Luzie & Leander 5 - Verwünscht gefährlich - Bettina Belitz - E-Book

Luzie & Leander 5 - Verwünscht gefährlich E-Book

Bettina Belitz

4,8

Beschreibung

So schwer kann das nicht sein, denkt Luzie, als sie bei einem Schulprojekt das Leben eines Mitschülers positiv beeinflussen soll – im Geheimen. Kandidaten für so eine Aktion gibt es schließlich genug, denn keiner ihrer Parkour-Jungs scheint gerade irgendetwas auf die Reihe zu kriegen. Bliebe da nur noch ein Problemfall: Leander. Statt endlich herauszufinden, was es mit dem Dreisprung auf sich hat, dem einzigen Weg, für immer bei Luzie zu bleiben, starrt der nur Löcher in die Luft. Vielleicht sollte Luzie auch da ein bisschen nachhelfen? Die himmlische Jugendbuch-Reihe von Bettina Belitz! Mit viel Humor und Einfühlungsvermögen erzählt die Splitterherz-Autorin, wie sich Luzie und ihr Schutzengel Leander durch das Pubertätschaos kämpfen und die erste Liebe erleben."Verwünscht gefährlich" ist der fünfte Band der Luzie und Leander-Reihe.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 311

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit




Inhalt

Affentheater

Beschwipstes Huhn

Berührungsängste

Ausgequetscht

Beziehungspause

Erleuchtungen

Dyer Maker

Post vom Ghostwriter

Alkoholkontrolle

Rosa Aussichten

Smoke on the Kraftwerk

Drei auf einen Streich

Achtung, Briefbombe

Kopfüber ins Pech

Das himmlische Kind

Kosmische Klänge

Brigadistengemetzel

Angel in Time

engelsfluegel.blog.com

Affentheater

Ich blinzelte, um meine Augen noch ein bisschen schärfer zu stellen, doch eigentlich war ich mir längst sicher, was ich da oben sah. Die wuchtige Gestalt hinter unserem kleinen, beschlagenen Badezimmerfenster war Mama und sie versuchte gerade, sich mit einer Überdosis Haarspray eine Frisur zu machen. Sie wollte aus dem Haus gehen. Sie tat es wirklich! Nun, sie musste es; mein Vater hatte sie dazu verdonnert. Glück für mich, denn sobald sie fort war, blieb nur noch er als Gefängniswärter übrig.

Papa war leichter zu überlisten als Mama, vor allem dann, wenn er unter Zeitdruck stand und sich mit einem seiner Kunden beschäftigen musste. Toten Kunden. Papa war Bestatter und beim Waschen und Herrichten von Leichen vergaß er gerne die Welt um sich herum, inklusive seiner unerzogenen Tochter.

»Noch maximal zehn Minuten«, vermeldete ich den Jungs optimistisch und sprang mit einem geschmeidigen Satz von unserer Biomülltonne, die ich als Aussichtsturm benutzt hatte. Sie schwankte nicht einmal. Ich war immer noch gut in Form. »Dann ist sie weg und wir können abhauen. Meinen Vater trickse ich schon irgendwie aus.«

Mama gab den Kampf gegen ihre Haare spätestens nach einer Viertelstunde auf. Zurzeit eher schneller, denn ihre Nerven waren dünn. Es war ohnehin sinnlos, ihre Locken zu einer Frisur überreden zu wollen – und ihr geliebtes Glätteisen hatte Leander ruiniert, weil er aus Langeweile versucht hatte, damit die Falten aus meiner Bettwäsche zu bügeln. Beinahe hätte es einen Zimmerbrand gegeben und beinahe hätte ich Leander anschließend umgebracht, denn wenn man wie ich Hausarrest in der allerhöchsten Sicherheitsstufe hatte, waren Zimmerbrände nur bedingt nützlich.

Immerhin hatte die Bettwäsche lediglich gequalmt und gestunken und nicht lichterloh gebrannt und zu meinem großen Glück hatte Mama die Situation vollkommen falsch interpretiert. Sie dachte, ich hätte mir eine hübsche Frisur machen wollen und das Eisen versehentlich auf dem Bett liegen lassen. Deshalb kam ich gerade noch mit einem blauen Auge davon. Dabei weiß Mama eigentlich, dass mich hübsche Frisuren ungefähr so viel interessieren wie die neuesten Zickereien bei Popstars. Also gar nicht.

Aber ich spielte mit, denn noch mehr Überwachung hätte ich nicht verkraftet. Es war ein Wunder, dass ich alleine schlafen und aufs Klo gehen durfte. Obwohl ich ja schon seit einem knappen Jahr nicht mehr alleine schlafen durfte – aber das war ein anderes Thema und davon verstand Mama nichts. Davon verstand niemand etwas, der keinen gestrandeten Schutzengel mit unsichtbarem Menschenkörper in seinem Zimmer unterbringen musste.

Auch Seppo und Serdan, die gelangweilt auf unserer schiefen, rostigen Gartenbank saßen und ihre Füße anstarrten, verstanden davon nichts. Serdan war ein bisschen näher dran als Seppo, aber immer noch viel zu weit weg. Vielleicht war das auch gut so. Leander konnte man nicht verstehen, wenn man ihn nicht sah und hörte, und leider war ich die Einzige, die dazu in der Lage war, auch wenn ich niemals darum gebeten hatte und ihm sein Schnattermaul manchmal am liebsten mit Paketband zukleben wollte. (Vorgestern hatte ich es sogar versucht, aber wenn Leander und ich miteinander rangelten, verlor ich immer. Auch so etwas, was mir an ihm nicht passte.)

Jedenfalls war das Glätteisen irreparabel kaputt und Mama hatte kein Geld für ein neues. Sie musste arbeiten gehen, um unsere Kasse aufzustocken und neuen Kosmetikkram kaufen zu können, den kein Mensch brauchte. Es hatte deshalb beinahe eine Ehekrise zwischen Mama und Papa gegeben. Mama meinte, es sei verantwortungslos, einem Problemkind (moi!) Hausarrest zu erteilen und dann nicht rund um die Uhr da zu sein, um es zu überwachen, ja, verantwortungslos sei das und inkonsequent. Dem konnte Papa schlecht widersprechen, denn verantwortungslos und inkonsequent waren zwei seiner Lieblingswörter, aber gegen seine Argumente war Mama ebenso machtlos. Unser Sommerurlaub war nämlich ein bisschen teurer ausgefallen als geplant. Was ebenfalls an mir lag, zumindest oberflächlich betrachtet. Ich hatte Leander aus der Patsche helfen und dafür abhauen müssen, um quer durch Frankreich zu trampen und am Ende unserer Abenteuertour bei Johnny Depp im Wohnzimmer zu landen, während meine Eltern mich an der Atlantikküste vermuteten und sämtliche Campingplätze nach mir absuchten. Wieder eine Geschichte, die niemand richtig verstehen würde, der nicht wusste, dass Leander an allem schuld war. Selbst Serdan verstand sie nicht und der war dabei gewesen. Ehrlich gesagt: Selbst ich verstand nicht alles, was in diesem Chaosurlaub geschehen war.

Sky Patrol, der Verein, zu dem Leander gehörte, war eine ziemlich kranke und verworrene Organisation. Obwohl seine Mitglieder, die Wächter, ähnlich wie Schutzengel agierten, verabscheuten sie das Wort Schutzengel, und wer nicht so tanzte, wie sie es sich vorstellten, wurde gnadenlos aus der Gemeinschaft verstoßen. Wie Leander. Inzwischen war uns beiden klar, dass es für ihn den Weg zurück nicht mehr geben würde. Leander hatte einen menschlichen Körper – eine Schande für Sky Patrol! – und es sich zudem mit all seinen Vorgesetzten gründlich verschissen. Außerdem stand er auf der Fahndungsliste der Schwarzen Brigade, einer Elitetruppe, die keinen Spaß verstand. Doch wozu Leander stattdessen auf der Welt sein sollte, wussten wir beide nicht recht. Es war kompliziert. Alles war kompliziert geworden!

Ich fuhr erschrocken aus meinen Gedanken hoch, als ohne Vorwarnung die Tür zu unserem »Garten« (ein langes, schattiges Hinterhofrechteck zwischen hohen Mauern, in dem alles verdorrte, was Papa in die trockene Erde setzte) aufgerissen wurde und Mamas Schatten auf die Gesichter der Jungs fiel. Mit gespitzten, pink getünchten Lippen sah sie erst Seppo und Serdan an – gründlich und prüfend und dabei ziemlich Furcht einflößend – und nahm dann mich ins Visier. Ich wusste nicht, was schlimmer war: ihr Gefängniswärterinnenblick oder der erdbeerfarbene Glanzsatin-Trainingsanzug, in den sie sich gequetscht hatte. Mama würde von nun an wieder als Turnlehrerin arbeiten, zweimal in der Woche. Ich hatte sehnsüchtig auf ihre erste Übungsstunde gewartet, denn wenn ich weiterhin meine kurzen Nachmittage in unserem schrecklichen Hinterhofgarten verbringen musste, würde ich verrückt werden.

Anstatt etwas zu sagen, prustete Mama nur drohend, warf den Kopf zurück und die Tür hinter sich ins Schloss und rauschte davon.

»Puh«, seufzte ich erleichtert und kickte den Ball, den wir vorhin aus Langeweile wie Grundschüler gegen die Wand geschossen hatten, zu Seppo und Serdan rüber. »Jetzt brauche ich also nur noch Papa zu bearbeiten und dann…«

»Ja, was dann, Luzie?«, motzte Seppo mich an. »Schon mal auf die Uhr geguckt? Ich muss bald wieder arbeiten. Außerdem hat das doch eh keinen Sinn. Wir können kein Parkour mehr machen, das ist Geschichte, vergiss es…«

»Das können wir wohl!«, protestierte ich zischelnd. Papa befand sich nicht weit weg von uns. In seinem Leichenkeller würde er uns nicht hören können, aber sobald er sich an die Büroarbeit machte, wurde es riskant, in Zimmerlautstärke über Parkour zu sprechen. Das Wort Parkour war seit den Sommerferien tabu. Ein böses Wort! »Wir suchen Billy und dann…«

»Ach, Luzie, bitte!« Seppo strich sich gereizt über seinen ausrasierten Nacken. »Du hast schon seit dem Sommer Hausarrest, soll es denn noch schlimmer werden?«

»Das kann es doch gar nicht. Schlimmer als Hausarrest geht nicht.« Das redete ich mir beharrlich ein. Als das mit Mamas Glätteisen passiert war, hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was sie noch tun konnten, um mich zu bestrafen, und mir fiel nichts Sinnvolles ein. Ja, Mama hätte mich gerne in ein Internat gesteckt, aber dafür fehlte das Geld. »Außerdem werden wir uns nicht erwischen lassen. Komm, Seppo, nur kurz, zehn Minuten, ein Run, mehr nicht.«

»Wir haben Parkour-Verbot! Vergessen?« Seppo rempelte Serdan grob in die Seite. »Hat es dir die Sprache verschlagen, Alter? Sag doch auch mal was…«

»Hmpf«, machte Serdan in seiner gewohnt wortkargen Art. »Ich hab kein Verbot.«

Ich schüttelte den Kopf – wie jedes Mal, wenn Serdan davon redete. Er hatte weder Hausarrest noch Parkour-Verbot. Unglaublich! Ja, seine Eltern waren sauer auf ihn gewesen, stinksauer sogar, und er musste ständig irgendetwas Überflüssiges für sie tun, aber ihm war nichts verboten worden. Serdan fand das, wie er selbst sagte, »gruselig«. Das wäre viel schlimmer, als wenn es ordentlich gekracht hätte.

Seppo schnaubte abfällig. »Dann macht ihr beide doch zusammen Parkour«, schlug er uns vor. »Ganz romantisch zu zweit.«

»Ohne dich? Nein, kommt nicht in die Tüte«, stellte ich klar, obwohl es momentan alles andere als lustig war, Zeit mit Seppo zu verbringen. Seine schlechte Laune konnte einen in die Flucht treiben. Andererseits schaffte er es immer seltener, sich von zu Hause loszueisen, sodass ich über jede Minute froh war, in der er mich in meinem Hausarrestgefängnis besuchen kam. Meistens brüllte seine Mutter sowieso nach einer halben Stunde quer über die Straße und beorderte ihn in die Küche zurück, damit er Kartons faltete, Geschirr spülte oder Tische abräumte. Manchmal auch schon nach zehn Minuten. Seppos Eltern hatten eine Pizzeria schräg gegenüber von uns, und seitdem sie erfahren hatten, dass Seppo Parkour machte, war er ihre neue Lieblingshilfskraft. Ein Grund mehr für ihn, seine wenige freie Zeit gut zu nutzen – und zwar nicht, indem er bei uns im Garten hockte, sondern indem wir Parkour machten.

»Du musst dabei sein«, setzte ich entschieden hinterher, als er nicht reagierte. »Wir sind ein Team.«

Ich hatte mich in den vergangenen Monaten mit Seppo mehr gezofft als vertragen, aber ohne ihn Parkour zu machen, wollte und konnte ich mir nicht vorstellen. Seppo war mein Lehrer gewesen und der beste (männliche) Traceur der Stadt! Jedenfalls kannte ich keinen besseren. Alles, was ich konnte, hatte ich von ihm gelernt. Ich wollte gar nicht erst daran denken, Parkour ohne Seppo zu machen. Es war keine Lösung, alleine mit Serdan loszuziehen.

»Ach ja, sind wir das, ein Team?«, erwiderte Seppo schnippisch. »In euren Urlaub konntet ihr doch auch ohne mich fahren.«

»Wir sind nicht zusammen in den Urlaub gefahren«, leierten Serdan und ich im Chor herunter, was wir seit den Sommerferien wie ein Gebet Tag für Tag wiederholten. Natürlich hatte sich herumgesprochen, dass Serdan mir nachgereist war und sich mit mir nach Südfrankreich durchgeschlagen hatte. Auf einem geklauten Mofa und in einem Zigeunertross. Wir hatten mehrere Tage zusammen verbracht. In einem fremden Land. Ach, was heißt, es hatte sich herumgesprochen. Nach uns war sogar gefahndet worden, sie hatten Bilder von uns in den Nachrichten gezeigt. Wir waren eine Sensation gewesen.

»Ach nein, ihr seid nicht zusammen in Urlaub gefahren? Ehrlich?«, brummte Seppo. »Dann hab ich wohl geträumt, dass ich euch im Fernsehen gesehen hab, oder? Ich möcht gerne mal wissen, was da passiert ist…«

»Ich auch«, erwiderte Serdan trocken und ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen, musste aber gleichzeitig nach oben zu unseren Fenstern gucken, hinter denen sich Leander unsichtbar in unserer Wohnung herumtrieb und dummes Zeug anstellte. Es fuchste mich, dass er nicht wie früher bei mir war, wenn ich mich mit den Jungs traf. Er war mindestens ebenso unleidlich geworden wie Seppo, was sicherlich mit dem Dreisprung zusammenhing, den er vollziehen musste, um den Sanktionen von Sky Patrol zu entkommen, und viel Zeit hatte er dafür nicht mehr. Zwei bis drei Monate lang sollte sein Schutzbann halten. Die gingen langsam zu Ende. Andererseits sah Leander es nicht ein, mit mir darüber zu sprechen; also sollte er sehen, wie er glücklich wurde. Dreisprung … pfff…

»Ich auch«, äffte Seppo Serdan nach. »Tu nicht so, Serdan. Ich versteh nicht, warum ihr mir das nicht sagen könnt. Was habt ihr in Frankreich gemacht und warum?« Er stand von der Bank auf und begann im Garten auf und ab zu laufen. Er erinnerte mich ein bisschen an den wütenden Pavian, den Sofie und ich bei unserem letzten Schulausflug im Karlsruher Zoo beobachtet hatten. Irgendwann hatte der Affe angefangen, Obstschalen und seinen eigenen Mist vom Boden aufzuheben und gegen die Glasscheibe zu donnern. Ich hoffte, dass Seppo sich das verkneifen würde. Denn in unserem Garten gab es keine Glasscheiben.

»Hab ich dir doch schon gesagt«, erwiderte Serdan ruhig, aber deutlich genervt. »Wir waren bei Johnny Depp.« Für eine Sekunde blickten mich seine schwarzen Augen verschworen an, bevor sie sich wieder seinen Sneakers zuwandten. Jungs-Lektion Nummer 54: Schaue ein Mädchen niemals zu lange an! Deine Schuhe sind viel spannender.

»Haaa, na klar, ihr wart bei Johnny Depp«, höhnte Seppo und trat gegen eine vertrocknete Wurzel, die mal ein Blütenbusch gewesen war.

»Ja, wir haben Johnny besucht«, mischte ich mich in das Gezanke der Jungs ein. »Das ist die Wahrheit!« Die Wahrheit abzüglich der Tatsache, dass ich nur deshalb dort gewesen war, weil Leander sich in Johnnys Anwesen verschanzt hatte und ich ihn zurückholen musste, bevor seine Eltern ihn als Strafgefangenen nach Guadeloupe verschifft hätten. Wo er sicherlich nicht länger als drei Tage überlebt hätte. Aber das wusste Serdan ja auch nicht. Insofern konnte man es so stehen lassen. Wir hatten Johnny Depp besucht. Doch wie immer, wenn wir das behaupteten, regte Seppo sich noch mehr auf.

»Hört doch mal auf, mich zu verarschen! Wenn ihr wirklich bei Johnny Depp gewesen wärt, hättet ihr ja wohl ein Foto von ihm und euch oder wenigstens ein Autogramm, irgendetwas, aber ihr habt nichts, gar nichts! Das ist nur ’ne blöde Ausrede. Ihr habt was miteinander laufen und wollt es mir nicht sagen.«

»Wir haben nix laufen«, predigten Serdan und ich erneut im Chor. Auch diesen Satz hatten wir oft proben dürfen in den vergangenen Tagen, aber so recht gewöhnen konnte ich mich nicht an ihn, obwohl er stimmte. Zwischen uns lief nichts. Wir waren kein Paar. Wir waren Freunde. Freunde, die nebeneinander in einem Heuschober geschlafen und abends am Meer gestanden hatten, wobei Serdan die Arme um meine Schultern gelegt hatte. Vergessen konnte ich das nicht. Doch am wenigsten konnte ich vergessen, wie nah er meinem Geheimnis während dieser Tage in Frankreich gekommen war und trotzdem nicht im Geringsten ahnte, was eigentlich los war in meinem Leben. Also lief schon irgendetwas zwischen uns, nur wusste Serdan nicht, was es war, und Seppo wusste es erst recht nicht. Aber wenn mir jemand eine Pistole auf die Brust gesetzt und mich gezwungen hätte, es einem von beiden zu erzählen, hätte ich, ohne zu zögern, Serdan gewählt und nicht Seppo. Obwohl ich Seppo viel länger kannte.

»Nee, ist klar, ihr habt nichts laufen…« Nun tigerte Seppo nicht mehr der anderen Seite des Gartens entgegen, sondern direkt auf Serdan zu, der sich langsam von seiner Bank erhob, um in Augenhöhe mit ihm zu sein. Wenn Seppo einen so anschaute wie jetzt, konnte man nicht mehr ruhig sitzen bleiben.

»Kriegt euch nicht schon wieder in die Haare!«, bat ich die beiden. Doch sie hörten nicht auf mich. Stumm standen sie voreinander, die Gesichter dicht an dicht, ihre Arme verschränkt, und zogen die Brauen so eng zusammen, dass man ihre Augen kaum mehr erkennen konnte.

»Ist euch klar, wie bescheuert ihr gerade ausseht?«, versuchte ich sie abzulenken. Wieder chancenlos.

»Wenn Luzie was passiert wäre, dann…«, knurrte Seppo drohend.

»Ihr ist nichts passiert«, knurrte Serdan zurück.

»Hätte aber sein können…« Seppo machte sich noch ein bisschen größer, doch das nützte nichts, Serdan überragte ihn inzwischen um einen halben Kopf.

»Hey, ich brauch euch nicht, um auf mich aufzupassen!«, rief ich. »Das kann ich selbst!« Na, so ganz korrekt war das nicht. Wenn Serdan nicht aufgetaucht wäre, wäre ich wahrscheinlich verdurstet oder an einem Sonnenstich krepiert. Trotzdem sollten die beiden sich nicht aufführen, als seien sie meine Schutzengel. Ich hatte einen Schutzengel, auch wenn der seinen Job lediglich sporadisch erledigte. Aber sie hatten sowieso nur noch Aufmerksamkeit für die Nase des anderen übrig.

Seppo ballte seine rechte Hand zur Faust.

»Wenn du schon meine Luzie entführst…«

»Moment!«, rief ich etwas lauter. »Erstens bin ich nicht deine Luzie und zweitens hat er mich nicht…«

Ich sparte es mir, zu Ende zu sprechen, denn es war schon zu spät. Wie zwei Kampfhähne gingen sie aufeinander los. Seppo packte Serdan am T-Shirt-Kragen, Serdan packte Seppo am T-Shirt-Kragen und sie begannen gleichzeitig unverständliches Zeug zu brabbeln, irgendeinen abstrusen Kauderwelsch aus Deutsch, Italienisch und Türkisch. Koseworte waren vermutlich keine dabei.

»Hört jetzt endlich auf mit der Scheiße!« Entschlossen trat ich zu ihnen, bevor sie sich zu prügeln anfingen, und wollte Seppo unter den Achseln kitzeln, damit sie sich losließen – das funktionierte fast immer–, als plötzlich etwas Dunkles durch die Luft segelte und sich ein eiskalter Schwall über uns ergoss. Wie erstarrt blieben wir stehen und schauten verständnislos nach unten, wo eine blaue Plastikschüssel auf den Boden prallte und zwischen unsere Füße rollte.

»Autsch«, murmelte ich und rieb mir den Kopf. Die Schüssel hatte im Fall meine Schläfe gestreift.

»Hä?«, machte Seppo verständnislos und richtete seinen Blick nach oben. Auch ich guckte prüfend die Hauswand hinauf, konnte jedoch keine Bewegung hinter unserem offenen Küchenfenster wahrnehmen. Auch keine Silhouette. Kein Aufblitzen eines blauen Huskyauges. Aber ich hätte schwören können, dass Leander es gewesen war, der die Wasserschüssel zu uns hinunterfallen lassen hatte. Allerdings hätte es durchaus genügt, nur das Wasser auf unsere Köpfe zu schütten und die Schüssel oben zu behalten. Sie hätte uns verletzen können! Leander war und blieb ein miserabler Schutzengel.

Ich fuhr mir durch meine nassen Haare und musste ein Grinsen unterdrücken, als ich Serdan und Seppo anschaute. Sie sahen aus wie zwei begossene Pudel, die vergessen hatten, dass sie eigentlich gerade ihr Bein heben wollten. Mein seniler Hund Mogwai, der die ganze Zeit im Schatten gedöst hatte, erhob sich gähnend und dackelte zu uns herüber, um die Wasserlache vom Boden aufzuschlabbern.

»Was spielen sich denn hier heute wieder für juvenile Tragödien ab?«, erhob sich eine müde Stimme hinter uns. Betreten wandten wir uns zur Gartentür, in deren Rahmen Papa lehnte und uns missbilligend betrachtete. »Und wie soll ich bei diesem Tohuwabohu bitte schön konzentriert arbeiten?«

»Was?«, fragte Seppo verdattert. Ja, Papas Worte waren nicht immer leicht zu übersetzen, erst recht nicht, wenn man sich Sekunden vorher noch im Blutrausch befunden hatte.

»Ist dies etwa das Verhalten, wie es sich für heranwachsende Männer geziemt?«, fuhr Papa mit gekräuseltem Schnurrbart fort und rückte sich seine grau gemusterte Krawatte zurecht. »Sich gegenseitig mit Wasser zu begießen?«

»Wir … äh…«, stotterte Serdan verlegen. Seit unserem Frankreichtrip hatte er fürchterliche Angst vor meinen Eltern. »Sorry, Herr Morgenroth. War ein Missgeschick.«

»Ein Missgeschick. Sieh an«, wiederholte Papa streng. »Ein Missgeschick. Etwa wieder ein solches Missgeschick wie…«

»Ach, Papa, jetzt sei nicht so!«, fiel ich dazwischen, bevor er wieder mit seiner Frankreichlitanei beginnen konnte. »Es ist doch kein Wunder, dass man hier auf blöde Ideen kommt.« Ich hielt kurz inne. Oh, das war gut, was ich da sagte, sehr gut sogar! »Dieser Garten ist ein Knast! Hier kann man nichts Vernünftiges machen! Ich fühle mich wie in einem riesengroßen Sarg.«

Papa streifte sich seine sterilen Gummihandschuhe von den Händen und rieb sich gequält über die Stirn. Seppo beobachtete ihn argwöhnisch.

»Ehrlich, Papa, wir müssen mal raus. Es ist so schönes Wetter.« Das war es wirklich. Bestes Parkour-Wetter. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Wehmütig erinnerte ich mich an meinen Herbstrun vergangenes Jahr. Ich wollte auch dieses Jahr wieder einen Herbstrun eintrainieren … Doch ich würde schon glücklich sein, wenn ich etwas anderes sehen konnte als die versifften Wände dieses Hinterhofs mit Rasen, den Papa und Mama Garten nannten. Selbst wenn Papa hier grillte, war es immer noch ein schäbiger Hinterhof und kein Garten.

»Papa…« Ich blinkerte ihn bittend an. »Du musst mir auch mal eine Chance geben zu beweisen, dass ich es in Zukunft besser machen kann.«

Aus Papas Kehle drang ein undefinierbares Geräusch, das mir deutlich zu verstehen gab, dass er mir kein Wort glaubte. Ich glaubte mir ja selbst nicht. Aber mein bettelnder Blick schien zu wirken. Sein Gesicht wurde ein wenig weicher. »Giuseppe? Du passt auf sie auf, verstanden? Jede Sekunde.«

Seppo nickte so eifrig, dass glitzernde Wassertropfen von seinem Schädel perlten.

»Serdan. Ich stehe mit deinen Eltern in Kontakt. Täglich.«

»Ich weiß, Herr Morgenroth«, nuschelte Serdan.

»Luzie Marlene?«

»Ja?«, flötete ich, so mädchenhaft ich konnte, und klang dabei wie eine Meise, die Halsschmerzen hatte.

»Nur ein Eis in der Eisdiele um die Ecke und um Punkt sieben Uhr bist du wieder zu Hause, hast du verstanden? Seppo, ich verlasse mich auf dich.«

»Danke, Papa, danke!« Ich wollte zu ihm stürzen und ihm um den Hals fallen, doch er hatte sich schon umgedreht und die Tür hinter sich zugezogen. Sein Stoßseufzer aber war so laut, dass er durch die dicken Kellerwände bis zu uns nach draußen drang.

»Was hat er denn?«, fragte Seppo. »Wieso stöhnt er so?«

»Angst vor Mama«, erklärte ich schulterzuckend. »Aber die kommt erst um halb acht zurück, also wird nichts passieren. Vielleicht treffen wir sogar Billy. Na los, worauf wartet ihr? Wir dürfen raus!«

Und ich würde weder die Tür noch die Treppe nehmen, um aus meinem Knast zu flüchten. Nein, ich würde diesen »Garten« so verlassen, wie Traceure das standesgemäß taten. Ich duckte mich und sprintete in vollem Tempo los, um auf die Mülltonne zu springen und über die Mauer auf die kleine, schmale Gasse neben unserem Haus überzusetzen. Komm doch mit, Leander, dachte ich flüchtig, während ich mich in einer geschickten Drehung auf dem kühlen Kopfsteinpflaster abrollte.

Beschwipstes Huhn

»Oh Mann, das ist so dermaßen uncool…« Serdan zog seine Baseballkappe noch etwas tiefer ins Gesicht und blickte sich misstrauisch um, bevor er sich erneut seinem Schokoladenbecher widmete. »Wir hocken in einem Eiscafé. In einem Eiscafé!«

»Ist ja gut, wir wissen es jetzt, du brauchst es nicht im Minutentakt zu wiederholen«, versuchte ich ihn zu besänftigen. »Und so uncool ist es auch wieder nicht. Wir essen ein Eis. Na und?« Ich kratzte die Kokosraspeln von meinem Spaghettieis. Kinderportion. Zu mehr hatte mein schmales Taschengeld nicht gereicht. In Wahrheit fand ich es ebenso albern wie Serdan, dass wir in einem Omicafé vor dem Rathauscenter saßen, anstatt uns wie früher im Friedenspark zum Parkour-Training zu treffen. Es war nicht nur albern und uncool, sondern ein Abstieg. Aber Seppo hatte darauf bestanden. Ich konnte froh sein, dass ich es geschafft hatte, wenigstens dem Hemshof zu entkommen und hier zu landen statt im Café um die Ecke, wo wirklich nur Omis hingingen und Polster mit lila Blumenmustern auf den Stühlen lagen.

Trotzdem wollte ich Serdan nicht recht geben, denn das hätte Seppo zu neuen Eifersuchtsszenen motiviert und von denen hatte ich heute genug. Dabei gab es nichts Langweiligeres, als mit zwei verkrachten, redefaulen Jungs Spaghettieis zu essen. Hoffentlich hatte Billy Seppos SMS bekommen und stieß zu uns, bevor ich wieder nach Hause musste.

Unter unseren Eisbechern vibrierten die Teller, weil Seppo ununterbrochen mit seinem linken Knie wackelte, in einem Höllentempo, und es dabei gegen das Tischbein drückte. Ich wollte ihn gerade in seinen Oberschenkel zwicken, damit er es bleiben ließ, als er von allein erstarrte und seine Augen sich weiteten. Klirrend fiel sein Espressolöffel auf die Untertasse.

»Was ist denn … neee…«, murmelte er fassungslos. »Das kann nicht sein…«

»Alles okay? Hey, Seppo!« Ich nahm seinen Löffel und schlug ihn gegen den Tassenrand. »Aufwachen!«

Doch er starrte ungläubig an mir vorbei, sodass ich mich umdrehte, um seinen Blicken zu folgen. Ich sah nur noch einen dunkelblonden Haarschopf, der in der bunten Menschenmenge verschwand, doch diesen Haarschopf kannte ich genau, inklusive des schwarz-weiß gemusterten Stirnbands, mit dem seine gewellte Pracht in Schach gehalten wurde. Leander … Ja, das war eindeutig Leander gewesen. Was machte er hier? Und war er es gewesen, der Seppos Aufmerksamkeit geweckt hatte? Nein, das konnte nicht sein. Leander war durchsichtig.

»Seppo?«, fragte nun auch Serdan. »Alles klar, Mann?« Seppo schluckte und wandte sich uns wieder zu.

»Da … da schwebte ein Huhn durch die Luft«, antwortete er tonlos.

»Ein Huhn?«, echoten Serdan und ich belustigt, bis mir das Lachen im Halse stecken blieb. Hatte Leander sich wieder Sachen »geliehen«? Seitdem meine Eltern mir das Taschengeld gekürzt hatten, reichte es nicht mehr für seine exklusiven Körperpflegeprodukte. Anders formuliert: Ich sah nicht ein, mein knappes Budget für Boss-Herrenduschgel und Armani-Bodylotion auszugeben. Es hatte bereits vorher kaum dafür gereicht. Jetzt hatte ich Leander einen Riegel vorgeschoben und trug mein Taschengeld immer bei mir. Deshalb hatte er das »Leihen« zur Kunstform entwickelt. Leihen war nichts anderes als Klauen, auch wenn Leander die leeren Duschgeltuben nach dem Verbrauch zurück ins Drogeriemarktregal stellte. Ich wusste nicht, was mich daran mehr störte: dass er stahl wie eine Elster oder sich damit ständig in Gefahr begab, entdeckt zu werden. Denn die Sachen blieben nur unsichtbar, wenn er sie blitzschnell aus dem Regal nahm und unter seine Kleidung steckte. Bei einem ausgewachsenen Huhn war das schwierig und es musste ihm für einen Moment aus seiner knappen Weste gerutscht sein. Abgesehen davon war mir schleierhaft, was er mit einem Huhn wollte.

»Ein lebendes Huhn oder ein totes Huhn?«, hakte ich unbeteiligt nach, was mir einen scharfen Blick von Serdan einbrachte, der das alles für nichts anderes als einen blöden Witz hielt. Oder aber an Seppos Verstand zweifelte.

»Ein nacktes«, erwiderte Seppo heiser und hustete, um seine Stimme wiederzufinden.

»Ein nacktes!?«

»Ja, mein Gott, ein gerupftes, küchenfertiges Huhn eben!« Seppo knetete sich hektisch die linke Wange. »Mann, ich arbeite echt zu viel, jetzt sehe ich schon Hühner … und erzähle es auch noch…«

»Schau mal, da kommt Billy!«, wechselte ich das Thema, bevor Serdan damit anfangen konnte, Seppo wegen des Huhns aufzuziehen. Serdan neigte zwar nicht dazu, sich über andere lustig zu machen, aber im Moment traute ich den beiden alles zu.

»Kein Wort von dem Huhn«, befahl Seppo warnend, als Billy am Rand der Caféterrasse von seinem Rad sprang, es abschloss und zu uns schlenderte.

»Hey«, begrüßte er uns knapp. »Was gibt’s?«

»Wir essen Eis«, antwortete Seppo, obwohl nicht zu übersehen war, dass wir das taten. »Auch eins? Ich lad dich ein.«

Billy glotzte ihn an, als habe Seppo gerade verkündet, sich morgen früh in eine Frau verwandeln zu lassen. »Ähm … ja. Ja.« Sein rundes Gesicht hellte sich auf. »Einen Amarenabecher.«

»Einen Amarenabecher!«, rief Seppo der Bedienung zu, die mit verkniffenem Mund an unserem Tisch vorbeieilte.

»Oh Mann«, stöhnte Serdan. »So was von uncool…«

»Ich hab’s ihrem Vater versprochen, okay?«, herrschte Seppo ihn an. »Wir essen Eis, sonst nichts. Wo ist dein Problem? Isst du zu Hause nie Eis?«

»Weißt du, was wir früher gemacht haben? Wir sind von Dach zu Dach gesprungen! Und jetzt bestellen wir Amarenabecher!«

Mir entfuhr ein Seufzer, als ich Serdans Worte hörte. Ach, es war wirklich tausendmal besser gewesen, die Senioren im Park mit unseren waghalsigen Stunts zu erschrecken, als zusammen mit ihnen im Café zu hocken.

»Ja, ich weiß es, und wir hatten nur Ärger davon … nur Ärger!«

»Also, wenn ihr wieder streiten wollt, geh ich«, moserte Billy. »Ich kann meinen Amarenabecher auch da drüben essen.« Er zeigte auf einen kleinen freien Tisch ganz am Rande des Cafés.

»Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?«, fragte ich ihn im lässigen Jungs-Kumpelton, bevor er tatsächlich abhaute, und beschloss, das Reviergehabe von Seppo und Serdan von nun an zu ignorieren. Sollten sie sich doch die Nasen zu Brei schlagen. »Warum meldest du dich nicht mehr?« Um Billy war es still geworden seit den Sommerferien. Er hatte sich weder bei mir noch bei den Jungs blicken lassen.

»Wozu sollte ich das denn?«

»Na ja, wir haben immerhin zusammen Parkour gemacht…«

»Haben wir nicht«, fiel Billy dazwischen. »Ich durfte die Herrschaften nur noch bei ihren Aktionen filmen. Ich bin für euch der blöde, lustige Dicke, mehr nicht, gebt es doch zu. Ihr habt mich nicht mal dabeihaben wollen, als ihr es euren Eltern gesagt habt…«

»Weil du selbst beschlossen hast, ’ne Trainingspause einzulegen, da du … ähm…« Ich überlegte, wie ich am besten formulieren sollte, was ich sagen wollte. Aber da gab es nichts zu formulieren. »…ziemlich zugenommen hast«, schloss ich mit fester Stimme.

»He, sei froh, dass du nicht dabei warst«, mischte Seppo sich ein. »Das war kein Vergnügen.«

»Wenigstens hast du jetzt keinen Zoff mit deinen Alten«, pflichtete Serdan ihm bei. »Gibt ja auch keinen Grund dafür. Machst ja kein Parkour mehr.«

»Genau«, giftete Billy, zog der Bedienung den Eisbecher aus den Händen und verzog sich mit ihm an den anderen Tisch, weit, weit weg von uns, wo er sofort zu löffeln begann, als gäbe es kein Morgen mehr.

»Das habt ihr ja toll hingekriegt.«

»Was heißt toll hingekriegt?« Seppos Handy begann zu brummen. Er hob seinen Hintern an, um es aus der Hosentasche ziehen zu können. »Wenn er nicht mehr mit uns abhängen will, will er eben nicht. – Pronto? Ah, Mama…«

Mama Lombardi mal wieder. Dann würde er sowieso gleich gehen müssen. Deshalb wendete ich mich Serdan zu, um ihn fragend anzublitzen, doch er hob nur entschuldigend die Achseln.

»Seh ich auch so, Katz. Zwingen können wir Billy nicht.«

Ich entschied mich, mein Spaghettieis in der Septembersonne schmelzen zu lassen, legte vier Euro auf den Tisch – viel zu viel für diese süße Pampe – und lief ohne einen Gruß zu Billy rüber, der mit düsterer Miene eine Amarenakirsche aus dem Berg Sahne fischte, der sein Eis versteckte.

Weil ich die Erfahrung gemacht hatte, dass man Jungs nicht mit Fragen löchern durfte – dann ergriffen sie die Flucht, das verkrafteten sie nicht (Ausnahme: Leander, der liebte es, wenn man ihn über sein Leben ausfragte)–, setzte ich mich schweigend neben ihn und hoffte, dass er anfangen würde zu sprechen. Nach zehn Minuten, als am Boden seines Bechers nur noch ein roter Klecks Soße klebte und ich langsam nervös wurde, weil der Uhrzeiger sich gefährlich der Sieben näherte, tat er es endlich.

»Macht echt keinen Spaß, wenn Serdan und Seppo so aggro drauf sind. Kann ich nicht ab«, erklärte Billy, als hätten wir die ganze Zeit genau darüber geredet.

»Mich nervt’s auch. Aber das legt sich bestimmt wieder.« Allzu sicher war ich mir darin nicht. Die beiden hatten sich aufeinander eingeschossen. Dabei waren sie früher beste Freunde gewesen.

»Jaaaa«, meinte Billy gedehnt. »Aber selbst wenn … für mich ist das egal. Das mit dem Parkour ist Vergangenheit. Aus und vorbei.«

»Aber warum denn das?«, rief ich aufgebracht. »Wieso soll das vorbei sein? Du kommst wieder in Form, sobald du trainierst!«

»Wozu braucht ihr mich überhaupt? Nur zum Filmen? Das kann auch jemand anderes machen.«

Ich musste eine Weile überlegen, bevor ich antwortete. Ja, wozu brauchten wir Billy? Ich konnte spontan keinen Grund nennen. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Wir waren eine Clique gewesen, Freunde eben. Da benötigte man keinen speziellen Grund, um dabei zu sein. Ohne Billy fehlte etwas. Selbst in unserem blöden Hinterhof drehte ich mich dauernd um, um nach ihm Ausschau zu halten, ganz von allein. Weil er dazugehörte. Und das sagte ich ihm auch.

»Wir sind Freunde, Billy.«

»Nee, sind wir nicht. Freunde gehen sich nicht dauernd an den Kragen wie Serdan und Seppo. Freunde haben keine Geheimnisse voreinander. Und unter Freunden ist Gerangel um Mädels tabu. Aber Seppo und Serdan … Außerdem weiß ich, dass du mit Serdan geknutscht hast und eigentlich was von Seppo wolltest.«

Oh Gott, dieses Thema schon wieder. Nein, darüber wollte ich mit Billy nicht reden.

»Wir sind trotzdem Freunde. Wir haben eine Freundschaft und wir gehören zusammen, für immer«, wiederholte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich Angst hatte, wir würden nie wieder Parkour machen, wenn Billy sich endgültig von uns abwandte. Dann waren da nur noch Serdan und Seppo, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen wollten. Leander blieb auch immer öfter weg und den sah sowieso niemand außer mir.

»Ach, so ein Scheiß, Luzie!«, brauste Billy auf. »Nix ist für immer! Gefühle hören auf. Einfach so. Von jetzt auf nachher. Freundschaften hören auf. Das ist halt so.«

Was redete er da nur? Ich fühlte mich überfordert mit diesem Gespräch. Ich hatte noch nie gut über Gefühle reden können. Und mit Billy hatte ich bisher allenfalls über Kaugummisorten und Handyfunktionen gesprochen. Und über Parkour. Doch Billy achtete gar nicht mehr auf mich.

»Hab ich mir heute Morgen erst sagen lassen müssen. Gefühle hören irgendwann auf, Billy. Da kann niemand etwas dafür. So ist das Leben.« Wütend zerknüllte er die klebrige Serviette. Seine Pausbacken waren rot geworden und an seinem Haaransatz zeichneten sich glitzernde Schweißtröpfchen ab. Sollte ich vielleicht das Luftblasengesicht aufsetzen? Oder eines von Serdans Hmpf-Geräuschen machen? Aber wenn ich selber wütend war, hasste ich Hmpf-Geräusche und Luftblasengesichter. Ich durfte nicht so tun, als habe Billy nichts gesagt. Das war nicht fair. Auf der anderen Seite verstand ich kein Wort.

»Kannst du mir mal einen Tipp geben, worüber du gerade redest?«

»Na, über meine Eltern, über was denn sonst!« Billy wurde so laut, dass die zwei Frauen am Tisch neben uns sich neugierig zu uns umdrehten. »Auf einmal sagen sie, dass sie sich nicht mehr lieben. Und sich trennen wollen. Auf einmal! Die haben nicht mal gestritten! Nie! Aber jetzt, jetzt streiten sie sich dauernd, wie Seppo und Serdan, ich hab das so satt … es kotzt mich an…« Billy wischte sich mit der Serviette den Schweiß von der Stirn.

»Sorry, das wusste ich nicht«, sagte ich leise, obwohl ich der Meinung war, dass das zwei völlig verschiedene Baustellen waren, die Ehe von Billys Eltern und unsere Parkour-Clique. »Meine Eltern streiten auch manchmal. Ich weiß, dass das nervt.«

Plötzlich bekam ich Angst, dass das bei uns auch so werden könnte wie bei Billy. Dass Mama mich eines Morgens weckte und sagte: »Du, Luzie, Papa und ich mögen uns nicht mehr. Wir trennen uns.« Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen, das fühlte sich falsch im Herzen an. Komplett falsch. Aber wahrscheinlich hatte sich das für Billy auch immer falsch angefühlt. Und dann war es doch geschehen.

»Ja, genau, es nervt und ich hab keinen Bock, auch noch in meiner Freizeit Stress zu haben. Verstehste das?«

»Schon, aber…«

»Was aber? Nix aber!«, polterte Billy. »Ihr braucht mich doch nicht! Ich will außerdem was anderes machen, etwas, bei dem ich nicht immer der Depp bin. Der Chuck hat gesagt, dass er und Ralle…«

»Der Chuck?«, kiekste ich dazwischen. »Was willste denn mit der Lusche?«

Chuck ging auf unsere Schule, in Seppos Stufe. Da er zweimal sitzen geblieben war, war er einer der Ältesten. Er hatte lange Korkenzieherlocken, die am Ende der Woche fettig glänzten, rauchte selbst gedrehte Kippen und nahm seine Gitarre sogar mit in den Unterricht. Wenn er einen anschaute, sah er aus, als würde er in der nächsten Sekunde einschlafen. Angeblich tat er das auch ab und zu. Am liebsten in Religion und Gemeinschaftskunde. Die Lehrer ließen es ihm durchgehen, da sie es müde waren, mit ihm zu diskutieren, denn er antwortete nur auf Fragen, wenn er Lust dazu hatte. Manche Schüler bewunderten Chuck dafür. Ich fand ihn doof.

»Wieso Lusche?«, wehrte Billy sich. »Der ist keine Lusche. Und er will eine Band gründen, sie suchen noch einen Bassisten. Vielleicht frag ich ihn, ob er mich nimmt.«

»Billy … du kannst kein Instrument spielen. Gar keins. Du kannst nicht mal Noten lesen«, erinnerte ich ihn. Unser Musiklehrer verzweifelte regelmäßig daran.

»Na und? Ich kann auch kein Parkour mehr. Trotzdem willste mich dabeihaben. Und Bass kann jeder spielen, hat Chuck gesagt.«

Ich warf einen unauffälligen Blick auf meine Uhr. Mist, ich hatte nur noch acht Minuten, um nach Hause zu rennen. Dieses Gespräch führte sowieso zu nichts. Das mit der Band war eine Schnapsidee. Billy in einer Band … Was sollte das für eine Band sein, mit Chuck als Gitarristen? Den wollte sich doch niemand länger als drei Minuten anschauen, geschweige denn anhören.

»Ich muss los, Billy … Denk noch mal drüber nach, okay?«

Doch Billy stierte stur an mir vorbei. Na, dann eben nicht. Nun war ich auch zornig. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Leander ließ mich stundenlang alleine, Serdan und Seppo stritten nur noch und Billy wollte Rockmusiker werden. Ganz zu schweigen von meinem Hausarrest. Und dem Dreisprung, den Leander vollziehen musste. Dem neuen Schuljahr … das noch anstrengender werden würde, als das letzte schon gewesen war. Nichts als Ärger.

Aber wenn ich zornig war, konnte ich immer besonders schnell rennen und so schaffte ich es, um Punkt sieben Uhr eins unsere Haustür aufzuschließen und nach oben zu hetzen. Schon auf der Treppe bemerkte ich den würzigen Zwiebelgeruch, der aus der Wohnung strömte. Zwiebeln und noch irgendetwas, was ich nicht einordnen konnte. War Mama etwa schon wieder zurück? Oh nein, bitte nicht. Denn dann hatte sie sicher Streit mit Papa angefangen, weil er mich rausgelassen hatte, und vielleicht würde es bei uns anschließend genauso werden wie bei Billy…