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Lisa Spalt wirft einen Blick hinter die Kulissen. Von alten Geschichten, die in eine kaputte Gegenwart geführt haben und recycelt werden, und von Pflanzen, die die Weltherrschaft an sich reißen, erzählt sie mit großer Sprachkunst in »Grüne Hydra von Calembour«. Die Grüne Hydra bietet mehrdimensionale Zeitreisen an. Der alte Weltmarkt ist zusammengebrochen, der Kalauer wird als letztes Heilmittel einer verlorenen Spezies erprobt. Welche Rolle bei der Rettung der Menschheit die Monstera, Frankenstein, Gulliver und das Kaninchen aus »Alice im Wunderland« spielen, zeigt Lisa Spalt in ihrem preisgekrönten Text. Inkludiert: die größtenteils unvertonten Liedtexte aus dem Album »Break Eden«. »Lisa Spalt schreibt originelle, ebenso surreal anmutende wie welthaltige Texte. Was auf den ersten Blick als Resultat sprühender Einfälle, als schroffe Erfindung oder als reine Sprachgeburt erscheinen mag, erweist sich bei näherer Betrachtung als hochgradig durchsetzt von heutiger gesellschaftlicher und politischer Wirklichkeit.« (Begründung der Jury, Veza-Canetti-Preis)
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2023
Lisa Spalt und I. P. A.
Lisa Spalt und I. P. A.
Czernin Verlag, Wien
Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur, des Landes Oberösterreich und des Landes Vorarlberg
Spalt, Lisa; I. P. A.: Grüne Hydra von Calembour / Lisa Spalt, I. P. A.
Wien: Czernin Verlag 2023
ISBN: 978-3-7076-0795-6
© 2023 Czernin Verlags GmbH, Wien
Autorinnenfoto: Otto Saxinger
Umschlagabbildungen: Meyers Großes Konversationslexikon, Bd. 14, 6. Auflage. – Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien 1906, S. 882.
Druck: Finidr
ISBN Print: 978-3-7076-0795-6
ISBN E-Book: 978-3-7076-0796-3
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien
Für Otto
WIE IM FLUG
SCHEINE
NIEMAND SCHIFFT INS NIRGENDWO – DIE GESCHICHTE DER PARADISE HORSE
ZEITALTER DER MIESEN
SWATCHWITCH
YOU NEBEL KNOW
FURCHEN, VERS, KOMPOST
KULTURFOLGERINNEN
NIMMT DIE NATUR IHRE FAKES ZURÜCK
EGO-GEO
GÖTTERSPEISE – INTERMEZZO
LUXUS (LAT.): DAS VERDREHTE
I HAD TO WORK, YOU HAD TO WORK, REPEAT!
AUFBAU
SUGAR FOR THE PARADISE HORSE (AUSZUCKER FOR ALL OF US)
YOU’RE MINE
CANVASSING
GLITCHY TRANSFER
LOCHPROGRAMM
WARNING!
GASTROPHYSIK
FAECES – DER KOT, VON LATEINISCH FAEX – DIE HEFE
RUNTERKUNFT
LETZTE ABLEGERIN
TRAUMGESELLSCHAFT
DIE VIELARMIGE KRANKE
GEIST
SYRINX A
SORRY, I’M A WORRY
SYRINX B
RIDIKÜL
EX!
TOMATENGEIST
DER URSPRUNG DES BLUFFS WAR DIE LAUTMALEREI
TECHNIKRAUM
CALEMBOUR, DAS LOCH
SELBSTÜBERWINDUNG DES MARKTES WENDEN DES SCHEINS INS TROTZENDE BLATT
LIED DER MONSTERA BREAK EDEN
ALICE, LE DÉLICE
HYBRID
VERHÖRE
WIEDERSEHEN
PEUBEL
ENDE DER GESCHICHTE
EPILOG
ANHANG
Anmerkungen
Bildverzeichnis zu den Montagen
… ein fahrender Ritter ohne Liebe und war ja nur ein Baum ohne Blätter und Frucht …1
When she was planning the book that ended up as Three Guineas, Virginia Woolf wrote a heading in her notebook, Glossary; she had thought of reinventing English according to a new plan, in order to tell a different story. One of the entries in this glossary is heroism, defined as botulism. And hero in Woolf’s dictionary is bottle. The hero as a bottle, a stringent reevaluation. I now propose the bottle as a hero.
Not just the bottle of gin or wine, but bottle in its older sense of container in general, a thing that holds something else. […]
Finally, it’s clear that the Hero doesn’t look well in this bag. He needs a stage or a pedestal or a pinnacle. You put him in a bag and he looks like a rabbit, like a potato.2
She could describe the whole process of composing a novel, from the general directive issued by the Planning Committee down to the final touching-up by the Rewrite Squad.3
… like useless poets changing the way the world thinks and sings …4
The same old story, according to Monstera D.
»[…] Die Paradise Horse hebt ab. In den visuellen Apparaten der Gerechten, die es sich an Bord gemütlich machen, verschmelzen unter der Antriebshitze der Maschinen Herkunftsplanet und Menschheit zum im All wabernden Feuersee. Welchen Sinn kann es haben, dass der Raum des Raumschiffs durch eine – wie die Besatzung es ausdrückt – Mauer geschützt ist? Welche außerparadiesischen Matrosen soll diese Barriere aus – so kündet es uns die Prophezeiung – Edelsteinziegeln und Perlentoren vom Entern abhalten? Schützt die Hülle die durchs All gewürfelten Gerechten davor, ins Vakuum hinausgespielt zu werden? Halten die Werte, die in der Rakete angelegt sind, die exklusive Gesellschaft im Inneren zusammen? Oder ist die Hautevolee der Paradise Horse – diese letzte Kaste von Überfliegern – darin womöglich gar gefangen? Das Wort Horse wird auch für Heroin gebraucht. Womöglich meint es in der Prophezeiung die Sehnsucht als Knast, der als Fahrstuhl ins Paradies missverstanden wird. Oder das Pferd entpuppt sich als heimliche Heroin – als die, welche uns durch die Geschichte schaukelnd zum Fortschritt im eigentlichen Sinn zurückbringt. Ist das Eine – der durchstrichene Raum – nicht seit jeher die Simulation der Mauer, des Anderen? Man beachte, dass das Wort Rakete vom Rocken, und damit vom Spinnen stammt, was, wenn wir guten Willens sind, bedeuten könnte, dass […]«5
Translated with www.transplanslate.com (free version).
What do you call the ash tree, when it was burned?
A frieze shows frozen bodys, my dear.
Your task is to reduce this rubbish to rubble and
to forget seaming memory.
(Wie nennst du die Esche, die Asche wurde?
Ein Fries zeigt eingefrorene Körper, Liebes.
Dein Auftrag ist es, derlei Schrunden zu schinden und
das Einfleischen der Erinnerung
zu versemmeln.)
Die Hydra beherbergt in ihren Zellen Zoochlorellen, die ihr einen grünen Schimmer verleihen.
Um uns herum tobt eine verworrene Sache mit Scheinen, und so haben wir uns in den Markt geflüchtet, der uns zu einem Synonym für Luxus geworden ist. Hier erzählen wir bei bunten Cocktails amüsante Geschichten – Kunstpack eben. Doch experimentieren wir immerhin mit einem Modell, das auch nützlich werden könnte. Es wird, ohne bisher als solches erkannt worden zu sein, im Decamerone von Giovanni Boccaccio erwähnt: Ein betrügerischer Notar, der sein Leben der Gemeinheit gewidmet hat, liegt auf dem Sterbebett. Der Mann ist als Fremder in Gefahr, nach seinem Tod außerhalb des Friedhofs verscharrt zu werden. In seiner Perfidie lässt er nach einem Beichtvater schicken. Er belügt diesen so gewandt über seine Vergangenheit, dass der Priester den Verstorbenen vor der Gemeinde in den höchsten Tönen lobt. Viele Menschen ändern daraufhin ihr Leben. Unsere Strategie wird es nun sein, nach ihrem Vorbild die gefälschte Biografie als Modell auf dem Weg zu einer lebbaren Welt anzusehen – die Geschichten, die in die Gegenwart geführt haben, umzuschreiben, damit sie in eine andere münden.
Motto: Die Hydren sind die Plagegeister in den Aquarien.
Inspiriert von der inneren Fältelung meiner Bettdecke mache ich beim Schein einiger von den diensthabenden Schwestern geklauter Handys den ersten Entwurf für einen Film. Stehende Bilder, starre Denkmäler und Götzen haben Unglück über uns gebracht. Mein Werk wird die Möglichkeit überraschender Wendungen scheinbar unveränderbarer Situationen feiern. Einstieg: Blick in einen aufgelassenen, besetzten Bau- und Gartenmarkt. Trocknende Sweats. Die Kamera streift ein wassergefülltes Loch. Kurze Überblendung zum Schiffsleck, durch welches der Ozean sich in die Träume von Matrosinnen schleicht. Retour zur Pfütze. Im getrübten Wässerchen liegt der Held, die bronzene Hohlstatue, made in Taiwan. Sie ist vom letzten Frühjahrs-Sale übrig geblieben. Jetzt hat sie sich als Sperrgut im Schatten einer High-Tech-Tischkreissäge wie in ein Taufbecken gelegt. Mit steifem Arm zeigt sie auf das Ehebett, das sie laut Werbung um einen Baumstamm herumgezimmert hat. Singt von ihrer Verbundenheit mit Jugendfreundin Erde, die sie vor langer Zeit verlassen musste, mit der sie aber immer noch jede Frau verwechselt. Nahaufnahme Baumstamm, der sich als Plastik-Brunnen-Behältnis für Lagerbier erweist. Die Bronze-Legierung zieht vor der Verlockung einen Flunsch. Ihr fehlt der Stoffwechsel. Keine berauschende Analyse organischen Materials in Sicht. Die Biografie des Klumpens irrt als eine Art Virus (trojanisches Pferd) durch die Leben verdauender Menschen, sie hält mit ihrer Odyssee durch fremde Gedanken das Denkmal aufrecht.
Auffliegende Drohnenansicht. Im Markt liegt ein Haufen identischer Bronzen herum, deren Bestimmung es wäre, Zweitwohnsitze zu verzieren. Heldentum versus Herdentum: Die eisernen Typen sind Medaillen, die niemanden aus der Masse herausheben. Niemand – die Leerstelle – muss sich über eine glänzende Karriere erst als Jemand definieren. Listig verlangt die Null oder 0 nach einem Seifenbecken der Marke James Joyce. Pinselt sich Schaum um den Mund, lästert gegen Leute, die sie / er als Lotusfresserinnen bezeichnet: Diese Insulaner nähren sich von einer einzigen Pflanze! Gut, viele Gesellschaften neigen zu Restriktionen bei der Nahrung, um ihren Mitgliedern ein Werkzeug für die Produktion von Überlegenheitsgefühlen zu bieten, das alle für sich gemeinsam, aber in stiller Hege der eigenen Erleuchtung benutzen können. Die Behauptung, die Lotusesserinnen seien Extremveganerinnen, steht aber doch für etwas anderes, nicht?
Die Bezeichnung Lotus wurde und wird für sehr unterschiedliche Pflanzen verwendet. Der Name kann die Lotuspflaume meinen, die in Supermärkten als Sharon angeboten wird. Der homerische Lotus benennt das, was wir gegenwärtig unter Scharbockskraut verstehen. Weiters kennen wir den blauen ägyptischen Lotos, eine Seerose, sowie den Ziziphus respektive Zickzackdorn, dessen anderer Name Jujube lautet; und ja, auch die Lotusblume Nelumbo, eine Wasserpflanze, die für ihre schmutzabweisenden Blätter berühmt ist, darf nicht vergessen werden. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit aber jetzt auf den Hornklee oder Lotus corniculatus, eine Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler, um kapriziös, also mittels eines Ziegensprungs, zum hebräischen Wort Lot hinüberzuhüpfen. Es bezeichnet die Myrrhe, aus der man im Mittelalter Pestpillen erzeugte. Wir werden sie brauchen. Merken!
Die Gefährtinnen von Niemand – allesamt Frauen – bekommen von den Inselleuten einen Absud des Lotus aufgetischt, den jene als Pflanze der Wiedergeburt bezeichnen. Es ist die erste spirituelle Reise der Matrosinnen. Hemmungen fallen. Die Berauschten sind beseelt von Mitgefühl, vom Wunsch, keine Geschichte mehr zu schreiben, die ihre Opfer des Namens beraubt; von jener anderen Sehnsucht, nicht mehr zu warten, bis die Wogen, welche die Stirn des sie steuernden Mannes furchen, sich glätten. Die Gerichte der Lotusesserinnen zielen als Verhandlungen auf das Vergessen allen Kampfes. Das Meer verliert an Bedeutung. Lachen. Verstehe, wer kann. Wie im Tanz ist der Ausdruck Materie, Niemand kapiert: Ihm schwimmen die Felle auf Wellen der Heiterkeit weg. In höchster Not behauptet der Typ, der eben damit begonnen hatte, sich einen Namen zu machen, Veganismus wäre Opium für das Volk. Er zerrt die Frauen auf die Boote zurück, zwingt die Gefährtinnen ins Mittel des Verkehrs. Wieder geht es aufs Meer hinaus. Weh, es hat den Anschein, als würde das Wasser die Schiffchen versenken, als verschlinge es die Schwestern. Nur das Schinakel des Helden dümpelt noch auf den Wellen, denn diese zu schlagen ist sein Beruf. Schluchzend besingt er, sich auf einer betonierten Lyra begleitend, den von ihm inszenierten Untergang. Überblendung zum Schweinemastbetrieb nebenan, den ich aus dem Privatleben kenne und von dessen Einfahrt ich die Versteinerungssimulation des Instruments geklaut habe.
Schwarzblende. Niemand säuselt seiner Penelope bei Tisch von Matrosinnen vor, entrüstet sich, diese hätten sich in Scheine verwandelt, wenn sie im Ausland Frauen begegnet wären. Tupft sich die Serviette als Stempel übers Gesicht – verifiziert! –, erzählt von Wechseln respektive Werten, die er, ums nackte Überleben kämpfend, gegen Scheine eintauschen hätte müssen; klagt über die ihm fremden, so furchtbar lauten Sirenen: Diese seien harte, metallische Objekte, die nicht vor Gefahren warnten, sondern sie eigentlich darstellten. Feuer wäre ihr unzüchtiges Begehren, die zu bekämpfende Flut meinte ihre Überschwemmung mit toxischen Gefühlen, und ihr Singen sei nicht etwa unwiderstehlich, sondern ein ständiges Heulen um Aufmerksamkeit. Im zweiten Fenster ein weiterer 0, der – jetzt in einer Rückblende – dabei ist, auf eine Gruppe von Glamour-Sirenen einzuquatschen. Er will sie bezirzen, damit sie für ihn die Ufer ihres abgelegenen Meeresgebietes verlassen, um die Bühnen in den Konzertsälen Europas zu erobern.6 Sein Ziel, Daumen mal Pi: die Lebenszeit der Zuhörenden unter Zuhilfenahme eines speziell langweiligen Musikstils, der bewirkt, dass die Regungslosigkeit des an die Sessel geschraubten Publikums nicht auffällt, den Göttern zu opfern, um diese günstig zu stimmen und am Ende als Dompteur von Oberpater Zeus in die Zirkusgeschichte einzugehen. Damit er den Sängerinnen bei den Verhandlungen nicht zu sehr entgegenkommt, hat er sich an einen Schiffsmast binden lassen. Mensch, was für ein Mast noch einmal, an dem die Hose des schmierigen Impresarios flattert? Unaussprechliches geht vor. Kein Wunder, dass die Frauen, die Niemand beim Gelage, um sich bei den Kumpels wichtig zu machen, als exotische Zwitterwesen von Mensch und Fisch, Vogel und Mensch beschreibt, kein Interesse zeigen, für seine höhere Bedeutung zu trällern. Vor Lust halb tot hängt der Mann in den Seilen. Es wurde kein Vertrag signiert. Wehklagen des damit endlich geprüften Helden. Überblendung. Ironischer Schwenk ins feuchte Innere rosenfingriger Morgenröte …
Einer der Doppelgänger des Heros gerät ins Bild. Äußerlich sind die beiden identisch. Der Name des Zwillings ist Herkules. Er arbeitet als Masseur im rumänischen Băile Herculane, hält Schlangen als Haustiere, lungert tagsüber unter einer der billigen Plastikliegen aus der Gartenparadiesabteilung herum und predigt dabei von einer undeutlich definierten Aufgabe, bei der es, wie er sagt, um Leben und Tod geht: die Bestie zur Aufgabe zwingen, die Aufgabe meistern, so ungefähr. Tatsächlich will Herkules die berühmten Wälder von Calembour abfackeln, in denen, wie er sagt, die Hydra der Menschheit residiert. Der in der Folge explodierende Treibhauseffekt wird die Erde zerstören, er aber wird sich lieber in einem Bunker in Berlin ein Loch in den Kopf schießen, als dass die Reptiloiden, als welche er die Abkommen der Polypen – biologisch unkorrekt – bezeichnet, ihn erwischen …
Während der Aufschneider aber noch rumschwadroniert, flüchten wir, die Hydra der Menschheit, als kennten wir die Folgen seiner Rede, nach Ithaka. Dort werden unsere Köpfe immer zahlreicher. Odysseus tobt: Kein zivilisierter Mensch hält so viel Unglück aus wie diese Hirnis. Wir können nur Wilde sein. Wilde jedoch werden seine Penelope zum Anbeißen finden, sein Vermögen verschlingen. Er wird seine Frau nicht mehr allein besitzen, wird nicht mehr das Recht haben, sie als seinen persönlichen Thron oder Stuhl zu bezeichnen. Exzess Verdauungsmetaphern.
Werbeeinschaltung. Wogen von Köpfen. Man wird uns, das exotische Ungeheuer, in ein Schlauchboot mit Leck verfrachten und aufs offene Meer hinausschleppen. Frage: Wer übernimmt die Aufgabe? Klar, Niemand meldet sich. Niemand ist der Typ dafür. Durcheinanderwirbelnde Wasserzeichen. Abwasserkanäle, Fashion-Kanäle. Es geht um Liquidität, um ätzende Farbe, die bei der Produktion von Textilien in den chinesischen Boden sickert; um ein Meer von dramatischen Stoffen, über das man die kaum getragene Kleidung zur Verwertung in das wegen eines allumfassenden Abfließens von Ressourcen verdorrende Afrika schippert. Der Star der Erzählung kämpft mit Wellen des Missfallens, die infolge des hohen Durchsatzes mit Mikroplastik wie das Schlappen gequollener Chia-Samen wirken. Die Boote Flüchtender stecken darin ebenso fest wie der Held in der ewig gleichen Geschichte menschlichen Irrens. Wilde, schlingernde Fahrt durchs Vokabular, endlich Shitstorm total. Überall? Nein, Penelope, einsam, knüpft immer noch Beziehungen, arbeitet im Auge des Taifuns an ihren Netzwerken. »Das Wort Arbeit«, ruft sie, »meint ursprünglich doch auch die Geburtswehe.« Penelope hofft immer noch, sie könne eine neue Gesellschaft hervorbringen. Aber der Name Odysseus stammt nun einmal vom Verb dissen, Odysseuschen alias Niemand respektive 0 oder Null sind die Nicknames der Antike, hinter denen das Hasserchen sein Posten versteckt. Ach, sagte ich bereits, dass Niemand im Griechischen wie Odysseuschen klingt? Dass to nick somebody so viel wie jemanden einlochen bedeutet? Und dann noch das englische Nomen post! Es meint unter anderem den Pfosten. Verstehen Sie jetzt, warum Odysseus den glühenden Pflock ins Auge des Schäfers Polyphem bohrt? Polyphem, der Vielbedeutende, die Hydra der vielköpfigen Menschheit, erzeugte seit jeher die Wolle für Penelopes Netz, das die Nachrichten wie ein Weberschiffchen durch die Welt sausen lässt, was wiederum den Helden, der seit Jahrhunderten in der einen oder anderen Nutshell rumdüst, um irgendwann doch noch zu seiner – selbstredend unteilbaren – Liebe zu kommen, über kurz oder lang den Job des einzigen Boten der Message kosten wird. Schluss mit dem Schmus! Wir klemmen den ungeschlachten Bronzeklumpen von Denkmal ins Untergestell eines herumstehenden Einkaufswagens. Odysseus schreit noch: »Schaf, Schaf!« Aber uns gehts jetzt ums Anderswohintragen des Bedeutenden. Wir wollen ab sofort alle Bronzen jeden Ersten des Jahres einschmelzen und die flüssigen Massen ins kalte Wasser kippen, um die bizarren Formen gemeinsam als Handlungsanweisungen für die Zukunft zu interpretieren.
Definierte
die Grüne Hydra von Calembour
Fotosynthese als
schön
wie das
Zusammentreffen
von Gitarre und Meer, kurz
als Hydrokultur …
Der Polyp frisst winzige Krebse, die wegen ihrer hüpfenden Fortbewegung als Wasserflöhe bezeichnet werden.
Über mir saß im Park wieder dieser bronzene Typ, der mir den Hintern seines Pferdes zukehrte und in der Vorderansicht auch unzufriedene Mundwinkel hatte. Da verstand ich, dass wir die Fremden fürchteten, weil sie im Gegensatz zu uns Mythen besaßen, die sie mit der Welt verbanden. Die unseren trennten uns von ihr und einander. Ein junger Mann zeigte mir, als ich gerade dabei war, dies zu denken, den Mittelfinger. Er erklärte mir damit, dass er zu Calvin gehörte, zur Gruppe der Kleinen Calvinerinnen, die keine Kirchengebäude als Sehenswürdigkeiten anboten, sondern den von ihnen so genannten Gläubigern gleißende Kleidung überzogen, um die Wände heiliger Räume zu symbolisieren. Eine – dieser mobilen Fortschrittskirche assoziierte Kosmetikmarke – Vichy-Regime –, die beanspruchte, die höchsten Werte zu repräsentieren, lieferte den Anhängerinnen semitransparente, duftende Fläschchen, welche die früheren Kerzen ersetzten. Sie wurden von den Auserwählten dazu benutzt, die Smartphones, über deren Bildschirme die Messen von Handelsschiffen flackerten, anzulehnen, damit man die Hände freihatte zum andächtigen Empfangen von mit faschiertem Fleisch belegten Brötchen.
Später, im Hotel in Calembour, lagen Objekte auf dem Kopfkissen, die sich hintersinnig Lebkuchen nannten. Ich kaute das Zeug und sah mir dabei eine Sendung über einen Süßwasserpolypen an, der in Symbiose mit Algen lebt. Die dargebotenen Informationen reimte ich mir so halbwegs mithilfe der immer wieder ausgesprochenen lateinischen Bezeichnung des Tiers unter Zuhilfenahme weniger von mir beherrschter Wörter der fremden Sprache – zum Beispiel für und, eins und Gemüse – sowie durch intensives Surfen im Internet zusammen. Die Situation schien mir ziemlich verworren, und ich kam, weil ich wenig verstand und die klangvollen Worte in mir verschiedenste Bilder aus Vergangenheit, Gegenwart und Projektion verschmolzen, auf Gedanken: Das Zeug mit dem monströsen Brennwert enthielt, meinte ich mit einem Mal zu wissen, essbare Wanzen, die mich nach dem Verschlucken von innen her abzuhören beginnen würden. Ein starkes Rum-Aroma, welches je nach Sprachzugehörigkeit besessene Amor oder Moral auslösen sollte, überdeckte den bitteren Geschmack der Mikro-Mikros. »Gott«, murmelte ich, »ist in allem, nimm seinen Leib und iss ihn. So wird er in seinem Headquarter alias Über-Ich über dich wachen.«
Ich ahnte zu jener Zeit schon seit Längerem, dass man uns leben ließ. Ich meine: Man ließ uns leben, wie man uns früher arbeiten hatte lassen. Mittlerweile waren unsere Auszucker ja wahnsinnig lukrativ. Jahrelang hatten wir noch gedacht, wir würden zumindest Liebe machen, die niemandem gehöre. Wir dachten zuweilen noch, wir absolvierten – neben einem öffentlichen – auch ein wildes, privates Leben. Seitdem ich aber eines Tages die Herkunft des Wortes privat gegoogelt und gelernt hatte, dass es sich vom französischen Verb priver herleitet, seitdem ich wusste, dass es nichts anderes bedeutet als jemandem etwas versagen, war mir klar: Unsere Privatheit bezog sich, ohne dass wir es bemerkten, nur noch darauf, dass die Arbeit, die wir durch unser Überleben leisteten, nicht mehr durch den Luxus schöner intimer Feiern des Umgangs aufgewogen wurde.
Kürzlich hatte sich im Zuge der Erderwärmung eine neue Art von Flöhen ausgebreitet. Man sprach von Rumors und wisperte von Menschen, die von diesen regelrecht besessen wären. In einer ersten Phase hielten die Befallenen alle anderen für Unbekannte. Sie behaupteten, diese – wie sie sagten – Platzhalter hätten es auf ihre Flöhe abgesehen, die aber nur sie selbst wegen ihrer winzigen, also beinahe Nichtexistenz mit feinsten Zirkeln liebkosen könnten. Lernten die Besessenen die sogenannten Unbekannten näher kennen, misstrauten sie gemeinsam mit ihnen den noch Unbekannteren, bekämpften diese und entzweiten sich dabei mit den ersten Nummern, sodass die Menge der Unbekannten sich ins Unendliche potenzierte. Schließlich predigten die Berechnenden, als welche sich die Jünger der Flöhe selbst bezeichneten, ein einziges Gesetz durchwalte Mathematik und Natur, doch verwahrten sie sich gleichzeitig gegen Wissenschaftler, die das Ungeziefer von der Ziffer
