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Xenophons "Anabasis" ist ein faszinierendes literarisches Werk, das die aufregenden und oft gefährlichen Abenteuer einer Gruppe von griechischen Söldnern dokumentiert, die sich nach dem Fall des Perserkönigs Cyrus auf einen langen Marsch zurück nach Griechenland begeben. In einem präzisen, anschaulichen Stil verwebt Xenophon autobiographische Elemente mit ethnographischen Beschreibungen und philosophischen Reflexionen. Das Werk, das sich im historischen Kontext der klassischen Antike bewegt, gewährt tiefe Einblicke in die militärische Strategie, die politischen Intrigen der Zeit und das individuelle Schicksal inmitten von Chaos und Krieg. Xenophon, ein Schüler Sokrates, war nicht nur ein bedeutender Historiker, sondern auch ein ehemaliger Söldner und Militärführer, dessen persönliche Erfahrungen während der Expedition maßgeblich sein Schreiben beeinflussten. Seine Reisen und die erlebten Herausforderungen prägten nicht nur seine Perspektive auf Führung und Loyalität, sondern auch seine tiefen ethischen Überlegungen zur Menschheit, die sich in diesem Werk widerspiegeln. Darüber hinaus war Xenophon ein geschickter Schriftsteller, dessen Fähigkeit, die Realitäten des Lebens und des Krieges darzustellen, sein literarisches Erbe nachhaltig prägte. "Anabasis" ist nicht nur ein historischer Bericht, sondern auch eine tiefgründige Erzählung über den Überlebenswillen und die Entschlossenheit des Einzelnen in schwierigen Zeiten. Leser, die an Geschichte, Militärstrategie oder menschlichen Erfahrungen interessiert sind, finden hier eine einzigartige Perspektive auf Führung, Mut und die Herausforderungen des Lebens. Dieses Buch bietet sowohl historische als auch philosophische Einsichten, die über die Jahrhunderte hinweg relevant bleiben und zum Nachdenken anregen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ein Heer steht weit weg von Heimat und Verbündeten und muss in der Fremde seinen Weg finden. Diese zugespitzte Ausgangslage bündelt die zentrale Spannung der Anabasis: Wie überlebt eine Gemeinschaft, wenn Ordnung, Orientierung und politische Rückendeckung wegbrechen? Xenophons Werk ist zugleich Kriegsbericht, Reiseerzählung und Studie über Führung in Krisen. Es zeigt, wie Entscheidungen unter Druck entstehen, welche Rolle Vertrauen, Verhandlung und Disziplin spielen und wie sich Identitäten im Kontakt mit der Fremde formen. Ohne romantisierende Verklärung begleitet der Text eine riskante Bewegung in unbekanntes Terrain – körperlich, politisch und geistig.
Verfasser der Anabasis ist Xenophon, ein Athener des 5./4. Jahrhunderts v. Chr., Soldat, Historiker und Schüler des Sokrates. Er nimmt als Beteiligter an dem geschilderten Feldzug teil und verfasst später einen Bericht, der Erfahrungsnähe mit Reflexion verbindet. Seine Prosa ist berühmt für Klarheit und Schlichtheit, die komplexe Vorgänge verständlich macht, ohne die Ambivalenzen zu glätten. Xenophon schreibt in der dritten Person und tritt als Figur auf, ohne den Text zur Selbstdarstellung werden zu lassen. Diese doppelte Rolle – Beobachter und Handelnder – verleiht der Darstellung eine besondere Spannung und unmittelbare Glaubwürdigkeit.
Entstanden ist die Anabasis im 4. Jahrhundert v. Chr., wahrscheinlich einige Jahrzehnte nach den Ereignissen, für die sie als Hauptquelle gilt. Sie setzt auf nüchterne Erzählführung, die Daten, Orte, Heeresbewegungen und diplomatische Kontakte registriert, und bindet diese an eine überlegte Auswahl von Szenen. Xenophon nutzt Bewährungsmomente, um Charaktere zu konturieren und Handlungen zu erklären, nicht um sie pathetisch zu überhöhen. Im Horizont der griechischen Historiographie steht das Werk zwischen Herodots Neugier für das Fremde und Thukydides’ Sinn für Ursachen und Wirkungen – zugleich persönlicher als Chronik und breiter als bloßes Tagebuch.
Im Zentrum steht der Marsch eines großen griechischen Söldnerheeres, später als die „Zehntausend“ bekannt. Sie treten in den Dienst des persischen Prinzen Kyros, der im Ringen um die Königswürde gegen seinen Bruder antritt. Der Zug führt aus Kleinasien tief in das Reich, über weite Ebenen und Flüsse, durch befestigte Städte und verhandelte Pässe. Was als ambitionierte Unternehmung beginnt, verwandelt sich angesichts politischer Wendungen zur Frage des nackten Durchhaltens. Ohne den Verlauf vorwegzunehmen: Die Griechen sind plötzlich auf sich gestellt, fern der eigenen Versorgungslinien, und müssen Sicherheit, Ordnung und Richtung neu gewinnen.
Literarisch ist die Anabasis ein vielgestaltiger Text in sieben Büchern. Sie verbindet strategische Übersicht mit taktischen Miniaturen, logistischer Rechenschaft und Momenten anschaulicher Präsenz. Die knappe, klare attische Prosa vermeidet Ornament, um das Wesentliche hervortreten zu lassen: Bewegung, Entschluss, Konsequenz. Gleichzeitig schiebt Xenophon geographische, ethnographische und wirtschaftliche Beobachtungen ein, die den Rahmen der Militärerzählung weiten. Diese Mischung aus Faktentreue, Beobachtungslust und erzählerischer Ökonomie macht das Werk zugänglich und nachhaltig – ein Grund dafür, dass es seit der Antike intensiv gelesen und kommentiert wurde.
Thematisch fragt die Anabasis nach der Möglichkeit von Ordnung ohne festen Staat im Rücken. Wie lässt sich Autorität legitimieren, wenn die alte Hierarchie zerfällt? Welche Mechanismen tragen Entscheidungen, wenn unterschiedliche Interessen, Sprachen und Erfahrungen aufeinanderprallen? Der Text zeigt Versammlungen, Beratungen und improvisierte Institutionen, in denen Verantwortung verteilt und überprüft wird. Er porträtiert Führungsrollen als temporäre Vertrauensverhältnisse, die sich durch Urteilskraft, Beispiel und Maß behaupten müssen. So wird die Erzählung zur Schule politischer Klugheit, in der Mut, Maßhalten und Verlässlichkeit wichtiger sind als Herkunft oder Titel.
Die Anabasis ist auch eine Begegnung mit Landschaften und Lebensweisen jenseits der hellenischen Welt. Xenophon beschreibt Flüsse, Pässe, Klima und Vorräte ebenso wie Sitten, Bündnisse und Missverständnisse. Er achtet auf Verhandlungen, Geschenke, Gastrecht und Fallen – auf die feinen Übergänge zwischen Austausch und Gewalt. Diese Perspektive macht das Werk zu einer frühen Reflexion über Interkulturalität unter asymmetrischen Bedingungen. Der Blick bleibt sachlich und lernbereit: Der Erzähler sammelt Praktiken, die funktionieren, und warnt vor Selbsttäuschungen. So wird die Expedition zur Schule des Realismus, in der Wahrnehmung und Anpassung überlebenswichtig sind.
Der Einfluss der Anabasis reicht weit. Schon in der Antike war sie Modell für Expeditionserzählungen; Arrian wählte für seine Darstellung von Alexanders Feldzug bewusst die gleiche Gattungsbezeichnung. Die nüchterne Verbindung von Operationsgeschichte, Topographie und politischer Analyse prägte militärische und historische Schreibweisen. Später diente die Anabasis als Fundus für die Idee des geordneten Rückzugs und für das Verständnis von Führung unter wechselnden Allianzen. Als Reisestoff ohne Exotikrausch hat sie Autoren inspiriert, die Bewegung, Erfahrung und Urteil vor Effekte stellen – ein Leitfaden für Erzählen unter Risiko.
Über die Literatur hinaus besitzt das Werk eine bemerkenswerte Bildungsgeschichte. Wegen seiner klaren Sprache wurde es über Jahrhunderte als Schul- und Universitätslektüre genutzt, um Griechisch zu lernen und historische Argumentation zu schulen. Kommentierte Ausgaben, Karten und Sachanmerkungen begleiteten die Rezeption, sodass der Text zugleich als Sprach-, Geographie- und Geschichtsunterricht wirkte. Diese Unterrichtstradition hat die Anabasis fest im Kanon verankert: Sie bietet beides, Lesbarkeit für Anfänger und Tiefe für Fortgeschrittene. Dass sie zugleich unterhaltsam und instruktiv ist, erklärt ihre anhaltende Präsenz im humanistischen Curriculum.
Erzähltechnisch schätzt Xenophon die Kraft des konkreten Vorgangs. Er zeigt Marschordnungen, Aufstellungen, Nachtlager, Verproviantierung und Verhandlungen, die unmittelbar anschaulich sind. Gleichzeitig reflektiert er Motive und Beweggründe, ohne sie in Psychologie aufzulösen. Bemerkenswert ist sein zurückgenommener Ton: Selbst dort, wo er beteiligt ist, hält er Distanz, schildert in der dritten Person und lässt Handlungen für sich sprechen. Diese Haltung erzeugt Vertrauen, weil sie weder Heldenepos noch reine Aktennotiz ist. Das Ergebnis ist ein Bericht, der die Leser zu Mitbeobachtern macht und sie im Nachvollzug von Entscheidungen beteiligt.
Die Anabasis gilt als Klassiker, weil sie Maßstäbe in Stoff, Stil und Haltung setzt. Sie macht erfahrbar, wie Geschichte aus situativen Entscheidungen entsteht; sie zeigt, dass Klugheit ohne Charakter nicht trägt, und Charakter ohne Urteil gefährlich ist. Sie vertraut auf Beobachten, Vergleichen, Abwägen – Tugenden, die in Krieg wie Politik zählen. Ihre Sprache ist so durchsichtig, dass sie zur Form passt: Nichts verstellt den Blick auf Handlung und Folgen. So verbindet das Werk intellektuelle Strenge mit erzählerischer Spannung und prägt unser Bild von antiker Erfahrung jenseits von Mythen und Idealbildern.
Für heutige Leser bleibt die Anabasis relevant, weil sie Grundfragen moderner Weltlage berührt: Führung in Unsicherheit, Kooperation in heterogenen Gruppen, Verantwortung an Kontaktzonen von Kulturen und die Ethik militärischer Unternehmungen. Sie zeigt, wie Verlässlichkeit und Urteil in beweglichen Bündnissen entstehen, und wie Wissen – über Terrain, Sprachen, Interessen – zur Ressource wird. Ihre zeitlosen Qualitäten sind Klarheit, Maß und Realismus. Wer sie liest, erhält keine Patentrezepte, sondern eine Schule des Sehens und Entscheidens. Gerade darin liegt ihre Aktualität: Sie lehrt, Handlungsfähigkeit aus begrenzten Mitteln zu gewinnen.
Die Anabasis des Xenophon ist eine Prosaerzählung der griechischen Antike über einen Feldzug, der eine Söldnerarmee weit ins Achämenidenreich führt und auf einen beschwerlichen Rückzug hinausläuft. Xenophon, selbst Beteiligter, verbindet Beobachtung, taktische Überlegung und knappe Selbstreflexion. Der Bericht folgt der Abfolge des Marsches: Sammeln der Truppen, Vorstoß ins Landesinnere, eine entscheidende Schlacht, der Zusammenbruch der ursprünglichen Ziele, Neuordnung der Führung und der Weg zur Küste. Leitend sind Fragen nach verlässlicher Autorität, kollektiver Entscheidungsfindung und der Rolle von Disziplin. Das Werk zeigt nüchtern, wie Entfernungen, Versorgung und wechselnde Bündnisse eine Armee formen und ihre Handlungsräume begrenzen.
Zu Beginn steht die Anwerbung griechischer Kontingente durch einen persischen Prinzen, der ihre Schlagkraft für eigene dynastische Ziele sucht. Mit Aussicht auf sold und Beute schließen sich Verbände aus verschiedenen Städten an; erfahrene Befehlshaber führen Hopliten und leichte Truppen. Der Marsch setzt in Westkleinasien ein und bleibt zunächst in seinen politischen Absichten undeutlich. Über Absprachen, Eide und geforderte Marschordnung baut die Expedition eine prekäre Stabilität auf. Der Text beleuchtet, wie Löhnung, Vorräte und Wegsicherung das Tempo bestimmen. Schon früh deutet sich an, dass die Unternehmung mehr ist als ein Strafzug gegen lokale Gegner, ohne dass das Endziel offen benannt würde.
Der Zug führt durch Gebirge, Pässe und reiche Ebenen; Flüsse, Engstellen und befestigte Übergänge werden zu Prüfsteinen taktischer Umsicht. Immer wieder verhandeln die Griechen mit satrapalen Behörden, sichern Geleit oder erzwingen Durchzug. Die Armee lernt, ihr schweres Gerät mit leichterer Sicherung zu kombinieren und Marschkolonnen gegen Reiterangriffe zu schützen. Gleichzeitig wächst das Unbehagen über Distanz und Abhängigkeit von ortskundigen Führern. Xenophons Darstellung betont, wie Ratsversammlungen und Befehlsketten ineinandergreifen: Es gibt Appelle an die Ehre der Bürger-Soldaten, aber auch nüchterne Berechnungen über Rationen, Lagerplätze und die Notwendigkeit, Gefahrenabschnitte schnell zu durchqueren.
Der zentrale Wendepunkt ist eine große Feldschlacht nahe dem Herzen des Perserreichs. Die griechische Phalanx behauptet sich taktisch, doch der politische Zweck des Feldzuges scheitert: Der persische Auftraggeber fällt, und mit ihm bricht die Legitimation der Unternehmung weg. Aus einem offensiven Marsch wird eine existenzielle Lage im Feindesland. Xenophon schildert die unmittelbare Verwirrung, die Neuordnung der Marschordnung und die Suche nach Halt in festen Routinen. Die Szene markiert den Übergang von Hoffnung auf Lohn und Einfluss zu nackter Selbsterhaltung. Fortan bestimmen Rückweg, Vorratslage und Feindkontakt das Denken der Führung.
Nach der Schlacht verhandeln persische Würdenträger um freien Abzug und Versorgung, doch Misstrauen überlagert jedes Gespräch. Ein verabredetes Treffen endet mit einem Schlag gegen die Spitze der griechischen Kommandostruktur: Mehrere führende Offiziere werden festgesetzt und beseitigt. Der Schock ist doppelt – militärisch und moralisch. Ohne Führung, fern der Heimat und von Reiterei bedrängt, scheint der Verband gefährdet zu zerfallen. Xenophon beschreibt, wie der Verlust an Autorität die Soldaten zwingt, Verfahren neu aufzusetzen: Wer entscheidet? Wie werden Wachen, Vorhut und Nachhut koordiniert? Aus der Not entsteht ein kollektiver Wille, Ordnung zu schaffen, bevor Hunger und Gegner überhandnehmen.
In dieser Krise tritt Xenophon stärker in Erscheinung. Er mahnt zur Selbstregierung durch gewählte Offiziere, klare Befehlswege und regelmäßige Beratungen. Die Armee reformiert ihre Taktik: Leichte Truppen gewinnen an Bedeutung, Marschdisziplin und Aufklärung werden systematischer, und das Lagerwesen wird strenger organisiert. Religiöse Riten und Gelöbnisse stabilisieren die Moral, ohne in Überschwang zu verfallen. Die Leitidee dieses Abschnitts ist pragmatische Führungsarbeit: Entscheidungen werden begründet, Risiken verteilt, und Mut wird zur planbaren Ressource. Damit wandelt sich der Zug von einem von außen gesteuerten Unternehmen zu einer Gemeinschaft, die sich selbst zum Zweck des Heimwegs ordnet.
Der Rückweg führt durch schwer zugängliche Bergländer mit feindlich gesinnten Stämmen, engen Tälern und winterlicher Witterung. Kleine Gefechte, Hinterhalte und mühsame Flussüberquerungen prägen den Alltag. Xenophon betont die Kunst, Gelände auszunutzen, Marschkolonnen zu staffeln und Notbrücken zu schlagen. Vorratsbeschaffung und Schonung der eigenen Kräfte geraten in Spannung: Plünderung schafft kurzfristig Abhilfe, gefährdet aber Frieden mit Anrainern. Die Erzählung zeigt, wie Geduld, Erkundung und kurzfristige Umwege größere Verluste vermeiden. Zugleich wird sichtbar, wie sehr Rede, Rat und das gemeinsame Tragen von Lasten eine Armee im Inneren zusammenhalten.
Der Anblick der Küste eröffnet neue Möglichkeiten und neue Konflikte. In Regionen mit griechischen Städten wechseln Gastfreundschaft, Handel und Misstrauen einander ab. Die Truppe ringt um Lohnfragen, Beuteverteilung und das Verhältnis zu Verbündeten. Strategisch steht die Wahl zwischen See- und Landweg, zwischen rascher Heimkehr und neuen Verpflichtungen. Innere Spannungen treten hervor, wenn Ehrgeiz, Erschöpfung und unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Xenophon hält den Fokus auf Verfahren: Volksversammlungen, Führungswechsel, Anwerbungen und Verträge strukturieren die unsichere Lage. So bleibt der Rückweg auch am Meer ein politisches und organisatorisches Problem, kein bloßes logistisches Detail.
Die Anabasis endet nicht als Heldensage, sondern als Studie über kollektive Vernunft unter Druck. Sie macht verständlich, wie Bürger-Soldaten zwischen Gehorsam und Mitbestimmung bestehen, wie Führung aus Rede und Beispiel erwächst und wie sich Identität in der Fremde behauptet. Dauerhaft bedeutsam ist das Buch als nüchterne Schule des Handelns: klare Ziele, Lernbereitschaft, flexible Taktik und moralische Selbstbindung. Zugleich beleuchtet es Begegnungen zwischen Griechen und Persern jenseits von Klischees. Ohne die letzten Stationen auszubreiten, bleibt der Eindruck eines Weges, der in der Selbstorganisation seinen Maßstab findet und bis heute militärische und politische Lektüren anregt.
Die Anabasis spielt im ausgehenden 5. und frühen 4. Jahrhundert v. Chr., einer Epoche, in der das Achämenidenreich unter Artaxerxes II. und die griechische Welt nach dem Peloponnesischen Krieg ein fragiles Kräftegleichgewicht suchten. In Griechenland dominierte nach 404 v. Chr. Sparta, während viele ionische Städte an der kleinasiatischen Küste zwischen persischem Einfluss und griechischer Einmischung schwankten. Institutionell prägten persische Satrapien, königliche Straßen und Hofhierarchien den Osten; im Westen bestimmten autonome Poleis, Bürgerheere und wechselnde Bündnisse das politische Leben. Diese Spannungen bilden den Hintergrund der Unternehmung, die Xenophon schildert und an der er selbst teilnahm.
Im Zentrum steht Cyrus der Jüngere, ein persischer Prinz und Satrap, der enge Kontakte zu griechischen Eliten pflegte. Während des Peloponnesischen Kriegs hatte er spartanische Akteure, darunter Lysander, unterstützt und gewann damit Zugang zu griechischen Söldnerressourcen. Nach dem Tod seines Vaters Darius II. und der Thronbesteigung Artaxerxes’ II. versuchte Cyrus, die Herrschaft zu erlangen. Dafür sammelte er in Kleinasien ein großes Kontingent griechischer Söldner, deren Kampfkraft er schätzte. Die Anwerbung erfolgte teils verdeckt und knüpfte an bestehende Netzwerke zwischen Satrapenhöfen, griechischen Exilanten und berufsmäßigen Kriegsherren an.
Das Söldnerwesen der Zeit war Ergebnis sozialer und wirtschaftlicher Verwerfungen. Viele Hopliten hatten nach langen innergriechischen Kriegen keinen Broterwerb; Besoldung in persischem Gold war attraktiv. Zugleich bot Diensten in der Fremde Aufstiegschancen für verarmte Adlige, landlose Bauern oder Abenteurer. Die Beteiligten kamen aus unterschiedlichen Poleis, was Spannungen, aber auch Flexibilität erzeugte. Die Praxis, in größeren Heeresversammlungen über Routen, Disziplin und Beute zu entscheiden, verband militärische Hierarchie mit elementaren Formen kollektiver Selbstorganisation, wie sie den politischen Erfahrungen der Poleis entsprachen. Xenophons Werk dokumentiert diese Übergangsformen zwischen Heer und Volksversammlung.
Militärisch trafen unterschiedliche Traditionen aufeinander. Die griechischen Truppen bestanden überwiegend aus Hopliten, ergänzt durch Peltasten, Bogenschützen und kleinere Reitereikontingente. Ihre Stärke war die kompakte Phalanx, deren Disziplin und Stoßkraft Felder und Engpässe sichern konnte. Die persische Seite verfügte über Reiterei, Bogner, teils Sichelscharren und die infrastrukturellen Mittel eines Großreichs. Kommandostrukturen unterschieden sich: Während im persischen System der Hof und die Satrapen dominierten, hielten griechische Söldner regelmäßig Beratungen ab, hörten Seher und schworen Eide. Diese institutionellen Gegensätze prägen zentrale Szenen der Anabasis.
Der Marsch begann in Westkleinasien, wahrscheinlich von Sardes aus, und folgte Abschnitten der königlichen Straßen tief ins Binnenland. Der wahre Zweck – der Griff nach der Krone – wurde gegenüber vielen Söldnern anfangs verschleiert; offiziell galt der Feldzug Angriffen gegen bergige Nachbarn. Entscheidende Wegmarke war die Überschreitung des Euphrat bei Thapsakos, die den Übergang von einer kleinasiatischen Operation zu einem Reichszug markierte. Die Logistik stützte sich auf Vorratsstationen, lokale Lieferungen und Beutezüge; zugleich traten Konflikte mit satrapalen Autoritäten zutage, deren Loyalitäten zwischen Thron und regionalen Interessen schwankten.
Die Schlacht bei Kunaxa im Jahr 401 v. Chr., unweit von Babylon, bildet den militärischen Kulminationspunkt. Die griechische Phalanx behauptete sich gegen die Gegner vor ihrer Front und zeigte die taktische Überlegenheit schwerbewaffneter Infanterie in offener Feldschlacht. Doch der Tod des Prinzen Cyrus entschied den politischen Ausgang: Ohne legitimen Führer war der Aufstand gegen Artaxerxes II. gescheitert. Damit standen die griechischen Söldner tief im Reichsgebiet, ohne Auftraggeber, fernab ihrer Heimat. Xenophons Darstellung betont die Diskrepanz zwischen lokaler Gefechtsüberlegenheit und strategischer Zwecklosigkeit nach dem Verlust des politischen Ziels.
Die folgenden Ereignisse zeigen die Verletzlichkeit militärischer Kommandostrukturen gegenüber Hofpolitik. Unter dem Vorwand von Verhandlungen wurden mehrere griechische Heerführer festgesetzt und getötet; die Söldnerarmee verlor ihre Spitze. Daraufhin organisierten die Truppen eine Heeresversammlung, berieten mit Sehern und wählten neue Anführer. Zu den Gewählten zählte Xenophon, der bis dahin als Teilnehmer und Berater in Erscheinung getreten war. Diese Phase illustriert, wie in der Krise improvisierte Selbstverwaltung, religiöse Rituale und militärische Disziplin zusammenspielen, um Handlungsfähigkeit herzustellen – ein Kernmotiv des Werkes und zugleich Spiegel griechischer politischer Praxis.
Der lange Rückzug führte durch nördliche Mesopotamien, Gebirgspässe und winterliche Hochländer. Flussübergänge mussten improvisiert, Vorräte beschafft und der Marsch gegen Reiterei und leichte Truppen gesichert werden. Besonders eindrücklich sind die Durchquerung des Territoriums der Karduchoi und die Winterstrapazen in Armenien, wo Kälte, Schnee und Hunger die Ordnung bedrohten. Nach monatelangen Entbehrungen erreichten die Überlebenden schließlich Städte am Schwarzen Meer, etwa Trapezus, was in der Überlieferung mit einem kollektiven Ausruf der Erleichterung verbunden ist. Die narrative Spannung entsteht weniger aus Schlachtenruhm als aus der Bewältigung von Notlagen.
Parallel zur Kriegserzählung bietet Xenophon ethnografische Beobachtungen. Er beschreibt Landschaften, Siedlungsformen, Bewaffnung und Gebräuche der besuchten Regionen – von Bergvölkern bis zu Küstengemeinschaften. Kontakte reichten von Handelsabsprachen und Gastfreundschaft bis zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um Verpflegung. Sprachmittler, Gesten und rituelle Zeichen halfen, Verständigung herzustellen. Diese Passagen erweitern das Werk über eine reine Militärchronik hinaus und zeigen, wie griechische Wahrnehmungsmuster („barbarisch“ vs. „hellenisch“) durch konkrete Begegnungen nuanciert werden. Gleichzeitig bleibt die Perspektive die eines Heeres, dessen Bedürfnisse Interaktion und Konflikt strukturieren.
Religiöse Praktiken strukturieren den Alltag des Heeres. Vor wichtigen Beschlüssen wurden Opfer dargebracht; Seher interpretierten Zeichen, die als Legitimation für Marschrichtungen, Angriffe oder Verhandlungen dienten. Eide banden Führer und Truppe, während gemeinsame Riten Kohäsion stifteten. Xenophon zeigt Religion als pragmatische Ressource der Entscheidungsfindung und Disziplin, nicht als bloßes Ornament. Begräbnissitten, Dankopfer für Rettung und Gelübde in Notlagen dokumentieren, wie stark Kriegserfahrung und Kult verknüpft waren. Diese religiöse Rahmung verleiht dem Bericht normative Tiefe und verweist auf Erwartungen, die an charismatische und gesetzestreue Führung gestellt wurden.
Gleichzeitig liefert die Anabasis Einblicke in Strukturen des Achämenidenreichs. Satrapien verwalteten Steuern, Truppenaufgebote und Vorräte; königliche Straßen, Etappenstationen und Boten beschleunigten Verwaltung und Mobilität. Persische Stärke lag in Weite, Ressourcen und Reiterei, doch die Koordination über große Distanzen war störanfällig. Lokalpolitische Rivalitäten und das Bedürfnis, griechische Söldner als Präzisionstruppen zu rekrutieren, offenbaren institutionelle Ambivalenzen. Xenophons Beobachtungen zeigen damit ein Großreich, dessen Macht auf Verwaltung beruht, aber regional von Unterhändlern, Satrapen und wechselnden Loyalitäten vermittelt wird – ein Befund, der spätere griechische Strategien beeinflusste.
Im griechischen Hintergrund wirkte Spartas Hegemonie nach. Beziehungen zwischen spartanischen Entscheidungsträgern und persischen Satrapen waren von wechselseitigen Hilfen und Misstrauen geprägt. Für viele Griechen bedeutete Dienst im Osten Distanz zu innergriechischen Konflikten, aber auch Abhängigkeit von ausländischen Auftraggebern. Xenophon, aus Athen stammend und später in spartanischer Nähe lebend, war mit diesen Verflechtungen vertraut. Die Anabasis reflektiert, wie persönliche Loyalitäten, städtische Herkunft und übergreifende Bündnispolitik einander überlagern. Dadurch wird der Feldzug zugleich zu einer Studie über griechische Mobilität und die Grauzonen zwischen Bürgerheer und Berufssoldatentum.
Taktisch vermittelt der Text zentrale Lehren des 4. Jahrhunderts v. Chr. Die Verteidigung gegen Reiterei durch dichte Formationen, die flexible Nutzung von Peltasten und Bogenschützen, Marschdisziplin sowie Nachtmärsche und Ablenkungsmanöver erscheinen als entscheidende Fähigkeiten. Die Armee lernte, Gelände – Pässe, Flüsse, Engstellen – als Verbündeten zu nutzen. Diese Elemente fügen sich in einen breiteren Entwicklungstrend, in dem leichtere Truppen und kombinierte Waffenarrangements zunehmend Gewicht erhielten. Xenophons Darstellung fungiert dabei als Erfahrungsbericht, der spätere Debatten über Ausrüstung, Ausbildung und Führung in der griechischen Kriegskunst speiste.
Ökonomisch zeigt die Anabasis die Abhängigkeit von Geldflüssen, Transport und lokalen Märkten. Besoldung in persischem Gold erleichterte die Anwerbung; unterwegs wurden Nahrungsmittel gekauft, erpresst oder erbeutet. Träger, Packtiere und improvisierte Fahrzeuge bestimmten die Mobilität; Brücken, Fähren und Flöße ermöglichten Übergänge. Die Präsenz eines großen Heeres belastete Gemeinden, eröffnete jedoch auch Händlern Chancen. Münzverkehr und Maßeinheiten mussten über kulturelle Grenzen hinweg ausgehandelt werden. So beleuchtet das Werk die Kriegsökonomie als Alltagspraxis, in der Versorgung, Beute und Disziplin untrennbar miteinander verbunden sind.
Als literarisches Werk entstand die Anabasis später im 4. Jahrhundert v. Chr., wohl auf Grundlage von Erinnerung, Gesprächen und Notizen. Xenophon schreibt in einem bewusst schlichten, anschaulichen Stil und wählt häufig die dritte Person, wenn er sich selbst erwähnt. Dadurch kombiniert er Selbstzeugnis, Feldzugsbericht und moralisch-politische Reflexion. Im Vergleich zu Herodots ethnografischer Breite und Thukydides’ analytischer Strenge verbindet Xenophon Beobachtung, exemplarische Szenen und praktische Lehre. Diese Mischung aus Erfahrung und Erörterung erklärt, warum das Werk zugleich als Geschichtsschreibung, Abenteuererzählung und Führungslehre gelesen wurde.
Die Wirkungsgeschichte knüpft unmittelbar an die politische Lage an. Die Demonstration, dass griechische Infanterie weite Teile des Perserreichs durchqueren konnte, stärkte die Vorstellung, Asien sei militärisch verwundbar – ein Gedanke, den spartanische Unternehmungen in Kleinasien unter Agesilaos einige Jahre später aufgriffen. Zugleich zeigte die Gegenreaktion Persiens über Flottenhilfen und Subsidien an griechische Akteure die Macht finanzieller Hebel, die schließlich in der sogenannten Königsfrieden-Ordnung des frühen 4. Jahrhunderts v. Chr. mündeten. In der Literatur wies Arrian mit seiner Anabasis Alexandrou bewusst auf Xenophons Vorbild hin.
Xenophons Werk kommentiert die politischen Sitten seiner Zeit, indem es Führung an Tugenden wie Umsicht, Maß, Frömmigkeit und Verantwortlichkeit misst. Es kritisiert Täuschung, Rücksichtslosigkeit und die Zersetzung von Loyalität durch persönliche Vorteile, ohne moralische Komplexität zu leugnen. Die improvisierte Selbstregierung des Heeres verweist auf die Kraft deliberativer Verfahren jenseits der Polis. Zugleich zeigt der Bericht die Grenzen militärischer Exzellenz, wenn strategische Ziele und legitime Autorität fehlen. So wird die Anabasis zu einem Zeitdokument, das Imperium und Polis, Kriegshandwerk und Ethos in einer Phase tiefgreifender Neuordnung ins Gespräch bringt.
Xenophon von Athen (um 430–mittleres 4. Jahrhundert v. Chr.) war Soldat, Historiker und Schriftsteller der klassischen griechischen Epoche. Als Augenzeuge und Teilnehmer bedeutender Ereignisse verband er praktische Erfahrung mit literarischer Gestaltung. Berühmt wurde er durch die Anabasis, den Bericht über den Zug der Zehntausend, und durch die Hellenika, die Geschichte Griechenlands als Fortsetzung von Thukydides. Mit der Kyropaideia, den sokratischen Schriften und mehreren technischen Traktaten prägte er Militär-, Politik- und Moraldiskurse. Seine klare, knappe Prosa, sein Interesse an Führung und Ordnung sowie seine Nähe zu Sparta machen ihn zu einer prägenden Stimme des 4. Jahrhunderts v. Chr.
Aufgewachsen im Athen des späten Peloponnesischen Krieges, erhielt Xenophon die Erziehung eines Angehörigen der Reiterklasse mit Schwerpunkt auf Gymnastik, Rhetorik und Reiten. Früh kam er in den Kreis um Sokrates, dessen Gesprächsführung, Ethik und Betonung der praktischen Klugheit ihn dauerhaft prägten. In Athen begegnete er zudem der historiografischen Tradition von Herodot und Thukydides, die er später in eigener Weise fortführte. Seine Wertschätzung für spartanische Disziplin und Einfachheit entstand aus direkter Beobachtung und späterer Zusammenarbeit, nicht aus familiärer Bindung. Philosophisch bevorzugte er anschauliche Beispiele und nützliche Maximen statt abstrakter Systembildung, was seine Werke für unterschiedliche Leserschaften zugänglich machte.
Im Jahr 401 v. Chr. schloss sich Xenophon der Expedition des persischen Prinzen Kyros des Jüngeren an, die im Gefecht bei Kunaxa scheiterte. Nach dem Tod der griechischen Befehlshaber übernahm er eine führende Rolle beim Rückzug der sogenannten Zehntausend durch feindliche Gebiete bis zum Schwarzen Meer. Diese Erfahrungen verarbeitete er in der Anabasis, einem lebhaften Bericht über Marsch, Kampf, Versorgung und Führung. In den folgenden Jahren diente er weiterhin als Söldnerführer an der Seite Spartas und kämpfte unter anderem in Mittelgriechenland. Seine Nähe zu Sparta führte in Athen zu politischer Entfremdung und längerer Abwesenheit.
Xenophon erhielt von spartanischer Seite ein Landgut im elischen Skillos nahe Olympia, wo er über Jahre lebte und schrieb. Dort entstanden wahrscheinlich Teile der Hellenika, die den Zeitraum vom oligarchischen Umsturz in Athen 411 v. Chr. bis zur Schlacht von Mantineia 362 v. Chr. schildern. Er porträtierte zudem König Agesilaos in einer kurzen Lobrede und untersuchte in der Verfassung der Lakedaimonier spartanische Institutionen. Sein Blick auf Ereignisse und Personen gilt als zweckrational und oft spartanerfreundlich, doch bleibt sein Bericht eine zentrale Quelle für die Krisen und Neuordnungen des griechischen 4. Jahrhunderts.
In Abgrenzung zu Plato pflegte Xenophon eine nüchternere Darstellung sokratischer Gespräche. Die Erinnerungen an Sokrates, die Apologie, das Gastmahl und der Oikonomikos zeigen den Philosophen im Alltag, diskutieren Tugend, Haushaltsführung, Bildung und Freundschaft. Der Dialog Hiero reflektiert Machtglück und Tyrannenfrust anhand eines fiktiven Gesprächs zwischen Hiero und Simonides. Charakteristisch ist die Verbindung von moralischer Beratung und konkreten Beispielen aus Krieg, Reitkunst und Verwaltung. Damit wollte Xenophon bewusst weniger metaphysische Systeme begründen als nützliche Einsichten für Bürger, Soldaten und Amtsträger formulieren und das Bild seines Lehrers gegen Missverständnisse der Zeit verteidigen.
Seine praktischen Traktate reichen von Über die Reitkunst und Der Reiteroberst über der zugeschriebenen Jagdschrift Kynegetikos bis zu den Poroi, einem Spätwerk über Einnahmequellen Athens. Neben militärischer Technik und Ausbildung behandelt Xenophon Fragen der Staatsfinanzen, des Handels und der Verwaltung. Die Kyropaideia, eine literarische „Erziehung des Kyros“, verbindet Geschichtsstoff und Idealbild des Herrschers zu einem Lehrbuch der Führung. Das Werk wurde in Antike und Früher Neuzeit breit gelesen und prägte Diskussionen über Ethik, Disziplin und Kommandogewalt. Überall bevorzugt Xenophon anschauliche Beispiele, klare Sprache und die Ableitung von Regeln aus konkreter Erfahrung.
Nach der spartanischen Niederlage bei Leuktra 371 v. Chr. musste Xenophon Skillos verlassen und lebte anschließend im späten 4. Jahrhundert v. Chr. überwiegend in städtischer Umgebung auf der nördlichen Peloponnes, wahrscheinlich auch in Korinth. In dieser Zeit überarbeitete er Werke und verfasste spätere Schriften. Sein Stil, oft als schlichtes Attisch gerühmt, beeinflusste die Ausbildung antiker Rhetoren und diente Humanisten als Modell. Moderne Forschung diskutiert seine Parteinahmen, nutzt ihn aber als unverzichtbare Quelle zu Politik, Kriegführung und Alltagskultur. Xenophons Vermächtnis bleibt die Verbindung von Erfahrung, Reflexion und erzählerischer Klarheit und Prägnanz.
Von Darius und Parysatis stammen zwei Söhne; der Aeltere hieß Artaxerxes,1 der Jüngere Cyrus. Darius wurde krank, und als er nun seinem Lebensende entgegensah, wünschte er seine beiden Söhne bei sich zu haben. Der Aeltere war gerade anwesend; den Cyrus aber ließ er von der Satrapie abrufen, die er ihm nebst dem Commando über die Truppen, die sich in der Ebene bei Kastolos2 zu sammeln pflegen, übertragen hatte. Cyrus reiste also hin, begleitet von Tissaphernes, seinem vermeintlichen Freunde, von dreihundert griechischen Hopliten3 und ihrem Anführer Xenias aus Parrhasia. Darius starb, und als Artaxerxes den Thron bestiegen hatte, brachte Tissaphernes den Cyrus bei ihm in Verdacht, als ob er gefährliche Anschläge gegen ihn hegte. Der König ließ sich überreden, und den Bruder, um ihn hinzurichten, festsetzen. Die Mutter aber bat ihn los, und so kam er wieder in seine Satrapie. Die Gefahr, die ihm gedroht hatte, und der erlittene Schimpf veranlaßte ihn nun zu dem Plane, sich der Herrschaft seines Bruders zu entziehen, und wenn möglich, an dessen Stelle König zu werden. Parysatis unterstützte ihn heimlich, denn sie liebte ihn mehr als den regierenden Artaxerxes. Alle, die der König an ihn abschickte, behandelte er so, daß er sich ihre Ergebenheit in höherem Grade erwarb, als sie der König besaß; seine Unterthanen suchte er zu guten Soldaten zu bilden und sich ihre Liebe zu verschaffen. Er zog ferner ein griechisches Heer so heimlich als möglich zusammen, um den König ganz unerwartet anzugreifen, und führte dieses auf folgende Art aus.
Den Befehlshabern aller der Besatzungen, die er in den Städten hatte, gab er den Auftrag, eine Menge der tapfersten Peloponnesier, so groß als nur thunlich anzuwerben, weil Tissaphernes mit dem Plane umginge, sich jene Plätze zu unterwerfen. Ueber die ionischen Städte hatte nämlich der König Anfangs den Tissaphernes gestellt, damals aber waren sie alle, Milet4 ausgenommen, zum Cyrus übergetreten. Als Tissaphernes merkte, daß man es in Milet darauf anlegte, dasselbe zu thun, ließ er einige Bürger hinrichten, und andere wurden verwiesen. Cyrus nahm die Vertriebenen auf, zog ein Heer zusammen, belagerte Milet zu Wasser und zu Lande, und suchte die Vertriebenen wieder einzuführen. Dies verschaffte ihm also einen zweiten Vorwand, Truppen zu sammeln. Den König ließ er durch einen Gesandten ersuchen, doch lieber ihm, seinem Bruder, als dem Tissaphernes diese Städte zu überlassen. Die Mutter half die Sache mit betreiben, so daß der König die Schlingen nicht sah, die ihm gelegt wurden, sondern glaubte, die Zurüstungen seines Bruders seien blos Maßregeln gegen Tissaphernes, und daraus machte er sich eben nichts, denn Cyrus lieferte ihm den gehörigen Tribut von den Städten, die sonst Tissaphernes gehabt hatte. Ein anderes Heer sammelte dieser sich im Chersones, Abydus gegenüber, auf folgende Art. Er wurde mit Klearch, einem vertriebenen Lacedämonier bekannt, gewann Achtung für ihn und gab ihm zehntausend Dareiken.5 Klearch warb für diese Summe ein Heer, womit er vom Chersones aus die jenseit des Hellesponts wohnenden Thracier bekriegte und dadurch den Griechen Vortheile verschaffte, so daß die Städte am Hellespont zur Unterhaltung der Truppen freiwillige Beiträge schickten. So wurde nun auch dieses Heer heimlich für Cyrus unterhalten. Sein Gastfreund Aristipp aus Thessalien6 wurde von der Gegenpartei in seinem Vaterlande bedrängt, kam deswegen zu ihm und bat um zweitausend Mann Söldner, und auf drei Monate Sold, womit er über seine Feinde das Uebergewicht zu erlangen hoffte. Cyrus gab ihm viertausend Mann und auf sechs Monate Sold, und machte sich zugleich bei ihm aus, daß er sich nicht eher mit seinem Gegner vergleichen solle, bis er mit ihm darüber würde berathschlagt haben. So wurden nun auch in Thessalien heimlich für ihn Truppen geworben. Seinem Freunde Proxenus, einem Böotier, gab er den Auftrag, mit einer möglichst zahlreichen Mannschaft zu ihm zu stoßen, um seinem Vorgeben nach die Pisidier, die sein Gebiet beunruhigten, angreifen zu können. Dem Stymphalier Sophänet und dem Achäer Sokrates, die auch seine Gastfreunde waren, trug er dasselbe auf, unter dem Vorwande, gemeinschaftlich mit den vertriebenen Milesiern den Tissaphernes bekriegen zu wollen, und diese befriedigten auch seinen Wunsch.
Cyrus jetzt im Begriff, den Marsch nach Oberasien anzutreten, brauchte nunmehr dazu den Vorwand, die Pisidier aus seinem Gebiete vertreiben zu wollen. Unter diesem Vorwand zog er daselbst die griechischen und barbarischen Truppen zusammen, ließ den Klearch auffordern, mit seinem ganzen Heere zu ihm zu stoßen; den Aristipp, sich mit seinen Gegnern zu setzen und ihm das Truppencorps zu schicken; dem Arkadier Xenias, der ihm das Commando über die Miethsoldaten in den Städten führte, befahl er, in den Festungen eine hinreichende Besatzung zu lassen, und mit der übrigen Mannschaft zu ihm zu stoßen. Er zog auch das Belagerungsheer von Milet an sich, munterte die Vertriebenen auf, den Feldzug mit ihm zu machen und versprach, wenn der Krieg gut abliefe, nicht eher zu ruhen, bis er ihr Exil geendigt hätte. Diese, voll Zutrauens auf ihn, nahmen seinen Vorschlag mit Vergnügen an, ergriffen die Waffen und gingen nach Sardes.7 Dahin kam auch Xenias mit viertausend Hopliten, die er aus den Städten gezogen hatte; Proxenus ferner mit fünfzehnhundert Hopliten und fünfhundert Gymneten;8 Sophänet aus Stymphalus mit eintausend Hopliten; Sokrates aus Achaja führte fünfhundert und Pasion aus Megara siebenhundert Mann eben dahin. Die beiden Letzteren waren mit bei der Belagerung Milet's gewesen.
Alle diese kamen nun zum Cyrus nach Sardes. Tissaphernes aber, der aufmerksam war und wohl einsah, daß diese Zurüstungen für einen Krieg gegen die Pisidier zu groß wären, eilte, so sehr er konnte, mit fünfhundert Reitern zum Könige. Auf die Nachricht von den Bewegungen seines Bruders setzte sich dieser sogleich in Gegenwehr. Cyrus brach nun mit den vorgenannten Truppen von Sardes auf[1q] und rückte durch Lydien in drei Märschen zweiundzwanzig Parasangen[1]9 bis an den Mäander vor. Dieser zwei Plethren10 breite Fluß trug eine aus sieben Fahrzeugen zusammengesetzte Brücke. Cyrus zog hinüber und rückte in Phrygien acht Parasangen vorwärts bis nach Kolossä, einer großen wohlhabenden Stadt. Hier blieb er sieben Tage, und Menon, aus Thessalien, stieß zu ihm mit tausend Hopliten und fünfhundert Peltasten, die aus Dolopern, Aenianen und Olynthiern bestanden. Von hier aus machte er drei Märsche, zusammen zwanzig Parasangen, bis Celänä, einer großen reichen Stadt in Phrygien. Hier hatte Cyrus ein Schloß und einen großen Garten voll wilder Thiere, auf die er zu Pferde Jagd machte, wenn er sich und seine Rosse üben wollte. Mitten durch den Garten fließt der Mäander, dessen Quellen im Schlosse entspringen; auch Celänä wird von ihm durchschnitten. In dieser Stadt hat auch der Großkönig11 ein festes Schloß, an den Quellen des Marsyas, unter der Festung; auch dieser Fluß fließt durch die Stadt und ergießt sich in den Mäander, seine Breite beträgt fünfundzwanzig Fuß. Hier soll Apoll dem Marsyas, den er im Wettstreit auf der Flöte überwand, die Haut abgezogen und sie in der Höhle, wo die Quellen entspringen, ausgebreitet haben, und davon führt der Fluß den Namen Marsyas. Das Schloß und die Festung in Celänä erbaute der Erzählung nach Xerxes, als er aus Griechenland flüchtete. Cyrus verweilte hier dreißig Tage. Unterdessen stieß Klearch, der vertriebene Lacedämonier, mit tausend Hopliten, achthundert thracischen Peltasten und zweihundert kretischen Bogenschützen zu ihm. Zugleich mit diesem kam auch der Syrakusier Sosias mit dreihundert und der Arkadier Sophänet mit tausend Hopliten. Cyrus musterte die Griechen im Thiergarten, und ihre Zahl belief sich auf elftausend Hopliten und zweitausend Peltasten.
Von hier marschirte er in zwei Märschen zehn Parasangen bis Peltä, einer volkreichen Stadt, wo er drei Tage verweilte. Unterdessen feierte der Arkadier Xenias die Lycäen mit Opfern und Kampfspielen, und setzte goldene Striegel als Preis aus. Cyrus selbst gab dabei einen Zuschauer ab. Hierauf marschirte er in zwei Märschen zwölf Parasangen bis nach Cerami, einem Orte an der äußersten Grenze Mysiens. Von hier rückte er in drei Märschen dreißig Parasangen bis in die Ebene bei Cestrus vor. Fünf Tage verweilte er hier. Die Soldaten, denen er den Sold von drei Monaten und darüber schuldig war, kamen oft vor sein Quartier, um ihre Bezahlung zu fordern. Er aber hielt sie mit Versprechungen hin und war in sichtbarer Verlegenheit, denn es lag nicht in seinem Charakter, etwas Versprochenes, wenn er es geben konnte, zurückzuhalten.
Unterdessen kam Epyaxa, des Syennesis, Königs in Cilicien, Gemahlin zu ihm und brachte zu ihm, wie man sagte, große Geldsummen; worauf er dem Heere den Sold von vier Monaten auszahlen ließ. Die cilicische Königin hatte eine Bedeckung von Ciliciern und Aspendiern bei sich; Cyrus hat sie, wie es hieß,12 begattet.
Die folgenden zwei Märsche betrugen zehn Parasangen bis Thymbrion. Hier war neben der Straße die sogenannte Quelle des Midas, Königs in Phrygien, die dieser mit Wein vermischt und den Silen bei ihr gefangen haben soll. Von hier zog er in zwei Märschen zehn Parasangen bis Tyriäus und blieb daselbst drei Tage. Die cilicische Königin ersuchte den Cyrus, wie man erzählt, ihr das Heer in Parade zu zeigen. Er bewilligte es ihr und hielt auf der Ebene über die Griechen und Perser Musterung ab. Den Ersteren befahl er, sich nach ihrer Sitte in Schlachtordnung zu stellen, und jedem Anführer, seine Leute zu ordnen. Sie stellten sich vier Mann hoch, auf dem rechten Flügel commandirte Menon, auf dem linken Klearch, und im Centrum standen die übrigen Heerführer. Zuerst besah Cyrus die barbarischen Truppen, die in Schwadronen und Rotten geordnet aufmarschirten. Dann musterte er das griechische Heer, vor dessen Front er auf einem offenen Wagen in Gesellschaft der cilicischen Königin, die in einem bedeckten Wagen saß, vorüberfuhr. Die ganze griechische Armee hatte eherne Helme, purpurrothe Röcke, Beinharnische und blanke Schilde. Nachdem er an ihr völlig heruntergefahren war, hielt er im Wagen vor der Front und ließ durch den Dolmetscher Pigres den Anführern der Griechen sagen: Das ganze Heer solle mit vorgehaltenen Schilden anrücken. Diese machten es den Soldaten bekannt, die Trompete gab als Zeichen, und nun ging es in der befohlenen Stellung vorwärts. Als hierauf ihr Marsch, den sie mit Feldgeschrei begleiteten, stärker wurde, ging er von selbst in vollen Lauf über und zog sich gegen das Lager der Perser. Viele von diesen erschraken darüber, die cilicische Königin fuhr davon, die Marktleute ließen ihre Wagen im Stich und flohen, und die Griechen kehrten lachend zum Lager zurück. Die Königin bewunderte den Glanz und die Ordnung des Heeres; Cyrus aber freute sich bei dem Anblick des Schreckens, in den die Barbaren bei dem Anlaufe der Griechen geriethen.
Von hier aus marschirte er in drei Märschen zwanzig Parasangen bis Ikonium, einer Grenzstadt Phrygiens und rastete daselbst drei Tage. Dann machte er durch Lykaonien fünf Märsche, zusammen dreißig Parasangen. Diese Landschaft erlaubte er den Griechen zu plündern, da sie feindlich war. Von hier aus ließ Cyrus die Königin auf dem kürzesten Wege nach Cilicien bringen und gab ihr den Thessalier Menon und dessen Truppen zur Bedeckung mit. Mit dem übrigen Heere marschirte er durch Kappadocien in vier Märschen fünfundzwanzig Parasangen bis Dana,13 einer großen wohlhabenden Stadt und blieb drei Tage da. Inzwischen ließ er den Perser Megaphernes, einen königlichen Vasallen, dem die Purpurkleidung zukam, nebst einem anderen Obersatrapen, die er der Verrätherei gegen sich beschuldigte, hinrichten.
Von hier aus versuchte er in Cilicien einzudringen. Der Paß war aber nur für einen Wagen breit genug, außerordentlich steil, und wenn er vertheidigt wurde, der Armee unzugänglich; auch war, wie man sagte, Syennesis auf den Höhen, um den Paß zu decken; deswegen blieb er einen Tag auf der Ebene. Am folgenden Tage brachte ein Kundschafter die Nachricht, daß Syennesis, bewogen durch die Wahrnehmung, daß Menons Corps sich in Cilicien, innerhalb der Berge befinde und durch die Nachricht, daß eine theils den Lacedämoniern, theils dem Cyrus gehörige Flotte unter Tamos' Commando von Ionien nach Cilicien segele, von den Höhen herabgezogen sei. Cyrus marschirte also ohne Hinderniß auf die Berge, sah das Lager, wo die Cilicier Wache hielten und zog nun in die Ebene herab. Sie ist groß, schön und wasserreich, und von Bäumen aller Art und Weinstöcken voll; auch trägt sie viel Sesamkraut, Buchweizen, Hirse, Weizen und Gerste. Ein steiles und hohes Gebirge umschließt sie allenthalben von der einen Grenze am Meere bis zur anderen. Durch diese Ebene marschirte er in vier Märschen fünfundzwanzig Parasangen bis Tarsus, einer großen und wohlhabenden Stadt in Cilicien. Hier hatte Syennesis, Ciliciens König, seine Residenz. Mitten durch die Stadt fließt der Cydnus, dessen Breite zwei Plethren beträgt. Die Einwohner verließen die Stadt und flohen mit ihrem Könige in einen festen Ort auf dem Gebirge, die Gastwirthe ausgenommen und die, welche nahe am Meere in Soli und Issi wohnten. Epyaxa, des Syennesis Gemahlin, war fünf Tage eher als Cyrus nach Tarsus gekommen. Als diese mit ihrer Bedeckung die Berge gegen die Ebene zu bestieg, gingen zwei Compagnien von Menons Truppen verloren. Sie wurden, nach Einigen, beim Plündern von den Ciliciern niedergehauen, nach Andern waren sie zurückgeblieben, konnten weder ihr Corps, noch den Weg mehr finden und kamen so in der Irre um; es waren hundert Hopliten. Die übrigen Truppen kamen nach Tarsus und plünderten, aufgebracht über den Tod ihrer Waffenbrüder, die Stadt und das Schloß. Als Cyrus in die Stadt gekommen war, ließ er den Syennesis zu sich rufen. Allein dieser versicherte, er habe sich noch nie einem Mächtigern in die Hände geliefert und werde auch jetzt nicht zum Cyrus kommen. Doch auf Zureden seiner Gemahlin, und weil Cyrus ihm Sicherheit zusagte, kamen sie endlich zusammen. Syennesis schenkte dem Cyrus eine große Summe für sein Heer und erhielt dafür Gegengeschenke, die bei Königen in großem Werthe stehen: ein goldgezäumtes Pferd, eine goldene Halskette, Armbänder, einen goldenen Säbel, ein persisches Kleid; ferner gab ihm Cyrus die Versicherung, sein Land nicht mehr plündern zu wollen, und endlich die Erlaubniß, wenn er irgendwo ihm geraubte Sklaven antreffen sollte, sie wieder zurückzunehmen.
