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Menschen mit einer autistischen Beeinträchtigung stehen aufgrund einer anderen Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung im Hinblick auf Kommunikation und Sozialverhalten besonderen Schwierigkeiten gegenüber. In der Folge kämpfen sie nicht nur mit einem erhöhten Stresslevel, sondern leiden häufig auch unter einem geringen Selbstwertgefühl sowie an Depressionen und Ängsten. Die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie, kurz PEP, stellt hier eine Reihe von nützlichen Techniken und Interventionsstrategien bereit. Sie helfen Betroffenen, mit heftigen Gefühlen oder belastenden Erlebnissen umzugehen und hinderliche Beziehungsmuster, Glaubenssätze und Überzeugungen zu überwinden. Die strukturierte und vorhersehbare Vorgehensweise bei PEP kommt den Bedürfnissen von Autisten und Menschen mit Asperger-Syndrom entgegen. Kunsttherapeutische Interventionen helfen zusätzlich, die eigene Kreativität zu entdecken, Stärken und Ressourcen zu erkennen und diese wertschätzen zu lernen. Der verbreiteten Defizitorientierung im Zusammenhang mit Autismus wird eine Haltung entgegengesetzt, die diese Stärken und Fähigkeiten würdigt und unterstützt, ohne autismusspezifische Probleme zu vernachlässigen. Anhand von zahlreichen Behandlungsbeispielen vermittelt Josephin Lorenz die notwendigen Grundlagen sowie konkrete Vorgehensweisen für unterschiedliche Therapiesituationen und -ziele.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Josephin Lorenz
PEP und Kunsttherapiebei Autismus
2020
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
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Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)
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Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Berlin)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe »Reden reicht nicht!?«
hrsg. von Michael Bohne, Gunther Schmidt und Bernhard Trenkle
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann
Umschlagfoto: © elxeneize/PantherMedia
Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach
Illustrationen: Tim Schilling
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2020
ISBN 978-3-8497-0360-8 (Printausgabe)
eISBN 978-3-8497-8250-4 (ePub)
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Geleitwort
Vorwort
1»Der will nur nicht!« – autismusspezifische Wahrnehmung
Tiefgreifende Entwicklungsstörung, Wrong-planet-Syndrom oder doch eine Superkraft?
2Unterstützung im Autismus-Spektrum
Stress vermeiden
Anliegen und Auftrag klären
Anliegen der Eltern
Anliegen der Kinder und Jugendlichen
Kontakt aufnehmen
Bedürfnisse ernst nehmen
3Kunstvoll handeln und wandeln
Mit Kreativität Ressourcen aktivieren
Mit PEP Blockaden auflösen
4Anders ist eine Variation von richtig
Fähigkeiten erkennen und wertschätzen
5Das Wüte-Dings
Überforderungen erkennen und beheben
6»Ich bin nichts wert!«
Von Selbstwert-Räubern und Eigensabotage hin zu mehr Selbstwert-Erleben
7»Ich bin ich, weil ich anders nicht sein kann!«
Autistische Vorbilder in unterschiedlichen Bereichen
Handlungsplanung stärken
8Kompetenzen im Alltag steigern
Gelassenheit der Eltern fördern
Geschwister aufklären und stärken
Konflikte zwischen Lehrer und Eltern auflösen
Gut informierte Kindertagesstätten und Schulen
Mit gestärkter Präsenz den Handlungsrahmen erweitern
Gemeinsam gegen Ausgrenzung und Mobbing
9Leichtigkeit und Humor in der täglichen Arbeit
Stressprophylaxe für die Therapeuten
10Und wann ist Schluss?
Therapien beenden
Resümee
Danksagung
Anhang
Arbeitsblätter zu den Big-Five-Lösungsblockaden
Arbeitsblatt Nr. 1: Selbstvorwürfe auflösen
Arbeitsblatt Nr. 2: Fremdvorwürfe auflösen
Arbeitsblatt Nr. 3: Erwartungen bearbeiten
Arbeitsblatt Nr. 4: Altersregression
Arbeitsblatt Nr. 5: Loyalitäten klären
Kommunikation mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum
Defizite neurotypischer Menschen
Literatur
Über die Autorin
Es ist mir eine große Freude, zum vorliegenden Buch Anders ist eine Variation von richtig von Josephin Lorenz ein Geleitwort beisteuern zu können. Dies tue ich u. a. deshalb sehr gerne, weil ich als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie als Ausbilder von nunmehr ca. 3000 Kolleginnen und Kollegen in Prozess- und Embodimentfokussierter Psychotherapie (PEP) das Gefühl nicht loswerde, dass wir alle noch ziemlich große Wissenslücken in puncto Autismus haben. In dieser Hinsicht war meine eigene Lernkurve während der gesamten Lektüre sehr hoch.
Besonders fasziniert hat mich neben Josephin Lorenz’ therapeutischer Unterstützung ihre überraschende, kreative, ressourcenorientierte und zutiefst wertschätzende Sicht auf Menschen mit jener besonderen Wahrnehmung. Die diesem Buch zugrundeliegende Haltung, Autismus nicht per se als Störung zu betrachten, sondern immer klar und deutlich auch auf die vorhandenen Stärken und Fähigkeiten zu fokussieren, öffnet neue Denk- und Fühlräume und scheint mir eine sowohl respektvoll-kreative, als auch sehr menschenwürdige Herangehensweise zu sein. Leben wir doch in einer Zeit, in der von der Norm abweichendes Verhalten und Empfinden schnell mit neuen Diagnosen versehen werden. So entlastend eine Diagnose sein kann, so stigmatisierend und damit ausgrenzend und potenziell schädigend kann sie sein. Diagnosen haben überdies nicht selten etwas von struktureller Gewalt, gerade wenn Menschen mit dieser Diagnose zwangsläufig einer bestimmten sogenannten evidenzbasierten Behandlungsmethode zugeführt werden sollen, die sie so vielleicht gar nicht haben wollen. Da gerät dann schnell aus dem Fokus, was für den einzelnen betroffen Menschen wirklich passend, hilfreich und individuell richtig ist. So aber hat wahre Humanmedizin zu sein.
Als Mitherausgeber der Reihe Reden reicht nicht freut es mich sehr, wie dezidiert die Autorin aufzeigt, dass die Integration des Körpers bei der Veränderung von Emotionen und Glaubenssätzen auch im Autismusfeld unabdingbar ist.
Ganz besonders beeindruckt haben mich auch die ästhetisch ansprechenden Zeichnungen vom Tim, dem »jungen Illustrator mit Autismuskompetenz«.
Ich wünsche dem Buch, dass es möglichst viele Leserinnen und Leser findet und dadurch das Verständnis für diese besonderen Menschen wächst. Menschen, die nicht selten Bereicherndes in die Welt gebracht haben, was so niemand anderes hätte in die Welt bringen können.
Dr. med. Michael BohneHannover, im Juli 2020
In meiner langjährigen Praxis mit Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum hatte ich viele berührende Begegnungen mit diesen besonderen Menschen. Eine Situation werde ich sicher nie vergessen: Einmal fragte mich der kleine, fünfjährige Albert mit seinen verwuschelten Haaren in einer Therapiestunde, warum Bill, sein Gruppenpartner, so kauzig sei. Dieses Wort »kauzig« aus dem Munde eines kleinen Jungen zu hören war schon besonders. Die Frage erstaunte mich jedoch insofern umso mehr, als mir Albert mit seiner enthusiastischen Art, Schnecken zu sammeln, selbst als sehr skurril und kauzig aufgefallen war.
Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem Autismus-Spektrum verarbeiten die Eindrücke aus ihrer Umwelt sehr individuell. Aufgrund einer anderen Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung haben sie besondere Schwierigkeiten in den Bereichen Kommunikation und Sozialverhalten. So führt z. B. ihr wortwörtliches Sprachverständnis im Alltag oft zu Missverständnissen. Ein Teufelskreis von gegenseitiger Ablehnung beginnt. Die Betroffenen kämpfen in der Folge nicht nur mit einem erhöhten Stresslevel, sondern leiden in der Regel auch unter einem geringen Selbstwertgefühl und oft zusätzlich an Depressionen und Ängsten.
Die meisten der bestehenden pädagogischen und therapeutischen Konzepte konzentrieren sich darauf, Unterstützung dahingehend anzubieten, dass diese Menschen an ihren autismusbedingten Schwachstellen gezielt trainieren, um sich so besser anpassen zu können. Demgegenüber erlebe ich immer wieder, wie hilfreich es für meine Klienten ist, dass sie achtsam für ihre autismusspezifischen Bedürfnisse werden. Auch fällt es ihnen meist schwer wahrzunehmen, was ihnen bereits alles gelingt. Zu intensiv haben sie gelernt, dass sie an ihren Schwächen »arbeiten« müssen.
Anders ist eine Variation von richtig nimmt eine neue Sichtweise auf die Unterstützung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum ein. Bewusst verzichte ich in diesem Buch auf die Bezeichnung »Autismus-Spektrum-Störung«, wie sie laut der WHO (Weltgesundheitsorganisation) genannt wird. Diesem Buch liegt eine Haltung zugrunde, die Autismus nicht per se als Störung betrachtet. Stärken und Fähigkeiten werden gewürdigt und unterstützt, ohne autismusspezifische Probleme zu vernachlässigen.
Ich schließe mich der Äußerung von Phil Schwarz, Vizepräsident der Asperger’s Association of New England (AANE), an (Schwarz 2020):
»Ich glaube, dass Autismus so ein subtiler Mix von neurologischen Abweichungen von der Norm ist, dass man, wenn man ihn wirklich auf einer genetischen Ebene verhindern wollte, nicht nur die Kombination aus Behinderungen verhindern würde, die daraus entstehen, sondern auch Genius, Humor, Talent und nützliche unterschiedliche Arten zu denken und zu fühlen, Kunst zu schaffen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die ebenfalls aus diesen neurologischen Abweichungen resultieren können. Die meisten autistischen Menschen, die ich kenne, gehören zu den zutiefst menschlichen Personen, die ich kenne. Die Menschheit wäre weit, weit ärmer ohne Leute wie sie.«
Linus Müller, der Gründer von Autismus-Kultur.de schreibt in seinem Blog, dass es viele unterschiedliche autistische Menschen gibt:
»Wir sind alt oder jung, schwul oder transgender, Migrant*innen oder Geflüchtete, schwarz oder jüdisch, lernbehindert oder hochbegabt, depressiv oder obdachlos. Diese Vielfalt muss sich widerspiegeln in der Unterstützung für autistische Menschen.«
Bei so vielen unterschiedlichen Erscheinungsformen von Autismus wird deutlich, wie entscheidend es für eine gelungene Unterstützung ist, dass sie auf den jeweiligen Menschen individuell angepasst wird und Eigendynamiken berücksichtigt werden.
Menschen aus dem Autismus-Spektrum benötigen also unterschiedlichste Hilfen, je nach Grad der individuellen Abweichungen von der Norm. Entscheidend ist, dass man Methoden findet, die ihnen helfen, ihre Potenziale zu entdecken, wertzuschätzen und zum Ausdruck zu bringen. Dementsprechend ist es meine therapeutische Grundhaltung, gemeinsam mit dem Klienten neue Wege zu finden, wenn alte ausgetretene Wege nicht oder nicht mehr hilfreich sind. Entscheidend ist für mich die Erfahrung, dass Kreativität bei jedem anders aussieht und individuelle Zufriedenheit bei jedem auf andere Weise entsteht.
In meiner täglichen Arbeit begleite ich in der Regel Menschen aus dem Autismus-Spektrum, denen die Sprache als Ausdrucksmittel zur Verfügung steht. Eine Methode für solche Klienten ist die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie, kurz PEP®. Sie ermöglicht eine strukturierte und vorhersehbare Arbeitsweise, die neue Sichtweisen eröffnet. PEP beinhaltet verschiedene Techniken und Interventionsstrategien, die den Umgang mit heftigen Gefühlen oder belastenden Erlebnissen erleichtern und die Bearbeitung hinderlicher Beziehungsmuster, Glaubenssätze und Überzeugungen unterstützen.
Damit PEP wirksam eingesetzt werden kann, ist es wichtig, Vertrauen zu sich und zum Gegenüber aufzubauen. Kreative Angebote eignen sich dafür bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum sehr gut. Denn diese Menschen haben zu oft gehört, was sie alles lernen und woran sie »arbeiten« müssen. »Arbeiten« und »müssen« – das klingt nicht nach Lebensfreude und Leichtigkeit. Doch gerade Leichtigkeit, Zuversicht und Humor öffnen Wege, Neues zu entdecken und damit zu experimentieren.
Das gilt nicht nur für die Betroffenen selbst: Auch Eltern, Erzieher, Lehrer oder Therapeuten können die Herausforderungen leichter meistern, wenn sie eigene Ressourcen und Potenziale (wieder-)entdecken und sich von einschränkenden Glaubenssätzen lösen. Das in diesem Buch beschriebene Klopfen aus der PEP ist eine einfach zu erlernende Technik, die jeder selbst anwenden kann, um negative Gefühle und Glaubenssätze zu überwinden sowie Blockaden und Hindernisse für ein leichteres Miteinander aus dem Weg zu räumen.
Natürlich ist PEP keine neue »Wundermethode«. Manchmal ermöglicht sie eine erstaunlich schnelle Entlastung für den Anwender. Wenn sich nicht die gewünschte Entlastung einstellt, ist jedoch auch ein beständiges Anwenden – bei festsitzenden Blockaden auch mit Unterstützung eines darin geschulten Therapeuten – notwendig, um die gewünschte Veränderung herbeizuführen. Wenn sich beim Lesen dieses Buches und beim Anwenden der PEP also nicht gleich die gewünschte Wirkung zeigt, scheuen Sie sich nicht, sich Unterstützung zu holen.1
Die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie ist eine sehr hilfreiche Methode, um in der Begleitung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum neue Wege zu gehen. PEP zusätzlich mit künstlerischen Mitteln zu verknüpfen ist für mich als Kunsttherapeutin, aber auch für viele meiner Klienten, die eher visuell denken, eine weitere Quelle von Kraft. Und davon kann man bekanntlich nie genug haben.
Aber ich durfte auch zehn Jahre lang Künstler aus dem Autismus-Spektrum begleiten, die der Sprache gar nicht oder nur sehr reduziert mächtig waren. Wenn Sprache als Ausdrucksmittel nicht möglich ist, ist Kunst ein wunderbares Medium, um verborgene Potenziale zu entfalten. Kunsttherapeutische Interventionen helfen, die eigene Kreativität zu entdecken, dabei Stärken und Ressourcen zu erkennen und zu lernen, wie man diese wertschätzen kann. Das eigene aktive Handeln und Verwandeln von Farben, Formen und Materialien fördert das Erleben von Selbstwirksamkeit. Denn jeder hat ein noch nicht ausgeschöpftes Potenzial in sich!
Zu diesem Buch
Es werden zunehmend mehr wissenschaftliche Publikationen zu Autismus veröffentlicht. In ihnen werden die Symptomatik, diagnostische Kriterien, Häufigkeit und mögliche Ursachen ausführlich beschrieben und nach wissenschaftlichen Normen belegt und ausgewertet. Auch gibt es schon viele Bücher, in denen die Geschichte der Entdeckung dieser Besonderheiten bis hin zu den unterschiedlichen Therapieansätzen ausführlich geschildert sind. Im vorliegenden Buch stehen persönliche Erfahrungen mit Kindern und Erwachsenen aus diesem Wahrnehmungsspektrum im Vordergrund.
Wenn Sie als Psychotherapeut oder Coach mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum arbeiten, erfahren Sie hier, wie hilfreich es für die Betroffenen ist, wenn autismusspezifische Bedürfnisse und Potenziale (wieder) in den Vordergrund rücken.
Vielleicht begleiten Sie auch als Erzieher oder Lehrer Kinder und Jugendliche mit dieser besonderen Wahrnehmung und wollen deren Erleben besser nachvollziehen können? Hier erfahren Sie, wie hilfreich es ist, sich von alten Glaubenssätzen und destruktiven Gedanken zu befreien. Ein Wechsel von der Defizitorientierung zur Potenzialentfaltung und das Nutzbarmachen eigener Ressourcen ist dabei sehr förderlich.
Wenn Sie das Buch gelesen haben, wissen Sie,
•wie Menschen mit und ohne Autismus ihre Selbstbeziehung verbessern und mehr Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können und wie Sie als Therapeut beides nachhaltig aktivieren können;
•dass es Muster gibt, die für dysfunktionale Selbstbeziehungen und dysfunktionale Beziehungen zu anderen verantwortlich sind, und wie man diese auflösen kann.
Anhand von zahlreichen Behandlungsbeispielen werden konkrete Vorgehensweisen für unterschiedliche Therapiesituationen dargestellt. In den Kapiteln 1 bis 4 geht es um die Grundhaltung und grundsätzliche Vorgehensweise dieser Art der Unterstützung. Hier lohnt es sich, diese Kapitel in der gegebenen Reihenfolge nacheinander zu lesen.
Ab Kapitel 5 können Sie, wenn Sie gerade ein besonders Anliegen haben – z. B. mehr über den Umgang mit Überforderungen erfahren möchten –, direkt zu dem entsprechenden Kapitel springen.
PEP ist gut zu erlernen und eignet sich als Selbsthilfetechnik für die eigenständige Anwendung. Die Arbeitsblätter am Ende des Buches erleichtern das eigenständige Arbeiten mit dieser Klopftechnik. Zusätzliche Tipps für den Umgang mit neurotypischen Mitmenschen finden sich ebenfalls im Anhang.
Josephin LorenzHannover, im April 2020
1Wenn Sie PEP in Ihre professionelle Arbeit als Therapeut, Psychiater oder Lehrer integrieren wollen, ersetzt dieses Buch natürlich nicht die umfassende und detaillierte Ausbildung bei Michael Bohne.
Wie oft habe ich diesen Satz von verzweifelten Eltern und Lehrern gehört. Ihr Sohn oder der Schüler wolle partout nicht im Stuhlkreis sitzen, störe die Klasse, werde frech und sei respektlos. Diese Kinder gelten als unerzogen und schwierig. Zuschreibungen wie »starrköpfig«, »unkooperativ« oder »ungehorsam« werden zur Beschreibung autistischer Menschen jeden Alters häufig benutzt. Ihr Verhalten entspricht nicht den gesellschaftlichen Regeln, wirkt befremdlich und löst Unsicherheit oder sogar Ängste bei den Menschen im Umfeld aus. Was dem Verhalten allerdings vorausgeht – nämlich die Schwierigkeit, mit neuen Situationen oder Reizüberflutung zurechtzukommen –, bleibt für die Umgebung unsichtbar.
Oft bekommen Eltern den Rat, man müsse doch nur mal konsequent sein, dann würde dieses Verhalten schon aufhören. Leider wird das unerwünschte Verhalten jedoch durch sogenannte pädagogische Konsequenz oft noch schlimmer.
Was passiert da? Warum kann sich ein autistischer Junge, ein autistisches Mädchen nicht genauso verhalten wie alle anderen auch? Um das zu verstehen, ist es wichtig, die unterschiedlichen Arbeitsweisen unseres Gehirns zu kennen. Reize aus der Umwelt, die wir mit unseren Sinnesorganen aufnehmen, werden bei autistischen Menschen auf andere Art verarbeitet als bei Menschen ohne Autismus-Diagnose – oder wie die Wissenschaftler sagen: den »neurotypischen« Menschen. Mit bildgebenden Verfahren lässt sich manches von diesen Unterschieden sichtbar machen. Betrachten neurotypische Personen Fotos von Gesichtern, sind andere Hirnareale aktiv als bei Menschen mit Autismus. Dadurch, dass die Sinnesreize im Gehirn anders verarbeitet werden, kommt es bei Letzteren oft zu unterschiedlichen Reizempfindlichkeiten, wie z. B. zu
•hoher Empfindlichkeit oder Anfälligkeit für Reizüberflutung im akustischen und visuellen Bereich
•Über- oder Unterempfindlichkeiten gegenüber sensorischen Reizen
•Schwierigkeiten, Reize zu filtern oder zu differenzieren und/oder sensorische Informationen gleichzeitig zu verarbeiten
•gesteigerter Wahrnehmung von körpereigenen Geräuschen
•höherer Empfindlichkeit für leichte oder unerwartete Berührungen.
Auch wenn Autisten – wie alle anderen Menschen auch – einzigartig sind, weisen sie im Allgemeinen einige autismusspezifische Eigenschaften auf wie
•Besonderheiten in den verschiedenen Wahrnehmungsbereichen
•unübliches Lern- und Problemlösungsverhalten
•fokussiertes Denken und Spezialinteressen
•atypische (manchmal repetitive) Bewegungsmuster
•Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung
•Schwierigkeiten im Sprachverständnis und -ausdruck
•Schwierigkeiten im Verständnis und Ausdruck typischer sozialer Interaktionen.
Diese Eigenschaften führen jedoch auch zu besonderen Fähigkeiten, die aufgrund der autistischen Wahrnehmung in der Regel ausgeprägter sind als bei Menschen ohne Autismus, z. B.:
•Gegenstände oder Situationen nicht als »Ganzes« zu erfassen, sondern in ihren Details
•eher Unterschiede als Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und darauf zu fokussieren
•verborgene oder hintergründige Muster oder Figuren zu erkennen
•visuell-fotorealistisch, gegenständlich und assoziativ zu denken
•Wörter in Bilder umzuwandeln, Bilder zu speichern und wie eine Suchmaschine abzurufen
•visuell-strukturhaft, mathematisch, räumlich und assoziativ zu denken
•Dinge oder Wörter in Muster zu transferieren, zu speichern und abzurufen
•mit unerwarteter Kreativität zu beeindrucken
•eindrucksvolle Spezialinteressen zu entwickeln und in beachtenswerte Leistungen umzusetzen
•Stress oder belastende Situationen durch ein mentales oder physisches »Stimming«2 zu kompensieren bzw. zu bewältigen.
Die Kommunikation mit anderen ist für viele Autisten im Alltag eine Herausforderung, da sie die nonverbalen Signale (Mimik, Gestik) oft nicht so schnell deuten oder Doppeldeutigkeiten nicht erkennen können. Von außen wirkt es so, als hätten Personen aus dem Autismus-Spektrum wenig »Empathie«. Sie können sich nicht (gut) in neurotypische Personen hineinversetzen. Allerdings ist das andersherum genauso: Für viele Menschen ohne Autismus-Diagnose ist es ebenso schwierig, die autistische Wahrnehmung nachzuempfinden. Für Nichtautisten ist es also auch eine Herausforderung, diesen Perspektivwechsel zu vollziehen. Wenn ich von der speziellen autistischen Wahrnehmung erzähle, können Zuhörer ohne Autismus es immer wieder kaum glauben, dass man die Welt auch so anders wahrnehmen kann. Würden wir in diesem Fall dann ebenso von einem »Empathiedefizit» reden?
Bei allen Unterschieden zwischen Menschen mit und ohne Autismus gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Autistische und nichtautistische Personen reagieren auf Stress. Allerdings geraten autistische Personen wegen ihrer Reizempfindlichkeiten schneller in Stress. So kann zum Beispiel eine einfache Stundenplanänderung im schulischen Alltag das Stresslevel eines autistischen Schülers so extrem ansteigen lassen, dass es in seinem Gehirn zu einem »Absturz« kommt. So erklärte es mir ein Therapiekind: »Wenn das passiert ist, brauche ich 10 Minuten, um meinen ›Computer‹ (damit meinte er sein Gehirn) wieder für das nun stattfindende Fach ›hochzufahren‹!«
Bereits als Kinder haben Autisten wiederkehrende Schwierigkeiten, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu knüpfen. Besonders die unausgesprochenen Regeln der menschlichen Kommunikation bereiten ihnen zahllose Schwierigkeiten. Das gesprochene Worte, die Mimik, den Tonfall oder die Körpersprache ihres Gegenübers richtig zu deuten ist eine große Herausforderung – und sie reagieren daher oft auch nicht auf solche nonverbalen Signale. Die eigenen Emotionen über Mimik, Gestik oder Stimmlage so zu transportieren, dass es für Nichtautisten leichter verständlich wäre, ist ihnen kaum möglich.
Eine große Anzahl von Menschen aus dem Autismus-Spektrum können aufgrund ihrer Schwierigkeiten kein eigenständiges Leben führen und sind auf Hilfe, zum Teil auf intensive Betreuung, angewiesen. Manche lernen das Sprechen nie richtig, neigen zu selbstverletzendem Verhalten oder Wutausbrüchen. Andere leiden zusätzlich unter anhaltenden Schlafproblemen, Ess-Störungen oder Phobien.
Es gibt aber auch Autisten, die die gleichen Berufe ausüben wie Nichtautisten und ohne fremde Hilfe ihren Alltag leben. Inzwischen gibt es immer mehr Jugendliche und Erwachsene, die im Internet oder in Büchern über ihr Leben mit Autismus schreiben, bloggen oder die ihre Kunst veröffentlichen. Bei ihnen wird anschaulich, dass sie durch den Begriff »Autist« auf diesen einen Aspekt reduziert werden. Eine passendere Benennung zu finden, die die positiven Seiten im Sinne von autismuskompetenten Menschen betont, wäre hier wünschenswert.
Viele dieser Erwachsenen stören sich sehr an dem Begriff »Autismus-Spektrum-Störung«. Denn für sie ist ihre Wahrnehmung keine falsche, sondern eben eine andere Art der Wahrnehmung. Die Klimaaktivistin Greta Thunberg geht recht offen mit ihrem Asperger-Autismus um. »Ich habe Asperger, und das bedeutet, dass ich manchmal ein wenig anders bin als die Norm«, schrieb sie auf Facebook. »Doch unter den richtigen Umständen ist es eine Superkraft, anders zu sein.«
Für die Weltgesundheitsorganisation ist es eine psychische Krankheit, die Experten sprechen von einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung des Gehirns. Es wird von einer fehlenden »theory of mind« ausgegangen – der Fähigkeit, sich in ein Gegenüber hineinzuversetzen, die autistische Klienten nicht entwickeln. All das klingt für Personen mit Autismus und ihre Eltern erschreckend, düster und abwertend. Denn tatsächlich konzentriert sich die Diagnose auf die Schwächen autistischer Menschen.
Auticon, eine Firma, die sich auf die Anstellung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum spezialisiert hat, spricht von:
»Autismus ist kein Systemfehler, sondern ein anderes Betriebssystem.«
Fragt man Betroffene selber, so fühlen sie sich oft wie auf einem fremden Planeten. Den meisten fällt es schwer, zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Sie sind überempfindlich gegen Sinneseinflüsse – wie schmerzhaft gleißendes Licht, unerträglich lautes Stimmengewirr oder stechende Gerüche.
Dieses Gefühl, »wie vom anderen Planeten zu kommen«, wird in den meisten Fällen als negativ empfunden. Eigentlich wollen sie so sein wie die anderen und bemühen sich auch, durch ihr Verhalten nicht aufzufallen. Doch das gelingt ihnen meist nicht. Sie treten, wie Robin Schicha (2015) es in seinem Buch Außerirdische Reportagen vom Schulalltag beschreibt, »scheinbar in jedes Fettnäpfchen, das so auf dem Weg bereitsteht«.
Sie müssen sich die sozialen Regeln mühsam aneignen und erlernen sie nicht wie die anderen, intuitiv. Das wiederum löst bei ihnen das Gefühl aus, dass etwas an ihnen falsch sein muss. Denn alle anderen können ja offensichtlich ganz einfach mit diesen Regeln umgehen. Eigene Gefühle und Bedürfnisse werden unterdrückt. Oft haben diese Menschen deswegen nicht nur mit Schamgefühlen zu kämpfen, das zu sein, was sie sind, sondern auch mit der Furcht davor, das zu tun, was sie tun wollen. Es kommt vor, dass sie im Vorfeld eines möglichen Kontakts die Blicke der anderen als gegen sich gerichtet oder sogar als Verachtung interpretieren. Dieses Gefühl des Verachtetwerdens löst in den Betroffenen emotional fast immer eine Selbstentwertung aus – sie verurteilen dann bestimmte Eigenschaften und Bedürfnisse selbst und sehen sie nur noch negativ.
Hinzukommt, dass die Betroffenen sich mit ihrem »Anderssein« oft falsch verstanden fühlen. Ihr individuelles Verhalten wird in der Regel nicht wertschätzend als eine interessante Form der Bewältigung von Stress anerkannt. Im Gegenteil: Oft löst ihr Verhalten in Situationen, denen sie sich sowieso schon nicht gewachsen fühlen, im Umfeld zusätzlich Unfreundlichkeit oder sogar Abwehr aus. Das kann einen Teufelskreis von gegenseitiger Ablehnung und Zurücksetzung auslösen. Wenn ihr Verhalten dann von anderen als befremdlich empfunden und damit nicht anerkannt wird, leidet ihr Selbstwertgefühl enorm.
Donna Williams, Schriftstellerin und Künstlerin aus dem Autismus-Spektrum, beschreibt Autismus in ihrem Buch Wenn du mich liebst, bleibst du mir fern so (Williams 1994):
»Der Autismus ist etwas, das ich nicht sehen kann. Er hält mich davon ab, meine eigenen Wörter zu finden und zu benutzen, wenn ich es möchte. Oder er lässt mich all die Wörter benutzen und die albernen Dinge sagen, die ich nicht sagen will.
Der Autismus lässt mich alles gleichzeitig fühlen, ohne dass ich weiß, was ich fühle. Oder er schneidet mich davon ab, überhaupt etwas zu fühlen.
Der Autismus lässt mich die Wörter anderer Menschen hören, macht mich aber unfähig zu wissen, was die Wörter bedeuten. Oder er lässt mich meine eigenen Wörter sprechen, ohne dass ich weiß, was ich sage oder auch nur denke.«
Temple Grandin, eine führende Tierwissenschaftlerin in den USA, beschreibt ihre eigenen autistischen Wahrnehmungen so (Grandin 1997):
»Als ich klein war, waren auch laute Geräusche ein Problem. Sie fühlten sich oft an, als träfe der Bohrer eines Zahnarztes auf einen Nerv. Sie verursachten tatsächlich Schmerzen. Platzende Ballons erschreckten mich zu Tode, weil sich das Geräusch in meinen Ohren wie eine Detonation anhörte. Geringfügigere Geräusche, welche die meisten Menschen ausblenden können, lenkten mich ab. Als ich im College war, klang der Haartrockner meiner Zimmerkollegin wie ein startender Düsenjet …«
Auch Sean Barron (1998) beschreibt seine Wahrnehmung als Kind sehr eindrücklich:
»Mir ist klar, dass ich fast meine ganze Kindheit hindurch meine Mutter einfach nicht hörte. Ihre Bemühungen, geduldig und lieb zu mir zu sein, drangen einfach nicht bis zu mir durch. Ich schenkte ihren Wörtern genauso wenig Aufmerksamkeit wie dem Geräusch eines Wagens, der die Straße entlangfuhr. Ihre Stimme war lediglich Hintergrundgeräusch. Nur wenn sie anfing zu brüllen oder zu schreien, drang sie zu mir durch und holte mich für kurze Zeit aus meinem Schneckenhaus.«
Ähnliches beobachteten die Gehirnforscher Henry und Kamila Markram. Ihre persönlichen Erfahrungen mit ihrem autistischen Sohn ließen sie so lange forschen, bis sie eine für sie schlüssige Antwort auf die Probleme mit ihrem Sohn fanden. 2007 veröffentlichten sie erstmals ihre »Intense World Theory«. Diese Theorie beschreibt, dass autistische Personen ein überempfindliches Gehirn haben und im Gehirn der Betroffenen eine permanente Reizüberflutung stattfindet. Aus diesem Grund ziehen sich autistische Kinder in bestimmten Phasen der Entwicklung aus dem Sozialleben zurück. Die Konsequenzen sind Schwierigkeiten im Umgang mit den Reizen.
Neurowissenschaftler (Velazquez a. Galán 2013) konnten errechnen, dass die Gehirnaktivität bei autistischen Kindern im Ruhezustand durchschnittlich um 42 % höher liegt als bei den anderen.
Das Wissen, dass Menschen aus dem Autismus-Spektrum die Sinnesreize aus der Umwelt ganz anders verarbeiten, ist für mich als Therapeutin absolut wichtig. Wenn ein Kind extrem überlastet zu mir in die Therapiestunde kommt, mich anschreit, auf Sachen einschlägt oder auch sich selbst verletzt, ist es sehr hilfreich herauszufinden, was diesem Verhalten vorausgegangen ist. Was war los? Warum? Warum schreit, kratzt, beißt er/sie? (Siehe dazu Kapitel 5 »Das Wüte-Dings«)
In den letzten Jahren häufte sich die Anzahl von Autismus-Diagnosen. Es wurde nach ADHS als die nächste Modediagnose gesehen. Steve Silberman schreibt in seinem Buch Die geniale Störung jedoch dazu:
»Diese zunehmende Zahl von Autismus-Diagnosen wurde zunächst als Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Risikofaktoren, die sich irgendwo in unserer toxischen modernen Welt verbergen: Luftverschmutzung, maßlosen Videospielen, denaturierte Lebensmittel.
Unsere DNA erzählt eine andere Geschichte. In der letzten Zeit gelangten Forscher zu der Feststellung, dass die meisten Fälle von Autismus keineswegs auf seltene De-novo-Mutationen, also spontane genetische Veränderungen, die erstmalig bei einem Familienglied auftreten und nicht ererbt sind, sondern im Gegenteil auf uralte Gene zurückgehen, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind und in manchen Familien lediglich konzentrierter auftreten als in anderen. Was immer Autismus ist – er ist kein singuläres Produkt der modernen Zivilisation, sondern ein eigenartiges Erbe aus ferner Vergangenheit, das durch Millionen Jahre der Evolution weitergegeben wurde.«
Es gab Autismus also schon immer, nur der Umgang mit den betroffenen Menschen hat sich mit der Zeit gewandelt. Je nach Beeinträchtigung wurden sie vielleicht in Heime abgeschoben, waren in ihren Familien als »Eigenbrötler« akzeptiert oder konnten sich bestenfalls auf Berufe spezialisieren, die ihren Fähigkeiten entsprachen. Schon immer gab es eine Bandbreite von Erscheinungsformen des Autismus und davon, wie das Umfeld damit umgegangen ist.
Heute gibt es verschiedene Therapiemöglichkeiten für Menschen aus dem Autismus-Spektrum, um kognitive und sprachliche Fertigkeiten zu entwickeln, die soziale Interaktion und Kommunikation zu trainieren und den Betroffenen somit ein Leben im sozialen Umfeld zu erleichtern. Die bisher etablierten und von der Wissenschaft als effektiv angesehenen Therapieverfahren basieren alle auf verhaltenstherapeutischen und übenden Ansätzen. Zusätzlich kann eine Vermittlung von wissenschaftlich fundiertem Wissen über Autismus den Betroffenen sowie deren Umfeld wie Eltern, Verwandte, Erzieher und Lehrer helfen, das Verständnis von Autismus und den Umgang damit zu verbessern.
In der Regel liegt in der Unterstützung der Betroffenen der Schwerpunkt bislang auf dem Erlernen von Fähigkeiten, die sie noch nicht beherrschen. Die dabei angewendeten Lehrkonzepte können den Menschen mit Autismus unter Umständen schwerfallen und in der Folge Stress auslösen. Je gestresster autistische Menschen sind, desto mehr neigen sie zu unerwarteten Verhaltensweisen. Übrigens ist es bei Menschen ohne Autismus sehr ähnlich: Je gestresster diese Personen sind, desto »verhaltens-origineller« werden sie.
Ein weiteres Phänomen wurde durch eine Studie der Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) deutlich – diese zeigt, dass Personen aus dem Autismus-Spektrum trotz größeren Hilfebedarfs und häufigerer Gedanken an eine ambulante Psychotherapie signifikant weniger Therapien gemacht haben. Laut dieser Studie lehnen Psychotherapeuten sie häufig mit der Begründung ab, sich mit der Diagnose nicht auszukennen. Personen aus dem Autismus-Spektrum haben also oft das Gefühl, dass eine ambulante Psychotherapie für sie schwierig zu bekommen ist. Die meisten Teilnehmer der Studie (85 %) empfanden die Kontaktaufnahme zu einem Psychotherapeuten erschwert (AFK 2015).
Das spricht deutlich für die Notwendigkeit des Wandels zu einer neuen Form der Psychotherapie, die Menschen aus dem Spektrum darin unterstützt, Stress abzubauen und ihre Stärken auszubauen. An dieser Stelle ist PEP für mich als Therapeutin eine wichtige Erweiterung der bisherigen psychotherapeutischen Ansätze. Zusätzlich wäre eine bessere Wissensvermittlung von autismusbedingten Stärken und Schwächen in den psychotherapeutischen Ausbildungen wünschenswert.
Diese Notwendigkeit des Wandels wird zunehmend auch von Fachleuten formuliert. So fordert Georg Theunissen (2014) in seinem Vortrag »Das Autismus-Verständnis im Wandel – von der Tradition zur Innovation« folgende Konsequenzen für die Begleitung von Menschen aus dem Autismus-Spektrum:
•Prävention in Bezug auf Stress oder Situationen, die womöglich Stress erzeugen
•Methoden zur Bewältigung von Stress und Würdigung
•Nutzung von Stärken und Spezialinteressen
Ausführlich hat er seine Standpunkte in dem Buch Menschen im Autismus-Spektrum: Verstehen, Annehmen, Unterstützen beschrieben.
Georg Theunissen folgend ist Prävention in Bezug auf Stress oder Situationen, die Stress erzeugen, ein wichtiger Punkt, der in der Autismus-Therapie zu beachten ist.
Wir alle wissen, wie wichtig es ist, Stress zu vermeiden. Auch ist uns bekannt, dass körperlicher und seelischer Stress auf die Dauer nicht gesund ist. Dennoch fühlen sich heutzutage immer mehr Menschen von Stress belastet. Kinder und Jugendliche haben Stress in der Schule, Studenten an der Uni, Erwachsene im Job. Wichtig ist es, dass Menschen mit und ohne Autismus erst mal erkennen, wo und warum sie Stress erleben, wie sie ihn ggf. reduzieren können oder wie sie mit unvermeidbarem Stress besser umgehen können.
