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Das Buch soll keine Einführung in das Thema "Traumdeutung" sein, sondern es stellt sozusagen eine Reise ins Unbewusste des Autors dar, und mit C. G. Jung kann man behaupten, dass wahre Abenteuer die Reisen ins Unbewusste sind. Es wäre also sozusagen ein "Abenteuerbuch", natürlich nicht im herkömmlichen Sinn. Einzuordnen wäre es unter die "Sachbücher", da es durchaus um eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Träumen und deren Deutung geht. Möglich wäre aber auch die Rubrik "Esoterik", obwohl ich mich dagegen ein wenig sträube. Sicher ist aber, dass sich Esoteriker gern mit Träumen befassen, wenn auch nicht immer in wissenschaftlicher Manier. Dieses Buch stellt auf jeden Fall eine Alternative dar zu weniger seriösen "Traumbüchern". Es handelt sich um die chronologische Wiedergabe, Bearbeitung und Deutung von Träumen, die während einer vierjährigen Psychoanalyse vor mehr als 30 Jahren notiert wurden. Es kommt sowohl die "freudianische" als auch die "jungianische" Traumdeutung zur Anwendung, wobei jeweils die objektstufige als auch die subjektstufige Interpretation erfolgt. Dabei werden Übertragungsträume und archetypische Träume als Besonderheiten hervorgestellt. Es wird gezeigt, dass Traumsymbole immer mehrdeutig sind und vom jeweiligen Träumer und vom Kontext abhängen. In den Kapitelüberschriften werden einzelne Träume in kreativer Weise thematisiert, um das Interesse und die Neugier der Leser zu wecken. Bei der Deutung der Träume werden insbesondere folgende Themen in tiefergehender Weise bearbeitet: Geburtstrauma, Tod, Ablösung, Autonomie, Abhängigkeit, Regression, Narzissmus, Übergangsobjekt, Initiation, Wiedergeburt, Wandlung, Weiterentwicklung, inneres Gleichgewicht, Individuation, Nähe und Distanz, Männlichkeit, Kastrationsangst, der Geständniszwang und das Strafbedürfnis, Schuldangst, Mutter-Kind-Beziehung, der Helden- und Erlösermythos, der "alte Weise", der "große Mann", die Transzendenz, Anima und Animus, der Schatten, die Persona, Übertragung und Gegenübertragung, Widerstand, die Archetypen, Symbole, das kollektive Unbewusste, innere Konflikte, die Grundkonflikte, das Ich, das Es und das Über-Ich, die orale, die anale und die phallische Phase, Exhibitionismus und Voyeurismus, Homosexualität, der Ödipuskomplex, Sadomasochismus, das Selbst und die Selbstwerdung. Das Buch soll Interesse für die Beschäftigung mit Träumen wecken und in anschaulicher Weise auch das nötige Handwerkszeug vermitteln, um eigene Träume besser verstehen und für sich nutzen zu können. Es soll gezeigt werden, wie spannend und wie wichtig es sein kann, sich mit den Inhalten des Unbewussten auseinanderzusetzen, dass es sich um einen verborgenen Schatz handelt, der gehoben werden sollte. Die Träume geben uns wertvolle Hinweise, um eine persönliche Weiterentwicklung zu gewährleisten, sowie Warnungen vor Gefahren für das Selbst. Beiläufig werden die unterschiedlichsten Themen erörtert, wobei in der Darstellung immer auch ein humorvoller und ironischer Unterton erkennbar wird. Es wird auf mythologische und religiöse Zusammenhänge hingewiesen, sowie auf Märchen und Sagen, als Bestandteile des kollektiven Unbewussten. In unserer von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft geprägten Welt besteht die Gefahr, dass die Menschen immer oberflächlicher werden und sich für das Wesentliche nicht mehr interessieren. Dem gilt es, sich zu widersetzen und die tieferen, inneren Werte sowie die Welt der Symbole neu zu entdecken.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Walter Pollak
Analyseträume
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Inhaltsverzeichnis
Titel
„Analyseträume“
1. Kapitel: Der Einstieg
2. Kapitel: Der Messermann und zu Tisch mit Christus
3. Kapitel: Feminismus und Vorsicht: bissiger Hund
4. Kapitel: Der Analytiker auf dem Schoß und die Übertragung
5. Kapitel: Die Geschichte von Babylon und orale Träume
6. Kapitel: Marketing, Gruppendynamik und eine Wasserleiche
7. Kapitel: Bezahlter Oralsex und der umzingelte Held
8. Kapitel: Homosexuelle Belästigung im Aufzug und die Palme mit menschlichen Zügen
9. Kapitel: Die verstopfte Nase und das Trompetenkonzert
10. Kapitel: Das Geburtstrauma im Fitnesscenter und der Magier
11. Kapitel: Die Madonna mit dem Kind und ein Kampf auf Leben und Tod
12. Kapitel: Die Schlüsselübergabe und die schmutzige Wäsche
13. Kapitel: Die Schwester Oberin mit den viereckigen Augen und der Löwe auf dem Felsen
14. Kapitel: Die Kissenschlacht beim Analytiker und Transvestiten auf der Kirmes
15. Kapitel: Der Stiefvater mit dem Schlagbohrer und der blinde Passagier
16. Kapitel: Renovierungsarbeiten und fahrlässige Tötung
17. Kapitel: Der braune Roboter und die Soldaten auf dem Moped
18. Kapitel: Mit dem Aufzug eine Etage zu weit nach oben und ein Mordversuch
19. Kapitel: Die schwarzen Kissen und die Injektion im Freibad
20. Kapitel: Die fehlende Versicherung und das Bett im Klassenzimmer
21. Kapitel: Pinkeln in einer Schweizer Bank und ein Flugversuch
22. Kapitel: Der geknackte Tresor und die Scheuklappen
23. Kapitel: Der tote Christus in der Apotheke und der tollwütige Hund
24. Kapitel: Der Tod des Analytikers und das kontrollierte Feuer
25. Kapitel: Preisverleihung beim Analytiker und die Wiederbelebung einer Scheintoten
Impressum neobooks
Also keine Traumanalyse sondern Analyseträume, was deren Deutung allerdings nicht ausschließt. Es handelt sich um Träume, die im Verlauf einer psychoanalytischen Behandlung tatsächlich so geträumt und jeweils aufgeschrieben wurden, um sie nicht gleich wieder zu vergessen, denn es ist eine allgemeine Erfahrung, dass Träume leider entweder gar nicht erinnert werden oder sehr schnell wieder aus dem Gedächtnis entschwunden sind. Man hatte sogar einen Notizblock auf dem Nachttisch liegen, um bei nächtlichem Erwachen etwas soeben Geträumtes gleich festzuhalten, wenigstens in Stichworten. Am nächsten Tag konnte man ergänzend den gesamten Traum notieren. Leider sind die Aufzeichnungen recht rudimentär, denn sie sollten nur dazu dienen, die nächtlichen Vorgänge für die darauffolgende Analysesitzung bereitzustellen, als Erinnerungshilfe. Dass mehr als 30 Jahre später ein Buch daraus werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht abzusehen. In dem Falle hätte man sicherlich ausführlicher und assoziativ erweitert dokumentiert. Damals war das viele Träumen und Aufschreiben aus einer Not heraus entstanden: Was soll man dreimal die Woche auf der Couch liegend dem Analytiker erzählen, der selbst überwiegend schweigsam hinter einem saß und nur gelegentlich orakelhafte Äußerungen von sich gab? Vergangenes war irgendwann erschöpfend ausgeführt worden, und aktuelle Geschehnisse wurden zwar in aller Breite gewürdigt, boten aber dennoch nicht immer genügend Stoff, um die gefürchteten „Leerzeiten“ zu füllen. Es war demnach die Angst vor dem Schweigen, vor dem Verstummen, die ausreichend dazu motivierte, vermehrt auf das Unbewusste zu lauschen, das sich eben vorwiegend mittels der Träume, in verschlüsselter Form offenbart. Man war auch immer bemüht und vorwitzig genug, um diese möglichst selbst zu deuten und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Schließlich hatte man den Beruf des Psychotherapeuten gewählt und übte ihn sogar bereits aus, als Anfänger zwar und in der Ausbildung, aber das diesbezügliche Selbstbewusstsein war bereits sehr ausgeprägt, und es lag wohl eine natürliche Begabung vor in diesen Dingen, also im Erkennen von Symbolen und verdeckten Sinnhaftigkeiten, und so konnte man schon eine gewisse „Deutungshoheit“ beanspruchen. Dennoch kann man die eigenen Traumbildungen nur bedingt selbst erklären und verstehen. Schon Sigmund Freud hatte auf die sog. Zensur hingewiesen, die nicht nur innerhalb des Traumes für Verwirrung sorgt, sondern es auch dem Träumer erschwert, selbst hinter den Sinn zu kommen und das Wesentliche zu erkennen. Es kann also durchaus passieren, dass man den Eindruck hat, alles bestens durchschaut zu haben, und doch gibt es den berühmten blinden Fleck, und schon ist einem die Hauptsache entgangen!
Im Rentenalter und aufgrund einer unfreiwilligen Auszeit konnte man sich erneut mit der Traumdeutung beschäftigen, sowohl theoretisch als auch praktisch in der Form von Traumseminaren, also der Arbeit mit Träumen in einer Gruppe. Ein schon lange gehegtes Interesse für C. G. Jung und seine Erkenntnisse zur Symbolik, den Archetypen und dem kollektiven Unbewussten konnte nun umgesetzt werden durch ein vertieftes Studium seiner Werke und die Lektüre von Beiträgen seiner Schüler. Dies wiederum brachte natürlich eine ungeheure Bereicherung hinsichtlich des Verständnisses von Träumen und von deren Funktion. Sicherlich war die „Traumdeutung“ von S. Freud ein Meilenstein diesbezüglich, aber mit Jung kam sozusagen das Salz in die Suppe oder das Tüpfelchen auf das i. Er meinte ja, dass wahre Abenteuer darin bestehen, ins Unbewusste einzutauchen, um es zu ergründen. Und so nahm man sich nach langer Zeit nochmals die Sammlung der „alten“ Träume aus der Analysezeit vor, die man wohlweislich wie einen Schatz aufbewahrt hatte, und die man nun im Lichte neuer Erkenntnisse und nach einer langen Erfahrung als Mensch und als Psychotherapeut neu begutachten und verinnerlichen konnte. Dabei entstand die Idee, auch andere daran teilhaben zu lassen, also ein Buch daraus zu machen, nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, auf diese Weise das Interesse für die Träume und deren Deutung bei einigen zu wecken oder zu verstärken. Es wurde fast ein drängendes Bedürfnis, dies zu tun, da es von unschätzbarem Wert sein kann, sich mit dem Unbewussten zu beschäftigen, auch im Sinne einer gelingenden Individuation, im Sinne einer zunehmenden Harmonie zwischen den Tiefen und Abgründen des Unbewussten und dem bewussten Selbst, also einer Weiterentwicklung hin zu einer Einheit und Ganzheit, ohne allzu krasse innere Spaltung und Entfremdung vom eigenen Wesenhaften. Vielleicht werden dadurch auch die Kraft des Unbewussten erkennbar, die sich vor allem in den Träumen manifestiert und die von sich aus eine prägende und modellierende Wirkung auf das bewusste Ich ausübt, sowie die selbstregulierenden Mechanismen der Psyche. Es soll versucht werden, durch eine subtile und differenzierte Herangehensweise die Vielschichtigkeit von Träumen und Traumsymbolen aufzuzeigen, sowie die Notwendigkeit einer individualisierten und kulturell-kontextuell eingepassten Deutung darzulegen. Beim Erfassen der Traumsymbole wurde teilweise auf die Schweizer Internetseite „Der Traumdeuter.ch“ zurückgegriffen, die eine sehr umfangreiche und vielschichtige diesbezügliche Sammlung enthält und sich insbesondere auf das indianische, schamanische „Medizinrad“ beruft. Ich werde im weiteren Verlauf des Buches nicht mehr im Einzelnen darauf verweisen. Zwangsläufig handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine Geschichte mit einer Handlung, die fortlaufend erzählt wird, sondern es werden unterschiedliche Träume aneinandergereiht erzählt und gedeutet, nur selten miteinander in Verbindung stehend, ähnlich vielleicht wie die Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die jeweils in sich abgeschlossen sind. Der aufmerksame Leser wird aber vielleicht einen roten Faden und eine Entwicklung in der Traumserie entdecken.
Die Träume einfach nur wiederzugeben, ohne Kommentar, wäre sicherlich keine gute Idee, denn der Leser erwartet zu Recht eine Hilfe, die Träume auch zu verstehen und in einen Kontext einordnen zu können. Die eigene Deutung wird leider rudimentär bleiben, wie immer, wenn auch angereichert durch die Erfahrung und neu gewonnene Erkenntnisse, aber möglicherweise kann der Leser ja selbst etwas dazu beitragen, alles noch besser zu verstehen, denn sein eigenes Unbewusstes wird durch das Nachdenken über die Träume angeregt, gerät in Schwingungen und sieht dann vielleicht Dinge, die bisher übersehen wurden. Man kann es für vermessen halten, die eigenen Träume zu deuten und dies auch noch zu publizieren. C. G. Jung meinte, dass die meisten Analytiker ihre eigenen Träume nicht verstehen können. Es soll indessen den Versuch wert sein, verbunden mit der Einschränkung, dass alles nur Stückwerk bleibt und immer nur ansatzweise gelingen wird, was aber für die Traumdeutung ganz allgemein zu gelten hat.
Eine wichtige Frage stellte sich gleich zu Beginn des Unterfangens: sollte man schonungslos alle Träume wiedergeben, ohne Rücksicht auf Verluste, oder war es angebracht und klüger, eine erweiterte „Traumzensur“ vorzunehmen und gewisse allzu intime und „heikle“ Träume zunächst auszusondern und nicht zu veröffentlichen? „Zunächst“ könnte auch bedeuten: zu einem späteren, geeigneten Zeitpunkt doch noch „alles“ preiszugeben. Es erwies sich ohnehin als sinnvoller, eine gewisse Auswahl zu treffen, da eine eingehende Bearbeitung aller Träume zu langwierig geworden wäre und nicht immer hilfreich. Es gibt den Song „Träume lügen nicht“, und es ist wohl tatsächlich so, dass aus ihnen die Wahrheit spricht, und meiner Erfahrung entsprechend wird auch in den Träumen nicht bewusst gelogen, was Abwehrprozesse wie die Verleugnung allerdings nicht ausschließt. „Bewusst“ ist in den Träumen ohnehin nichts, und so ist meine Feststellung ein wenig absurd.
Die eigene Analyse war eine „freudianische“, und es heißt, dass die Träume während einer Psychoanalyse sich unbewusst auf die Erwartungen des jeweiligen Analytikers einstellen, und somit wären bei einem „Freudianer“ eher die sexuelle Symbolik und Zusammenhänge mit dem „ödipalen“ Konflikt und den einzelnen psycho-sexuellen Entwicklungsphasen vorherrschend, sowie die Übertragung, während bei einem „Jungianer“ mythologisch-archetypische Inhalte verstärkt zum Ausdruck kämen. Tatsächlich sind in der vorgelegten Traumserie solche Traumbilder eher selten, kommen aber immer wieder vor und erhalten eine besondere Brisanz.
Dieses Buch enthält autobiographische Elemente, da es einen längeren Zeitraum meines Lebens beleuchtet und auch immer wieder in die Vergangenheit verweist. Man könnte mir einen gewissen Exhibitionismus vorwerfen, da es trotz sorgfältiger Auswahl um sehr intime Vorgänge und Fantasien geht. Aus diesem Grund behandeln andere Autoren lieber die Träume ihrer Patienten. Ich selbst habe diesen Weg gewählt, auch weil er mir die Möglichkeit gibt, zwei Fliegen mit einer Klappe zu erledigen. Einmal zwingt es mich, selbst gründlicher in die Tiefen meines Unbewussten hinabzusteigen und mich mit den damaligen Inhalten und Prozessen auseinander zu setzen, so dass beim Schreiben der Eindruck entstand, ich hätte diese Träume erst jetzt richtig verstanden, und zum Zweiten denke ich, dass es für andere durchaus eine Bereicherung sein kann, mir auf diesem Weg zu folgen, insbesondere für diejenigen, die selbst eine Analyse hinter sich haben oder eine solche noch beabsichtigen. Es handelt sich sozusagen um das Heben eines vergrabenen Schatzes, den ich mit meinen Lesern teilen möchte.
Zum besseren Verständnis dieses Buches möchte ich hier noch ein paar Dinge zur Technik der Traumdeutung sagen. Objektstufige Deutung meint, dass im Traum alle Personen als außerhalb vom Träumer existierend betrachtet werden. Wenn ich also vom Analytiker träume, dann kann man zunächst die Beziehungsaspekte zwischen ihm und mir, die im Traum erkennbar werden, deuten, also auch die Übertragungsaspekte. Subjektstufige Deutung meint, dass ich den Analytiker nicht mehr als getrennt von mir sehe, sondern als einen Teil meines Selbst, also beispielsweise des Über-Ichs. Er kann aber auch eine archetypische Symbolik verkörpern, etwa den „Alten Weisen“ oder eine Heldenfigur. In dem Falle wäre er ein Symbol der „übergeordneten Persönlichkeit“ oder des Selbst als Ganzes, oder auch einer transpersonalen Elternfigur, etwa der Großen Mutter. Wenn von der „transzendenten Funktion“ die Rede ist, so handelt es sich um die fortlaufende Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegensatzposition des Unbewussten und den Übergang in eine neue Einstellung der Welt und dem Leben gegenüber, die Tendenz, das vereinigende Symbol hervorzurufen, etwa die Gottesgeburt. Wenn vom „Schatten“ die Rede sein wird, dann handelt es sich um die dunkle Seite der Persönlichkeit, um die Anteile, die vom bewussten Ich abgelehnt oder abgewehrt wurden, aber auch die nicht gelebten, positiven Potenziale, jeweils kompensatorisch zur bewussten Einstellung. Sind wir depressiv und voller Ängste, dann neigen wir in einer Art von Tunnelblick dazu, diesen „edlen“ und positiven Kern zu übersehen, und die Träume können hier eine Korrektur bewirken, wenn wir auf sie achten. Die Auseinandersetzung mit dem Schatten und dessen Integration sind wesentlich für den Individuationsprozess. In einem gewissen Sinn bezeichnet der Schatten das gesamte Unbewusste, und Jung hat den Begriff letztlich auf diese Weise verstanden. So gesehen wären alle Traumfiguren Schattenanteile, da Träume Produkte des Unbewussten sind, auch wenn sie gleichzeitig halbbewusste Phänomene sind, da durch sie die Schwelle zum Bewusstsein überschritten wird.
Archetypen sind Formen oder "Ideen", ähnlich den platonischen, die im „kollektiven Unbewussten“ enthalten sind und beim Erscheinen in Träumen oder Visionen eine symbolische Bedeutung erhalten, indem sie als Bilder und Vorstellungen zum Ausdruck kommen. Sie werden nicht mit den Genen vererbt, aber es ist in jedem Menschen die Bereitschaft oder "Patterns of behavior" (Verhaltensmuster) angeboren, diese Inhalte aufzunehmen und zu verinnerlichen. C. G. Jung definierte den Archetypus als angeborenen, typisch menschlichen, geistigen Spielraum oder die noch nicht ausgedrückte Möglichkeit menschlicher Anschauung. Es handelt sich um Grundmuster seelischen Erlebens. Erst die Projektion erlaubt ein symbolhaftes Erleben von Inhalten des kollektiven Unbewussten. Die in diesem Buch vorgestellten Bilder und Symbole sind wohlgemerkt nicht selbst Archetypen! Diese sind unanschaulich! Das kollektive Unbewusste wird durch Mythen, Sagen und Märchen, aber auch durch die bildende Kunst und die Poesie, seit Menschengedenken genährt und überliefert. Es bildet den tiefsten Fundus des Unbewussten und taucht gelegentlich in den Traumbildern auf. Man spricht dann von „großen Träumen“.
Die Analyse begann mit einer Fehlleistung: Ich war aus Versehen eine Stunde zu früh gekommen, und der Analytiker fragte, ob ich in einer Stunde wiederkommen wolle oder doch lieber in einer Woche. Spontan entschloss ich mich, erst in der Woche drauf erneut zu erscheinen, und so kam sehr schön der innere Konflikt zum Ausdruck, dass ich es zwar einerseits ziemlich eilig hatte anzufangen, dass aber gleichzeitig Widerstände vorhanden waren, denen die Verschiebung sehr gelegen kam.
Leider ist nicht mehr in Erinnerung und wurde auch nicht schriftlich fixiert, welchen Initialtraum ich in der Analyse vortrug. Es war mir zum damaligen Zeitpunkt wohl auch noch nicht bekannt, welche besondere, prospektive Bedeutung ein solcher als Erstes in einer psychotherapeutischen Behandlung erzählter Traum besitzt. Oft enthält er in verschlüsselter Form programmatisch den abzusehenden Verlauf der Analyse oder des bevorstehenden Entwicklungsschrittes. Gehen wir deshalb einfach chronologisch vor und beginnen mit dem ersten dokumentierten Traum, der irgendwann in der Anfangsphase der Analyse im Herbst 1980 geträumt worden war. Er handelt von einem Gemeindepfarrer, der während der Jugendzeit eine besondere Rolle als Vorbild und Förderer gespielt hatte, und dessen Haushälterin, die im Traum verstorben ist und in einem seltsamen Begräbnis, ohne „Zeremonie“ bestattet wird. Der Leichnam sieht aus wie eine Puppe. Es stellt sich die Frage, wer die Bestattung vornimmt, also welcher Geistliche.
Folgende Einfälle oder Assoziationen kommen in Frage: Der Pfarrer ist verbunden mit einer Zeit sehr starker religiöser Gefühle, Überzeugungen und einer ausgeprägten Frömmigkeit. Er lebte mit seiner alten Mutter und der Haushälterin im Pfarrhaus, und man hatte mit beiden Kontakt. Die Haushälterin war eine bescheidene, zurückhaltende Person vom Typus „alte Jungfer“, etwas farblos, verkniffen, verbittert, und sie stand im Schatten des Pfarrers und von dessen Mutter. Er wiederum wurde von den beiden Frauen bemuttert und bekocht. Dennoch wurde er als männliche und wohl auch väterliche Person wahrgenommen und ein wenig bewundert, auch wegen seiner recht dynamischen und menschennahen Art. Andererseits fühlte man sich ihm auch ein wenig überlegen, denn die eigene religiöse Ausrichtung war damals noch strenger und asketischer, „heiligmäßiger“ als die seine. Man war sozusagen „päpstlicher als der Papst“. Zwischen den beiden Frauen gab es wohl eine gewisse Rivalität und Spannungen, ähnlich wie zwischen einer Mutter und der Schwiegertochter, wobei es aber keine Anzeichen dafür gab, dass der Pfarrherr ein Verhältnis gehabt hätte mit der Haushälterin. Die war eher wie eine zweite, jüngere Mutter. Es war die Zeit nach Papst Johannes XXIII. und dem 2. Vatikanischen Konzil. In dieser Pfarrei wurden die in kirchlicher und liturgischer Hinsicht „modernen“ Ansätze gelebt, was aber nicht verhinderte, dass in politischer Hinsicht sehr konservative und rechtsgerichtete Tendenzen vorherrschten. Der „Spiegel“ galt als des linken und liberalen Feindes Sprachrohr, und Sonntags wurde die „Bildpost“ verteilt, in ähnlicher Aufmachung wie die „Bildzeitung“, aber als katholisches Kampfblatt konzipiert. Ein Priester und Studienrat, der ab und an der Messe vorstand und gelegentlich auch die Sonntagspredigt übernahm, blieb in Erinnerung als ein politischer „Hardliner“, der vor den Wahlen unverhohlen die CDU als einzig wählbare Partei für den katholischen Kirchgänger empfahl und die Predigt zur Wahlrede umfunktionierte.
Zum Zeitpunkt des Traumes hatte man längst den Glauben und die Frömmigkeit verloren, und so erschien der Traum als Rückgriff auf eine vergangene Entwicklungsstufe in einer Zeit, in der zwar einerseits die Ablösung von den Eltern verstärkt einsetzte, andererseits aber Gott, die katholische Kirche und auch dieser Pfarrer mit seinen zwei Frauen in gewisser Weise als Ersatzfamilie fungierten. Die Haushälterin hat wohl die Rolle einer mütterlich geprägten Animafigur und wird hier zu Grabe getragen, in etwas würdeloser Art und Weise, wäre doch zu erwarten, dass ihr Chef die Beerdigung angemessen gestaltet, aber dies bleibt offen. Es sind vermutlich Anteile des Selbst, die hier absterben, auch im Zusammenhang mit der Ablösung von den Elternfiguren und von der Kindheit und Jugend, in sonderbarer Weise, ohne großen „Pomp“. Es wäre insbesondere der weibliche Seelenanteil, also die Anima, der eine endgültige Veränderung zu erfahren hat. Besonders interessant erscheint aber der Umstand, dass der Kadaver wie eine Puppe aussieht. Hier muss man etwas ausholen, um die symbolische und psychologische Bedeutung der Puppe zu verstehen. Der Wortursprung von lat. „pupus“, „das Neugeborene“, erinnert an den Umstand, dass die Puppe, auch von der üblichen Größe her gesehen, ein Baby oder Kleinkind darstellt und bei Mädchen überwiegend zum Mutter-Kind-Spiel verwendet wird. Es gibt natürlich noch ganz andere Puppen, auch in Lebensgröße, etwa Schaufensterpuppen oder Gummipuppen, Sexpuppen, und es gibt Puppen aus ganz unterschiedlichen Materialien: Stroh, Stoff, Plastik. Es gibt Voodoo-Puppen und Vogelscheuchen, Marionetten und Kasperfiguren. Die Jakuten in Sibirien und die altaischen Tataren haben bei ihren Hundeschlittenfahrten kleine Götzenpuppen als Talisman dabei. In den Schöpfungsmythen findet man generell die Vorstellung, dass der erste Mensch geformt wurde aus Erde, Lehm, Speichel, Blut und Tränen und ihm dann der Odem des Lebens eingehaucht wurde, er also beseelt wurde. Es findet eine Verwandlung statt, eine Metamorphose, ähnlich wie bei Schmetterlingen, wo die Raupe sich zur Larve „verpuppt“ , um sich später als Falter zu „entpuppen“. Die „Puppe“ entspricht dann einem meist fast oder völlig bewegungslosen Übergangsstadium. Der Psychoanalytiker Donald Winnicott bezeichnet die Spielzeugpuppe und ähnliche Dinge als „Übergangsobjekt“, welches eine Art Brücke zwischen intrapsychischen und extrapsychischen Vorgängen darstellt. Es dient als Ersatz für die vorübergehend nicht anwesende Mutter oder Bezugsperson. Die Möglichkeit des Spiels eröffnet andere Wirklichkeiten und belebt die Fantasietätigkeit und Imagination. Im russischen Märchen „Wassilissa“ dient eine Puppe als Hilfs-Ich, von der sterbenden Mutter an die achtjährige Tochter übergeben für den Fall, dass ihr Kummer und Leid widerfahren. Tatsächlich steht die Puppe ihr in allen Nöten bei und begleitet sie auf ihren Wegen. Die Puppe in unserem Traum könnte demnach symbolisch zum Einen für einen Wandlungsprozess stehen, für einen Übergang von einem Lebensstadium zum nächsten. Auch im Märchen beginnt ja für das Mädchen nach dem Tod der Mutter ein neuer Lebensabschnitt, und die Puppe dient als Übergangsobjekt, wobei die Ähnlichkeit mit dem Traumbild verblüffend ist. Ähnlich wie damals im späten Jugendalter war man zum Zeitpunkt der Analyse auch wieder in einer Phase des Umbruchs, der Veränderung und Weiterentwicklung. Im Traum wird wohl der Archetypus der Initiation aktiviert, der jeweils mit einem Übergang zu tun hat, mit einer symbolischen Wiedergeburt. Es werden Ängste freigesetzt sowie Gefühle der Trauer, insbesondere in der Übergangszeit vom Kindsein zum Erwachsenwerden, da es ja immer auch einen Verlust mit sich bringt, eine Entwicklungsphase hinter sich zu lassen, loszulassen. Dies wird durch das Symbol des Todes dargestellt. Und somit ist dieser Traum, auch ohne der Initialtraum zu sein, dennoch von besonderer Bedeutung.
Passend hierzu folgte ein Traum etwa zwei Wochen später von einem Umzug, wobei die Miete sich verdoppelte, also eine Art Albtraum, da die Verdoppelung der Wohnkosten verständlicherweise mit großen Sorgen und Ängsten verbunden ist, vor allem wenn das Einkommen sich nicht gleichzeitig deutlich erhöht. Der Umzug symbolisiert erneut die Veränderung, auf das Innere bezogen, und die horrend steigenden Kosten beziehen sich wohl auf die Bezahlung der Analyse, wobei die monatlichen Kosten tatsächlich sogar die Miete deutlich überstiegen. Nur durch Einschränkungen und einen Nebenerwerb war es möglich, dies zu bewerkstelligen. Es wird in einem gewissen Sinn ein „Opfer“ gebracht, was wiederum an Initiationsriten erinnert, die im Allgemeinen mit einer Opferung verbunden waren, meist Tieropfer, aber auch Menschenopfer, später Früchte der Arbeit, der Ernte, oder bei der Beschneidung wurde ein Stück des Penis geopfert. Es muss irgendwie weh tun, und so ist es auch bei der Bezahlung der Analysestunden, die dadurch wiederum einen besonderen Wert erhalten, was bei der Bezahlung durch die Krankenversicherung entfällt. Dennoch wäre es natürlich verkehrt, diese Kostenübernahme abzuschaffen, denn nur die Wenigsten könnten sich dann eine solche Behandlung leisten. Ganz umsonst ist sie auch nicht, wegen der Krankenversicherungsbeiträge.
In einem anderen Traum stand ich vor Gericht, mit zwei weiteren Personen. Angeklagt war ich wegen eines Vergehens, das ich gemeinsam mit den beiden Komplizen begangen hatte, angeblich ohne zu wissen, dass die Handlung illegal war. Es kam zu einer Verurteilung und zu einer inneren Auflehnung dagegen, empfand ich mich doch als unschuldig.
Man kann an das Sprichwort denken: „Mitgefangen, mitgehangen.“, aber ums Hängen ging es wohl glücklicherweise nicht, und die Bestrafung bleibt ungewiss. Im Traum wird auch nicht deutlich, was den Beschuldigten überhaupt angelastet wurde, und so kann man nur Vermutungen anstellen. Es geht um Schuld, Unschuld, verlorene Unschuld, um einen Richterspruch, eine Verurteilung und Bestraftwerden. In Anlehnung an Theodor Reik („Geständniszwang und Strafbedürfnis“, 1925) sieht es so aus, dass in uns allen ein Schuldgefühl vorhanden ist, auch ohne irgendeine tatsächliche Straftat. Die „Erbsünde“ bezieht sich zwar auf ein angebliches Vergehen des ersten Menschenpaares, einen Akt des Ungehorsams gegen Gott, wobei dann aber von einer Kollektivschuld ausgegangen wird. Es hat wohl mit dem kollektiven Unbewussten zu tun, und darin sind einige Schuldgefühle enthalten. Denke man nur an den „Feuerraub“, der in der griechischen Mythologie dem Prometheus angelastet wird und der zur Strafe an einen Felsen gekettet und von einem Adler gemartert wurde. Auch bei den Navajo-Indianern ist vom Feuerraub die Rede, wobei es dort ein Kojote war, der von den Göttern das Feuer stahl. Man hatte also ein schlechtes Gewissen, weil man der Natur sozusagen ein Geheimnis, eine besondere Kraft entrissen hatte und sich zu Nutzen machte. Ähnlich können wir uns heutzutage und zu Recht schuldig fühlen wegen des „Raubbaus“ an der Natur, indem wir deren Schätze heben und ohne Rücksicht auf spätere Generationen nicht nur nutzen sondern auch verschwenden! Es gab und gibt demnach immer etwas, um sich schuldig zu fühlen, und genauso wurde jeder Einzelne schuldig in seiner Kindheit, weil er den Eltern nicht gehorchte und verbotene Dinge tat. Das hört natürlich nach der Kindheit nicht auf: jeder hat gelogen, betrogen, andere verletzt, übervorteilt, hat Verkehrsregeln übertreten, bei der Steuer geschummelt usw. Und dieses „Sammelsurium“ führt zu einem diffusen Schuldgefühl, das zudem durch ein allzu strenges Über-Ich bei Einzelnen verstärkt zu einer Art „Schuldkomplex“ sich ausweiten kann. Dies führt wiederum, nach Theodor Reik, nicht nur zu einem „Geständniszwang“, dass wir also alles Mögliche durch einen unbewussten Drang auf verschiedene Art und Weise „gestehen“, auch durch psychopathologische Symptome oder Fehlhandlungen, sondern ebenfalls zu einem „Strafbedürfnis“, das entweder durch Selbstbestrafung oder die Suche nach Bestrafung von außen befriedigt wird. Wenn man wie ich als unerwünschtes Kind auf die Welt kam, zu einem ungelegenen, ungünstigen Zeitpunkt, und zumindest teilweise den Eindruck gewann, eher eine Belastung zu sein für die Familienangehörigen, dann kann man leicht verstehen, dass sogar das Dasein an sich mit Schuldgefühlen verbunden ist, stellt man doch in einem gewissen Sinn eine Zumutung dar für die anderen und muss sich große Mühe geben, die eigene Existenz zu rechtfertigen und angenommen zu werden. Im Traum bin ich nicht allein, sondern auch in einem wenn auch kleinen Kollektiv, wobei die Drei eine besondere Bedeutung hat als eine Ganzheit („Dreieinigkeit“), hier passend wohl als die Gesamtheit des Seelenlebens, mit Ich, Es und Über-Ich. Diese drei „Instanzen“ findet man vor Gericht nochmals wieder im Richter als Repräsentant des Ichs, in der Staatsanwaltschaft als Verkörperung des Über-Ichs und in der Verteidigung als Vertretung des Es. Dass ich überhaupt vor Gericht stehe im Traum wäre demnach als Folge des unbewussten und diffusen Schuldgefühls und des daraus sich ergebenden Bestrafungsbedürfnisses zu verstehen. Ein Teil von mir pocht zwar auf Unschuld und ist revoltiert, aber es gilt das andere Sprichwort: „ignorantia legis non excusat“, auf deutsch: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. Es nützt mir also leider nichts, dass ich angeblich nichts wusste von der Illegalität oder Strafbarkeit meines Tuns! Man kann hier auch noch an ein weiteres Sprichwort denken: „Coram iudice et in alto mari sumus in manu Dei“, auf deutsch: „Vor dem Richter und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“ Oder in einer anderen Version: „Vor dem Richter und auf hoher See sind wir allein in Gottes Hand“. Statt „Vor dem Richter“ heißt es oft „Vor dem Gericht“. Es geht demnach auch um ein Gefühl des Ausgeliefertseins, ähnlich wie den Naturgewalten gegenüber, denn die Hoffnung, „Gerechtigkeit“ zu finden vor Gericht, ist bekanntlich illusorisch. Es gehört ebenfalls eine Portion Glück dazu und vor allem genügend Geld, um möglicherweise den Gang durch die Instanzen einschlagen zu können. Im Falle einer Verurteilung kann man sich folglich schon dagegen auflehnen, nicht nur innerlich, sondern durch geeignete Rechtsmittel. Aber davon ist im Traum ja nicht die Rede. Die Geschichte erinnert übrigens an die Erzählung von Franz Kafka „Der Prozess“ (1925), wo auch überhaupt nicht klar wird, was dem beschuldigten Prokuristen Josef K. überhaupt zur Last gelegt wird.
Passend hierzu ist ein weiterer Traum, der allerdings erst ein Jahr später erfolgte, und ich will deshalb das chronologische Vorgehen ausnahmsweise an dieser Stelle aufgeben. Hier bin ich nämlich im Gefängnis und probe den Ausbruch. Die Verurteilung wäre demnach rechtskräftig geworden, und ich wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, versuche jetzt aber abzuhauen, was mir auch gelingt durch die Mithilfe zweier Wärter, die mir die Schlüssel geben. Unterwegs sind Jungen zu sehen und ein Hund. Ich muss klettern, um eine Barriere zu überwinden und ein Gewässer zu durchqueren. Dabei sehe ich ein Kind, das auf dem Rücken schwimmt und das ein anderes, kleineres Kind festhält, das nicht schwimmen kann. Ich tausche mich diesbezüglich mit den Wärtern aus, die OK signalisieren. Im weiteren Verlauf treffe ich den Bruder eines Freundes und bemerke, dass die beiden sich wenig ähneln. Haben sie womöglich zwei verschiedene Väter? Er lädt mich ein, ihn im Gefängnis zu besuchen, um Tests zu machen. Es kommt stattdessen aber zu „sexuellen Spielen“.
Die innere „Revolte“ hat also dazu geführt, dass der Bestrafung ein Ende gesetzt werden soll durch einen Ausbruch in die Freiheit. Ich bin nicht auf mich allein gestellt, sondern habe die Komplizenschaft zweier Wärter, die mir mittels der Schlüssel das Öffnen der Gefängnistore ermöglichen. Es gibt aber dennoch einige Hürden zu überwinden; und zwar eine Art Mauer und einen Wassergraben, den es zu durchschwimmen gilt. Dabei begegne ich zwei Kindern, wobei das größere Kind ein kleineres durchs Wasser zieht, möglicherweise sogar rettet, da es nicht schwimmen kann. Später gibt es noch eine Umkehr der Verhältnisse: Nicht ich bin im Gefängnis, sondern ein anderer, den ich besuchen soll, um Tests zu machen, also als Psychologe, aber es kommt zu „sexuellen Spielen“. Es geht folglich um Homosexualität. Das Ganze hat natürlich erneut mit Schuldgefühlen und einem Strafbedürfnis zu tun, aus welchen Gründen auch immer, wobei es hier aber gleichzeitig um einen Befreiungs- und Ausbruchsversuch geht. Befreiung von diesem Schuldbewusstsein und Selbst- oder Fremdbestrafungswünschen, aber auch Befreiung von einer Einengung der Existenz oder des Selbst, wobei das eine das andere nicht ausschließt. Es entspräche also dem Wunsch, aus sich herauszugehen und „freier“, autonomer zu werden, im Sinne der Individuation und Weiterentwicklung. Die beiden Wärter kann man entsprechend als helfende Selbstanteile ansehen, und die Schlüssel symbolisieren die seelischen Kräfte und Hilfsmittel, die diesen Weg ermöglichen. Man kann an den Mithraskult denken und den „Schlüsselkönig“ Aion, der mit gekreuzten Armen und in den Händen jeweils einen Schlüssel haltend dargestellt wird. C. G. Jung wies darauf hin, dass es sich um die Schlüssel zur Unterwelt handelt, im übertragenen Sinn also zum Unbewussten, zu Licht und Dunkelheit, zu Vergangenheit und Zukunft. Auch der Apostel Petrus wird als Schlüsselträger dargestellt, und bei ihm symbolisiert der Schlüssel die Vermittlerrolle zwischen Erde und Himmel, zwischen den Menschen und Gott, also die transzendente Funktion. Der „Hierophant“, der an der Spitze der Priester im Tempel der Demeter in Eleusis stand, galt als der „Eröffner der Heiligtümer“ oder „Enthüller der heiligen Geheimnisse“ und wird teilweise mit einem oder zwei großen Schlüsseln dargestellt, zum Beispiel auf Tarot-Karten. Man darf dabei nicht vergessen, dass die Eleusinischen Mysterien ursprünglich mit dem „Großen Weiblichen“ verbunden waren und insbesondere mit der wieder hergestellten Einheit (Wiederverbindung) zwischen Mutter und Tochter (Demeter und Kore-Persephone). So besitzen die ägyptische Bastet und die griechische Hekate den Schlüssel der Fruchtbarkeitsgöttinnen zum Tor des Schoßes, zur Unterwelt, zu Tod und Wiedergeburt. Dass die Männer durch diese matriarchal geprägten Mysterien ebenfalls ergriffen wurden und diese letztendlich „usurpierten“, erklärt Erich Neumann („Die Große Mutter“ 1974) damit, dass sie dabei mit ihrer eigenen weiblichen Seite konfrontiert wurden und sich mit dem „Göttlichen Kind“ der Muttergöttin identifizieren konnten. In diesem Zusammenhang muss man gleichfalls die (nicht nur) im antiken Griechenland verbreitete Knabenliebe und das Tragen von Frauenkleidern der an verschiedenen Festen teilnehmenden Männer sehen. Auch in der Alchemie spielen Schlüssel eine Rolle. Sie symbolisieren die „Imaginatio“ und öffnen die Tür zum Geheimnis des „Opus“, des alchemischen Werkes. Schlüssel dienen auf jeden Fall dazu, Tore und Türen zu öffnen und den Zugang zu anderen Räumen zu ermöglichen. Hier geht es darum, herauszukommen aus der Unfreiheit und der Abhängigkeit, und insofern könnte das Gefängnis auch den Mutterschoß symbolisieren, und zwar dessen einengenden und festhaltenden Elementar-Charakter. Die zwei Wärter bilden mit mir eine Dreiheit und symbolisieren das männliche Selbst. Möglicherweise versteckt dahinter auch der Psychoanalytiker, als „Seelenführer“ und Befreier. Die Jungen im Gefängnis und die Kinder im Wassergraben sind ungewöhnlich und passen eigentlich nicht hierher. Sie könnten das eigene Selbst darstellen, in einer früheren Entwicklungsphase, und darauf hinweisen, dass man schon zu dieser Zeit einmal im Gefängnis war, also eingeschlossen, unfrei, in sich zurückgezogen. Jetzt ist aber endgültig der Zeitpunkt der Selbstbefreiung gekommen. Es gibt sogar ein ganz kleines Kind, das schutzbedürftig ist und noch nicht schwimmen kann, das möglicherweise gerettet werden muss. Ist es das „innere Kind“, das hier dargestellt wird, das ebenfalls befreit und in eine bessere Zukunft geführt werden soll? Der Hund ist offenbar ein Wachhund, verhält sich aber im Traum neutral, lässt mich ohne weiteres passieren, vermutlich wegen der Wärter, denen er gehorcht. Vielleicht repräsentiert er männlich-aggressive Anteile, die beim Ausbruch gefragt sind, und somit eine Art hilfreiche und energiespendende Ermutigung und Begegnung. In der Mythologie steht der Hund in Verbindung mit Opferhandlungen, etwa beim mithraischen Stieropfer, aber ein Hund ist auch der Begleiter des Heilgottes Asklepios oder wie die Unterweltschlange Hüter des Schatzes.
Das Gefängnis und der Ausbruch findet sich in vielen Geschichten und Filmen, auch bei politischen Heldenfiguren wie etwa Nelson Mandela, der wegen seiner Gesinnung und seines Freiheitskampfes einen großen Teil des Lebens hinter Gittern verbringen muss, später aber rehabilitiert, Friedensnobelpreisträger und Präsident seines Landes wird. Man kann dies als einen Archetypus ansehen, Ausdruck der Sehnsucht nach Befreiung, nach Autonomie, aber auch im Zusammenhang mit der Bereitschaft, für seine Überzeugungen einzustehen, selbst wenn es mit einer Bestrafung und dem Eingesperrtwerden endet. Es besteht somit eine Verbindung zum Heldenarchetypus, da der Held immer eine Reihe von Prüfungen und Kämpfen zu bestehen hat und auch einmal bestraft wird wegen irgendeines Vergehens. Er muss zudem die „Nekyia“, die „Katabasis“, also die Reise in die Unterwelt wagen und den Kampf mit dem Ungeheuer, um den Schatz zu heben, oder er muss sich auf die „Nachtmeerfahrt“ begeben, vom Dunkel des Sonnenuntergangs im Westen bis zum Neubeginn und dem Sonnenaufgang im Osten. Die Unterwelt und die Nacht symbolisieren das Unbewusste, und die Abenteuer und Kämpfe des Helden bestehen vor allem darin, sich mit den Inhalten des Unbewussten auseinanderzusetzen und sie in das Bewusstsein zu integrieren, um so auf dem Weg der Individuation voranzuschreiten, zu reifen und sich weiterzuentwickeln. Die Gefangenschaft gehört wie der Verlust der Haare und die Blendung (Ödipus, Simson) symbolisch zur „oberen Kastration“ und hat mit dem „oberen Männlichen“ zu tun. Sie ist meist nichts endgültiges, sondern endet wie im Traum mit der Befreiung und dem Sieg!
Im zweiten Teil des Traumes findet eine Umkehr statt. Ich bin nicht mehr im Gefängnis und offenbar auch kein entflohener Sträfling, denn sonst könnte ich nicht den Bruder des Freundes besuchen. Auf der Objektstufe betrachtet könnte man sich überlegen, ob der Bruder nicht in Wirklichkeit den Freund selbst darstellt, dem gegenüber man zumindest unbewusst auch feindselige Gefühle hegt und dem man eine Bestrafung wünscht. Man wäre so ja auch in der überlegenen Position, käme als Psychologe zum Testen, Begutachten und hätte dann auch noch Sex mit ihm, der sich jetzt in einer abhängigen Lage befände, was sich „in Freiheit“ wohl nicht so einfach bewerkstelligen ließe. Die Gedanken über die Abstammung der beiden, also ob sie möglicherweise zwei verschiedene Väter haben könnten, hat vielleicht mit den Fragen hinsichtlich der eigenen Herkunft zu tun. Man war ja selbst unehelich geboren worden und lernte den leiblichen Vater gar nicht kennen, hatte aber später einen Stiefvater. Anfangs war noch der Großvater mütterlicherseits als Ersatzvater aufgetreten. Es gab demnach schon eine erhebliche Verwirrung im Hinblick auf diese Problematik, was zweifellos nicht unerhebliche Auswirkungen auf die Identitätsfindung hatte. Auf der Subjektstufe wäre die Person im Gefängnis als Anteil des eigenen Selbst zu sehen, der sozusagen zurückgeblieben ist im Zustand der Unfreiheit und des Eingesperrtseins, den man jetzt nochmals aufsucht, um ihn zu testen und zu begutachten. Er hat offenbar mit triebhaften, sexuellen Dingen zu tun, die so noch besser unter Kontrolle zu halten wären und die möglicherweise noch nicht ausreichend integriert sind.
Ein weiterer Traum in dieser Zeit handelte vom Weltkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion, verursacht durch China. Die Rede war dann irgendwie auch noch von Zigaretten.
Es war damals noch die Zeit des „Kalten Krieges“ verbunden mit einer begründeten Angst vor einem atomaren Schlagabtausch, wobei auch die „gelbe Gefahr“ eine Rolle spielte. Es drohte eine Art Weltkatastrophe, gefolgt von einer atomaren Vernichtung, die das Ende der zivilisierten Menschheit bedeutet hätte. Es sind wiederum drei Beteiligte im Spiel, wobei man erneut an einen inneren Krieg denken kann zwischen den „Großmächten“, den Instanzen des Selbst. Vermutlich geht es nochmals um die Triebkräfte, symbolisiert durch China, wo die erdverbundenen Menschen leben, die als Ursache des Konflikts anzusehen sind. Auch die Zigaretten gehen in diese Richtung und stehen für oral-regressive Tendenzen, die gleichzeitig vom Ich und vom Über-Ich als gefährlich und potenziell selbstzerstörerisch beurteilt und verurteilt werden. Man hatte sich zu dieser Zeit entschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören und konnte sich diesbezüglich im Vergleich mit dem Analytiker ein wenig überlegen fühlen, da er kräftig rauchte, sogar während der Sitzungen, was heute wohl kaum noch anzutreffen wäre. Vermutlich hatte man aber zum Zeitpunkt dieses Traumes noch geraucht, und der innere Kampf wird dargestellt. Die „gelbe Gefahr“ könnte auch mit den vom Nikotin gelbgefärbten Fingern zu tun haben, die man nach langem Rauchen bekommen hatte.
Ein großer Mann hält zwei Messer in den Händen und schaut mir in die Augen. Er sieht mich nackt, findet mich schön und berührt mit dem Messer mein offenes Hemd. Ich habe Angst.
Soweit der Traum. Die Messer, hier gleich zwei, und die gesamte Situation haben etwas Bedrohliches, Aggressives an sich. Es besteht Verletzungs- oder möglicherweise sogar Lebensgefahr. Gleichzeitig liegt etwas sehr Erotisches in der Luft, aber mit Angst verbunden, mit männlich-aggressiver Machtausübung. Ich bin dem anderen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, also in einer masochistischen Position. Ich bin nackt, habe aber zumindest noch ein Hemd an. Man denkt an etwas Exhibitionistisches und an Narzisstisches, die Bewunderung des anderen. Objektstufig gesehen könnte der Traum den Wunsch ausdrücken nach einer homosexuellen Beziehung, die auch mit Aggressivität und Unterwerfung, Überwältigung verbunden ist: „Schau mir in die Augen, Kleiner!“ Auf der Subjektstufe stellt der andere eine Schattenfigur dar, mit einer deutlich aggressiven und dominanten Einstellung. Sieht man das Messer als etwas Phallisches, dann findet gewissermaßen eine Verdreifachung statt. Gleichzeitig macht diese geballte Ladung dem Ich Angst, das bisher vor allem die weiblichen Anteile gepflegt hatte und sich mit ihnen am besten auskennt. Es handelt sich folglich um eigene ungelebte Aspekte, die zwar ansatzweise vorhanden sind und im Traum aus dem Unbewussten heraufscheinen, die aber bisher erfolgreich abgewehrt wurden und allenfalls in einer Partnerwahl zum Ausdruck kamen, wo beim andern diese Komponenten vorhanden waren und komplementär in der Beziehung eine erotische Spannung erzeugten. Die Messer können subjektstufig zudem als symbolische Abwehr gegen die Überwältigung durch das Unbewusste, die Übermacht des Ouroboros und der Großen Mutter, angesehen werden. Der Held und Gott Marduk muss Tiâmat, die Mutter aller Götter, besiegen. Er spaltet sie in zwei Hälften. Aus der einen Hälfte wird der Himmel, aus der andern die Erde. Symbolisch wird hier die aufkommende Spannung und Polarität dargestellt, die Aufspaltung der Archetypen „Weltelternpaar“ und der Großen Mutter in ihre negativ-furchtbaren und ihre positiv-erlösenden Seiten. All dies findet sich im Übrigen auch in den Weltschöpfungsmythen. Die Symbolik der Kosmogonie stimmt mit jener der Entwicklung des Bewusstseins überein.
In einem weiteren Traum bin ich bei einem Freund eingeladen. Ich komme in männlicher Begleitung in sein Zimmer, aber der Gastgeber ist gar nicht anwesend, sondern eine Frau, die uns empfängt. Es gibt etwas zu essen, Forelle unter anderem. Im Raum sehe ich „Kitsch“, einige Stofftiere, ein Doppelbett und eine menschliche Statue. Ich spiele mit ihr, und sie verliert dabei den Kopf. Sofort versuche ich, die Statue zu reparieren oder zumindest das Malheur zu kaschieren. Anschließend kommen zahlreiche Leute, die mir unbekannt sind. Mein Begleiter und ich gehen.
Es läuft nicht alles so wie geplant: der Freund, der eingeladen hatte, ist nicht zu Hause, kommt offenbar auch nicht mehr. Dafür ist eine Frau in seinem Zimmer, und es bleibt unklar, welche Rolle sie spielt. Sie zeigt zumindest gastfreundliche, bewirtende und somit auch mütterliche Eigenschaften. Die Einrichtung ist etwas „kitschig“, also nicht sehr geschmackvoll, und die Stofftiere erinnern an kindlich Regressives. Der „Mensch aus Stein“ scheint nicht sehr stabil zu sein und geht schon kaputt, wenn man ein wenig mit ihm spielt. Ich versuche, es ungeschehen zu machen, es ist mir peinlich.
