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Um ihren Platz in der Hierarchie, um den jeweils höheren Status, rangeln in »Ameisendelirium« nicht nur die Figuren, sondern auch Sätze und Satzteile. Ein Element relativiert das andere, es tobt ein wuselnder, insektenhafter Kampf der Bedeutung. Worte und Bilder jagen einander durch den Text, und gleichzeitig bilden sie gemeinsam Stücke von Erzählungen. Der Blick des Textes fällt probeweise auf Banales - wie eine seit Stunden heiß ersehnte Leberkäsesemmel. Kurz darauf erhebt er sich wieder zu einer Studie der kleinsten Organismen, die in ihrem Bau der forschenden Beobachtung ausgeliefert sind. Lisa Spalts Prosa kann man nicht beschreiben, man muss sie lesen, in sie eintauchen. Ihre Sprache ist »Wortschach auf höchstem Niveau« (Literaturhaus Wien), einzigartig, verspielt und eindringlich.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2015
Spalt, Lisa: Ameisendelirium / Lisa Spalt Wien: Czernin Verlag 2015 ISBN: 978-3-7076-0530-3
© 2015 Czernin Verlags GmbH, Wien Lektorat: Florian Huber Umschlaggestaltung: sensomatic Satz: Burghard List Illustrationen: Lisa Spalt Produktion: www.nakadake.at ISBN E-Book: 978-3-7076-0530-3 ISBN Print: 978-3-7076-0529-7
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien
Die Journalistin fragt dich, wo du bist und ob es nun hier besser sei oder dort. Oberösterreich oder Wien, sagen wir, ja oder nein? Ein Land oder eine Stadt. Das kann man gar nicht vergleichen. Das geht so hin und her und nimmt kein Ende, und du denkst, du müssest das eine oder andere sagen, je nachdem, wer die Auftraggeberin dieser Dame sei. Du überlegst: Was würde durch dieses oder jenes ausgedrückt? Es muss jetzt eine Aussage her, die stehen bleiben kann, damit das Fragen ein Ende hat. Wie sind also, bitteschön, alle Menschen dort, wie sind sie alle hier, das ist doch letztlich die Frage, nicht wahr? Das hängt natürlich vom jeweiligen Standort ab. Papperlapapp. Raus mit der Sprache: Sind nun alle besser da oder sind alle besser dort?
Dann ist es plötzlich still, und deine Gedanken, als die du ein paar müde Vögel sich im Staub baden siehst, regen sich wieder, du entdeckst vor deinem inneren Auge, das du dir von der Erinnerung geliehen, die neuen gigantischen, goldfarbenen Plastikblumentöpfe in der Siedlung. Hier ist es, wo Vögel solcherlei Objekte wie natürliche Lebensräume bekleckern. Sie scheinen blind für den Unterschied zwischen Natur und Künstlichkeit, zwischen Hässlichkeit und Schönheit, zwischen Gut und Schlecht. Oder finden sie ihre Haltung gegen den konventionellen Wertbegriff einfach cool und scheißen zur Bekräftigung kräftig darauf?
Vielleicht sind die Objekte auch deswegen so verunziert, weil die Vögel auf diese Weise ihre Meinung zu solcherlei ästhetischen Missgriffen kundtun. Sie können ja nicht sprechen! Oder sie sprechen nur in derlei Metaphern unsere Sprache, nicht?
Das alles hier ist, denkst du, womöglich nur eine wütende Vogeldemonstration.
Du betrittst in Gedanken den Raum der Natur – im vorliegenden Fall durch ein umzäuntes Wald- und Wiesenstück dargestellt –, in dem du dich, da es eine bestimmte Bedrohung symbolisiert, so wunderbar lebendig fühlst. Auf der Stelle wirst du – sagen wir: je nach Botschaft vielleicht als vom Jäger durch den Winter gefüttertes Reh, vielleicht aber auch als sich von jenem nährender, wildernder Hund – das kaltschnäuzige, selbstsichere Tier, als das du noch nicht du selbst geworden bist. Fast lautlos setzt du – noch einmal: als Reh leichthin vor dem Hund flüchtend, als Hund das Reh hetzend – deine geschmeidigen Schritte, die nichtsdestotrotz von deinen Freunden, den Waldtieren, da deine Outdoorkleidung dich als eine der ihren ausweist, billigend wahrgenommen werden. Schon geht es dir, da du dich eine erkleckliche Anzahl von Gehminuten von der Bushaltestelle entfernt, nur noch darum, dich am Leben zu erhalten. Du musst jetzt versuchen, nicht auf Laut gebende Äste zu treten, deren Knacken einen Kontrahenten, den du dir zu deinem Gefühl der Stärke unbedingt dazudenken musst, herbeirufen könnte. Du läufst daher auf dieselbe Weise wie zuvor noch in der Stadt, nur hattest du dort eben den weiten Weg, den du hier, unter einer in deine Nackenhaut beißenden Sonne und in einer Simulation Kräfte raubenden Jagens und Sammelns bis zum Nahrungsmittel zurücklegen musst, um in nicht allzu ferner Zukunft eine mehr als legitime Rast einzulegen, bei der du die im Rucksack mitgebrachten Käsebrote, die du dir gut einteilen wirst, auf dass du möglichst lange durchhalten mögest, zu verspeisen, irgendwie in Geld konvertiert. Jetzt aber – mit einem Mal Expertin eines unter dem Begriff der Natürlichkeit imaginierten Lebens, das völlig unverbildet die köstlich zubereiteten Fleischreste seiner Mahlzeit auf dem Waldboden verrotten lassen dürfte – eines Lebens, durch dessen Schwere du dich schon morgen außerhalb des waldigen Kontextes biografisch auszuzeichnen die Absicht hast – bist du bereit, auch von dir selbst gesammelte Beeren, Wurzeln und Pilze, die du – ins Bestimmungsbuch starrend – links und rechts deines Weges übersiehst, als Lebensinhalt, den dein Körper unter Krämpfen verdauend beschriebe, zu würdigen. Du spürst diesen dich herrlich beflügelnden Stolz auf ein Überleben in einer Welt, die daherkommt wie vor Tausenden von Jahren, wie an einem Zeitpunkt, an dem du deinem Ursprung, an dem du noch nicht existiertest, noch viel näher gewesen, und drückst dieses selbst gemachte Modell in das Plastilin des feindlichen Forstes. Auf diese Weise bist du in diesem auf seine absoluten Notwendigkeiten reduzierten, einen Tag lang dauernden Leben die unumschränkte Hauptdarstellerin einer in deinen Körper eingeschriebenen – und daher auf eine noch zu eruierende Weise echten, höheren und letztlich einfacheren, also begrifflichen – Existenz. Du erinnerst dich deines ansonsten klaglos funktionierenden, morgen aber bestimmt seinen wahren Charakter zeigenden Körpers als eines Instruments, das, wenn es der Natur dient, nur sich selbst dienen möchte, indem es sich in sich selbst erfüllt und am Ende auch erübrigen wird. Du kehrst mit Lust seine Muskeln hervor, um diese harten Lastwagenfahrer, die du, weil du ihnen nie wieder begegnen wirst, uneingeschränkt lieben kannst, zu einer tierisch heißen Geschichte einzuladen. Schnell wirst du zu jemandem, der wie auf den Podesten schneebedeckter Gipfel ausgesetzt wirkt. Deine Haare werden dir vom Wind, indem dir jener seine Fahne eifersüchtig zu entreißen sucht, weil du hier – in dir – die Natur selbst angreifst, streng nach hinten gekämmt. Deine besonderen, aus denen der anderen – und wie jene der anderen – herausragenden Kräfte und Angepasstheiten an die Widrigkeiten deiner Natur machen dich zum Gesetzeshüter der Welt. Und mit einem Mal bildest du mit den anderen, über die du dich, da das deine Natur ist, gestellt hast, diesen vielteiligen Organismus, der nur zu Größtem imstande ist. Du fühlst, dass du – im Fall, dass es gilt, dem natürlich überlegenen Feind entgegenzutreten – diejenige bist, die im Gegensatz zum Individuum, ohne welches die Masse nie mehr sie selbst sein wird, weiterleben wird, falls sie nämlich in einer unvermeidbaren Auseinandersetzung, indem sie bewusst sich aufopfert, aufgrund einer verirrten Kugel, die eigentlich ein rücksichtslos im Revierbestand wilderndes oder zu zahm gewordenes Tier treffen hätte sollen, das Leben lassen müsste. Es ist klar: Dein individueller Wille ist der, im Willen der Allgemeinheit aufzugehen. Diesen Gedanken hätschelst du in stiller Genugtuung, während alle anderen ihn ebenfalls hegen.
Biete, biete einen Anblick glücklicher Spannung – ein Bild eines die Liebe aller achtlos an ihm Vorübereilender auf sich ziehenden afrikanischen Jungen mit fremden Blumen in den Händen, welcher – von den Werbeflächen der Stadt herunterlachend – um nichts als um etwas Zuckerwatte bittet, die – wie auch die Zuneigung seiner Eltern – das Kind selbstverständlich – und so ist dieses, wird uns versichert, noch völlig unverdorben – niemals in seinem Leben gekostet, sodass es deine Gaben, seien sie – wie das neugierig tastende Streichen deiner Hand über das Köpfchen – auch noch so flüchtig, aufs Äußerste schätzen wird können.
Dieses Kind wird zum Dank zum pastellfarbenen Objekt seiner Begierde den für die Fotografin interessanten, im Umfeld der dritten Welt, als welche palmenbestandene Insel in deiner Heimat du diesen Treffpunkt von Arbeitslosen hier, in dem die in ihrer weißen Tunika flatternde Stellenvermittlerin die Orakelsprüche der Inserate verkündet, aufgrund eines paradoxen Personalmangels aber auch die Rolle des Schicksals spielt, bezeichnest, fast schon obszön glamourös anmutenden farblichen Kontrast erzeugen. Es wird dir, da du ihm gerade aufgrund der derzeitigen Ebbe in deinem Geldbeutel das von ihm ersehnte, süße Glück unbedingt gewähren möchtest, das im Übrigen, während seine Gesundheit bisher durch Entbehrungen, die es beinahe getötet, gefördert worden, einen Anschlag auf sein Wohlergehen darstellt, sodass du nach langer Zeit wieder einmal das Gefühl haben darfst, etwas wirklich Sinnvolles getan zu haben, auch noch persönlichen Gewinn verschaffen können, der zumindest in einem gut dotierten Kunstpreis bestehen sollte, nicht?
Oh, du lehnst dich vor, klemmst die Hände, Sinnbilder deiner dir hier verbotenen Handlungsmacht, zwischen die Oberschenkel, den möglichen Schauplatz frohen Empfanges, welch Letzteres du karrierebewusst, da du ja arbeits-, wenn auch nicht beschäftigungslos bist, medikamentös sublimierst, bezeichnend. Du wartest, obschon du an die Realisierung dieses Traums, auf dass er in Erfüllung gehe, nicht mehr glaubst, sehnsüchtig darauf, von diesem Konzern, der als ein einzelner Mann auftritt, welcher auf dem Papier der Ausschreibung durch sein einschmeichelnd lächelndes Köpfchen, das dich abstößt, repräsentiert ist, auserwählt zu werden: Was für eine Trophäe …
Ja, entschlossen und dein Ziel, das du dir nicht vorstellen kannst, wie du es gelernt hast, visualisierend, gedenkst du, im Augenblick der Erfüllung deiner Sehnsüchte, da du, so hoffst du, vor lauter Überraschung nicht mehr an dich halten wirst können, durchaus wie tödlich von einer Kugel getroffen, nämlich letztgültig triumphierend von deinem Sessel, der die Scheiße, in der du bisher gesessen, symbolisiert, aufzuspringen und diesen Ausdruck innerer Bewegung, die das Mindeste ist, was du der Gesellschaft, die deiner nicht bedarf, wie sie dir oft genug über vorwurfsvoll unter die Nase gehaltene Gegenstände und mysteriöse, im Vorbeigehen an die Wand genuschelte Worte ausgedrückt, schuldest, dann noch zu unterstreichen mit einem – das Erfolgsrezept, als das sich dein Leben durch einen Zufall, der vielleicht – aber das wirst du nie erfahren – auf Umwegen deiner Berechnung entsprungen, herausgestellt hat, unter die Menschen werfenden – Hochreißen deiner Arme, was, weil es dein Entsetzen darüber übertüncht, von nun an in dieser von dir, da es keine Alternative gegeben, selbst gewählten Inszenierung gefangen zu sein, die barsche Stellenvermittlerin in ein glücklich lachendes Mädchen, das zu dir wie zur großen Schwester, deren süße Geheimnisse es bis zu deinem letztgültigen Scheitern nur ahnen darf, aufsieht, verwandelt, indes du in Trance fällst, um dich an diesem dramaturgischen Höhepunkt in die Arme deines – von dir ja bloß imaginierten – Publikums zu werfen, das dich, wenn du nun, als kämest du zu dir, auf dem Boden aufschlägst, wie eine Mutter, die mit dem Nudelholz den unbedingten Gehorsam einfordert, empfängt.
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