Amuria - Bettina Belitz - E-Book

Amuria E-Book

Bettina Belitz

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12,99 €

Beschreibung

Maja staunt nicht schlecht, als sie sich bei einem ihrer Streifzüge durch den neuseeländischen Regenwald nach einem schwindelerregenden Sturz in einer fantastischen Welt wiederfindet. Ihre Bewohner leben in Harmonie mit Tieren und Pflanzen, alles ist hell und schön – nur Maja passt nicht hierher. Sie, der Eindringling, stört Amurias Gleichgewicht, schlimmer noch: Als Menschenkind könnte sie Amurias geheime Existenz verraten. Ihr bleibt nur eine Chance: Zusammen mit dem jungen Nebelhüter Nalu muss sie einen gefährlichen Auftrag erfüllen, dann erst darf sie nach Hause zurückkehren. Sie ahnt nicht, dass die Reise, auf die der geheimnisvolle Junge und sie aufbrechen, nicht nur die Grundfesten Amurias, sondern auch die ihrer eigenen Welt erschüttern.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 383

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Inhalt

Mondscheinkind

Schlammschlacht

Auf Nimmerwiedersehen

Hungersnöte

Sitzkreis

Tödliches Paradies

Der Nachthelle Hirsch

Sonne und Mond

Die Silberlagune

Abschiedsklänge

Zwischen den Welten

Willkommen im Nichts

Der Geist des Feuers

Verwandlungskünste

Sternenzauber

Dünnes Eis

Geschwisterkriege

Das ewige Gleichgewicht

Lichtblicke

Himmel und Erde

Auf Immerwiedersehen

Mondscheinkind

»An der Westküste sind gestern früh wieder zwölf Wale gestrandet und verendet. Warum immer zwölf?«, fragte Mama besorgt.

»Ja. Passt zu den Delfinen bei Wellington. Auch zwölf«, antwortete Papa und klickte ein paarmal mit der Maus. »Zur gleichen Zeit haben wir neue seismische Aktivitäten gemessen, obwohl der Berg schläft. Ich sag dir, da gibt es einen Zusammenhang. Es muss einen geben – wenn ich nur wüsste, welchen!«

»Und wenn ich nur wüsste, warum es jedes Mal zwölf sind …«, murmelte Mama.

Noch immer hatten sie nicht bemerkt, dass ich hinter ihnen stand. Es musste schon ein Tornado durchs Zelt fahren, damit sie mal ihre Arbeit vergaßen. Denn sie lebten für ihre Arbeit.

Seit ich denken konnte, versuchten meine Eltern, die Welt zu retten. Für sie sah das allerdings so aus, dass sie stundenlang über ihren Laptops brüteten, Kurven und Diagramme betrachteten, die sich kaum veränderten, oder aufwendige Messungen vornahmen – und zwar rund um den Globus. Ich war erst dreizehn und hatte schon in Südamerika, auf Island, in Mexiko und auf den Kanarischen Inseln gelebt, doch nun waren wir endlich wieder an dem Ort gelandet, den ich am meisten liebte: Neuseeland. Genauer: Mount Taranaki auf Neuseelands Nordinsel. Meine Eltern waren verrückt nach Vulkanen, auch wenn sie am Fuß eines Vulkans kaum etwas anderes machten, als ihre Messstationen und Laptops aufzubauen, und sich manchmal den ganzen Tag kaum vom Fleck bewegten.

Ich war da anders. Anstatt die Natur über den Computer auszuwerten, befand ich mich lieber mittendrin, ganz besonders in dem märchenhaften Regenwald am untersten grünen Gürtel des Mount Taranaki.

Goblin Forest nannten die Einheimischen ihn, den Kobold-Wald. So sah er auch aus – und noch wollte ich nicht akzeptieren, was meine Eltern und ihre Kollegen glaubten, herausgefunden zu haben. Dass dieser dichte, sumpfige Wald zu sterben begann und mit ihm die süßen Kiwivögel, die Papa und ich früher zusammen behutsam aus ihren Erdhöhlen gezogen hatten, damit ich sie in meinen Armen hielt und er ihnen Fußbänder mit Sendern anlegen, sie wiegen und vermessen konnte. Nie hatte ich ihre sanften schwarzen Kugelaugen vergessen können und erst recht nicht, wie weich sie sich anfühlten, wenn sie wieder schläfrig wurden und sich schwer in meine Hand schmiegten, um weiterzudösen. Kiwis waren nur nachts richtig munter, bei Helligkeit versteckten sie sich und schliefen. Doch das würde mich nicht abhalten, auch tagsüber nach ihnen zu suchen.

Wir waren schon drei Tage im Camp, und ich hatte es bisher nicht eine Minute verlassen dürfen. Meine Eltern konnten nicht erwarten, dass ich noch länger bei ihnen herumsaß und ihnen dabei zuschaute, wie sie irgendwelche komplizierten Analysen auswerteten. Das war todsterbenslangweilig. Gestern Abend hatte ich sie endlich breitschlagen können, mir die Erlaubnis zu geben, dass ich heute Mittag allein durch den Wald streifen durfte. Schließlich kannte ich mich hier aus.

»Hey, ihr zwei.« Es dauerte ein paar Sekunden, bis meine Eltern ihre Blicke von den Bildschirmen lösten und sich fragend zu mir herumdrehten. »Ich zieh dann mal los. Okay?«

Mama und Papa seufzten beide auf und warfen sich einen kurzen Blick zu. Dann zwang Mama sich zu einem Lächeln.

»In Ordnung, Maja, aber denk daran, was wir gestern Abend besprochen haben. Du bleibst auf den beschilderten Wegen. Kein Schritt abseits der Pfade!«

»Ja, und sobald Nebel aufzieht, bleibst du stehen und wartest, bis er sich legt«, redete Papa weiter, über dessen Augen sich dicke Kummerfalten gebildet hatten. Er machte sich schon jetzt Sorgen, ich sah es genau.

»Ich weiß nicht …«, wandte ich achselzuckend ein. »Hier ist dauernd Nebel. Könnte sein, dass ich dann stundenlang im Wald rumstehe.«

»Da ist was dran.« Mama legte Papa beruhigend die Hand auf den braun gebrannten Unterarm. »Wir haben den Berg seit drei Tagen nicht gesehen. Trotzdem, bei dichtem Nebel hältst du dich an Papas Rat, ja? Das Klima hat sich eben verändert … Wir können sie deshalb aber nicht zwingen, immerzu hierzubleiben«, schloss sie in Papas Richtung, weil der schon wieder aus tiefstem Herzen aufseufzte, als hätte ich gar keine andere Chance, als mich im Nebel zu verirren.

»Wir könnten schon, wenn wir das wollten …«, grummelte Papa und verzog sein stoppelbärtiges Gesicht. »Aber wir wollen ja nicht.«

»Nein, wir wollen nicht«, bestätigte Mama sanft, doch auch sie wirkte angespannt. »Wir können Maja nicht im Camp einsperren.«

»Hallo, ich bin noch da!« Feixend winkte ich ihnen zu. »Ihr könnt mit mir direkt reden. Ich werde schon nicht verloren gehen im Wald.«

»Wäre ja nichts Neues.« Papa nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche und blickte mich ernst an. »Du erinnerst dich, was passiert ist, als wir das letzte Mal am Taranaki waren?«

»Klar«, erwiderte ich betont locker und schulterte meinen Rucksack. »Und eigentlich war es gar nichts.«

»Gar nichts?« Die Plastikflasche knackte in Papas Hand, weil er sie versehentlich zu fest drückte. »Du warst zwei Tage lang wie vom Erdboden verschwunden, und wir haben dich überall gesucht! Und zwar genau in diesem Wald!«

»Schatz, bitte …« Erneut strich Mama über seinen Unterarm, und er unterdrückte ein angestrengtes Schnaufen. »Maja ist jetzt dreizehn, keine vier mehr. Und sie hat ein Handy dabei.«

»Ja, und außerdem ist nichts Schlimmes passiert. Ich hatte nicht einmal eine Verletzung! Nur ein paar Kratzer, mehr nicht.« Und dazu Erinnerungen, an die ich heute selbst nicht mehr zu glauben wagte. Weil sie zu fantastisch waren, zu paradiesisch, zu … zu schön für einen Sturz in ein schlammiges Erdloch.

»Überlebensmaßnahme des Gehirns«, hatte der Kinderpsychologe gesagt, zu dem meine Eltern mich zwei Jahre später geschleppt hatten, weil ich immer wieder von diesen Erlebnissen erzählt hatte. Es habe sich Sachen ausgedacht und für wahr gehalten, die nicht da gewesen seien, aber für tröstende Gefühle gesorgt hätten, solange ich in Gefahr gewesen sei. Trotz meiner sechs Jahre hatte ich verstanden, was er damit gemeint hatte – und irgendwann glaubte ich selbst nicht mehr daran. Ja, ich musste mir das alles eingebildet haben, diese lichtdurchflutete Welt mit ihren seltsamen flimmernden Bewohnern, den zahmen Fabelwesen und Wasserfällen, die aussahen, als würden sie aus Regenbogenkristallen bestehen. So etwas gab es in Wirklichkeit nicht.

Trotzdem war es mir jedes Mal unangenehm, wenn Mama und Papa mich an dieses Kapitel meiner Kindheit erinnerten. Als hätte ich mich nicht im Wald verirrt, sondern meinen Verstand verloren.

»Dir ist nichts passiert, aber wir sind fast Amok gelaufen vor Sorge«, knurrte Papa. »Ein zweites Mal halte ich das nicht aus. Aber gut, Katja hat recht, du bist nun älter und … vernünftiger …« Er verkniff sich ein Lachen. Besonders vernünftig war ich wirklich nicht. Zu gerne verließ ich befestigte Wege, näherte mich wilden Tieren, kletterte auf steilen Felsen herum, spielte mit Feuerquallen oder kämpfte mit Riesenwellen. Aber ich war eben auch ziemlich gut in diesen Dingen. »Halte dich einfach an das, was wir ausgemacht haben. Nur bis zur nächsten Hütte, dann umkehren. Keine Experi- mente.«

»In Ordnung, keine Experimente«, versprach ich artig. Fürs Erste genügte es mir, endlich wieder im Goblin Forest zu sein. Alles Weitere würde sich schon ergeben. In Neuseeland warteten immer irgendwelche Abenteuer, auch auf den befestigten Wegen.

»Und denk daran, Maja, die Natur hier hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Leider.« Mamas Lächeln schwand. »Der Wald bekommt wegen dem ständigen Dunst und Nebel zu wenig Sonne ab, viele Pflanzen wachsen nicht mehr so prächtig, und die Kiwis … die Kiwis sind ausgestorben.«

»Glaube ich nicht«, widersprach ich stur. »Die verstecken sich nur.«

Erneut warfen Mama und Papa sich einen vielsagenden Blick zu, doch anstatt mir weitere Warnungen mit auf den Weg zu geben, stand Papa auf, trat auf mich zu und umfasste mein Gesicht, um mich wie so oft auf mein Feuermal zu küssen. Es prangte über meinen Brauen, exakt in ihrer Mitte, und hatte die Form einer Mondsichel in einem Vollmond. Also quasi zwei Monde in einem.

»Dann pass gut auf dich auf, Mondscheinkind. Bis heute Abend.«

»Ja, bis heute Abend.« Auch Mama stand auf, um mich in den Arm zu nehmen.

Sie benahmen sich, als würde ich zu einer Weltreise aufbrechen. Dabei wollte ich nur eine halbtägige Wanderung machen, deren Strecke ich früher fast jeden Tag mit Papa gelaufen war. Ich war mir sicher, dass ich sie noch in- und auswendig kannte.

»Ruf an, wenn was ist. Ach, und Maja …« Mama schaute mir forschend in die Augen. »Wir werden ein wenig länger bleiben als sonst. Vielleicht findest du in der Schule ein oder zwei Mädchen, mit denen du in Zukunft …«

»Länger ist nicht für immer«, unterbrach ich sie leise. »Das lohnt nicht. Bin dann weg, viel Spaß mit euren langweiligen Diagrammen!«

Ehe Mama etwas einwenden konnte, schlüpfte ich durch den Zelteingang nach draußen in die frische Kühle und marschierte dem Wald entgegen. Ich wusste genau, was Mama mir hatte sagen wollen – dass ich mir Freunde suchen sollte, mit denen ich zusammen durch die Natur streifen konnte. Oder vielleicht mal ganz andere Dinge tun, als immer nur Gefahren zu suchen.

Aber ich wollte keine anderen Dinge tun. Ich war gerne draußen und fühlte mich dort niemals allein. Vor allem aber wollte ich keine Freundschaften mehr knüpfen, die ich nach einiger Zeit doch wieder aufgeben musste, weil woanders auf der Welt Tiere ausstarben und sich Erdkrusten verschoben. Das hatte keinen Sinn – und es tat weh. Davon hatte ich die Nase voll. In meinem Leben waren nicht die Tiere und Pflanzen vom Aussterben bedroht, sondern die Freunde. Also war es besser, gar nicht erst welche zu haben.

Sobald ich das Camp hinter mir gelassen hatte, beschleunigte ich meine Schritte, denn ich konnte es kaum erwarten, dass sich das dunkelgrüne Dach des Goblin Forest über mir schloss und ich mir vorkam wie der einzige Mensch weit und breit. Zwar gehörten die ausgeschilderten, durch Holzplanken befestigten Wege zu den beliebten Touristenpfaden, doch bei dem feuchten, dunstigen Wetter, das im Moment herrschte, verirrten sich nur wenige von ihnen hierher.

Schon nach den ersten Metern musste ich mir meine Kapuzenjacke überziehen, weil es aus den Ästen und Zweigen kalt auf mich heruntertropfte, ein ständiges Klack-klack-klack, und es dauerte eine Weile, bis ich begriff, warum es mir so merkwürdig fremd und unheimlich vorkam: Die Vogelstimmen fehlten. Kein einziger Vogel zwitscherte oder rief – ganz anders als früher, wo Papa und ich manchmal kaum unsere Schritte gehört hatten vor lauter Gesang aus den Wipfeln über uns. Bis auf das ständige Tropfen der Nässe aus den Bäumen war es totenstill.

Entschlossen lief ich weiter. Vielleicht war ich noch nicht weit genug in den Wald vorgedrungen, und die Vögel hatten sich in seine Mitte zurückgezogen. Doch nun fiel mir auf, dass er sich tatsächlich verändert hatte, ich konnte es nicht mehr ignorieren.

Die Farne wirkten blass, manchen von ihnen schien sämtliche Lebenskraft ausgegangen zu sein, ihre langen Wedel lagen flach auf dem sumpfigen Boden. Einige Bäume verloren ihr Laub, sahen kahl und tot aus, und andere wuchsen krumm um sich selbst herum, oder ihre Stämme waren übersät von Wucherungen, die aussahen wie Geschwüre. Sie erinnerten mich an giftige Pilze und sendeten einen dumpfen, modrigen Geruch aus.

Überhaupt müffelte der Wald. Früher hatte mich sein Duft immer an eines der Kräutershampoos erinnert, die Oma benutzt hatte. Nun aber hatte ich das Gefühl, mich durch Schwefeldämpfe zu bewegen, ja, an manchen Stellen trieb der Gestank nach faulen Eiern mir fast die Tränen in die Augen.

Mama und Papa hatten recht – hier stimmte etwas nicht. Das war nicht der Goblin Forest, wie ich ihn kennengelernt hatte, und nun fürchtete ich auch, dass es wahr war, was sie vermuteten. Kiwis gab es hier keine mehr. Wäre ich ein Kiwi, hätte ich mich hier auch nicht wohlgefühlt. Aber wenn sie ausgestorben waren, was hatte sie vernichtet? Und gab es tatsächlich einen Zusammenhang mit den Delfinen und Walen, die dauernd an der Küste strandeten?

Noch immer hoffte ich, nach der nächsten Wegbiegung würde ich in meinen alten, geliebten Zauberwald eintauchen. Als die Farne wieder dichter und kraftvoller wuchsen und ich ein paar zarte Vogelstimmen hörte, ganz in der Ferne, wurde ich schneller und fand mich ein paar Schritte weiter mitten in einer undurchdringlichen Nebelbank wieder, ohne dass ich sie hatte kommen sehen.

»Wow, Wahnsinn«, flüsterte ich fasziniert, denn es war ganz so, wie man es immer sagte: Ich sah kaum die eigene Hand vor meinen Augen. Der gesamte Wald schien verschwunden zu sein. Nur noch an dem ständigen Klack-klack-klack der fallenden Wassertropfen konnte ich erkennen, dass sich Bäume um mich herum befanden.

Und jetzt? Stehen bleiben, wie Papa es verlangt hatte, und warten, bis der Nebel weitergewandert war und ich wieder mehr sehen konnte?

Nein, das war mir zu langweilig und nützte nichts, wenn der Nebel sich an dieser Stelle festsetzte. Umkehren wollte ich aber auch nicht. Links von mir sah es aus, als versuchte Licht, durch den Dunst zu dringen, er wirkte dort nicht ganz so dicht und grau. Also doch die Holzplanken für eine kurze Wegstrecke verlassen? Bis ich wieder etwas sehen konnte? Und mal ehrlich, hatte ich nur eine Sekunde ernsthaft daran gedacht, immer auf den Planken zu bleiben?

»Nein«, wisperte ich und machte einen großen Schritt zur Seite, nur um erneut zu erstarren, denn ich fühlte etwas, was ich in diesem Wald noch nie gefühlt hatte, ach, ich hatte es auch an anderen Orten noch nicht gefühlt: Angst. Innerhalb einer Sekunde hatte sie sich in meinem Bauch festgefressen und wanderte von dort in meine Arme und meine Beine bis hinunter zu meinen Füßen. Der linke sank bereits in den morastigen Untergrund ein.

Ja, ich hatte Angst. Das war neu. Erstaunt lauschte ich in den grauen Dunst hinein. Ich konnte mein eigenes Herz pochen hören. Es hatte bisher keine einzige Situation gegeben, in der ich in der Wildnis um mein Leben gefürchtet hatte. Doch genau so fühlte es sich an. Als ob ich sterben würde, wenn ich noch einen Schritt weiter machte.

Das konnte nicht sein. Dieser Wald war kein Sumpf. Ich hatte mich damals mit Papa oft abseits der festen Wege bewegt, sonst hätten wir die Kiwis niemals gefunden. Wir hatten auch nasse Füße bekommen, aber das war normal im Goblin Forest. Genau deshalb waren ja die Holzstege montiert worden. Aber weiter als bis zu den Knöcheln waren wir nie in den Boden eingesunken.

War ich vielleicht genau an der Stelle, an der ich damals … verschwunden war? Meine Eltern hatten das Camp Hals über Kopf abgebrochen, nachdem sie mich wiedergefunden hatten, und waren zurück nach Europa geflogen, um sich von ihrem Schrecken zu erholen. Ein halbes Jahr lang hatte Papa an einer Universität Vorträge gehalten und Mama nach neuen Projekten gesucht, bis beide einen Rappel bekommen hatten und wir in die mexikanische Dschungelwelt abgereist waren. Ich war seitdem nicht mehr in diesem Wald gewesen.

Erinnerte sich etwas in mir an meinen … Sturz? Angeblich war ich gefallen und hatte zwei Tage in einer Erdhöhle verbracht, bevor ich die Kraft gefunden hatte, herauszukrabbeln und zurück auf den Pfad zu gehen. Wo meine Eltern mich endlich gefunden hatten.

Bang schaute ich an mir herunter. Ich fühlte, dass mein linkes Bein schon bis zum Knöchel in kaltem Schlamm steckte, aber sehen konnte ich es nicht. Ab der Taille abwärts verschwand mein Körper im Dunst und dieser ungewohnte Anblick machte mich auf einmal so schwindelig, dass ich das Gleichgewicht verlor.

Mir blieb nichts anderes übrig, als auch meinen rechten Fuß von den Holzplanken zu lösen, um nicht in den Matsch zu fallen, und musste drei weitere Schritte vom Steg weg machen, um mich zu fangen. Doch der Nebel hier war nicht weniger dicht. Er hatte nur eine andere Farbe. Irgendwie gelblich … beinahe künstlich. Und er roch – süß? Nach Blüten? Jedenfalls stank er nicht nach faulen Eiern. Er sah giftig aus, doch meine Nase fand ihn so köstlich, dass ich weiter in diese gelbe Wolke hineinstapfte, und mit jedem Meter, den ich zurücklegte, wurde meine Angst kleiner, bis ich sie kaum mehr spürte.

Der gelbe Dunst fühlte sich vertraut an. Warm war er auch und verlockend … Schon streifte ich mir meine Jacke vom Körper und ließ sie achtlos fallen, um meine Arme durch seine glitzernden Schleier zu ziehen und an ihnen zu riechen, als unter mir der Boden bebte und ich erschrocken die Augen aufriss. Vor mir stand jemand. Ja, da war jemand gewesen, ich hatte es genau gesehen, für einen winzigen Moment nur, aber da war eine Gestalt gewesen, nicht viel größer als ich, und es hatte fast so gewirkt, als ließe sie den gelben Dunst entstehen. Er kam aus ihren Händen! Spielte mir da etwa jemand einen Streich?

»Hallo?«, rief ich in den Nebel hinein, doch er verschluckte meine Stimme sofort. »Hallo, wer ist denn da? Hey, zeig dich, das ist nicht witzig …«

Keine Reaktion. Stattdessen wurde der Geruch so süß und betörend, dass mir zum zweiten Mal schwindelig wurde. Gut, dann musste ich mich eben wieder bewegen, das hatte vorhin schließlich auch geholfen.

Mit ausgestreckten Armen zog ich meine Füße aus dem schmatzenden Schlamm und stapfte auf den Punkt zu, wo ich die Gestalt gesehen hatte. Weit konnte sie ja nicht gekommen sein. Da! Da war sie wieder, etwas weiter links, und wieder strömten goldgelbe Schlieren aus ihren Händen und aus ihren … ihren Füßen? Scheiße, was war das denn? Ein Junge, der Nebel aus seinen Händen und Füßen schickte und mich dabei ansah, als ob … als ob ich ein Ungeheuer wäre, dabei … dabei war ich doch diejenige, die …

Ich hörte mich aufschreien, als befände ich mich weit, weit weg – viel zu leise, gedämpft und zart, obwohl ich spüren konnte, wie meine Lungen sich dabei blähten, denn ich brüllte um mein Leben. Unter mir war kein Grund mehr. Der Boden brach ein, als hätte ich auf dünnem Geäst gestanden und würde Tonnen wiegen, und ich wurde im Fallen so schnell im Kreis gewirbelt, dass es in meinen Ohren zu rauschen begann. Sterne tanzten vor meinen Augen, und mein Magen schlug Purzelbäume.

Mein Hilfeschrei blieb oberhalb der Erde und verhallte so schnell, wie ich nach unten gezogen wurde. Niemand hörte ihn. Da war nur noch das ewige Klack-klack-klack der fallenden Wassertropfen. Wieder war es, als hätte der Erdboden mich verschluckt, und meine Eltern würden mich vergeblich suchen und ihren Albtraum ein zweites Mal durchleben müssen.

Stumm, ohne jeden Klang, wurde ich hinab in die Tiefe geschleudert, und noch bevor ich das Bewusstsein verlor, wusste ich: Es war echt gewesen.

Mein Verstand hatte sich nichts ausgemalt, meine Erinnerungen waren keine kindlichen Fantasiebilder gewesen, die mich hatten schützen sollen, während ich mich fern meiner Eltern in dieser magischen, unbegreiflichen Welt bewegt hatte.

Ich hatte das alles wahrhaftig erlebt.

Und nun kehrte ich zurück.

Schlammschlacht

Nein. Nein, das war nicht die Welt, in der ich als Kind zwei lichterfüllte Tage verbracht hatte. Der Sturz hatte sich ganz ähnlich angefühlt wie damals, und zum ersten Mal hatte ich mich bewusst daran erinnern können. Ich war nach einem Fehltritt abseits des Hauptpfads gestürzt, Kilometer abwärts, und dabei in schwindelerregender Geschwindigkeit um mich selbst gewirbelt worden.

Doch ich war in einem Paradies gelandet, nicht in einem Dreckloch. Dieser Schmodder, in dem ich nun keuchend darum kämpfte, Luft zu bekommen und mich irgendwo festhalten zu können, war jedoch ein einziges widerliches, stinkendes Dreckloch.

Vor allem aber hatte in der Paradieswelt niemand versucht, mich umzubringen. Was jetzt zweifellos geschah – und mein Möchtegernmörder war kein anderer als der seltsame Nebelheini von eben.

»Hör endlich auf mit dem Mist!«, brüllte ich ihn Schlamm spuckend an, als er zum dritten Mal meine Hände von den feuchten Holzplanken über mir schob, sobald ich sie umklammert hatte. Er musste mich dafür nur sanft mit seinen nackten Zehen anstupsen, und sofort verließ mich meine Kraft. Ein ganz mieser Zauber war das – oder ich durch meinen Sturz so schwach, dass er mich zerdrücken konnte wie eine lebensmüde Fliege, wenn er wollte.

Strampelnd hielt ich mich oberhalb der braunen, modrigen Brühe, in der ich gelandet war, und holte erneut tief Luft, um meine Arme aus dem Schlick zu ziehen und nach den Planken zu greifen. Denn wenn ich mich nicht bald auf den Steg wuchtete, würde ich von diesem Sumpf verschlungen werden, und zwar bei lebendigem Leibe.