Gegen den Sturm - Bettina Belitz - E-Book

Gegen den Sturm E-Book

Bettina Belitz

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Beschreibung

Doppelter Lesespaß für Pferdefans ab 12 Jahren.

Sturmsommer: Die Pferde-Trekking-Tour sollte eine lockere Zeit mit seinen Freunden werden, doch dann ziehen dunkle Gewitterwolken auf. Tom erfährt, dass es der letzte Sommer von Meteor sein soll. Der betagte braune Wallach ist der beste Freund von Toms Schimmel Damos – und das Pflegepferd von Tanja, die Tom eigentlich gar nicht leiden kann und die ihn trotzdem irgendwie magisch anzieht ...

Freihändig: In der Reithalle kann Josh alles hinter sich lassen – hier kann ihm keiner was! Freihändig auf dem galoppierenden Pferd zu stehen, ist Freiheit pur. Aber sein Vater und sein großer Bruder halten leider überhaupt nichts davon, dass Josh voltigiert. Als ein Orkan über die Stadt fegt, sind Stall und Pferde in großer Gefahr und auch bei Josh zu Hause eskaliert die Situation ...

2 außergewöhnliche Pferderomane in einem Band.

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Das Buch

Doppelter Lesespaß für Pferdefans

Sturmsommer:

Die Pferde-Trekking-Tour sollte eine lockere Zeit mit seinen Freunden werden, doch dann ziehen dunkle Gewitterwolken auf. Tom erfährt, dass es der letzte Sommer von Meteor sein soll. Der betagte braune Wallach ist der beste Freund von Toms Schimmel Damos – und das Pflegepferd von Tanja, die Tom eigentlich gar nicht leiden kann und die ihn trotzdem irgendwie magisch anzieht …

Freihändig:

In der Reithalle kann Josh alles hinter sich lassen – hier kann ihm keiner was! Freihändig auf dem galoppierenden Pferd zu stehen, ist Freiheit pur. Aber sein Vater und sein großer Bruder halten leider überhaupt nichts davon, dass Josh voltigiert. Als ein Orkan über die Stadt fegt, sind Stall und Pferde in großer Gefahr und auch bei Josh zu Hause eskaliert die Situation …

2 außergewöhnliche Pferderomane

Die Autorin

© Andre Weimar

Bettina Belitz, an einem sonnigen Spätsommertag in Heidelberg zur Welt gekommen, wuchs zwischen unzähligen Büchern auf und verliebte sich schon früh in die Magie der Buchstaben. Nach dem Studium der Geschichte, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft arbeitete Bettina Belitz als Journalistin, bis sie ihre Leidenschaft aus Jugendtagen zum Beruf machte. Heute lebt die begeisterte Reiterin umgeben von Pferden und Katzen als freie Autorin in einem 400-Seelen-Dorf im Westerwald.

Mehr über Bettina Belitz: www.bettinabelitz.de

Bettina Belitz auf Facebook: https://www.facebook.com/​bettinabelitz/​

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch!

Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.

Mehr über unsere Bücher, Autoren und Illustratoren: www.thienemann.de

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Viel Spaß beim Lesen!

Der CD-Spieler summt leise, bis er die richtige Stelle gefunden hat, während ich mich seufzend zurücklehne – und jetzt rein ins Operngejodle.

»So klopft mein lie-he-be-vo-ho-lles Heherz!« Pling.

»So klopft mein lie-he-be-vo-ho-lles Heeeeerz …« Hui, der quetscht aber ganz schön beim Singen. Dem muss ja der Kopf platzen. Was war das jetzt noch mal? Erster Aufzug … fünfter Auftritt; die Arie von Belmonte an Konstanze. Seine Geliebte. Stimmt das? Ja, es stimmt.

Trotzdem. Diesen dämlichen Musiktest zu Mozarts »Entführung aus dem Serail« verhaue ich bestimmt. Erstens habe ich viel zu wenig gelernt, zweitens kann ich für so anstrengende Arien mein Herz nicht erwärmen und drittens mag mich unser Musiklehrer nicht.

Mama meint, das würde ich mir einbilden. Ihrer Meinung nach bilde ich mir ziemlich viel ein. Aber es ist so. Der mag mich nicht.

»… ist das ihr Lispeln? War das ihr Seufzen? Es wird mir so bange, es glüht mir die Wange …« Was für eine Sprache! Redet man so, wenn man verliebt ist? Hier dreht sich alles um diese Konstanze, in der Zauberflöte gibt’s sogar gleich zwei Pärchen. Scheint ja ziemlich aufregend zu sein, wenn man verliebt ist. Ich meine, es muss einem schon sehr zusetzen, wenn man so redet wie der hier.

Ich weiß nicht, wie das ist, verknallt zu sein. Ich war’s ja noch nie. Vielleicht hab ich das mal behauptet, ja. Aber ich kann nichts Besonderes an den Mädchen bei uns in der Klasse finden. Okay, viele sehen gut aus, keine Frage. Aber das juckt mich nicht weiter und die Wange glüht schon gar nicht. Würde ich das überhaupt merken, wenn ich verliebt wäre?

Toni kriegt einen knallroten Kopf, wenn manche Mädchen an ihm vorbeigehen. Und Marc und Anja grinsen sich immer so komisch an. Es heißt ja, die sind zusammen. Gestern hab ich gesehen, wie Marc kurz ihre Hand genommen hat. Und ich hatte dabei ein merkwürdiges Gefühl im Magen. Ich mag beide sehr, aber in diesem Moment war ich überflüssig. Das hab ich genau gespürt. Dabei kenne ich Anja schon seit der Grundschule.

Jetzt kann ich mich sowieso nicht mehr auf diese Oper konzentrieren. Mir tut das Gesinge in den Ohren weh und das Stillsitzen macht mich ganz zappelig. Ach, es hat keinen Zweck. Ich schalte den CD-Spieler wieder aus. Es reicht. Henri, unserem Hund, scheint das Gedudel auch nicht zu gefallen. Er hat eben immer wieder leise gefiept und den Kopf zwischen die Sofakissen gedrückt.

Ich geh lieber zu Damos. Nach draußen in die Sonne. Damos ist ein sechsjähriger Schimmelwallach, mit Araberblut und schokobraunen Flecken auf dem Hintern. Stolz bin ich auf den. Ich war noch nie auf etwas so stolz wie auf Damos. Mein Pferd. Hab ihn vor ein paar Monaten bekommen, weil meine Eltern mich kaum mehr aus dem Stall gekriegt haben. Ich lungerte nur noch an seiner Box herum und wartete darauf, ihn reiten zu können. Dann kam Papa im Stall vorbei und unterhielt sich sehr lange mit meinem Reitlehrer. Ich durfte nicht dabei sein, drückte mich aber die ganze Zeit in den benachbarten Boxen herum und hörte Worte wie »Talent« und »Zukunft« und »wertvoll«. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mich oder Damos meinten.

Aber eines Morgens, nachdem wir abends lange über Damos und das Reiten gesprochen hatten, lag das Foto von ihm auf meinem Frühstücksteller. Mama hat mit Silberstift »Ich gehöre jetzt dir« darauf geschrieben. »Damit wir wenigstens wissen, wo du bist, wenn du wieder rumstromerst«, sagte Papa. Da glühte mir allerdings die Wange und mein Herz machte gleich mehrere Sprünge. Obwohl ich geahnt hatte, dass sie das tun würden, war es die größte Überraschung meines Lebens. Eigentlich freu ich mich immer noch, wenn ich darüber nachdenke. Das ist eine Freude, die nie aufhört, und manchmal fühlt sie sich sogar ein bisschen schwer an.

Mein Papa ist Arzt und er ist während seiner Studentenzeit geritten, viel sogar. Jetzt: kaum mehr Zeit. Im Grunde ist er schuld daran, dass ich so pferdenärrisch wurde. Er hat mich immer mitgenommen zu Turnieren und in den Stall, früher. Das war aufregender als alles andere. Vor allem das Springreiten. Ich hab meinen Kopf auf die Bande gestützt und mir die Augen ausgeschaut, und mit sieben durfte ich dann endlich selbst Reitstunden nehmen. Auf einem kleinen wilden Pony. Luzifer hieß es und hat sich auch so benommen.

Nachdem ich das erste Mal auf einem Pferd gesessen hatte, wusste ich genau: Das ist viel besser, als sich auf zwei Beinen fortzubewegen. Sobald ich mich da raufgeschwungen habe, sieht die Welt ganz anders aus. Aufregender und irgendwie freier. Klar hat mir am Anfang der Hintern wehgetan. Und das, was mir mein Reitlehrer Markus so an den Kopf geworfen hat, war auch nicht immer nett. Das ist es heute oft noch nicht. Aber nach den Reitstunden hab ich immer das Gefühl, dass alles möglich ist. Erst recht, seitdem ich Damos habe.

Nur meine Klassenkameraden haben ein bisschen seltsam auf Damos reagiert. Zumindest die Jungs. Toni kann auch nichts mit ihm anfangen. Leider. Ich hab ihn immer wieder mit zum Stall geschleppt, aber er steht dann da rum wie eine Vogelscheuche und traut sich nicht, mit anzupacken. Und schon gar nicht, sich auf ein Pferd zu setzen. Ich glaube sogar, er hat Angst vor Damos.

Die Mädchen fanden es eher toll, dass ich reite und sogar ein eigenes Pferd habe. Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass Damos mir gehört, wollten sie furchtbar viel darüber wissen und plötzlich in den Pausen Zeit mit mir verbringen. Nur Tanja ist still danebengestanden und hat sich abgewendet. Ihr Gesicht war rot und verschlossen gewesen. Ihre Freundin Barbara blieb schweigend neben ihr, linste nur ab und zu prüfend zu mir herüber. Ich wollte ja gar nicht, dass sich die Mädels so um mich scharten. Es hat ein paar Tage gedauert, bis alles wieder normal war und ich meine Pausen wie vorher mit Toni, Marc und Anja verbringen konnte.

Aber dass Tanja so gar nichts dazu gesagt hat, fand ich auch blöd. Na, egal. Ich kann sie ohnehin nicht leiden. Sie lacht fast nie und sieht alles immer so ernst und verbissen.

An dem einen Tag, als mich die Mädels wegen Damos ausgefragt haben und Tanja nur stumm danebenstand, kam Barbara später noch alleine zu mir rüber. Es war eine merkwürdige Situation, weil Tanja ein paar Meter weiter mit abgewandtem Kopf an der Wand lehnte und wartete. Es sah fast so aus, als hätte sie ihre Freundin zu mir geschickt. Das war mir richtig unangenehm und ich wäre am liebsten einfach weggelaufen. Mir ging das sowieso auf den Keks, dass dauernd irgendwelche Mädchen um mich herumlungerten. Doch Barbara wollte gar kein Foto von Damos sehen wie die anderen Mädchen – oder fragen, ob sie mich mal im Stall besuchen kann. »Ihr scheint ja echt reich zu sein«, sagte sie nur und schaute mich dabei prüfend an. »Sind deine Eltern Bonzen, oder was?«

Ich zuckte nur mit den Schultern und ließ sie stehen. Beim Weggehen hab ich gehört, dass die beiden tuschelten. Was sollte denn die Frage? Und so ein Pferd frisst ganz schön viel Zeit. Einfach ist das jedenfalls nicht. Ich muss mich dauernd um Damos kümmern, eigentlich täglich. Das kann richtig anstrengend sein, vor allem im Winter, wenn sogar das Wasser in der Tränke eine dicke Eisschicht hat und ich vor lauter Kälte meine Hände und Füße nicht mehr spüre. Auch wenn ich es jedes Mal kaum erwarten kann, ihn zu sehen. Ganz egal, wie das Wetter ist.

Ich weiß nicht, worauf Barbara hinauswollte. Aber Papa lässt auch immer wieder durchklingen, dass wir froh sein sollen, wie gut es uns geht. Hätten ja alles: Haus, Auto, Urlaub, Pferd.

Ich finde den Mercedes hässlich.

»Mama?«

»Ja?«

Mama sitzt in der Küche und bemalt Tücher. Dabei darf sie die Tücher nicht mehr im Haus aufhängen. Papa sind es zu viele geworden. Es sei ein Haus und kein Beduinenzelt, hat er gesagt. Aber die Tücher sind schön, wirklich. Mit ganz viel Blau und Grün. Ich muss immer an das Meer denken, wenn ich sie betrachte. Eigentlich erkennt man nichts, und trotzdem – ich mag Mamas Tücher. Sie tauscht jetzt die, die schon hängen, einfach durch neue aus. Papa merkt das manchmal gar nicht.

»Ich fahr schnell noch zu Damos!«, rufe ich ihr zu. Henri schiebt seinen Kopf zwischen meine Beine und wedelt aufgeregt mit dem Schwanz.

»Hast du auch Musik gelernt?«

Mist.

»Na jaaa … ja.« Ich hab es immerhin versucht, denke ich. »Geht so.« Pause.

»Na, dann geh halt, wenn es unbedingt sein muss. Und nimm den Hund mit.«

Es muss. Was für eine Frage! Natürlich muss es sein. Ich ziehe mich um, schmeiße Jeans und Turnschuhe in die nächstgelegene Ecke und flitze hinunter Richtung Haustür. Henri springt aufgeregt um mich herum und er schafft es nicht ganz, das Freudengebell zu unterdrücken.

Als ich nach unten gehe, überholt er mich und kommt dabei fast ins Schleudern. Henri hat es immer eilig. Auf der halben Treppe bleibe ich kurz stehen. Da hängt nämlich ein großer ovaler Spiegel an der Wand. Ein antiker, wie Mama betont. Es ist irgendwie witzig, wenn man sich auf der Treppe plötzlich selbst begegnet.

Lissi bleibt hier in letzter Zeit immer lange vor dem Spiegel stehen. Wirklich immer. Bei jedem Treppenlaufen. Ich zähle mit. Sie verliert auf der Treppe viel Zeit, seit sie 17 ist und sich in den Chris verliebt hat. Dabei sieht sie ja doch jedes Mal so aus wie am Tag davor. Finde ich.

Ich mag den Chris nicht besonders. Er behandelt mich oft wie ein kleines Kind. Manchmal behandelt er sogar Lissi wie ein kleines Kind. Das mag ich noch viel weniger. Er soll froh sein, dass sie mit ihm zusammen ist. Ich kann gar nicht begreifen, was sie an ihm so toll findet. Gut, er ist groß und ziemlich sportlich und hat immer ein paar coole Sprüche auf den Lippen. Aber trotzdem verstehe ich nicht, warum Lissi ständig vor dem Spiegel hängt, an ihren Haaren herumdreht und sich stundenlang im Bad einschließt. Manchmal schminkt sie sich sogar. Dann kommt sie mir fast schon fremd vor.

Sehe ich denn wie einer aus, in den man sich verliebt? Ich weiß nicht. Mittelgroß, dünn, blonde Locken, grüne Augen, ein paar Sommersprossen.

Mir fällt der Kinderreim ein, den wir in der Grundschule oft gesungen haben. »Grüne Augen, Froschnatur, von der Liebe keine Spur.« Haha. Mir soll’s recht sein. Ich hab ja Damos.

Ich hole mein Fahrrad aus der Garage und radle Richtung Stall.

»Mensch, Pferd, hast du wieder einen Dreck in deiner Box!« Ich hantiere mit der Mistgabel, während Damos mit seinem weichen Maul prustend in meinen Haaren wühlt. Eigentlich ist das nicht meine Aufgabe, das Ausmisten, aber ich mache es gerne, weil ich dann länger bei Damos sein kann. Wenn das Stroh wieder frisch und sauber ist, setze ich mich oft noch zu ihm in die Box und schaue ihm beim Fressen zu. Nachher muss ich sowieso unter die Dusche.

Mama hat sich früher immer über den Pferdegeruch geärgert. »Ich seh schon, der wird wie du«, hat sie dann zu Papa gesagt. Und Papa bekam einen Blick, als würde er gerne wieder nach Pferd stinken. Ich selbst liebe den Geruch. Es ist der beste Geruch der Welt.

Aber jetzt mache ich erst mal einen langen Ausritt. Und danach werde ich ja sehen, ob ich noch Zeit für Opern habe. Denn es ist endlich wieder schön lange hell abends. Und es riecht schon nach Sommer.

Wie immer vor einem Ausritt klopft mein Herz schneller als sonst. Mama und Papa haben es nicht gerne, wenn ich alleine mit Damos rausgehe. Eigentlich hab ich ihnen auch versprochen, dass ich immer jemanden mitnehme. Aber das ist gar nicht so einfach. Es gibt hier nicht viele in meinem Alter, die ein eigenes Pferd haben. Und wenn, dann sind es Mädchen. Manchmal begleitet mein Reitlehrer mich und Damos oder ein paar Frauen aus meiner Dienstagabendreitstunde. Aber dann komme ich mir immer so blöd vor. Die sind zwar nett, aber sie quatschen ununterbrochen miteinander, über Frauenkram, und ich hab es lieber, wenn es still ist um uns herum. Damit ich jeden einzelnen Hufschlag von Damos hören kann und sein regelmäßiges Schnaufen und Prusten. Ich mag diese Pferdegeräusche. Oder ich mache es ganz anders und lasse einfach meinen iPod laufen. Aber das darf Papa wirklich nie erfahren, sonst gibt es richtig Ärger.

Ruckzuck hab ich Damos gesattelt und ihm die Trense angelegt. Endlich kann es losgehen. Mein Magen macht einen kleinen Satz, als ich Damos aus der Stallgasse führe und mich auf seinen Rücken ziehe. An den Musiktest mag ich jetzt nicht mehr denken. Der ist schön weit weg.

Es gibt nur noch Damos und mich und die warme Sonne, die mir ins Gesicht scheint. Auf den ersten Metern tut Damos wie immer so, als würde er sich vor allem und jedem fürchten. Eine Katze läuft über den Weg, Henri rennt ihr bellend hinterher. Damos zuckt zusammen und reißt den Kopf hoch. Ein Traktor knattert. Damos springt hektisch zur Seite. Ein anderer Reiter kommt mir entgegen. Damos bleibt stocksteif stehen und macht dann zwei kurze Galoppsprünge. Ich kenne das inzwischen und muss darüber lachen, obwohl ich mich ab und zu zusammen mit ihm erschrecke.

Aber jetzt haben wir den Stall hinter uns gelassen. Vor uns liegen nur noch Felder und Wiesen. Ich merke, dass Damos laufen möchte. Galoppieren. Seine Flanke zittert leicht und er bewegt unruhig den Kopf. Ich kann es kaum erwarten.

Ich gebe den Zügeln nach und muss nur an Galopp denken, da startet Damos schon durch. Als würde er wissen, was in mir vorgeht.

Wir fliegen dahin, der Wind treibt mir die Tränen in die Augen und ich bin einfach nur glücklich.

So müsste es immer sein.

Gleich kriegen wir den Musiktest raus. Mein Kommentar: Sch… Ich kam an dem Tag, an dem ich eigentlich noch lernen wollte, erst um sieben nach Hause. Und um halb sieben ist Abendessenszeit. Da hab ich anwesend zu sein.

Es gab natürlich Stunk. Warum, konnte ich nicht ganz verstehen – es war ja nicht das erste Mal, dass ich zu spät gekommen bin. Und es war nur eine halbe Stunde. Außerdem wussten Mama und Papa, wo ich gewesen war – im Stall. Wo sonst. Warum schaute Papa mich so müde und verkniffen an?

Als ich mich dann damit gerechtfertigt hatte, dass ich noch fürs Turnier im Spätsommer trainiert habe (was gelogen war, das gebe ich ja zu) und dass die Box elend dreckig war, sagte Mama nur: »Wenn sich das auf deine schulischen Leistungen niederschlägt, ist eben Schluss mit der Reiterei. Wir finden bestimmt jemand anderen für Damos.«

Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich ihre Worte begriffen hatte. Doch dann reagierte ich. Im Nachhinein vielleicht albern, aber wenn ich mal wütend bin, seh ich oft rot.

Ich knallte mein volles Glas an die Wand und schrie: »Wie kannst du nur! Du verstehst ja gar nichts!«

Damit meinte ich Mama, nicht Papa, aber statt Mama wurde Papa sauer und fing ebenfalls an zu brüllen. Das passiert nicht oft, und ich bin so erschrocken, dass mir auch noch klirrend Messer und Gabel runterfielen. An der Tapete, dort, wo das Glas zerschellt war, bildete sich ein nasser Fleck, und überall auf dem Tisch und auf dem Boden lagen Scherben.

»Geh sofort auf dein Zimmer!«, fuhr Papa mich an.

»Glaubst du denn, ich will noch bei euch sitzen bleiben?«, brüllte ich zurück. Ich rannte die Treppe hoch, stolperte auf der zweiten Hälfte, fiel zu allem Überfluss hin und legte mich in meinem Zimmer sofort aufs Bett. Mit den dreckigen Klamotten und dem aufgeschlagenen Knie. War mir doch egal.

Das konnte Mama nicht so gemeint haben, redete ich mir ein. An etwas anderes wollte ich gar nicht denken. Die darf mir doch meinen Damos nicht wegnehmen. Würde sie das wirklich tun? Nach so kurzer Zeit?

Ich wollte alleine sein, niemanden mehr hören und sehen. Eigentlich auch nicht Lissi, die zu mir ins Zimmer kam. Sie wollte mich wohl trösten.

Ich drehte mich von ihr weg und schaute die Wand an. Ich spürte, dass sie sich neben mich aufs Bett setzte. Der Lattenrost quietschte leise und ich roch ihr Parfum.

»Das war ja wieder ’ne Nummer«, sagte sie schließlich, und ich konnte hören, dass sie dabei schmunzelte. Ich fand das gar nicht witzig. Also schwieg ich. Obwohl ich es irgendwie auch schön fand, dass sie bei mir war.

»Musst du immer gleich etwas durch die Gegend schmeißen?«, hakte sie nach und zog dabei an einer meiner Locken. Wütend drehte ich mich zu ihr um und setzte mich auf.

»Wenn die mir Damos wegnehmen, dann – dann …« Ich wusste nicht, was dann wäre. Ich konnte mir das nicht einmal vorstellen. Damos und ich, wir gehören einfach zusammen. Das dürfen sie nicht tun. Wir sind ein Team.

»Ach Tom, sie werden dir schon nicht verbieten, zu Damos zu gehen«, sagte Lissi. Das tröstete mich etwas. Lissi würde mich nicht anlügen. Das weiß ich. »Und Mama hat ja auch nicht gesagt, dass sie ihn dir wegnehmen will. Sondern nur vielleicht jemand anderen finden, der ihn reitet.«

»Nein. Nein! Ich will nicht, dass sich jemand anderes auf Damos setzt. ICH will ihn reiten!«, rief ich und merkte, dass ich den Gedanken wirklich ganz grässlich fand. Jemand anderes auf Damos. Am Ende eins von diesen kichernden Mädels aus dem Voltigieren, die ihm immer Möhren bringen. Die warten ja nur auf so eine Gelegenheit. Niemals.

»Ich reite ihn doch auch manchmal«, sagte Lissi und grinste mich an.

»Ja, du. Das ist etwas anderes. Du darfst ihn reiten. Aber sonst niemand.«

Ich verschränkte die Arme und schaute auf den Boden. Es war verdammt schwer, nicht zu lächeln, wenn Lissi neben mir saß.

Aber was mich wirklich beschäftigte: Mamas Bemerkung war die eine Sache. Aber was Papa da abgezogen hatte, konnte ich nicht vergessen. Musste er denn gleich so ausrasten? War er etwa auf Mamas Seite – und das, obwohl er früher selbst Pferde gehabt hatte und weiß, wie sehr ich an Damos hänge?

Als hätte Lissi meine Gedanken erraten, wurde sie plötzlich ernst.

»Und, Tom, wegen Papa – der wollte dich bestimmt nicht so sehr anschreien. Aber …« Sie brach ab und schaute mich aufmerksam an.

»Was?«, fragte ich und schob vorsichtig meine Reithose hoch. Mein Knie blutete. Es brannte wie Feuer und die Hose klebte schon ein wenig an der Wunde fest. Autsch. Lissi wurde noch ernster.

»Doch, ich denke, ich kann es dir sagen«, murmelte sie nach einigem Nachdenken leise. »Er musste heute einem seiner Patienten sagen, dass er nicht mehr viel Zeit hat.«

»Wie, nicht viel Zeit?«, fragte ich und vergaß kurzzeitig Damos und mein Knie. Lissi blickte mich nur stumm an und nickte, und ich kapierte langsam, was sie meinte. Manchmal muss Papa Menschen sagen, dass sie sterben werden. Und an diesen Tagen ist er still und traurig. Oder still und zornig. Und wenn ihm dann jemand querkommt, explodiert er.

»Aber warum haben sie mich dann hochgeschickt? Wenn sie das doch gar nicht so gemeint haben mit Damos?«

»Ach Tom, die sind ein Ehepaar, da ist das eben so.« Ich hörte auf, trotzig zu sein. Es hat außerdem niemals Sinn, mit Lissi rumzuzanken. Und sie kennt Mama ja schon einige Jahre länger als ich. Wenn sie sagt, dass Mama mir Damos nicht wegnimmt, muss ich ihr das einfach glauben. Und ich wollte es so sehr glauben.

Lissi hat dann noch mein Knie untersucht und mir ein Pflaster aufgeklebt, obwohl ich Pflaster hasse wie die Pest. Aber sie meinte, ich würde sonst das ganze Bettzeug versauen. Ich war auf einmal hundemüde, aber noch ziemlich hungrig. Jetzt bereute ich es, vom Tisch abgehauen zu sein. Lissi holte mir heimlich ein Glas Kakao und Kekse aus der Küche. Immer wenn ich reiten war, könnte ich einen kompletten Kuchen verdrücken. Auf einen Schlag.

Danach bin ich ziemlich schnell eingeschlafen, mit Damos’ Pferdegeruch in der Nase, aber Musik hatte ich nicht mehr gelernt.

Der Test hatte überhaupt nicht geklappt. Zu Hause hatte ich nichts davon erzählt. Wenn ich nur in Musik eine Vier im Zeugnis bekommen würde, wäre das nicht so schlimm. Aber in Mathe bin ich noch viel schlechter.

Na ja, jetzt kriegen wir erst mal den Test raus. Hilft alles nichts. Der Klanke reißt bestimmt wieder blöde Bemerkungen über die Noten. Ich finde, er riecht immer nach Gemüsesuppe. Nach Sellerie. So nennen ihn die meisten. Sellerie. Er sieht auch aus wie Sellerie, so fahl und struppig.

Und wie er die Tests zurückgibt! Er ruft jeden Einzelnen auf und dann muss man vor der ganzen Klasse zu ihm nach vorne zum Pult kommen und sich den Test abholen. Jetzt müsste ich eigentlich drankommen.

»Thomas Birkmeier bitte!« Ich hab’s ja gewusst. Ich gehe langsam nach vorne. Er schaut mich missbilligend an, und ich habe das Gefühl, ich stehe in einer Suppenküche. Ich halte die Luft an, damit ich seinen Atem nicht riechen muss. Wenn da nun wirklich eine Suppe stünde, wäre das ja okay, aber da sitzt ein Mensch.

»Ich habe nichts anderes erwartet«, sagt er betont locker. »Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester Lissi! Man sollte nicht meinen, dass du ihr Bruder bist!«

Langsam kriege ich keine Luft mehr und beginne, nervös mit dem Fuß zu wippen. Umständlich legt er mir den Test hin. Es ist keine Vier, keine Fünf, keine Sechs, aber eine Vier-bis-Fünf.

»Der kann mich mal kreuzweise«, flüstere ich Toni zu, als ich wieder an meinem Platz bin. Er nickt mitleidig, starrt aber aufgeregt nach vorne. Er hat seinen Text schließlich noch nicht bekommen. »Du hast das Thema der Liebe nicht begriffen«, entziffere ich Klankes schmierige Schrift, indem ich seine Worte halblaut vor mich hin lese. Toni kichert. Was gibt’s denn da zu begreifen? Schräg vor uns flüstert Tanja Barbara etwas zu. Tanja, die Einzige, die mich damals nicht zum Klassensprecher gewählt hat. Die immer Einsen schreibt, fast in jedem Fach. Was hat sie denn jetzt zu flüstern? Es kann ihr doch egal sein, was ich für Noten schreibe und warum. Das geht sie gar nichts an.

Jetzt fällt mir ein, dass morgen auch noch eine Mathearbeit ansteht. Ich will gar nicht daran denken. Früher war ich mal richtig gut in der Schule. Ich weiß nicht, wie ich das damals gemacht habe. Es ging eigentlich von alleine. Ich hab nicht viel dafür getan. Aber da hatte ich auch Damos noch nicht.

Was verdammt ist hier der Hauptnenner? Diese Mathearbeit ist eine Katastrophe. Entweder sind die Aufgaben verteufelt schwer, oder ich hab viel zu wenig gelernt. Gestern habe ich beim Reiten wieder die Zeit vergessen. Ich hatte meine Uhr nicht an, aber ich war mir sicher, dass ich rechtzeitig zurückkommen würde. Aber so war es nicht. Als ich zu Hause eintrudelte, war zum Glück niemand da. Ich habe dann noch schnell ein paar Übungsaufgaben gemacht – allerdings mithilfe von Lissis Taschenrechner.

Und jetzt sitze ich hier und kann keine einzige Aufgabe. Blackout. Ich weiß fast nichts mehr. Habe ich es jemals gewusst? Dabei kann ich doch Frau Schilfer, unsere Mathelehrerin, gut leiden. Ich will nicht, dass sie sauer reagiert, ehrlich. Wenn ich sie hassen würde, wäre das alles, glaube ich, nicht so schlimm. Beim Klanke ist mir eine Vier egal. Bei ihr nicht. Es klingelt. Jetzt schon?!

»So, abgeben! Tom, du auch.«

Ich habe zwar bei der Hälfte der Aufgaben was hingeschrieben, aber ob das richtig ist? Eine Lösung kam nirgends raus. Wenigstens habe ich ein bisschen was gerechnet. Vielleicht wird’s trotzdem noch eine Drei. Kann ja sein.

»Ihr bekommt die Arbeit wahrscheinlich morgen schon zurück – ich beeile mich, versprochen!«

O nein, nicht morgen. Da ist doch der Ausritt mit der Reitschulgruppe geplant und abends wollten wir gemeinsam neben dem Reitplatz grillen. Wenn ich eine schlechte Note habe, darf ich bestimmt nicht mit.

Der letzte Ausritt war richtig cool. Wir sind ohne Ziel einfach querfeldein Richtung Berge geritten und abends stand Nebel über den Feldern. Die Bergspitzen glühten rosa, als wir mitten auf einer Wiese anhielten und still auf den Horizont blickten. Niemand wollte etwas sagen, nicht mal ich.

Ich glaube, ohne die Berge könnte ich nicht leben. Wir sind so weit geritten, dass ich Lindau gar nicht mehr sehen konnte. Und nie werde ich vergessen, wie wir im Jagdgalopp durch die Dämmerung zurückgeprescht sind. Ich hätte schreien können. Da fühlt man sich so frei und leicht, frei wie ein Vogel. Aber das ist ein Junge mit 14 Jahren leider nicht.

Jetzt kriegen wir tatsächlich heute schon die Arbeit zurück. So was Blödes. Ich habe richtig Schiss. Hoffentlich ist es keine Fünf. Eine Fünf ist blamabel. Sagt Papa. Eine Vier würde man immer schaffen, meint er. Er freut sich nicht über eine Vier, aber er macht auch keinen Ärger deshalb. Eine Fünf ist »indiskutabel«. Dazu wäre ich zu schlau. Aber er weiß ja nicht, wie Schule heute so ist. Ach verdammt, ich hab auch wirklich nichts gelernt.

Frau Schilfer schreibt den Notenspiegel an die Tafel. Ich versuche, nicht hinzusehen. Zum Glück macht sie das alles nicht so öffentlich wie der Klanke. Sie gibt jedem die Arbeit einzeln zurück und sagt ein paar Worte dazu – immer leise, vor allem dann, wenn das Ergebnis nicht so toll ist. Das hört dann nur der Banknachbar.

Nun ist sie in der Reihe vor uns. »Ausgezeichnet, Tanja«, strahlt sie. »Nicht ein einziger Fehler.« Toni schnaubt durch die Nase, und auch ein paar andere Klassenkameraden mustern Tanja, die ihre Arbeit schnell in den Ranzen steckt, als könne sie jemand klauen. Warum lächelt sie nicht einmal? Ich kann das nicht verstehen. Das ist ungerecht. Die kriegt gute Noten und tut so, als wäre das eine Nebensache. Warum sind dann im Gegenzug schlechte Noten immer so eine Tragödie? Aber Tanja hat ja keine Ahnung, wie das ist. Sie ist sogar im Sport gut. Normalerweise würde ich jetzt irgendeine Bemerkung machen, doch mir fällt nichts ein. Meine Hände kleben vor Schweiß und mir ist ganz flau im Magen.

Frau Schilfer kommt auf mich zu und ich traue mich nicht, ihr ins Gesicht zu sehen. Ich hab das Gefühl, alle starren mich an. Tun sie das wirklich?

»Thomas, du musst unbedingt mehr lernen«, höre ich Frau Schilfers besorgte Stimme und versuche, locker zu grinsen. Aber es gelingt mir nicht. »Vielleicht probierst du es mal mit Nachhilfeunterricht. Junge, tu was! Das kann so nicht weitergehen.«

Nun blicke ich doch nach oben. Sie guckt mich so komisch an. Was ist denn los? Ich will es wissen! Bitte. Sie legt mir die Arbeit hin. Ich schau drauf. Mir wird ganz schwindlig und in meinen Ohren und Schläfen pulsiert das Blut. Alles dreht sich. Aber in mir ist es ganz leer. Ich fühle mich richtig dumm. Es ist eine glatte Sechs.

Ich starre auf das Blatt, sehen tu ich aber nichts mehr. Wenn eine Fünf indiskutabel ist, was ist dann eine Sechs? Und was bedeutet das für Damos?

Toni legt mir seine Hand auf die Schulter. Unwillig schüttle ich sie ab.

»Mensch, Tom, das ist doch nicht so schlimm. He, du bist ja weiß wie die Wand! Komm, wir haben jetzt Sport, da vergisst du den ganzen Stuss! Es hat schon geklingelt.«

Habe ich nicht mitgekriegt. Ich stecke die Arbeit in den Rucksack, als wäre es nicht meine, und habe das Gefühl, dringend meine Hände waschen zu müssen. Mensch, eine Sechs. Meine erste. Und das noch in einem Hauptfach. O Gott, was wird Mama sagen? Und was wird mit Damos …?

Ich laufe träge über den Sportplatz zur Umkleidekabine, wie in Trance. Ständig schlägt mir die Tasche gegen die Beine, und ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Toni redet die ganze Zeit beruhigend auf mich ein, aber ich verstehe nicht, was er sagt. Ich sehe immer nur die Note vor mir und dann Damos. Eine Sechs. Das darf einfach nicht sein. Das kann ich nie zu Hause erzählen. Ich muss das irgendwie rückgängig machen.

Ich ziehe mich um und gehe mit weichen Knien auf die rote Aschenbahn. Laufen. Ich muss laufen. Obwohl ich immer noch nicht klar denken kann und alles vor meinen Augen zu wackeln und zu tanzen scheint, fange ich sofort an zu rennen, als unser Lehrer das Signal zum Warmlaufen gibt. Ich überhole die anderen und positioniere mich ganz vorne. Laufen ist etwas, das ich wirklich kann. Reiten zählt ja in der Schule nicht. Das interessiert hier niemanden.

Aber jetzt kann ich etwas wettmachen. Vielleicht vergessen die anderen dann, dass ihr Klassensprecher ’ne Sechs in Mathe geschrieben hat. Vielleicht vergesse ich es sogar selbst. Mir ist schwindlig und mein Herz klopft so sehr, dass es beinahe wehtut in der Brust. Jeder Schritt hallt in meinem Kopf nach.

Aber wenn ich laufe, muss ich nicht nachdenken.

»Tom, Achtung, halt mal an«, höre ich meinen Lehrer rufen.

Nein. Ich halte jetzt nicht an. Ganz bestimmt nicht. Ich bin vorne, ich hab alle abgehängt. Ich möchte noch ein bisschen hierbleiben. Ich laufe schneller, obwohl mein Atmen zum Keuchen wird. Nur nicht stehen bleiben.

»Tom! Stopp!«

Dann ist auf einmal alles schwarz.

Mir ist so heiß. Wo bin ich denn? Zu Hause? Ich habe die Augen geschlossen, es scheinen Gewichte auf meine Lider zu drücken. Mein Kopf dröhnt. Zum Kotzen schlecht ist mir auch. Nur mit Mühe öffne ich die Augen.

Erkennen kann ich kaum etwas. Alles verläuft ineinander. Doch, da, da ist eine Frau, in Weiß, eine – eine Krankenschwester? Kann das sein? Das Zimmer, das ist nicht bei uns zu Hause. Nein. Das ist fremd. Die Decke ist so hoch und der Geruch beißt in meiner Nase. Da ist niemand, den ich kenne. Hinter mir tickt und surrt etwas. Wo sind Mama, Papa und Lissi?

»Er ist wieder bei Bewusstsein«, höre ich eine Stimme. Da sind noch mehr Stimmen und Gestalten, ich kann ihre Gesichter nicht erkennen. Alles ist verschwommen und wackelt. Etwas brennt und pocht auf meiner Stirn, es tut so weh.

Eine der weißen Gestalten beugt sich über mich und lächelt mich an. Kurz wird ihr Gesicht klar. Ich kenne sie nicht.

»Was ist? Wo bin ich?« Mein Mund ist trocken und ich bekomme die Lippen nicht richtig auseinander.

»Du hast eine Platzwunde und eine Gehirnerschütterung. Du bist beim Sport gestürzt. Du musst jetzt erst mal im Krankenhaus bleiben. Wahrscheinlich kannst du dich an nichts mehr erinnern. Das ist normal, keine Angst«, sagt sie leise.

Ich denke krampfhaft nach. Heute Morgen, da war ich doch noch in der Schule, und dann – die Sechs! Die Sechs in Mathe! Ich erschrecke furchtbar. Wissen es meine Eltern vielleicht noch gar nicht? Oder doch? Und wie bin ich hierhergekommen?

Ich will mich aufrichten, doch die Gestalten drücken mich sofort zurück ins Kissen. Ich kann mich nicht dagegen wehren. »Sch… scht.« Ich fühle mich so schwach, das Blut in meinen Schläfen rauscht und tut mir weh dabei. Ich kann nichts mehr sehen, höre aber wieder die Stimme der Krankenschwester.

»Gleich kommen deine Eltern. Wenn etwas ist, dann drück auf den Knopf neben deinem Bett. Wir schauen immer wieder nach dir.« Mir wird schwarz vor den Augen.

Nun ist Lissi da. Auch sie sieht verschwommen aus, wie Mama und Papa vorhin, aber ich erkenne ihre blauen Augen und ihr Wallehaar.

»Hallo«, sage ich ganz leise.

»Da hast du ja wieder was angestellt.« Sie traut sich kaum, laut zu sprechen. Mir tut auch wirklich jedes Wort weh. »Du hast mir richtig Angst eingejagt«, flüstert sie.

»Ich hätte einfach mehr lernen sollen, ich weiß auch nicht, es tut mir …«

»Hey Tom, doch nicht wegen der Schule, sondern wegen deinem Kopf, du Dummerchen.«

Aus der Infusion tropft es lautlos in meinen blassen Unterarm.

»Ich dachte, ich hätte dir beigebracht, wie man Schuhe bindet.«

Ich versuche zu lächeln. Ich kann mich nicht daran erinnern, wie ich gestürzt bin. Auch nicht daran, wie man mich abgeholt hat. »Tom! Stopp!«, hat mein Lehrer gerufen, das weiß ich noch. Und ich wollte nicht auf ihn hören. Ansonsten ist da nur ein großes schwarzes Loch.

Dann fällt mir doch etwas ein. Lissis Gesicht. Mit aller Gewalt versuche ich mich zu konzentrieren. Doch, da war Lissi, und sie hat fast geweint und meinen Sportlehrer angeschrien. Irgendjemand muss sie geholt haben. Schließlich weiß jeder, dass wir Geschwister sind. Wann kommt denn endlich der Krankenwagen, hat sie gerufen. Und mein Kopf ruhte in ihrem Schoß.

Dann hab ich neben mich geschaut, und da lag Toni auf dem Boden, mit einem nassen Tuch auf seinem Gesicht. Ganz blass und bleich. Ich wollte etwas zu ihm sagen, aber das ging nicht, so sehr ich es auch versuchte. Ich wollte ihn trösten.

Ich wusste nur: Wenn Lissi da ist, wird alles gut. Ich hab an meine Stirn gefasst, weil da etwas Warmes runterlief, in meine Haare, und meine ganze Hand war voller Blut. Ab da weiß ich wieder nichts mehr. Gar nichts.

Ich möchte hier nicht bleiben. Das geht nicht. Ich hab doch mein Pferd und heute ist der Ausritt. Damos wartet auf mich.

»Du, Lissi!«, sage ich mühsam. »Du, bitte kümmere dich um Damos!«

»Natürlich mache ich das. Ich gehe gleich nachher in den Stall«, sagt sie leise und lächelt.

»Und reite ihn immer lang genug aus, aber nimm den normalen Sattel, nicht den Turniersattel. Und gib ihm ab und zu eine Möhre. Aber nicht direkt nach dem Reiten. Erst später.« Ich hab das Gefühl, mir wird schlecht.

»Tom, nicht so viel reden. Wir machen das schon. Schlaf jetzt. Okay?« Schlafen. Ich will ihr sagen, dass sie ihn mir nicht wegnehmen dürfen, aber das Reden ist so anstrengend, und mir wird übel dabei. Mir fallen die Augen zu.

Sie streicht mir vorsichtig durch meine verschwitzten Locken. Schlafen …

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ich habe irrsinnige Kopfschmerzen und mir ist abwechselnd eiskalt und dann wieder so heiß, dass ich denke, ich halte es nicht aus. Meine Hände und Backen glühen. Ich hab Fieber. Und das hat selbst Papa nicht gefallen. Eigentlich hat man kein so hohes Fieber, wenn man auf den Kopf gefallen ist, meinte er. Jetzt rätseln sie, warum das so ist.

Und sie haben mich an den Tropf gehängt. Ich will nichts essen und ich will auch nichts trinken. Mir ist immer noch schlecht.

Richtig schlafen kann ich auch nicht, und wenn, dann träume ich wirres Zeug. Manchmal sitze ich im Traum auf dem Pferd, aber meine Knochen brennen und schmerzen so, dass jeder Schritt eine Qual ist.

Wenn ich aus diesen Träumen aufwache, wäscht mich eine Schwester und wechselt das verschwitzte Bettzeug, und ich wünsche mir, sie wäre endlich fertig und ich könnte mich wieder hinlegen. Manchmal ist auch Lissi da und kümmert sich um mich, aber ich sehe sie wie durch einen Nebel. Ich möchte ihr so viel sagen, doch meistens kann ich die Worte nur denken, nicht aussprechen.

Jetzt höre ich Schritte, jemand kommt ins Zimmer. Ich kann nichts richtig erkennen. Wer ist das? Und dann dieses Brummen im Kopf. Sie messen Fieber, glaube ich. Ich weiß es nicht genau. Aber wer ist das neben meinem Bett?

»Das Fieber ist noch recht hoch. Aber es gibt keine Anzeichen für eine Infektion. Das wird schon wieder«, sagt jemand. Die Stimme entfernt sich und hallt in meinem Kopf weiter. »Wird schon schon schon wieder wieder wieder …«

Ich brauche etwas Kaltes auf dem Kopf, etwas Eiskaltes. Ich ertrage diese Hitze nicht mehr. Ein riesengroßes Gesicht beugt sich über mich, wackelt hin und her und starrt mich an. Diese Augen, wem gehören diese Augen, ich kenne sie doch, aber ich weiß es nicht, es fällt mir nicht ein.

Ist das Mama? Sie werden immer größer, verschlingen mich. Und ich falle … immer tiefer und tiefer …

Ich öffne die Augen. Ich habe das Gefühl, Wochen geschlafen zu haben. Heiß ist mir nicht mehr und ich kann endlich alles ohne Mühe erkennen. Das Christuskreuz an der Wand und die Punkte auf den Vorhängen. Der Baum vor dem Fenster hat lila Blüten und die Vorhänge blähen sich im Wind. Ich muss blinzeln, weil die Sonne auf mein Gesicht fällt.

Als ich mich nach links drehe, zucke ich vor Schreck zusammen. Da liegen ja noch zwei Jungs!

»Na, wieder von den Toten auferstanden?«, fragt mich der eine belustigt. Der andere pennt.

»Na ja, wie man’s nimmt«, sage ich verlegen. »Sag mal, wart ihr schon die ganze Zeit hier?«

»Du bist vorgestern zu uns gelegt worden. Vorher haben sie dich in einem Einzelzimmer beobachtet. Aber du warst die ganze Zeit so daneben, dass du nichts bemerkt hast. Wir dich aber schon, glaub mir.« Er grinst immer noch. »Also, ich bin Freddie, eigentlich Frederik.« Er deutet auf sein eingegipstes Bein. »Meniskusoperation. Wie du heißt, wissen wir schon. Und der Penner da drüben ist Filippo. Italiener. Ein Blinddarm weniger in Westeuropa. Er leidet Höllenqualen – angeblich.«

»Aha. Und wie lange bin ich schon hier?«

»Drei Tage, glaube ich.«

O wei. Drei Tage und nichts mitbekommen. Das ist schon fast peinlich. Ich weiß nichts mehr.

Ich schaue mir Freddie genauer an. Groß, schlank, rotblonder Bürstenhaarschnitt und übersät mit Sommersprossen. Da werden meine neidisch. Filippo ist klein und kräftig und hat feste schwarze Locken. Mehr als seine Wade und sein dunkler Schopf sind momentan auch nicht zu sehen.

Plötzlich stellt sich ein heftiges Gefühl in meinem Bauch ein – Hunger. Und wie. Aber ich hänge immer noch am Tropf. Am liebsten würde ich mir das Ding rausreißen. Langsam werde ich wieder müde, trotz Magenknurren. Ich glaube, ich schlafe noch eine Runde. Mir fallen die Augen zu.

Eben gab’s Abendessen. Mit Tropf im Arm, aber morgen kommt er weg. Haben sie versprochen. Noch lieber aber wäre es mir, sie würden diese hässlichen rosa Stützstrümpfe wegmachen, die ich tragen muss. Das ist ja eine Zumutung, die Dinger. Ich bin vor Schreck fast umgefallen, als ich vorhin aufs Klo gegangen bin und sie an meinen Beinen entdeckt habe (wie bin ich eigentlich vorher aufs Klo gegangen? Ich glaube nicht, dass ich das wissen möchte). Aber Filippo trägt sie auch und meinte: »Da musst du durch, Bruder.«

Ihm ist nur wichtig, dass er seine Beine unter der Decke hat, wenn Lissi zu Besuch kommt. Denn die beiden haben sich in meine Schwester verschossen. Beide finden, dass sie so gut aussieht. Okay, das stimmt, ist ja auch meine Schwester. Sie sieht aus wie ein Engel, finde ich. Sie wäre natürlich lieber größer und schlanker und weiß der Henker was. Aber Lissi ist ein Rauscheengel.

Ich hab den beiden nicht gesagt, dass Lissi einen festen Freund hat. Es ist doch wirklich verrückt: Filippo ist so alt wie ich und Freddie gerade mal 16. Da verlieben die sich in eine 18-Jährige.

Manchmal würde es mich schon interessieren, wie sich das so anfühlt. Verliebt zu sein. Würde ich mich dann auch so albern verhalten?

Ich und verliebt? Kann ich mir nicht vorstellen. Und laut Klanke ist das ja nicht mein Thema. Klanke, Schule, die Mathearbeit – ob meine Eltern noch sauer auf mich sind?

Filippo reißt mich aus meinen Gedanken. »Warst du mal in Italien? Hm?« Wir waren bisher nur in Spanien und Frankreich, aber dieses Jahr soll’s nach Sizilien gehen. Ich erzähle es ihm. Er ist begeistert. Während Freddie draußen auf dem Gang Krückenlauftraining macht, berichtet mir Fil schwärmerisch von seiner Heimat. Scheint ja bombig dort zu sein. Vom Eis bis hin zu den Mädchen.

Freddie kommt hereingehumpelt, begrüßt Fil mit einem freundlichen »Na, palaverst du wieder?« und verschwindet ins Bad, um danach mit einem Spiegel zwischen den Zähnen wieder herauszuhüpfen. »Hast du dich eigentlich schon mal richtig angeschaut, Tom? Ich meine, dein Gesicht?« Nein, hab ich nicht. Als ich aufs Klo gegangen bin, wurde mir wieder ein bisschen schwindlig. Da hatte ich anderes im Sinn, als mein Aussehen zu begutachten. Ich schüttle den Kopf. Freddie reicht mir schmunzelnd den Spiegel. »Hier. Interessiert dich bestimmt.«

Ich kriege einen ordentlichen Schreck, während Freddie ununterbrochen in sich hineingrinst. Meine Sommersprossen sind verblasst oder haben sich aufgelöst, meine Haut ist wie aus Wachs. Bleich und ungesund.

An der Stirn prangt eine mit mehreren Stichen genähte Wunde. Dunkel verkrustetes Blut klebt an den Fäden. Um die Naht herum schillert die Haut in den verschiedensten Blau- und Grüntönen. Aber weh tut die Verletzung eigentlich kaum mehr.

Ich lege den Spiegel schnell auf den Nachttisch. Ich sehe ja aus wie ein Gespenst.

Eben hat die Kirchturmuhr zehn geschlagen. Filippo schnarcht und Freddie ist gerade sein Buch aus der Hand gefallen. Ich schleiche rüber, hebe das Buch auf und knipse seine Nachttischlampe aus. Ich selbst darf noch nicht lesen. Strengt mich zu sehr an.

Vorhin hat Freddie von Zuhause erzählt. Seine Eltern sind geschieden, und er lebt bei seinem Papa, nicht bei seiner Mutter. »Ist besser so«, sagte er. Warum es besser ist, das habe ich mich nicht getraut zu fragen. Klang übel. Freddie ist schon so erwachsen. Er liest ganze Stapel von Büchern, von morgens bis abends. Er tut mir irgendwie ein bisschen leid, aber ich bewundere ihn auch.

Sein Vater wäre kaum zu Hause, sagte er. Einer müsse ja das Geld verdienen. Aber wenn er mal da wäre, dann würde er sich auch Zeit für ihn nehmen. So richtig. Dann würden sie schwimmen gehen oder zusammen zelten.

Meine Eltern waren heute drei Mal hier. Das war mir schon fast peinlich. Mama hat mir Himbeeren mitgebracht. Himbeeren um diese Jahreszeit! Sie muss sie bei ihrem Delikatessen-Fritzen gekauft haben. Ich liebe Himbeeren, vielleicht werde ich schneller gesund, wenn ich sie esse.

Dann kam Toni dazu und hat viele uninteressante Geschichten von der Schule erzählt. Aber ich war froh, ihn hier zu haben, obwohl er furchtbar zappelig war und dauernd sagte, er könne diese Krankenhausluft nicht riechen. Ich muss darin schlafen! Zwischendurch hat er immer wieder ängstlich auf meine Naht gestarrt, als könnte sie plötzlich aufplatzen und ein Alien herausspringen. Ich glaube, er war froh, als er wieder verschwinden konnte.

Lissi hat mir inzwischen verraten, dass Toni nach meinem Unfall ebenfalls kurz ohnmächtig geworden ist, weil mein ganzes Gesicht voller Blut war. Mein Sportlehrer muss fast die Nerven verloren haben. Angeblich war es Tanja, die Toni einen nassen Waschlappen aufs Gesicht geklatscht hat und meinen Sportlehrer anherrschte, er solle sich gefälligst zusammenreißen. Das kann ich gar nicht glauben. Jedenfalls muss alles sehr chaotisch gewesen sein. Lissi meinte, die ganze Schule habe sich darüber unterhalten. Und Frau Schilfer sei zwei Tage umhergelaufen, als habe sie jemanden umgebracht. Völlig zerknirscht. Das tut mir fast schon wieder leid.

Ich bin müde, finde aber keine Ruhe. Filippos Schnarchen wird immer dramatischer. Manchmal klingt es, als würde er gleich ersticken, dann kommt ein lautes Gurgeln und es geht wieder von vorne los.

Ich stehe auf und gehe ans Fenster. Eine schöne Mainacht ist heute. Ab und zu zwitschert verschlafen ein Vogel und der Wind rauscht sanft in den Bäumen.

Wenn ich jetzt zu Hause wäre, würde ich wahrscheinlich entweder bei Lissi im Zimmer hocken oder Musik hören. Coldplay. Oder Linkin Park. Sicherlich Linkin Park. Das würde mir Energie geben. Und heute Mittag wäre ich auf Damos durch die Wälder geprescht.

Habe ich etwa Heimweh? Ich glaube schon.

Ich schließe das Fenster bis auf einen schmalen Spalt, drehe Filippo auf die andere Seite, lege mich hin und warte aufs Einschlafen.

Es ist nicht zum Aushalten. Ich darf nicht lesen, nicht Musik hören, nicht fernsehen, einfach gar nichts. Das mit dem Fernsehen, das ist ja nicht so schlimm, aber ich sehne mich so nach Musik oder einem Buch! Freddie verschlingt Bücher und Lesezeichen auf einmal. Wirklich! Er knabbert beim Lesen an diesen Dingern rum, bis sie ganz schlabberig sind. Dann bastelt er sich neue, aus der Mittagessenskarte oder einer Serviette. Das sind die Minuten, in denen er ansprechbar ist.

Aber wenn er liest, ist er weg. Keine Chance.

Fil kann mich noch einigermaßen unterhalten. Na ja. Er versucht, mir italienische Vokabeln beizubringen. Wie in der Schule. Fil ist wirklich etwas anstrengend. Das haben auch die Schwestern schon gemerkt und kommen nur noch rein, wenn sie müssen.

Und dann lassen wir diese peinlichen Fragen über uns ergehen. Ob wir auf dem Klo waren oder nicht. Und wie. Und so weiter. »Das wollen Sie nicht wirklich wissen«, sagte Freddie einmal und wir fingen an zu lachen.

Ich höre die Tür quietschen und drehe mich um. Ein Sandalenfuß und ein Kettchen um den Knöchel … »Lissi!«, rufe ich erfreut.

»Hallo Schatzi«, sagt sie, und ich freue mich schon nicht mehr so. Ich hasse das. Ich bin nicht ihr Schatzi.

Ich werfe einen kurzen Blick auf meine Zimmergenossen: Freddie verkriecht sich hinter seinem Buch und Filippo stellt sich schlafend.

»Na, dir scheint’s ja wieder besser zu gehen.« Sie lehnt sich ans Fußende von meinem Bett und schmeißt mir eine Tafel Schokolade rüber.

»Hier. Deine Lieblingssorte.« Sie verzieht das Gesicht. »Mint. Eine Schande, dafür Geld auszugeben.« Begeistert reiße ich die Hülle auf und stecke mir gleich vier Stücke auf einmal in den Mund. Schnaufend kaue ich. Ich liebe es, wenn sich die kühle Minzfüllung auf meine Zunge schmiegt. Es gibt nichts Besseres.

Lissie seufzt, setzt sich auf den Besucherstuhl und streckt die Beine aus.

»Ich laufe mir heute Abend wieder die Füße platt«, sagt sie. »Und ich hab gar keine Lust.« So locker sie auch redet, sie sieht immer lieb dabei aus. Füße platt laufen – dann kellnert sie heute Abend wohl wieder in der Eisdiele. Sie will unbedingt mit Chris in den Urlaub fahren und da ist Papa streng. Sachen, die er nicht gut findet, muss man sich erarbeiten. Da gibt’s dann keinen Zuschuss. Deshalb hatte ich mit Damos so viel Glück.

Aber jetzt, wo ich die ersten Bissen hinuntergeschluckt habe, macht mich die Schokolade stutzig. Normalerweise schenkt mir Lissi nichts. Außerdem hab ich mehrere Schachteln Kekse und Pralinen von irgendwelchen Bekannten meiner Eltern auf dem Nachttisch stehen. Jetzt schaut sie auch noch so mitleidig.

»Du, Tom«, beginnt sie zögernd.

»Ja?«

»Also, wegen Mathe und so – Mama hat gesagt …«

Mama? Mathe? Ich hänge an ihren Lippen. Will Mama Damos jetzt doch abgeben? Vielleicht sogar verkaufen? Das kann doch nicht sein! Das darf nicht sein! Schlagartig schmeckt mir die Schokolade nicht mehr.

»Na ja, du sollst Nachhilfe bekommen.«

Mir fällt ein Stein vom Herzen.

»Solange es nur das ist«, sage ich erleichtert. »Das hab ich doch sowieso schon geahnt.«

»Dann ist ja gut. Tanja macht das sicher klasse.«

»Was? Wer?« Ich setze mich kerzengerade auf und vergesse meinen Kopf. Die meinen doch nicht etwa …

»Tanja, die aus deiner Klasse. Sie soll ein echter Mathe-Crack sein.«

»Tanja? Sag mal, seid ihr denn bescheuert? Bei der blöden Gans? Meinst du denn, ich lasse mir von der Mathe beibringen, von dieser Streber-Kuh?«

»Tom! Jetzt …«

»Nein!!! Nein. Da bleibe ich lieber sitzen. Das …«

»Thomas!« Lissi steht auf und macht wieder eine ihrer typischen Armbewegungen, die sie immer dann macht, wenn ihr was nicht passt. Wie ein Engel, der nicht abheben kann. Sie ist sauer.

»Jetzt mach aber mal einen Punkt, ja? Du steigerst dich da nur rein! Die ist doch in Ordnung. Sie hat auch anderen schon prima geholfen. Und ihr könnt euch gemeinsam auf die nächste Arbeit vorbereiten.«

»In Ordnung!? Also, wenn ich jemanden bei uns aus der Klasse nicht leiden kann, dann die! Ich dachte, das wisst ihr!«

Lissi schüttelt ungläubig den Kopf. Hörte mir denn niemand zu? Jeder weiß, dass ich Tanja nicht leiden kann.

»Es ist aber schon ausgemacht, Mama will es so. Wirklich, Tom, wir haben uns genug um dich gesorgt, mach kein Drama draus, du kannst da nicht mehr Nein sagen. Und ich gehe jetzt. Ich muss in die Eisdiele. Ciao.«

Sie steht tatsächlich auf und geht raus. Einfach so. Nach nur drei Minuten. Und ich kenne sie, die kommt nicht wieder. Manchmal ist sie so entsetzlich erwachsen.

Filippo ist auf einmal hellwach und schaut mit aufgerissenen Augen an die Decke. Sein Mund formt ein stilles »Wow«. Anscheinend mögen Italiener wütende Frauen.

Am liebsten hätte ich Lissi den Stinkefinger gezeigt, aber ich konnte mich gerade noch beherrschen.

Aha. Ausgemacht. Ohne mich. Das ist ja klasse. Die hätten mich ruhig mal fragen können. Aber Mama fragt nie bei so was.

Und Lissi war echt gemein zu mir, hat mich angefahren, das macht sie doch sonst nicht. Das alles auch noch vor Freddie und Fil. Totale Blamage.

Nachhilfe, nein, nicht bei Tanja. Sie ist so – ich weiß auch nicht, irgendwas stimmt mit der doch nicht. Schreibt nur gute Noten und freut sich nicht drüber. Wahrscheinlich freut sie sich heimlich umso mehr und triumphiert über die, die versagt haben.

Und als es um mein Klassensprecheramt damals ging, hat sie sich enthalten. Jeder hat sie angestarrt bei der Abstimmung, aber das war ihr egal. Gut, ich hab sie manchmal aufgezogen mit den anderen, wegen ihrer seltsamen Klamotten, früher, und dieser Streberei, und weil sie nie irgendwo dabei ist, bei keinem Grillfest und keiner Klassenfahrt, aber allein das ist es nicht. Ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn sie in der Nähe ist. Am liebsten wäre es mir, sie würde auf eine andere Schule gehen. Ich finde, sie stört, egal, was sie macht und tut.

Ich will mir von ihr nicht helfen lassen, das weiß ich ganz tief drinnen. Von jedem anderen, ja, meinetwegen vom Klanke persönlich, meinetwegen von fünf Mädels auf einmal, aber nicht von Tanja.

Doch ich weiß schon, was ich tun werde. Ich werde bocken und auf stur stellen und einfach alles verweigern, dann hat Tanja irgendwann keinen Nerv mehr. Die wird nicht mit mir fertig. Das schwöre ich.

Das mit dem Sitzenbleiben hab ich nicht so gemeint. Ich will nicht aus meiner Klasse weg. Niemals. Meine besten Freunde sind bei mir in der Stufe.

Ich drehe Fil und Freddie den Rücken zu und versuche zu schlafen.

Nach einer Weile ist meine Wut ein bisschen verraucht. Schlafen kann ich aber nicht, und nur dazuliegen und an die Wand zu starren ist anstrengend.

Freddie und Fil tun so, als wäre nichts gewesen. Das finde ich fair. Freddie legt ausnahmsweise mal sein Buch weg und kramt in seinem Nachttisch rum. »Will jemand einen Keks?«

»Ich!«, schreit Fil voreilig. »Oder zeig erst mal – ach nee, die mag ich nicht.« Er zieht eine Schnute. Freddie zuckt nur mit den Schultern.

»Mir soll’s recht sein. Du, Tom?«

»Ja, wirf mal einen rüber. Danke!«

»Pscht, ich glaube, da naht eine Schwester«, flüstert Fil warnend. Tatsächlich. Das müsste Berta sein. Sie ist riesig und hat ganz dicke große Zehen, die vorne aus ihren Sandalen rausstehen. Mit Zehennägeln, die aussehen, als seien sie aus Zement. Ich wusste gar nicht, dass Frauen so große Zehen haben können.

Sie steckt ihren Kopf durch die Tür und schaut uns prüfend an.

»Wir haben alle mehrfach geschissen«, sagt Freddie eiskalt und beißt in seinen Keks. Von Filippo ertönt nur ein ersticktes Wiehern, wie Damos, wenn er sich über ein Leckerli freut, und ich kann mich nicht recht entscheiden, was ich tun soll. Lachen oder mich unter der Decke verkriechen. Mir ist nach beidem zumute.

»Sie haben ziemlich große Füße«, rutscht es mir raus und dann ist alles zu spät. Während Fils Wiehern immer lauter wird und dazwischen Grunzer kommen, die seinem Schnarchen verdammt ähneln, zieht sie sich kopfschüttelnd zurück.

O je, das wollte ich doch gar nicht sagen. Ich hab mir geschworen, nichts über ihre Füße zu sagen.

»Das sind keine Füße, das sind Hufe«, grinst Fil.

Als wäre das sein Stichwort, setzt Freddie sich auf und schaut mich begeistert an. »Hufe! Da fällt mir was ein! Wann fährst du nach Italien, Tom?«

»Die letzten zwei Wochen der Sommerferien, warum?«

Fil stöhnt genervt. »Nicht das Thema schon wieder.« Doch Freddie ignoriert ihn. Seine Augen strahlen plötzlich.

»Also, da gibt’s so eine Trekking-Fahrt, durchs Voralpenland, mit Pferden und Zelt und Lagerfeuer, Natur pur, was für Männer.«

Aha. Freddie mag ja schon ein bisschen Mann sein, aber ich? Ich entschließe mich, weiter zuzuhören.

»Ich war schon mal bei so was dabei. Allerdings war das damals nicht mit Pferden. Aber du reitest doch auch – hättest du nicht Lust mitzugehen?«

»Ich gehe bestimmt nicht mit!«, kräht Fil dazwischen, obwohl ihn niemand gefragt hat. »Pferde!«, schnaubt er verächtlich. »Das ist was für Mädchen.«

Ja, den Satz hab ich schon oft gehört. Und warum sind dann die meisten erfolgreichen Springreiter Männer? Und die meisten Reitlehrer? Prüfer? Ausbilder? Aber ich hab keine Lust, mich mit Fil zu streiten. Toni mag ja auch keine Pferde und ich streite mich nicht mit ihm.

Freddies Idee ist einfach der Hammer. Ich bin begeistert. Urlaub mit Pferden – das wollte ich schon immer mal machen, aber Mama und Papa sagen, ich dürfe erst allein in den Urlaub, wenn ich 14 bin. Und nun bin ich 14.

»Kann man da denn auch sein eigenes Pferd mitnehmen?«, platzt es aus mir heraus. Wenn, dann mit Damos. Und keinem sonst. Das steht fest.

»Du hast ein Pferd?«, rufen beide gleichzeitig. Freddie interessiert, Fil noch ein bisschen genervter.

»Ja, Damos heißt er.«

Fil und Freddie schauen sich an und prusten los.

»Hey, was ist denn? Ich weiß, der Name ist etwas komisch, aber deshalb …«

Ich versteh das nicht.

»Schon gut, Tom!« Freddie wischt sich die Lachtränen aus den Augen und Fil hält sich wimmernd seine Narbe.

»Du hast nur, als du Fieber hattest, ab und zu etwas von einem Damos gefaselt, und wir wussten nie, was das nun bedeutet. Ich meine, du bist ein Junge, und du redest im Traum von einem Damos. Wenn du von einer Sabine oder Natascha oder Jenny geredet hättest, okay, aber Damos?«

Freddie zwinkert mir zu. Jetzt muss auch ich lachen.

»Klar, deinen Gaul kannst du bestimmt mitnehmen – wenn er nur halb so hübsch wie deine Schwester ist, ist er willkommen.«

Fil wird wieder rot. Freddie erzählt versonnen weiter.

»Abends werden dann die Zelte aufgeschlagen. Meistens auf Reiterhöfen, manchmal auch in der Pampa. Nach einem Tag unterwegs ist man ganz schön groggy. Aber man erlebt auch so einiges. Meine Cousine organisiert die Fahrten, deshalb kann ich immer mit, wenn ich will.«

»Aber ob meine Eltern das überhaupt erlauben …«, überlege ich laut. Papas neidischen Blick sehe ich schon vor mir, ich müsste aufpassen, dass er nicht heimlich selbst mitfährt. Aber Mama?

»Ach Tom – das von vorhin hat Lissi bestimmt nicht erzählt, und wenn, dann haben es deine Eltern längst schon wieder verdaut.« Das von vorhin. Tanja. O Mann. Die hatte ich vor lauter Aufregung schon fast wieder vergessen. Ich merke, wie mein Lächeln starr wird. Und verschwindet. Ich kann nicht lächeln, wenn ich an Tanja denke.

Freddie beißt sich auf die Zunge. »O Shit, ich wollte doch nichts zu dem Thema sagen. Sorry, Tom, ehrlich.«

»Schon gut.«

Ach Quatsch, nichts ist gut. Überhaupt nichts. Warum habe ich nichts gelernt? Ich hatte nur Damos im Kopf. Auf die Idee, dass mein Reitlehrer sich um ihn hätte kümmern können, bin ich natürlich nicht gekommen. Dabei zahlt Papa sogar dafür. Wenn ich mal nicht reiten kann, setzt sich Markus drauf. Aber ich will halt immer reiten. Das ist das Problem.

Eine Schwester mit Essen schiebt sich durch die Tür. Nicht Berta. Zum Glück. Ich habe kaum Hunger. Das war einfach zu viel heute.

Fil bekommt wieder Spezial-Essen, wegen seines Blinddarms. Und wenn Fils Mama nicht mit einem Korb voller italienischer Leckereien da war – und das war heute so –, dann gibt es ein mittelschweres Drama. Er hebt ein Käsestück vorsichtig hoch und betrachtet es skeptisch von allen Seiten, während er die Nase rümpft und leise vor sich hin murmelt. Dass ich wider Willen schmunzeln muss, passt ihm gar nicht. »Du lachst! Du hast ja auch gut lachen! Ich muss das hier essen!«

Er beschmiert sein Brot hauchdünn mit Margarine und drapiert es mit winzigen Käsestückchen. Als würde man ihn hier vergiften wollen. »Italienischer Pecorino, das ist Käse. Aber nicht das.«

»Mäkler«, knurrt Freddie aus seiner Ecke rüber.

»Da sieht man es wieder!« Fil ist eingeschnappt. »Dauernd erzieht der an mir rum. Mit euch rede ich kein Wort mehr.«

Freddie grinst mich vielsagend an. Er weiß wahrscheinlich genauso gut wie ich, dass Filippo spätestens in zehn Minuten wieder quasselt wie ein Wasserfall. Ich grinse zurück, aber es kommt mir vor wie eine Grimasse.

Morgen komme ich nach Hause! Ich könnte einen Freudentanz aufführen, so froh bin ich. Vorhin habe ich noch mal mit Mama telefoniert, sie will Lasagne machen und einen guten Film ausleihen, und es muss wirklich viel passieren, damit Mama einen Film ausleiht. Ich hoffe, es ist nicht wieder »Zeit der Zärtlichkeit« oder so was, ich will keine Heulfilme, ach, ich brauche eigentlich überhaupt keine Filme – ich glaube, es reicht mir, einfach nur in meinem Zimmer zu sitzen und nicht mehr über meine Verdauung sprechen zu müssen.

Und das mit Tanja – na ja, ich hatte solche Angst wegen Damos, dass ich Mama und Papa gegenüber so getan habe, als ob ich es nun verstehe und auch dafür bin. Dass ich es einsehe. Das war glatt gelogen. Aber was hätte ich denn tun sollen – vor Fil und Freddie eine Diskussion mit Mama anfangen? Und mit Papa darüber streiten – der Gedanke ist völlig unmöglich. Für ihn hat Mama in solchen Angelegenheiten sowieso die Haushoheit.

Mama ist auch der Chef unseres Familienrates. Dann gibt’s immer Milchshakes und wir sitzen im Kreis auf dem Wohnzimmerteppich vor dem Kamin und jeder soll ganz sachlich sagen, was ihm an einer Sache passt oder nicht und warum. Was man ändern könnte. Und dann fällen wir eine Entscheidung. Ich mag Familienräte. In diesen Stunden gibt es nur uns und die Milchshakes.

Wegen Damos tagte damals auch der Familienrat. Na ja, ob er nun wirklich gekauft werden soll oder nicht. Das war der Abend, bevor morgens sein Foto auf dem Frühstückstisch gelegen hatte.