Anbetung in Wahrheit und im Geist - Albert Frey - E-Book

Anbetung in Wahrheit und im Geist E-Book

Albert Frey

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Beschreibung

Wie können wir als unvollkommene Menschen wahrhaftig vor Gott stehen und ihn anbeten? Was bedeutet "im Geist?" Und wie können wir andere in die Anbetung führen? Albert Frey, einer der profiliertesten und bekanntesten Lobpreismusiker Deutschlands und Musikproduzent der Feiert Jesus!-CD-Reihe, teilt seinen reichen Erfahrungsschatz. Er gibt Einblicke in seine persönliche Entwicklung, schreibt über die theologischen Grundlagen der Anbetung, gibt viele praktische Tipps und zeigt auf, wie wir tiefer und vielfältiger anbeten können. Ein Muss für alle Aktiven im Bereich Musik und Gottesdienstleitung, ein Gewinn für Freunde und auch für Skeptiker moderner Anbetung.

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ALBERT FREY

ANBETUNGINWAHRHEITUND IMGEIST

SCM R. Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22944-8 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26876-8 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2019 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: [email protected]

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart

Weiter wurden verwendet:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006

SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (NLB)

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen. (ELB)

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (LUT)

Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel. (HFA)

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung; Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft, Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten. (NGÜ)

Gute Nachricht Bibel, durchgesehene Neuausgabe, © 2018 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. (GNB)

Gesamtgestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch

Coverillustration: Tabea Wippermann, Bochum

Titelbild: unsplash.com/Jeremy Bishop

Autorenfoto: Sergej Falk

Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de

INHALT

Über den Autor

Stimmen zum Buch

Vorwort von Lothar Kosse

Genug Licht

KAPITEL 1Grundfragen

Lobpreis und Anbetung

Kirchenmusik und Lobpreis

Rolle der Musik und der Kunst

Warum anbeten?

Das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen

KAPITEL 2Was ist wahr?

Wahrheit in Person

Bilder, Symbole und Metaphern

Dreieinigkeit

KAPITEL 3Wahrheit über den Vater

Abba

Vaterliebe und Mutterliebe

Der Allmächtige

Der Schöpfer

KAPITEL 4Wahrheit über den Sohn

Jesus anbeten?

Jesus und Christus

Menschensohn und Gottessohn

Anbetung des Lammes

König Jesus

KAPITEL 5Wahrheit über den Geist

Warum wir den Dritten brauchen

Ruach

Atem, Wind

Wasser

Feuer

Öl

Tröster und Anwalt

Geist der Gnade, Wahrheit, Kraft

KAPITEL 6Wahrheit über uns

Ehrlich werden

Die Schuldfrage

Sünder und Heilige

KAPITEL 7Im Geist

Die Balance halten

»Im« – Sich ganz Einlassen

Nicht aus uns selbst

Inspiration

Freiheit

Freies Gebet

Musik und Gesang

Singen im Geist

KAPITEL 8Anbetung gestalten

Berufung und Begabung

Leitung

Gemeinsam leiten

Zwischen den Liedern

Wem dienen, wie dienen?

KAPITEL 9Lieder

Altes und Neues

Songwriting

Repertoire

Liedauswahl

KAPITEL 10Elemente der Musik

Gesang

Harmonieinstrumente

Drums & Bass

Melodieinstrumente

Amateure und Profis

Hilfsmittel

Tempo

Dynamik

Zusammenspiel

Stil

KAPITEL 11Wachstum

Krise der Anbetung

Glaubenskrisen

Ego-Worship

Armes Lob

Anbetung aus dem wahren Selbst

Natural worship

Simplify your Worship

Leviten des 21. Jahrhunderts

KAPITEL 12Vision

Das große »und«

Lobpreis und Liturgie

Lobpreis und Seelsorge

Lobpreis und Klage

Lobpreis und Gerechtigkeit

Lobpreis und Evangelisation

Lobpreis und geistlicher Kampf

Anbetungs-Generationen

Brücken bauen

Welle und Strom

Anmerkungen

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ÜBER DEN AUTOR

Albert Frey ist Singer-Songwriter und Musikproduzent, neben eigenen CDs u. a. auch der »Feiert-Jesus!«-Reihe. Seine Lieder sind moderne Klassiker, auch über die Lobpreis-Szene hinaus. Kunstvoll und nachvollziehbar bringen sie ewige Wahrheiten für unsere Zeit zum Ausdruck. Als Referent und Autor setzt er sich für inspirierende Anbetung und geistliches Leben ein. Mit seiner Frau, Sängerin und Songwriterin Andrea Adams-Frey, lebt er im Hohenlohekreis.

Wir beten dich an

1. Vater, wir sind hier, kommen, wie wir sind, schauen auf zu dir, staunend, wie ein Kind.Alles in uns preist deine Gegenwart, die dein Wort verheißt dem, der auf dich harrtin Wahrheit und im Geist.

Wir beten dich an mit ganzem Herzen.Wir beten dich an mit aller Kraft.Wir beten dich an mit Leib und Seele, hier und jetzt.Wir beten dich an mit unserm Denken.Wir beten dich an mit unserm Tun.Wir beten dich an mit unserm Lebenhier und jetzt, in Wahrheit und im Geist.

2. Alles bringen wir, ehren dich allein, wollen immer mehr wahre Beter sein.Denn jetzt ist die Zeit, in der sich erfüllt, dass dein Volk dich preist, so wie du es willst, in Wahrheit und im Geist.1

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STIMMEN ZUM BUCH

Albert Frey hat in dieses Buch seine ganze Erfahrung als Lobpreisleiter, Musiker und Liebhaber tiefer Theologie gelegt. Es ist ein wahrer Schatz für alle, die mit »Lobpreis und Anbetung« in Berührung kommen – persönlich und im Kontext der Gemeinde.

KLAUS GÖTTLER, DOZENT AN DER EVANGELISTENSCHULE »JOHANNEUM« WUPPERTAL

Albert Frey gehörte schon zu meinen prägenden Vorbildern, als ich meine ersten unsicheren Schritte auf dem Parkett der Anbetungsleitung machte. Und heute ist er für mich immer noch jemand, der mit seinem Weitblick den Weg in die Zukunft weist. Dieses Buch spricht mir vielfach aus dem Herzen. Aber es fordert auch heraus, nicht müde zu werden, tiefere Wasser und neue Ufer zu entdecken.

DR. GUIDO BALTES, DOZENT AM MBS BIBELSEMINAR UND ANBETUNGSLEITER IM CHRISTUSTREFF MARBURG

Ich kenne keinen Lobpreisleiter, dessen Worte mich mehr abholen und an die Hand nehmen um Jesus zu begegnen, wie Albert Frey. In diesem Buch atmet die Sehnsucht Gottes nach uns und zieht (mich) in die Gegenwart Gottes hinein. Ein ganz großer Schatz.

BIRGIT SCHILLING, AUTORIN UND COACH

Albert Frey – der wahrscheinlich bekannteste Name in der deutschen Worship-Szene. Als wir uns kennengelernt haben, konnte ich es erst kaum fassen und war stolz wie Oskar. Inzwischen bin ich für unseren gemeinsamen Weg und viele inspirierende Begegnungen extrem dankbar. Er ist uns Lobpreisleitern eine echte Vater-Figur – liebevoll und einfühlsam, aber auch mit Autorität von oben. Ich freue mich sehr über dieses Buch.

JURI FRIESEN, MUSIKER UND ANBETUNGSLEITER (OUTBREAKBAND)

Normalerweise würde ich bei meinen Seminaren immer eine ganze Reihe Bücher empfehlen, um das breite Thema Anbetung gut abzudecken. Das ist nun nicht mehr nötig – Albert Frey hat es geschafft, alle wichtigen Aspekte in seinem Buch. zu bündeln. Angefangen bei den wichtigen theologischen Grundfragen bis hin zu ganz praktischen Tipps. Wir »jungen« Lobpreisleiter stehen auf den Schultern von Männern wie Albert, die uns vorausgegangen sind und Anbetung in unserem Land neu definiert haben. Ich glaube, es ist für uns alle relevant, ganz egal ob Hippster-Gemeinde oder Old-School. Denn das Herz der Anbetung bleibt immer das Gleiche.

DANIEL HARTER, LEITER VON LOBEN, WWW.GOTTLOBEN.DE

Seit ich Albert kenne, ist er für mich eine wandelnde »Lobpreiswerkstatt«! Nun ist die Essenz aus vielen Jahren treuer Nachfolge, tiefen Tälern und hohen Flügen, Rückschlägen und Momenten in der manifesten Gegenwart Gottes auf Papier gebracht. Ein Schatz, in dem ich selber noch weiter grabe. Danke Albert!

LILO KELLER, STIFTUNG SCHLIEFE WINTERTHUR

Dieser große Wurf ist ein wichtiger Beitrag zum Thema »Anbetung und Lobpreis«: Echt, substanziell, tief und mit Weitblick! Albert Frey schafft es überzeugend, verschiedene Traditionen und Strömungen miteinander ins Gespräch zu bringen und zu verbinden. Aber mehr als das: Ihm geht es letztlich darum, wie wir mit dem großen Geheimnis unseres Lebens in Berührung kommen und bleiben.

DR. CHRISTOPH SCHRODT, PASTOR, DOZENT UND AUTOR

Albert Frey legt die Kardinalstelle zur Anbetung im Neuen Testament in Johannes 4 aus und schafft einen Klassiker. Er beweist einmal mehr, dass seine Lieder eine tiefe Reflektion des christlichen Glaubens in seiner Komplexität sind. Sein umfassendes Werk enthält Perlen, die man vielleicht auch noch in späteren Generationen schätzen wird. Er zeigt, dass er anspruchsvolle Fragen des Ringens mit einem Gottesbild in Tradition und Wandel fein in seine Liedtexte einwebt. Albert Frey ist längst über die Grenzen einer allzu klein denkenden Worship-Szene, in die man ihn früher manchmal gesteckt hat, hinausgewachsen. Sein Buch ist reich, inspirierend, überzeugend, schön und unterhaltsam geschrieben. Ich kann es auch gerade seinen Kritikern nur wärmstens empfehlen.

MARTIN PEPPER, AUTOR UND MUSIKER

Nach diesem Buch werden Sie bestimmt nie wieder »Lobpreis machen« – aber Sie werden bessere Formulierungen dafür finden, Gott mit den vielfältigen Mitteln der Musik anzubeten, ihn gemeinsam mit anderen zu loben. Persönlich, praxisorientiert und humorvoll entfaltet der einflussreichste deutsche Lobpreisleiter die Grundlagen seines musikalisch-geistlichen Dienstes in diesem Buch. Meinungsfreudig, ehrlich und selbstkritisch spießt Albert Frey dabei Schwächen in der traditionellen Kirchenmusik genau so auf wie in der modernen Worship-Bewegung. Er lädt zu einer ehrlichen, an den Psalmen und Hymnen der Bibel orientierten »Gebetsmusik« ein. Sein Buch ist das ideale Geschenk für alle, die in Gemeinde oder Kirche musikalisch tätig sind!

CHRISTOPH ZEHENDNER, LIEDERMACHER, JOURNALIST UND THEOLOGE

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VORWORT

VON LOTHAR KOSSE

Ich freue mich über dieses Buch. Es ist gar nicht so einfach, ein umfassendes Statement über Lobpreis und Anbetung zu formulieren, das in Buchform bekanntermaßen eine recht lange Halbwertszeit hat. Bücher über Lobpreis und Anbetung gibt es zuhauf. Einige sind hilfreich, einige sind bereits vom Lauf der Zeit überholt worden. Man muss schon recht tief graben, um einem so umfassenden Thema wie der Anbetung Gottes gerecht zu werden.

Ich kenne Albert seit vielen Jahren. Wir haben uns Mitte der 80er-Jahre kennengelernt und ich durfte seither einiges an Wegstrecke mit ihm gemeinsam zurücklegen. Es war die Leidenschaft für gute Musik und die Sehnsucht nach wirklicher Gottesbegegnung, die uns nach einem neuen Sound Gottes in Kirche und Kultur suchen lies. Seither ist viel Zeit vergangen und ich habe miterlebt, wie Albert eine ganze Generation von Christen durch seine Lieder geprägt hat. Es gibt wohl kaum eine Kirche oder Gemeinde in unserem Land, in der nicht zumindest einmal ein Albert-Frey-Lied gesungen wurde. Neben den vielen besonderen Begabungen, die Albert in sich vereint, schätze ich an ihm die Suche nach der »Mitte«. Es ist eine Mitte des Glaubens, die trotz einem weitem Blick auf alle Möglichkeiten das Wesentliche vor dem Unwesentlichen bewahrt. Es ist die Mitte der Gemeinschaft der Gläubigen, die die Einheit vor das Extreme stellt. Und es ist die Mitte in der Musik – der Kern eines vom Geist inspirierten Klanges, der in der Lage ist, ein Loblieb für Gott zu schaffen, das viele Menschen zu ihrem Eigenen machen können. Das ist weit mehr als künstlerisches Handwerk. Es ist ein besonderes Geschenk.

Albert ist in diesem Buch bei sich geblieben. Trotz eines weitgefassten Blicks über die Themen Lobpreis und Anbetung erfahren wir viel über ihn als Person. Er befindet sich auf einer Reise und verleiht der individuellen Leidenschaft seines Herzens kreativen Ausdruck. Das ist gut so. Denn wie schön wird es, wenn der große Blumenstrauß Gottes im hellen Leuchten einer jeden wunderbar geschaffenen Blume zur völligen Entfaltung kommt!

Immer wenn Albert und ich in der Nachmittagspause einer Studiosession in einen Bäckerladen gehen und Kuchen aussuchen, kann ich vorhersagen was passieren wird: Albert wird sich für das saftigste Stück Kuchen entscheiden, das der Laden zu bieten hat. Es muss »saftig« sein, trocken geht gar nicht. Mögen die Gedanken dieses Buches, um mit Psalm 23 zu sprechen, auf »saftige Auen« führen und neue Dimensionen im Lobpreis eröffnen.

LOTHAR KOSSEIM MAI 2019

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GENUG LICHT

Ich schreibe euch nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt.1. Johannes 2,21

Ich bin kein Theologe und kein Psychologe, ich habe weder Literatur noch Philosophie noch Geschichte studiert, obwohl mich all das brennend interessiert. Mein Diplom als Toningenieur hilft mir in Bezug auf das Thema Anbetung ebenfalls nicht wirklich weiter, auch wenn es ein etwas reduziertes Musikstudium einschließt. Tatsächlich wollte bisher noch niemand mein Diplomzeugnis sehen, doch immerhin hat es mir eine gute Lektion in Beharrlichkeit und Zielorientierung erteilt.

Vielleicht geben Sie mir ein Vorschussvertrauen, weil Sie schon mal etwas von mir gelesen haben oder einige meiner Lieder kennen und sich darin ein Stück wiederfinden konnten. Ich werde in diesem Buch viele meiner Liedtexte sprechen lassen. Sie sind der Spiegel meines Weges mit Gott. Und sie können uns als Lyrik tiefere Schichten erschließen als sachliche Erklärungen.

Ich habe vor, ein Gesamtbild zu entwerfen, das verwegen, mit Sicherheit sogar eine Überforderung ist. Ich will nicht nur Erwartungen erfüllen und Altbekanntes bestätigen. Das »Alte« ist wichtig und wertvoll. Ich habe einmal gelesen, dass der Mensch 90 Prozent Bestätigung braucht, um 10 Prozent Herausforderung zu ertragen, neue, provozierende Gedanken, die ihn hinterfragen. Diese 10 Prozent interessieren mich besonders. Sind es die richtigen 10 Prozent? Werden Sie dieses Buch vielleicht anschließend in die Ecke werfen und meine Lieder von Ihrer Playlist oder Ihrem Gottesdienstplan streichen? Werden Sie in Ihrer Art, »Lobpreis zu machen«, verunsichert, ohne wirklich zu wissen, wie es anders gehen soll?

Dieses Gesamtbild ist auch gewagt für mich persönlich, weil ich in einer offenen Entwicklung einen Status quo festhalte. Ich bin mit 54 gut in der zweiten Lebenshälfte unterwegs und beschäftige mich mit der Frage nach Lobpreis und Anbetung schon seit meinem 18. Lebensjahr, also satte 36 Jahre. Genau genommen begleitet mich das Thema als Sohn eines ehrenamtlichen Kirchenmusikers und einer in der Kirche sehr engagierten Mutter schon mein ganzes Leben lang. In meinen späten Zwanzigern habe ich schon einmal angefangen, dieses Buch zu schreiben. Ich danke Gott, dass dieses Vorhaben damals im Sande verlaufen ist. Zu naiv, zu altklug waren meine Vorstellungen – zu absolut und, ja, auch zu arrogant. Bin ich jetzt weiser, kann ich »tiefer sehen«? Ich hoffe es. Weise genug? Ich weiß es nicht. Ich kann nicht ausschließen, dass ich in zehn oder zwanzig Jahren anders denke, zumindest anderes betonen würde. Sei’s drum – perfekte Bücher werden nie geschrieben, so wie nie perfekte Leben gelebt werden. Gott allein ist perfekt – unsere Sicht auf ihn nicht.

Was mich ermutigt hat, das Vorhaben eines umfassenden Buches über dieses große Thema anzupacken, war ein persönliches Erlebnis. Ich war unterwegs auf einem Abschnitt der deutschen Jakobswege, auf einem Pilgerweg, der Richtung Santiago de Compostela auf den spanischen »Original«-Jakobsweg führt. Das Wandern und ab und zu auch das Pilgern ist für mich zu einem wichtigen Teil meiner Spiritualität geworden, es hilft mir, in Kontakt mit mir selbst und Gott zu kommen. Gegen Ende dieser Zeit im vorletzten Herbst gingen meine Gedanken mitten auf einem Waldweg zu dem Buchvorhaben, das ich in den letzten Jahren immer wieder mal erwogen hatte. Bisher war es ein undurchdringlicher Wust von Gedankenfetzen, Bibelstellen, Seminarthemen, Erfahrungen als »Lobpreisleiter« und Songwriter gewesen. Jetzt aber kam plötzlich eine überraschende Klarheit: Ich hatte den Titel vor Augen und innerhalb weniger Kilometer den Entwurf eines Inhaltsverzeichnisses, den ich eilig in mein kleines Tagebuch kritzelte. Ein Rhema-Moment, ein Reden Gottes?

»Wer kann schon mit Sicherheit sagen, dass Gott gesprochen hat?«, bemerkte kürzlich Michael Patrick Kelly auf der »SCHØN«-Konferenz des Gebetshauses Augsburg, einer der vielen inspirierenden Gedanken, die mir von dieser Künstler-Konferenz in Erinnerung sind. »Paddy« Kelly fühlte sich vor Jahren in die radikale Unterbrechung seiner Karriere und ins Kloster berufen und dann wieder zurück in die Musikszene, jetzt aber »gefüllt«. Trotzdem ist er vorsichtig und widersteht der Versuchung, in der Öffentlichkeit die Dinge ein klein wenig schöner, größer und klarer darzustellen, als sie in Wirklichkeit sind.

Mein Herz sagt Ja zu dieser Sichtweise: Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob der Auftrag zu diesem Buch von Gott kommt, aber ich finde jetzt genug Mut, um über solch gewaltige Dinge wie Anbetung, Geist und Wahrheit zu schreiben. Ich sehe in einem trüben Spiegel (1. Korinther 13,12) genug Licht. Und ich vertraue darauf, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, selbst prüfen und behalten können, was »das Gute« ist (1. Thessalonicher 5,21; Römer 12,2). Mehr noch, ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist, der Geist der Wahrheit (Johannes 16,13), das aufleuchten lässt, was wirklich dient, und gnädig das im Meer des Vergessens versenkt, was nur meine eigenen eitlen und unnützen Gedankenspiele sind.

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≈ KAPITEL 1 ≈

GRUNDFRAGEN

LOBPREIS UND ANBETUNG

Bevor ich zum Thema komme, möchte ich ein paar Begriffe klären, die im Zusammenhang mit Lobpreis und Anbetung hin und wieder für Verwirrung, Missverständnisse und sogar Feindbilder sorgen. Nicht ohne Grund habe ich im Titel dieses Buchs den Begriff »Lobpreis« vermieden, was mich und den Verlag vermutlich ein paar Verkäufe kosten wird. »Lobpreis« ist mehr als alle anderen Bezeichnungen zum Überbegriff einer Bewegung geworden, die von der Wiederentdeckung des Gotteslobes bis zu vielfältigen popmusikalischen Ausformungen reicht.

Ausgerechnet »Lobpreis« – was für ein Wort. Umkämpft, kritisiert, belächelt, missbraucht.

Ich selbst hätte mir dieses Wort niemals ausgesucht, auch wenn ich seit drei Jahrzehnten dafür und dazu stehe, seit fast zwei Jahrzehnten zusammen mit meiner Frau Andrea. Wenn mich Menschen außerhalb der christlichen Subkultur fragen, was für eine Musik ich denn mache, suche ich nach Worten und erzähle irgendetwas von Popmusik mit christlichen Texten oder moderner Kirchenmusik – bis mir eine Glaubensschwester oder ein Glaubensbruder zu Hilfe eilt und freudestrahlend verkündet: »Er macht Lobpreis!« Das milde Lächeln meines fragenden Gegenübers sagt dann alles: Den muss ich nicht so ernst nehmen, ein religiöser Spinner! In meinen heroischen Momenten deute ich das als Verfolgung um des Himmelreiches willen – aber meistens ärgere ich mich über dieses Unwort. Als ob wir Christen nur lobpreisend auf Wolke sieben schweben und alles andere verdrängen würden, als ob es zu Gott nichts anderes zu sagen gäbe als Lobhudelei!

Tatsächlich enthält der Begriff zwei problematische Verengungen. Die erste ist inhaltlich: Es muss immer positiv sein. Ich suche also nur nach dem »Guten«, sammle tausend Gründe, Gott zu loben, und ignoriere alles Negative oder auch nur Verunsichernde. Gott ist doch immer gut, er ist Licht und es ist keine Finsternis in ihm (1. Johannes 1,5), oder? Ja – aber eine solche Sicht sieht Lobpreis nur als Akt des Gehorsams oder der angemessenen Reaktion auf Gottes »Würde«. Oder sie ist einfach positives Denken auf Christlich – immerhin mit guter Begründung. Diese Sichtweise ignoriert aber, dass Lobpreis ein Beziehungsgeschehen ist. Und da hat Negatives seinen Platz, wie uns die Psalmen wunderbar lehren. Ja, es muss im Lobpreis im weiteren Sinne Platz für Negatives geben, sonst sind wir nicht »in der Wahrheit«.

Es gibt die Lehre und die Forderung, dass Lobpreis immer »uplifting«, immer erhebend sein müsse. Dieser Meinung bin ich ganz und gar nicht. Falls Sie sich von diesem Buch ausschließlich eine neue Motivation für »uplifting worship« erhofft haben, dann habe ich für Sie wohl leider die falschen 10 Prozent erwischt. Wenn ich Ihnen noch einen kleinen Rat geben darf, dann werfen Sie das Buch trotzdem nicht gleich weg, sondern legen Sie es zur Seite für eine spätere Zeit, wenn Sie vor besonderen Herausforderungen stehen oder durch eine schwere Zeit gehen. Es könnte nämlich sein, dass bei Ihnen »uplifting worship« irgendwann das Gegenteil bewirkt: Er zieht Sie runter! Vielleicht passt er nicht mehr zu Ihrer Lebenswirklichkeit. Dann haben Sie drei Möglichkeiten:

Erstens: Weiterhin positiv proklamieren – wovon Ihnen jeder Psychologe allerdings abraten würde, wenn Sie nicht in eine krank machende innere Spaltung kommen wollen.

Zweitens: Diese ganze verlogene Lobpreis-Sache hinter sich lassen und den Glauben als eine Phase jugendlicher Verblendung gleich mit entsorgen. Genau das geschieht leider oft. Wo sonst sind die vielen Besucher von Wor-ship-Events geblieben?

Drittens: Sie könnten entdecken, dass Lobpreis viel mehr ist, viel natürlicher und übernatürlicher, weiter und tiefer, als Sie je zu hoffen wagten. Und dann könnte Sie das Buch vielleicht doch noch bei einer wunderbaren Reise in diese Tiefe und gleichzeitig Weite unterstützen.

Die zweite Verengung ist eine stilistische. »Lobpreis« wird immer häufiger als Bezeichnung für einen Musikstil verwendet, und all unsere wortreichen Erklärungen, Seminare und Predigten über »Lobpreis als Lebensstil« scheinen nicht gegen diese unselige Entwicklung anzukommen.

Vor einigen Jahren haben meine Frau Andrea und ich ein Keyboard gekauft, das sie für Songwriting verwendet. Neben den üblichen Sounds gibt es automatische Begleitfunktionen, eine nette – aber nicht professionell brauchbare – Funktion, um Ideen anzutesten. Beim Durchprobieren der Styles fand sich zu unserer Verblüffung zwischen Jazz Ballad und Bossa Nova »Worship« – dies entpuppte sich als seichter Akustik-Pop der 90er-Jahre. Wie konnte es so weit kommen?

Geschrubbelte Akustikgitarren, einfache Akkorde oder wahlweise E-Gitarren im Post-U2-Stil mit viel Delay und markanten Patterns – ist das Lobpreis?

Wenn es so wäre, würde ich der Lobpreis-Bewegung noch zehn, maximal zwanzig Jahre geben, bis sie komplett untergeht oder als »Ja, damals« ein Nischendasein für Senioren führt. Aber das ist natürlich kompletter Unsinn. Gott wurde schon immer gelobt und gepriesen, und die Kinder Abrahams tun dies seit drei- bis viertausend Jahren, spätestens seit David, mit einer wunderbaren Musik-Kultur. So war es im alten Israel und durch die ganze Kirchengeschichte mit ihren wechselnden Stilepochen. Mag sein, dass das Lob Gottes immer wieder – vielleicht besonders in der Moderne – eingeschlafen, verkrustet, erstarrt war, aber tot war es nie. Was für eine Arroganz, dass wir heute in wenigen Jahrzehnten mit einem sehr engen und begrenzten Musikhorizont definieren wollen, was »Lobpreis« ist.

Ich will deshalb versuchen, das Phänomen »Lobpreis« in einen viel größeren Zusammenhang zu bringen, und zugleich der neuen Entwicklung Rechnung tragen, die vielen einen Zugang zu Gott gegeben hat, den ihnen traditioneller »Lobpreis« nicht hätte geben können. Denn »Lobpreis«, gerade wenn er »uplifting« daherkommt, kann wirklich eine Offenbarung sein, eine neue Welt, ein Nachhausekommen, eine emotionale Befreiung, ein Ventil für echte Glaubensfreude und zugleich ein Raum, der Glauben schafft.

Ich habe diese Kraft schon Anfang der Achtzigerjahre im Jugend-Gebetskreis gespürt. Diese Lieder und vor allem die Art, sie zu singen, waren anders als Kirchenmusik oder die Jazz-Messe oder der Sacro-Pop im Jugendgottesdienst. Da wurde so gesungen und gebetet, »als ob es Gott wirklich gibt«.

Anfang der Neunzigerjahre hat es mich noch tiefer erwischt: In einer Halle in Brighton, England, liefen mir die Tränen übers Gesicht, als vorn ein Lobpreisleiter der amerikanischen Vineyard-Bewegung den Heiligen Geist einlud. Ich weiß nicht mehr, was er weiter sagte oder tat, denn in mir lief mein eigener Dialog mit Gott. Ich fragte: »Was ist das für eine Kraft in dieser Musik? Das ist so viel mehr als Gottesdienstmusik, die man sonntags ›auch noch‹ macht. Ich will mehr davon.« »Ja«, glaubte ich zu hören, »du wirst mehr davon erleben und andere dafür gewinnen.« Konnte das sein, dass das »meine Musik« würde und meine Aufgabe?

Meine Ravensburger Freunde waren ähnlich begeistert. Wieder daheim gründeten wir die Immanuel Lobpreiswerkstatt, die es bis heute gibt, seit den 2000ern unter neuer Leitung. Ich kündigte alle Musikprojekte, die ich als junger Musiker in der Orientierungsphase am Laufen hatte. Ich hatte mehrere Eisen im Feuer, weil ich noch nicht wusste, welches der »Hammer« werden, welches Erfolg haben würde. Doch nun verschrieb ich mich der Gebetsmusik. Mitsingbar. Adieu, lange Soloteile, anspruchsvolle Kompositionen und alles, was irgendwie beeindruckt und dem Musiker-Ego schmeichelt. Es ging um Gott und seine Ehre. Als junger Kerl war das für mich wirklich eine Entscheidung. Ich wusste noch nicht, dass man auch mit »Lobpreis« sein Ego aufblasen kann und dass Lobpreis ebenfalls anspruchsvoll sein darf. Aber es war eine dieser Entscheidungen, wo etwas Größeres ruft und all die kleinen Bedenken vergehen. Eine solche Entscheidung wünsche ich von Herzen allen, die sich fragen, ob ihre Berufung zum Lobpreis Gottes über das hinausgeht, wozu wir als Christen alle berufen sind. Die Tatsache, dass Sie dieses Buch lesen, weist ja schon darauf hin, dass Sie zu diesen Gerufenen gehören, egal ob privat »in der Kammer« (Matthäus 6,6), wo immer alles beginnt, oder öffentlich.

Ich habe mich also halbwegs versöhnt mit diesem Wort »Lobpreis«. Spitznamen sucht man sich nicht aus, die werden einem von außen gegeben: mit dem ungnädigen Blick für das Ungewöhnliche, Herausragende, das dann ironisch zugespitzt wird, und sei es nur die lange Nase oder die abstehenden Ohren. Vielleicht ist Lobpreis ja unser Spitzname: die fröhlich Lobenden, die Emotionalen, die von dem frommen Wunsch Beseelten, alles mit einem guten Gott in Verbindung zu bringen. Das lasse ich mir gefallen, irgendwie gefällt es mir sogar immer besser. Vieles in unserer Welt und in der Kunst unserer Welt ist gottvergessen und in einem negativen Strudel in sich selbst verkrümmt. »Lobpreis« kann ein prophetisches Gegenprogramm sein, eine andere Weltsicht, ein neuer Lebensstil.

Das englische »Worship« gefällt mir dennoch besser, weil es ganz allgemein auch für »Gottesdienst« steht und einen größeren Bedeutungsraum öffnet. Der erste Teil hat wohl die Sprachwurzel »worth«, also Wert. Wertschätzung Gottes – das ist eine wunderbare Erklärung. Und vielleicht geht es ja darüber hinaus um die Wertschätzung, die Gott für uns Menschen hat. Ich fürchte allerdings, dass »Worship« in der englischsprachigen Welt ebenfalls etwas kirchlichen Ballast hat.

Für den deutschsprachigen Raum sehe ich ein Problem bei der Verwendung des Wortes »Worship« eher darin, dass wir seit vielen Jahren versuchen, mit Anglizismen Dinge attraktiver zu machen – mit schwindendem Erfolg. »Come in and find out«, lädt uns die Werbung mit starkem deutschen Akzent ein: »Komm rein und finde wieder raus.« Wir sollten nicht jeden Blödsinn mit zehn Jahren Verspätung mitmachen. Immer mehr Menschen durchschauen, dass ein englisches Wort an sich eine Sache nicht interessanter, moderner, relevanter macht. Wenn es hilft, dass Menschen zu einer Veranstaltung kommen, weil sie mutmaßen, dass nicht Orgel und Weihrauch sie erwarten, sondern Band und Bühnennebel, dann soll es mir recht sein. Ich ringe jedoch um passende Worte in unserer wunderbaren deutschen Sprache, und ich freue mich über alle, die das ebenfalls tun!

Das führt uns zum Begriff »Anbetung«, der für manche auf den ersten Blick noch verstaubter und abgehobener wirkt als Lobpreis. Erstaunlicherweise findet er sich immer häufiger bei jüngeren und von Tradition unbelasteten Gruppen. Wie »Worship« scheint mir »Anbetung« als Begriff weiter, nicht nur auf Positives und Fröhliches verengt. Allerdings gilt es hier, zu unterscheiden: Bei den Katholiken wird »Anbetung« oft als »eucharistische« Anbetung verstanden, als ein meditatives, stilles Beten vor der »ausgesetzten« Hostie, dem geweihten Brot, das für die Gläubigen nicht nur die Gegenwart Jesu symbolisiert, sondern auch physisch repräsentiert. In charismatischen Kreisen unterscheidet man hingegen Lobpreis im Sinne einer ausgelasseneren Form, fröhlich, der »Vorhof« im sogenannten Tempelmodell von Anbetung als der ruhigeren, ehrfürchtigeren Form, dem »Heiligtum« oder gar »Allerheiligsten«. Diese Differenzierung ergibt durchaus Sinn, legt sie doch eine erste Spur für einen sinnvollen Aufbau, einen Weg von außen nach innen. Wie wir die Stufen nennen, ist letztlich zweitrangig.

Ich werde »Anbetung« jedoch überwiegend als Oberbegriff verwenden, also nicht nur in seiner ehrfürchtigen Form. Er fasst für mich zusammen, worum es insgesamt geht: Wir beten, das heißt, wir sprechen mit Gott. Wir sagen alles, was es zu sagen gibt. Wir schütten unser Herz aus, wir klagen, bitten, flehen. Wir danken für alles Gute und kommen schließlich zum Geber aller guten Gaben und loben ihn, nicht nur für das, was er tut, sondern für das, was er ist. Musik hilft uns dabei, sie schafft einen Raum für Gefühle und tiefere Bedeutung, als Worte allein es könnten. Dabei ist Gott die Adresse, Anbetung geht »an« ihn. Und wenn wir ihn »an«-schauen, werden wir verwandelt (2. Korinther 3,18).

KIRCHENMUSIK UND LOBPREIS

Was haben nun Kirchenmusik einerseits und Lobpreis und Anbetung andererseits miteinander zu tun? Sollten sie nicht dasselbe sein? Im Prinzip ja, aber die Kluft ist manchmal schon so groß geworden, dass wir den gleichen Grund nicht mehr erkennen. Ich habe größte Hochachtung vor der Kirchenmusik. Sie hat unzählige Schätze hervorgebracht, die heute noch vielen Menschen viel geben. Sie stellen nicht nur einen wichtigen Kulturschatz, sondern auch ein lebendiges Erbe dar. Mein Vater war der klassische Dorfschulmeister, der im Nebenberuf sonntags auf der Orgelbank sitzt und den Kirchenchor dirigiert. Ich saß neben ihm, direkt vor den großen Bass-Pfeifen. Mein Bruder hat Kirchenmusik studiert, ich selbst habe die klassische Laufbahn mit Jugend-musiziert-Preisen, Musik-Leistungskurs und Musikhochschule durchlebt, wenn auch mit mäßigem Eifer. Ich weiß also ungefähr, wovon ich rede.

Das Kirchenmusikstudium ist das anspruchsvollste Musikstudium: volle Anforderung im Hauptfach und viele weitere Fächer, von denen eine angehende Musikpädagogin oder ein angehender Orchestermusiker keinen Schimmer hat. Anschließend kommt ein musikalisch hoch qualifizierter Absolvent in eine Gemeinde. Er findet einen schwer zugänglichen Pfarrer, einen völlig überalterten Kirchenchor, einen mehr als mageren Gottesdienstbesuch und ein soeben gekürztes Budget für die Aufführungen an den Feiertagen vor. Die Teenies, wenn es noch welche gibt und sie nicht bereits aus der Kirche »hinausgefirmt« oder »hinauskonfirmiert« worden sind, wollen moderne Lieder singen, vielleicht sogar Lobpreis, und wedeln mit einem »Feiert-Jesus«-Liederbuch. Vielleicht hat unser Kandidat einen »Popmusik«-Kurs im Rahmen seiner Ausbildung besucht. Seine Vorstellung von Agogik (freie Tempogestaltung) hat auf jeden Fall wenig mit Beat zu tun, und die Teenies finden bald, dass es sich irgendwie nicht »richtig« anfühlt. Unser Freund hat viel zu bieten, aber der »Groove« gehört nicht dazu. Das war nur die äußere Diskrepanz, hinzu kommt jedoch noch die innere, die im Folgenden deutlich wird.

Neulich habe ich ein Worship-Seminar für Kirchenmusikerinnen und -musiker gegeben, was erfreulicherweise immer wieder mal vorkommt. Ich sprach über die Kunst der Liedauswahl und dachte, dass wir da mit modernem Lobpreis-Block und traditionellem ligurischem Gottesdienst einiges gemeinsam hätten. Doch nach einigen Zwischenfragen wurde ich unsicher und wollte schließlich von den Teilnehmenden wissen: »Suchen Sie überhaupt die Lieder für den Gottesdienst aus?« Bei etwa zwei Drittel war das nicht der Fall! Der Pfarrer oder die Pfarrerin gibt diesen hoch qualifizierten Leuten, die sechs oder sieben Jahre studiert haben, eine vorgefertigte Liste, die sie abarbeiten müssen. Dabei sind sie ja meist nicht einmal sichtbar, dort oben auf der Empore. Warum also nicht gleich ein MIDI-File oder ein Playback abspielen? Ich weiß, ich werde zynisch, aber so wird mir diese Diskrepanz zwischen einem biblischen Asaf (1. Chronik 25,1) und einem kirchlich angestellten Musikprofi schmerzhaft bewusst.

Tatsächlich bereitet das lange Studium einen kaum darauf vor, die Qualitäten eines »Lobpreisleiters« zu entwickeln. Leidenschaft für Gott, persönliches Gebetsleben, freies Gebet vor anderen, geistliche Reife, biblische Basis – all das ist unter der Würde einer deutschen Hochschule. Ein Modell ohne Zukunft, wenn sich nicht Grundlegendes ändert. Es klingt hart, doch leider ist es die Realität: Weil die Kirchenmusik ihren Job nicht richtig gemacht hat, musste die Lobpreisbewegung kommen! Sonst hätte es das alles nicht gebraucht, die Welle wäre von Luther über Paul Gerhardt und Bach nahtlos zu uns gekommen!

Natürlich gibt es jede Menge wunderbare Kirchenmusikerinnen und -musiker, die eine gute Arbeit machen, und es gibt viele, die von beiden Seiten Brücken bauen. Aber es gibt auch jede Menge frustrierte und abgestumpfte Opfer dieses Systems.

ROLLE DER MUSIK UND DER KUNST

Dabei kann die Lobpreis-Bewegung viel von der Kirchenmusik lernen, zum Beispiel die Bedeutung von Exzellenz in der Musik. Vermutlich war Ihnen schon zu Beginn dieses Buchs klar, dass es darin viel um Musik gehen wird. Aber warum eigentlich? Geht es nicht um Anbetung in Wahrheit und im Geist, also um Gebet? Und sind das nicht zunächst einfach Worte oder gar Schweigen, Stille? Musik ist doch Geschmacksache, nicht jeder kann oder will singen. Und wenn schon, warum dann nicht auch tanzen, schauspielern, malen?

Musik an sich ist eine ganz besondere Gabe des Schöpfers. Alle Kunst ist wichtig, und gerade für die protestantischen Kirchen gibt es da nach einer sinnvollen Abgrenzung vom falschen »Bildnis« noch viel zu entdecken. Malerei, Bildhauerei, Architektur im Dienst der Anbetung – sie alle können zu einem Raum der Begegnung mit Gott beitragen. Schauspiel und Tanz können so viel mehr sagen als Worte. Hier haben wir einen großen Mangel, trotz Inspiration durch professionelle Theaterstücke von Willow Creek oder Tanzgruppen, die aus Afrika zu Besuch sind.

Musik aber hat eine ganz besondere Kraft. Sie läuft in der Zeit ab wie Schauspiel und Tanz, kann Geschichten erzählen, auf eine Reise mitnehmen, die Zeit dehnen oder raffen. Sie schafft aber auch einen Raum, einen Klang-Raum, einen Resonanz-Raum, auf den Menschen sehr intuitiv reagieren. Es braucht außer einer rudimentären Hörgewohnheit (traditionell indische oder chinesische Musik sagt Europäern zum Beispiel ohne Eingewöhnung wenig) keine Vorbildung, keine Erklärung. Musik spricht unsere Gefühle unmittelbar an.

Das gilt schon für Instrumentalmusik, wenn sich aber Text und Musik im Gesang verbinden, geschieht etwas Besonderes. Ich muss Kunst nicht mehr deuten, übersetzen – was wunderbar und wichtig ist –, sondern sie wird unmittelbar zu meinem Gebet. Immer wieder höre ich: »Dieses Lied drückt genau das aus, was ich sagen will, aber was ich ohne dieses Lied nicht hätte sagen können.« Das ist das höchste Lob für einen Songwriter. Ich selbst habe »meine« Lieder – egal ob von mir oder von anderen –, die mich zu Tränen rühren, die mich trösten, die mich wieder auf die Beine bringen, die mir aus der Seele sprechen. Oder ist es vielmehr so, dass sie zu meiner Seele sprechen? In der Musik ist der Dialog mit Gott schon angelegt. Im Raum eines Liedes kann ich ihm und er mir begegnen.

Wir haben also guten Grund, der Musik so viel Bedeutung zu geben. Aber wir sollten dies bewusst und nicht »automatisch« tun. Und wir sollten die Stille, das Wort und die anderen Formen der Kunst niemals unterschätzen! Tatsächlich ist unsere Musik uns oft im Weg, wenn wir wirklich Gott und uns selbst treffen wollen. Aber ich greife vor.

WARUM ANBETEN?

Im Rahmen unserer grundsätzlichen Klärungen bleibt noch die Frage, ob Anbetung überhaupt so wichtig ist. Muss denn Gott dauernd hören, wie toll er ist? Ist Anbetung nicht weltfremd, ja eine Weltflucht? Oder zumindest nur für manche wichtig, während andere eher durch Nachdenken, Diskutieren oder Handeln ihren Glauben ausleben? Es gibt ja Menschen, die besonders emotional sind. Oder solche, die eher durch Kunst angesprochen werden. Und andere, die viel Bestätigung brauchen, dass ihr Gott groß und ihr Glaube der richtige ist.

Tatsächlich ist Anbetung oft nicht gerade ein Tummelplatz für Intellektuelle und Skeptiker. Leider! Ich bin nämlich überzeugt, dass Anbetung für uns alle absolut wichtig und zentral ist und für Kopf und Herz und Hand mehr als genug zu bieten hat. Dort beginnt die Reise, die Transformation, der Auftrag. Im Anschauen Gottes findet die Initialzündung statt. Erst danach können wir uns erfüllt der Welt zuwenden. Sonst haben wir nur ein leeres Herz und leere Hände.

Das will ich jedoch nicht hier mit einigen schnellen Argumenten darlegen, sondern es ist Thema des gesamten Buchs. Und ich will es auch mit der Bibel zeigen, die ich oft zitiere. Sie ist in ihrer ganzen Fülle eine Quelle der Anbetung, von zentralen Formulierungen in der Thora (den fünf Büchern Mose) über die wunderbar zeitlosen Psalmen und die oft sehr lyrischen Propheten bis hin zu den bedeutungsvollen Hymnen in den Briefen des Neuen Testaments und der schwer verständlichen, aber gerade für Anbetung sehr inspirierenden Offenbarung des Johannes.

Eine entscheidende Frage ist dabei: Was sagt denn Jesus über Anbetung? Hat er angebetet, hat er gesungen? Da Jesus im jüdischen Glauben aufgewachsen ist, hat er mit Sicherheit außer seinen persönlichen Gesprächen mit dem Vater und dem Vaterunser, das er den Jüngern beigebracht hat, auch die liturgischen Gebete und Gesänge der jüdischen Tradition praktiziert. Er zitiert häufig die Psalmen. Es gibt außerdem einen kleinen Nebensatz in den Evangelien, der darauf hinweist, dass er auch gesungen hat: »Nach dem Lobgesang gingen sie …« (Matthäus 26,30). Das beruhigt schon mal ungemein. Aber was lehrt er darüber?

Tatsächlich sagt er sehr wenig über Anbetung, ihm scheint es eher um Themen wie den Umgang mit Geld oder Vergebung zu gehen. Aber es gibt ein paar Stellen in den Evangelien, die sehr klar und tief durch alle Zeiten bis in unsere Lobpreiskultur sprechen. Eine ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32), das in einzigartiger Weise deutlich macht, wie Gott ist: ein liebender Vater. Das Gottesbild ist immer der Anfang und die Zielrichtung aller Anbetung. Eine weitere Bibelstelle behandelt die Frage nach dem höchsten Gebot, die Jesus mit dem »Sch’ma Israel« beantwortet (Matthäus 22,37): Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, mit allem – »ganzheitlich«, würden wir heute sagen. Anbetung ist die innige Pflege dieser Liebe, die sich anschließend in der Außenwelt auswirken muss.

Doch die bedeutendste Aussage von Jesus zum Thema Anbetung findet sich in dem geheimnisvollen Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen, das plötzlich eine interessante Wendung hin zu diesem Thema nimmt (Johannes 4,20-24).

Von allen Büchern der Bibel sind mir die Evangelien besonders wichtig, weil wir hier ganz nah an der Jesus-Geschichte dran sind. Wenn ich die Bibel von Jesus her verstehen will, führt alles davor auf die Evangelien hin, und alles danach, die Apostelgeschichte, die Briefe, die Offenbarung des Johannes, führt das weiter, was wir in den Evangelien lesen. Dort sind wir also im Zentrum, auch wenn sie eher im hinteren Teil der Bibel zu finden sind. Innerhalb der Evangelien finde ich besonders die Stellen interessant, in denen Jesus in wörtlicher Rede spricht. Dies ist sozusagen das Zentrum des Zentrums. Diese Verse sollten wir uns genauer anschauen, denn sie helfen uns, die Frage zu beantworten, wie wir als Nachfolger von Jesus über die jüdische Tradition hinaus anbeten sollen. Und sie helfen uns, wenn wir unbelastet von Geschichte, Tradition und Kultur zurück zur Quelle wollen.

DAS GESPRÄCH MIT DER FRAU AM JAKOBSBRUNNEN

Sein (Jesu) Weg führte ihn durch Samarien. Er kam zu der samaritanischen Stadt Sychar, in der Nähe des Feldes, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Erschöpft von der langen Wanderung setzte Jesus sich um die Mittagszeit an den Brunnen. Kurz darauf kam eine Samaritanerin, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: »Bitte, gib mir zu trinken.« Er war zu diesem Zeitpunkt allein, denn seine Jünger waren ins Dorf gegangen, um etwas zu essen zu kaufen.

Die Frau war überrascht, denn sonst wollen die Juden nichts mit den Samaritanern zu tun haben. Sie erwiderte: »Du bist ein Jude und ich bin eine Samaritanerin. Warum bittest du mich, dir zu trinken zu geben?«

Jesus antwortete: »Wenn du wüsstest, welche Gabe Gott für dich bereithält und wer der ist, der zu dir sagt: ›Gib mir zu trinken‹, dann wärst du diejenige, die ihn bittet, und er würde dir lebendiges Wasser geben.«

»Aber, Herr, du hast weder ein Seil noch einen Eimer«, entgegnete sie, »und dieser Brunnen ist sehr tief. Woher willst du denn dieses lebendige Wasser nehmen? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen hinterließ? Wie kannst du besseres Wasser versprechen, als er und seine Söhne und sein Vieh hatten?«

Jesus erwiderte: »Wenn die Menschen dieses Wasser getrunken haben, werden sie schon nach kurzer Zeit wieder durstig. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, der wird niemals mehr Durst haben. Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt.«

»Bitte, Herr«, sagte die Frau, »gib mir von diesem Wasser! Dann werde ich nie wieder durstig und brauche nicht mehr herzukommen, um Wasser zu schöpfen.«

»Geh, rufe deinen Mann und komm mit ihm hierher«, sagte Jesus zu ihr.

»Ich habe keinen Mann«, entgegnete die Frau.

Jesus sagte: »Das stimmt! Du hast keinen Mann. Du hattest fünf Ehemänner, und mit dem Mann, mit dem du jetzt zusammenlebst, bist du nicht verheiratet. Das hast du richtig gesagt.«

»Herr«, sagte die Frau, »ich sehe, dass du ein Prophet bist. Sage mir doch, warum ihr Juden darauf besteht, dass Jerusalem der einzige Ort ist, um Gott anzubeten. Wir Samaritaner dagegen behaupten, dass es dieser Berg hier ist, wo unsere Vorfahren gebetet haben.«

Jesus erwiderte: »Glaube mir, es kommt die Zeit, in der es keine Rolle mehr spielt, ob ihr den Vater hier oder in Jerusalem anbetet. Ihr Samaritaner wisst wenig über den, den ihr anbetet – wir Juden dagegen kennen ihn, denn die Erlösung kommt durch die Juden. Aber die Zeit kommt, ja sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Der Vater sucht Menschen, die ihn so anbeten. Denn Gott ist Geist; deshalb müssen die, die ihn anbeten wollen, ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.«

(Johannes 4,4-24; NLB)

Diese Bibelstelle, die dann noch bis Vers 45 weitergeht und damit endet, dass die Frau und viele aus ihrem Dorf zum Glauben an Jesus als den Retter kommen, behandelt viele Themen. Es geht um unseren Lebensdurst und das lebendige Wasser, es geht um Ausgrenzung, es geht um Sünde und Ehrlichkeit, es geht um die Frage nach Tradition und dem »richtigen« Glauben, es geht um die Person und Bedeutung von Jesus. Und mitten in alldem geht es auch um Anbetung, als ob diese Frage nicht von den anderen zu trennen wäre.

Ich werde mich zwar im Wesentlichen auf diese Frage nach Anbetung konzentrieren, aber zunächst will ich in groben Zügen den Blick auf die gesamte Erzählung richten.

Zuerst fällt auf, dass Jesus ein Gespräch mit einer Frau anfängt, mit der er gemäß seiner Tradition nicht reden sollte, erstens, weil sie eine fremde Frau ist, zudem noch mit ihm allein. Zweitens, weil sie eine Samaritanerin ist, die aus Sicht der Juden damals nicht den »richtigen« Glauben hatten. Und schließlich, weil sie durch ihre Lebensgeschichte ausgegrenzt ist. Schon die Tatsache, dass sie allein um die Mittagszeit zum Brunnen kommt statt morgens mit den anderen Frauen des Dorfs, deutet darauf hin. Dass Jesus bewusst diese drei Grenzen überschreitet, ist schon eine starke Botschaft in sich. Es geht ihm nicht um »Würdigkeit« (auch in der Anbetung nicht). Jesus bleibt nicht vor menschlichen und kulturellen Grenzen stehen. Jeder Mensch ist ihm wichtig und jeder Mensch ist zur Anbetung gerufen. Wir können es sogar als Provokation verstehen: Wenn wir Menschen ausgrenzen, Anbetung für die »Rechtgläubigen« reservieren und moralische Hürden aufstellen, dann tritt uns Jesus entgegen!

Zu Beginn geht es in diesem Gespräch um Wasser, wobei das Gespräch für unsere heutigen Ohren seltsam zwischen der wörtlichen und der symbolischen Bedeutung hin- und herspringt. Wir werden uns im zweiten Kapitel weiter mit der Bedeutung von Symbolen und Metaphern beschäftigen. Auf jeden Fall ist das Wasserschöpfen am Brunnen nur der Anlass, der Aufhänger des Gesprächs. Es geht um den Lebensdurst der Frau. Jesus scheut sich – wie so oft – nicht, seine Person mit der Sehnsucht nach »Erfüllung« zu verknüpfen. Das Wasser, »das ich ihm geben werde …« (Vers 14).

Ab Vers 20 lenkt die Frau vom allzu persönlichen Thema ab. Tun wir das nicht auch gern? Wenn es um uns, unser Leben, unseren Glauben, unsere Sünden geht, kommen wir aufs Allgemeine und Grundsätzliche. Vielleicht, um uns zu entlasten, vielleicht, um zu erklären, warum wir so sind, wie wir sind.

Doch Jesus geht darauf ein. Und nun kommen wir ganz nah an zentrale Fragen der Anbetung: »Die Stunde kommt und sie ist schon da« (Vers 23). Jesus spricht von etwas Neuem, das schon da ist, real – und zugleich im Kommen, wachsend, noch zu verwirklichen. Das erinnert an seine Beschreibung des Reiches Gottes als nahe, schon da (Markus 1,15; Matthäus 12,28), aber noch nicht vollendet, weshalb wir ja im Vaterunser immer weiter darum bitten, dass es kommt. Wir dürfen Anbetung also als Kennzeichen des Reiches Gottes verstehen, das schon mitten unter uns ist, aber verborgen, nicht für jeden offensichtlich. Wir nehmen teil an einem Geschehen, das auf einer höheren Ebene, im Himmel, in der Ewigkeit, in unseren von Christus erfüllten Herzen, durch den Heiligen Geist bereits im Gange ist. Ein Fenster aus der Zeit in die Ewigkeit oder, besser: ein Einfallstor der Ewigkeit in die Zeit.

»Weder auf diesem Berg noch in Jerusalem« (Vers 21) – die neue Anbetung ist unabhängig von Orten und Zeiten, Ritualen und kultischen Handlungen. Das hat die Kirche selten gewagt, meist hat sie neue »Berge und Tempel« gebaut. Die Lobpreisbewegung entdeckt die ungeheure Freiheit, die Jesus hier öffnet: Man kann immer und überall anbeten, in einer großen Halle mit Band, im Freundeskreis mit einer Gitarre oder einfach im Inneren. Natürlich sind Formen und Regelmäßigkeit hilfreich, ja wichtig. Sie sind aber nicht Bedingung und vor allem nicht Substanz der Anbetung.

Dann verwendet Jesus hier für Gott den Begriff »Vater«, was er durchaus nicht immer tut. Der ewige unfassbare Gott kommt mir auf vertraute, familiäre Art nahe! Die Lobpreisbewegung hat den »nahen« Gott, die persönliche Beziehung zu ihm, wiederentdeckt und ist damit ganz bei Jesus.

Gerade hier, wo wir uns im Glanz dieser neuen Freiheit sonnen wollen, rammt Jesus zwei Pfeiler in die Erde, die durch alle Zeiten als vielleicht einziger Maßstab und Korrektiv für »wahre« Anbetung gelten müssen: »Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten« (Vers 24). Zwei große und vieldeutige Worte, und sie müssen es auch sein: zeitlos, unerschöpflich, mahnend und ermutigend zugleich.

Wenigstens einen Teil davon sollen die nächsten Kapitel entfalten.

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≈ KAPITEL 2 ≈

WAS IST WAHR?

In den nächsten Kapiteln geht es um die beiden Schlüsselbegriffe, die Jesus in Johannes 4 als Kriterium für wahre Anbetung nennt: Geist und Wahrheit.

WAHRHEIT IN PERSON

Dazu zunächst eine kleine Zeitreise durch meine Glaubensgeschichte: Ich komme aus einer »gut katholischen« Familie in Oberschwaben. Meine Erziehung und Sozialisation, der wöchentliche Gottesdienstbesuch und die kirchlichen Feste haben mich viel über den christlichen Glauben und die Bibel gelehrt. Besonders die Evangelien, aus denen in der katholischen Leseordnung in jedem Gottesdienst ein Abschnitt gelesen wird, waren mir vertraut. Aber im Herbst 1982, als ich gerade erwachsen geworden war, begann etwas Neues. Ich besuchte seit einem halben Jahr einen katholisch-charismatischen Jugendgebetskreis und hatte viele Fragen. An einem Mittwochabend nahm ich allen Mut zusammen und gab mein Leben Jesus. Wir nannten das »Tauferneuerung«, ein persönliches »Ja« zu Jesus. Ich habe es wie eine Bekehrung erlebt: aus einem – im besten Sinne – angelernten Glauben wurde eine Beziehung zu Gott. Nun war alles anders, neu, lebendig. Es hatte etwas mit mir zu tun! Die »Erneuerung« des Glaubens hat in dieser Zeit auch meine ganze Herkunftsfamilie erfasst. Meine Mutter setzt sich bis heute, weit in ihren Siebzigern, für einen lebendigen und heilsamen Glauben ein. Obwohl mich mein Weg später mehr in die evangelische und freikirchliche Welt und in eine »gemischt konfessionelle Ehe« führte, bin ich nie konvertiert. Im katholischen Glauben liegen meine Wurzeln, zu denen ich heute noch stehe. Ich praktiziere zwar nicht regelmäßig eine katholische Frömmigkeit im engeren Sinne, sehe mich eher als Christ denn als Katholik und finde Gemeinsames und Wertvolles in allen Konfessionen. Aber so war mein Start in das große Abenteuer mit Gott.

Insbesondere alle Bibelstellen, in denen es um Musik und Lobpreis geht, haben mich als musikalisch begabten und begeisterten jungen Mann am Anfang angesprochen: die Psalmen, die Lieder in der Offenbarung des Johannes und eben das Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen aus Johannes 4. So begleitet mich diese Bibelstelle schon viele Jahrzehnte.

Mitte der Achtzigerjahre hielt ich meine ersten Referate auf Lobpreis-Seminaren. Noch stark von meinem neu gefundenen persönlichen Glauben an Jesus geprägt, war der Begriff »Wahrheit« für mich ganz klar: Es ging um die Wahrheit, die ich gefunden hatte, die meine offenen Fragen als Suchender beantwortet hatte: Gott ist ein liebender Vater, Jesus ist für uns gestorben und auferstanden und der Heilige Geist wirkt heute noch! Diese Wahrheit sah ich natürlich auch als Abgrenzung gegen alle, die sie noch nicht gefunden hatten: die Atheisten, die Anhänger anderer Religionen und vor allem die Namens- und Kulturchristen, die Karteileichen, die nur auf dem Papier Christen waren, aber keine Ahnung von der Kraft des Evangeliums hatten! Aus dieser Zeit gibt es noch ein paar Artikel in Zeitschriften von mir. Wenn ich sie heute lese, spüre ich zwei Regungen in mir. Einerseits steigt mir die Schamröte ins Gesicht. Was habe ich in meinem jugendlichen Übereifer nicht alles steil behauptet! Vieles war weder wirklich durchdacht noch durchlebt. Gut, dass ein gnädiger Schleier des Vergessens über all das gefallen ist. Andererseits spüre ich jedoch Dankbarkeit: Wie ein Vater oder Lehrer oder Coach kann ich in meiner eigenen Unreife – und damit auch in der Unreife vieler anderer – die Leidenschaft für Jesus und meine neu gefundenen Überzeugungen sehen. Und das ist ein guter Anfang. Aber eben nur ein Anfang. Viele Jahre später habe ich bei Richard Rohr gelesen2, dass Menschen am Anfang immer viel Selbstbestätigung und Gruppenidentität brauchen, später aber darüber hinauswachsen müssen.