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Die Essaysammlung An-denken der Komparatistin Sarah C. Schuster widmet sich nicht nur dem Andenken an große Dichter und Denker – von Johann Georg Hamann über Virginia Woolf, Franz Kafka, Paul Celan und Ilse Aichinger bis hin zu William Burroughs – sondern denkt auch an gegen das Vorurteil, es gäbe Gewissheit oder gesichertes Wissen, und setzt es der Sprache aus. Die Dauer der sprachlichen Bewegung kann sowohl Augenblick als auch Ewigkeit sein. Es ist die Aufmerksamkeit des Lesenden, die die Welt bewegt, in der wir leben. Jenseits der Grenzen der Anschauung muss sich weiterbewegt, muss weitergedacht werden. Die Sprache muss zum Ende der Sprache gehen, um über das Ende der Sprache hinauszulaufen und nicht an ihrem eigenen Ende ankommen zu müssen. "Wie die Zu-Ende-Führung der Welt ist das Leben ein Sich-zu-Ende-Sprechen. Das Zu-Ende-Sprechen der Sprache des Selbst ist aber niemals uns selbst, sondern immer einem Anderen überlassen", schreibt Schuster. "Der Tod ist eine Möglichkeit in der Welt, doch muss der Tod als Möglichkeit gleichsam auch eine Unmöglichkeit bleiben, zumindest so lange, wie gesprochen – wie gedacht wird. Der Tod kommt als das Unerwartete, das warten muss, und zwar bis das letzte Andenken aufhört zu denken." "Es ist Sache der Philologie, in jedem ,und so weiter' ein ,nicht so weiter', ,nicht und', ,anders als so' wahrzunehmen, zu realisieren, zu aktualisieren." Werner Hamacher
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Sarah C. Schuster
Philologische Essays
FürChristel und Hartwig Schuster,Olivia Boeddrich,Dr. Michele Sciurba undProf. Dr. Werner Hamacher†
Sarah C. Schuster: An-denken, Philologische Essays, edition faust academic
1. Auflage 2022
© Edition Faust, Frankfurt am Main 2022
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über <http://dnb.d-nb.de>
Lektorat: Regine Strotbek
Herstellung: Uwe Adam, Freigericht
Druck: TZ-Verlag & Print GmbH, Roßdorf
Printed in Germany
ISBN 978-3-949774-06-5
eISBN 978-3-949774-21-8
DOI: 10.23798/SCHUSTER_9783949774065
www.editionfaust.de
Vorwort:Die Zukunft der Philologie
Das A und O – Franz Kafkas Kleine Fabel
Wege der Sprache zwischen Franz Kafka und Paul Celan – Der Ausflug ins Gebirge, Gespräch im Gebirg und Schliere
Die Krux der Philologie:Der kreuzziehende Philologe Johann Georg Hamann
The anatomy of addiction in William S. Burroughs’ novelNaked Lunch
E.T.A. Hoffmann und Maurice Sendak:Die harte Nuss der Gerechtigkeit in Nußknacker und Mausekönig
Vom Anfang und Ende des Lebens:Das Spiegelmotiv bei Ilse Aichinger und Virginia Woolf
Imprisonment and hope:Alicia Partnoy’s novel The Little School and Sherman Alexie’s novel The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian
Unterhaltung und Politik in Erika Manns KinderbüchernStoffel fliegt übers Meer und Zehn jagen Mr. X
Wahn und Wirklichkeit:Bibliomanie in Elias Canettis Roman Die Blendung
The abyss named fiction: Imagination and freedom in Kathy Acker’s novel My Mother: Demonology and Carole Maso’s novel Ava
Bibliografie
Wörterbücher/Abbildungen
Schlagwortverzeichnis
Über die Autorin
Körper, die sich bewegen, bleiben so lange in Bewegung, bis sie entweder durch eine äußerliche Kraft oder eine innerliche Notwendigkeit zum Stillstand gebracht werden. Für jede Abweichung von einem vertrauten Weg und jede Veränderung einer eingeschlagenen Richtung gibt es triftige Gründe. Indem Menschen, Tiere und Dinge in der Bewegung unterwegs sind, bahnen sie einen Weg, der erst durch das Unterwegs-Sein aus einer Unendlichkeit möglicher Wege als ein einzelner Weg sichtbar wird; ein bestimmter Weg, der zu einer bestimmten Zukunft führt. Durch die Möglichkeit der Abweichung aber, durch die sich immer wieder neue, unbekannte Wege eröffnen können, bleibt die Zukunft so lange unbestimmt, wie es noch Wege zu begehen gibt.
Im Unterwegs-Sein auf dem letzten Weg wird dasjenige, was eine Unendlichkeit an möglichen Wegen war, auf nur eine Möglichkeit, in der Welt zu sein, reduziert, auf diesen einen Weg, dessen einem Ende entgegengegangen wird. Der erste und letzte Weg in der Welt ist der Weg der Sprache, sowohl als Weg des Sprechenden in der Sprache als auch als Weg der Sprache in der Welt. Der Sprechende, der sprechend zur Sprache kommt, kommt im Sprechen zur Welt. Die Gründe für jegliche Bewegung im Unterwegs-Sein auf den Wegen der Sprache liegen in der Tiefe des Sprechenden selbst, nämlich im lógos.
Die Sprache durchbricht alles, was bis dahin als bekannt galt, und öffnet in diesem Bruch sowohl Möglichkeiten des Denkens in der Welt als auch Möglichkeiten, wie die Welt im Denken gedacht werden kann. Selbst dort, wo die Sprache stumm bleibt, findet sie ihren Weg zum Anderen. Das Geheimnis des Anderen bietet der Sprache einen Raum, in dem sich die Sprache noch vor sich selbst geheim halten kann. Der Dialog trägt alles in sich, was im Geheimnis Raum hat, wodurch es der Sprache möglich wird, von ihren eigenen Widersprüchlichkeiten, von ihrem Anfang und ihrem Ende, von Leben und Tod selbst nichts wissen zu müssen.
Derart kann die Sprache eines Sprechers selbst dann noch Sprache sein, wenn der Tod des Sprechenden bereits eingetroffen ist. In jedem Denken, also auch im An-denken, wird das Geheimnis der Seele selbst angesprochen, das sich in der Sprache versteckt. In einem Satz Heraklits heißt es von der Seele in geistiger Hinsicht: Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfindig machen, wenn du auch alle Wege absuchtest; so tiefgründig ist ihr Wesen.1 Genauso wie ein Geheimnis kein Geheimnis mehr wäre, sobald man es ergründet, ist das letzte Wort immer noch nicht am Ende, solange es unterwegs ist.
Gerät die Sprache dabei auf Abwege, eröffnet sich nicht nur eine Möglichkeit der Öffnung des Denkens, sondern auch eine Öffnung, durch die Angst in das Denken eintreten kann. Diese Angst ist die Angst eines Sprechenden, der eine Sprache spricht, in der sich alles jederzeit durch die Möglichkeit der Veränderung eines sprachlichen Weges in etwas anderes, vielleicht sogar in sein Gegenteil, verwandeln kann. Durch das Missverständnis kann sich in einer Welt, die durch eine sich ständig verändernde Sprache strukturiert ist, Leben jederzeit in Tod verwandeln und Heimliches jederzeit in Unheimliches. Es liegt an jedem Sprechenden – und damit Philologie Betreibenden –, die Sprache davor zu bewahren, als tyrannisches, willkürliches Instrument missbraucht zu werden. Es ist Sache der Philologie, in jedem „und so weiter“ ein „nicht so weiter“, „nicht und“, „anders als so“ wahrzunehmen, zu realisieren, zu aktualisieren. Das ist die kleinste Geste ihrer Politik, heißt es in Werner Hamachers 36. These zur Philologie.2 Philologie ist so per se ein Widersacher jeder Gewalt- und Willkürherrschaft und der Eitelkeit des Tyrannen.
Angesichts der Unbestimmbarkeit der Sprache sind wir haltlos, unterwegs auf unbetretenen Pfaden der Sprache. Diese unbekannten Pfade werden erst durch ihr Sprechen zugänglich und von uns mit Vorsicht begangen. Diese Aufmerksamkeit ist unumgänglich wie die Veränderbarkeit der Sprache selbst, in der jeder Weg ein unsicherer Weg sein muss. Hier ist die Angst nicht nur dasjenige, was jeden Sprechenden von sich selbst und allem andern wegrücken lässt, sondern auch dasjenige, was jeden Sprechenden mit anderen Sprechenden verbindet. Im Dialog erörtern wir wie im Dekameron Um- oder gar Auswege. Im Dialog miteinander sein zu können, bedeutet nicht nur eine Eröffnung neuer Möglichkeiten des Denkens, sondern auch eine Öffnung der Sprache für eine Offenheit ihrer eigenen Zukunft.
Wo die Angst alle Sprechenden in der Sprache verbindet, wirkt nicht allein sie, denn im Sprechen ist auch immer die Liebe zur Sprache am Werk, die es dem Sprechenden ermöglicht, in der Unheimlichkeit der Sprache immer wieder heimisch zu werden. Wie wir uns um das Feuer herum immer im Kreis anordnen werden, wird im Miteinander jede Sprache zu einer Sprache, in der ein Sprechen zugunsten des Anderen und der Sprache selbst möglich wird. Indem wir eine ins Künftige sprechenden Sprache miteinander teilen, bleibt uns die Möglichkeit erhalten, in der Sprache weiterzuleben – in einer Sprache der Liebe zum Anderen.
Das Bestreben der Philologie, ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen und ihrer Sache gerecht zu werden, ist kein einfaches. Es richtet sich sowohl auf den lógos, mit dem sie spricht, als auch auf die Form ihres eigenen Sprechens, ohne Gefahr laufen zu dürfen, sich mit dem Gegenstand, den sie liebt, zu identifizieren. Innerhalb dieses heiklen Gesprächs steht mehr auf dem Spiel, als es zunächst den Anschein hat, wenn von der Philologie und ihrer Sache die Rede ist. Denn ihre Sache ist auch immer Sache des Anderen. Das meint einerseits, dass die Sache der Philologie auch immer Sache der Literatur ist.3 Die Philologie kann der gemeinsamen Sache nur gerecht werden, wenn sie der Literatur selbst gerecht wird, indem sie durch den Dialog mit der Literatur dem Denken in der Literatur eine Art von Heim bietet, ohne dieses Denken durch eine bereits gesicherte Perspektive zu entstellen oder zu zerstören. Es bedarf zunächst der Stille, des Ablassens von einer Perspektive, um zu denken, was sich in der Literatur von sich aus darbietet, und zu hören, auf welche Weise Literatur von sich spricht. Nur solcherart kann die Philologie in einem weiteren Schritt durch das Nachvollziehen der Prinzipien eines Denkens und durch das Sprechen über die Notwendigkeit bestimmter Gedanken demjenigen Schwere lassen oder Nachdruck verleihen, was sich in der Literatur freizusetzen sucht, sich aber nicht von selbst versteht.
Andererseits ist die gemeinsame Sache der Philologie und Literatur ihrerseits Sache eines wiederum Anderen: eines unfassbaren Anderen als einer unvorhersehbaren, möglicherweise immer anderen Zukunft der Welt. In ihrer Bestimmung als Hilfssprache liegt der Philologie in jedem Sprechen der Wunsch zugrunde, das zu beschützen, was sie liebt; ein Wunsch, durch ihre Hilfe sowohl den lógos als auch die Liebe selbst, die philía, zu bewahren. Wenn sich philología und Literatur einander mitteilen, kommunizieren sie nicht nur miteinander, sondern sprechen gleichermaßen in gemeinsamer Sache, auch dann, wenn sie sich ihrer gegenseitigen Fürsprache nicht bewusst sind, zugunsten der Welt.
Indem sich die Philologie darum bemüht, angesichts der Probleme bei der Übertragung von Sprache bestimmte sprachliche Zusammenhänge kenntlich zu machen, spricht sie sich für die Erhaltung einer Welt aus, in der eine Sprache gesprochen wird, die einen Anderen erreichen kann. Derart verteidigt sie die Sprache in einem Kampf um Leben und Tod vor ihrem eigenen Stillstand. Philologie ist Sache jedes Menschen, so wie die Sache der Philologie der Mensch und die Welt ist. Es wird Philologie so lange geben, wie es Sprache gibt.
Stirbt die Sprache, so stirbt nicht nur die Philologie, sondern mit ihr die Welt. Das Bestreben der Philologie, eine Welt zu bewahren, in der das lebt, was sie liebt, ist gerichtet auf eine Zukunft, die offen bleibt – die Zukunft der Sprache, die Zukunft des Menschen, die Zukunft der Welt – für die Fortsetzung einer sprachlichen Bewegung. Obwohl es letzten Endes bloß eine Zukunft geben kann, ist dasjenige, was diese Zukunft bringen wird, durch jedes weitere Sprechen noch nicht entschieden. Es gibt so viele Möglichkeiten einer Zukunft der Philologie, wie es Wünsche gibt, ihrer Sache gerecht zu werden und diese dadurch, dass von ihr weiter die Rede ist, zu beschützen.
Sarah C. SchusterFrankfurt am Main,22. Februar 2022
1Die Vorsokratiker: Die Fragmente und Quellenberichte. Übersetzt und eingeleitet von Wilhelm Capelle. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1968. S. 148.
2Werner Hamacher: 95 Thesen zur Philologie. Holderbank: Urs Engeler Verlag, 2010. S. 37.
3„Philologie ist nicht Literatur; aber sie ist auch keine Philologie, wenn sie nicht gemeinsame Sache mit der Literatur macht. Sie ist eine Hilfssprache zu der anderen Sprache der Literatur und zu virtuell jeder anderen Sprache. Philologie spricht mit der Literatur […], sie spricht mit ihr nur, indem sie auf sie hin, für sie und zugunsten dessen spricht, was sich in der Literatur freizusetzen sucht.“ (Werner Hamacher: Für – Die Philologie. Basel: Urs Engeler Verlag, 2009. S. 55 f.)
Am Anfang der kurzen Erzählung aus dem Nachlass Franz Kafkas, die Max Brod bei der Erstpublikation im Band Beim Bau der chinesischen Mauer – Ungedruckte Erzählungen und Prosa aus dem Nachlaß1 als Kleine Fabel betitelte, steht ein Ach. Genauer gesagt, steht am Anfang des Textes ein A, so wie ein A am Anfang des Wortes Anfang selbst steht. Das Ach bildet den Anfang einer Erzählung, in der eine Maus ihr Ende findet, indem sie von einer Katze gefressen wird:
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.2
Mit dem Ach eröffnet die Maus sowohl die Erzählung Kafkas als auch ihre eigene Erzählung innerhalb des Textes, indem sie erzählt, was sie tut. Die Maus läuft, und zwar läuft sie sprechend. Sie durchläuft derart ihre eigene Sprache. In der Rede der Maus vollzieht sich der Lauf der Welt, den sie in der Bewegung des Laufens beschreibt. Indem die Maus läuft, läuft die Welt gleichermaßen mit ihr. Beda Allemann hat bereits auf zwei verschiedene Läufe innerhalb der Kleinen Fabel hingewiesen, nämlich auf Welt-Lauf und Lebens-Lauf, und auf deren Zusammenhang aufmerksam gemacht.
Von der Perspektivmetapher in Form der so schnell aufeinander zueilenden Mauern ausgehend, schlussfolgert Allemann: Die Mauern werden, was immer sie „eigentlich“ bedeuten mögen, zu Chiffren des Welt-Laufs überhaupt, der zudem in unmittelbarster Interdependenz mit dem (Lebens-)Lauf der Maus steht.3 Dem Eindruck, parallel verlaufende Mauern liefen in Richtung eines gemeinsamen Punktes zusammen, liegt ein aus der Optik bekanntes Phänomen zugrunde, der Fluchtpunkt. Die in der Optik definierten Eigenschaften des Fluchtpunktes sind jedoch in seinem metaphorischen Gebrauch innerhalb der Kleinen Fabel nicht entscheidend, denn wo sich die zum Fluchtpunkt laufenden Linien niemals schneiden könnten, entsteht im Text ein Winkel, und zwar ein Winkel im letzten Zimmer. Der Lauf der Mauern, der Lauf der Maus wie auch der Lauf der Welt, in der sich Mauern und Maus befinden, sind gleichgerichtete Bewegungen, die sich innerhalb der sprachlichen Bewegung der Maus vollziehen. Die Welt der Maus, sowohl die Dinge in der Welt als auch die Maus selbst, sind sprachlich strukturiert. Die Maus spricht, lebt durch ihr Sprechen in einer sprachlichen Welt und geht in der Sprache zu Ende.
Der Fluchtpunkt, wie er in der Kleinen Fabel zu denken ist, ist keine perspektivische Täuschung, sondern sowohl der Punkt, auf den die Fluchtbewegung der Maus gerichtet ist, als auch das Ende dieser Bewegung. Franz Kafka schreibt zur Bewegung der Flucht in Beziehung zur Welt: Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?4 Von einer Fluchtbewegung der Maus kann nur in dem Maße die Rede sein, in dem sie nicht von der Welt flüchtet, sondern zu ihr. Derart ist die Maus glücklich, daß [sie] endlich rechts und links in der Ferne Mauern [sieht],5 denn die Mauern können nicht nur als Chiffren des Welt-Laufs überhaupt gelesen werden, sondern sind in erster Linie Mauern, die einen Teil des letzten Zimmers bilden. Sie sind dementsprechend Mauern eines Hauses. Sowohl das Zimmer als auch das Haus sind Zufluchtsorte in der Welt. Sie sind aber nicht nur Orte der Zuflucht, sondern auch eine Möglichkeit des Sich-Flüchtens in die Welt, denn das Zimmer verweist nicht nur auf ein Haus, wodurch das Zimmer erst als Zimmer bestimmt werden kann, sondern darüber hinaus auf eine mögliche Gesellschaft und also die mögliche Anwesenheit eines Anderen. Flüchtet man zur Welt, flüchtet man zum Anderen in der Welt und zur Welt als Anderem.
Die Laufrichtung der Maus ist durch ihre Sprache bestimmt, die an einen Anderen, wenn auch möglicherweise unbestimmten oder unbestimmbaren Anderen, adressiert ist. Alle Sprache, so schreibt Werner Hamacher in einer Studie zur Struktur der Sprache als Gebet, sofern sie der Zukunft zugewandt, Intention auf ein Anderes und somit Intention auf eine andere Sprache und vielleicht etwas anderes als Sprache ist, muß in dieser Weise als Gebet strukturiert, sie muß, im Grunde, ein Seufzen sein.6 So wie die Sprache immer auf den Anderen gerichtet ist, läuft die Maus notwendigerweise in Richtung des Anderen in der Kleinen Fabel, nämlich der Katze. Indem die Maus spricht, spricht sie immer zum Anderen, doch spricht sie nicht zur Katze als Anderem, sondern über die Grenzen des Textes hinaus zu jedem möglichen Anderen in jeder möglichen Welt. Das ultimum refugium des Ichs ist die Sprache selbst. Die Sprache des Ichs ist wiederum erst dann Sprache und die Maus wird erst dann zur Sprechenden, wenn die Katze die Sprache der Maus hört: wenn sie insbesondere das Ach in dieser Sprache hört und sich als die Hörende des Seufzens offenbart.
Durch die Sprache gelangt die Maus an den Ort der Begegnung zwischen ihr als Selbst und der Katze als Anderem, und zwar im letzten Zimmer. In der leicht abweichenden Fassung des Textes aus dem Nachlass ist an Stelle des letzten Zimmers noch von dem mir bestimmten Zimmer der Maus die Rede. Bei einer vergleichenden Lektüre beider Fassungen ist auch in der Formulierung des mir bestimmten Zimmers ein Ende lesbar, und zwar ein Ende im Sinne der Vollendung einer schicksalhaften Bewegung durch die Ankunft des Ichs an dem für es vorherbestimmten Ort. Diese Lesart ließe jedoch die Frage offen, durch wen oder was das Zimmer als vorherbestimmter Ort ausgezeichnet wird. An der Änderung zum letzten Zimmer lässt sich ablesen, dass das letzte Zimmer der letzte Ort für die Existenz der Maus überhaupt ist, und zwar ohne einen Raum zu lassen, der Schlüsse von der Welt der Kleinen Fabel auf die innere Welt der Maus zuließe.
Es spielt weniger eine Rolle, warum es für die Maus das letzte Zimmer ist, als vielmehr, dass es das letzte Zimmer ist. Fern von einer psychologisierenden Deutung kann vielleicht vom letzten Zimmer gesagt werden, dass es derjenige Ort ist, an dem die sprachliche Bewegung der Maus zum Stillstand kommt. Die Wahrnehmung der äußeren Lage der Dinge als Indiz für die innere Gefühlslage der Maus hingegen bleibt nicht nur spekulativ, sondern zeigt sich als mit dem Denken Franz Kafkas unvereinbar:
Was in der körperlichen Welt lächerlich ist, ist in der geistigen möglich. […] Wie kläglich ist meine Selbstkenntnis, verglichen etwa mit meiner Kenntnis meines Zimmers. (Abend.) Warum? Es gibt keine Beobachtungen der innern Welt, so wie es eine der äußern gibt. Psychologie ist wahrscheinlich in der Gänze ein Anthropomorphismus, ein Annagen der Grenzen.7
Dadurch muss bezüglich der Kleinen Fabel auch Abstand von einer Deutung genommen werden, die aus der Begegnung zwischen Katze und Maus Auskunft über Verhaltensweisen des Menschen sucht. Bei Maus und Katze als Maus und Katze verbleibend, ist zunächst nichts sicher, nicht einmal, ob Katzen Mäuse fressen. Es ist möglich, aber nicht notwendigerweise der Fall. Obwohl es in der körperlichen Welt lächerlich scheint, dass eine Maus eine Katze frisst, ist dies in der geistigen Welt eine Möglichkeit, die sich jedoch gemäß dem Schluss der Kleinen Fabel nicht realisiert. Ebenso verhält es sich mit der Rede der Katze: Du mußt nur die Laufrichtung ändern.8 Herauszufinden, durch welchen seelischen Beweggrund die Katze sich zu sprechen veranlasst sieht, sei es Bosheit, Hilfsbereitschaft oder Anderweitiges, scheint auch an dieser Stelle unmöglich zu sein und darüber hinaus wenig hilfreich. Auch hier ist es wichtig, dass überhaupt gesprochen wird und was durch die Worte der Katze gesagt ist.
Dadurch, dass die Katze spricht, wird die Lebensdauer der Maus um die Worte der Katze erweitert. Solange die Katze spricht, bleibt die Maus am Leben. Die Kleine Fabel umfasst im Ganzen zwei Sätze. Von diesen zwei Sätzen ist jeweils ein Satz Rede der Maus und ein Satz Rede der Katze, ergänzt durch die anschließende Explikation des Erzählers sagte die Maus bzw. sagte die Katze und fraß sie, die Maus. Die Lebensdauer der Maus umfasst in toto die Dauer dieser zwei Sätze. Dies deutet zugleich darauf hin, dass die Sprache von Maus und Katze nicht anhand eines chronometrischen Zeitbegriffs bemessen werden kann. Die Dauer der sprachlichen Bewegung kann sowohl Augenblick als auch Ewigkeit sein. Für die Maus ergibt sich daraus die Konsequenz, dass ihr Leben sich nicht durch das Vergehen von Zeit als vergänglich erweist, sondern durch den Fortgang einer sprachlichen Bewegung, die sowohl die Maus als auch die Welt bewegt.
Es ist durchaus möglich, dass die Maus im Anschluss an die Rede der Katze ihre Laufrichtung ändert, doch nur, insofern man die Laufrichtung differenziert betrachtet. Aufgrund der metaphorischen Verknüpfung von Lauf und Lebenslauf zeugt auch der Begriff der Laufrichtung von einer Doppeldeutigkeit, die sowohl die Richtung des Laufes der Maus im letzten Zimmer als auch die Richtung des Lebens von Geburt hin zum Tod bedeuten kann. Die Maus kann ihre Laufrichtung im Raum ändern, ohne ihre Laufrichtung des Lebens zu ändern, indem sie das letzte Zimmer nicht auf kürzestem Wege, sondern gleich einem Labyrinth durchläuft. Der labyrinthische Lauf kann aber nur als Verzögerung gelten, denn Kafka gemäß gibt es ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.9 Der Lebenslauf der Maus ist auch immer ein Sterbenslauf, eine Verzögerung innerhalb eines Zu-Ende-Gehens des Lebens und der Welt. Durch die Sprache spricht sich die Maus nicht nur ihrem eigenen Ende entgegen, ihr Sprechen ist zugleich ein Zu-Ende-Sprechen ihrer Sprache und ihrer selbst in der Sprache.
Das letzte Zimmer ist der Ort, an dem der Lauf der Maus endet. Als die letzte Räumlichkeit überhaupt kann es gewissermaßen als Grabkammer oder Grab gelesen werden. Der Lauf der Maus ins letzte Zimmer erinnert an eine Rede Hiobs im Buch Hiob aus dem Alten Testament, der nur noch das Grab vor sich sieht: Mein Odem ist schwach, und meine Tage sind abgekürzt; das Grab ist da.10 Dort heißt es weiter:
Wenn ich gleich lange harre, so ist doch bei den Toten mein Haus, und in der Finsternis ist mein Bett gemacht; die Verwesung heiße ich meinen Vater und die Würmer meine Mutter und meine Schwester: was soll ich denn harren? und wer achtet mein Hoffen? Hinunter zu den Toten wird es fahren und wird mit mir in dem Staub liegen.11
Die Kleine Fabel lässt nicht nur Maus und Katze sprechen, sie spricht auch durch dasjenige, was sich in ihr vollzieht. Die Sprache des Textes verkündet Hiobsbotschaften, indem sie bezüglich ihrer eigenen Struktur die Vergänglichkeit anhand des Gehens, die Flüchtigkeit anhand des Fluchtpunktes und die Endlichkeit anhand des letzten Zimmers kundtut. Das letzte Zimmer ist dabei nicht nur Zeichen für die Endlichkeit des Raums, sondern ist selbst der Raum, in dem die Maus ihre eigene Sterblichkeit erfährt.
Die Falle in der Kleinen Fabel kann derart als Zerfall im Sinne eines Zerfallens der Sprache beschrieben werden, der dieser eingeschrieben ist und seit Beginn der Rede der Maus durch das Sprechen kontinuierlich fortschreitet. Die Maus durchläuft, indem sie spricht, permanent ihre eigene Sterblichkeit. Die Falle im Winkel des letzten Zimmers ist dort zu finden, wo die Welt der Maus endet. Das Ende aber, in dessen Richtung die Maus läuft, ist sicher, aber unsichtbar, unvorhersehbar, keinem prognostischen Bewußtsein zugänglich und unabwendbar – wie der Tod.12 Da der Tod als Möglichkeit erst dann wirken kann, wenn er eingetroffen ist, bedeutet dies wiederum im Hinblick auf die Falle, dass gar nicht von der Falle die Rede sein kann, und schon gar nicht von derjenigen, die sichtbar und vorhersehbar ist, sondern virtuell von einer unendlichen Vielzahl möglicher Fallen. Es gibt so viele Fallen für die Maus, wie es für sie Möglichkeiten gibt, zu sprechen. Die von der Maus anvisierte Falle im Winkel wird durch den unvorhersehbaren Einfall der Katze als scheinbare Falle offenbart und dadurch als Falle hinfällig. Von der Katze gefressen zu werden, ist nur eine Möglichkeit, die sich aus einer Unendlichkeit an Möglichkeiten realisiert. Realisieren können hat sie sich aber vor allem deswegen, weil sie als ein unwissbares Ende noch jedes zuvor scheinbare Ende durchkreuzt. Die Katze ist das Unerwartete, das wartet, und zwar unvorhersehbar wie der Tod. Sie ist nicht nur das Ende der Maus im letzten Zimmer, sondern sie ist das endgültige Ende der Maus, das allen anderen Enden zuvorkommt.
Das Ende der Maus, und darin eingeschlossen ist in gewisser Weise die Maus selbst, ist fortan durch die Katze und durch die Sprache der Katze in der Welt anwesend. In ihrem Zuvorkommen definiert die Katze das Ende der Maus als allen anderen Enden vorzeitiges Ende, das durch seine Definition so lange als Ende fortdauert, wie von ihm die Rede sein kann. Die Endgültigkeit des Endes der Maus ist derart ihrerseits abhängig vom Fortgang der Sprache selbst, denn solange es Sprache gibt, kann kein Sprecher, selbst wenn seine Sprache endet, jemals vollkommen enden. Vielmehr wird das Ende des Selbst als etwas anderes im Anderen fortgesetzt.
Was sich in der Kleinen Fabel den Anschein eines Gesprächs zwischen Maus und Katze gibt, ist eigentlich eine Berührung zwischen Maus und Katze innerhalb eines Gebets, nämlich des Gebets der Maus im Angesicht ihres eigenen Endes. Indem die Katze die Klage der Maus hört, offenbart sich dieses Ende nicht als eine Falle im Winkel, zumindest nicht als diejenige, die von der Maus als solche vorhergesehen wird. Anstatt einer Zukunft des Laufens in die Falle im Winkel öffnet sich die Zukunft der Maus aufgrund der Katze, die die Sprache der Maus vernimmt, auf die Möglichkeit anderer Zukünfte und also anderer möglicher Fallen. Die Sprache der Maus als Gebet endet, indem die Katze die Maus nicht nur hört, sondern ihr aufmerksam zuhört, so wie jedes Gebet durch seine Erhörung aufhört, Gebet zu sein.
Das Gebet der Maus beginnt mit einem Ach und endet mit dessen Erhörung. Das Ach ist selber nicht nur Anfang einer der Zukunft zugewandten Rede der Maus, es verweist darüber hinaus als ein Seufzen auch auf ein Weh, auf den Schmerz der in Geburtswehen13 liegenden Schöpfung. Der Anfang des Endes der Maus beginnt mit einer Geburtswehe der Welt und endet in einer fremden Öffnung, nämlich dem Maul der Katze. So wie die Rede der Maus ein Anfang ist, durch den das Ach gleichermaßen als Alpha zum Ausdruck kommt, ist das Maul der Katze eine Öffnung als Ende, ein Omega. Durch das Maul der Katze vollzieht sich die letzte Wehe der Welt als eine Vollendung der Geburtsbewegung der Maus im Tod. Der Tod der Maus zeigt sich dabei als eine finale Entspannung jeglichen Muskels, der zum Ausdruck von Sprache notwendig ist, sei es auf verbale oder nonverbale Weise anhand von Gestik oder Mimik. Der Lebenslauf der Maus kommt so durch die Unmöglichkeit der Fortsetzung einer sprachlichen Bewegung im Tod zum Stillstand.
Als eine Warnung vor der Sprachlosigkeit kann folgende Rede Hiobs gelesen werden: Bin ich gottlos, dann wehe mir!14 Ohne Gott sein, das heißt bei Hiob: ohne lógos, also ohne Sprache sein. Bin ich sprachlos, bedroht mich potenziell alles, selbst das, was sich bis dato noch nicht in Sprache fassen lässt, als drohendes Unvorstellbares. Die unbestimmte Formel: Wehe mir! der Warnung berührt ins Künftige sprechend bereits das Unaussprechliche, nämlich die Sprachlosigkeit selbst. An dem Punkt in der Kleinen Fabel angekommen, an dem sich Katze und Maus im Akt des Fressens berühren, wird die Maus selbst zur Sprachlosen. Die Katze frisst jedoch nicht nur die Maus, sondern fraß sie. Sie wird die Maus bei wiederholter Lektüre immer schon gefressen haben. Die Katze fraß sie derart immer wieder aufs Neue. Die Sprache der Maus zeigt sich als eine Sprache, die immer wieder keine Sprache mehr war und immer schon möglicherweise keine Sprache mehr sein wird; eine Prämisse der Sprache, die Werner Hamacher wie folgt beschreibt:
Wenn „Gebt acht“ das Incipit und die Invokation der Sprache ist, dann gibt es – so unerhört, inakzeptabel oder irrsinnig es klingen mag – keine, keine einzige, Sprache. Und wenn es sie dennoch geben sollte, so wird sie immer nur diejenige sein, die einmal keine gewesen ist und jederzeit keine mehr sein kann.15
Der Tod der Maus ist kein Schweigen, sondern Stille, denn die Maus verstummt nicht nur, sie wird im Tod sprachlos. Die Sprachlosigkeit der Maus bedeutet aber nicht auch das Ende der Sprache der Maus in der Welt. Vielmehr ist nicht nur die Maus durch das Maul der Katze in die Katze übergegangen, auch die Rede der Maus hat sich vermöge der auf die Maus gerichteten Aufmerksamkeit in die Katze übersetzt. Das Katzenmaul ist eine Mündung, in der die Sprache der Maus zwar endet, jedoch in dem Maße endet, dass sie in einer anderen, zukünftigen sprachlichen Bewegung der Katze mündet.
Die Sprache der Maus ist fortan zwar als eine andere Sprache der Maus, aber dennoch als Sprache der Maus, in der Erinnerung im Innern der Katze geborgen. Die Sprache der Maus wird zu einer Sprache der Maus im Anderen alteriert, wodurch sie in einer anderen Welt, nämlich der Welt der Katze, womöglich weiterspricht, ohne dass die Maus selbst weitersprechen kann. Die künftige Sprache der Katze jedoch wird durch den Tod der Maus zu einer künftigen Sprache ohne Zukunft, denn durch das Verschwinden der Maus als Anderer bleibt die Katze als das Einzige und Letzte in der Kleinen Fabel zurück. Ohne die Maus gibt es zwar immer noch eine Sprache der Katze, aber keine zukunftsträchtige Sprache der Katze. Indem die Kleine Fabel endet, endet nicht nur sowohl die Sprache als auch die Welt des Textes, sondern die Sprache überhaupt – und mit ihr die Welt.
Wenn von Anfang und Ende die Rede ist, sind Anfang und Ende niemals sicher, solange noch gesprochen wird. So ist Kafkas Text ein fremder Titel vorangestellt. Mit der Betitelung als Kleine Fabel gibt Max Brod Kafkas Text einen Gattungsnamen als Eigennamen, was sicherlich Gefahren für die Deutung des Textes mit sich bringt, vor allem, wenn es als Anreiz gesehen wird, die Kleine Fabel auf eine Moral zu reduzieren, die auf menschliche Verhaltensweisen gemünzt ist. Plausibler ist bezüglich der Dichtung Kafkas allerdings eine Lesart, bei der die Fabula im ursprünglichen Sinne, hergeleitet von fari (sprechen), als kurze Rede gelesen wird.16 Der fremde, posthum beigefügte Titel Kleine Fabel gleicht einer Grabschrift, die im Andenken Franz Kafkas dort vom Sprechen spricht, wo das Sprechen selbst vom Sprechen spricht. Er ist selbst die Andacht einer Sprache, und also einer sprachlichen Welt, die im Andenken weiterspricht, obwohl sie bereits zu Ende gegangen ist. Kafka schreibt zum Ende der Welt:
Zerstören können wir diese Welt nicht, denn wir haben sie nicht als etwas Selbstständiges aufgebaut, sondern haben uns in sie verirrt, noch mehr: diese Welt ist unsere Verirrung, als solche ist sie aber selbst ein Unzerstörbares, oder vielmehr etwas, das nur durch seine Zu-ende-führung, nicht durch Verzicht zerstört werden kann.17
Wie die Zu-Ende-Führung der Welt ist das Leben ein Sich-zu-Ende-Sprechen. Das Zu-Ende-Sprechen der Sprache des Selbst ist aber niemals uns selbst, sondern immer einem Anderen überlassen. Der Tod ist eine Möglichkeit in der Welt, doch muss der Tod als Möglichkeit gleichsam auch eine Unmöglichkeit bleiben, zumindest so lange, wie gesprochen – wie gedacht wird. Der Tod kommt als das Unerwartete, das warten muss, und zwar bis das letzte Andenken aufhört zu denken.
1Vgl. Beda Allemann: Kafkas Kleine Fabel. In: Teilnahme und Spiegelung. Festschrift für Horst Rüdiger. Hrsg. v. B. Allemann und E. Koppen. Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1975. S. 465-484, hier: S. 466. Anm. 4.
2Franz Kafka: Schriften Tagebücher Briefe. Kritische Ausgabe. Nachgelassene Schriften und Fragmente II. In der Fassung der Handschriften. Hrsg. v. J. Schillemeit. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1992. S. 343. – Auf gleicher Seite befindet sich ebenfalls die leicht abweichende Version: „‚Ach‘, sagte die Maus, ‚die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so weit, daß ich Angst davor hatte, dann lief ich weiter, da stiegen schon rechts und links in der Ferne Mauern auf und jetzt – es ist ja noch gar nicht lange her, seitdem ich zu laufen angefangen habe – bin ich in dem mir bestimmten Zimmer und dort in der Ecke steht die Falle, in die ich laufe.‘ ‚Du mußt nur die Laufrichtung ändern‘, sagte die Katze und fraß sie auf.“
3Beda Allemann: Kafkas Kleine Fabel. S. 469.
4Franz Kafka: Nachgelassene Schriften und Fragmente II. S. 43.
5Ebd. S. 343.
6Werner Hamacher: Bogengebete. In: Aufmerksamkeit. Hrsg. v. N. Haas, R. Nägele und H.-J. Rheinberger. Eggingen: Edition Isele, 1998. S. 11-44, hier: S. 29. – An zitierter Stelle heißt es weiter: „Aber nicht einmal seufzen, schreibt Paulus, können wir selbst für uns selbst, es ist immer schon ein Anderer, der ‚Geist‘ (pneuma), der für uns seufzen muß, damit ein wiederum Anderer ihn hören kann.“ (Ebd.)
7Franz Kafka: Nachgelassene Schriften und Fragmente II. In der Fassung der Handschriften. S. 31 f.
8Ebd. S. 343.
9Ebd. S. 118.
10Lutherbibel (LUT) Hiob 17, 1.
11Ebd. 17, 13-16.
12Werner Hamacher: Bogengebete. S. 27: „Was kommt, so ist damit gesagt, ist sicher, aber unsichtbar, unvorhersehbar, keinem prognostischen Bewußtsein zugänglich und unabwendbar – wie der Tod.“ Hamacher bezieht sich hier auf folgende Stelle aus dem ersten Brief an die Thessalonicher: „Von der Zeit und Stunde, liebe Brüder, ist nicht not, euch zu schreiben, denn ihr selbst wisset gewiß, daß der Tag des Herren wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Denn wenn sie werden sagen, Es ist Friede, Es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen, gleich wie der Schmerz ein schwangeres Weib, und werden nicht entfliehen. Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß euch der Tag wie ein Dieb ergreife, ihr seid allzumal Kinder des Lichtes und Kinder des Tages, wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasset uns nicht schlafen wie die andern, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein.“ (1 Thess. 5, 1-6.)
13„Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Einheitsübersetzung (EU) Röm. 8, 22.)
14LUT Hiob 10, 15.
15Werner Hamacher: Bogengebete. S. 12.
16Cristina Costantini: The Haunting Memory of Law: Mystic Fables, Uncanny Presences and Normative Spectrality. In: Fables of the Law. Hrsg. v. Daniela Carpi und Marett Leiboff. Berlin, Boston: Walter de Gruyter, 2016. S. 83-94, hier: Fn. 249.
17Franz Kafka: Nachgelassene Schriften und Fragmente II. S. 83.
Ich hatte mich […] von einem „20. Jänner“, von meinem „20. Jänner“, hergeschrieben. Ich bin mir selbst begegnet. Geht man also, wenn man an Gedichte denkt, geht man mit Gedichten solche Wege? Sind diese Wege nur Um-Wege, Umwege von dir zu dir? Aber es sind ja auch, unter wie vielen anderen Wegen, Wege, auf denen die Sprache stimmhaft wird, es sind Begegnungen, Wege einer Stimme zu einem wahrnehmenden Du, kreatürliche Wege, Daseinsentwürfe vielleicht, ein Sichvorausschicken zu sich selbst … eine Art Heimkehr.1
Wege sind Entfernungen zwischen einem Anfangs- und einem Zielpunkt, zwischen archê und télos.2 Sie sind Hinwege, Rückwege oder Kreuzwege. Ein Weg, der als ein Sichvorausschicken ebenso eine Heimkehr ist, ist aber nicht nur eine Entfernung, sondern als Ent-fernung gleichermaßen eine Annäherung. Der Weg von einem Ich zu sich selbst ist ein paradoxer Weg, auf dem sich das Ich von sich selbst entfernen muss, um zu sich, als einem selbstbewussten Sprecher der eigenen Rede, kommen zu können. Doch dieser Weg ist nicht nur ein Weg, auf dem ein Ich sich als Agent seiner Rede bestimmt, sondern ein Weg, auf dem die Sprache stimmhaft wird, das heißt ein Weg, auf dem ein Ich sich durch die Sprache als ein Ich innerhalb der Sprache bestimmt. Das Ich eröffnet durch seine Selbstbegegnung einen sprachlichen Weg, der als solcher sprachlich strukturiert ist. Auf diesem Wege durchläuft das Ich eine unendliche Anzahl möglicher Orte zwischen den Grenzen der Sprache: zwischen der Möglichkeit und Unmöglichkeit des Sprechens, zwischen der Wegsamkeit und Unwegsamkeit der Sprache, zwischen poros und aporia.3
Im Folgenden wird dem jeweiligen Ich in Franz Kafkas Erzählung Der Ausflug ins Gebirge und Paul Celans Erzählung Gespräch im Gebirg auf diesem sprachlichen Weg als hodos nachgegangen, um möglicherweise durch dessen Untersuchung eine Methode als methodos zu entwickeln, durch die analog auf die Struktur der Sprache selbst geschlossen werden kann.4 Womöglich stimmt die sprachliche Entfernung eines Ich zu sich selbst innerhalb der Sprache mit der Entfernung zwischen archê und télos der Sprache selbst überein. In der Historisch-Kritischen Franz-Kafka-Ausgabe heißt es: […] ich würde ganz gerne, (was sagen Sie dazu?) einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter niemand machen. Natürlich ins Gebirge, wohin denn sonst?5 Es sollen nicht nur Gedanken über die Struktur der Sprache selbst entwickelt werden, sondern auch unterschiedliche Bestimmungen von Wegen in der Sprache identifiziert und für eine Untersuchung zugänglich gemacht werden. Zu diesen Wegen zählt der Weg der sprachlichen Übertragung zwischen Franz Kafkas Erzählung Der Ausflug ins Gebirge und Paul Celans Erzählung Gespräch im Gebirg sowie dessen Gedicht Schliere aus dem Band Sprachgitter. Welche Rolle spielt das Motiv des Weges in diesen Texten und inwiefern treten die jeweiligen Darstellungen des Weges in einen Dialog miteinander? Inwiefern kann hier von einem intertextuellen Weg die Rede sein?
Paul Celan ist mit Franz Kafkas Erzählung Der Ausflug ins Gebirge gut vertraut gewesen, denn er selbst übersetzte sie unter dem Titel Excursia în munți6 ins Rumänische. Im Übersetzen als metaphorein wird ein weiterer Weg der sprachlichen Übertragung eröffnet, nämlich der intersprachliche Weg eines Textes von einer Sprache in eine andere, den es im Verlauf näher zu erforschen gilt. Ziel dieser Abhandlung wird es sein, durch textimmanente und komparatistische Argumentation verschiedene Arten von Wegen innerhalb der Sprache ausfindig zu machen, um diese Wege in der Sprache wie auch die Wege der Sprache selbst in einem weiteren Schritt bestimmen zu können. Auf diese Weise soll außerdem von den Bewegungen der Sprache im Spannungsfeld zwischen Stillstand und Dynamik, zwischen stasis und kinesis, die Rede sein: eine Rede also vom Leben und Tod der Sprache selbst.
Franz Kafka schreibt in einem Tagebucheintrag vom 25. Dezember 1911: Ich heiße hebräisch Anschel, wie der Großvater meiner Mutter von der Mutterseite […].7 In der Forschung wurde bereits ausführlich auf die Deutung des Namens Kafka eingegangen. So merkt Hartmut Binder in Franz Kafka: Leben und Persönlichkeit nicht nur an, dass kavka im Tschechischen, und gracchio im Italienischen, Dohle
