische als einen Theil ihrer Reize verloren hatte, konnte ihrer Schwägerin diesen Anschein ewiger Jungfräulichkeit nicht verzeihen. Auch die herrlichen Eigenschaften der jungen Frau bereiteten ihr Aerger; ihr edler Tugendstolz, die Entrüstung, welche jedwede Ausschweifung in ihr hervorrief, ihre Verachtung für Intriguen und Lügen, ihre wahrhaft königliche Hoheit erfüllten die so lebensfrohe, lebhafte und falsche Frau mit Neid und Bitterkeit. Oft regte sich in ihr der Wunsch, Anna gedemüthigt zu sehen.
Frau von Hoym liebte ihre Schwägerin nicht; im Gegentheil, sie empfand tiefe Abneigung vor ihr. Ihren Gatten aber verachtete sie. Von Frau von Vitzthum hatte Anna schon längst erfahren, daß Hoym ihr untreu war. Mit einem Blick hätte sie es vermocht, ihn zu ihren Füßen hinzustrecken; sie war sich ihrer Allmacht bewußt, allein sie schätzte ihren Gatten zu gering, als daß sie gewünscht hätte, ihn zu bestricken. Sie empfing ihn mit Kälte und entließ ihn mit Gleichgiltigkeit. Seine Zornesausbrüche vermochten nicht, sie aus ihrer Apathie aufzurütteln oder sie zu veranlassen, ihre würdevolle Haltung aufzugeben.
Jeder Tag währte in Laubegast eine Ewigkeit. In den langen, einsamen Stunden gedachte die junge Frau oft der Heimat, des geliebten Holstein, und faßte alsdann den Entschluß, nach Brockdorf zu den Ihrigen zurückzukehren, einen Entschluß, den sie aber alsbald wieder aufgab, weil sie von Seite ihrer Angehörigen nichts als Gleichgiltigkeit zu erhoffen hatte. Ihre Eltern waren schon längst gestorben. Auch war es wahrscheinlich, daß sie am Hofe der Prinzessin von Braunschweig, einer geborenen Fürstin Holstein-Plön, keine Aufnahme finden würde, weil diese ihr wohl noch nicht verziehen haben mochte, daß sie, Anna, ihre Hand gegen den Prinzen Ludwig Rudolf erhoben hatte, als dieser einst, von der Schönheit des Mädchens entzückt, den Versuch machte, dasselbe zu küssen.
Wenn auch Dresden in geringer Entfernung von Laubegast lag und die Equipagen und Reiter der Hauptstadt zu jeder Stunde des Tages durch den Ort kamen, so war es Frau von Hoym dennoch gelungen, von keinem der Höflinge August's jemals gesehen zu werden. Von Keinem? Nein. Einer hatte sie erblickt, und zwar ein junger Pole, der vom Zufall oder vielmehr durch ein tückisches Verhängniß an den Hof August's II gezogen worden war.
Während seines ersten Aufenthaltes in Polen unterließ August der Starke es nicht, die wunderbare Kraft, welche ihm die Natur verliehen hatte, zur Schau zu bringen. Täglich gab er den polnischen Edelleuten nach der Mahlzeit einige Kunststücke zum Besten, welche darin bestanden, daß er einen Pocal[5] aus massivem Silber zermalmte, Thaler und Pferdehufe zerstückte. In Piekary sahen einmal August's Gäste staunend, aber schweigend einer solchen Kraftparade zu. Sie mochten sich im Stillen fragen, was diese Riesenhände, in welche das Schicksal Polens gelegt worden war, aus ihrem Lande machen würden; da brach der Erzbischof von Kujavien plötzlich das Stillschweigen, überhäufte den König mit Complimenten, fügte aber, anscheinend harmlos, hinzu, daß er einen Mann, einen Jüngling, kenne, der das Gleiche zu leisten vermöge.
Zornesröthe ergoß sich über König August's Gesicht. Da es aber am Anfang seiner Regierung war und er es für politisch hielt, den Liebenswürdigen zu spielen, verbarg er den Unwillen, den die Worte des Bischofs in ihm geweckt, und bat diesen, ihm seinen Nebenbuhler vorzustellen. »Ihm sei noch nie im Leben ein Mensch begegnet,« fügte der König hinzu, »der sich mit ihm hätte messen können.«
Der Bischof verbeugte sich und versprach, dem Befehle gelegentlich nachzukommen, nahm sich aber im Stillen vor, dies aus Schicklichkeitsgründen zu unterlassen. Erst nachdem August ihn an sein Versprechen gemahnt, ließ er Zaklika, so hieß der junge Herkules, durch seine Leute suchen.
Zaklika, der einer alten, verarmten, adeligen Familie Polens entstammte und nicht die Mittel hatte, den in der Armee ihm gebührenden Rang einzunehmen, arbeitete seit einiger Zeit in einer dunklen Kanzlei in Warschau, um sich das tägliche Brot zu verdienen. Dort fanden ihn die Abgesandten des Bischofs. Da seine Kleidung nichts weniger als hoffähig war, ließ ihn der geistliche Herr vom Kopf bis zu den Füßen ausstatten. Mit dem Aussehen seines Schützlings wohl zufrieden, wartete der Bischof auf einen günstigen Augenblick, ihn dem König vorzustellen. Dieser Moment ließ nicht lange auf sich warten. Schon bei der nächsten Kraftschaustellung wandte sich der starke August gegen den in einer Ecke des Saales sitzenden Bischof Kujavien und sagte:
»Hochwürden, wo bleibt jener starke Mann, den Ihr uns zu zeigen versprachet?«
Der Bischof gab eine ausweichende Antwort; als aber der König darauf bestand, den jungen Herkules zu sehen, ließ er den polnischen Edelmann kommen.
Zaklika war von hoher Gestalt und von schönem, kräftigem Wuchs, doch sah er nicht aus wie ein Herkules, denn er war sehr schüchtern und hatte rosige Wangen wie ein junges Mädchen.
August der Starke lächelte, nachdem er Zaklika mit den Augen gemessen hatte. Da dieser von Adel war, durfte er dem König die Hand küssen. Hierauf ergriff August einen der beiden Silberpocale, welche vor ihm auf dem Tische standen, schloß denselben in seine Hand ein und zerdrückte ihn; der Wein, welcher sich auf dem Boden des Gefäßes befand, ergoß sich über den Tisch.
August schob dem Jüngling den zweiten Pocal hin und sagte mit einem ironischen Lächeln:
»Jetzt trifft's Dich! Der Pocal ist Dein, wenn es Dir gelingt, ihn zu zermalmen.«
Zaklika näherte sich mit schüchterner Miene dem Tische, an welchem König August saß, und nahm den Pocal in die Hand. Alle Anwesenden waren neugierig auf den Ausgang des Auftrittes. Einen Augenblick der Spannung, es ergoß sich eine tiefe Glut über das Antlitz des Jünglings, dann ein Druck und der Pocal war zermalmt.
Das Gesicht des Königs drückte die höchste Verwunderung aus. Er warf dem Bischof einen vielsagenden Blick zu, während die Höflinge sich Mühe gaben, den Erfolg des Polen dadurch zu schmälern, daß sie behaupteten, der von ihm zerbrochene Pocal sei dünner wie der des Königs und bereits versehrt gewesen.
August aber sprach kein Wort. Er fing an, Hufeisen zu zerbrechen, als wären sie von Glas statt von Eisen, und machte seinem Rivalen ein Zeichen, er möchte ein Gleiches thun. Zaklika brach einige Hufeisen ohne jedwede Kraftanwendung entzwei. Von den Hufeisen ging man zu den Thalern über. Es kostete August einige Anstrengung, einen Thaler zu theilen. Die Hofleute hatten Zaklika einen spanischen Thaler, der massiver als der sächsische war, hingeschoben, weil es ihnen, dem König zuliebe, darum zu thun war, daß der Pole Fiasco mache; allein Zaklika brach das Geldstück beim ersten Versuche entzwei.
Die Stirne des Monarchen verfinsterte sich. Die Höflinge waren verzweifelt darüber, daß ein so unschickliches Spiel aufs Tapet gebracht worden war. Nachdem König August dem polnischen Jüngling beide silberne Pocale geschenkt hatte, sagte er, daß er Zaklika in seiner Nähe behalten wolle.
In Folge dessen erhielt Zaklika eine bescheidene Stelle am Hofe August II.; er bezog einen Gehalt von einigen hundert Thalern, ward mit glänzenden Kleidern versehen und hatte wenig oder gar nichts zu thun. Dem König, der nie mit ihm sprach, sich aber häufig nach ihm erkundigte und den Befehl ertheilte, daß dem jungen Polen alles, was er brauche, verabreicht werde; dem König mußte Zaklika stets folgen, wohin immer dieser sich auch begeben mochte. Indes hatte der junge Edelmann viel freie Zeit. Da die Personen, mit welchen der junge Pole verkehren mußte, nur deutsch und französisch verstanden, gab er sich dem Studium dieser beiden Sprachen mit Eifer hin.
Nach zwei Jahren sprach er sie ziemlich gut. Die Vergnügungen aber, welche am Hofe gang und gäbe waren, langweilten ihn, auch verachtete er die Höflinge. Er pflegte die Umgebung Dresdens zu durchstreifen; da war kein Berg, den er nicht erklommen, keine Gartenmauer, die er nicht erstiegen hätte, kein steiler Abhang an der Elbe, der ihm nicht bekannt gewesen wäre. Noch war ihm nie, auch nicht an den gefährlichsten Stellen, ein Anfall von Schwindel gekommen, geschweige denn, daß ihm ein Unfall zugestoßen wäre.
Während eines dieser Ausflüge sah Zaklika zu seinem Unglück Anna von Hoym. Ihr Anblick verlegte ihm den Athem, versteinerte ihn. Er glaubte zu träumen; ihm war es, als könne ein so schönes Geschöpf kein irdisches Wesen sein. Als die schöne Frau schon längst verschwunden war, stand Zaklika noch immer und starrte ihr traumverloren nach. Endlich kehrte er, von namenloser Angst erfüllt, wie ein Trunkener nach Dresden zurück.
Von dem Tage an gehörte der arme Jüngling nicht mehr sich selbst; er lief alle Tage nach Laubegast, und je öfter er hinausging, desto größer ward sein Leid.
Da Zaklika keine Freunde besaß, vertraute er sich niemandem an, und so konnte ihm auch niemand sagen, daß man in seiner Lage das Feuer fliehen müsse, um zu genesen, statt sich demselben immer wieder zu nähern. Die Liebe zu der schönen Einsiedlerin machte ihn zuletzt geistig und physisch krank.
Anna's Kammerfrauen, welche ihn tagtäglich um die Besitzung schleichen sahen, lauerten ihm auf und entdeckten gar bald, was in ihm vorging. Davon in Kenntniß gesetzt, ließ Anna den Unglücklichen, der ihr ohne Zweifel Mitleid einflößte, unverzüglich zu sich heraufbitten. Als Zaklika erschien, schalt sie ihn wegen seiner Unbesonnenheit aus und befahl ihm aufs nachdrücklichste, sich weder in der Nähe des Hauses, noch in der Umgebung wieder sehen zu lassen.
Da niemand außer der Herrin des Hauses zugegen war, wagte Zaklika, den seine Liebe kühn gemacht hatte, der Dame seines Herzens zu sagen, daß es kein Verbrechen sei, ein Weib zu betrachten; daß ihn kein anderer Wunsch beseele als der, seine Augen an ihrem Anblick zu werden. Er lasse sich von niemandem verbieten, nach Laubegast zurückzukehren; er wolle sich das Glück, sie wiederzusehen, verschaffen, auch wenn er dafür gesteinigt werden sollte, da er ja doch vor Schmerz sterben müßte, wenn er sie nicht mehr sähe.
Frau von Hoym war über die Kühnheit des Jünglings sehr erzürnt. Sie schalt ihn, sagte, sie werde ihren Gemahl von allem in Kenntniß setzen, wenn er sich in Laubegast wieder blicken ließe. Sie drohte vergebens. Zaklika ließ sich von dem gefaßten Entschlusse nicht abbringen.
Von dem Tage an ging die schöne Frau am Ufer der Elbe spazieren, wo der junge Mann sie nicht mehr sehen konnte.
Mehrere Wochen vergingen, ohne daß sie ihren zudringlichen Verehrer erblickt hätte. Sie glaubte schon, daß er ihre Spur verloren habe. Da sah sie aber eines Tages auf der Oberfläche des Wassers einen Kopf schwimmen. Es war der des verliebten Jünglings, der sich den Anblick seiner Schönen auf diesem ungewöhnlichen Wege verschaffte.
Diesmal gerieth Frau von Hoym in hellen Zorn und rief ihre Leute herbei. Zaklika aber tauchte unter und war verschwunden. Fast hätte er den tollen Streich mit dem Leben gebüßt. Die Kleider hemmten seine Bewegungen und seine Glieder zogen sich krampfhaft zusammen, so daß er nur mit großer Mühe das Ufer erreichte.
Es gelang ihm in der Folge einen Winkel ausfindig zu machen, von welchem aus er Frau von Hoym sehen und das verhängnißvolle Gift der Liebe einschlürfen konnte. Ob die Schöne dies wußte oder ob sie that, als merke sie es nicht, vermögen wir nicht zu sagen. Jedenfalls war von dem Jüngling in Laubegast nicht mehr die Rede. So auch am Hofe. Niemand achtete mehr auf ihn. August wäre es vielleicht nicht unangenehm gewesen, wenn er sich den Hals gebrochen hätte. Gleichwohl ließ er ihn ungestört seine Wege gehen und kümmerte sich lange nicht um ihn.
Da ließ er ihn eines Tages rufen. Seine Majestät hatte in einem Augenblick des Zornes einem starken Pferde den Kopf abgehauen. Nun wollte August dem Hofe zeigen, daß sein Nebenbuhler es ihm nicht nachthun könne. Man führte denn ein altes Dragonerroß vor, an dem das neue Experiment versucht werden sollte. Vorher hatte man den polnischen Jüngling beiseite geführt, um ihm zu sagen, daß er diesesmal keine Probe seiner Riesenkraft zum Besten geben solle, wenn er sich die Gunst des Königs erhalten wolle. Für dergleichen höfische Subtilitäten war indes unser Held nicht geschaffen; er verstand sie einfach nicht. Zaklika begriff nur Eines: daß August einem Pferde den Kopf abgehauen habe, und daß man glaube, er könne solches nicht zu Stande bringen. Bei diesem Gedanken stieg ihm das Blut in den Kopf. Vor den Augen des Königs und denen des versammelten Hofes suchte er sich ein scharfes Schwert aus, prüfte dessen Schneide und hieb ohneweiters den Kopf des Rosses ab. Er gestand später, daß ihn der Arm und die Schulter volle acht Tage darnach schmerzten.
August sprach kein Wort; er zuckte nur mit den Achseln und entfernte sich, um seinen Unmuth wegzutrinken. Von diesem Augenblick an richtete niemand mehr das Wort an den armen Zaklika. Jeder suchte ihn zu meiden und diejenigen, welche ihm noch wohl wollten, riethen ihm, in aller Stille schleunigst den Hof, die Stadt zu verlassen, da er sich durch sein Bleiben der Gefahr aussetze, bei dem geringfügigsten Anlaß auf den Königstein abgeführt zu werden.
Raimund Zaklika zuckte bei diesen Warnungen furchtlos mit den Achseln und blieb.
Nun verfiel August der Starke auf den Gedanken, zu versuchen, ob sein Nebenbuhler sich mit ihm auch im Trinken messen könne. Dieses Experiment wurde natürlich mit Erfolg gekrönt. Denn der arme Junge trank gewöhnlich Wasser und konnte sich selten den Luxus eines Glases Bier vergönnen. Gar bald bat er den König, er möge ihm gestatten, nichts mehr zu trinken. Allein August begnügte sich nicht mit diesem Siege. Er zwang ihn förmlich, noch einen riesigen Humpen zu leeren, der den Jüngling vollends umwarf. Zaklika wurde in Folge dessen schwer krank, ein heftiges Fieber hätte ihn beinahe hinweggerafft. Allein er genas wieder. Auch seine Riesenkraft kehrte zurück, und zwar in einem solchen Grade, daß sich niemand mehr mit ihm zu messen wagte.
Zaklika's kindische Wanderungen nach Laubegast begannen aufs neue. Indes verwandelte ihn die Liebe allmählich. Er ward ernst, gesetzter, mit einem Worte ein anderer Mensch. Anna von Hoym hatte vor ihrem Gatten keine Geheimnisse; von Zaklika sprach sie aber nie mit ihm. Hatte sie ihn vergessen? –
In Laubegast wurde das Gitterthor mit einbrechender Dämmerung geschlossen; die Diener lösten die Ketten der Hofhunde und gingen alsdann zur Ruhe. Nur Frau von Hoym blieb länger auf.
Während der König mit seinen Höflingen zechte und Hoym im trunkenen Zustande die Schönheit seiner Gemahlin rühmte, konnte diese kein Auge schließen. Der Sturmwind sauste über die Felder, umkreiste heulend das Haus und brach krachend die Aeste der Bäume ab.
