Amarek - Gabriel Wolkenfeld - E-Book

Amarek E-Book

Gabriel Wolkenfeld

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Beschreibung

Amarek, der Legende nach von einer leicht alkoholisierten Gottheit in zweimal sieben Tagen erschaffen, wird mit strenger Hand von einem König regiert, der auf viel zu kurzen Beinchen durch sein Schloss trippelt. Sprichwörtlich kurz auch die Beine der lügenhaften Inhalte, die sein Stadtschreiber produziert. Und auch sonst ist das Personal nicht mehr, was es früher einmal war: Der Sohn des Henkers hängt auf einmal seinen Beruf an den Nagel – das Töten entspreche nicht seiner Natur –, und dann kommt auch noch der Tod selbst drauf, dass er erschöpft ist und Ruhe braucht, und verweigert den Menschen das Sterben. Dazwischen treiben Waldalben und Kobolde Schabernack. Zum Glück haben die zwei ungleichen Schwestern für fast alles eine Lösung in Form eines Tränkchens, vorausgesetzt, sie mischen es richtig zusammen ... Bei den in Amarek versammelten zwölf Texten handelt es sich, wiewohl inspiriert vom deutschsprachigen, slawischen und jüdischen Märchenschatz, um keine Adaptionen, sondern um eine freie Schöpfung des Autors. Anders als im Genre üblich, stattet Gabriel Wolkenfeld seine Figuren mit einer psychologischen Tiefe aus, erspart ihnen Allzumenschliches nicht. Feinste Poesie vereint sich virtuos mit urkomischen Einfällen und einer schier unbändigen Lust am Fabulieren!

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch

Amarek, der Legende nach von einer leicht alkoholisierten Gottheit in zweimal sieben Tagen erschaffen, wird mit strenger Hand von einem König regiert, der auf viel zu kurzen Beinchen durch sein Schloss trippelt. Sprichwörtlich kurz auch die Beine der lügenhaften Inhalte, die sein Stadtschreiber produziert. Und auch sonst ist das Personal nicht mehr, was es früher einmal war: Der Sohn des Henkers hängt auf einmal seinen Beruf an den Nagel – das Töten entspreche nicht seiner Natur –, und dann kommt auch noch der Tod selbst drauf, dass er erschöpft ist und Ruhe braucht, und verweigert den Menschen das Sterben. Dazwischen treiben Waldalben und Kobolde Schabernack. Zum Glück haben die zwei ungleichen Schwestern für fast alles eine Lösung in Form eines Tränkchens, vorausgesetzt, sie mischen es richtig zusammen ... Bei den in Amarek versammelten zwölf Texten handelt es sich, wiewohl inspiriert vom deutschsprachigen, slawischen und jüdischen Märchenschatz, um keine Adaptionen, sondern um eine freie Schöpfung des Autors. Anders als im Genre üblich, stattet Gabriel Wolkenfeld seine Figuren mit einer psychologischen Tiefe aus, erspart ihnen Allzumenschliches nicht. Feinste Poesie vereint sich virtuos mit urkomischen Einfällen und einer schier unbändigen Lust am Fabulieren!

Der Autor

Gabriel Wolkenfeld wurde 1985 in Berlin geboren. Er studierte Germanistik, allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft sowie Russistik. Er arbeitet als Lehrer für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache und leitet Schreibwerkstätten. Für seine literarische Arbeit erhielt er diverse Preise, zuletzt 2022 den Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis. Im Jahr 2022 war er Writer in Residence in Gelsenkirchen, 2025 übernimmt er die Stadtschreiber-Stelle in Gotha. Bisher erschienen von ihm folgende Veröffentlichungen: "Wir Propagandisten" (2015, neu aufgelegt 2023), der Roman "Babylonisches Repertoire" (Müry Salzmann, 2019), "Sandoasen" (Israelisches Album, 2021), "Nebelatlas" (Ukrainisches Album, 2023) und "Waldalb" (Deutsches Album, 2024).

Für Ilya

Inhalt

Die zwei Schwestern

Der Lügenmeister

Das Ende der Schönheit

Rehauge

Der Tod in seinem Exil

Der Sohn des Hänkers

Das gelbstichige Mädchen

Waldblaumeisen

Simcha und der Zeitakrobat

Orlis Ichs

Sandoasen

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Haupttitel

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Impressum

Die zwei Schwestern

I.

Es waren einmal zwei Schwestern, die eine stets auf Krawall gebürstet, die andere sanftmütig, die eine von dem Wunsch getrieben, sich zu bereichern, die andere ohne Leidenschaft für das Materielle, die eine bäuerlich grob, die andere engelhaft, mit großen, wässrigen Augen.

Hilde betete die Sonne an, Elva nannte die trüben Novembertage ihre Heimat. Hilde trank nur frisch Gezapftes, Elva schöpfte die Haut von der Milch ab und ließ sie sich schmecken. Hilde, immerzu fröstelnd, zog sich die Daunendecke bis zur Nasenspitze hoch, Elva, ein glühender Ofen, schlief meist nur im Nachthemd. Hilde hielt es stundenlang vor dem Kamin aus, ohne sich zu bewegen, Elva ging auch bei Nebel und Regen spazieren.

Die beiden Schwestern lebten in einem windschiefen Häuschen, ganz am Rande der Siedlung, unweit vom Silvutsch, der Amarek vom Finsterwald trennte. Auf dem Markt band Elva die Möhren an ihren grünen Mähnen zu Sträußen zusammen. Beeren richtete sie hübsch in Bastkörben an. Hilde schimpfte, wenn sich die Kundschaft nicht gleich auf ihre Waren stürzte. Bald zwang sie pöbelnd die Mägde zum Kauf. Die kauften, weil sie Hildes Mundwerk fürchteten. Tatsächlich nahmen einige mehr, als sie brauchten – in der Hoffnung, nicht Zielscheibe ihres Spotts zu werden.

Die anderen Marktfrauen zürnten den Schwestern. Sie standen sich die Beine in den Bauch, selbst wenn sie sommersprossige Äpfel feilboten. Die Schwestern hingegen wurden ihre Waren los, egal ob sich Maden durch die Birnen gefressen hatten oder die Kohlköpfe runzligen Stirnen glichen. Ihren Ärger ließen sich die Marktfrauen kaum anmerken. Elva beachteten sie gar nicht. Hilde nannten sie, vorsichtshalber hinter ihrem Rücken, Miststück, Pestbeule oder Hexe.

Dabei war Hilde gar keine richtige Hexe. Ihre Mutter, die Regenwolken auf ihre Widersacherinnen angesetzt und Hunde mit Katzen verkuppelt hatte, war vor langer Zeit bei dem Versuch gestorben, einen Blitz zu bändigen. Ihre Mutter, ja, die war eine richtige Hexe gewesen, aber Hilde hatte wenig von ihr mitbekommen.

Elva immerhin kannte eine Handvoll Zaubersprüche, Flüche und Verwünschungen, fand aber, man müsse angesichts der Bürden, die einem das Leben auflud, Nachsicht walten lassen. Hilde war da anderer Meinung und bat die Schwester ein ums andere Mal, ihr die Sprüche beizubringen. Leider erwies sich ihr Gedächtnis als unzuverlässig. Mitten im Aufsagen vergaß Hilde den Rest der Formel: Einer Nachbarin, für die sie ein drittes Ohr vorgesehen hatte, riss ein Nagel ein. Einem Bauern, der sich bei jeder Gelegenheit abfällig über das Schwesternpaar äußerte, wollte Hilde einen Ringelschwanz anhexen. Er wurde von einem Schluckauf heimgesucht.

In regelmäßigen Abständen plagten Hilde, die jüngere der beiden, Magenkrämpfe. Sie blieb dann daheim, während Elva auf dem Markt die Waren anbot, die sie mit großer Mühe ohne Maultier angeschleppt hatte: ein paar Kilo grimmiger Kartoffeln, misslaunige Karotten, mürrische Steckrüben. Die meisten Mägde nutzen die Gelegenheit und kauften bei der Konkurrenz. Nur wenige Stammkundinnen kamen zu Elva. Eine etwa, die trug ein Kind unter dem Herzen und wollte keine Missbildungen am Nachwuchs riskieren.

Zählte Elva abends ihrer Schwester die Kupfermünzen in die Hand, bemerkte diese kopfschüttelnd: „Hast wohl mal wieder Löcher in die Luft gestarrt!“ So, verteidigte sich Elva in Gedanken, sieht es eben aus, wenn ein Mensch nachdenkt.

Wenn niemand sie in ihren Gedanken störte, kam es ihr vor, als verließe die Seele den Körper und ginge auf Reisen. So war es auch an jenem Tag: Statt ihre bescheidene Ware anzupreisen, legte Elva den Kopf in die Schräge. Unklar, was sie sah, aber es musste sich in weiter Ferne befinden.

Eine gute Stunde verharrte sie in dieser Pose, da warf sie ein greller Schrei ins Jetzt zurück. Ein wenig abseits, bereits von Marktfrauen und deren Kundschaft umstellt, war eine Gruppe Kinder zu sehen, in ihrem Zentrum, auf die Knie niedergesunken, ein Mädchen.

Die Frauen redeten alle durcheinander. Sie wollten in Erfahrung bringen, was dem Mädchen widerfahren war. Sie streichelten es. Sie versuchten es mit Schimpfen, aber auch das half nichts. Das Mädchen reagierte nicht.

„Der Teufel hat Vendulka ein Bein gestellt“, behauptete eines der Kinder. Nein, nein. „Ein Eichhorn hat ihr die Augen ausgekratzt.“ Ein Eichhörnchen? „Unsinn“, gab die beleibte Eierfrau zurück. Die Augen des Mädchens waren gerötet, mehr nicht. Die Knie waren aufgeschlagen, das Haar zerzaust. Die Molketante beschied: „Kein Wunder, wenn der Dirn die Puste ausgeht. Tobt rum wie ein Bub.“

Elva gab sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. ­Irgendetwas stimmte mit dem Mädchen nicht. Zu fein waren seine Gesichtszüge, die Haut so blass wie die dickwandigen Tassen, aus denen die feinen Damen ihren Tee tranken. Seine Spielkameradinnen sahen ramponiert aus. Die Flecken auf den Lumpen, in denen das Mädchen steckte, waren aufgemalt.

Nachdem es eine Weile völlig unbeteiligt dagehockt hatte, brach das Mädchen in Tränen aus. Es fluchte und schrie. Völlig außer sich stieß es jene weg, die es in den Arm nehmen wollten. Es trat nach denen, die über sein goldgelocktes Haar strichen. Fast hatte sich das Mitleid der Umstehenden in Ärger gekehrt, da kam eine ältliche Frau herbeigeeilt. Die – mit puterrotem Gesicht und zu gut gekleidet für die Straße – verpasste dem Mädchen eine ordentliche Backpfeife. Für einen Moment gab das Mädchen sein Gezeter auf, um sogleich noch ungehemmter loszuplärren. Die Amme zerrte das Mädchen fort. Daraufhin zerstreuten sich auch die Mitleidigen und Schadenfrohen.

Elva blieb, als hätte sie nicht begriffen, dass das Spektakel zu Ende war, noch einen Moment am Ort des Geschehens zurück. Aus dem Himmel segelte, genau auf sie zu, eine Feder, glutrot, an der Spitze verkohlt. Sie kannte nur einen Vogel, der solche Federn ließ.

Hilde hielt sich vor Schmerzen noch immer den Bauch, als ihre Schwester endlich heimkam. Sie verdächtigte die glupschäugige Isobel, ihr im Vorübergehen einen Floh ins Haar gesetzt zu haben. Der war nun durch das Ohr in sie hineingekrochen und fraß sie von innen auf. Sie hatte es mit eingelegtem Ochsenschwanz versucht und mit kandierten Molchzungen. Sogar eine Messerspitze Hühnermist hatte sie zu sich genommen, aber ohne Erfolg. Sie ahnte schon: Morgen würde sie bluten. Weil ihr die Nachbarin einen Floh ins Haar gesetzt hatte. Oder als Strafe dafür, dass sie auch in ihrem zweiunddreißigsten Lebensjahr nicht in Erwägung zog, Leben zu schenken. So zumindest hatte es ihr die Tante erklärt.

„Iss“, bat Elva. Und setzte ihrer Schwester eine ­Regenwurmsuppe vor. „Das bringt dich wieder zu ­Kräften.“

Das Geschehen auf dem Marktplatz fiel Elva erst wieder ein, als die Schwestern längst in ihren Betten lagen, die eine wachgehalten von ihren Krämpfen, die andere von dem Gestöhn darüber.

„Erinnerst du dich an den Buben vom Beckenwerker?“ Hilde überlegte. „Den Jungen, der sich aus Trotz das Reden abgewöhnt hatte?“ Elva seufzte auf. Hilde brachte mal wieder alles durcheinander. „Den, der nicht lachen konnte.“ Wobei, rief sich Elva ins Gedächtnis: In jungen Jahren hatte er lachen können. Er hatte gern und viel gelacht. Später – womöglich übertrieben sie hier! – erzählten sich die Leute, sie hätten niemals in ihrem Leben etwas Schöneres gehört. An ein Windspiel habe sein Lachen erinnert oder an das Plätschern eines Baches.

Und dann? Was war ihm widerfahren? Hilde versuchte, sich zu erinnern. Es musste etwas Schreckliches passiert sein. Immer passierte etwas Schreckliches, wenn einem das Lachen verging. „Du kommst nicht drauf?“ Hilde wog unbestimmt den Kopf. „Ich verrate es dir: die Rotschwanzdohle.“

Das waren diese Viecher, die von einer gemeinen Dohle zunächst gar nicht zu unterscheiden waren. Erst im Flug – aber nur, wenn sie die im Königreich zugelassene Höchstgeschwindigkeit für Flugobjekte überschritten! – färbte sich ihr Schweif rot. Hatten sie es gar zu eilig, konnte es passieren, dass er in Flammen aufging und sie sich die Schwanzfedern versengten.

Evolutionsbiologen vertraten die Theorie, die Rotschwanzdohle sei aus einem Experiment mit einer harmlosen Artverwandten hervorgegangen. Eine minder­talentierte Hexe habe sich in einer Zutat vertan oder sich beim Aufsagen ihrer Formel verhaspelt.

Die Rotschwanzdohle, einst überall im Königreich anzutreffen, hatte sich ganz aus den Ortschaften zurückgezogen. Ein Waldalb verriet: Bevorzugt nistete sie in verwaisten Hexenhäuschen.

Den Menschen begegnete sie mit Misstrauen. Immerhin hatten die versucht, sie auszurotten. Das wiederum war auf das ungewöhnliche Fressverhalten des Vogels zurückzuführen. Angelockt von Kinderlachen, hatte sich vor vielen Jahren – die Schwestern waren selbst noch Kinder – eine Rotschwanzdohle auf den Jungen vom Beckenwerker gestürzt und ihm das geraubt, von dem kritische Stimmen behaupteten, man könne so etwas gar nicht rauben: das Lachen. Die Schwestern erinnerten sich. Der Junge bekam allenfalls noch ein Kichern zustande, das einem heiseren Schluckauf ähnelte.

In einem Wissenschaftsjournal las Elva: Die Rotschwanzdohle teilt ihre Beute unter ihrer Brut auf. Die gibt sich zwar auch mit Insekten und Sämereien zufrieden. Vom glockenhellen Lachen eines Kindes gedeiht sie jedoch besonders prächtig.

Bald verbreitete sich im gesamten Königreich die Kunde von der erkrankten Prinzessin. Vendulka sei über Nacht schrecklich gealtert, behaupteten die einen. Obwohl sie noch atme, sei sie ins Jenseits umgezogen, meinten die anderen.

Schausteller führten zu ihrem Amüsement Stücke auf, in denen Torten durch die Luft flogen. Kleinwüchsige wuchsen zu Giganten heran. Sie liefen auf Stelzen umher, um mit ordentlichem Rumms zu Boden zu stürzen. Männer taten sich Grausamkeiten an. Der König und seine Gattin amüsierten sich köstlich. Ausgezeichnet gefiel ihnen die Darbietung eines auf dem Feld verendenden Bauern. Allein der Blick auf die Tochter versetzte der Schadenfreude der Eltern einen Dämpfer: Apathisch schaute die Prinzessin einem Narren dabei zu, der unbeirrt auf einen vorsätzlich ausgelegten Kuhfladen zusteuerte. Die Königin vermeinte etwas Dumpfes im Gesicht ihrer Tochter zu erkennen. Waren die Mundwinkel nicht eigenartig abgesunken? Waren die Augen nicht hässlich verdreht? Den Anblick, den Vendulka bot, konnte die Königin nur als Beleidigung auffassen. Ihrem Gatten raunte sie zu, es sei an der Zeit, Maßnahmen zu ergreifen. Der König setzte eine Belohnung aus.

„Elva!“, entfuhr es Hilde. Aufgeregt kniff sie ihrer Schwester in den Oberarm. „Das ist unsere Chance.“ Hilde sah sich ins Schloss umziehen. Auf Absätzen stöckelte sie über den Marmorboden. Sie trug Samt und Brokat und eine Perücke auf dem Kopf, turmhoch, mit bunten Bändern geschmückt. „Hilde? Hörst du mir zu?“ Um die Prinzessin zu heilen, musste ein Heilmittel her.

In einem alten Buch stieß Elva auf einen Umkehrzauber. Doch benötigte sie dafür eine besondere Zutat. Eine Feder. Elva wusste: War die Rotschwanzdohle die Ur­sache für die Erkrankung der Prinzessin, führte kein Weg an dem grässlichen Vogel vorbei.

Zwei Tage lang irrten die Schwestern durch den Wald. Während Hilde alle paar Schritte einen Grund fand, sich zu beklagen, blühte Elva auf. Beeren und Pilze fand sie. Kräuter sammelte sie. Von der Tante hatte sie gelernt, welche davon einem Dahinsiechenden Leben einzuhauchen vermochten und welche sich eigneten, Schmerzen zu lindern. Einem Nachbarsmädchen, das ernsthaft an Liebeskummer erkrankt war, hatte Elva einmal einen Sud bereitet. Eine junge Frau, frühzeitig verwitwet, die vor Trauer immer mehr an Substanz verlor, hatte sie, bevor diese ganz verschwand, mit einer Salbe eingerieben.

Anders als Hilde, das Raubein, half Elva, wo sie nur konnte. Einen Igel, der sich beim Masturbieren an seinen Stacheln verletzt hatte, brachte sie heil durch den Winter. Eine Elster, die sich bei einem Spontandiebstahl einen Flügel gebrochen hatte, adoptierte sie kurzerhand.

Obwohl sie sich seit Jahren schon nicht mehr so weit in die Wälder hineingewagt hatte, hatte Elva die Höhle nicht vergessen, wo die Bärin ihre Jungen aufzog. Sie erinnerte sich an die Pfade, wo die Wölfe dem Rotwild auflauerten. War sie sich des Weges doch einmal unschlüssig, zog sie Wiesel oder Fuchs zurate.

Hilde hatte es bald satt, sich durch das immer dichter werdende Unterholz zu schlagen. Beim Wasserlassen stach ihr ein Viech in den Po. Und als ihr nachts eine Spinne unters Hemd kroch, starb sie tausend Tode.

Am dritten Tag erreichten die Schwestern eine Hütte, ein einfaches Modell, ganz offensichtlich ohne großen Einfallsreichtum zusammengehext. Die Hütte stand auf Hühnerbeinen, mit denen sie gelegentlich scharrte.

Elva klopfte an die Tür. Hilde trat, ohne abzuwarten, einfach ein: Zuhause war niemand, auch von der Rotschwanzdohle keine Spur, aber im Kessel über der Feuer­stelle blubberte ein herrlich duftendes Süppchen vor sich hin. Hilde befand: Genau das Richtige, um sich aufzuwärmen, und tat ihrer Schwester und sich davon auf. Hilde schlürfte mit großem Genuss. Als sie ihr Schälchen geleert hatte, holte sie sich einen Nachschlag.

„Wohl bekommt’s“, bemerkte die Hexe, die urplötzlich erschienen war. Sie saß auf der Küchenzeile, der Erscheinung nach eine alte Frau, aber wie ein Mädchen von zwölf Jahren spielte sie mit dem zu zwei dicken Zöpfen geflochtenen Haar und wippte dabei mit den Füßen.

Weil weder Elva noch Hilda etwas zu erwidern wussten, fuhr die Hexe fort: „Die Suppe habe ich nach einem Familienrezept gemacht. Die Fuchsbandwürmer bringt mir meine Schwägerin. Die Kellerasseln kommen von selbst. Die Nacktschnecken züchte ich. Freilandhaltung.“ Auf ökologischen Anbau und Nachhaltigkeit legte sie großen Wert. Die Menschen in den Dörfern, beschwerte sie sich, kriegten den Hals einfach nicht voll: zerlegten ein Schwein in hundert Teile und fraßen es mitsamt seiner Seele auf. Sie ernteten die Felder ab, bis kein Unkraut mehr wuchs. Verheizten den Wald und das Leben darin. Ja, von den Menschen kannte sie es nicht anders. Lange genug hatte sie unter ihnen gelebt. Würde die Natur sie nicht gelegentlich in die Schranken weisen, verbrannten sie noch die Erde, die sie bebauten.

Dennoch, das musste sie zugeben, hatte sie auch einige Angewohnheiten von den Menschen übernommen: Reisen unternahm sie, außer wenn sie es mal ganz eilig hatte, zu Fuß. Ihr Besen nahm es ihr übel. Sie aber fand, die Landschaft rauschte nur so an ihr vorbei, wenn sie den Besen ritt. Sie war darauf aus, ihr Leben zu entschleunigen. Ganze Abende hatte sie am Lagerfeuer verbracht, bei Speis und Trank, mit Musik und in bester Gesellschaft. Sie hatte – damals als junge Hexe von zweihundert Jahren – gelacht und getanzt. Freundschaften hatte sie geschlossen. Diesen Zeiten und den Menschen, die sie bevölkerten, trauerte sie gelegentlich nach. Sie geriet ins Schluchzen. Wurde wütend, betrübt. Den Virus des Vermissens, den hatte sie sich ohne jeden Zweifel bei den Menschen geholt.

Ein paar Jahrhunderte noch – hier verfinsterte sich ihre Miene –, und die Menschen würden die Elektrizität erfinden. Das Auto. Und die Atomenergie. Das Internet. Das leite, behauptete sie, den Untergang der Zivilisation ein. Elva und Hilde verstanden nicht, worüber sich die Hexe so leidenschaftlich erging. Elva nickte vage. Hildes Mimik demonstrierte ganz unverhohlen ihr Unverständnis. Ungeachtet dessen fuhr die Hexe noch eine ganze Weile auf diese Weise fort. Ohne es zu merken, sprang sie zwischen den Jahrhunderten hin und her. Sie gestand ihre Vorliebe für heidnische Dichtung und ihren Abscheu allem Dogmatischen gegenüber. Den Schwestern bot sie Vogelbeersaft an. Dazu reichte sie Blauschimmelkekse. Immer wieder entschuldigte sie sich für ihren Redeschwall. Sie müssten verstehen, sie bekäme ja so selten Besuch. Hilde lächelte böse. Elva versprach, möglichst bald wieder vorbeizuschauen. Zunächst einmal galt es jedoch, die Rotschwanzdohle aufzuspüren.

Die Rotschwanzdohle? Hier verschluckte sich die Hexe –an einem Kekskrümel oder einem Wort, das in ihrer Gegenwart lange schon niemand mehr ausgesprochen hatte. Die Hexe sprang von ihrem Platz auf, würgte, als wäre ihr ein Hamsterschenkel in der Speiseröhre ­steckengeblieben. Elva, sichtlich besorgt, schlug ihr sanft auf den Rücken. Als das nichts half, verpasste ihr Hilde eine Backpfeife. Das habe ich die ganze Zeit schon tun wollen, dachte sie. Und: Hoffentlich hat sie das nicht gehört! Hoffentlich kann die Alte keine Gedanken lesen.

Die Hexe verriet: Das letzte Mal hatte sie ein Rotschwanzdohlenpärchen in der aufgegebenen Hütte ihrer Ex gesichtet. Dort hatte es genistet. Noch hinter dem Mitternachtsfluss, unweit der Erdhöhlen, in denen Waldalb und Zwerge hausten, ohne Besen bestimmt ein Tagesmarsch von hier.

„Vielleicht habt ihr Glück“, meinte die Hexe. „Vielleicht schwirren noch ein paar von den Biestern dort rum. Doch ohne wohlklingendes Lachen lassen die sich bestimmt nicht hervorlocken.“ Sie erinnerte sich: Die Vögel hackten den Kindern in die Hände oder ins Gesicht. Sobald sich der Schmerz in einem Schrei entlud, raubten sie ihnen aus dem aufgerissenen Mund das Lachen.

Um ihre Chancen einschätzen zu können, erzählte die Hexe den Schwestern einen Witz. „Kommt eine Hexe, in ein Pferd verwandelt, in eine Bar. Fragt der Barkeeper: Warum ein so langes Gesicht?“ Elva lachte ein höfliches Lachen. Dabei hielt sie sich die Hand vor den Mund. Hilde lachte laut auf, ungehemmt, ein kehliges Lachen, das der Hexe das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Dein Lachen“, sagte die Hexe zu Elva, „lockt niemanden hervor. Und deines“, hier wandte sie sich an Hilde, „schlägt alle in die Flucht.“

Was blieb ihnen da übrig? Ob sie vielleicht einfach heimgehen sollten, fragte sich Elva. Heimgehen, um sich ein Nachbarskind auszuborgen, überlegte Hilde. Denn ohne Kinderlachen würde ihnen wohl kaum eine Rotschwanzdohle zufliegen. Und ohne die Feder der Rotschwanzdohle, das wusste Elva, sähe es schlecht aus für die erkrankte Prinzessin. Für die Belohnung, ergänzte Hilde für sich.

Die Hexe wusste Rat. „Was wäre ich für eine Hexe, wenn ich nicht hexen könnte?“ Eilig kramte sie in Behältnissen herum. Durch die Luft flogen Plastikboxen und Silikonförmchen, die noch lange nicht erfunden waren. Für den Trunk brauchte sie ein paar besondere Zutaten: sieben Spinnenbeine, vom Löwenzahn die getrocknete Mähne, die Nachgeburt eines erstgeborenen Rehkitzes und ein Gewürz, das es erst in vier Jahrhunderten in diesen Teil der Welt schaffen sollte. Die Zutaten warf sie in den Kessel über der Feuerstelle. Dazu sprach sie eine Zauberformel, die ungewöhnlich viele Zischlaute­ enthielt. Sieben Minuten ließ sie das Gebräu vor sich hinblubbern. Schließlich schlug sie mit ihrem Holzlöffel dreimal energisch gegen den Kessel. „Hoffentlich habe ich mich nicht im Rezept vertan.“ Die Hexe kicherte. „Und nun: Trinkt! Ihr habt einen Tag Zeit. Dann verliert der Zauber seine Wirkung.“

Auf ihrem Weg probierten die Schwestern das geborgte Lachen aus. Wie ein warmer Sommerregen, war es Elva. Wie ein Glockenspiel, tanzend im Wind, fand Hilde.­ Durchsetzt mit Paukenschlägen. Von Zeit zu Zeit, ­immer wenn sie meinten, den Flügelschlag eines Vogels zu vernehmen, sandten sie ein Lachen aus, aber nichts kam zurück.

Als sie endlich die Hütte erreichten, welche ihnen die Hexe beschrieben hatte, waren von ihrem Tag bereits zwei Drittel verbraucht. Von den Vögeln zeugte lediglich ein verwaistes Nest. Die Schwestern schauten sich um, lachten, bis ihnen die Gesichtsmuskeln wehtaten. Eine Rotschwanzdohle zeigte sich ihnen nicht.

Dafür begegneten sie den Waldfrauen. Die waren gerade damit beschäftigt, die Farben aus ihrer Kleidung herauszuwaschen. Farben nämlich vertrugen die Frauen nicht, die allesamt aussahen, als wären sie den gelbstichigen Bögen entstiegen, die in der Papierwüste zuhauf herumlagen.

Als sich die Schwestern nach der Rotschwanzdohle erkundigten, meinten die Frauen, so einen Vogel niemals gesehen zu haben. Auch was die Hexe anging, die hier ganz in der Nähe wohnen musste, konnten die Frauen keine Auskunft geben. Hilde hielt bereits nach einem Stock Ausschau, um den Frauen auf die Sprünge zu helfen, aber Elva hielt sie zurück: „Die Waldfrauen“, flüsterte sie, „sagen die Wahrheit. Den Vogel haben sie nicht gesehen. An Hexen glauben sie nicht. Und woran man nicht glaubt, das kann man nicht sehen.“

Bald wurde es dunkel. Und kalt. Ihr Proviant war aufgebraucht. Vom dämlichen Vogel keine Spur. Sie würden mit leeren Händen die Rückreise antreten müssen. Hilde verfluchte die Welt, in die sie hineingeboren war. Sie hob einen Stock auf und drosch wie von Sinnen auf einen Ameisenhügel ein.

„Was machst du da?“, entfuhr es Elva. „Hör auf!“ Hilde aber ließ sich nicht davon abhalten, Unheil über jene auszuschütten, die ihren Ärger nicht befeuert hatten. Einen Fuchsbau schüttete sie zu. Sie hob einen Stein und schleuderte ihn nach der Eule, die im Geäst über ihr saß und sich ganz offensichtlich über sie lustig machte.­ Der Stein verfehlte die Eule. Vielleicht gehorchte er einfach dem Gesetz der Schwerkraft, vielleicht gehorchte er dem Willen einer Hexe, die spätabends als Waldkauz verkleidet im Geäst einer Erle saß, jedenfalls fiel er der Wütenden genau auf den Kopf. Die fiel daraufhin um. Einfach weil sie das Gleichgewicht verlor – oder dem Schock geschuldet, dass das Schicksal sie so unverzüglich für ihre Missetaten abstrafte. Elva lachte, ganz untypisch für sie, aus voller Kehle. Es sah einfach zu ulkig aus: Da schlug ihre irr gewordene Schwester auf alles ein, was sie zu fassen bekam, schrie und schimpfte, um dann, von einem kleinen Steinchen getroffen, einfach umzufallen. Elva lachte und lachte, nicht ihr verhaltenes Lachen, nicht ihr geborgtes Lachen, sondern ein Lachen, das aus ihrem tiefsten Inneren hervorquoll, gegen ihren Willen, denn aus Missgunst oder Schadenfreude wollte sie eigentlich nicht lachen. Sie setzte sich auf den Waldboden und hielt sich den Bauch.

Den Vogel mit dem flammenden Schweif nahm Elva erst gar nicht wahr. Hilde, längst wieder zu sich gekommen, bemerkte ihn sofort. Das Viech stürzte auf ihre Schwester nieder. Es hackte auf Elva ein. Die hielt im Lachen nicht inne. Schützend hielt sie sich ihre Hände über den Kopf, nicht vor den Mund, wie in dieser Situation angeraten. Der Vogel zielte gerade auf Elvas Zunge, da ­bekam ihn Hilde zu fassen. Die Rotschwanzdohle kreischte auf. Sie versuchte sich zu befreien, aber Hilde dachte gar nicht daran, sie freizulassen. Seelenruhig rupfte sie ihr, eine nach der anderen, die Schwanzfedern aus. Elva mischte sich ein, beanstandete, dass eine einzelne Feder genügte. Hilde sagte: „Sicher ist sicher.“ Als die letzte Feder gerupft war, schlug Hilde den Vogel gegen den Wald­boden, dreimal, bis das Tier vollkommen verstummte. Viel war an ihm nicht dran. Aber für einen Snack reichte es, befand sie.

Vendulka indessen hatte jegliche Freude am Leben verloren. Die Prinzessin schikanierte nicht mehr die Lakaien. Die Zofen trieb sie mit ihren Launen nicht mehr zum Wahnsinn. Kindern nahm sie nicht mehr das Spielzeug weg. Weder Kreischen noch Jammern erfüllten die Gemächer des Schlosses.

Hätte es nicht so schlecht um seine Tochter gestanden, wäre es dem König kaum eingefallen, zwei so ärmlich gekleidete Frauen vorzulassen. Allein für die Anmaßung, ihm ihren schäbigen Anblick zuzumuten, hätte er sie am liebsten den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Die Königin hielt ihn zurück. Medikus und Feldscher hatte er schon verfüttert. Sollten es die Schwestern versuchen, die sich, obwohl nicht mehr jung, als Fräulein Elva und Fräulein Hilde vorstellten.

Elva verabreichte dem Mädchen den Trunk, den sie unter Beigabe ihrer besonderen Zutat exakt nach Rezept gebraut hatte. Die willenlose Patientin trank gehorsam, stieß kurz auf und fiel dann zurück in die Horizontale. Fünfzehn Minuten rührte sie sich nicht.

Dann gähnte die Prinzessin, so ausgiebig, als schüttelte sie einen siebentägigen Schlaf ab. Vendulka streckte sich und richtete sich auf. Zur Probe erzählte ihr Hilde den Witz, den ihnen die Hexe erzählt hatte. Die Prinzessin lachte – kein heiteres Lachen, nicht wärmend, nicht einschmeichelnd, aber sie lachte. Das Königspaar atmete­ erleichtert auf. Der König war zufrieden. Kein Prinz interessierte sich ihres Lachens wegen für seine Tochter. ­Lachen ist Lachen. Den Auftrag sah er als erfüllt an. Ganz zur Empörung seiner Gemahlin zeigte er sich einverstanden, die Belohnung auszuzahlen. Da fuhr die ­Königin aus der Haut: „Für dieses heisere Lachen wollen die beiden Vetteln auch noch entlohnt werden?“

Ganz zum Unbehagen ihrer Schwester erdreistete sich Hilde, der Königin zu widersprechen: Sie hätten ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Zum Beweis hielt sie dem ­Königspaar ihre zerkratzten Hände hin. Die Königin wandte angewidert den Blick ab. Dem König diktierte sie ihre Meinung: „Dieses Lachen ist nicht mehr als ein Fünftel der Belohnung wert. Das ist mein letztes Wort.“

II.

Das Herrenhaus am Raschbach, auf welches Hilde spekuliert hatte, konnten sich die beiden Schwestern von der Belohnung nicht leisten, die ihnen erst auf Bitten und Drängen in Raten ausgezahlt wurde. Zuallererst schafften sie sich ein Pferdchen und einen Karren an. Hilde bezahlte einen Heiler, von dem es hieß, er könne das monatliche Bluten stoppen. Elva legte sich einen Vorrat an Ölen und Salben an. Bei Tischler und Schreiner gaben die Schwestern ein paar Möbel in Auftrag, merkten aber erst, als Schränke und Kommoden in ihrer Bude standen, dass sie kaum etwas besaßen, was sie darin verstauen konnten.

Hilde schimpfte auf die Königin. Ein niederträchtiges Weib nannte sie sie. Undankbar. Bevor die Königin ihr einen Grund gab, sie nicht zu mögen, hatte Hilde davon ausgehen können, wovon alle ausgingen: Die Königin war ihrer aller Mutter, gütig, besorgt um das Wohl ihres Volkes. Dass der Wohlstand nicht bei allen ankam, das konnte man unmöglich ihr ankreiden. Immerhin hatte die Königin ein Heim für verwaiste Kinderchen bauen lassen.

Den Frauen auf dem Markt galt sie als Maßstab. Dabei hatten die wenigsten von ihnen die Königin leibhaftig gesehen. Ihr Bild von der Königin setzte sich aus Bildern zusammen, die nicht ganz der Wahrheit entsprachen. Hilde hatte in das pockennarbige Gesicht der Frau gesehen, die – risse man ihr die edlen Gewänder vom Leib und steckte sie in Leinen – unbemerkt auf dem Markt Molke hätte anbieten können. Mehr noch als an ihrer Habgier störte sich Hilde an ihrer Mittelmäßigkeit. Sie fühlte sich um ihre Königin betrogen.

Längst standen die Schwestern wieder auf dem Marktplatz, boten Rüben und Kohl an, Möhren und Äpfel. Fröstelnd noch in vier Lagen Tuch schimpfte Hilde auf den Winter, der als alter Mann humpelnd durch die Dörfer zog und mit seinem Rauhreifatem die Landschaft zuckerte.

Immer öfter bedrängte Hilde ihre Schwester, ihr doch einen ihrer unheilvollen Sprüche beizubringen. Zu gerne würde sie der Eierfrau, die sie neulich wieder schief angeguckt hatte, vom Karren die Räder weghexen, damit der auf den frostharten Boden krachte und die Eier zerschlugen. Elva ahnte, dass ihre Schwester Ungutes im Schilde führte und wandelte den Spruch ab, für den Fall, dass es ihr doch gelänge, ihn fehlerfrei aufzusagen. Trotz fleißigem Repetieren verhaspelte sich Hilde mitten im Spruch: Die Räder des Schubkarrens lösten sich nicht. Dafür schlüpfte aus einem der Eier, auch zu ­Elvas Verwunderung, ein Küken. Die umstehenden Frauen begrüßten das quietschgelbe Wesen mit schrillen Freudenschreien, bevor sie sich, einander zur Ruhe mahnend, die Hand auf den Mund legten. Sogleich eilten aus allen Richtungen Mägde herbei, das Wunder zu bestaunen. Der Eierfrau nahmen sie das Versprechen ab, dass dieses Küken leben werde. Berauscht von dem Glück, dem Wunder der Geburt beigewohnt zu haben, kauften sie Eier gleich zu mehreren Dutzenden.

Auf dem Heimweg schmollte Hilde. Schweigend gingen die Schwestern neben ihrem Pferdchen her, dem es kaum gelang, den Karren durch den Schnee zu ziehen. Immer wieder blieben die Räder stecken. Elva sprach dem Pferdchen gut zu. Hilde verpasste ihm einen Hieb, entschuldigte sich aber kurz darauf mit einer Mohrrübe für ihre ungehaltene Art. Elzeba sah es ihr nach. Ohne Eitelkeit akzeptierte die Stute die kleine Bestechung.

Anfangs hatte Hilde gescherzt: Im letzten Leben musste Elzeba ein Kriechtier gewesen sein. Sie hatte vorgeschlagen, das Pferd schlachten zu lassen. Dann jedoch freundete sie sich fast gegen ihren Willen mit dem Tier an. Elzeba hatte ein sanftes Gemüt. Nie zeigte sich die Stute aufmüpfig. Stoisch ertrug sie die Last, welche die Schwestern ihr aufluden. Auch wenn es nicht viel war, gab Elzeba ihr Bestes. Von Seiten des Tieres erfuhren die Schwestern eine Zuneigung, die sie von ihren Mitmenschen nicht kannten.

Elva hatte bald vergessen, dass sie einmal in ihrem Leben so reich gewesen war, dass sie mehrere Wochen am Stück nicht hatte arbeiten müssen.

Hilde vergaß das nicht. Was ihre Wut anging, so war ihr Magen ein guter Gradmesser. Gab die Königin innerhalb­ der Mauern ihres Schlosses einen Ball, zu dem sie alle Welt, nur nicht das eigene Volk einlud, flackerte die Wut auf. Beschlagnahmte die Königin für ihre kulinarischen Gelüste Höfe und Felder, drohte Hilde von innen zu verbrennen.

Als die Königin erkrankte, erlaubte sich Hilde, sich ganz ihrer Schadenfreude hinzugeben. Nachrichten von ihrer schlechten Verfassung ließ sie sich dreimal erzählen. Nicht eine der Nachbarinnen, die sie bloß so mittelmäßig hasste, war erkrankt, sondern die Frau, der sie einen qualvollen Tod wünschte, inklusive Ekzeme, eitrige Entzündungen, im Wechsel Verstopfung und Durchfall.

Gerüchten lauschte Hilde mit Genuss. Die Königin, behaupteten die einen, spreche ihre Vertrauten seit ­Neustem mit falschem Namen an. Sie spucke blaues Blut, behaupteten die anderen.

Kaum war durchgesickert, dass es nicht allzu gut um die Königin stand, da umschwirrten, bluthungrigen Insekten gleich, Männer den Wintersitz, in dem die Königin, abseits des Schlosstrubels, ihrer Genesung harrte.

Die Männer, spezialisiert auf Wunderheilung oder rhetorische Chirurgie, flatterten im verschneiten Rosengarten umher, bis sie mit zurechtgelegten Argumenten und Säckchen herrlich klimpernder Silbertaler die ­Wachen überrumpelten. Die Männer warteten im Foyer, so weich gepolstert wie noch nie in ihrem Leben, auf die Chance, mit dem Leid eines Menschen ein großes ­Geschäft zu machen.

In ihrer Verzweiflung ließ die Königin ganz verschiedene Prozeduren über sich ergehen. Sie nahm Bäder in Eselsmilch und in Schafsmilch. Sie badete im Schlamm und im Eis. Sie trank Tinkturen, die die abenteuerlichsten Zutaten enthielten. Sie probierte Diäten aus. Sie ­fastete unter Aufsicht eines Weisen, der sich als behilflich erwies, indem er die Portionen der Königin vertilgte. Die Königin, die sich besonders aufs Sitzen und Liegen verstand, verlangte ihrem Leib Bewegungen ab, die ihr widernatürlich, geradezu unanständig vorkamen. Ihre Lungen provozierte sie mit frischer Luft und ihr Herz mit ausgedehnten Spaziergängen, auf denen sie Dinge zu sehen bekam, die zu vergessen sie einige Wochen kosten würde: Ein Bauernmädchen, das barfuß durch den Schnee watete. Ein altes Weib, in Lumpen gekleidet, mit drei, vier Zähnen im Maul, nicht annähernd genug, um ein Wort zu bilden. Einen Einarmigen, der Schneebälle­ verkaufte. Wie kamen, fragte sich die Königin, diese Menschen bloß auf die Idee, sich am helllichten Tag so auf der Straße zu zeigen? Warum verzogen sie sich nicht in die hintersten Winkel der Nacht oder in die Löcher, die sie ihr Zuhause nennen mochten?

Die Königin probierte alles aus, was man an sie herantrug. Aber nichts half: Der Nebel in ihrem Kopf verflüchtigte sich nicht. Die Müdigkeit wich nicht aus ihren Knochen. Appetitlosigkeit wechselte sich mit Fressattacken ab. Weil ihr die Abgeschiedenheit aufs Gemüt schlug, kehrte sie ins Schloss zurück. Dort ließ sie sogleich die Spiegel abhängen, aus Angst, sich unvorbereitet zu begegnen, nicht frisiert, mit einem Gesicht, nicht übermalt oder überpudert, das so war, wie sie die Dinge am wenigsten mochte: ganz natürlich.

Der Ansturm auf das Schloss ebbte ab, als der in seinen Hoffnungen enttäuschte König anordnete, einen Wunderheiler zu köpfen. Der hatte es gewagt, Fragen zu stellen, die einer Königin unwürdig waren. Er hatte die Königin mit Konzepten belästigt, die ihr nichts sagten: Demut, Gewissen. Schuld. Mit seinen Fragen hatte er die Königin zum Weinen gebracht. Fortan – das ließ der König auf dem Marktplatz verkünden – sollte jeder dran glauben, der sich ein ähnlich schweres Vergehen würde zu Schulden kommen lassen.

Hilde hörte sich weiter um. Sie sammelte Informationen. Ideen hatte sie einige, aber sie übte sich in Geduld. Erst sollte der König die Belohnung erhöhen, die er ausgelobt hatte. Ihren Traum von einem Herrenhaus hatte sie nicht begraben.

Elva ließ sich nicht einspannen. Sie fand: Das königliche Paar störte durch sein Verhalten das Gleichgewicht. Da war es doch nicht verwunderlich, dass im Königreich Amarek Krankheiten umgingen. Die Nachbarinnen klagten – am liebsten so, dass es alle mitbekamen – über Kopf- und Halsschmerzen, Gliederschmerzen, kaputte Gelenke und – meist hinter vorgehaltener Hand – über ein Brennen im Schambereich, eitrigen Ausfluss, ein Jucken im Anus. „Warum“, fragte Elva, „sollte die Königin von alldem verschont bleiben?“ Ihre Schwester bat sie, sich weniger mit der Verfassung ihrer Königin zu befassen.

War es nicht viel dringlicher, die Socken zu stopfen? Aus Stoffresten schneiderte Elva neue Mäntel. Weil sie darin nicht sehr geschickt war, brauchte sie dafür Wochen. Immer wieder war sie genötigt, eine Naht aufzutrennen, die sie gerade erst festgezogen hatte. Gerade zerschnitt sie ein Unterhemd, da donnerte es an der Tür. Die Schwestern schauten einander an. Elvas Blick sagte: Du öffnest. Hildes Blick sagte: Du öffnest. Oder, nein, stellen wir uns tot.

Die Männer schüchterten die Schwestern ein. Das mochte an den Uniformen liegen, die sie trugen. Oder an der Art und Weise, wie sie ihr Anliegen vortrugen – nicht fragend, nicht bittend. Sie nahmen die Elfenhafte in ihre Mitte und führten sie hinaus auf die Straße. Elva wehrte sich nicht. Sie bat nicht einmal, sich etwas überziehen zu dürfen. Es war Hilde, die die beiden Männer anging. Hilde nahm Anlauf. Sie sprang an einem der Männer hoch und riss ihm die Mütze vom Kopf. Als ihn das nicht beeindruckte, biss sie ihm in die Hand. Mit dem freien Arm holte er aus. Greinend stürzte Hilde zu Boden. Seinen Griff um Elva lockerte er zwar nicht, aber der Uniformierte sah ein, dass sein Auftrag wohl doch nicht ganz so leicht auszuführen war. „Deiner Schwester passiert nichts. Wenn sie mitspielt“, knurrte er. „Dir passiert gleich was“, gab Hilde zurück, während sie sich mit einem Nudelholz bewaffnete. „Königlicher Befehl“, ­erklärte der zweite Mann achselzuckend. „Deine Schwester kommt mit uns.“

Während der Fahrt überlegte Elva, welches Unrecht sie begangen haben konnte. Vielleicht war die Prinzessin an ihrem falschen Lachen erstickt? Dafür würde man ihr nun die Nägel von den Fingern reißen oder etwas brechen, Arm oder Bein. Besser wäre es doch, man würde­ ihr gleich den Kopf abschlagen. Hilde, die sich nicht hatte­ abschütteln lassen, hielt ihrer Schwester die Hand. Sie trieben andere Gedanken um: Wie mochte es wohl gelingen, die beiden Grobiane zu überrumpeln? Vielleicht ließen sie sich aus dem Fuhrwerk schubsen? Zu dumm, dass sie ihr das Nudelholz abgenommen hatten! Nur zu gern hätte sie es jetzt, wo die beiden Männer in ihr Gespräch vertieft waren, erst dem einen, dann dem anderen übergezogen.

In den letzten Wochen hatte der König vierzehn Männer zum Tode verurteilt. Dem Hof gingen die Heilkundler aus. Weil sich der Zustand seiner Gattin trotz Blutegel und Aderlass weiter verschlechterte, schickte er in seiner Verzweiflung nun nach diesem Kräuterweib, das seiner Tochter, fast schon im Jenseits angekommen, neuen Lebensmut eingeflößt hatte. Völlig schleierhaft, wie ihr das gelungen war. Hauptsache aber, Elva wiederholte ihren Trick.

Elva wehrte sich gegen die Vereinnahmung: Sie wisse ja gar nicht, was mit der Königin los sei. Wie solle sie ihr da helfen? Der König aber bestand darauf. Er dachte gar nicht daran, die Schwestern wieder gehen zu lassen, bevor seine Gattin nicht geheilt war.

Elva erbat für ihre Schwester und sich ein Kämmerchen. Kaum dass der König eingewilligt hatte, wandte Hilde ein: Mit Kämmerchen meine ihre Schwester ein Gemach, kaminwarm, zwei Federbetten, Fenster, die auf den Schlosspark hinausgingen, mit Blick auf den Schwanenteich. Wie, bitteschön, sollten sich in einem Kämmerchen die Gedanken bewegen?

Drei Mahlzeiten am Tag schlug Hilde heraus. Über eine angemessene Entlohnung wollte sie verhandeln, sobald sich die Schwestern einen Überblick verschafft hatten. Elva war zutiefst besorgt. Was, wenn der Königin gar nicht zu helfen war? Wenn es kein Mittel gegen die Leiden gab, die ihr zusetzten? Hilde sank quietschfidel aufs Bett. An Weichheit hatte ihr Rücken nichts Vergleichbares erlebt. Munter wippte sie, dann tauchte sie ein in lavendelduftende Tiefen. Sie gluckste zufrieden. „Mit der Wunderheilung lassen wir uns Zeit.“

Als die Schwestern der Königin am Folgetag einen Besuch abstatteten, fanden sie sie in Embryonallage vor, unter drei Schichten Laken, den Kopf zur Wand geneigt. Die Königin rührte sich nicht. Zum König meinte Hilde: Er müsse Geduld haben. Die Lage seiner Gattin sei sehr, sehr ernst.

Es kostete Mühe, die Königin zu einem Spaziergang durch den Schlosspark zu überreden. Begleitet von Elva und Hilde, setzte die Königin, umwölkt von einer kleinen Auswahl an Zofen, vorsichtig einen Schritt vor den anderen. Auf diese Weise schaffte sie es zum Schwanenteich.

Die Zofen zupften an ihr herum. „Schau mal hier!“, riefen sie. „Schau mal dort!“ Die Königin schaute, ohne zu sehen. Ein Eichhörnchen kletterte einen Baumstamm hoch. Na und? Ein Erpelpaar entfernte sich watschelnd von den graubraunen Schnattertanten. Eiszapfen hingen vom Dach des Teehäuschens. Als sie die Kräfte verließen, sank die Königin nieder. Ihre Zofen fingen sie auf, bevor sie auf den winterharten Boden aufschlug. Eine hatte es ja schon vorher gewusst. Eine hätte sich nie darauf eingelassen. Eine hielt es für ratsam, unverzüglich den König zu verständigen. Sie meinte, es stünde ihnen gar nicht zu, eigenmächtig Entscheidungen zu treffen. Vielstimmig schoben die Zofen Hilde und Elva die Verantwortung zu. „Nun macht doch endlich was! Tragt eine Salbe auf! Sprecht einen Spruch! Braut einen Trunk!“

Während sich Elva den Kopf darüber zerbrach, wie sie der Königin helfen konnte, verbrachte Hilde ihre Zeit damit, sich zu überlegen, welche Forderungen sie an den König stellen konnten. Unmöglich, dass die Schwestern, nachdem sie am Hofe gelebt hatten, in ihr altes Leben zurückkehrten! Zu Zofen taugten sie nicht. Ihre Rücken aber hatten sich an federweiche Betten gewöhnt, ihre Mägen an Speisen, die der königlichen Tafel vorbehalten waren.

Elva erbat sich, das Schloss verlassen zu dürfen. Fernab der Festung, deren Mauern ihren Geist begrenzten, wollte sie sich auf die Suche nach einem Heilmittel machen. Der König gewährte ihr den Ausgang. Weil er ihr nicht ganz über den Weg traute, behielt er als Pfand ihre Schwester ein. Hilde willigte gerne ein. Sie hatte schon befürchtet, die königliche Gefolgschaft mochte sich ohne sie über die glibberigen Süßspeisen hermachen, die wochentags serviert wurden.

Tief im Wald suchte Elva den Eingang in eine Welt, die im Verborgenen lag. Ihre Mutter, in ihrer Jugend eine Frau von hexenhafter Schönheit, hatte eine Liebesbeziehung zu einem der Onkels unterhalten, die hier lebten. Elva, ein Mädchen von elf Jahren, war als Wind und Schatten verkleidet der Mutter gefolgt.

Der Palast war über eine fuchsbaugroße Öffnung zu betreten. Elva staunte: Drinnen sah es genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Der Hallenboden bestand aus nachtschwarzen und taghellen Quadraten, die im Schachbrettmuster angeordnet waren. Auf Marmor­sockeln standen naturgetreue Ebenbilder der Palast­bewohner. Eine breite Treppe, bekleidet mit weinrotem Samt und gesäumt von einem freischwebenden Handlauf aus Rosenholz, führte ins zweite Stockwerk hinauf. Dort gingen vom Gang die zwölf Kammern ab.

Die fünfte Tür, die sie zuerst ansteuerte, fand sie verschlossen vor, ebenso die ersten drei. In der vierten Kammer lag, in süßem Schlaf versunken, ein zarter Knabe. Sie weckte ihn nicht. Schließlich war sie nicht seinetwegen gekommen. In den Kammern sechs bis acht lagen junge Kerle, schnarchend, die Glieder verdreht oder von sich gestreckt, in ihre Decken verheddert oder entblößt. Im neunten Zimmer traf Elva, ganz zu ihrer Überraschung, auf eine Männerrunde. Die Männer, in mittlerem und fortgeschrittenem Alter, saßen um einen großen Rundtisch herum und spielten Karten. Elvas Erscheinen machte­ keinen besonderen Eindruck auf sie. Elva mochte als Waldgeist oder Elfe durchgehen. Im Palast der zwölf Monate war man solcherlei Volk gewöhnt.

Seelenruhig spielten die Männer ihre Partie zu Ende. Erst als der Monat November mit einem cleveren Zug das Spiel für sich entschied, trat Elva näher. „Ich suche den Monat Mai“, sprach sie. Weil keiner der Herren Anstalten machte, Auskunft zu geben, trug sie, diesmal fester im Ton, ihr Begehren vor.

Die Herren schauten sich verunsichert an. Der König schickte ihnen allen Ernstes ein Kräuterweib? Wenn das Wohl der Königin von solch einer abhing, stand es schlecht um ihrer aller Zukunft. Dezember, der Älteste in der Runde, stellte ungeniert sein Unbehagen zur Schau. Wie ein bockiges Kind scharrte er mit den Füßen über den Boden. November schnaubte verächtlich aus. Ohne ein Wort zu sagen, goss September reihum Whisky ein. Während die anderen nur daran nippten, trank er sein Glas in einem Zug aus. „Ein herrlicher Tropfen“, urteilte er.

In der Hoffnung, er würde sich an ihre Mutter erinnern, wandte sich Elva an den Oktober, einen Herrn in feinem Zwirn. Silberfäden im roten Bart, karierte Mütze, im Mundwinkel eine Zigarre.

Der Monat Oktober schickte Elva in den Wintergarten. Dort traf sie auf einen jungen Mann, der, über den Boden gebeugt, gerade dabei war, mit seinem warmen Atem eine Schnecke aus ihrem Haus hervorzulocken.

„Wo bist du so lange gewesen?“, fragte er. Elva lächelte.­ Der Jüngling erkannte in ihr das elfjährige Mädchen, dem er Erdbeeren, nicht größer als Gänseblümchenköpfe,­ in den Mund gepflückt hatte. „Ich war damit beschäftigt, mein Leben zu leben.“ Ihr Kindfreund nickte. Er war nicht gealtert. Er wuchs nicht in die Höhe und nicht in die Breite. Nie würde mehr als ein seichter Flaum seine Wangen bewachsen.

Als sich Elva erkundigte, warum er nicht mit seinen Geschwistern spielte, druckste er herum. Die jüngeren hielten Winterschlaf. Und die anderen? „Die großen Jungs ärgern mich immerzu.“ Sie zertraten die Triebe, die er sprießen ließ. Sie köpften die Blumen, die er in den Schnee setzte. Sie pflückten die Knospen, die er auf die kahlen Äste und Sträucher klebte. Die Brüder mahnten ihn, abzuwarten, bis er an der Reihe war. „Ich habe aber keine Geduld mehr“, sagte der ewige Junge traurig. „Ich auch nicht“, verriet ihm Elva.

Der Monat Mai führte sie zu einer Lichtung. Von den Tannen hingen Spiegel. Vögel saßen im Geäst. Diesen Flecken also gestanden die älteren Brüder dem Fünftgeborenen zu. Besser er tobte sich hier aus! Womöglich ließ er sonst, während sich die Knospen öffneten, Birnen von den Bäumen plumpsen oder schickte die gerade erst angereisten Zugvögel heimwärts.

Ein veilchenblaues Insekt umschwirrte Elva. Zwei Eichhörnchen teilten sich eine Nuss. Waldblaumeisen neckten sich. Sie konnte ihn nicht sehen, aber weiter hinten röhrte ein Hirsch: Ich bin bereit für die Liebe. Elva schüttelte den Kopf. Dass der Liebestolle nicht vor Lust verging! Der ewige Junge stiftete Chaos, ein Chaos, von dem sie profitierte. Denn waren das, worauf sie da beinahe trat, nicht die Triebe des Baldrians? Elva beugte sich nieder und riss das zarte Pflänzchen aus der Erde. Nicht die blassgrünen Blättchen benötigte sie, sondern die Wurzeln. Ein paar Schritte weiter lockte mit seinem Gold das Johanniskraut. Elva pflückte sich ein paar Sterne. Von den Kamillenblüten nahm sie, so viel sie fand, von der Zitronenmelisse die feinzackigen Blätter, von der Schafsgarbe das weiße Rauschen. Hier ermahnte sie ihren ungeduldigen Freund. „Du musst exakter arbeiten!“ Natürlich wusste sie, was gemeint war, aber jemand, der in der Welt der Pflanzen weniger zu Hause war als Elva, mochte dieses Gewächs für Giersch oder Hundspetersilie halten. Und das hier? Sollte das Maiglöckchen nicht eigentlich seine Spezialität sein? Elva lachte. Schließlich ließ sie sich ins Gras fallen. Ihr Jugendfreund verteilte Pollen an die Pappeln.

„Noch so ein Hilfsmittelchen“, maulte die Königin. Dennoch nahm sie den Trunk zu sich, ohne einen Tropfen zu verschütten. Ganz zur Erleichterung ihres Mannes fiel sie in einen tiefen Schlaf.