Blutige Beichte - Jörg Steinleitner - E-Book

Blutige Beichte E-Book

Jörg Steinleitner

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  • Herausgeber: Piper ebooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Ein heißer Abend im Sommer. In einer Blutlache auf der Münchner Schillerstraße liegt eine Leiche. Gleich daneben die Tatwaffe: ein Dönermesser. LKA-Präsident Franz Zimmerschied ist beunruhigt – bei dem Toten handelt es um einen Vertrauten des Ministerpräsidenten! Kurz darauf kommt es zu weiteren Verbrechen, stets mit derselben DNA-Spur am Tatort. Doch die Taten passen nicht zusammen. Als im Beichtstuhl von Zimmerschieds Heimatdorf auch noch drei Handgranaten und ein Maschinengewehr auftauchen, wird dem LKA-Chef klar, dass dieser Fall gefährlich weite Kreise zieht ...

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www.piper.de

Originalausgabe ISBN 978-3-492-99043-1

© Piper Verlag GmbH, München 2018

Covergestaltung: bürosüd, München

Covermotiv: © Mike Kleinhenz/Alamy Stock Foto

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

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Inhalt

Cover & Impressum

Eins | Dönermesser

Zwei | Chanel N° 5

Drei | Bali

Vier | Handgranaten

Fünf | Heidi Klum

Sechs | Reichsbürger

Sieben | Waffenschrank

Acht | Chromosomen

Neun | Abschuss

Zehn | Falco

Elf | Robert de Niro

Zwölf | Heckler & Koch

Dreizehn | Blindenstock

Vierzehn | Schweinchenbau

Fünfzehn | Vergewaltigung

Sechzehn | Facebook

Siebzehn | Hells Bells

Achtzehn | Knock-out

Neunzehn | Vibrationen

Zwanzig | Corps Lupinia

Einundzwanzig | Lauschangriff

Zweiundzwanzig | Phantomin

Dreiundzwanzig | Cocktail

Vierundzwanzig | Elefantenschwanz

Fünfundzwanzig | Blumensandalen

Sechsundzwanzig | Monaco

Siebenundzwanzig | Obsessionen

Achtundzwanzig | Ministerpräsident

Neunundzwanzig | Tantra

Dreißig | Schönheitsfleck

Einunddreißig | Tagesschau

Zweiunddreißig | Punk

Dreiunddreißig | Massaker

Vierunddreißig | Flugticket

Fünfunddreißig | Basta

Sechsunddreißig | Feind

Siebenunddreißig | Pussy

Achtunddreißig | Kanzlerin

Neununddreißig | Chipkarte

Vierzig | Fluchtversuch

Einundvierzig | Skalpell

Zweiundvierzig | Fleischermesser

Dreiundvierzig | Den Haag

Vierundvierzig | Holzfällerhemd

Fünfundvierzig | Chat

Sechsundvierzig | Sonnenbrille

Siebenundvierzig | Sphinx

Achtundvierzig | Liebe

Dank

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Eins | Dönermesser

Er blutete aus dem Hals wie ein frisch geschlachtetes Kalb. Dem Mann, dessen lebloser Körper auf dem Pflaster der Münchner Schillerstraße lag, war nicht mehr zu helfen. Der Mörder hatte ihn von hinten aufgeschlitzt. Mit erbarmungsloser Präzision hatte er die Klinge oberhalb des Kehlkopfs in die Haut getrieben, hatte eine Vene und eine Schlagader durchtrennt und die Luftröhre zerstört. Binnen Sekunden hatte sich eine mehr als quadratmetergroße Blutlache um den Kopf und Oberkörper des Toten gebildet. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Überraschung wider. Der Landtagsabgeordnete Roland Mai hatte mit seinem Tod nicht gerechnet. Nicht an diesem so späten wie sommerheißen Montagabend und nicht auf diese Weise.

Der Politiker war fünfundvierzig Jahre alt und galt als Vertrauter, wenn nicht sogar als Freund des Ministerpräsidenten; sofern man im Rahmen politischer Seilschaften überhaupt von Freundschaften sprechen konnte. Hatte der Mord also einen politischen Hintergrund? Darüber ließ sich zu diesem Zeitpunkt lediglich spekulieren. Eines aber war sicher: Dieser Tod würde zum Politikum werden.

Das Dönermesser, das dem Täter vermutlich zur Ausführung des Verbrechens gedient hatte, lag etwa zwei Meter weiter auf dem Gehsteig. Es wies eine abgerundete Spitze und einen schwarzen hölzernen Griff auf. Wie es schien, hatte der Mörder am Tatort sonst keine sichtbare Spur hinterlassen.

Roland Mais Ringen mit dem Tod war lebensverachtend kurz gewesen. Mit dem Unterbrechen des Blutdurchflusses in der Halsschlagader war sein Gehirn vom Sauerstoffnachschub abgekoppelt worden. Vermutlich hatte er innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verloren. Sein Herz hatte womöglich noch eine kurze Weile weitergeschlagen und mit geradezu lächerlicher Zuversicht Unmengen Blut durch die zerschnittene Schlagader ins Freie gepumpt. Es war seltsam: Je größer die Lache wurde, umso mehr erinnerte ihre Form an jene des nordamerikanischen Kontinents. Doch dort, wo auf der Weltkarte Mexiko in Guatemala überging, verloren sich die Ausläufer der roten Flüssigkeit in den Ritzen der sanierungsbedürftigen Gehwegplatten.

Hätte Karl Zimmerschied, seit einem halben Jahr Präsident des Bayerischen Landeskriminalamts, die Ausformung der Blutpfütze mit eigenen Augen gesehen, hätte er sie vielleicht als schlechtes Omen begriffen. Aber der Polizeipräsident war nicht am Tatort. Auch wenn es sich bei dem Mord an einem Politiker um ein spektakuläres Verbrechen handelte, war der Platz, an dem sich ein LKA-Präsident für gewöhnlich aufzuhalten hatte, ein Schreib- oder Besprechungstisch. Zimmerschied ahnte noch nichts davon, aber dies würde sich bereits in unmittelbarer Zukunft ändern.

Karl Zimmerschied war ein beliebter Präsident. Sogar Innenminister Alfred Werner, mit dem Zimmerschied alle paar Tage telefonierte, mochte ihn; er schätzte Zimmerschieds Loyalität, vor allem aber, dass er nicht ins Scheinwerferlicht strebte. Und auch bei seinen Mitarbeitern genoss er im Großen und Ganzen Beliebtheit. Zwar machte Zimmerschied klare Ansagen, jedoch stets in leisem Ton. Er führte mit Sinn für Gerechtigkeit und ohne je ins Kumpelhafte abzudriften. Er legte Wert auf ein vernünftiges Miteinander. Umso überraschter war der LKA-Präsident über den Zettel, der am Morgen nach der Bluttat, von der er noch nichts ahnte, an der Windschutzscheibe seines Dienstfahrzeugs klemmte.

Zwei | Chanel N° 5

Zunächst hielt Karl Zimmerschied den Zettel unter dem Scheibenwischer auf der Fahrerseite für Werbung. Er hatte ihn bereits zusammengeknüllt, da kam ihm die Sache doch etwas komisch vor: Seine Garage war nachts geschlossen! Wie sollte da ein Reklameblatt an die Windschutzscheibe geraten? Das war gestern noch nicht da gewesen. Oder doch? Wer hier eine Werbung an Zimmerschieds Autoscheibe hängen wollte, musste die – zugegebenermaßen leichtsinnigerweise – unversperrte Tür öffnen und in fremdes Besitztum eindringen. Das war Hausfriedensbruch, das war unverfroren, das musste man sich auf dem Grundstück eines der mächtigsten Polizisten des Landes erst einmal trauen!

Oder war der Zettel vielleicht doch gestern bereits in München an sein Auto geheftet worden? Und er, Zimmerschied, hatte ihn nur nicht bemerkt, weil er in Gedanken woanders gewesen war? Er zog die Stirn so sehr in Falten, dass auch der Ansatz seiner schwarzen, lediglich dezent angegrauten Haare in Bewegung geriet. Nein, er war sich sicher, dass der Zettel am Vorabend noch nicht da gewesen war. Also hob er den Scheibenwischer seines sportlichen schwarzen BMW und zupfte mit seinen kräftigen Fingern – ein genetisches Vermächtnis vieler früherer Zimmerschieds, die allesamt Arbeiter, Bauern, Handwerker gewesen waren – das bereits zusammengeknüllte Papier, Format A5, wieder auseinander und las:

Fühl dich nicht zu sicher.

Was sollte das? Der Präsident kratzte sich am Bart; er trug ein Gewächs, das Hipster als »Henriquatre« bezeichneten. Zimmerschied nannte ihn »Rund-um-den Mund-Bart«.

Fühl dich nicht zu sicher.

So ein Depp, dachte sich Zimmerschied, schüttelte den Kopf, zerknüllte den Ausdruck und warf ihn in die Kiste mit dem zum Anfeuern des Holzofens dienenden Altpapier. Nein, er hatte momentan wirklich andere Probleme, als über dämliche Zettel mit dämlichen Sprüchen zu räsonieren. Vermutlich hatte ihm ein Zeuge Jehovas oder irgendein anderer Glaubenskasper das alberne Blatt ans Auto geklemmt. Vermutlich handelte es sich um nichts weiter als ein Bibelzitat.

Schon waren Zimmerschieds Gedanken wieder ganz woanders. Ob er es wollte oder nicht, ihm kam der Anruf von gestern in den Sinn. Die Anruferin, die mysteriöserweise im Besitz seiner Bürodurchwahl war, hatte sich als Kate McMunny, stellvertretende Sicherheitsberaterin des US-Präsidenten, vorgestellt. Er hatte das Ganze für einen Scherz gehalten, vielleicht von einem Radiosender. Aber was, wenn das die echte Sicherheitsberaterin des echten amerikanischen Präsidenten gewesen war? McMunny hatte ihn mit der Organisation von dessen Staatsbesuch in Deutschland beauftragt und um strikte Geheimhaltung gebeten – nicht einmal der amerikanische Geheimdienst dürfe Bescheid wissen, und hundertfünfzigtausend Dollar hatte sie ihm für den Job geboten! Ihm als Beamtem und zusätzlich zu seinem Gehalt! Das war ein Batzen Geld. Allerdings war der Job auch so riskant wie brisant. Zimmerschied konnte das beurteilen: Das Sicherheitskonzept für den Staatsbesuch des letzten US-Präsidenten, damals auf Schloss Elmau, hatte auch er entwickelt. Aber was die Amerikaner jetzt wollten, ging weit darüber hinaus: Der neue US-Präsident verlangte, dass Zimmerschied nicht nur für seine Sicherheit sorgte, sondern sich zusätzlich noch einen Event ausdachte, der »greater« war als das berühmte Weißwurstessen in den bayerischen Bergen, dessen Fotos um die Welt gegangen waren. Was bildete sich der Kerl ein? Und dann die Sicherheitsbedenken: Diesen unberechenbaren Menschen zu schützen war genau genommen unmöglich. Seit seinem Amtsantritt hatte er sich mit seiner hemdsärmeligen Art zahllose Feinde gemacht. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Die Gegner des President of the United States of America, den viele schlicht »POTUS« nannten, reichten von militanten Feministinnen bis hin zu Leuten aus seinen eigenen Geheimdiensten. Da war bei einem Staatsbesuch auch in Deutschland mit einigem zu rechnen. Zwar war von der amerikanischen Regierung noch kein konkreter Termin bekannt gemacht worden, aber irgendwann absolvierte jeder neue POTUS einmal seinen Antrittsbesuch. Und für diesen Fall hatten bereits einige Gruppierungen Demonstrationen angekündigt. Zwar war hier von Gewalt noch keine Rede. Aber wer sagte denn, dass sich in der Masse der besonnenen Protestierer nicht auch der eine oder andere radikale Irrläufer verbarg, der versuchte, ein Attentat auf den umstrittenen Amerikaner für seine Zwecke zu nutzen? Schon ein beliebter US-Präsident war ein wunderbares Anschlagsziel, dieser Selfmade-Rüpel spielte allerdings, was sein Provokationspotenzial anging, in einer ganz eigenen Liga. Die geheimdienstlichen Erkenntnisse – Zimmerschied stand routinemäßig mit den zentralen Stellen in Austausch – deuteten auf Anschlagspläne aus allen möglichen Sektoren der Gesellschaft hin: Islamisten, Antifaschisten, Frauenrechtlerinnen, Schwule, Exil-Mexikaner, Araber, Exil-Amerikaner, Israelis, Palästinenser, Russen, Chinesen. Alles war vorstellbar. Hoffentlich kam der US-Präsident nicht nach Deutschland. Und hoffentlich war dieser Anruf ein Scherzanruf gewesen. Wenn nicht, hatte er sich womöglich äußerst undiplomatisch verhalten. Als Zimmerschied nämlich der Betrag von hundertfünfzigtausend Dollar zu Ohren gekommen war, hatte er aufgelegt. Natürlich konnte der Anruf mit diesem verrückten Wunsch nur ein Witz gewesen sein. Andererseits waren hundertfünfzigtausend ein Betrag, der auch ihn, den fünfundfünfzigjährigen Polizisten am Höhepunkt seiner Karriere, durchaus beeindruckte. Er hatte viel erlebt während seiner beruflichen Laufbahn, in die er eher unspektakulär als Verkehrspolizist gestartet war. Ampeldienst und so. Und jetzt gab es über ihm praktisch niemanden mehr, sah man einmal ab vom Innenminister, dem Ministerpräsidenten und dem lieben Gott. Es war sauerstoffarm und einsam in den präsidialen Höhen, in denen er sich neuerdings bewegte. Man hatte wenig Freunde, dafür aber viele Neider und Feinde. Man musste auf der Hut sein.

Doch dieses Auf-der-Hut-Sein war leichter gesagt als getan, wenn einem die Frau davongelaufen war: Roswitha Zimmerschied war vor drei Monaten von ihrer Bali-Reise nicht zurückgekehrt. Angeblich hatte sie sich in einen Alt-Hippie verliebt. Über Mittelsmänner in Indonesien – ein Polizeipräsident verfügte hier über andere Möglichkeiten als der durchschnittliche Ehemann – hatte Zimmerschied herausgefunden, dass seine Roswitha auf der Paradiesinsel ein bayerisches Oben-ohne-Café eröffnet hatte. Sah man einmal davon ab, dass sich Zimmerschied fragte, ob dies einer angemessenen Betätigung für die Gattin eines der ranghöchsten Polizisten der Bundesrepublik Deutschland entsprach, war diese Tatsache in zweierlei Hinsicht problematisch für ihn: Zum einen fehlte ihm seine Frau als Stütze im alltäglichen Kampf gegen das Verbrechen; immerhin blickte man auf eine jahrzehntelange glückliche Ehe zurück, und Roswitha war ihm stets eine Hilfe gewesen. Zum anderen fehlte sie ihm als Arbeitskraft auf dem Bauernhof, auf dem die Zimmerschieds bis vor Kurzem noch gemeinsam gelebt hatten und den der LKA-Präsident nun allein bewohnte. Zimmerschied betrieb das rund vierzig Kilometer südlich von München im beschaulichen Holzleute gelegene Gehöft im Nebenerwerb. Seit er Präsident war, vermehrten sich die beruflichen Verantwortungen jedoch auf rücksichtslose Weise. Zimmerschied war durchaus bereit, sich der Hektik, die das Amt mit sich brachte, bis zu einem bestimmten Grad auszusetzen, aber Huftieren wie Alice und Emma – so hießen seine Lieblingskühe – war es vollkommen egal, ob irgendwo ein Irrer mit einer Axt durch einen Zug rannte und Menschen tötete oder im Münchner Olympia-Einkaufszentrum um sich schoss; die Kühe wollten trotzdem versorgt sein. »Frau Rötli«, sagte Zimmerschied immer wieder zu seiner Sekretärin im Präsidentenbüro, »nicht vergessen: Ich bin nicht der Innenminister, sondern nur der Polizeipräsident. Ich mag das nicht, wenn Sie mir meine Termine so eng takten.«

Die gebürtige Schweizerin Elisabeth Rötli, die bis vor einem Jahr noch Sekretärin des seinerzeitigen Innenministers Hans Steinbeck gewesen war, pflegte hierauf zu erwidern: »Aber Herr Präsident, Sie sind doch ein Mann in den besten Jahren.« Rötli war sechzig Jahre alt, wobei sie wesentlich jünger wirkte. Und sie hatte Charme. Stets erschien sie im Kostüm zum Dienst. Ihre Lieblingsfarbe war ein abgetöntes Weiß, ihr Parfüm Chanel N° 5. Sie rauchte nicht, sie trank nicht, außer ein Glas Prosecco beim monatlichen Kaffeekränzchen mit den anderen Damen des Frauenchors der Münchner Polizei.

»Aber ich bin kein Politiker«, antwortete Zimmerschied hierauf üblicherweise. »Bei mir kommt es auf die Qualität der Arbeit an und nicht darauf, wie oft mein Gesicht in der Zeitung oder im Fernsehen zu sehen ist.«

Drei | Bali

Zimmerschied ließ sich in seinen Bürosessel fallen und dachte an seine Frau. Da klingelte im Vorzimmer das Telefon, Frau Rötli hob ab und rief wenig später: »Herr Zimmerschied, der Herr Horvath von der Pforte ist dran. Darf ich durchstellen?«

»Ja.« Sekunden später meldete sich der Präsident mit einem »Guten Morgen, Herr Horvath, was kann ich für Sie tun?«.

»Herr Präsident, bei mir an der Pforte, da stehen drei Amerikaner in dunklen Anzügen und eine Frau. Ich wollte sie schon rausschmeißen, weil sie ihre SUVs direkt vor unserem Haupteingang geparkt haben, was ja nicht geht, aber die sagen, dass sie zu Ihnen müssen. Die sagen, sie seien von der Nationalen Sicherheitsberaterin von Amerika geschickt worden, und die hätte gestern schon mit Ihnen telefoniert, Sie wüssten Bescheid?«

Der Präsident dachte nach: Wenn das jetzt irgendwelche Medienclowns waren, dann waren die wirklich hartnäckig. »Haben die sich ausgewiesen?«

»Ja, aber was weiß denn ich, ob diese Geheimdienstausweise echt sind!«

Eineinhalb Stunden später saß Zimmerschied wieder allein in seinem Büro. Vor ihm lag ein Geheimvertrag, der ihn zum Sicherheitsbeauftragten der US-Regierung für den anstehenden Staatsbesuch machen würde, sofern er ihn denn unterschrieb. Der Vertrag enthielt zwei Kernpunkte: Erstens sollte Zimmerschied sich einen Event ausdenken, der in der Öffentlichkeit als großartiger wahrgenommen werden würde als das Weißwurstfrühstück. Und zweitens sollte er dafür sorgen, dass dem US-Präsidenten während seines Aufenthalts in München kein Haar gekrümmt wurde. Notwendig für die erfolgreiche Durchführung des Auftrags sei es, dass Zimmerschied in totaler Eigenständigkeit und ohne jede Einmischung der dienstlich eigentlich neben oder sogar über ihm stehenden Beamten und Politiker planen und handeln könne. Was für eine Forderung! Der LKA-Präsident dachte an den Amerikaner. Es war erstaunlich, dass jemand mit derart schlechten Manieren so weit kommen konnte. Aber als Polizist konnte man sich nicht aussuchen, für wessen Sicherheit man sorgte. Im Zweifel kam auch ein Idiot in den Genuss umfassenden Schutzes.

Zwei Mitarbeiter betraten, ohne anzuklopfen, Zimmerschieds Büro: die klein gewachsene Barbara Veltroni mit der schwarzen Pagenkopffrisur und der hoch aufgeschossene Hannes Södlinger, der stets Anzug mit Fliege trug (die viele im LKA als eher deplatziert empfanden) und dessen Haarschnitt aussah, als wäre er selbst dafür verantwortlich. Beide waren außer Atem. Barbara Veltroni keuchte: »Wir wollten nur, also, bevor Sie es von anderer Stelle hören, Chef ...«

Zimmerschied verzog das Gesicht: »Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen, Frau Veltroni, ich mag das nicht, wenn Sie mich mit ›Chef‹ anreden.«

»Tut mir leid. Aber in der vergangenen Nacht ist der Landtagsabgeordnete Roland Mai in der Schillerstraße getötet worden. Der oder die Mörder haben ihm den Hals aufgeschlitzt, mit einem Dönermesser.«

»Wir dachten uns«, ergriff Hannes Södlinger das Wort, »dass wir Sie lieber gleich miteinbeziehen, weil es da sicher bald Rückfragen vonseiten der Politik und der Presse geben wird.«

»Ach du Scheiße«, entfuhr es Zimmerschied. Seine ganze Aufmerksamkeit war nun den beiden Kriminalhauptkommissaren zugewandt.

»Momentan ist da noch alles drin – politische und private Hintergründe, Rotlicht, Schwule, Geldwäsche, alles; Raubmord eher nicht, weil nichts zu fehlen scheint, allerdings ...« Barbara Veltroni zögerte. »Eine Besonderheit gibt es.« Zimmerschied zog fragend die Augenbrauen nach oben. »Wir haben das am Tatort nicht gleich gesehen, weil der abartig geblutet hat, aber jetzt in der Rechtsmedizin ...« Sie legte dem Präsidenten ein Foto auf den Tisch, das den nackten Oberkörper eines Mannes zeigte. Neben den auseinanderklaffenden Hautwülsten an der Schnittstelle am Hals, die Zimmerschied an einen Schweinsbraten im Rohzustand erinnerten, war etwas anderes nicht zu übersehen: Auf Höhe des Herzens prangten weitere, wesentlich filigranere Schnittwunden auf der Haut der Leiche.

Barbara Veltroni ließ ihrem Chef einen Moment Zeit, um das Foto zu begutachten, dann sagte sie: »Keine Ahnung, was Sie da sehen, aber Hannes und ich meinen«, sie warf dem Kollegen einen kurzen Seitenblick zu, »dass man – natürlich nur mit etwas Fantasie – diese Schnittwunden als Stern und Halbmond interpretieren könnte.«

»Türkische Flagge?« Der Präsident, den Blick noch immer auf das Foto gerichtet, grübelte eine Weile und fragte dann: »Sie meinen, dass die Tat womöglich etwas mit Islamisten zu tun hat?«

Barbara Veltroni nickte. »Und da in dieser Option ja eine gewisse Brisanz steckt, wollten wir fragen, ob wir damit jetzt überhaupt schon raus sollen. Oder ob wir einfach noch warten ...«

»Wegen der aufgeheizten Stimmung, was kriminelle Ausländer angeht, wegen der ganzen politischen Hetzerei und so weiter«, ergänzte Hannes Södlinger.

Entschlossen hob Zimmerschied den Kopf. »Klingt sinnvoll. Machen wir. Stern und Sichel bleiben erst einmal intern.«

»Aber, also ...« Barbara Veltroni räusperte sich und suchte den Blick des Vorgesetzten. Auf dessen erwartungsvolles Schweigen hin druckste sie: »Ganz sicher sind der Hannes und ich uns nicht, ob das okay ist, wenn wir diese Info zurückhalten – Sie wissen schon, so Fake-News-mäßig ...«

»Nicht, dass man uns dann unterstellt, wir würden relevante, in Richtung Ausländer deutende Tatsachen ...«, sprang Södlinger der Kollegin bei.

»Mehr Informationen herauslassen können wir später immer noch«, unterbrach ihn der Präsident. »Wir sagen ja nichts Falsches, sondern wir halten lediglich etwas zurück. Das sind keine Fake News, sondern gar keine. Oder eben einfach nur Polizeitaktik. Zurückgehaltenes Täterwissen.« Er atmete hörbar aus. Als er Veltronis nachdenklichen Gesichtsausdruck wahrnahm, schob er noch hinterher: »Machen Sie sich keine Gedanken, ich übernehme die Verantwortung.« Im selben Moment drang durch die geöffnete Tür das Klingeln eines Telefons herein, und wenig später rief Elisabeth Rötli: »Herr Zimmerschied, der Herr Innenminister möchte Sie sprechen.« Selbst unter jenen Mitarbeitern, die Elisabeth Rötlis dominante Art anstrengend fanden, galt ihr schweizerischer Akzent als putzig.

»Dann – haben wir es?«, fragte Zimmerschied und bedachte erst Veltroni, dann Södlinger mit fragenden Blicken. Auch wenn der Innenminister am Apparat war, so musste Angefangenes vernünftig zu Ende geführt werden. Zimmerschied hatte seit vielen Jahren mit hohen Tieren der Politik zu tun. Wenn es hart auf hart kam, hatte sich noch jeder von ihnen als stinknormaler Mensch entpuppt.

Die Kommissare nickten, Veltroni schnappte sich das Foto der Leiche vom Tisch des Präsidenten, und beide verließen nach knapper Verabschiedung das Büro.

Erst jetzt griff Zimmerschied zum Hörer. Nach kurzem Wortwechsel verband ihn die Sekretärin des Ministers weiter, und wenig später meldete sich sein direkter Vorgesetzter am anderen Ende der Leitung. Innenminister Alfred Werner war Franke, was er nicht einmal dann zu verbergen vermochte, wenn er sich redlich bemühte. »Guten Morgen, Zimmerschied, ich mach’s kurz: Höre eben, dass der Landtagsabgeordnete Roland Mai beim Hauptbahnhof ermordet worden ist. Widerliche Tat. Wollte Sie deswegen nur rasch unterrichten. Also erstens: Roland Mai ist ein Parteifreund. Zweitens: Er ist ein enger Freund des Ministerpräsidenten, die Aufklärung hat von dem her oberste Priorität. Diese Aussage verbinde ich mit einer vorsorglichen Warnung, Zimmerschied: Seien Sie sich im Klaren, dass dieser verdammte Mord Sie das Amt kosten kann. Mich natürlich auch. Deswegen: Wir müssen umfassend und unverzüglich aufklären. Schnell, schneller, am schnellsten. Das ist heikel, ganz heikel.« Der Innenminister sonderte Wortmaterial mit der Effizienz eines bayerischen Automotors ab. Zimmerschied hätte die Augen verdrehen können, es sah ihn ja keiner, aber er tat es nicht. Irgendwie war er fasziniert von diesem begnadeten Schwätzer. Werner schien beim Sprechen keinerlei frischen Sauerstoff zu benötigen. »Alles klar, Zimmerschied?«

»Alles klar, Herr Minister.«

»Und sonst – wie steht’s, wie geht’s?« Er bemerkte den Verdreher und schob hinterher: »Wie geht’s uns so? Was macht die Landwirtschaft?«

»Es läuft alles«, schwindelte Zimmerschied.

»Wahnsinn, dass du dir das antust!«, rief Alfred Werner aus und verfiel versehentlich, wie es ihm immer wieder einmal passierte, ins joviale »Du«. »Und die Gattin?«

»Die Gattin«, Zimmerschied geriet ins Straucheln, »ist noch, ähm ...«, er räusperte sich, »... auf Bali.«

»Soso, Bali ...« Der Minister schien sein Gehirn für einen Moment tatsächlich zum Nachdenken zu nutzen. »Ist die jetzt nicht schon gleich ... ein paar Monate lang weg?«

Der LKA-Präsident zögerte, um dann mit einem leisen »Ja« den familiären Missstand einzuräumen. Es ärgerte ihn, dass er unversehens in der Defensive gelandet war.

»Alles in Ordnung mit der Ehe?«, fragte der Innenminister. Er war Mitglied der Regierungspartei, die die Christlichkeit und damit praktisch auch die monogame Ehe im Namen trug, obgleich es nur einem geringen Teil ihrer Amtsträger auch gelang, sich daran zu halten. Ein Politikerleben, gleich wie christlich es ausfiel, bestand aus einer Fülle an Dekolletés und sonstigen Gelegenheiten.

»Ja, ja, schon«, log Zimmerschied.

»Und – wer macht dann die Kühe, wenn Sie nicht da sind?«

»Ich bin doch da!« Verflucht, die Antwort war ihm etwas zu trotzig geraten.

Der Innenminister lachte kurz auf. Zimmerschied fühlte sich nicht sehr wohl. Alfred Werner sagte – und verwischte dabei erneut die Grenzen zwischen Du und Sie –: »Wenn ich dir einen guten Rat geben darf, Präsident: Machen Sie Ihre Landwirtschaft dicht. Das ist doch bloß viel Arbeit für nichts.«

»Ich habe Ihnen schon mehrmals erklärt«, entgegnete Zimmerschied um einen ruhigen Atem ringend, denn vor seinem inneren Auge tanzte Roswitha barbusig hinter einer Theke herum, »... dass ich meinem Vater auf dem Sterbebett versprochen habe, den Bauernhof weiterzumachen. Und was ich verspreche, das halte ich.« Mit den letzten Worten nahm die Stimme des LKA-Präsidenten einen giftigen Unterton an. Seine Karriere war nicht nur das Ergebnis von »im richtigen Moment am richtigen Ort sein«, sondern ebenso von Rückgrat und klaren Worten, auch gegenüber Politikern, die seine Chefs waren. Jene kamen und gingen, er blieb und kämpfte.

»Schon klar, Zimmerschied, deswegen schätze ich Sie ja auch; weil man sich auf Sie verlassen kann. Aber dass ein Polizeipräsident auch noch einen Bauernhof ... wie viele Kühe haben Sie – acht? Und ...«

»Zwei Schweine und zwölf Hühner«, kam ihm der Präsident zuvor. Er war genervt. Das mit dem Hof ging doch wirklich niemanden etwas an.

Der Innenminister schien kurz nachzudenken. »Zwölf Hühner ... aha ... und – die Gattin – die kommt wieder?«

»Und die Gattin, die kommt wieder«, antwortete Zimmerschied trocken. Er hatte sich jetzt wieder im Griff. Wenn eine Frau durchdrehte, hieß das noch lange nicht, dass alle durchdrehen mussten. Er würde Ruhe bewahren; und wenn die Roswitha nicht von selbst zurückkam, dann würde er sie zurückholen. Der Innenminister verbreitete gerade allerlei Lehrreiches über die Ehe im Allgemeinen und im Besonderen, sogar garniert mit einem Bibelzitat (»Zeigt euch im Zusammenleben mit euren Frauen verständnisvoll und nehmt auf ihre von Natur aus schwächere Konstitution Rücksicht, Petrus 3,7«).

Zimmerschieds Gedanken schweiften ab: Per Facebook-Nachricht hatte ihm Roswitha – sie nannte sich jetzt Rose – versichert, dass sie ihn noch immer liebe, und ihm angeboten, doch auch nach Bali zu kommen, man könne ja eine Dreierbeziehung ausprobieren. Polyamorie sei voll in. Der Präsident rümpfte die Nase. Polyamorie! An derlei Quatsch hatte er absolut kein Interesse. Wer sollte sich denn dann um den Bauernhof kümmern? Und warum sollte er im Zenit seiner Karriere wegen einer unsicheren Ménage à trois seinen Beruf an den Nagel hängen und sich auf ein irrsinniges Hippie-Abenteuer auf Bali einlassen? Dass die Roswitha, mit der er so lange zufrieden zusammengelebt hatte, es überhaupt wagte, ihm so einen Blödsinn vorzuschlagen! Hoffentlich hatte sie keine Drogen genommen.

Gerade sagte der Innenminister: »Meinen Sie, Ihre Gattin hat Sie verlassen, weil sie keinen Bauern zum Mann haben will?«

»Nein, sie mag die Tiere. Eher, weil ich seit meinem neuen Amt abends so oft weg bin.«

»Also hat die Gattin Sie verlassen?« Zimmerschied bemerkte, dass er sich verplappert beziehungsweise dass der Minister ihn überrumpelt hatte.

»Nicht direkt, also ... ähm ... Ich soll ja nachkommen.«

»Nicht direkt, also, ähm, Sie sollen ja nachkommen«, wiederholte der Innenminister bedächtig. Es war ein wenig demütigend. »Und – kommen Sie nach?«

»Ja, nein, das ist noch nicht entschieden.«

Der Minister schwieg einige Sekunden lang. Dann sagte er ernst und mit einer Andeutung von Besorgnis in der Stimme: »Sie, Zimmerschied, nicht dass Sie mir jetzt den Halt verlieren. Ich baue auf Sie! Haben Sie jemanden, an den Sie sich anlehnen können? Das braucht man in unseren Höhen. Was ist mit Ihrer Sekretärin ...«

»Ich bin nicht in solchen Höhen unterwegs wie Sie, Herr Minister. Und außerdem – die Tiere geben mir Halt.«

»Die Tiere! Großartig! Diese Bodenständigkeit ...« Der Innenminister lachte. Er war ein Professorensohn und konnte mit gegrillten, gebratenen oder geschmorten Tieren etwas anfangen, aber rein gar nichts mit solchen, die noch lebten. »Also gut, dann machen wir weiter. Auf Wiederhören, Zimmerschied!«

»Halt, Herr Minister, ich habe da noch etwas.«

Zimmerschied schilderte seinem Chef das Telefonat mit der nationalen Sicherheitsberaterin der USA, Kate McMunny, und den Besuch ihrer vier Mitarbeiter. Er erklärte dem Innenminister, dass der POTUS in nur einundvierzig Tagen zum Staatsbesuch nach Bayern käme, wovon der Politiker zum ersten Mal hörte, und endete mit der Frage: »Können Sie mir diese ...« Er zögerte. »... Ich sage mal: Nebentätigkeit. Können Sie mir die genehmigen?«

»Nebentätigkeit? Hundertfünfzigtausend Dollar?« Der Innenminister, der eben noch locker und lässig über die Ehe schwadroniert hatte, war nun völlig aus dem Häuschen. Wie alle Politiker pflegte er ein erotisches Verhältnis zum Geld respektive zu einträglichen Nebentätigkeiten. Wie gerne hätte er selbst die hundertfünfzigtausend eingesteckt.

»Einundvierzig Tage! Der US-Präsident ... Hundertfünfzigtausend Dollar für Sie – und totale Freiheit bei allen Entscheidungen und Maßnahmen, ohne Rücksicht auf Vorgesetzte ... ob wir uns das leisten können, Zimmerschied ...?«

»Die Frage ist doch vielmehr, ob wir als Freistaat Bayern und Bundesrepublik Deutschland es uns erlauben können, hier den amerikanischen Präsidenten im Regen stehen zu lassen. Eine Verweigerung unsererseits könnte die diplomatischen Verwerfungen, die wir ohnehin schon allerorten haben, ja noch verstärken!«

»Zimmerschied, das muss ich abklären. Das ist brisant. Das ist Weltpolitik. Hundertfünfzigtausend Dollar. Noch größer als das Weißwurstfrühstück von Elmau ...«, murmelte der Innenminister. »Wenn das der Ministerpräsident erfährt!«

Den Rest des Tages verbrachte Karl Zimmerschied mit diversen eher öden Personalgesprächen, einer Abteilungsleitersitzung, einem Telefonat mit einem anderen Polizeipräsidenten, mehreren Gesprächen mit Pressevertretern in Sachen Roland Mai und etlichen anderen nur zum Teil wichtigen Dingen. Wenn er zwischendurch Zeit hatte, dachte er an seine Frau oder brütete über der Frage, was man dem US-Präsidenten noch Einzigartigeres bieten konnte als ein Weißwurstfrühstück vor einer sonnenüberfluteten Alpenkulisse. Aber ihm wollte einfach nichts einfallen. Allerdings schoss ihm noch ein anderer Gedanke durch den Kopf: Wenn er nicht nur für die Organisation des großartigen Events zuständig war, sondern auch für die Sicherheit des Präsidenten währenddessen, musste er an alle Eventualitäten denken. Neben Einsatzkonzeptionen, Strategischen Leitlinien, Rahmen- und Vorbefehlen, Geodaten-Nutzung, einem Konzept für Sonderlagen und für einen Massenanfall von Verletzten sowie einem eventuellen Drohneneinsatz musste er auch die US-präsidentenspezifischen Problematiken vorausdenken. Kate McMunny hatte angedeutet, dass der POTUS ohne Gattin anreisen wolle. War es daher im Hinblick auf die erotischen Gewohnheiten des Staatsmannes sinnvoll, rein vorsorglich ein Dutzend Prostituierte sicherheitsmäßig durchzuchecken? Nur für den Fall, dass der US-Präsident spontan von erotischen Sehnsüchten übermannt werden sollte? Der Polizeichef wog die Argumente hin und her, und am Ende des Tages kam er zu dem Schluss, dass er den Konkubinen-check zumindest als Option in sein Sicherheitskonzept aufnehmen musste, direkt hinter dem Punkt »Gefangenensammelstelle«. Herausstreichen konnte man solcherlei exotische Strategiepunkte dann ja immer noch. Eines lag jedenfalls auf der Hand: Was den US-Präsidenten anging, musste man mit allem rechnen. Lieber hielt man also ein paar Gespielinnen in der Hinterhand, deren Lebenslauf man überprüft hatte, als dass man sich in der Hektik des Staatsbesuchs plötzlich vor die Situation gestellt sah, dass der US-Präsident Sex wollte und auf der Ingolstädter Straße nur russische Geheimagentinnen herumstanden.

Als der LKA-Präsident mit seinem Wagen die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatte, freute er sich auf die Stallarbeit. Dass ihn zu Hause ein überraschender Besuch mit ebenso überraschendem Mitbringsel erwartete, konnte er nicht ahnen. Aber wer rechnet nach Feierabend auch schon mit Handgranaten?

Vier | Handgranaten

Die Miene des schlanken, schnurrbärtigen Pfarrers wirkte gehetzt. Sein kunstvoll über die entstehende Glatze gelegtes Haar war verrutscht. »Lass mich rein, Karl«, drängelte der Geistliche und warf nervöse Blicke zur Straße hin, woraufhin Zimmerschied zur Seite trat und ihn einließ. Herrmann Gänswein trug seine Freizeitkluft, also schwarze Hose und schwarzes Hemd mit weißem Stehkragen, und führte eine große blaue IKEA-Tasche mit sich, aus der etwas Zeitungspapier lugte. Er drängte Zimmerschied dazu, die Haustür so schnell wie möglich wieder zu schließen.

»Was ist denn mit dir los, Herrmann?«, erkundigte sich der Polizeipräsident unwirsch.

»Mach die Vorhänge zu«, forderte der Pfarrer den Freund auf, während er in die Küche eilte. Dort stellte er die IKEA-Tasche auf dem Boden neben dem Tisch ab und zog auch hier hektisch die Vorhänge zu. Dabei dämmerte es draußen längst, und im fahlen Licht der untergehenden Sonne waren lediglich die vom Wald begrenzten Felder zu sehen, die sich allesamt in Zimmerschieds Besitz befanden. Doch der Pfarrer schien zu wissen, was er tat, und erst nachdem er sich versichert hatte, dass auch wirklich niemand zum Fenster hineinschauen konnte, wandte er sich dem Polizeipräsidenten zu und fixierte ihn mit eindringlichem Blick. »Karl, das, was ich dir jetzt sage, muss unter uns bleiben. Dorfgeheimnis. Du musst mir dein Ehrenwort geben, unbedingt!«

»Was soll das?«, grummelte Zimmerschied. Mit der Geheimniskrämerei, die sein Amt mit sich brachte, war er bestens ausgelastet. Da brauchte es nicht auch noch eine katholische Konspiration.

Aber der Pfarrer war hartnäckig. »Erst dein Ehrenwort. Also: Bleibt das unter uns?«

Zimmerschied schüttelte langsam den Kopf. »Was ist in der IKEA-Tasche, Herrmann?«

»Karl, es gibt in unserem Dorf ein ernstes Problem! Kann das bitte unter uns bleiben?«

»Ich kann dir doch nicht etwas versprechen, wovon ich nicht weiß, was es ist! Ich will mich wirklich nicht wichtigmachen, aber als Präsident vom Landeskriminalamt bin ich an gewisse Dinge gebunden, Herrmann.«

Der Geistliche starrte ihn an, bückte sich dann ruckartig zur Tasche hinunter und sagte: »Gut, dann eben nicht.«

Zimmerschied schnaubte. Dann entfuhr ihm ein widerwilliges »Herrgott noch einmal: Ja, es bleibt unter uns«. Keine Minute sollte verstreichen, bis er diese Entscheidung bereute.

»Da drin sind ...« Der Pfarrer deutete auf das ominöse Mitbringsel. »Nein, ich fange anders an. Es war so: Gestern nehme ich einem Gemeindemitglied die Beichte ab, also ganz normal in der Kirche, im Beichtstuhl.« Herrmann Gänswein senkte die Stimme. »Eine ganz normale Beichte, Karl: böse Gedanken, Streit in der Familie und so weiter. Am Ende des Gesprächs, ich will schon zehn Rosenkränze und fünf Vaterunser auftragen, da sagt die Person, sie habe noch etwas, das sie mir dalasse. Es sei eine Tasche mit Inhalt. Ich denke mir nichts dabei, die Gemeindemitglieder bringen mir ja öfter mal was mit – Eier oder Butter, manchmal sogar ein Huhn. Deshalb bin ich nicht gleich rausgegangen, um nachzuschauen. Das hätte ich mal besser gemacht! Als ich eine Weile später nachgesehen habe, war die Person schon weg, und im Beichtstuhl stand diese IKEA-Tasche.«

Zimmerschied hob verständnislos die Schultern. »Und? Was ist drin? Eier, Butter, Hühner?«

»Ha!«, bellte der Pfarrer. Er griff sich die Tasche, stellte sie auf zwei Stühle und begann auszupacken. Wenig später lagen auf dem Küchentisch zwei Maschinenpistolen und drei Handgranaten, allesamt eingewickelt in Zeitungspapier. Obwohl Zimmerschied vollkommen perplex war, registrierte er sofort, dass es sich um echte Waffen handelte. »Was sollen wir denn jetzt damit machen?«, fragte der Geistliche hilflos.

»Wer hat dir das gegeben?«

Der Pfarrer wich dem Blick des LKA-Präsidenten aus und zuckte mit den Schultern. »Wie gesagt: Die Person war weg, als ich aus dem Beichtstuhl rausgekommen bin.«

»Aber du wirst doch irgendetwas gesehen haben?«

»Nichts.« Der Pfarrer legte die Hand aufs Herz und schüttelte den Kopf.

Zimmerschied fixierte Herrmann Gänswein kritisch. »Aber die Stimme hast du doch gehört in der Beichte. War das die Stimme von einer Frau oder von einem Mann?«

»Das ...«, er zögerte, »... kann ... ich nicht sagen. – Beichtgeheimnis.« Er machte ein kleines Kreuzzeichen über seinem Mund.

Zimmerschied überlegte kurz, dann verkündete er in bestimmtem Tonfall: »Dann teile ich dir nun mit, Herrmann, dass ich die Waffen morgen bei mir im Amt einliefern muss, Abteilung ›Sprengstoff-/Strahlendelikte, Waffenhandel, Tatortgruppe‹. Nicht wegen Beichtgeheimnis, sondern wegen Berufspflicht.«

Die Blicke der Männer kreuzten sich. In beiden Köpfen liefen ähnliche Filme ab: Man kannte sich schon lange, seit Kindertagen. Man hatte zusammen Karten gespielt, Kaugummiautomaten in die Luft gesprengt, hinterm Hühnerstall heimlich geraucht; man hatte im Boxring gestanden (Zimmerschied verfügte noch heute über eine schlagkräftige Faust), zahllose Menschen beerdigt, Bier getrunken. Man mochte sich, man respektierte sich, man konnte sich aufeinander verlassen. Und jetzt das – Kriegswaffen im Beichtstuhl. Hochexplosive Gegenstände, eine Gefahr, auch für diese über viele Jahre gewachsene Freundschaft.

Der Pfarrer war der Erste, der das konzentrierte Schweigen brach: »Kannst du das nicht erst einmal hier im Dorf aufarbeiten, sozusagen privat?«

Zimmerschied widersprach energisch: »Herrmann, ich bin LKA-Präsident und kein Privatdetektiv! Und das hier sind Handgranaten! Kriegswaffen! Wer drei Handgranaten hat, der kann auch mehr besitzen. Wer sagt uns denn, dass dein Beichtling nicht gerade ein Verbrechen damit plant?«

»Aber hätte eine Person, die ein Verbrechen plant, die Waffen dann bei mir im Beichtstuhl abgegeben?«

Ohne auf den Einwurf einzugehen, zählte der LKA-Präsident weiter auf: »... oder ein Attentat? Einen Raubüberfall? Mit diesen Waffen kannst du in den Krieg ziehen!« Zimmerschied sah den Geistlichen ernst an. »Herrmann, bitte: Wenn ich dir helfen soll, musst du mir sagen, wer dir diese Waffen gegeben hat.«

Ohne zu zögern und mit fester Stimme antwortete der Pfarrer: »Das Beichtgeheimnis ist unverletzlich; die direkte Verletzung ist mit Exkommunikation bedroht, can. 1388 § 1 Codex Iuris Canonici.«

Abrupt wandte Zimmerschied sich ab, ging zum Spülbecken hinüber, ließ sich ein Glas Leitungswasser einlaufen und erwiderte: »Gut, dann erinnere ich dich daran, dass wer einem anderen die tatsächliche Gewalt über Kriegswaffen überlässt, mit einer Freiheitsstrafe von einem bis fünf Jahre bestraft wird, § 22a Kriegswaffenkontrollgesetz.« Er drehte sich wieder zu seinem Freund um: »Ganz ehrlich, Herrmann, ich weiß nicht, ob dir klar ist, über was wir hier reden. Schon jetzt stehen wir beide mit einem Bein im Gefängnis! – Zum letzten Mal: Sag mir, wer diese Waffen bei dir abgegeben hat.«

Die Stimme des Pfarrers flatterte nun ein wenig: »Ich weiß es wirklich nicht. Also ... aber ... nur dass es eine Frauenstimme war, das kann ich sagen.«

»Eine Frau. Nun komm, du weißt doch ganz genau, wer bei dir zum Beichten geht! Das sind eh immer die drei gleichen alten Schachteln.«

Der Pfarrer reagierte nicht beleidigt, aus seinem Blick sprach pure Ratlosigkeit. »Ich weiß wirklich nicht, wer es war.«

»Okay, Herrmann ... aber ... Wenn sie mit dir gesprochen hat – sind dir da dann vielleicht irgendwelche sprachlichen Besonderheiten aufgefallen? Ein Dialekt, ein Sprachfehler, hatte sie eine hohe Stimme, eine tiefe?« Während er dies fragte, schossen Zimmerschied alle möglichen Gedanken durch den Kopf: War die Frau, die die Waffen abgeliefert hatte, womöglich eine Mörderin? Oder eine potenzielle Attentäterin? Bestand vielleicht eine Verbindung zum Besuch des US-Präsidenten oder zu anderen Terrorplänen? Warum tauchten diese Kriegswaffen ausgerechnet in seinem Heimatdorf auf? Auch der Zettel mit der Aufschrift »Fühl dich nicht zu sicher« kam ihm in den Sinn. Gab es eine Verbindung?

Der Pfarrer machte eine verneinende Kopfbewegung. »Keine sprachlichen Besonderheiten, Karl. Eine normale Stimme. Vielleicht ein ganz klein wenig bairisch.« Er zögerte und schob vorsichtig fragend hinterher: »Sag, nimmst du dich der Sache an?«

Der LKA-Präsident grübelte. Eine derartige Aktion war unter gar keinen Umständen mit seinem Amt zu vereinbaren. Aber er mochte den Pfarrer, und auch den Leuten im Dorf fühlte er sich verbunden. In wenigen Jahren würde er pensioniert werden. Mit den Bewohnern von Holzleute würde er noch viel länger in Kontakt stehen als mit den Kollegen aus dem LKA und dem Innenminister. Es war zwar geradezu unvorstellbar, aber womöglich verbarg sich hinter diesen gefährlichen Schießwerkzeugen ja eine eher harmlose Geschichte, die – wenn sie öffentlich würde – das Zeug dazu hatte, jemanden aus seinem Dorf ins Unglück zu reißen? Jemanden, der vielleicht gar nichts Böses im Schilde führte? Das wollte Zimmerschied auf keinen Fall. Eventuell konnte man das tatsächlich »intern« lösen, wie der Pfarrer vorgeschlagen hatte. Und sollte er feststellen, dass seine »privaten« Ermittlungen nicht zum Ziel führten, dann konnte er immer noch den offiziellen Weg gehen und die Sache seinen Untergebenen beim LKA übertragen. Trotz dieser recht vernünftigen Überlegungen hatte Zimmerschied noch immer kein gutes Bauchgefühl. »Ich lasse mir das durch den Kopf gehen, Herrmann«, seufzte er schließlich. »Aber jetzt sollten wir schlafen gehen.«

Der Pfarrer nickte. Wenig später schloss Zimmerschied die Haustür hinter ihm. Draußen wirkte alles ruhig, und auch aus dem Stall drangen kaum mehr Geräusche. Kühe, Hühner und Schweine schienen zufrieden zu sein. Trotzdem ging er noch einmal zur Garagentür hinüber und sperrte sie ab. Das hatte er schon lange nicht mehr getan.

Fünf | Heidi Klum

Im Laufe der vergangenen Jahre hatten sich Zimmerschied allerlei Gründe für durchwachte Nächte geboten: der G7-Gipfel auf Schloss Elmau, der Staatsbesuch des russischen Präsidenten, die Münchner Sicherheitskonferenz und die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Stets war er dafür verantwortlich gewesen, dass diese Veranstaltungen von Terroranschlägen und anderen Katastrophen verschont geblieben waren. Man könnte also meinen, dass der LKA-Präsident nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen war.

Aber in der Nacht, die auf den Besuch des Pfarrers folgte, tat Zimmerschied kein Auge zu. Die Existenz von Kriegswaffen in Holzleute ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Diese rätselhafte Neuigkeit beschäftigte ihn tatsächlich mehr als der brisante Mord an Roland Mai und der bevorstehende Staatsbesuch. Was hatte das Böse in der Idylle verloren?

An anderen Tagen fühlte sich Zimmerschied frisch, wenn er nach der Stallarbeit unter die Dusche gestiegen war und sich dann auf den Weg nach München machte. Aber an diesem Morgen war es anders. Seinem Körper war die Spannkraft abhandengekommen. Gleich nachdem er sein Büro bezogen hatte, überprüfte er den Kalender. Immerhin: Heute lagen keine unangenehmen Termine an. Mit ein wenig Glück würde er den Tag mit der jahrelang trainierten Routine herumbringen können. Zimmerschied gähnte und rief nach seiner Sekretärin. »Frau Rötli, kommen Sie bitte mal?«

»Was gibt’s?«, fragte diese, als sie vor ihm stand.

»Bitte stellen Sie mir heute nur Notfälle durch. Ich muss einige komplexe Zusammenhänge durchdenken. Da brauche ich ein paar Stunden Ruhe.«

Rötli wollte etwas Zustimmendes antworten, sie hatte ja selbst erkannt, dass der Chef etwas derangiert zum Dienst erschienen war, aber dazu kam es nicht, denn jemand klopfte an die halb geöffnete Tür des Präsidentenbüros. Zimmerschied erkannte Dr. Isabelle Augustin. Sie war die neue Leiterin der Forensischen DNA-Analytik, mithin zuständig für die Auswertung sämtlicher genetischer Fingerabdrücke an Leichen, Tatwaffen und sonstigen beweiserheblichen Körpern. Sie war groß gewachsen und schlank, und wie sie mit ihren dunkelbraunen, halblangen Haaren, in ihrer geblümten Bluse und der etwas ausgewaschenen Jeans so im Türrahmen stand, wurde Zimmerschied plötzlich klar, woran es vermutlich gelegen hatte, dass er Dr. Augustin – unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Kompetenz – von Anfang an sympathisch gefunden hatte: Die Achtunddreißigjährige erinnerte ihn an seine Frau Roswitha vor vielleicht fünfzehn Jahren. War der Morgen bislang von seiner miesen Stimmung geprägt gewesen, so ergab sich mit dem Erscheinen Dr. Augustins plötzlich ein Lichtblick für Zimmerschied. Doch Elisabeth Rötli hatte der Molekularbiologin bereits den Weg verstellt. »Stopp, Frau Doktor, der Herr Präsident wird heute von äußerst wichtigen Amtsgeschäften absorbiert ... Also, wenn Sie bitte morgen noch einmal ...«

Sofort trat die DNA-Expertin einen Schritt zurück. Dann versuchte sie über die wesentlich kleinere Präsidentensekretärin hinweg Blickkontakt mit Zimmerschied herzustellen. Der ging darauf ein und fragte: »Was gibt’s denn, Frau Doktor Augustin?« Dann meinte er in Richtung seiner Sekretärin: »Meine Bitte, mich in Ruhe zu lassen, gilt erst ab gleich, Frau Rötli – würden Sie also bitte ...?«

Schon war die gebürtige Schweizerin mit einem verschwiegenen Nicken im Vorzimmer verschwunden. Ein Hauch von Chanel blieb zurück. Zimmerschied hieß Dr. Augustin am Besprechungstisch Platz nehmen. »Kaffee?«

»Nein danke.«

Abgesehen vom Einstellungsgespräch und einigen Abteilungsleitersitzungen hatte der Präsident mit der neuen Mitarbeiterin noch nicht viel zu tun gehabt. Deshalb beobachtete er interessiert und etwas verdutzt, wie diese mit beiläufiger Selbstverständlichkeit die sich vor ihrem Sitzplatz befindliche Tischfläche mit einem aus einem geblümten Ledertäschchen hervorgezauberten Papiertaschentuch von nicht vorhandenen Flecken oder Staubkörnern befreite. Dann nahm Dr. Augustin eine aufrechte Sitzhaltung ein und sagte: »Entschuldigen Sie bitte, dass ich so hereinplatze ...« Der Präsident zuckte mit den Schultern. Er fühlte sich plötzlich wesentlich jünger als noch vor einer halben Stunde. »Es gibt da etwas, das Sie wissen sollten.« Zimmerschied legte die Stirn in Falten und rückte mit seinem Stuhl etwas näher an den Tisch. »Wir haben an dem Dönermesser, mit dem der Landtagsabgeordnete Roland Mai getötet wurde, dieselbe DNA gefunden wie an einem Zigarettenstummel, den die Kollegen bei einem Einbruch in eine Villa vor drei Tagen in Neuhausen sichergestellt haben.«

Mit einem schlichten »Aha« lehnte sich Zimmerschied wieder ein Stück zurück. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf die schlanken Füße seiner Gesprächspartnerin, die in flachen, von jeweils einer Blume verzierten Sandalen steckten. Schnell hatte er seine Augen wieder unter Kontrolle, betrachtete jetzt aber den Mund der Molekularbiologin. Entweder glänzten ihre Lippen von Natur aus rosa, oder sie trug fast transparenten Lippenstift. »Dies allein wäre noch nicht weiter erstaunlich ...«, fuhr Dr. Augustin fort, die die Blicke des LKA-Präsidenten nicht wahrzunehmen schien. Oder doch? Just in diesem Moment wischte sie sich mit Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand über die Lippen. »... denn Mord und Einbruch sind vom Deliktstyp her nicht so verschieden. Aber jetzt kommt’s: Wir haben vorgestern noch einen dritten Fall reinbekommen – den Slip einer Studentin, die in Schwabing Opfer einer versuchten Vergewaltigung geworden ist. Und auch hier haben wir dieselbe DNA festgestellt. Das war mir dann doch ein bisschen too much, und deshalb wollte ich Sie darüber informieren.«

Ein Mord, ein Einbruch, eine versuchte Vergewaltigung. Too much. Zimmerschied dachte nach. Sein Schweigen schien die Wissenschaftlerin zu verunsichern, denn schon wieder hatte sie ein Papiertaschentuch in der Hand und säuberte genau dieselbe Fläche vor sich wie einige Minuten zuvor. Diesmal schien sie allerdings noch ein Stück weiter in seine Richtung zu wischen.

Nachdem sie damit fertig war, sagte Dr. Augustin: »Ich meine, so was hatten wir doch noch nie: drei Taten binnen drei Tagen, völlig unterschiedliche Deliktstypen, aber dieselbe DNA. Was soll das für ein Täter sein, der an einem Tag in eine Villa einbricht und wertvollen Schmuck raubt, am Folgetag fast eine Studentin vergewaltigt und schließlich einen ja doch ziemlich bekannten Politiker absticht? Das ist doch ... das ist doch ...«, sie suchte nach einem passenden Wort, »... unmöglich!«

Zimmerschied gefiel die Entrüstung der DNA-Analystin und noch einiges sonst.

»Warum lächeln Sie, Herr Präsident? Habe ich etwas Dummes gesagt?«

»Nein, nein, im Gegenteil ... ich ... ähm ...« Er räusperte sich und wich ihrem Blick aus, woraufhin aber nur wieder Dr. Augustins feingliedrige Zehen in sein Sichtfeld rückten. Der Polizeichef mochte Frauenfüße, vor allem wenn sie gepflegt waren. Roswitha hatte er seinerzeit mit einer Fußmassage ... Er verbot sich weitere Erinnerungen. Die Molekularbiologin veränderte ihre Sitzposition und zog dabei die Füße ein Stück weiter unter den Besprechungsstuhl, wo Zimmerschied sie kaum noch sehen konnte. »Ich habe mit den Kollegen alle Abläufe noch einmal genau kontrolliert. Die Videodokumentation unserer Arbeitsschritte im Labor ist lückenlos. Einen Fehler können wir also ausschließen. Ich weiß wirklich nicht, wie wir jetzt mit diesem Phänomen umgehen sollen ... Auch wenn die Taten nicht zusammenpassen – der genetische Fingerabdruck ist eindeutig: Das muss derselbe Täter gewesen sein.«

»Ich vertraue Ihrer Expertise, Frau Doktor Augustin«, sagte Zimmerschied. »Vollkommen unwahrscheinlich ist es ja auch nicht, dass einer innerhalb kurzer Zeit einen Mord, einen Einbruch und eine Vergewaltigung begeht. Es laufen genügend Spinner da draußen herum.« Kurz flimmerte vor Zimmerschieds innerem Auge das Bild des US-Präsidenten auf.

»Gut«, atmete die Wissenschaftlerin auf. Trotzdem schien der Fall für sie noch nicht abgeschlossen zu sein. »Ich meine, ich kann mir das ja selbst nicht erklären ...«

»Wenn Sie in der Sache neue Erkenntnisse gewinnen, unterrichten Sie mich bitte unverzüglich.« Zimmerschied schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

»Ja, mache ich. Dann ... gehe ich jetzt wieder.« Ruckartig stand sie auf, und auch Zimmerschied erhob sich, doch als er ihr die Hand reichen wollte, drehte sie mit einer abrupten Wendung ab und eilte in Richtung Vorzimmer davon. Während der LKA-Präsident ihr hinterherschaute, überlegte er sich, ob die Tatsache, dass seine Frau Roswitha ein Oben-ohne-Café betrieb, zwangsläufig bedeutete, dass sie selbst oben ohne bediente, oder ob dies nur für ihre Mitarbeiterinnen galt. Da sich in seinem Kopf hierauf jedoch keine Antwort fand, suchte er noch eine Weile nach einer Begründung für die unerklärliche DNA-Übereinstimmung. Dann entschied er sich jedoch, derartige Überlegungen seinen Expertinnen und Experten zu überlassen. Viel wichtiger erschien ihm folgende Frage: Welchen grandiosen Event sollte er dem US-Präsidenten bieten? Ein Frühstück in der Fußballarena des FC Bayern mit sämtlichen Spielerfrauen und vor ausverkauften Rängen? Vielleicht konnte man die Spielerfrauen dazu bringen, im Bikini zu erscheinen? Oder eine Kutschfahrt zum Schloss Neuschwanstein hinauf, mit Fürstin von Thurn und Taxis als Kutscherin? Oder doch lieber mit Heidi Klum?

Als Hauptproblem sah Zimmerschied die Trieb- und Sprunghaftigkeit des Staatsgasts, die sich seit dessen Amtsantritt in mannigfaltiger Weise manifestiert hatte. Zimmerschied musste auch Verhaltensweisen des US-Politikers antizipieren, die man bei jedem anderen hochrangigen Politiker für undenkbar hielt. Der Polizeipräsident grübelte, was er dem Amerikaner alles Gefährliches zutrauen konnte. Die Vorstellung eines Spontanbesuchs des Münchner Straßenstrichs durch den US-Präsidenten fand er persönlich schon reichlich verrückt. Nach einigem Sinnieren beschloss Zimmerschied, einen Mitarbeiter damit zu beauftragen herauszufinden, welche Diktatoren und Herrscher der Welt in der Landeshauptstadt oder in deren Nähe einen Wohnsitz unterhielten. Hintergrund dieser Überlegung war, dass sich der US-Präsident ja zumindest phasenweise von »Entscheidern« und sogenannten starken Männern angezogen fühlte. Womöglich käme er bei seinem Besuch auf die Idee, irgendeinen afrikanischen, arabischen oder russischen Milliardär oder Despoten, der in Bayern residierte, aufzusuchen. Da wäre es gut, wenn man schon einmal Bescheid wüsste, welche Kandidaten infrage kämen. Außer dem am Starnberger See lebenden König Maha Vajiralongkorn Bodindradebayavarangkun von Thailand und dem am Tegernsee ansässigen Oligarchen Alischer Burchanowitsch Usmanow fiel Zimmerschied zwar auf Anhieb keiner ein, aber das musste ja nichts heißen.

Gerade als sich Zimmerschied – zufrieden mit sich selbst angesichts dieses kreativen Einfalls – den zahlreichen Formularen widmen wollte, die in Stapeln auf seinem Schreibtisch lagerten und auf seine Unterschrift warteten, stellte ihm Elisabeth Rötli einen Anruf durch. Es war schon wieder der Innenminister.

»Zimmerschied«, sagte Zimmerschied.

»Ich bin’s«, sagte der Innenminister. Er wirkte aufgebracht und kam ohne Umschweife zur Sache: »Warum unterrichten Sie mich nicht darüber, dass der Mörder von unserem Parteifreund auch noch einen Einbruch begangen hat? Und eine Frau vergewaltigt? Was soll das? Wie stehe ich denn da vor der Presse?«

Irritiert meinte Zimmerschied: »Mich überrascht jetzt eher, woher Sie von dieser Spurenidentität wissen.«

»Die Fragen stelle hier immer noch ich!« Zimmerschied erinnerte sich daran, was ihm andere zugetragen hatten: dass sich hinter Alfred Werners jovialer Maske ein knallharter Machtmensch verbarg. Er selbst hatte ihn so noch nie kennengelernt. Aber jetzt bellte der Politiker: »Also, was ist Sache?«

»Das können wir derzeit noch nicht einschätzen. Weshalb ich damit auch noch nicht bei Ihnen vorstellig geworden bin. Die Erkenntnisse unserer Wissenschaftler befinden sich hier noch in einem nicht spruchreifen Stadium. Deshalb wundert es mich auch, dass Ihnen diese Information bereits vorliegt.«

»Dass mir diese Information vorliegt?! Mich hat eben ein Reporter vom Privatfernsehen angerufen! Der wollte ein Statement. Da war ich natürlich schlecht gebrieft von Ihnen.«

»Das tut mir leid, Herr Minister, aber wie gesagt: Diese Information ist längst noch nicht reif für die Öffentlichkeit. Deswegen habe ich Sie diesbezüglich auch noch nicht unterrichtet.« Er zögerte einen Moment und schob dann in ruhigerem Ton nach: »Ich weiß nicht, wie das nach außen dringen konnte.«

»Ja, haben Sie denn Ihre Behörde nicht im Griff oder was?«

»Doch, natürlich ...«

»Ist es wegen Ihrer Frau, oder wie oder was? Raus damit jetzt, Zimmerschied, mir können Sie es anvertrauen: Haben Sie Kummer? Bauen Sie ab? Sind Sie depressiv? Brauchen wir einen Psychiater? Professor Säcklein ist ein guter Freund von mir. Der handhabt solcherlei diskret ...«

»Nein, nein, es ist alles in Ordnung.« Zimmerschied brach der Schweiß aus. Das Gespräch glitt in Bereiche ab, die ihm viel zu privat waren. Aber wie konnte es sein, dass die Presse von der seltsamen DNA-Übereinstimmung Wind bekommen hatte? Er dachte an Dr. Augustin. Hatte etwa seine neue leitende Mitarbeiterin ...?

»Aber wie ist es möglich, dass drei vom Deliktstypus her überhaupt nicht zusammenhängende Taten dieselben Spuren aufweisen? Ich bitte um eine Erklärung!« Alfred Werners Fränkisch klang nun bedrohlich.

»Das wissen wir noch nicht«, sagte Zimmerschied mit fester Stimme. Er musste jetzt dagegenhalten.

»Und was soll ich der Presse sagen? ›Das wissen wir noch nicht‹ kann ja wohl schlecht die Antwort sein!«

Ende der Leseprobe