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"Der Krieg ist der Vater aller Dinge, aller Dinge König; die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien." Heraklit, Fragmente Als Heraklit über Krieg im Zusammenhang mit Konflikten im Allgemeinen sprach, bezog er sich auf die Idee, die wir in dem heute erwiesenen marxistischen Dogma über die Einheit und den Kampf der Gegensätze finden. Dieser Kampf mündet dann oft in einen echten Krieg. Und aus einem echten Krieg entsteht eine neue Realität. Nie war diese Behauptung wahrer als im gegenwärtigen Moment der Geschichte, in dem die neue Welt entsteht. Die Bewegung einer Panzerbrigade der russischen Bodentruppen an der Kontaktlinie zu den ukrainischen Streitkräften oder der Abschuss von Hyperschallraketen des Typs Kinschal oder Zircon auf westliche Luftabwehrsysteme oder die Reihen glänzender neuer SU-35C-Kampfflugzeuge im Werk in Komsomolsk am Amur haben einen viel größeren Einfluss auf das Weltgeschehen als alle Reden und öffentlichen Auftritte westlicher Staats- und Regierungschefs zusammengenommen, oder die statistischen Daten zur EU-Wirtschaft.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2025
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„Andrei Martyanovs neuestes Werk bestätigt seinen Ruf. Als einer der namhaftesten Experten für russische Militär- und Marinefragen analysiert er den Fäulnisprozess im US-Militär und sein Versagen bei der Entwicklung einer praktikablen nationalen Sicherheitsstrategie. Er nutzt den Krieg in der Ukraine zur wirkungsvollen Veranschaulichung der Argumente seines ersten Buches, Losing Mililtary Supremacy. Jeder politische oder militärische Führer, der Amerikas Militär wieder groß machen will, sollte dieses Buch lesen.“
LARRY JOHNSON
Ehemaliger CIA-Analyst und Berater für Terrorismusbekämpfung des Außenministeriums
„Dieses Werk bildet den epischen Höhepunkt zu Martyanovs vorherigen drei Büchern, in dem er seine sorgfältig kalibrierte Analyse von Russlands wahrer Revolution in militärischen Angelegenheiten auf ein ganz neues Niveau bringt. Von der verpfuschten Möglichkeit einer Verhandlung zur beiderseitigen Sicherheit, die die militärische Spezialoperation in der Ukraine verhindert hätte, bis hin zu Russlands ISR- und Hyperschallfähigkeiten geht Martyanov auf die feineren Details des Rätsels der ‚USA im Krieg‘ ein. Wir erfahren kurz und bündig, warum es keinen Frontalkrieg zwischen den USA und Russland geben kann, warum der Westen grundsätzlich nicht kriegsfähig ist und wie unumgängliche Fakten und Zahlen die bevorstehende geopolitische Demütigung der NATO ankündigen. Diese Erzählung ist wie eine Kinschal-Rakete: sie sprengt ein mühsam errichtetes, vom Westen kontrolliertes Gebilde aus Macht, Korruption und Lügen ganz einfach in die Luft. Selbstverständlich eine Pflichtlektüre.“
PEPE ESCOBAR
Journalist, Asia Times
„Andrei Martyanovs Buch ist ein Weckruf. Vor dem Hintergrund der Ukraine liefert er eine kompromisslose und meisterhafte Analyse des westlichen Kriegsverständnisses. Mit einem zugleich introspektiven und konstruktiven Blick zeigt er die grundlegenden Schwächen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten in ihrem strategischen und operativen Ansatz zur Kriegsführung gegen Russland auf. Er erinnert uns daran, dass der Sieg davon abhängt, dass man seinen Gegner genauso gut kennt wie sich selbst. Das Problem ist, dass wir in der Regel weder den einen noch den anderen kennen.“
OBERST JACQUES F. BAUD (a. D)
Ehemaliger Schweizer Geheimdienstoffizier
Andrei Martyanov
Mit dem Vorwort zur spanischen Ausgabe von Amerikas letzter Krieg von Juan Antonio Aguilar
Aus dem Englischen von Elborg Nopp
Copyright © Lola Books2025
www.lolabooks.eu
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf in keinerlei Form ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Titel der englischen Originalausgabe: America’s Final War
First published in English in 2024 by Clarity Press, Inc.
2625 Piedmont Rd. NE, Ste. 56, Atlanta, GA. 30324
https://www.claritypress.com
Umschlagbild: Anelo, shutterstock, ID 2155311181
Druck: Safekat, Madrid
Printed in Spain
ISBN 978-3-944203-87-4
eISBN 978-3-944203-88-1
Erste Auflage 2025
VORWORT ZUR SPANISCHEN AUSGABE VON AMERIKAS LETZTER KRIEG
VORWORT
KAPITEL 1 EINFÜHRUNG IN DIE ECHOKAMMER
KAPITEL 2 SWETSCHIN UND DIE AMERIKANISCHE STRATEGIE
KAPITEL 3 AMERIKAS KATASTROPHALE VORBERECHNUNGEN DES KRIEGES
KAPITEL 4 RUSSLANDS MILITÄRISCHE SONDEROPERATION: DIE ERÖFFNUNGSPHASE
KAPITEL 5 KRITISCHES THEMA I: TECHNOLOGIE DES KRIEGES – FLUGKÖRPER
KAPITEL 6 KRITISCHES THEMA II: TECHNOLOGIE DES KRIEGES – KAMPFFLUGZEUGE
KAPITEL 7 KRITISCHES THEMA III: TECHNOLOGIE DES KRIEGES – DIE „GEGENOFFENSIVE“ DER UKRAINISCHEN STREITKRÄFTE
KAPITEL 8 MEDIEN UND STRATEGIE
KAPITEL 9 SYSTEMBEDINGTE MILITÄRISCHE UNTERSCHIEDE
KAPITEL 10 WIE TIEF VERANKERTE STRUKTURELLE FAKTOREN DIE WESTLICHE MILITÄRVORHERRSCHAFT VEREITELN
KAPITEL 11 KRIEG UND GESELLSCHAFT
KAPITEL 12 SCHLUSSFOLGERUNG
ENDNOTEN
Von Juan Antonio Aguilar, Direktor des Spanischen Instituts für Geopolitik
Andrei Martyanov ist in Spanien relativ unbekannt, nicht aber in den Vereinigten Staaten, wo er sich vor allem auf dem Gebiet der geopolitischen Analyse und Reflexion, insbesondere mit Blick auf Russland und seine Beziehungen zum Westen, hervorgetan hat. Als brillanter Autor, Militäranalytiker und Geostratege ist er in den Vereinigten Staaten für seine profunden Kenntnisse der militärischen Fähigkeiten und der Geopolitik sowie für sein Fachwissen über russische Militär- und Marineangelegenheiten bekannt geworden. Martyanov wurde 1963 in Baku, UdSSR, geboren. Er machte seinen Abschluss an der Marineakademie der Roten Fahne in Kirow und diente bis 1990 als Offizier in der sowjetischen Flotte und im Generalstab der Küstenwache der UdSSR. Mitte der 1990er Jahre zog er in die Vereinigten Staaten, wo er als Laborleiter in einem kommerziellen Luft- und Raumfahrtkonzern arbeitete. Martyanov konzentriert sich in seinen Schriften auf die Beziehungen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten und untersucht die militärische und geopolitische Dynamik zwischen diesen beiden Mächten. Seine Expertise in diesem Bereich hat ihm große Aufmerksamkeit und Respekt in der militärischen und akademischen Gemeinschaft eingebracht. Seine Arbeiten sind in einer Reihe von Publikationen erschienen, darunter The National Interest, Unz Review, die Marinezeitschrift Actas und andere.
Was Martyanov auszeichnet, ist seine Fähigkeit, komplexe geopolitische und militärische Konzepte in verständlicher und ansprechender Sprache zu erklären. Seine Texte zeugen von profunder Geschichtskenntnis, einem kritischen Blick für das Zeitgeschehen und der Bereitschaft, den herrschenden Diskurs zu hinterfragen. Dieser Ansatz hat ihm eine treue Fangemeinde unter jenen Lesern eingebracht, die ein tieferes Verständnis für globale militärische Angelegenheiten suchen.
Martyanov ist auch ein gefragter Dozent. Er wurde zu Militärkonferenzen, Universitäten und Forschungszentren auf der ganzen Welt eingeladen und hatte aufgrund seines Fachwissens Auftritte in zahlreichen Medien. Seine Fähigkeiten haben ihn zu einer angesehenen Stimme auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen und der militärischen Analyse gemacht.
Martyanov ist weiterhin bestrebt, ein breites und vielfältiges Publikum anzusprechen. Seine Arbeit ist nicht auf Akademiker oder Militärexperten beschränkt; er versucht jeden zu erreichen, der sich für seine Themen interessiert. Er ist bekannt für seine scharfe Kritik an der Außenpolitik und den militärischen Strategien der USA. Seine Arbeit demonstriert die Kraft rigoroser Forschung, kritischen Denkens und des Strebens nach Wahrheit und hat einen bedeutenden Einfluss auf das Verständnis von Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern und der allgemeinen Öffentlichkeit für die Komplexität der modernen Kriegsführung und der globalen Machtdynamik.
Seine Analysen, die sich oft kritisch mit der Politik und den Perspektiven des Westens auseinandersetzen, setzen einen Kontrapunkt zu den Erzählungen der offiziellen Medien und tragen so zu einem ganzheitlicheren Verständnis der komplexen Entwicklungen in unserer Welt bei.
Seine Bücher, die in den Vereinigten Staaten sehr erfolgreich waren, konzentrieren sich in erster Linie auf die Analyse militärischer Fähigkeiten, technologischer Entwicklungen und strategischer Überlegungen im Kontext des sich verändernden globalen Kräfteverhältnisses. In seiner Einschätzung der NATO-Erweiterung und ihrer Auswirkungen auf die russische Sicherheit nimmt er durchweg eine von der offiziellen Position des Atlantischen Bündnisses abweichende Perspektive ein. Dies macht seine Arbeit zu einem wichtigen, wenn auch umstrittenen Werk für diejenigen, die die russische Sichtweise der internationalen Entwicklungen verstehen wollen.
Aus all diesen Gründen ist Martyanovs Arbeit starker Kritik ausgesetzt, die sich hauptsächlich auf seine „pro-russische“ Position und seinen angeblichen Mangel an Objektivität konzentriert. Kritiker weisen oft auf eine selektive Verwendung von Beweisen hin, wobei sie sich auf Daten konzentrieren, die ihre Schlussfolgerungen stützen, und Informationen vernachlässigen, die ihnen widersprechen könnten. Während konventionelle Medienanalysen dazu neigen, sich auf Russlands angeblichen Autoritarismus und expansionistische Tendenzen zu konzentrieren, stellt Martyanov das russische Vorgehen oft in einen historischen und geopolitischen Kontext und betont die von Moskau wahrgenommenen westlichen Provokationen und Russlands Bestrebungen, seine Interessen zu schützen. Er betont häufig die historischen Anschuldigungen, die Russland gegenüber dem Westen erhebt, insbesondere im Hinblick auf die NATO-Erweiterung, die er als direkte Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands ansieht.
Trotz dieser Kritik und der üblichen Kampagnen gegen alle, die vom westlichen Mainstream abweichen, ist Martyanovs Arbeit aus mehreren Gründen von Bedeutung. Erstens bietet sie eine alternative Perspektive auf entscheidende geopolitische Ereignisse, stellt etablierte Erzählungen in Frage und regt zu kritischem Denken an. Zweitens trägt sie zum Verständnis der russischen Perspektive bei. Drittens regt ihre ständige Kritik an der Politik und den Strategien des Westens zu einer alternativen Bewertung außenpolitischer Entscheidungen an.
DREI WERKE MIT WIRKUNG
Martyanov ist dem Leser nur in englischer und russischer Sprache bekannt, daher die Bedeutung des Textes, den der Leser in Händen hält, der erste in Spanisch. Aber dieses Buch hat drei wichtige Vorgänger, die der Leser kennen sollte, und sei es nur durch ein paar Zeilen.
DER VERLUST DER MILITÄRISCHEN VORHERRSCHAFT. DIE KURZSICHTIGKEIT DER STRATEGISCHEN PLANUNG DER USA
Im Jahr 2018 veröffentlichte Martyanov sein bekanntestes Werk, Losing Military Supremacy: The Myopia of American Strategic Planning, das ein publizistischer Erfolg wurde. In diesem Buch bietet Martyanov eine kritische Analyse von Amerikas strategischer Haltung auf der globalen Bühne. Es ist ein grundlegendes Buch für das Verständnis der prinzipiellen Position des Autors, in dem er rigoros argumentiert, dass die militärische Vormachtstellung der USA aufgrund einer Kombination von Faktoren schwindet, darunter strategische Fehler, technologische Fortschritte rivalisierender Nationen und ein mangelndes Verständnis der wahren Natur der modernen Kriegsführung.
Immer wieder ist das US-Militär seinem hehren Anspruch auf Überlegenheit nicht gerecht geworden und hat stattdessen nur mittelmäßige militärische Erfolge vorzuweisen. Seit dem Koreakrieg haben die USA keinen einzigen Krieg gegen technologisch unterlegene, aber geistig starke Gegner gewonnen. Die technologische Dimension der US-amerikanischen „Strategie“ hat jegliche Rücksicht auf die sozialen, kulturellen, operativen und sogar taktischen Erfordernisse eines militärischen (und politischen) Konflikts völlig in den Hintergrund gedrängt.
In diesem Buch untersucht unser Autor den drastischen Unterschied zwischen der russischen und der amerikanischen Herangehensweise an den Krieg, der sich in einem ganzen Spektrum von Aktivitäten manifestiert, von der Kunst über die Wirtschaft bis hin zu den jeweiligen nationalen Kulturen. Er veranschaulicht die wirtschaftlichen, militärischen und kulturellen Realitäten Russlands und untersucht eingehend verschiedene Möglichkeiten, wie die Vereinigten Staaten in einen Konflikt mit Russland geraten können, und was getan werden muss, um dies zu verhindern und die Gefahr einer nuklearen Eskalation zu vermeiden. Martyanovs sowjetische Militärerfahrung gibt ihm ein tiefes Verständnis für die grundlegenden Fragen des Krieges und der militärischen Macht als Funktion der entsprechenden nationalen Macht, die richtig bewertet wird, und nicht durch die Linse der „wirtschaftlichen“ Indizes der Wall Street.
DIE (ECHTE) REVOLUTION IM MILITÄRWESEN
Ein Jahr später, 2019, veröffentlichte er The (Real) Revolution in Military Affairs, in dem er eine Analyse des sich beschleunigenden Zerfalls der liberalen Weltordnung vornahm. Martyanov zufolge versuchen die Vereinigten Staaten verzweifelt, ihre globale Hegemonie zu bewahren, die in erster Linie auf der Anerkennung ihrer militärischen Überlegenheit beruht. Daher spielt – außer im Falle eines wirklichen Krieges – die Bewertung dieser angeblichen militärischen Macht eine Schlüsselrolle bei der Bestimmung ihrer globalen Macht.
Dieses Buch erklärt, warum die als „Revolution in militärischen Angelegenheiten“ (RMA) aufgestellten Hypothesen scheitern, und befasst sich mit der wirklichen RMA: der technologischen Entwicklung von Waffen als Reaktion auf taktische, operative und strategische Anforderungen, die nicht nur den geopolitischen Status einer Nation definieren, sondern auch die Weltordnung bestimmen. Der Text gibt einen Überblick über die Entwicklung der Waffen und wie sie die internationalen Beziehungen im 20. und 21. Jahrhundert beeinflusst haben. Außerdem wird die Revolution in militärischen Angelegenheiten beschrieben, wie sie sich in Politik und Technologie manifestiert hat, und es werden einige nützliche Modelle zur Bewertung der aktuellen geopolitischen Lage vorgestellt. Das Buch versucht auch, eine Prognose über die künftige Entwicklung der Kriegsführung und die Art und Weise zu geben, wie sie das System der internationalen Beziehungen in Richtung eines neuen geopolitischen Gleichgewichts verschieben wird.
DESINTEGRATION. ANZEICHEN FÜR DEN BEVORSTEHENDEN ZUSAMMENBRUCH DER USA
Nach seinen frühen publizistischen Erfolgen veröffentlichte Martyanov im Jahr 2021 Disintegration: Indicators of the Coming American Collapse. Eine Analyse des tiefgreifenden und radikalen Wandels der Vereinigten Staaten, dessen Merkmale auf einen immer schnelleren Rückzug aus ihrer Position als globale Hegemonialmacht hindeuten. Die Vereinigten Staaten haben in allen Bereichen, die die Macht und den Status einer Macht gegenüber ihren Rivalen definieren, an Boden verloren. Dieses Buch untersucht die Gründe für den katastrophalen Niedergang der US-amerikanischen Nation und geht dabei auf eine Reihe von Faktoren ein, die von der Wirtschaft über die Kultur bis zur Technologie und zum Militär reichen. Amerikas deindustrialisierte Wirtschaft ist tief getroffen von dem, was man nur als Massaker an den kleinen und mittleren Unternehmen und die Implosion der amerikanischen Luft- und Raumfahrtindustrie bezeichnen kann. Daher die verzweifelte Reaktion der derzeitigen Trump-Regierung mit ihren Handelskriegen.
Martyanov diagnostiziert jedoch nicht nur materielle Probleme, sondern auch den moralischen und beruflichen Niedergang der amerikanischen Eliten sowie die Tendenz zu einem tatsächlichen physischen Zerfall der Vereinigten Staaten als einheitliches Gebilde entlang ethnischer oder ideologischer Trennlinien. Die kulturelle Bruchlinie bringt die Eliten der Ost- und Westküste, die von den säkularen und liberalen Medien und dem so genannten tiefen Staat unterstützt werden, gegen die Mehrheit der Arbeiterklasse auf, in der sie eine Herde von Bedauernswerten, christlichen Fundamentalisten, weißen Rassisten und Klima- und Wissenschaftsleugnern sieht. Martyanovs Schlussfolgerung ist unerbittlich: Der amerikanische Zusammenbruch kommt nicht, wir erleben ihn jetzt.
AMERIKAS LETZTER KRIEG
So kommen wir zu diesem vierten Werk, America’s Final War, das Mitte 2024 erschien und einen weiteren Schritt in der Analyse darstellt, die in seinen früheren Büchern entwickelt wurde. Wie wir wissen, ist Krieg ein geopolitisches Instrument ersten Ranges. Nur Kriege in industriellem Maßstab können die wahre Stärke von Mächten messen, und wie Martyanov in seinen früheren Werken deutlich gemacht hat, beruht die Hegemonie der USA und damit des Westens auf einer – wie sich jetzt herausgestellt hat – sorgfältig konstruierten Mythologie der wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit. Und dies hat sich empirisch in der sich entfaltenden russischen Militäroperation in der Ukraine gezeigt, der Martyanov dieses Buch widmet. Er führt dem Leser die tieferen Ursachen des Konflikts und das Ausmaß der trügerischen Mythologie vor Augen, auf der die westliche Hegemonie aufgebaut ist.
Washington hat acht Jahre damit verbracht, die Ukraine und ihre Streitkräfte auf einen Krieg gegen Russland vorzubereiten, der sich als Fehler historischen Ausmaßes erwiesen hat, weil die USA ihre militärische Macht aufgrund ihres Sieges im Golfkrieg von 1991 gegen einen viel schwächeren militärischen Akteur, den Irak unter Saddam Hussein, falsch eingeschätzt haben. Washington hat seiner eigenen Propaganda über die gegen Russland verhängten strengen Sanktionen, über die Lebensfähigkeit des ukrainischen Militärs und über die wirtschaftliche und militärische Schwäche Russlands Glauben geschenkt. Und das Ergebnis ist für alle sichtbar.
Martyanov entlarvt die völlige militärische Inkompetenz Washingtons. Die USA machen keine Strategie, sie machen Geschäftsplanung. Er analysiert, wie Russlands militärische Sonderoperation (SMO) in den Jahren 2022–2023 die Streitkräfte der USA und der NATO als Armeen entlarvte, die in den 1990er Jahren stecken geblieben sind. Westliche Rüstungsgüter, von Panzerabwehrspeeren über Abrams- oder Bradley-Panzer bis hin zu Luftabwehrsystemen wie Patriot PAC3 oder NASAMS, haben eine miserable Leistung erbracht. 2023 konnte das Kiewer Regime ohne massive westliche Unterstützung nicht mehr standhalten, und 2024 hatte Russland die Ukraine und die NATO als Ganzes erschöpft und die industrielle und militärische Ohnmacht der USA und ihrer europäischen Vasallen offengelegt.
Am schwerwiegendsten für die westlichen Mächte ist die Tatsache, dass die finanz- und technologiebasierte Wirtschaft keine echte Wirtschaft ist und dass sich das globale Gleichgewicht der Kräfte in Richtung Eurasien verschoben hat. Westeuropa ist nur noch eine Ansammlung schwacher und sich rasch de-industrialisierender Volkswirtschaften, die im Kontext der sich abzeichnenden multipolaren Welt zunehmend an Bedeutung verlieren.
Kurz gesagt: America’s Final War beschreibt den Niedergang der militärischen Macht und des weltweiten Ansehens der USA.
Seine Beobachtungen in diesem Buch sind bemerkenswert aufschlussreich. Seine Schlussfolgerungen, die auf der Anwendung umfangreicher Kenntnisse und Erfahrungen auf bekannte Fakten und Methoden beruhen, bieten a priori jenen Überblick, den historische Studie im Allgemeinen a posteriori bieten.
Nach Ansicht von Martyanov lassen sich die militärischen und geopolitischen Aktivitäten der USA am besten als „Geist von Kiew“-Strategie zusammenfassen, eine auf Lügen und Propaganda basierende Anti-Doktrin, die das Fehlen einer kohärenten operativen Planungsfähigkeit und eine Reihe gescheiterter Waffensysteme verbergen soll. Unser Autor kommt auf diesen „Geist“ im Rahmen der vergleichenden Diskussion der Luftmacht in Kapitel sechs zu sprechen: das größte Fliegerass der Geschichte, das die gesamte russische Luftwaffe über Kiew besiegte oder so ähnlich, stellte sich als ein von den Mainstream-Medien beworbenes Videospiel heraus. Diese Episode zeigt, wie viele andere auch, die Schwachstelle der US-Militärdoktrin: Wenn Waffen oder Taktik nicht funktionieren, kann man immer noch auf Täuschung zurückgreifen... aber mit Lügen gewinnt man keine Kriege.
Ein grundlegendes Postulat des Autors lautet wie folgt: „Krieg ist der Krieg der Volkswirtschaften. Echter Volkswirtschaften. Der moderne Krieg ist der Krieg von Stahl, Eisen, Energie und Produktionskapazität als Grundlage militärischer Macht.“ Martyanov liefert reichlich Beweise für die krasse und wachsende Ungleichheit hinsichtlich dieser Faktoren zwischen Russland und dem Westen.
Viele Beobachter stellen fest, dass die USA und der Westen nicht nur den Rüstungswettlauf und die industriellen Kapazitäten verloren haben, sondern auch den Bereich, in dem sie noch eine überwältigende Dominanz zu haben glaubten: das „Narrativ“. In den Worten des Autors: „Der Westen hat den Propagandakrieg verloren, nachdem er einen echten Krieg verloren hat.“
Bekanntlich führten zwei Faktoren zur vermeintlichen Vormachtstellung der USA am Ende des letzten Jahrhunderts: der Dollar und die angebliche Stärke ihres Militärs. In letzter Zeit hat sich gezeigt, dass beide Faktoren völlig im Niedergang begriffen sind, und ohne diese haben die Vereinigten Staaten nur noch wenig Macht, die sie gegen andere einsetzen können. Ein großer Teil dieses Buches ist der Aufdeckung nicht nur der Verluste gewidmet, sondern auch der Weigerung bzw. der Unfähigkeit der US-Amerikaner, insbesondere der intellektuellen Klasse und der Mainstream-Medien, zu verstehen, was geschehen ist. Martyanov vermittelt ein umfassendes Bild, und am Ende des zwölften Kapitels, gleich im Anschluss an eine kurze Auflistung von Erkenntnissen, gibt er eine vorausschauende Zusammenfassung und eine Warnung ab:
Jeder echte Krieg in Asien, der wie üblich von den USA unter falscher Flagge geführt wird, wird zur endgültigen Vernichtung der US-Streitkräfte und zur vollständigen Zerstörung der Vereinigten Staaten führen, die erst dann erkennen werden, dass sie tatsächlich ihren letzten Krieg geführt haben.
Das Problem, mit dem die neue und de facto multipolare Welt konfrontiert ist, besteht darin, sicherzustellen, dass Amerikas letzter Krieg nicht zu einem letzten Krieg für die Welt wird – eine Welt, die die US-Eliten nie kennengelernt haben und nicht kennenlernen wollten.
Martyanov lebt seit dreißig Jahren in den Vereinigten Staaten und ist dem Land, das ihn aufgenommen hat, sehr dankbar. Er gibt sich nicht als Anti-Amerikaner, obwohl sein russischer Patriotismus offensichtlich ist. Aber er sieht Amerikas Niedergang als Zivilisation und das Unvermögen seines militärischen Establishments, ein Niveau an Kompetenz, Reife und Verantwortung aufrechtzuerhalten, das einer Großmacht angemessen ist. Obwohl er von der zeitgenössischen amerikanischen Kultur nicht sonderlich beeindruckt ist, scheint er große Sympathien für das amerikanische Volk zu hegen, das er als freundlich, offen und aufgeschlossen beschreibt. Martyanov hat sogar eine Vorliebe für bestimmte Aspekte der amerikanischen Popkultur. Er hält die früheren Entwicklungen in der Rockmusik für lobenswert. Er vergleicht die Talente der „musikalischen Virtuosen“ von Bands der 1970er Jahre wie Deep Purple mit dem, was er als die degradierte Popmusik von heute ansieht. Letztlich führt er diesen Niedergang auf die Postmoderne und den Niedergang der Leistungsgesellschaft zurück.
Aber er ist sich bewusst, dass die heutigen Vereinigten Staaten nicht mehr das Land sind, in das er in den 1990er Jahren kam. Er weiß, dass das US-Militär den Anforderungen der heutigen Welt nicht mehr gewachsen ist. Es ist für Angriffe auf weitaus schwächere Gegner wie den Irak 1991 und 2003 oder Serbien 1999 ausgelegt. Es befindet sich jedoch nicht in einer Position der Stärke gegenüber einem Rivalen, der in Bezug auf Truppenaufmarsch und Feuerkraft mithalten kann. Martyanov führt das Versagen der Militärtechnologien auf die Natur des militärisch-industriellen Komplexes in den USA zurück und führt den Lesern eine Realität vor Augen, die für jeden Beobachter offensichtlich ist: Es handelt sich um profitorientierte Unternehmen. Gebaut wird nicht zwangsläufig das Beste im Hinblick auf die Verteidigungsfähigkeit, sondern das, was den Rüstungsunternehmen den größten Profit bringt. Martyanovs Vorhersage, dass die US-Militärstruktur nur für relativ kleine Kriege gegen viel schwächere Gegner geeignet ist, scheint im Nachhinein richtig zu sein. Die Vereinigten Staaten verfügen nicht mehr über die Waffenproduktionskapazität, um als „Arsenal der Demokratien“ zu fungieren. Der russisch-ukrainische Krieg wird, wie der Erste und der Zweite Weltkrieg, in industriellem Maßstab geführt. Um ihn zu führen, ist es notwendig, die Ressourcen einer starken industriellen Wirtschaft einzusetzen. Natürlich hat der Westen seine industriellen Kapazitäten beträchtlich erodieren lassen, indem er einen Großteil seiner Produktion in ärmere Regionen der Welt ausgelagert hat, um die Unternehmensgewinne zu maximieren.
Martyanov sieht den amerikanischen Wohlstand als Schein, als glänzende Hülle, hinter der sich ein zunehmend leeres Inneres verbirgt. Unter Verwendung seines traditionellen Arsenals an materiellen Daten kommt er zu dem Schluss, dass die amerikanischen Kapazitäten unzureichend sind. Er ist der Ansicht, dass die postindustrielle Wirtschaft ein Hirngespinst der Finanzstrategen an der Wall Street ist und dass die selbstgefälligen BIP-Kennzahlen den USA lediglich eine Kulisse bieten, hinter der sie ihre wirtschaftlichen Schwächen verstecken können. Und schließlich ist er der Meinung, dass das zentrale Problem Amerikas eine Führungskrise ist.
Martyanov argumentiert, dass in den Kreisen der US-Elite in jüngster Zeit etwas passiert ist, das die düstere und wahnhafte Seite der amerikanischen Psyche außer Kontrolle geraten ließ, und zwar genau in dem Augenblick, als die USA eine gute Führung am dringendsten benötigte. Martyanov glaubt, dass die US-Führungskräfte ihre Fähigkeiten bei weitem überschätzen. Sie glauben, dass sie nur ihre eigenen persönlichen Leistungen maximieren müssen, dann käme das Wohl des Landes auf magische Weise zum Vorschein. Dies hat unweigerlich zur Entstehung dessen geführt, was der Autor als klassische Oligarchie bezeichnet, in der die US-Elite nicht aufgrund ihrer Intelligenz und Weisheit, sondern aufgrund ihres Selbstbewusstseins und ihrer Eigeninteressen ausgewählt wird.
Dadurch entsteht in den Korridoren der Macht eine Echokammer. Da die Anreize so gestaltet sind, dass sich die Menschen ausschließlich auf sich selbst und ihre eigene Karriere konzentrieren, gibt es keinen Bezug zu einem zu verteidigenden Gemeinwohl mehr, so dass jeder, der auf Fehler hinweist, das Ende seiner Karriere riskiert. Daher ist es wichtiger, dafür zu sorgen, dass der Mechanismus, der den individuellen Nutzen der Elite sicherstellt, aufrechterhalten und von Kritik abgeschirmt wird, als sein Funktionieren zu gewährleisten. Die meiste Mühe wird darauf verwendet, selbstverstärkende Narrative zu produzieren, die das System selbst rechtfertigen, so dass wenig Energie übrig bleibt, um die Probleme anzugehen, die für das Land wirklich wichtig sind.
Die USA glaubten, sie könnten die Welt durch die Finanzwelt und die Börse beherrschen, mit Hilfe der Hegemonie des Dollars und der militärischen Macht, deren Eckpfeiler die globale Kontrolle über das Öl ist.
All dies begann schließlich während der Großen Rezession 2007–2009 zusammenzubrechen, wahrscheinlich endgültig, und es blieb nur die „quantitative Lockerung“, um die Wirtschaft zu stützen, d. h. die Federal Reserve fügte ihrer Bilanz immer mehr US-Staatsanleihen hinzu.
Währenddessen verwandelte das langfristige Ziel der globalen militärischen Dominanz das US-Militär in eine Feuerwehr, die gegen die schwächeren Nationen des Nahen Ostens und Jugoslawien vorging, bis der Konflikt in der Ukraine außer Kontrolle geriet.
Alles in allem bietet Andrei Martyanovs Amerikas letzter Krieg eine aufschlussreiche Erklärung für Washingtons Niederlage. Alles, was dem US-Militär jetzt noch bleibt, ist, sich zurückzuziehen. Andernfalls werden die USA zweifellos gezwungen sein, die falsche Strategie der allmählichen Eskalation der Konflikte in der Ukraine und anderswo weiter zu verfolgen, bis ihnen ein entscheidender Schlag versetzt wird.
Andrei Martyanovs Arbeit ist zwar umstritten, bietet aber eine einzigartige Perspektive auf die aktuellen geopolitischen Entwicklungen. Seine Analysen, die des Öfteren die vorherrschenden Narrative in Frage stellen, bieten wertvolle Einblicke für diejenigen, die ein facettenreicheres Verständnis der Realität, in der wir leben, suchen.
Seltsamerweise bedurfte es eines eingebürgerten russischen Staatsbürgers, um die Wahrheit über den Zusammenbruch der US-Hegemonie auszusprechen, während Institutionen wie der Council on Foreign Relations, der Atlantic Council usw. in geopolitischen Sackgassen verharren, die sie selbst erschaffen haben.
Die meisten Kommentatoren stützen sich bei der Bewertung von Russlands Sicht auf den Westen auf die „Münchner Rede“ von Präsident Wladimir Putin aus dem Jahr 2007. Diese Rede war ein Aufschrei des Protests gegen die Hegemonie des Westens, insbesondere der USA, über die Weltordnung. Darin sagte Putin: „Ein Staat, und in erster Linie die Vereinigten Staaten, hat seine nationalen Grenzen in jeder Hinsicht überschritten“. Die Antwort des Westens war Arroganz und Selbstgefälligkeit: „Und was wollt ihr dagegen tun?“. Das war angesichts der damaligen Lage Russlands verständlich. Aber die heutige Situation unterscheidet sich wesentlich von der damaligen. Putins Rede wurde vor achtzehn Jahren gehalten, und seither ist viel passiert.
In der Tat hat sich Russlands Sicht auf den Westen dramatisch verändert. Im Jahr 2007 waren die Russen verärgert über das, was sie als westlichen Expansionismus ansahen, verteidigten sich aber als schwaches Land gegen eine unipolare Hegemonialmacht. Heute sehen die Russen den Westen und insbesondere die Vereinigten Staaten in einem Zustand des sich beschleunigenden, endgültigen Niedergangs. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass Martyanov aus eigener Erfahrung weiß, wovon er spricht. Er hat, wie die meisten der einflussreichsten Politiker und Intellektuellen Russlands, den Zusammenbruch einer Gesellschaft miterlebt. Man könnte argumentieren, dass dieses Trauma Martyanovs Weltanschauung und die Ansichten seiner Generation beeinflusst hat, dass das Trauma des Zerfalls der Sowjetunion sie dazu gebracht hat, den Zusammenbruch an jeder Ecke zu sehen. Aber das wäre unfair gegenüber dem Autor, der einräumt, dass die Vereinigten Staaten in den 1990er Jahren ein Leuchtfeuer der Stabilität waren, ein Gefühl, das viele Russen seiner Generation teilten.
Aus dieser Perspektive sind die russische Intervention in der Ukraine und das anschließende Bündnis zwischen Russland und China Teil eines umfassenderen Plans zur Beschleunigung des anhaltenden Niedergangs der USA, wodurch eine multipolare Welt entsteht. Martyanov glaubt, dass Russlands Bruch mit der westlichen Welt unumkehrbar ist und es kein Zurück mehr gibt. Dies drückt er im Vorwort zu diesem Buch mit seinen eigenen Worten aus:
Russland [kann] mit niemandem im Westen Gespräche führen, wobei der Westen zu einem Euphemismus für die Vereinigten Staaten geworden ist, die die europäischen Staaten bereits zu ihren Schoßhunden und möglicherweise auch zu Kanonenfutter gemacht haben. [...]
Ihre Bilanz spricht für sich – es ist einer von zahlreichen verlorenen Kriegen. Die derzeitige US-Wirtschaft und das US-Militär werden Russland nicht auf konventionelle Weise bekämpfen können; es würde auf eine Niederlage hinauslaufen. Also haben die Vereinigten Staaten und der gesamte Westen auf den Terrorismus zurückgegriffen – die Waffe der Schwachen.
Die Zukunft ist noch lange nicht geschrieben. Und mit jedem Schritt, den wir tun, zweigt der Weg in verschiedene Richtungen ab. Aber wenn man Martyanov liest, kommt man nicht umhin zu glauben, dass eine dieser Richtungen den Segen des Schicksals zu haben scheint. Diejenige, die uns zum letzten Krieg der Vereinigten Staaten als globaler Hegemonialmacht führt.
Acta est fabula.1
1Lateinischer Ausdruck, der übersetzt bedeutet: „Das Spiel ist aus“.
Am 25. März 2024 fasste die libanesische Nachrichtenseite Al Mayadeen die Bedeutung von Russlands sogenannter Militärischen Spezialoperation (Special Military Operation – SMO) für die Länder des Globalen Südens wie folgt zusammen:
Insgesamt hat Putin bei der Verteidigung der Interessen und der nationalen Sicherheit seines Landes bemerkenswerte Arbeit geleistet. Seine Beiträge haben nicht nur seine Führungsposition in Russland gefestigt, sondern auch den globalen Süden zu neuen Horizonten inspiriert. Vor diesem Hintergrund hat die Geschichte begonnen, sich in die richtige Richtung zu bewegen.1
Diese Verschiebung „in die richtige Richtung“ – ein Euphemismus für das Ende des westlichen Liberalismus – hinterlässt nun eine Spur der Zerstörung und des Blutvergießens. Diese Verschiebung ist der Grund, warum eine überwältigende Mehrheit der ignoranten westlichen Eliten und ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung des Westens, die völlig von den Realitäten der Außenwelt isoliert ist, Russland und die Russen hassen. Dieser Hass geht weit über die bloßen geopolitischen Widersprüche zwischen Nationen und Staaten hinaus; dieser Hass nimmt eine metaphysische Dimension an, die sich aus seinen rassischen, religiösen und kulturellen Komponenten ergibt. Und er ist außerordentlich stark.
Zum Großteil beruht dieser Hass auf der Anerkennung Russlands als die Macht, die es historisch gesehen schon immer war, die keine Angst vor dem Westen hat und die nicht nur dem jüngsten Angriff des Westens auf das russische Volk widerstanden hat, sondern auch den gesamten Westen als militärischen Papiertiger entlarvt hat. Durch die effektive Vernichtung mehrerer Iterationen der ukrainischen Streitkräfte, einschließlich des Großteils der „Freiwilligen“ der NATO und der westlichen Militärtechnik, die zum ersten Mal auf einen Gegner mit extrem fortschrittlichen Streitkräften, einer massiven Industriewirtschaft und einer Strategie trafen, die von der wohl größten Militärschule und dem wohl größten militärischen Denken der Geschichte hervorgebracht wurde, hat Russlands wahre Revolution in Militärangelegenheiten einen Paradigmenwechsel in der Kriegsführung eingeläutet.
Dieser sprichwörtliche 800-Pfund-Gorilla im Raum, den man nicht länger ignorieren kann – die Fehleinschätzung Russlands durch den Westen ist von epischem Ausmaß – wird von völlig inkompetenten Eliten vorangetrieben, von denen die meisten keine Kenntnisse in Kriegsführung, Diplomatie oder Wirtschaft haben. Sie haben das Lügenimperium aufgebaut und müssen nun tatenlos zusehen, wie der Westen unaufhaltbar in einer Dystopie des politischen Selbstmords versinkt. In meinen letzten drei Büchern habe ich vor dieser Krise gewarnt, und nun ist sie eingetreten und wird für den vereinten Westen kein gutes Ende nehmen.
Zum jetzigen Zeitpunkt besteht die Hauptaufgabe der russischen Führung jedoch darin, zu verhindern, dass der Westen und seine wahnwitzige Führung in den Vereinigten Staaten einen globalen Konflikt auslösen, nicht zuletzt durch die Opferung Europas; hier wird die Bevölkerung unweigerlich einer Gehirnwäsche unterzogen, damit der Wunsch entsteht, Russland erneut zu bekämpfen. Dieser Plan des globalistischen Klüngels basiert auf primitiven, ignoranten Ansichten über die moderne Wirtschaft, das Ressourcenmanagement und die Kriegsführung. Das überrascht nicht, wenn man sich einmal die Hintergründe derjenigen ansieht, die entweder Teil der globalistischen Elite sind oder ihr dienen. Keiner von ihnen verfügt über die Bildungs-, Berufs- und Lebenserfahrung, die für greifbare Erfolge in der Wirtschaft, in der Wissenschaft oder auf dem Schlachtfeld unerlässlich sind. Daher bringen sie nichts anderes zustande als Reißbrett-Ideologien, die zur Zerstörung führen, auch in den von ihnen selbst bewohnten Gefilden, die geografisch in Westeuropa und den Vereinigten Staaten liegen.
Diese Pläne und Ideologien sind ein Todesurteil für die westlichen Gesellschaften, von denen einige, wenn es nach dem Plan geht, wahrscheinlich auf den Schlachtfeldern Russlands geopfert werden. Sie wissen, dass sie Russland nicht auf dem Schlachtfeld besiegen können – das kann niemand –, und doch wollen sie immer noch erreichen, dass Russland seine Ressourcen aufbraucht, damit ihr Traum von einem Regimewechsel in Russland endlich wahr wird, koste es, was es wolle.
So verrückt dieser Plan auch ist, so aufschlussreich ist er auch. Er zeigt, dass Russland mit niemandem im Westen Gespräche führen kann, wobei der Westen zu einem Euphemismus für die Vereinigten Staaten geworden ist, die die europäischen Staaten bereits zu ihren Schoßhunden und möglicherweise auch zu Kanonenfutter gemacht haben. Dieser Plan ist auch militärisch unmöglich, weil das US-Militär, wie die SMO gezeigt hat, in Bezug auf operative und strategische Planung dem russischen Generalstab und der militärpolitischen Führung Russlands nicht das Wasser reichen kann. Sieht man sich die StAN (Stärke- und Ausrüstungsnachweisung) der US-Streitkräfte an, dann erkennt man, dass diese in den 1990er Jahren stecken geblieben sind. Diese Erkenntnis hat das System in den Vereinigten Staaten zutiefst erschüttert, das aufgrund seiner verfälschten Militärgeschichte und der immer niedrigeren Standards bei der Militärführung seither nichts hinzugelernt hat und sich nicht angepasst hat.
Ihre Bilanz spricht für sich – es ist einer von zahlreichen verlorenen Kriegen. Die derzeitige US-Wirtschaft und das US-Militär werden Russland nicht auf konventionelle Weise bekämpfen können; es würde auf eine Niederlage hinauslaufen. Also haben die Vereinigten Staaten und der gesamte Westen auf den Terrorismus zurückgegriffen – die Waffe der Schwachen. Alles, was in den westlichen Medien und im Bereich der öffentlichen Politik geschieht, soll die Schwäche des Westens verschleiern und verbergen. Die traurige „Leistung“ der NATO-Ausrüstung – von den in den USA hergestellten Patriot PAC3-Luftverteidigungskomplexen und Abrams-Panzern bis hin zu britischen Challenger- und den deutschen Leopard 2-Panzern und vielen anderen Waffensystemen – zeigt, dass die NATO nicht in der Lage ist, einen echten Krieg des 21. Jahrhunderts zu führen. Selbst Amerikas bald hinfällige Überlegenheit bei Satellitenkonstellationen und die Fähigkeit der NATO, ungestraft im internationalen Luftraum über dem Schwarzen Meer zu fliegen, zählen in einem echten Krieg wenig, in dem die NATO blind gemacht und ihre Führung und Kontrolle gestört würden.
Und dann sind da noch die Verluste, die in einem solchen zukünftigen Krieg zu erwarten wären. Wie die US-Armee selbst feststellt, ist die Höhe der prognostizierten Verluste der US-Streitkräfte in einem echten konventionellen Krieg mit Russland für jeden westlichen Politiker und die meisten Militärfachleute unvorstellbar. Bei voraussichtlich 3.600 Opfern pro Tag werden die Opfer der US-Armee die Zahl aus zwei Jahrzehnten Krieg im Irak und in Afghanistan in etwa zwei Wochen übertreffen.2Die düstere Bilanz ihrer Gefallenen im etwa zehnjährigen Vietnamkrieg kann die US-Armee jetzt innerhalb eines Monats erreichen. Niemand in Russland nimmt die kleine und rückständige Bundeswehr, die französische oder gar die britische Armee ernst.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum der Westen solche Kriege nicht führen kann. Es liegt nicht nur an seinen militärisch-industriellen und technologischen Mängeln, sondern auch an moralischen und psychologischen Defiziten. Die Gesellschaften im Westen, insbesondere in den USA, werden schlichtweg zusammenbrechen, es sei denn, es wird ein totalitärer Staat errichtet, der die Ordnung aufrechterhält. Die Vereinigten Staaten und Europa sind auf dem besten Weg zu dieser schrecklichen Dystopie.
Dies ist die Realität, mit der der Westen und sein Anführer, die Vereinigten Staaten, konfrontiert sind und die dem Rest der Welt vor Augen geführt wurde. Der Westen weiß nicht, wie er mit dieser neuen Realität umgehen soll: seine Lügen wurden aufgedeckt, seine Mythen entkräftet. Der Rest der Welt sieht jedoch einer stabileren und wohlhabenderen Zukunft entgegen, falls die tatsächliche und wahrgenommene Hegemonie des Westens zerstört wird.
Wenn die Vereinigten Staaten einen Bürgerkrieg vermeiden und sich nicht in mehrere politische Einheiten aufspalten, hat der Westen noch Chancen, in irgendeiner Form zu überleben. Wenn nicht, ist Europa durch einen Mangel an bezahlbarer Energie, Deindustrialisierung und den Verlust des sozialen Zusammenhalts dem Untergang geweiht. Die Europäer, Ungarn ausgenommen, haben konsequent für die Globalisten gestimmt und werden dies auch weiterhin tun.
Die US-Wahlen im Jahr 2024 könnten, falls sie überhaupt stattfinden, den Beginn des physischen Zerfalls des Landes markieren. Die Frage bleibt: Können die Vereinigten Staaten, im Gegensatz zu Europa, ihr anmaßendes Streben nach Globalismus und die Unterwerfung ihrer politischen Institutionen unter den Zionismus überleben? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Klar ist jedoch, dass durch die Zerstörung des besten Stellvertreters der Vereinigten Staaten auf den Schlachtfeldern der Ukraine die neue Welt entstanden ist.
Dieses Buch befasst sich mit den strukturellen Kernfaktoren, die Russlands militärische Niederwerfung des vereinten Westens untermauern – und nicht nur seine unmittelbare Niederlage herbeiführen, sondern ihm auch die Fähigkeit nehmen, in den kommenden Jahrzehnten, wenn nicht sogar auf unbestimmte Zeit, größere Kriege zu führen –, und was dies für den Rest der Welt bedeutet. Es ist eine Betrachtung der empirischen Beweise, die die Schlachtfelder der SMO für die demütigende militärische und politische Niederlage des Westens und die Zerstörung seiner militärischen Mythologie liefern – dem Hauptpfeiler, auf den sich die Hegemonie der USA und des Westens stützte –, und das nur wenige Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Der Zusammenbruch der amerikanischen Hegemonie und das Ende der westlichen globalen Vorherrschaft werden die Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion in den Schatten stellen. Wir können nur ehrfürchtig der Umgestaltung der Weltunordnung in eine gerechtere, stabilere und vielfältigere Ordnung entgegensehen.
Die Definition einer Echokammer ist einfach und tiefgründig zugleich. Ein Online-Wörterbuch liefert die folgende Definition, die für das Thema dieses Buches relevant ist: Eine Echokammer ist (…) ein sozialer Raum, in dem die eigene Meinung gespiegelt und nicht mit anderen Meinungen konfrontiert wird, sodass es automatisch zu einer Verstärkung der eigenen Meinung kommt.3
Die gegenwärtige bereitwillige Abschottung der westlichen Eliten und Massenmedien von der Realität in einer Echokammer findet jedoch nicht zum ersten Mal statt. Umfangreiche historische Aufzeichnungen und ausführliche Dokumentationen von Historikern und hochkarätigen Augenzeugen belegen nach dem Zweiten Weltkrieg eine ähnliche Abschottung und mangelnde Offenheit für gegensätzliche Ansichten. Der verstorbene Corelli Barnett beschrieb die Blindheit der Briten im 19. Jahrhundert, die durch die utopische liberale Konfabulation und ein Gefühl imperialer Größe gegenüber der Realität der Welt im Allgemeinen hervorgerufen wurde, und bemerkte:
Andere Großmächte betrachteten die Welt nicht als eine große menschliche Gesellschaft, sondern – genau wie die Briten bis ins 19. Jahrhundert – als eine Arena, in der Nationalstaaten – die höchste effektive Form der menschlichen Gesellschaft – je nach gegenseitigem diplomatischem Nutzen um Vorteile konkurrierten. Sie glaubten nicht an eine natürliche Harmonie unter den Menschen, sondern an nationale Interessen, die manchmal mit den Interessen anderer übereinstimmten, manchmal aber auch im Widerspruch zueinander standen.4
Auf jene, die von den brutalen Realitäten der rechtlichen und militärischen Unternehmungen des Empires abgeschottet waren, mochten die Bestrebungen des britischen Liberalismus des 19. Jahrhunderts relativ harmlos wirken. Doch seine moderne Version (oder vielmehr Mutation), wie sie die Vereinigten Staaten und ihr Klienten-Klüngel – auch bekannt als Davos-Kultur, G-7 oder Weltwirtschaftsforum – praktizieren, ist nichts anderes als eine postmoderne neoliberale Sekte, die den Nationalstaat als veraltetes Konstrukt betrachtet, das abgeschafft werden muss. Letztlich wird die Leitideologie dieser Kultur, die hauptsächlich aus den westlichen Nationen besteht, aus einem bestimmten Grund als Globalismus bezeichnet: Sie basiert auf den Ideen des freien Handels, des freien Kapitalflusses und der letztendlichen Reduzierung der Menschheit auf eine graue Masse von Verbrauchern mit weitgehend einheitlichen Neigungen und Bestrebungen und baut auf einer Ersatzmoral auf, die von den Diskursmeistern an der Spitze der finanziellen und politischen Pyramide vorgegeben wird.
Es wurde viel geschrieben über diese Mutation und die Entstehung solcher Ansichten und ihre spätere Umsetzung in der Wirtschafts-, Militär- und Kulturpolitik des Neoliberalismus. Ein vorherrschendes Merkmal des Algorithmus der westlichen politischen und medialen Klassen ist jedoch diese Neigung, sich in einer Echokammer aus zweifelhaften Vorstellungen zu sich selbst und zur Außenwelt zu isolieren. Bei der Bewertung der Gründung Amerikas befasst sich Michael Brenner mit der Metaphysik dieser Echokammer:
Der Amerikanismus bietet eine einheitliche Feldtheorie der Selbstidentität, des kollektiven Unternehmertums und der dauerhaften Bedeutung der Republik. Wenn ein Element als gefährdet empfunden wird, wird die Integrität des gesamten Gebäudes verwundbar. In der Vergangenheit hat die amerikanische Mythologie das Land auf eine Weise mit Energie versorgt, die ihm zum Gedeihen verholfen hat. Heute ist sie ein gefährliches Halluzinogen, das die Amerikaner in einer Zeitschleife gefangen hält, die immer weiter von der Realität entfernt ist. Dieser angespannte Zustand spiegelt sich in der offensichtlichen Wahrheit wider, dass die Amerikaner zu einem unsicheren Volk geworden sind. Sie machen sich zunehmend Sorgen darüber, wer sie sind, was sie wert sind und wie das Leben in Zukunft aussehen wird.5
Unsicherheit weckt das Bedürfnis nach Echokammern zur Vermeidung oder Abschirmung von „schlechten“ Nachrichten und zur Flucht vor dem menschlichen Zwang zur Selbstreflexion – insbesondere, wenn die Selbstreflexion so bittere Pillen produziert, dass sie einem womöglich im Hals steckenbleiben. Auf nationaler Ebene kann die Konfrontation mit der Realität zudem unerträglich schmerzhaft und manchmal sogar tödlich sein. Amerika war als Nation immer unsicher. Das soll nicht heißen, dass sich andere Nationen immer sicher fühlen, aber die Unsicherheit Amerikas ist ein Sonderfall. Wie Brenner feststellt:
Dies ist ein individuelles und kollektives Phänomen. Sie sind insofern miteinander verbunden, als Selbstidentität und Selbstwertgefühl zur Zivilreligion des Amerikanismus gehören. Das war in erheblichem Maße von Anfang an so. Ein Land, das „gegen die Geschichte geboren“ wurde, hatte keine Vergangenheit, die die Gegenwart definieren und prägen konnte. Ein Land, das gegen die Tradition geboren wurde, hatte keinen verwurzelten und gemeinsamen Sinn für Bedeutung und Wert, der tief in die nationale Psyche einging. In einem Land, das gegen die ererbte Stellung und Position geboren wurde, war jeder Einzelne frei, sich einen Status zu erwerben und gleichzeitig dazu gezwungen, da es nur wenige Rangabzeichen gab.6
Diese Unsicherheit ist das Geburtsmal Amerikas und bildet die Grundlage für einen sprichwörtlichen geschwätzigen Patriotismus, den Alexis De Tocqueville während seiner Reise durch die Vereinigten Staaten in den 1830er Jahren feststellte.7Diese Unsicherheit begann sich in allen Bereichen der Aktivitäten einer traditionellen Nation zu manifestieren, von der Wirtschaft über das Militär bis hin zu auswärtigen Angelegenheiten und der Kultur, vor denen ich in all meinen vorherigen Büchern gewarnt habe. Inzwischen ist sie so grotesk angewachsen, dass sie nicht nur die Ideen in dieser Echokammer, sondern die Kammer selbst zum Einsturz bringt.
Zwei scheinbar harmlose Ereignisse mögen diesen Punkt unterstreichen. Diese Ereignisse stehen nicht in direktem Zusammenhang mit der militärischen Spezialoperation Russlands in der Ukraine, sind aber sehr wichtig, weil sie in gewisser Weise als russische Variante eines Ausspruchs des legendären H.R. Mencken dienen: „Es ist der klassische Trugschluss unserer Zeit, dass ein Idiot, der eine Universität durchlaufen und einen Doktortitel erhalten hat, kein Idiot mehr ist.“8In einer Rede vor Studenten der Staatlichen Universität Kostroma am 13. März 2020 bemerkte der russische Premierminister Michail Mischustin, er wolle die geisteswissenschaftliche Ausbildung keineswegs herabsetzen, sagte aber dennoch: „Ich kenne sehr viele wirklich wundervolle Finanziers und Ökonomen, die früher keine sehr guten Ingenieure waren, doch kenne ich keinen einzigen, auch keinen sehr guten, Ingenieur, der früher ein guter Finanzier oder Ökonom war.“9Was Mischustin damit sagen wollte, war ganz einfach: Russland, das zu dieser Zeit bereits unter den strengen Sanktionen des Westens litt, brauchte keine weiteren Ökonomen, Finanziers und Soziologen; es brauchte Ingenieure und MINT-Wissenschaftler, und zwar dringend.
Als ob das politische Gewicht des Premierministers nicht schon genug gewesen wäre, gab auch Präsident Putin selbst gleich nach Beginn von Russlands militärischer Spezialoperation eine Erklärung ab, die sowohl den russischen als auch den westlichen „analytischen“ Parnassus in Rage brachte. Wladimir Putin beschloss, den Status der sogenannten Politikwissenschaft scherzhaft in Frage zu stellen. Die TASS berichtete am 7. Juli 2022:
Der russische Präsident Wladimir Putin bezweifelte die Einstufung der Politikwissenschaft als Wissenschaft, da sich nur schwer eine für dieses Wissensgebiet einzigartige Forschungsmethode finden lässt. Diese Einschätzung teilte er am Donnerstag bei einem Treffen den Gewinnern der vierten Staffel des Wettbewerbs „Leaders of Russia“ mit. Als er hörte, dass eine der Teilnehmerinnen ihre Doktorarbeit im Bereich der Politikwissenschaft verteidigen würde, war das Staatsoberhaupt überrascht: „Auf dem Gebiet der Politikwissenschaft? Gibt es denn so eine Wissenschaft – Politikwissenschaft?“ Als er eine bejahende Antwort erhielt, fügte er lachend hinzu: “Ein strittiger Punkt … Soweit ich weiß, wurde immer davon ausgegangen, dass ein Wissensgebiet ein eigenes Studienfach und eine eigene Forschungsmethode haben muss, um als Wissenschaft gelten zu können. In der Politikwissenschaft ist es schwierig, eine Forschungsmethode zu finden, die nur ihr eigen ist“, so legte Putin seine Ansicht dar.10
Erwähnenswert ist, dass ich diese Punkte 2018 persönlich ansprechen musste, als ich The (Real) Revolution In Military Affairs schrieb; es basierte zu einem großen Teil auf der Kritik an der Arbeit des bekannten amerikanischen Politikwissenschaftlers John Mearsheimer, insbesondere an The Great Delusion: Liberal Dreams and International Realities, und kritisiert den westlichen Bereich der Politikwissenschaft im Allgemeinen. Ich möchte die Leser kurz daran erinnern, was ich im Vorwort zu diesem Buch geschrieben habe:
Erst kürzlich veröffentlichte eine angesehene, konservative und lobenswerterweise kriegsgegnerische Publikation, The American Conservative, eine vernichtende, gut begründete Kritik an Kriegstreibern und Iran-Falken wie David Brooks und Bret Stephens, die hauptsächlich für die New York Times schreiben. Sowohl Brooks als auch Stephens, wie auch viele andere, halten sich für Experten, Analysten, Kolumnisten und Kommentatoren mit Schwerpunkt auf Geopolitik und internationalen Beziehungen. Zweifellos analysieren und kommentieren sie diese Themen und verfügen, wie alle geisteswissenschaftlich ausgebildeten Experten unter den führenden Persönlichkeiten der amerikanischen Mainstream-Medien, über eine (für Medienvertreter) beeindruckende Anzahl von Referenzen in allen möglichen medienbezogenen Disziplinen – von Geschichte über politische Philosophie bis hin zu Journalismus. Sowohl Brooks als auch Stephens, ebenso wenig wie die überwiegende Mehrheit der amerikanischen politischen Klasse, verfügen jedoch nicht einmal über Grundkenntnisse zu den Themen, zu denen sie alle Stellung nehmen, Analysen veröffentlichen und (für diejenigen, die politische Macht innehaben) sogar Entscheidungen treffen wollen – nämlich zur Kriegsführung.11
Damals mochte eine solche Beschreibung etwas hart oder sogar weit hergeholt wirken, doch haben sich die Zeiten in den letzten vier Jahren dramatisch geändert. Heute wirkt diese Kritik fast schon zurückhaltend, denn wenn man über die amerikanische Echokammer spricht, darf man eine Tatsache nicht ignorieren: Die Mehrheit derjenigen, die für die Strategieentwicklung der Vereinigten Staaten verantwortlich sind, oder was man im US-Establishment für wirtschaftliche oder militärische Strategien hält, sind Politikwissenschaftler und Ökonomen. An zweiter Stelle folgen Juristen und Mainstream-Journalisten – hier ein Euphemismus für Propagandisten. Insgesamt werden in den Vereinigten Staaten die Entscheidungen, die nicht nur für die Existenz der Vereinigten Staaten, sondern für die der Welt von entscheidender Bedeutung sind, von Menschen getroffen, die im Großen und Ganzen über keinerlei ernsthafte akademische und praktische Erfahrungen in Angelegenheiten von Krieg und Frieden, Geopolitik, Realwirtschaft und Staatskunst verfügen. Genau solche Menschen sind im gesamten Westen für die Meinungsbildung verantwortlich und letztlich für die Errichtung dieser Echokammer, deren Existenz alles Leben auf der Erde bedroht. Daher müssen wir uns hier die amerikanische intellektuelle Klasse genauer ansehen.
Ich möchte hier eine Definition der intellektuellen Klasse, auch bekannt als Intelligenzija, zitieren: Die Intelligenzija ist eine Statusklasse, die sich aus den Universitätsabsolventen einer Gesellschaft zusammensetzt, welche sich mit komplexen geistigen Tätigkeiten befassen, durch die sie die Politik, die Richtlinien und die Kultur ihrer Gesellschaft kritisieren, gestalten und leiten. Als solche besteht die Intelligenzija aus Gelehrten, Akademikern, Lehrern, Journalisten und Schriftstellern.12
