Ambach – Die Suite / Die Falle - Jörg Steinleitner - E-Book

Ambach – Die Suite / Die Falle E-Book

Jörg Steinleitner

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Beschreibung

Nach der Aufregung um den Picasso-Coup läuft es für Felix Ambach gar nicht gut. Seine Freundin wendet sich unerklärlicherweise von ihm ab, er braucht immer öfter Drogen, um kreativ zu sein, und dann enthüllt seine Exfreundin auch noch ein Geheimnis aus Felix' Vergangenheit – kurz darauf ist sie tot. Von seinem Partner Gabriel de Moño kann Felix keine Hilfe erwarten. Als sich ein Ermittler der Mordkommission an seine Fersen heftet, sieht er nur noch eine Möglichkeit, um aus dem teuflischen Pakt mit de Moño auszusteigen und seine Haut zu retten. Er schmiedet einen riskanten Plan …

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www.piper.de

ISBN 978-3-492-97087-7

Juni 2017

© Matthias Edlinger/Jörg Steinleitner 2017

© Piper Verlag GmbH, München 2017

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Covermotiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Teil 5Die Suite

Eins

Um Punkt zehn Uhr würde Pablo Picassos Tochter das Pariser Hotel Ritz betreten. Es war ein bedeutender Tag: Maya Widmaier-Picasso würde mit ihrer Expertise einen gigantischen Kunstdeal über zwanzig Millionen Euro ermöglichen – oder eben platzen lassen.

Bereits um neun Uhr siebenundvierzig nahm Felix Ambach einen Platz in der Lobby ein. Der Kunstfälscher war sich nicht sicher, ob dies ein kluger Entschluss war, aber er wollte die Frau, die in wenigen Minuten über sein weiteres Leben entscheiden würde, wenigstens ein einziges Mal sehen: Eine karge Gefängniszelle oder unfassbarer Reichtum, das waren die beiden Optionen für seine Zukunft.

Der Ledersessel, den Felix ausgewählt hatte, stand seitlich neben dem Eingang. Von dieser Position aus konnte er jeden neuen Gast, der die Lobby durch die Drehtür betrat, ins Visier nehmen, ohne selbst aufzufallen. Um sein Gesicht zusätzlich vor Maya Picassos Blick zu verbergen, legte er auf dem Beistelltischchen aus Zedernholz eine Ausgabe von »Le Monde« bereit. Die Zeitung würde er hoch halten, wenn es so weit war. Zwar fand er diesen uralten Agententrick selbst ein wenig unkreativ, aber etwas Raffinierteres war ihm nicht eingefallen. Nun rebellierte sein Magen. Die Übelkeit, die ihn befallen hatte, als sein Geschäftspartner Gabriel de Moño das Telefonat mit der Kaufinteressentin Viviane Metancourt beendet hatte, war er seither nicht losgeworden.

Um neun Uhr zweiundfünfzig erntete Felix einen irritierten Blick des Kellners, weil er eine Tasse Kamillentee orderte. Umgehend erkundigte sich dieser in einem von starkem französischem Akzent verfärbten Englisch, ob er noch etwas für den Gast tun könne – vielleicht einen Arzt rufen? Man verfüge über exzellente Kontakte zu den besten …

»Warum?«, blaffte Felix den Hotelbediensteten auf Englisch an. »Mir geht es gut!« – Eine höfliche Lüge! Der Teint des talentiertesten Kunstfälschers seit Wolfgang Beltracchi erinnerte an eine vergilbte Raufasertapete. Felix hatte kaum geschlafen und zu viel geraucht. Natürlich hatte der Kellner ganz richtig bemerkt, dass dieser Mann in der Lobby das Potenzial hatte, ihm erhebliche Probleme zu bereiten. Er konnte hier alles brauchen, nur keinen kollabierenden – oder noch schlimmer: kotzenden Gast. Dennoch entschuldigte sich der Ober mit unterwürfiger Sachlichkeit für seine Indiskretion und verschwand.

Felix hatte den kurzen Dialog mit dem Kellner schon vergessen. Seine Gedanken – sofern man das Gewitter aus Bildern und Worten in seinem Kopf als solche bezeichnen konnte – wanderten zu den besorgniserregenden Informationen, die Dana am Vorabend noch im Internet gefunden hatte. Maya Picasso war die Tochter des Models Marie-Thérèse Walter, jener Geliebten Picassos, die sich 1977 im malerischen Strandort Juan-les-Pins erhängt hatte. Die betagte Dame nutzte heute ihren berühmten Namen, um sich etwas Taschengeld dazuzuverdienen: Sie galt in der Szene als angesehene Kunstexpertin. Würde sie den Schwindel durchschauen? Eine als »Menschen am Strand« betitelte Skulpturenserie hatte es schließlich nie gegeben. Erst vor fünf oder sechs Jahren hatte die Alte in einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Rosenheim – ausgerechnet vor einem bayerischen Gericht! – ein ihrem Vater zugeschriebenes Werk für falsch erklärt. »Wegen Stil- und Motivfehlern«, so war es in dem Zeitungsbericht formuliert, den Dana entdeckt hatte.

Diese Frau ließ sich nicht so leicht hinters Licht führen, so viel war klar. Und daran würde auch Gabriels gewinnende Art nichts ändern, selbst wenn der gegenüber Madame Picasso seinen besten Auftritt hinlegte.

Um neun Uhr vierundfünfzig schrie Felix auf. Der Kamillentee stand mittlerweile dampfend vor ihm, und er hatte sich beim vorsichtigen Nippen die Lippe verbrannt. Scheppernd balancierte er die Tasse zurück aufs Tablett. Sofort näherte sich mit gedämpfter Eile der Kellner. Doch Felix’ feindseliger Blick ließ ihn abdrehen und im Rahmen einer Übersprunghandlung ein nur für ihn sichtbares Staubensemble vom Nebentisch wischen.

Exakt um eine Minute nach zehn war es endlich soweit. Die Tochter des vermutlich bedeutendsten Künstlers aller Zeiten passierte die Drehtür des Ritz. Eine einzigartige Aura umgab sie. Auch die anderen Gäste in der Lobby schienen dies wahrzunehmen: Ein junges Pärchen drehte sich ehrfürchtig zu ihr um, ein vom Hauch der Dekadenz umwehter Araber unterbrach seine lauthals an der Rezeption vorgebrachte Beschwerde, und auch die vielleicht eineineinhalbjährigen Zwillinge, die gerade noch auf dem Teppichboden herumgetollt hatten, gaben für einen Moment Ruhe. Maya Picassos Bewegungen muteten trotz ihres hohen Alters elegant und energiegeladen an, ihr blondiertes Haar wippte wie in Zeitlupe. Als sie ihren Kopf kurz in seine Richtung drehte, bestand für Felix kein Zweifel mehr: Die Strahlkraft ihrer Augen, die markante Nase und sogar die Falten um den Mund – sie war ihrem berühmten Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Mochte die ganze Welt Täuschung, Fälschung, Einbildung sein, diese Frau im uniformartigen weißen Hosenanzug mit Goldknöpfen und der dünnen Pelzweste war eine echte Picasso. Gebannt vom Anblick dieser faszinierenden Person, die in wenigen Augenblicken über sein Schicksal entscheiden würde, riss Felix viel zu spät die Zeitung nach oben. Nach einem kurzen heftigen Laut verursachte das Papier ein merkwürdig regelmäßiges Rascheln. Ein Blick auf seine Knie vergegenwärtigte Felix, dass seine Beine in nervösen Zuckungen auf dem weichen Hotelteppich auf und nieder wippten wie eine Nähmaschine auf Speed. Erst nach einigen Atemzügen wagte er einen erneuten Blick über die schützende Deckung hinweg.

Dicht hinter der Grande Dame folgte die potenzielle Käuferin Viviane Metancourt. Sie war gut halb so alt wie die über achtzigjährige Künstlertochter und gehörte der beinahe skandalfreien Lamasse-Dynastie an, welche die Kunstwerke, sollten sie für echt befunden werden, für zwanzig Millionen Euro zu kaufen gedachte. Die kleine Frau trug ein schwarzes Abendkleid von Dior, dessen Schlichtheit lediglich durch ein fein gesticktes, in Weiß gehaltenes Blumenmuster aufgelockert wurde.

Die beiden Damen wechselten einige Worte mit der Rezeptionistin, dann eilte ein Page herbei und begleitete sie zu den Fahrstühlen. Als die Aufzugtür sich hinter ihnen schloss, legte Felix die Zeitung auf den Tisch zurück – seine Tarnung hatte funktioniert – und fischte fahrig eine Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche. Geistesabwesend erhob er sich, ging durch die Drehtür, zitterte sich eine Zigarette aus der Box, steckte sie sich zwischen die Lippen und öffnete mit derart unsicheren Händen eine Streichholzschachtel, dass ihm ein Großteil der Hölzer auf die Füße fiel. »Scheiße«, entfuhr es ihm leise. Er wollte sich gerade bücken, da kam ihm schon ein aufmerksamer Concierge zu Hilfe und pflückte die Zündhölzer von Felix’ nicht sehr eleganten Turnschuhen. Er hätte den Mann erwürgen können. Der jedoch sammelte in aller Ruhe die Streichhölzer auf, sortierte sie in die Schachtel ein – mit den Köpfen in dieselbe Richtung –, beließ aber eines in der Hand. Eine Sekunde später hielt er es Felix mit brennender Flamme unter die Nase. Der Kunstfälscher inhalierte tief – ein Zug, zwei Züge, drei Züge –, dann wurde es ihm schwarz vor den Augen.

Zwei

»Du verschwindest jetzt, das ist mein letztes Wort!« Gabriels Laune schwankte zwischen Wut und Nervosität. Sein Lover Hugo bestand darauf, wie schon bei der ersten Präsentation, zu der Madame Metancourt allein gekommen war, in seiner Funktion als »Bodyguard« während der Verhandlungen anwesend zu sein. Doch die Nerven des Kunstberaters lagen blank. Mit allem hatte er gerechnet – renommierten Wissenschaftlern, weltbekannten Kunsthändlern, ausgebufften Sammlern –, aber nicht damit, dass Madame Metancourts Kontakte sogar bis in die Familie Picasso hineinreichen würden. Um für den Termin gut gerüstet zu sein, hatte er schon vor dem Frühstück eine Line Koks gezogen. Und jetzt musste Hugo raus aus der Suite! Gabriel liebte diesen Mann, aber das Primitive, das ihn sonst so anzog, empfand er jetzt als Bedrohung, als unkalkulierbares Risiko. Alles andere hatte er perfekt vorbereitet: Die Zimmer der Suite waren aufgeräumt, die vier Skulpturen standen im größten der drei Räume zur Begutachtung bereit. Die Koffer waren bereits gepackt, und Gabriel hatte schon um acht Uhr ausgecheckt und bezahlt. Bis zwölf Uhr mittags durften sie die Räume nutzen. Dann sollten alle Zimmer des Hotels für die Geburtstagsparty von Madonna geräumt werden. Wenn alles nach Plan lief, würde das zeitlich gerade so funktionieren.

Der Kunstberater sah auf die Uhr: noch fünf Minuten bis zehn. Dana, die bereits beim ersten Zusammentreffen mit der Interessentin als Gabriels Assistentin aufgetreten war, nutzte die verbleibenden Minuten, um noch die letzten Staubflusen von den vier gefälschten Picassos zu zupfen: »Badender Junge mit ausgebreiteten Armen«, »Strandmädchen mit Sonnenschirm«, »Mann mit Ball« und »Badende Schönheit«. Gabriel nickte ihr zu. Dana war attraktiv und kooperativ. Sie verstand es, sich in den besseren Kreisen der Gesellschaft zu bewegen. Aber Hugo …

»Hugo, die Damen können jeden Moment hier sein. Ich sage es dir jetzt ein letztes Mal: Bitte verlass sofort die Suite!«

Der Latino mit dem von Pockennarben zerfurchten Gesicht spielte mit seiner Pistole herum und zog eine Grimasse. »Puta madre! Und warum darf sie hierbleiben?«

»Weil sie meine Assistentin ist!«

»Und ich bin die Security«, entgegnete Hugo trotzig.

»Hugo, das ist nicht gut für die Atmosphäre! Schon allein die Waffe …« Gabriel schüttelte verzweifelt den Kopf. Hugos geistige Schlichtheit war manchmal kaum zu ertragen. »Komm, hab ein Einsehen.« Der Kunstberater griff seufzend in die Innentasche seines Jacketts, fummelte einen Hundert-Euro-Schein heraus und steckte ihn seinem Freund in die Brusttasche des blütenweißen Hemds. Dann trat er noch näher und sagte leise und in zärtlichem Tonfall: »Wir brauchen jetzt absolute Ruhe. Geh nach unten zu Felix und bestell dir einen Gin Tonic. Ich liebe dich …«

Noch während Hugo schließlich die Suite durch das für ihn und Gabriel reservierte Schlafzimmer verließ, klopfte es bereits an der Tür. Dana eilte herbei und öffnete die massive Flügeltür. Zunächst sah sie nur den Hotelpagen, der sich ehrerbietig verneigte. Dann traten die ihr bereits bekannte Madame Metancourt und Maya Picasso ein. Dana fiel es schwer, ihre Verblüffung über die Ähnlichkeit der alten Dame mit ihrem Vater zu verbergen. Diesen kurzen Moment des Zögerns durchbrach Madame Metancourt jedoch umgehend, indem sie ihre berühmte Begleiterin vorstellte. Dana fing sich sofort wieder, griff nach der mit teuren Ringen verzierten Hand und deutete einen Knicks sowie einen Handkuss an. Sie konnte kaum glauben, dass dies nicht nur einfach eine Frau war, die den großen Maler persönlich gekannt hatte – sondern seine veritable Tochter! Gabriel dagegen war nicht so einfach zu beeindrucken; er war hier, um diese historische Persönlichkeit von der Echtheit der vier, aus südfranzösischem Sperrholz zusammengenagelten Kunstwerke zu überzeugen. »Bonjour, Madame, Gabriel de Moño mein Name. Ich freue mich ganz außergewöhnlich, Sie kennenzulernen. Es ist ein Geschenk, dass Sie uns Ihre Expertise zur Verfügung stellen. Wir lieben jede Art von Kunst, aber die Ihres grandiosen Vaters am allermeisten. Keiner verstand es besser, die Komplexität des Lebens in einfachere, verspieltere, humanere, ich würde sogar behaupten: liebevollere Formen zu …«

»Sie wissen, dass mein Vater meine Mutter bereits betrog, als ich noch keine zwei Jahre alt war?« Die Dame hatte eine leise, aber durchdringende Stimme, ihr Englisch war grammatikalisch perfekt, der Akzent unüberhörbar. Mit einer derartigen Erwiderung hatte Gabriel nicht gerechnet. Seine Gesichtszüge entgleisten für einen Augenblick. Madame Picasso schien dies gleichgültig zu sein. »Aber das ist lange her …« Ihre ausdrucksstarken Augen musterten Gabriel auf eine Weise, dass er sich nackt vorkam. »Also, Monsieur de Moño, machen wir uns an die Arbeit.« Sich von ihm abwendend, meinte Maya Picasso beiläufig: »Ich kann mir ja die Existenz dieser Skulpturen nicht so recht erklären. Jedenfalls habe ich von einer Serie dieses Namens noch nie gehört.«

»Aber das Werk Ihres Vaters ist ja auch von überbordendem Reichtum, seine Produktivität war sensationell«, brachte Gabriel hervor, doch das schien die Achtzigjährige nicht weiter zu interessieren. Sie näherte sich mit kleinen, festen Schritten den vier Skulpturen und blieb in einem Abstand von eineinhalb Metern stehen. Dann setzte sie ihre Brille auf. Gabriel konnte nicht erkennen, ob sie eine bestimmte Skulptur ins Auge fasste oder das Ensemble als Ganzes betrachtete. Madame Metancourt postierte sich schweigend eine Armlänge hinter der Tochter des berühmten Malers – und Dana hielt die Luft an. In diesem Moment hätte man die vier in ihrer konzentrierten Reglosigkeit verharrenden Menschen auch für Teile eines Wachsfigurenkabinetts halten können. Durch die geschlossenen Fenster drang der gedämpfte Lärm der Großstadt herein. Nach etwa zwei Minuten machte Picassos Tochter einige Schritte nach vorn und nahm das »Strandmädchen mit Sonnenschirm« genauer in Augenschein. Dana wusste durch ihre Internetrecherche, dass Madame Picasso für ihre Expertise vermutlich nur sechstausend Euro bekommen würde. Es war in der Kunstszene allgemein bekannt, dass ein solch niedriger Geldbetrag für viele andere Gutachter im Falle einer Unsicherheit den Ausschlag für ein positives, die Echtheit bestätigendes Urteil geben konnte. Man wollte ja im Geschäft bleiben … Im Fall Maya Picassos war dies wohl völlig ausgeschlossen. Alle Sprösslinge der Picasso-Dynastie galten als finanziell unabhängig. Der so fruchtbare wie lebenslustige Vater hatte mit seinem künstlerischen Schaffen für Generationen von Picassos vorgesorgt. Seinen vier Kindern, deren drei Müttern und sonstigen Nachkommen blieb der Gang zum Sozialamt erspart, und so würde es auch auf lange Zeit bleiben.

»Und woher, Monsieur de Moño, soll diese Serie stammen?«

Gabriel räusperte sich. »Ich hatte es bereits Madame …«, er nickte in Richtung Viviane Metancourts, »… mitgeteilt: Amerika … Sie müssen verstehen: Die Angelegenheit ist diffizil. Ein namhafter amerikanischer Sammler hat mir diese Werke anvertraut. Allerdings befindet er sich derzeit in einem unglückseligen Scheidungskrieg mit seiner Frau und möchte deshalb auf keinen Fall, dass der Verkauf publik wird …« Da der Kunstberater erkannte, dass diese Information im Gesicht der Expertin nicht die erhoffte Wirkung erzielte, fühlte er sich bemüßigt, fortzufahren: »Uns ist bewusst, dass diese Auskunft nicht befriedigend ist, aber nur unter dieser Bedingung – der absoluten Wahrung der Anonymität meines Klienten – bin ich überhaupt befugt, Ihnen diese Preziosen zu zeigen … Ich meine, es ist ja auch nachvollziehbar, dass er den Erlös aus dem Verkauf nicht mit seiner Frau teilen möchte, nicht wahr?« Sah Gabriel richtig – schüttelte Madame Picasso kaum merklich den Kopf? Verunsichert bemühte er sich um eine Wendung des Gesprächs: »… Ich denke aber, die Parallelen zur ›Badenden‹-Serie sind unübersehbar. Oder was meinen Sie? Natürlich bleibt stets eine gewisse Restunsicherheit, aber …«

»Na ja«, unterbrach ihn plötzlich Dana mit sanfter Stimme und in perfektem Französisch. Weil dies nicht abgesprochen war, traf sie umgehend ein stechender Blick Gabriels, doch davon ließ sie sich nicht beirren: »… und dann gibt es ja auch noch den Kunstband aus dem Jahr 1974, in dem die ›Menschen am Strand‹ ausführlich gewürdigt werden. Die Fotos der Werke und der dazugehörige Text bestätigen aus unserer Sicht auf sehr eindeutige Weise die Existenz dieser phantastischen Serie. – Apropos, Madame Metancourt, haben Sie das schöne Buch heute gar nicht mit dabei?« Diese Frage war direkt an die Kaufinteressentin gerichtet und kam einer vorsichtigen Kampfansage gleich. Dana würde dieser Kunstmatrone das Feld nicht ohne Gegenwehr überlassen. Gabriel nickte beeindruckt.

Während die vermeintliche Käuferin zur Antwort ansetzte, klingelte Madame Picassos Handy. Sie nahm ab und sprach einige sehr leise Worte auf Spanisch, denen weder Gabriel noch Dana folgen konnten. Madame Metancourt nahm von dem Telefonat scheinbar keine Notiz, sondern erwiderte auf Danas Frage: »Oh nein, verzeihen Sie bitte – das Buch war mir einfach zu schwer. Aber natürlich habe ich es Madame Picasso gezeigt. Und jetzt liegt es bei mir zu Hause im Salon.« Viviane Metancourt hob beim Sprechen den Blick, schenkte Dana ein Lächeln und legte ihr vertrauensvoll die Hand auf den Arm.

Diese war sich nicht sicher, ob das Gewicht des von einer Expertin in Gabriels Auftrag gefälschten Kunstbands wirklich der wahre Grund dafür war, dass die Kaufinteressentin das Buch nicht zur Begutachtung der »Strand«-Serie mitgebracht hatte. Lag es bereits unter dem Mikroskop eines Wissenschaftlers? »Darf ich den Damen eigentlich einen Champagner anbieten?« Dana rechnete nicht mit einer positiven Reaktion auf ihr Angebot – wer trank schon morgens bei einem Geschäftstermin Sekt? –, aber da hatte sie sich getäuscht.

»Eine gute Idee«, brummelte Picassos Tochter, die ihr Telefonat inzwischen beendet hatte. Sie stand nun in leicht gebeugter Haltung direkt vor der »Badenden Schönheit« und ließ ihre Finger vorsichtig über den Besenstiel gleiten, den Felix quer zu dem kräftigeren Längsholz angebracht hatte, um die ausgebreiteten Arme der Figur darzustellen. An den beiden Enden dieses Besenstiels hatte er aus den Brettern einer der alten Weinkisten, die Gabriel und Hugo aus Frankreich mitgebracht hatten, zwei grobe Hände herausgesägt, deren Finger dreiecksförmig endeten. Bei der Gestaltung dieser Figur hatte sich Felix vor allem an der »Frau mit ausgebreiteten Armen« aus der »Badenden«-Serie von Picasso orientiert; ohne diese allerdings zu kopieren. Anders als bei dem zum Bestand der Stuttgarter Staatsgalerie zählenden Werk hatte er auf ein Brett, das den Brustbereich der Frau darstellen sollte, verzichtet.

Das Perlen des Champagners unterbrach die konzentrierte Stille. Als sie vier Gläser gefüllt hatte, nahm Dana zwei davon und reichte erst Madame Picasso das eine und dann Madame Metancourt das andere. Um Gabriel seines zu geben, musste sie zum Fenster gehen, wo der Kunstberater stand und auf die Place Vendôme hinabschaute. Dana folgte Gabriels ernstem Blick und sah gerade noch, wie der letzte von sechs großen Mannschaftswagen der französischen Polizei vor dem Hotel Ritz zum Stehen kam. Weiter gelangte Dana mit ihren Beobachtungen nicht, denn schon prostete die Tochter des Meisters ihr mit einem freundlichen »Santé« zu. Nachdem Madame Picasso mit einem Schluck das halbe Glas geleert hatte, meinte sie anerkennend: »Gut, gut! Der schmeckt! Das belebt! – Nicht wahr, Madame?« Sie lächelte ihrer Begleiterin beschwingt zu. Dana war sich unschlüssig, was sie von diesem plötzlichen Stimmungswechsel halten sollte: Hatte die Alte bereits eine Entscheidung getroffen? Oder brauchten Frauen dieser Gesellschaftsschicht einfach morgens ein Gläschen, das den Kreislauf in Schwung brachte?

»Ja. Nicht schlecht, oder? Was sagen Sie, Madame?«, erkundigte sich jetzt Viviane Metancourt in munterem Ton bei Dana. Auch sie schien aufzutauen. Nickend stimmte die junge Tänzerin zu.

Die alte Picasso zog die Mundwinkel nach unten und hob die Schultern, es war die Andeutung einer Geringschätzung. »Wir sollten gleich mal kurz unter vier Augen sprechen …«

Als Dana dies hörte, musste sie sich zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Was hatte Maya Picasso vor? Jedenfalls hörte es sich nicht gut an. Unfähig zu einer Reaktion, schwieg sie betreten. Es war Gabriel, der das Wort übernahm, und zwar mit einer Lockerheit, die Dana in Staunen versetzte: »Aber, Mesdames, das ist ja gar kein Problem! Sollen wir Sie für einen Moment allein lassen?«

»Wäre dies denn möglich?«, stieg Madame Metancourt sofort auf das Angebot ein.

»Aber natürlich! Natürlich!« Der Kunstberater rief diese Worte beinahe, stellte sein Glas, das er kaum angerührt hatte, ab und forderte Dana mit einem Nicken auf, ihm zu folgen. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, sagte er: »Los, wir hauen ab. Die hat uns durchschaut.«

Drei

Hastig eilte der Kunstberater den Hotelflur entlang in Richtung Aufzug. Dana lief entsetzt neben ihm her. »Was? Es läuft doch ganz gut!«

Er schüttelte den Kopf, schob sie in den Aufzug und drückte auf den Parterre-Knopf. Dana war völlig verwundert über Gabriels Panik. So kannte sie den Kunstberater gar nicht! Als die Tür sich geschlossen hatte, keuchte er: »Vergiss es! Die hat die Polizei gerufen. Wir müssen zusehen, dass wir noch durch den Hinterausgang rauskommen. Nichts wie weg!« Er dachte nach. »Hoffentlich finden wir Hugo und Felix gleich. Ansonsten …«, er zögerte, »… da sehe ich keine andere Chance … müssen wir beide uns absetzen … und die anderen zwei …« Die Aufzugtür öffnete sich. Dana hatte noch immer Schwierigkeiten zu begreifen, was gerade geschah. War Gabriel verrückt geworden? Sie konnten doch jetzt nicht einfach mitten in den Verhandlungen verschwinden! Allerdings musste auch sie sich nach einem Blick durch das Eingangsportal auf die Place Vendôme eingestehen, dass es nicht gut aussah: Die Polizisten – sie waren gekleidet wie die Sondereinsatzkräfte bei Antiterroreinsätzen – hatten die Mannschaftswagen bereits verlassen und waren im Begriff, das Hotel zu betreten. Dana warf einen suchenden Rundumblick durch die Lobby. Ohne Felix wollte sie hier nicht weg. Oder doch? – Da saß er ja! Und neben ihm Hugo! Gabriel hatte die beiden auch entdeckt, und gemeinsam eilten sie zu ihnen. Felix war noch immer bleich im Gesicht, aber er hatte seinen Kreislaufschock überwunden.

»Los, los! Aufstehen! Wir reisen ab!«, zischte Gabriel ihnen zu. Als Hugo und Felix gehetzt aufsprangen, raunte er, um Ruhe bemüht: »Aber unauffällig. Geordneter Rückzug. Wir nehmen die Tiefgarage.«

»Was? Aber was ist mit unserem Gepäck?«, fragte Felix panisch.

»Das ist jetzt unser geringstes Problem, Jüngelchen«, entgegnete Gabriel im Laufschritt.

Felix sah seine Freundin fragend an, woraufhin Dana nur ungläubig mit den Schultern zuckte. Hugo folgte den Dreien einfach, ohne groß nachzudenken. Wenn es hart auf hart kam, hatte er immer noch seine Knarre. Die Schritte der vier hallten durch die Parkbuchten der Tiefgarage. Plötzlich klingelte Gabriels Handy. Wie auf Kommando blieben alle vier stehen, versteinert blickte der Kunstberater auf das Display.

»Sie ist es …« Er ließ es klingeln. Als das Läuten endlich erstarb, atmeten alle auf. Etwas langsamer als noch gerade eben setzten sie sich wieder in Bewegung, die Ausfahrt der Garage kam immer näher, da ertönte erneut der Klingelton.

»Die halten uns wohl für bescheuert!« Gabriel schwitzte und verstaute im Weitergehen das Handy in der Hosentasche.

»Was bringt das denn, wenn wir jetzt abhauen? Wenn die uns kriegen wollen, dann kriegen die uns doch sowieso. Ich meine, die Fälschungen stehen da oben. Gabriel, ich verstehe nicht, was du vor hast …«, mischte sich Dana ein.

»Ich geh da auf keinen Fall dran!«

»Dann gibt mir das Handy. Das lief doch alles gar nicht so schlecht. Du kannst doch jetzt nicht einfach den Deal platzen lassen!« Dana blieb stehen und streckte fordernd ihre Hand aus, der Klingelton war noch immer gedämpft zu hören.

»Jetzt geh endlich ran, verdammte Scheiße!«, schrie Felix. »Kann ja sein, dass wir hier rauskommen. Und vielleicht kriegen wir auch noch einen Flieger. Aber dann? Wo willst du hin? Und was machen wir mit den Fälschungen? Er schüttelte den Kopf: »Es war einfach ein Fehler, einen Künstler zu fälschen, der so berühmt ist – und erst seit so kurzer Zeit tot. War doch klar, dass das auffliegt!« Der Klingelton hallte weiter durch die Tiefgarage, weiter hinten fiel eine Autotür zu. Gabriel holte das Telefon wieder aus der Tasche und starrte es wie hypnotisiert an. Felix blickte von Gabriel zu seiner Freundin und wieder zurück. Im Hintergrund fuhr ein goldener Porsche Cayenne die Rampe hoch. Schließlich schnappte Dana sich das Telefon, holte tief Luft und hob ab. »Oui? … Ach so! Ja, ja … Ah … äh, wir sind nur schnell nach draußen, um Luft zu schnappen, eine zu rauchen.« Dann redete Madame Metancourt. Dana hörte lächelnd zu und beendete das Gespräch mit den Worten: »Aber natürlich, wir kommen sofort.«

Felix blickte sie verdutzt an: »Wie jetzt?«

Dana konnte ihre Worte wohl selbst kaum glauben, aber sie verkündete: »Sie wollen kaufen! Wollen nur noch mal über den Preis reden, den finden sie etwas hoch. Aber sie haben unsere Story geschluckt.«

Felix konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen.

»Und was ist mit den Bullen?«, hakte Gabriel skeptisch nach.

»Keine Ahnung«, sagte Dana.

Er schüttelte den Kopf. »Ich bleib dabei. Das ist eine Falle. Wir sollten abhauen. Und wenn du da jetzt hochgehst, sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, Dana.«

Felix war hin- und hergerissen. Natürlich hatte auch er mit steigendem Adrenalinpegel das Ankommen der Polizei vor dem Hotel verfolgt, aber andererseits – sofern es keine Falle war – hatte soeben eine Tochter Picassos die von ihm fabrizierten Fälschungen für echt befunden. Das war schierer Wahnsinn! Was sollte er tun? Felix hatte jedoch keine Zeit, länger nachzudenken, denn seine Freundin hatte sich bereits umgedreht und verabschiedete sich mit den Worten: »Ich gehe da jetzt hoch und verkaufe die Dinger.« Was für ein Schlappschwanz dieser Gabriel doch war, wenn es darauf ankam, dachte sie sich auf dem Weg zurück in Richtung Lobby.

»Good luck«, rief ihr Gabriel ironisch hinterher. »Und wir bringen uns jetzt in Sicherheit, Jungs.« Er packte Hugo am Arm und steuerte mit ihm über die Rampe der Tiefgarage nach oben. Obwohl Felix Dana liebte, entschied er sich, den zwei Männern zu folgen. Was sollte er auch sonst tun? Mit ihr in die Suite gehen? Wohl kaum.

Während Dana im Aufzug gebannt auf die Leuchtanzeige blickte, auf der die Stockwerke langsam nach oben zählten, stiegen die drei Männer in ein Taxi. Hugo und Felix drängten sich auf den Rücksitz, während Gabriel dem marokkanischen Fahrer befahl, sie auf dem schnellsten Weg zum Flughafen zu bringen. Der Taxifahrer gab sofort Gas, und tatsächlich hatten sie wenig später die Place Vendôme hinter sich gelassen. Doch schon an der nächsten Straßenecke stockte der Verkehr.

»Scheiße, ein Stau«, unterbrach Gabriel seine Erklärungen, er unterrichtete Felix und Hugo gerade ausführlich über die Gründe ihrer plötzlichen Flucht. Felix fühlte sich überrumpelt. Das klang zwar alles plausibel, was Gabriel ihm gerade in Kurzform erzählte, aber warum war sich Dana dann nur so sicher, dass alles in Ordnung war?

Letztere befand sich bereits wieder auf dem Hotelflur, wo sie einem älteren Herrn begegnete, der sie an Bill Murray erinnerte. Er lupfte im Vorbeigehen den Hut, und trotz ihrer Eile erwiderte sie den Gruß. Als sie vor der Tür der Suite stand, blickte sie nochmals zurück in den Gang. Keine Verfolger zu sehen. Sie drückte die Chipkarte an den Sensor über der Klinke und schob die Tür auf. Nervös blickte sie sich im Vorraum um, denn sie war sich nicht sicher, ob sie gleich von einem französischen Polizisten zu Boden geworfen werden würde. Aber die einzigen Personen, die ihr in den Räumlichkeiten begegneten, waren die beiden gut gelaunten Damen, die sie erneut freundlich begrüßten.

»Ich dachte schon, Sie seien geflüchtet«, scherzte Madame Metancourt.

»Nein, nein, wie gesagt, wir wollten Ihnen nur die nötige Privatsphäre zugestehen, und da sind wir kurz vor die Tür gegangen, um eine Zigarette zu rauchen.«

Madame Metancourt trat etwas näher und berührte Danas Hand. Für ihre Begriffe kam ihr die Frau etwas zu nah, aber sie hatte schon seit dem ersten Treffen die Vermutung, dass diese Madame sie nicht nur als Gesprächpartnerin schätzte.

Dana räusperte sich. »Ach ja, Herr de Moño lässt sich entschuldigen: Ihm ist gerade nicht wohl – vermutlich verträgt er die Muscheln von gestern Abend nicht –, aber ich bin befugt, alles Weitere mit Ihnen zu verhandeln.« Die zierliche Französin im Designerkleid lächelte: »Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden, ma chère. Wir werden uns sicher einig.«

Dana fühlte sich geschmeichelt, aber wenn diese Lesbe dachte, sie sei anfällig für deren Charme, dann täuschte sie sich. Felix’ Freundin schlug einen geschäftsmäßigen Ton an: »So, wie das alles klingt, haben Sie sich wohl entschieden?«

»Nun … Madame Picasso hält die Gruppe für echt.« Viviane Metancourt sprach den Satz kühl und leicht abgehackt. Sie war nun wieder ganz Geschäftsfrau.

Felix betrachtete sorgenvoll die neben ihrem Taxi im Stau stehenden Autos. Hier und da wurde laut gehupt. Ein Motorroller, der aussah, als bestünde er nur aus Rost, schlängelte sich an ihnen vorbei. Hugo summte leise eine undefinierbare Melodie. Felix war genervt. Was um alles in der Welt sollten sie am Flughafen?

»Das bringt doch nichts, Gabriel. Lass uns zurückfahren!«

»Ausgeschlossen!« Gabriel drehte sich nicht einmal zu Felix um, während er dies sagte.

Maya Picasso betrachtete die Skulptur der »Badenden Schönheit« mit eindringlichem Blick. Als Dana sich ihr näherte, sah sie Tränen in den Augen der alten Dame. Picassos Tochter drehte sich zu ihr um und sagte, sichtlich bewegt: »Ich kann mich noch genau an Gaston erinnern. Er stand immer in unserem Ferienhaus, und ich habe auf ihm Reiten gelernt.«

Dana neigte den Kopf – war die Frau jetzt irre geworden? Wer sollte das sein – Gaston? Die Picasso-Erbin erkannte, dass ihre Ausführungen weitere Erklärungen erforderten. »Als Kind, ich muss drei Jahre alt gewesen sein, hatte ich ein Pferd namens Gaston. Der Besenstiel! Sehen Sie diese große Einkerbung hier vorn?«

Dana sah sich das Stück genauer an, da war tatsächlich eine dicke Einkerbung im Holz. Sie glich einer geschwungenen Linie.

»Das ist Gastons Mund. Er lächelte immer. Er war ein gutes Pferd.«

Mit einem Mal verflog die verträumte Stimmung der Alten, und mit munterer Kommentatorenstimme fuhr sie fort: »Den Mund habe ich natürlich selbst gemacht, mit einem Schnitzmesser; da habe ich ganz schön rumgeschnitzt, bis mir das Lächeln gefiel …« Dana stand mittlerweile neben Maya Picasso und hörte ihr so gerührt wie erleichtert zu. Ohne es zu bemerken, legte sie der Tochter des Malers die Hand auf die Schulter. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. War das wirklich ein Zufall? Hatte Gabriel tatsächlich auf irgendeinem Trödelmarkt in Frankreich den Besen erwischt, den die kleine Maya als Spielzeug benutzt hatte? Oder gab es einfach viele alte Besen auf der Welt, die diese Einkerbung besaßen, und die Alte bildete sich das alles nur ein? Letztendlich spielte es keine Rolle. Der Deal stand kurz davor besiegelt zu werden. Aber eine Sache galt es noch zu klären.

Dana wandte sich wieder Madame Metancourt zu und bemühte sich um ein Pokerface. Nachdem sie tief Luft geholt hatte, sagte sie: »Nun gut … Freut mich wirklich sehr, dass Sie die Echtheit der Figuren anerkennen, aber Sie meinten vorhin am Telefon, dass Ihnen der Preis zu hoch angesetzt sei. Darf ich fragen, wie Sie darauf kommen?«

»Ja«, seufzte die Metancourt und bedachte Maya Picasso mit einem Seitenblick. »Madame hält angesichts der Tatsache, dass das Werk noch keine museale Vergangenheit hat und vermutlich noch nie oder jedenfalls nicht nachvollziehbar ausgestellt wurde … hält Madame … also … den Preis für … überhöht.«

Dana verzog keine Miene. Welcher Preis hier angebracht war, davon hatte sie nicht die geringste Ahnung – aber davon, wie man Preise aushandelte, sehr wohl. Schließlich verkaufte sie regelmäßig und nicht gerade erfolglos auf Flohmärkten.

»Was wäre denn Ihrer Ansicht nach angemessen?«

»Nun ja, Madame dachte so an zwölf Millionen. Sie meint, das wäre gerade noch vertretbar …« Sie schenkte Dana einen Blick, der wohl verschämt aussehen sollte.

Dana schluckte. Dieser Betrag klang in Anbetracht der Tatsache, dass sie in einer Stunde das Zimmer räumen mussten, verlockend. Aber eine richtige Verhandlung erforderte schließlich, dass sie dem Angebot der Gegenseite nicht sofort zustimmte. Außerdem wusste sie ja nicht, welche Summe Gabriel als unterste Schmerzgrenze empfand. Und war es nicht viel glaubwürdiger, wenn auch sie nicht sofort einschlug?

»Hm, um ehrlich zu sein: Ich kann Ihnen gerne entgegenkommen … aber mehr als zehn Prozent kann ich Ihnen eigentlich nicht gewähren, das wären dann achtzehn …«

Im weiteren Verlauf des Gesprächs wurde gefeilscht, als ginge es um den Kauf einer Secondhandjacke auf dem Hinterhof-Flohmarkt in München-Giesing, aber nach einigem Hin und Her einigten sich die beiden Frauen letztlich doch:

»Unter fünfzehn Millionen kein Deal!« Das machte die abgebrühte Mittzwanzigerin ihrem Gegenüber irgendwann unmissverständlich deutlich. Madame Metancourt schlug schließlich ein, und alle drei prosteten sich kurze Zeit später lächelnd mit einem weiteren Glas Champagner zu. Dann wurde die ausgelassene Stimmung rüde von einem heftigen Klopfen an der Zimmertür unterbrochen.

Dana warf ihren Gästen einen entschuldigenden Blick zu, trat beschwingt in den Vorraum der mondänen Suite, blickte durch den Türspion und wurde kreidebleich. Durch den Türspion sah sie alles extrem verzerrt, aber es gab keinen Zweifel: Da standen ein Hotelpage und zwei Polizeibeamte!

Wie hartes Karamell, das durch Erhitzen plötzlich flüssig wurde, hatte sich der Stau, in dem Felix, Gabriel und Hugo festgesessen hatten, wieder in zähfließenden Verkehr verwandelt. Felix grübelte, wie er sich elegant von seinen beiden Begleitern abseilen konnte. Warum war er nicht einfach bei Dana geblieben? Nervös trommelte er mit den Fingern auf dem Oberschenkel herum, da klingelte sein Telefon. Es war Dana. Aufgeregt ging er dran: »Und?« Er spürte, dass auch Gabriel sich ihm neugierig zuwandte; nur Hugo starrte weiter gelangweilt nach draußen.

»Wie, Polizei?« Jetzt hatte er auch Hugos volle Aufmerksamkeit.

Doch schon lachte Felix erleichtert auf: »Ach komm! Wie krass …Wie?! Wegen Madonna! Ja, klar!« Ungläubig und noch immer lachend schüttelte Felix den Kopf, bevor er sich mit den Worten »Wir kommen sofort« von Dana verabschiedete und auflegte.

»Hombre, was ist krass?« Hugo schrie beinahe, sodass der marokkanische Taxifahrer vor Schreck fast das Fahrzeug vor ihnen gerammt hätte.

Felix ignorierte diesen akustischen Ausbruch und sagte mit ruhiger Stimme und nach vorn zu Gabriel gewandt: »Sie hat die Skulpturen verkauft. Für fünfzehn Millionen. – Und die Polizei ist wegen Madonna im Hotel. Die kontrollieren alle Zimmer, wegen der Sicherheit …« Längst hatte Felix’ Erleichterung in Begeisterung umgeschlagen. Seine Dana hatte die von ihm gefälschten Skulpturen ganz alleine verkauft! Sie beide waren ein super Team. Während Felix sich in seinen euphorischen Gedanken verlor, richtete Gabriel de Moño seinen Blick wieder nach vorne, und ein dämonisches Lächeln umspielte seine Lippen.

Wenig später standen alle vier wieder vereint in ihrer Suite und besprachen das weitere Vorgehen. Nun war wirklich Eile geboten, denn in fünf Minuten mussten sie die Suite räumen. Überall wimmelte es von Polizisten, die für einen reibungslosen Ablauf von Madonnas Geburtstagsparty sorgen sollten. Minuten später verließen die frisch gebackenen Multimillionäre eine der besten Suiten des Pariser Ritz und machten Platz für die wirklich prominenten Gäste. Offenbar hatten sich sogar Beyoncé und Jay-Z angekündigt, genauso wie Elton John mit seinem Mann und Nicolas Sarkozy, begleitet von Carla Bruni. Aber das war Felix und Dana, Gabriel und Hugo vollkommen egal.

Vier

Es war Hugos Job, die sorgfältig verpackten Picasso-Skulpturen mit dem Transporter zu einem Lager im Norden von Paris, das Madame Metancourt als Lieferadresse angegeben hatte, zu bringen. Gabriel, Felix und Dana bezogen währenddessen ihre neuen Zimmer im Buddha Bar Hotel. Das Haus war zwar deutlich kleiner als das Ritz, stand diesem in Sachen Service und Luxus aber in nichts nach. Der Stil war asiatisch-modern. Zur Lobby gelangte man durch eine große vertäfelte Eingangstür aus dunklem Holz und einen langen Gang, von dessen Decke Hunderte roter, chinesischer Lampions hingen. Der elegante Schieferboden, der sich bis zum hölzernen Tresen der Rezeption erstreckte, zeigte das aufwendige Mosaik eines goldenen Drachens, der sich über die gesamte Länge des Eingangsbereichs schlängelte.

Auch Felix’ und Danas gemeinsames Zimmer war in Rot, Dunkelbraun und Goldgelb gehalten. Viele kleine Lampions und Ballonlampen mit heller Bespannung tauchten das Zimmer in ein angenehm warmes Licht. Das ganze Ambiente wirkte auf Felix geschmackvoll und einladend, aber auch ein wenig verrucht, wie eine Opiumhöhle.

»Und heute Nacht feiern wir standesgemäß unten im Restaurant«, hatte Gabriel in der Lobby mit feierlicher Stimme verkündet, um dann mit etwas weniger Pathos anzufügen: »Morgen um zwei geht dann unser Flieger.« Hierauf hatten sich die drei erst mal in ihre Zimmer zurückgezogen.

Felix spürte noch immer die Wirkung des Adrenalins in seinen Adern. Jede Faser seines Körpers stand unter Spannung. Und er war stolz auf seine Dana. Sie war es, die das Geschäft perfekt gemacht hatte. Das machte sie für ihn nur noch anziehender: seine Dana, eine Gangsterbraut? Er betrachtete die schlanke Tänzerin, die sich gerade mit einer anmutigen Bewegung ihren Slip auszog. Dann packte er sie grob und warf sie auf das große Doppelbett. Dana stieß einen überraschten Schrei aus, aber als sich seine Lippen langsam ihren Schenkeln näherten, gab sie sich ihm hin.

Keiner der beiden bemerkte die winzige, in der Deckenlampe versteckte Kamera, die ihre Leidenschaft durch ein weitwinkliges Objektiv schonungslos dokumentierte.

Als Gabriel, dessen Zimmer direkt an das ihre grenzte, ihre Lustschreie vernahm, schlich sich erneut ein wissendes Lächeln auf seine Lippen. Hugo, der seinen Botengang erledigt hatte und soeben im Hotel eingetroffen war, beobachtete ihn genervt.

»Was grinst du?«, fuhr der nur mit einem engen Slip bekleidete Latino seinen Lover an. Gabriel warf ihm einen milden Blick zu und zog ihn zu sich.

»Jetzt komm schon, Hugo, das ist der Wohlklang junger Liebe. Kannst du nicht wenigstens einmal romantisch sein?« Nach einem zärtlichen Kuss schob er im Befehlston nach: »Und jetzt blas mir einen!«

Am Abend nach dem großen Deal genoss das Quartett im Hotelrestaurant das reichhaltige Angebot an Speisen: Schwertfisch-Sashimi, Lachstartar und diverse exzellente Sushivariationen ließen Danas Herz höher schlagen. In Felix’ getrüffelter Misosuppe schwammen wohlschmeckende Ravioli, gefüllt mit Foie gras, Wasserkastanien und einer Pilzsorte, von der er noch nie gehört hatte. Als Hauptgang teilten sich die vier das Poulet Dragon, den Lachs im Teppanyaki-Style, den mit Miso karamellisierten Seebarsch und zwei der legendären Buddha-Bar-Cheeseburger. Obwohl keiner am Tisch mehr Hunger verspürte, leerte sich auch der Teller mit den Dessertvariationen innerhalb von Minuten.

Sogar Felix, der sonst nie trank, ließ sich an diesem besonderen Abend hinreißen, von einem Glas Taittinger Jahrgangschampagner zu kosten. »Scheiß drauf, ich bin Picasso!«, war der Toast, den er durch das ganze Lokal brüllte.

Als Felix am nächsten Morgen aufwachte, fand er sich allein im Bett wieder. Auf dem Schreibtisch im Zimmer lag eine handschriftliche Nachricht von Dana: »Lieber Pablo, bin schon unten bei den Croissants. Dicker Kuss, D.«

Felix stellte sich unter die kalte Dusche, aber auch das half nicht gegen seine Kopfschmerzen. So beschissen fühlte sich das also an, wenn man getrunken hatte. Darauf konnte er gut verzichten. Unendlich langsam zog er sich an und schleppte sich in den Frühstücksraum. Seine Freundin trug ein bezauberndes Sommerkleid und saß an einem geschmackvoll gedeckten Tisch, gegenüber von Gabriel. Felix nuschelte ein kaum verständliches »Guten Morgen« und wandte sich zunächst dem Frühstücksbuffet zu. Er wählte einen schwarzen Kaffee und ein Croissant und steuerte auf etwas wackeligen Beinen zurück zum Tisch. Mit Genugtuung stellte er fest, dass der Abend auch an dem sonst immer so perfekt gestylten Kunstberater nicht spurlos vorübergegangen war. Gabriel sah ziemlich zerknittert aus. Nachdem Felix seinen Hunger gestillt hatte, fiel ihm die seltsame Stimmung am Tisch auf. Besonders Dana wirkte vollkommen verändert. Sie sah aus, als hätte sie gerade vom Tod eines nahen Angehörigen erfahren. Sie wirkte abwesend, wich seinem Blick aus, sogar, als er sie küsste. Was war hier los? Felix konnte sich keinen Reim darauf machen. Hatte es damit zu tun, dass Gabriel erst kürzlich versucht hatte, Dana aus dem Weg zu räumen? Oder waren die beiden einfach nur verkatert, so wie er? Ehe Felix weiter grübeln konnte, meinte Gabriel: »Und, Felix, wie fühlt man sich so als Multimillionär?« Verwirrt drehte Felix sich um. Ihm schien es, als würde Gabriel hinter ihm stehen. Doch da war niemand. Irritiert drehte er sich wieder zum Tisch um und fixierte das Gesicht seines Partners. »Jüngelchen? Alles in Ordnung mit dir?« Der Kunstberater lächelte ihn an.

Felix war verunsichert. Was, zur Hölle, war hier los? Träumte er?

»Ja, nein, also alles in Ordnung, ja ja«, stammelte er. Er hatte die Frage schon wieder vergessen, aber er wollte seine Stimme hören, um sicherzugehen, dass er tatsächlich wach war.

»Felix, fünfzehn Millionen.« Gabriel schien sich die Zahl auf der Zunge zergehen zu lassen. »Das sind sieben Komma fünf für dich und sieben Komma fünf für mich.«

Der Kunstfälscher blickte seinen Geschäftspartner ernst an. Der gigantische Geldbetrag überstieg Felix’ Vorstellungskraft. So mussten sich Lotto-Millionäre fühlen, dachte er: im einen Moment noch mittellose Penner, die von Pfandgeld lebten, und im nächsten Moment stinkreich und vollkommen überfordert. Die Bedeutung seines frisch erworbenen Reichtums sickerte langsam in sein Bewusstsein ein, gerade so, wie sich heißes Wasser seinen Weg durch das Kaffeepulver in die Kanne bahnt. Schließlich breitete sich ein Grinsen in seinem Gesicht aus und er brachte nur ein Wort hervor: »Wahnsinn!« Dann drehte er sich zu Dana, die noch immer teilnahmslos neben ihm saß und in ihrem Müsli herumstocherte. Auch Gabriel beobachtete die Tänzerin, in seinem Blick lag etwas Lauerndes. Schließlich formten ihre Lippen einen Satz: »Ich will meinen Anteil!« Dabei fixierte sie die Tischdecke. Felix war irritiert. Hatte er gerade richtig gehört? Aber Dana sprach schon weiter: »Fünf Millionen. Ich will ein Drittel. Das steht mir zu.« Jetzt schaute sie Felix direkt in die Augen.

Der wusste nicht, wie ihm geschah: Was war in Dana gefahren? Einen Anteil hatte sie sich natürlich verdient, seinetwegen sogar eine Million. Aber fünf?

»Wie bitte?«, platzte er entgeistert heraus. Er schnappte nach Luft.

»Ihr habt mich genau verstanden!« Danas Antwort klang feindselig und berechnend, sie verschränkte die Arme. »Was hättet ihr denn ohne mich? Nichts! Gar nichts! Wer war es denn, der den Deal gerettet hat, als ihr euch vor Angst verpisst habt?« Sie legte ihren Löffel in die Müslischale. »Ich habe das Ding gerettet. Also ist es doch nur gerecht, wenn wir den Gewinn dritteln. Für jeden fünf Millionen – ich finde das mehr als fair!«

Felix atmete tief ein und suchte Gabriels Blick. »Gabriel, sag doch was!«

Der zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Was soll man da sagen? – Ich habe dich immer vor der da gewarnt …«, er machte eine verächtliche Handbewegung in Danas Richtung, »… aber du wolltest ja nicht auf mich hören!«

Gabriels Kommentar ignorierend, setzte Felix’ Freundin eiskalt nach:

»Und falls ihr ein Problem damit habt, dann rufe ich eben die Metancourt an und sage ihr, was wirklich Sache ist.«