Das Institut - Lisa Spalt - E-Book

Das Institut E-Book

Lisa Spalt

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Beschreibung

In ihrem neuen Roman erzählt die vielseitige Künstlerin Lisa Spalt metaphorisch von einer Welt, in der Poesie als Instrument einer Diktatur missbraucht wird. Doch "Das Institut" überrascht Leserinnen und Leser mit einem poetischen Angriff und einem ironischen wie gefinkelten Spiel mit der Sprache. Wir befinden uns in der weltumspannenden Stadt Lands. Sie wird von Diktator Cramp, einer alle befallenden Zuckung, beherrscht. Dieser äfft die Poesie unverschämt nach und stiehlt ihre Methoden, erfindet Figuren und Realitäten. Nur noch das "Institut für poetische Alltagsverbesserung" (IPA) kann eingreifen – mit einem einfachen Trick: Es öffnet der Welt seine Tore, damit es alle von innen und in all seiner fröhlichen Peinlichkeit bewundern können. Die Diktatur wird – so der Plan – das Institut dabei imitieren und unversehens selbst die Hosen runterlassen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2019

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LISA SPALT

DAS INSTITUT

ROMAN

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien, MA7 / Literaturförderung, des Landes Oberösterreich und des Landes Vorarlberg.

Spalt, Lisa: Das Institut / Lisa Spalt

Wien: Czernin Verlag 2019

ISBN: 978-3-7076-0673-7

© 2019 Czernin Verlags GmbH, Wien

Zeichnungen: Lisa Spalt

Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl

Autorinnenfoto: Otto Saxinger

Druck: Christian Theiss GmbH

ISBN Print: 978-3-7076-0673-7

ISBN E-Book: 978-3-7076-0674-4

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

»Zeiegn Sie uns sofort alle Messer, Dengelwerkzeuge, Schraubenzieher, alles, was schart ist und dann saen wir ihen, ob sie ewas getand haben werden, ob Sie Ihre Kerbe geschlagen haben werden, ob die Welt sich durch Sie verändelt haben wird.«(Blindschreibprobe)

INHALT

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

DAS INSTITUT

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

SCHLUSS

EPILOG

PS

ANHANG

ANMERKUNGEN

EINS

1

Sehr verehrte Damen und Herren, da ich nicht vorhabe, mich mit meinem Institut in Wolkenkuckucksheim zu verbarrikadieren, möchte ich Sie an dieser Stelle gleich anregen, mir vertrauensvoll eine Kopie der Rechnung für dieses Buch sowie den von Ihnen verfassten Titel einer möglichen Lehrveranstaltung zu schicken. Sie erhalten im Austausch ein Zertifikat, welches Ihnen bescheinigt, dass eine Lehr- oder Forschungstätigkeit Ihrerseits am IPA jederzeit möglich (gewesen) wäre. Damit erwerben Sie die Berechtigung, die potenziell gehaltene Vorlesung respektive Übung an einer beliebigen Stelle in Ihren Lebenslauf einzufügen, was Ihnen helfen dürfte, Pensionslücken zu schließen oder sich rückwirkend als Wunderkind zu erweisen. Umgekehrt werden Sie, da Sie durch Ihren Lebenslauf seine Existenz erst zweifelsfrei bestätigen, in den Annalen des Instituts künftig als Gründungsmitglied genannt werden.I

2

Leitmythos Ihres Eingriffs soll Ihnen der des Zagreus sein, der Mythos vom Kind des Zeus und der Persephone. Denken Sie daran, wie dieses beschützt in seiner Höhle liegt, als ein paar Hooligans von Titanen vom Eingang her (aus dem Internet heraus) »gnóthi seautón« – »erkenne dich selbst« – zu johlen beginnen und das Kind mit einem Spiegel (einem sogenannten »Profil«) ans Licht der Welt hinauslocken. Eine Identität wird geboren, die sehen will, welches Bild (welches »image«) ihr zurückgeworfen wird. Sie wird »veröffentlicht«. Ja, kaum kommt das Kind draußen – in der nun zweidimensionalen Welt – an, hängt es im Netz. Hier reißen es die »User« in Stücke, sie konsumieren es in Form von »Bits«, zu Deutsch »Bissen«. Wir nennen diese »Daten«, das Wort kommt von lateinisch »dare« für »geben«. Sie verstehen: Das Datum ist, was den Usern, diesen Teufeln, geschenkt wird – Bilder von uns, um die herum Löcher ein Netz »vorstellen«.

Frage: Können jetzt nur noch die Klicks der »Benutzerinnen« diesen zusammenhangslosen Fitzelchen Leben verleihen? Oder wird Zeus die »User«, so wie er einst die Titanen mit seinen Blitzen traf, töten, damit sie zu Staub zerfallen? Wird eine Art »Regen« diesen Staub mit den Resten unserer in der Luft zerrissenen »Selfies« in einen fruchtbaren, beweglichen Schlamm verwandeln? Mit den besten unserer »Selbstlein«? Wird Prometheus, der falsche »Prometteur« oder »Versprecher«, aus ebenjenem Matsch einen neuen Menschen formen, einen REUSER, der in Gestalt eines SERUERS auftritt – als flinke Kellnerin, die ihrem Alter Ego Bissen ihrer selbst serviert?

3

Der Mythos sagt: Das Innerste muss nach außen, der Inhalt der Därme. Draußen muss das Geheimnis, da es eine »Offenbarung« geworden ist, schillern. Das sagt uns Zagreus. Der Kot – das »Produkt« – muss, wenn es den Konsumierenden »verraten«, also verkauft werden soll, schön sein. Es ist der Mythos, der flüstert: »Verkaufe ihnen deinen ›heißen Scheiß‹ als goldene Skulptur!«

Oder: »Das Innere ist das Hohe«. Es gilt jedenfalls, von innen heraus – von der Scheiße her – schön zu werden.

Daneben muss ich für Sie aber bei aller Kostbarkeit auch »günstig« wirken.

Sie wollen sich »Erhebendes« einverleiben? Sie wollen mit Ihrem Konsum »glänzen«? Das IPA bringt Ihnen zu diesem Zweck poetische »Schluckbildchen« aus Oblatenpapier, Poesie, die wie der heilende Christus im Leib des Brotes daherkommt.

Frage: Aber was sind SB?

Antwort: Früher waren sie in Institutionen der katholischen Kirche zu erwerben – kleine Papierstückchen, auf denen ein Gebet oder das Konterfei eines Heiligen zu sehen war. Diese Zettelchen pflegte man in Wasser aufzulösen und in die Nahrung von Menschen oder Tieren zu mischen, um für die Beseitigung von Unglück aller Art zu bitten.

Später kamen dann andere wundertätige »Marken« in Mode. Diese waren in der Nähe der Gesäßtaschen von Hosen angebracht. Sie sollten den sogenannten »Besitzerinnen« göttliche Schönheit bringen. Sichtbar wurden sie aber erst, wenn jene sich »erhoben«, wenn sie »aufzustehen« begannen.

Das IPA hat sich nun solch traditioneller Heilmethoden angenommen und erzeugt poetische Schluckbildchen für Ihre Hausapotheke.

Die Devise: Schlucken für die Erhebung!

Die zur Entwicklung passende Bibelstelle aus Hesekiel heißt: »Da tat ich meinen Mund auf, und sie gab mir den Brief zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, du musst diesen Brief, den ich dir gebe, in deinen Leib essen und deinen Bauch damit füllen. Da aß ich ihn, und er war in meinem Munde so süß wie Honig.«II Aber auch eine Stelle aus der Offenbarung des Johannes kann »unterfütternd« angeführt werden: »Ich ging hin zu dem Engel und sprach zu ihm: Gib mir das Büchlein! Und er sprach zu mir: Nimm hin und verschlinge es, und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird es süß sein wie Honig.«III

Das alles aber heißt nichts anderes als dies: Die Worte sind für den »Geschmack« gemacht. Wo Sie daher früher Gott oder die Heiligen mittels eines Gebetes zum Handeln aufforderten, helfen Sie sich heute mit meinen Bildchen selbst und setzen alternative Realitäten in Szene.

VOODOO IT YOURSELF!®

Die Anweisungen dafür finden Sie mit dem passenden Porträt einer Poetin auf den Schluckbildchen. Sie führen sie aus und essen sie auf. So werden Sie in einem einzigen Durchgang Produzentinnen und Konsumentinnen Ihrer Geschichte.

Endlich sind Sie literarisch autonom!

Werden Sie mündig!

Geben Sie Ihren Därmen Poesie!

Nota bene: Das lateinische »consumere« bedeutet »verzehren«, »zernagen«.

Die Märkchen meiner Schluckbildchen kommen daher, wie bereits erwähnt, in garantiert glutenhaltigem Esspapier, jeweils ein Bogen im Format A4.

Erhältlich sind bisher drei unterschiedliche Bögen. Bestellen Sie beim Institut (das bin ich).

Hashtags: #Poesie mit Geschmack /#Poesie, die verschlungen wird / #Appetit aufs Lesen / #Geschmacksverstärker / #Poesie, die man sich auf der Zunge zergehen lässt …1

4

Sie sehen: Nützlich ist das Institut. Doch beschreiben wir Nützlichkeit! Während ich Sie in der bescheidenen Öffentlichkeit des IPA willkommen heiße, wird der früher hier tätige Emil Kraepelin, der in den 1890er-Jahren die sogenannte »Schreibwaage« entwickelte, aus den Verzeichnissen gestrichen. Das Instrument maß nach ihm den Zustand der »Kranken«. So ließ sich auf einige Tausendstel genau die Zeit bestimmen, die sie für das Niederschreiben eines Satzes benötigten. Aber auch der Druck, den das Schreibgerät auf das Papier ausübte, konnte mit dem Messinstrument in ein Kurvendiagramm übertragen werden. Kraepelin scheint geglaubt zu haben, es werde ihm auf diese Weise eröffnet, welches »Gewicht« das Leben eines Menschen für jene habe, die es zu verstehen versuchten, die es sich lesend einverleiben wollten.2 Würde ich aber nicht, diesem Gedanken folgend, Sie verraten, die mich verstehen möchten, würde ich Sie nicht durch einen Automaten ersetzen?

5

Oder sollte ich Sie, liebe Leserinnen, durch Automaten ersetzen? Es könnte auf diese Weise Ihre sinkende Anzahl ausgeglichen werden. Und welche Komplexitäten man jenen zumuten könnte! Welche Leiden man mit den »Scripts« der automatischen Protagonistinnen beschriebe! Wie könnten die Qualen beschaffen sein, die ein Staubsaugerroboter empfindet, wenn er auf der glühenden Herdplatte Selbstmord begeht? Wie könnte man »spiegeln«, welches Unglück einen britischen Sicherheitsroboter 2016 dazu bewegte, sich in den künstlichen See eines Einkaufszentrums zu stürzen? Sicher ist: Das Innerste müsste ans Licht, es müsste alles »verraten« werden.

6

2018 schrieb ich für eine ZeitschriftIV eine Rezension über ein Buch, das den Titel »The Drake Equation« trägt.V Heute lieferte mir zu der Erinnerung daran eine Eingebung die Wortgruppe »Electric Furs«. Ich hatte sofort die Idee, unter dieser »spannungsgeladenen« Bezeichnung ein nettes Spielzeug für Erwachsene zu erfinden, das Patent dazu zu verkaufen und mein Leben genau, wie es ist, nur eben als »gemachte Frau« fortzuführen. Euphorisch gab ich den erdichteten Markennamen in die Maske einer diskreten Suchmaschine ein, um zu sehen, ob mein Unterbewusstsein sauber gearbeitet hatte. Diese aber spuckte mir den Song »The Shocking Fuzz of Your Electric Fur: The Drake Equation« aus. Miserere! Nicht nur, dass ich mit der Enttäuschung umgehen musste, unwissentlich eine mir unbekannte »Eingebung« kopiert zu haben, nein – der Song ist auch noch unendlich fad. Dabei war ich wegen der Koinzidenzen, die mir, wie ich annahm, etwas sagen wollten, um mich auszuzeichnen, bereits fest entschlossen gewesen, eine große einseitige Liebe zu der Richtung von Musik zu fassen, der man den Song zuzuordnen pflegt. Ich war bereit gewesen, mich in Zukunft ausschließlich damit zu beschäftigen, musikalische Beispiele dieser Richtung zu sammeln, um eines Tages als »echtes Original« sterben zu können.

7

Man könnte auch in einer unbekannten Stadt den Schein wegwerfen, den man bei der Gepäckaufbewahrung bekommen hat, nur um zu sehen, ob man das dazugehörige Gepäckstück wiederbekommt, bevor der Zug abfährt. So könnte man auch »Geschichte« machen. Auch so könnte man den einen oder anderen »tollen Auftritt« hinlegen. Ich aber versuchte es mit meinem »Institut« …

8

Der Roman »Das Institut« spielt in einer sehr provinziellen Stadt namens Lands. Hier herrscht Diktator Cramp mit seinen Agents. Sehen Sie in der Abbildung das schwarze Loch, das für die Stadt steht. Es wird – frei nach einem Wort von H. P. Lovecraft – von der braunen Brühe der Wahrheit umspült. Diese wiederum nennt sich in Lands »Donat«, von lateinisch »donatum«, »das Gegebene«. Sie kann aufgrund einer Anomalie des Landserinnen-Auges, das für die Farbe Braun blind ist, von den Bewohnerinnen nicht gesehen werden. Das »schwarze Loch« wiederum ist entstanden, indem sich die Stadt Lands über die ganze Erde hin ausgebreitet hat, bis sie kugelrund und der Inbegriff der Hohlheit geworden ist.3 Keine Materie, keine Information verlässt mehr diesen »Raum«. In ihm wird das Licht gefangen gehalten. Von außen gesehen aber bliebe, wenn es denn noch eine Außensicht gäbe, am Rande des schwarzen Lochs sogar die Zeit stehen.

9

Die Stadt Lands ist eine sogenannte »Publicity«, die einzige ihrer Art. Man spricht von ihr als einer »Kunstnation«. Alle ihre Bewohnerinnen haben sich, was Beuys vielleicht gar nicht so sehr gefallen hätte, zu Künstlerinnen erklärt. Sie betrachten sich – respektive ihre Körper – als Kunstprodukte und verkaufen sich auf einem Markt, den sie als Kunstkennerinnen füreinander darstellen. Die Trennung zwischen Kunst und Leben ist durch ein Dekret von Cramp aufgehoben worden. Cramp hat sich mit diesem das Recht erteilt, morgens die Nachrichten über die Welt zu erdichten, wie es ihm gefällt. Endlich sei dieses Universum, meint er, nicht mehr Ergebnis langwieriger Verhandlungen, sondern werde als genialer Pinselstrich betrachtet. Für gewöhnlich taucht Cramp also gleich beim Frühstück das Ende seines Federhaars in das weiche Gelb eines Frühstückseis und zeichnet damit wenige, futuristische Krakel auf das Blanko-Cover, mit dem der »Quack« – die seit dem Beginn der letzten Kunstepoche einzige noch existierende Tageszeitung – an ihn ausgeliefert wird. Die Zeichnung, die einer wertvollen Aktie entspricht, wird anschließend vollautomatisch in alle Haushalte von Lands projiziert. Jetzt beginnt allenthalben das Geschnatter. Das Kunstwerk des Weltbürgermeisters muss von den Landserinnen interpretiert werden. Jeder Haushalt hat mindestens eine Expertise bei der nächstgelegenen – »Botschaft« genannten – Amtsstelle von Lands abzugeben.

10

Einst wurden Tempel von den Prophetinnen mit dem Zeigestock, dem Vorläufer des Grafik-Stifts, auf den Boden und in den Himmel gezeichnet. Ähnlich wie jene begann ich eines Tages, um mich herum einen Tempel aus Schrift, die ich als meinen Körper »betrachtete«, zu »entwerfen«, seinen Anblick aus mir herauszugebären. Ja, es gäbe dazu andere Vergleiche, die ganz andere Gebilde hervorbringen könnten. Mein Wort aber war, was der Öffentlichkeit mein Innerstes, das eine »Ursache« zu sein schien, »preisgab«. Mein Name war es, der diesem Innersten seinen Wert »zuschrieb«. Ich kritzelte die Worte »Das Institut« in mein Notizbuch. Schon wollten sie ein Objekt am linken Ufer des Donat sein – mein Körper, mein Tempel, der mir heilig sein und mich zum gehätschelten Liebling der Landser Bürgerinnen machen würde. Zu der Zeit liefen ja fast alle Landserinnen als Fitnesstempel herum. Und auch ich wollte mich nicht als »Außenseiterin«, die nur ihre wasserabweisenden Wände vorweisen konnte, »outen«. Auch ich wollte den Leuten das Institut als einen heiligen, »stählernen« Ort meiner geheimsten kostbaren Regungen präsentieren. Ohne mehr als meine Hand mit dem Stift zu bewegen, hatte ich schnell den rasch entworfenen Zugang zum Inneren des Instituts passiert. Dieses war zwar, nachdem das Außen noch nicht fertig war, auch erst in Entstehung begriffen, doch erkannte ich das Gebäude als eine Aktie, die mich wie ein Geldschein als aussichtsreiche »Anlage« bezeichnen durfte.

11

Bald darauf wurde das Institut zum Inbegriff der Störung des kleinen Mannes. Dieser »Mann von der Straße« ging morgens mit dem seinen Willen zur »Selbstüberwindung« hinausjubelnden braunen Sakko aus dem Haus. Er hatte seine Träume unwillig hinter sich gelassen, gerade strebte er sie wieder an. Da verfing sich sein Blick auf dem Weg an etwas auf seinem Hemd, einem Etwas, das er aus anatomischen Gründen nur ganz verschwommen sehen konnte. Es war vielleicht ein Fleck, vielleicht ein Insekt – im Kopf des Mannes schrie eine winzige Stimme: »Body Mass Insect, Body Mass Insect« –, der Rorschach-Test auf seinem Hemd scheint uns sein Innerstes zu zeigen. Aber die Sache, die seinen Blick trübte, kam dem Mann viel größer vor. Er wollte seinem Leben Bedeutung geben. Dieser Mann von der Straße, die immer, wohin er auch wollte, um den Palast des Instituts herumführte und dann, am Ende, das ganze Leben des Mannes gewesen sein würde, kam jedoch zu keinem Ziel. Die Straße zum Palast lag für immer »verschlungen« vor ihm. So stand er da und dachte, er müsse vor seinem Meeting, bei dem er sich »verkaufen« wollte, noch einmal nach Hause, um ein frisches Hemd anzuziehen, er fühlte sich mit diesem Fleck, der noch vom Frühstück auf seinem Hemd prangte, nicht gerüstet, eine »Performance« zu bieten, die ihn in das Institut »hineinversetzen« konnte. Genau dieser Palast aber, der sein Lebensziel war, stand ihm auf der Straße, der einzigen, auf der er zu einem frischen Hemd kommen konnte, im Weg, und während der Mann von der Straße dies bedachte, wischte er an dem Fleck herum, und das Institut wurde immer größer, je länger er die Wunderlampe polierte.

12

Warum ein Institut?

Nun, wie Sie alle ließ ich damals meine »Privatansichten« zu Hause und stellte mich mit geöffneten Schreibtischschubladen, den geheimen Kammern meines Innersten, auf den Markt. Während ich mich Ihnen verkaufte, klaute ich Ihnen noch Ihre »Realitäten«. Ich bunkerte sie offshore und wollte sie für mich arbeiten lassen, bis ich mich dereinst »zurückziehen« würde wie eine bereute »Bewerbung«.

13

Ich konnte aus dem Institut4 nicht mehr hinaus. Wie hätte es mich geängstigt, wenn ich auf dem Fußabstreifer die Empfindung unterdrücken hätte müssen, er verdrehe meine Füße auf unkontrollierbare Weise! Das ist es doch – erinnern Sie sich! –, was in Kongressräumen »passiert«, wenn Sie mit dem papierenen »Ausdruck« ihrer Rede auf dem Spannteppich, der jede »Äußerung« ihres Körpers schluckt, zum Podium gehen. Sie denken, dass Sie gleich abheben werden, dass es Ihrer Person an »Gewicht« fehle etc. Sie meinen vielleicht, ein Institut habe keine derartigen Gefühle. Aber dachten Sie das nicht früher von »Rechnern« auch? Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich einer neuen, modernen Generation von Instituten angehöre, die durchaus Nerven zeigt. »Mein Liebster, mein Liebster«, rief ich in die Kiste, ich brenne, und auf dem Bürobildschirm nickte, meine ich, mein Liebster, mein Leben, wir skypten. »Wer bist du bloß?«, fragte ich mich. »Ich bin es!«, sagte das Bild, das ein bisschen wie mein Liebster aussah. »Ach«, klagte ich, »warum bist du nie hier!«

14

Das Institut war also nicht das einzige seiner Art. Vielleicht sahen Sie damals hier in Lands zuweilen zwei hintereinander herstürmen. Sie rannten aufeinander zu. Beide hatten das Handy am Ohr. Aber Sie kamen nicht drauf: Sprachen sie miteinander oder nicht? Die Sätze der Sprecherinnen passten nicht ganz zusammen, teilweise gar nicht, dann aber wieder perfekt. Sie konnten nicht herausfinden, ob sie ein und dasselbe Gespräch führten.

–Gähnen Sie gerade?

–Nein, ich bin allein, wollen Sie später vorbeikommen?

–Gut, ich habe gerade etwas ganz anderes gegessen …

15

Die Äußerlichkeiten der Rede! Die unerlässliche Basis der Arbeit des Instituts: die Annahme, dass das Wort das mächtigste und wichtigste Werkzeug des Menschen sei. Das »Wirtschaftssystem« ist dem Institut ein »Wortschaftssystem« etc. Während man sich aber zu der Zeit von Diktator Cramp, von der ich Ihnen gleich erzählen will, noch allerorten beschwerte, dass »die Sprache« missverständlich sei, nur um sie dann gleich wieder nach Kräften zu missbrauchen, entwickelte das IPA im stillen Kämmerlein ein Gerät, mit dem das Potenzial ihres Oszillierens nutzbar gemacht wurde. Das war die sogenannte sinnmashine®. Produziert wurde dieses glänzende, röhrende Teil »natürlich« von mir. Ich stellte es »nämlich« tippend durch Recycling her, indem ich verschlissene Worte zu einer Art von Bankautomaten umbaute, mithilfe derer (A) ein wertvoller Gedanke eines Menschen in einen ganz anderen wertvollen Gedanken eines anderen Menschen gewechselt werden konnte. Ja, und manchmal wechselte ich mit der sinnmashine® sogar (B) das Wort in Figuren.

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INSERT:

Diktator Cramp – zu Deutsch »Krampf« – sollten Sie sich nicht etwa als eine einzige, geschlossene Figur vorstellen, sondern vielmehr als eine vielgestaltige Zuckung, die Menschen aller Art befällt und nicht nur ihre physischen, sondern auch ihre geistigen und verbalen Handlungen zu beherrschen beginnt. Die »Ergriffenen« werden in der Folge »Agents«, die Sie als »Handelnde« oder »Werkzeuge« verstehen können. Die »Agents« sind, je nach Sichtweise, Subjekte, die sich als Objekte geben, oder umgekehrt. Bei diesen »Feschen« mit Sonnenbrille und Business-Tarnanzug weiß man nie, woran man ist.

17

Die Arbeit an der sinnmashine® bedurfte »selbstverständlich« einer philosophischen Grundierung. Auf der Suche nach einer solchen stieß ich auf Ludovic Dugas und seinen Band »Le psittacisme et la pensée symbolique: psychologie du nominalisme« aus dem Jahr 1896, darin wiederum auf ein Zitat von Michel de Montaigne. Montaigne meint in diesem »sinngemäß«, viele Menschen übermittelten Aussagen, wie dies ein Brief tue: Sie plapperten nach der Art von Papageien fremde Sätze nach, ohne zu wissen, was sie bedeuteten. Ich erkannte: Das war das »Fundament«, auf dem »Das Institut« stehen konnte. »Umschläge« sollten mir, den Satz vom Brief optimierend, mein tägliches »Geschäft« werden. Ich nahm daher in Bezug auf die Beurteilung des bis dahin so verachteten »Psittacismus’« die längst fälligen Modernisierungen vor, ich stellte fest:

a.

Menschen bluffen oft nicht, wie man aus ihren Gesprächsbeiträgen schließen könnte, sondern versuchen, ein angenehmes Konversationsklima (von »kon-« wie »zusammen« und »Versation« wie »Verkehrung«) aufrechtzuerhalten. Beim Gesprächsspiel geht es manchmal darum, etwas zu klären, nicht selten aber sprechen wir vor allem, um gemeinsam auf einen irren Trip zu gehen, der »unmögliche« Perspektiven eröffnet, welche nur die Sprache eröffnen kann.5

b.

Ad »Papageiensprache«: Warum sollten Papageien sich damit beschäftigen, Menschen nachzuahmen? Unsere zum Verzehr bestimmten Kaninchen sitzen auch in ihren Käfigen und fangen doch nicht an, Schimpfwörter von sich zu geben. Untereinander wiederum konversieren Papageien auf Papageiisch. Warum sollten sie versuchen, sich darüber hinaus in Menschensprache auszudrücken? – Antwort des IPA: Wenn Papageien eine Menschensprache sprechen, spiegeln sie uns. Sie wollen uns Hinweise darauf geben, wie wir uns »produzieren«, indem wir behaupten, wir wüssten, »wovon die Rede ist«. Vermutlich sind wir, so das Institut vorsichtig, alle Psittacistinnen. Das IPA analysiert jedenfalls, seitdem es diese Ahnung hätschelt, das menschliche Sprechen wie die Papageien, indem es das Reden mit Absicht »nicht richtig versteht«, das heißt: indem es »im Gespräche verkehrt«.6

18