Angst vor den "Ostjuden" - Dan Michman - E-Book

Angst vor den "Ostjuden" E-Book

Dan Michman

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Beschreibung

Die Nazis haben bereits vor Beginn des Ostfeldzuges gegen die Sowjetunion allein bei der Eroberung von Polen 2,5 Mio. Juden (d.h. fünfmal so viele wie im Deutschen Reich) vorgefunden. Gleich nach der Besetzung des Landes im September 1939 begannen sich Ghettos auszubreiten, die schließlich zum Symbol für jüdisches Leben während des Holocausts werden sollten. Über die Ursachen für die Entstehung von Ghettos in den besetzten Ländern ist bislang kaum geforscht worden. Warum griffen die Nationalsozialisten auf die historische Bezeichnung "Ghetto" zurück? Warum nahm sie in der Verwaltungspraxis der Deutschen höchst unterschiedliche Bedeutungen an? Wie veränderte sich die Bezeichnung während des Holocausts, und welche Funktionen hatten die Ghettos? Warum blieb das Phänomen nahezu ausschließlich auf Ost(mittel)europa begrenzt? Der Autor zeigt, dass die von den Nazis errichteten Ghettos eine Reaktion auf die Wahrnehmung der polnischen Juden als besondere Gefahr ("schädlicher Einfluss", "Pestbeulen") gewesen ist, die man durch Absonderung "einzudämmen" trachtete. Die Ghettos waren das Ergebnis der Verinnerlichung extrem antisemitischer Feindbilder als Folge eines "antisemitischen Wahns" (Michman), der den beflissenen Dienern des NS-Regimes vor Ort geradezu grenzenlose Handlungsspielräume eröffnete. Die neuen Ghettos trugen zur Verschärfung der nationalsozialistischen "Judenpolitik" bei und wurden zu Stätten entsetzlichen Leidens und hohen Todesraten. Gleichwohl waren sie – anders, als dies die meisten Historiker bislang angenommen haben –, keine Vorstufe der "Endlösung der Judenfrage", die ab 1941 Millionen von Juden das Leben kostete.

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Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Dan Michman

Angst vor den »Ostjuden«

Die Entstehung der Ghettos während des Holocaust

Aus dem Englischen übersetzt von Udo Rennert

Fischer e-books

Die Zeit des NationalsozialismusEine BuchreiheHerausgegeben von Walter H. Pehle

Zum Gedenken an meinen Vater

Dr.Jozeph Michman (Melkman)

(Amsterdam, 2. April 1914 – Jerusalem, 20. Februar 2009)Zionistischer Führer, Lehrer, Holocaustüberlebender, Historiker und Mitgestalter des kulturellen Lebens in Israel

Meinem lebenslangen persönlichen und akademischen Mentor

Die Publikation dieses Buches wurde ermöglicht durch die Unterstützung des Arnold and Leona Finkler Institute of Holocaust Research, des Samuel Braun Lehrstuhls über die Juden in Preußen, der Israel und Golda Koschitzky Stiftung der Abteilung jüdische Geschichte und des Büros des Vice President for Research der Bar-Ilan-Universität.

Einleitung

»Ich werde kurz eine Reihe von Fragen aufzählen und formulieren, die bislang kaum näher untersucht wurden und die eine sorgfältige und grundlegende Aufklärung erfordern […] Die äußeren und inneren Ghettoeinrichtungen; die Unterschiede zwischen den mittelalterlichen Ghettos und denen der Nationalsozialisten in ihrer Anlage und ihren Zwecken; die Rolle solcher Schöpfungen wie Sammelghetto, Durchgangsghetto etc. Natürlich müssen die externen und internen Aspekte des Ghettolebens ebenfalls berücksichtigt werden.«

Philip Friedman, »Problems of Research on the European Jewish Catastrophe« (1959; in: Roads to Extinction, 1980)

Das Ghettophänomen war von zentraler Bedeutung für das jüdische Leben unter dem NS-Regime und ist ein Grundpfeiler des Wissens um den Holocaust und der Erinnerung daran. Die vorherrschende Vorstellung vom Schicksal der Juden während des Holocaust ist die, dass die Deutschen sie als ein systematisches Element ihrer Judenpolitik in Ghettos zusammengefasst hätten und dass in Gebieten, in denen die Nationalsozialisten (aus welchen Gründen auch immer) nicht so verfuhren, dennoch erste Schritte einer Ghettoisierung unternommen wurden, womit eine Absonderung von Juden ohne sichtbare Mauern oder Zäune gemeint war. Inzwischen gibt es zahlreiche Untersuchungen, die sich mit einzelnen Ghettos befassen, hauptsächlich in Polen und in Litauen und in geringerem Umfang auch in anderen Regionen. Es gibt zudem ausführliche Schilderungen in den so genannten Jiskor-Büchern (Gedenkbücher über lokale jüdische Gemeinden, von denen in den vergangenen sechs Jahrzehnten etwa 1400 publiziert wurden) und in Erinnerungen Überlebender (ein Genre, das heute Tausende Veröffentlichungen umfasst). Diese Literatur vermittelt uns ein facettenreiches Bild vom Leben in einer sehr geringen Zahl von Ghettos.

1959 versuchte Philip Friedman, einer der führenden Holocaustforscher der unmittelbaren Nachkriegsperiode, die Ziele der Holocaustforschung zu definieren, die damals noch in den Kinderschuhen steckte:

»Um zu vermeiden, lediglich abstrakte Begriffe abzuhandeln, werde ich eine Reihe von Fragen benennen und kurz beschreiben, die bislang kaum untersucht wurden und einer sorgfältigen und grundlegenden Aufklärung bedürfen.

Das Ghetto und der Judenrat: Wir haben es mit einer Form jüdischer Selbstverwaltung zu tun, doch tatsächlich ist diese Selbstverwaltung nichts anderes als ein Hohn auf diesen Begriff, da die Nationalsozialisten die Ideen einer jüdischen Autonomie und eines eigenen Territoriums in den Schmutz gezogen haben, um die Bevölkerung zu täuschen und in die Irre zu führen. Weitere Probleme sind: die äußeren und inneren Ghettoeinrichtungen; der Unterschied zwischen dem mittelalterlichen und dem nationalsozialistischen Ghetto in der Anlage und dem mit ihm verbundenen Zweck; die Rolle solcher Schöpfungen wie Sammelghettos, Durchgangsghettos etc. Natürlich müssen auch die externen und internen Aspekte des Ghettolebens berücksichtigt werden.«[1]

Erstaunlicherweise hat sich jedoch die Forschungsliteratur niemals systematisch und tiefschürfend mit einer Reihe grundlegender Fragen zur Entstehung und zur Natur dieses Phänomens beschäftigt. Wann genau hat die Idee der Errichtung von Judenghettos im Denken der für die »Judenpolitik« Verantwortlichen des NS-Regimes Gestalt angenommen? Waren die näheren Umstände das Ergebnis einer geregelten und überlegten Planung (wie von vielen angenommen wird) oder resultierten sie aus lokalen Zwängen, ohne vorherige Vorbereitungen (wie in manchen Untersuchungen angedeutet wird)? Wer unterstützte diese Idee eines Ghettos und wer war dagegen? Welches waren ihre Ursprünge? Warum schlug der Begriff »Ghetto« Wurzeln (und in welchem Bezug steht er zu alternativen Begriffen, die der nationalsozialistische Diskurs für dasselbe Phänomen gebrauchte)? Wie viele Ghettos gab es? Zu welchem Zweck wurden sie tatsächlich gebraucht? Ging ihre Errichtung Hand in Hand mit der Entwicklung der Idee der »Endlösung«? Sollte man den Begriff »Ghettoisierung«, der sich aus dem Substantiv »Ghetto« ableitet, auch auf die Maßnahmen der Ausgrenzung und Konzentration anwenden, die gegen die Juden in Regionen gerichtet waren, in denen gar keine Ghettos errichtet wurden (etwa in Westeuropa)? Waren die Judenräte – ein weiterer fundamentaler Bestandteil der Geschichte des Holocaust und seines Gedenkens – intrinsisch mit dem Phänomen der Ghettos verbunden?

Einige dieser Fragen blieben unbeantwortet, da es als unumstößlich galt, dass Ghettos feste Bestandteile der nationalsozialistischen Judenpolitik gewesen seien.[2] Doch eine sorgfältige Untersuchung des reichen Quellenmaterials, das uns zur Verfügung steht, und der wissenschaftlichen Literatur über die nationalsozialistische Judenpolitik vor allem aus den letzten Jahren macht offenbar, dass diese Annahme auf einer Täuschung beruht: Die zentralen Stellen des NS-Regimes haben zu keiner Zeit eine klare und eindeutige Definition erarbeitet, was ein Ghetto war oder sein sollte. Außerdem verfügen wir über kein einziges bedeutendes Dokument, das auf die Quellen des Ghettobegriffs, seine Essenz und die Methoden seiner Umsetzung verweist. (In einem späteren Kapitel werde ich die Bedeutung von Reinhard Heydrichs bekanntem »Schnellbrief« vom 21. September 1939 erörtern, der häufig als unwiderleglicher Beweis angesehen wird.)[3] Deutsche Dokumente aus jener Zeit, verfasst von Beamten, die an der Errichtung von Ghettos beteiligt waren, führen jedoch im Gegenteil ganz unterschiedliche Gründe und Erklärungen für deren Notwendigkeit und Einrichtung an, was zeigt, dass sie selbst über die Ursprünge der Idee und ihre eigentlichen Zwecke keine klaren Vorstellungen hatten.

In der vorliegenden Untersuchung werde ich versuchen, eine Antwort auf die oben gestellten Fragen zu geben – anscheinend der erste Versuch dieser Art (abgesehen von einem Aufsatz Philip Friedmans, der vor mehr als fünfzig Jahren geschrieben wurde).[4] Meine Erörterung wird sich auf die Geschichte der Semantik und der kulturellen Kontexte des Begriffs »Ghetto« konzentrieren. Die meisten Autoren der bisherigen Behandlungen des Ghettophänomens während des Holocaust haben versucht, sich ihm unter einer administrativen und organisatorischen Perspektive zu nähern, und haben die sprachlichen und kulturellen Aspekte völlig übergangen. Ich bin überzeugt, dass in diesem Fall ein zugleich kultureller, sprachlicher und semantischer Zugang ergiebiger sein wird als die bisherigen Ansätze. Ich bin mir dessen bewusst, dass dieser neuartige Ansatz neue Fragen aufwerfen wird, deren Beantwortung einer künftigen Forschung vorbehalten bleibt. Doch wenn die hier vorgetragene Hypothese den Anstoß zu einer erneuten Diskussion eines Themas auslösen sollte, das für den Holocaust von so zentraler Bedeutung ist, hat sie ihren Zweck erfüllt.

Die hier vorgetragenen Überlegungen haben sich im Verlauf der ersten Monate des Jahres 2007 herauskristallisiert, als ich in meiner Funktion als Chefhistoriker in Yad Vashem mit der Abfassung einer Einleitung zur The Yad Vashem Encyclopedia of the Ghettos During the Holocaust begann, die zwei Jahre später erschienen ist. Bereits 2005, während der ersten Beratungen des Lexikon-Teams, stellte sich die Frage, welche Orte darin Eingang finden sollten. Während dieser Diskussionen wurde uns etwas klar, das zwar bekannt, aber bislang nicht ausreichend gewürdigt worden war, nämlich die Tatsache, dass die NS-Bürokratie zu keiner Zeit wirklich definiert hatte, was sie eigentlich unter dem Begriff »Ghetto« verstand. Unter dem Druck, eine eigene Definition anzubieten, einigten sich die Mitarbeiter der Enzyklopädie auf die folgende: »Jede Konzentration von Juden unter Zwang länger als ein Monat in einem klar abgegrenzten Wohnbezirk einer bereits bestehenden Ansiedlung (Großstadt, Kleinstadt oder Dorf) in Gebieten, die von Deutschland oder seinen Verbündeten kontrolliert wurden.« Mit dieser Definition wurden verschiedene Muster konzentrierten Wohnens erfasst – Wohnviertel, Straßen, Gruppen von Gebäuden – nicht jedoch einzelne Gebäude wie die »Judenhäuser« oder Kasernen –, und sie erforderte nicht die Existenz einer jüdischen Verwaltung, auch wenn diese Komponente häufig vorhanden war. Gleichzeitig entwickelte eine Gruppe am United States Holocaust Memorial Museum in Washington eine geringfügig andere Definition eines »Ghettos« für ihre mehrbändige Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, deren erster Band ebenfalls 2009 erschien. Das keineswegs triviale Problem, das sich hier stellte, machte eine systematische Untersuchung notwendig. The Yad Vashem Encyclopedia of the Ghettos During the Holocaust enthält eine knappe Version meiner These; das vorliegende Buch ist eine wesentlich ausführlichere und reichhaltig mit Belegen gestützte Version.

Auch wenn die ursprünglichen Fragen von mir selbst gestellt wurden, haben zahlreiche Freunde und Kollegen dazu beigetragen, Probleme zu klären und die Ideen und Antworten zu entwickeln. Zuerst und vor allem danke ich meinen Kollegen am Yad Vashem International Institute for Holocaust Research und der Arbeitsgruppe, die am Zustandekommen der Encyclopedia of the Ghettos beteiligt waren: Prof. David Bankier, der leider im Februar 2010 gestorben ist, Dr.Tikva Fatal-Kna’ani, Dr.Bella Gutterman, Prof. Guy Miron, Dr.Leah Preiss, Dr.Arkadi Zeltser, Shulamit Shulchani und Ruth Schachak. Zu nennen sind ferner Personen, die mir behilflich waren, indem sie Dokumente beschafft und Ratschläge gegeben und den Entwurf und meinen ersten Vortrag über dieses Thema kommentiert haben, den ich am 3. Mai 2007 als jährliche John Najmann-Vorlesung in Yad Vashem gehalten habe: Dr.Natalya Aleksiun, Prof. Gershon Bacon, Dr.Avi Barkai, Dr.Nicolas Berg, Dr.Jochen Böhler, Dr.Martin Dean, Dr.Chavi Dreyfus–Ben Sasson, Dr.Diana Dumitru, Mali Eisenberg (Gotdiner), Dr.Chava Eshkoli, Dr.Kiril Feferman, Dr.Ronit Fischer, Dr.Klaus-Peter Friedrich, Dr.Kinga Frojimovics, Prof. Gershon Greenberg, Dr.Pim Griffioen, Matthias Holzberg, Dr.Rita Horvath, Dr.Wendy Lower, Dr.Jürgen Matthäus, Dr.Avraham Milgram, Dr.Alexandra Namyszło, Prof. Benjamin Ravid, Dr.Shlomo Shafir, Dr.Margalit Shlain, Prof. Alan Steinweis, Prof. Kenneth Stow, Nina Shpringer, Prof. Kerstin Stutterheim und Prof. Yfaat Weiss.

Mein Dank geht auch an die anonymen Lektoren der Cambridge University Press, deren hilfreiche Kommentare mir die Möglichkeit verschafft haben, den Aufbau und die Schlussfolgerungen dieses Buchs zu verbessern. Ganz besonderen Dank schulde ich dem im August 2009 verstorbenen Prof. Alan Zuckerman. Er hatte meinem erwähnten Vortrag beigewohnt und anschließend einen Kontakt zur Cambridge University Press hergestellt, der die englische Veröffentlichung ermöglichte. Diese liegt der deutschen Fassung zugrunde. An dieser Stelle danke ich Prof. Dr.Walter Pehle, der dieses Buch in die einflussreiche »Schwarze Reihe« seines Verlags aufgenommen hat. Udo Rennert hat den Text hervorragend ins Deutsche übersetzt, korrigiert und verbessert und meine Aufmerksamkeit auf Probleme in der ursprünglichen Fassung gelenkt; hierfür bin ich ihm aufrichtigen Dank schuldig. Finanziell gefördert wurde die Übersetzung ins Deutsche vom Samuel-Braun-Lehrstuhl über die Juden in Preußen unter der Leitung von Professor Shmuel Feiner, der Israel und Golda Koschitzky-Stiftung der Abteilung jüdische Geschichte und dem Büro des Vice President for Research an der Bar-Ilan Universität, deren Lehrkörper ich seit über drei Jahrzehnten angehöre.

Noch während ich im Juli 2009 mit dem Lektorat der Endfassung des Manuskripts beschäftigt war, wurde mir unerwartet eröffnet, dass ich mich dringend einer Herzoperation unterziehen müsse. Ich möchte aus tiefstem Herzen meinem Freund und Kardiologen Dr.Yeda’el Har-Zahav Dank sagen, der mich ohne Komplikationen und mit unendlicher Fürsorge durch diese Prozedur geleitet hat, und seiner Frau Ilana, die ihm hilfreich zur Seite stand. Mein Dank und meine aufrichtige Wertschätzung gilt auch Dr.Ehud Raanani, dem Leiter der kardiologischen Abteilung, und dem leitenden Herzchirurgen Dr.Ami Sheinfeld im Sheba Medical Center, der die Operation erfolgreich und mit freundlicher Aufmerksamkeit ausgeführt hat. Das fachliche Können und die Herzlichkeit der gesamten Belegschaft der Abteilung für Herzchirurgie haben wesentlich zu meinem schnellen Genesungsprozess beigetragen.

Schließlich und endlich möchte ich meinen tiefsten Dank meiner Frau Bruria aussprechen, mit der ich fast vier Jahrzehnte lang das Labyrinth des Lebens durchwandert habe. Ihre nie nachlassende Unterstützung und Liebe, zumal in schweren Zeiten, machen alles was ich tue leichter. Außerdem bewogen mich ihre klugen Fragen zu der in diesem Buch vorgetragenen These, die sie während eines Abends im Februar 2007 beim gemeinsamen Joggen gestellt hatte, nach dem endgültigen Bindeglied zu suchen, das den Kreis schloss. Ich fand es schließlich in dem 1938 erschienenen Buch von Peter-Heinz Seraphim, Das Judentum im osteuropäischen Raum.

1. KapitelHistoriographie und gängige Vorstellungen

»Die den Ghettoisierungsprozeß einleitenden Vorbereitungsschritte bestanden aus Kennzeichnungsmaßnahmen, Bewegungsbeschränkungen und der Bildung jüdischer Kontrollorgane. […] Die drei Vorbereitungsschritte – Kennzeichnung, Bewegungsbeschränkungen und die Errichtung eines jüdischen Kontrollapparats – erfolgten bereits in den allerersten Monaten der Zivilverwaltung (in Polen). […] In diesem Buch wird uns das Ghetto nur als ein Kontrollmechanismus in den Händen der deutschen Bürokratie interessieren. Für die Juden war das Ghetto eine Lebensform; für die Deutschen war es eine Verwaltungsmaßnahme.«

Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden (1961, dt. Ausg. 1990)

»Ghettoisierung. Die Errichtung der Ghettos stellte eines der wirkungsvollsten Mittel dar, um die jüdische Bevölkerung einer totalen Kontrolle und Ausbeutung zu unterwerfen. Beim Beginn der Massenmorde waren sie zudem riesige Gefängnisse, aus denen die Nationalsozialisten ihre Insassen in die Vernichtungslager schicken konnten. […] Die Ghettos waren ein Meilenstein auf dem Weg zum Genozid.«

Michael Alberti, »›Exerzierplatz des Nationalsozialismus‹. Der Reichsgau Wartheland 1939–1941« (2004)

»Die Entfernung der Juden aus dem städtischen Raum war Teil eines umfassenderen Prozesses der Entfernung aus der politischen Lage und aus dem deutschen Lebensraum. Das endgültige Ziel war es, alle diese Räume judenrein zu machen. Während der Raum der neuen Großstadt den arischen Deutschen vorbehalten blieb, war das Ghetto der städtische Raum, der den Juden zugewiesen wurde.«

Boaz Neumann, Die Weltanschauung des Nazismus. Raum – Körper – Sprache (2010)

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, war die am meisten verbreitete Vorstellung von der jüdischen Erfahrung unter dem NS-Regime bis zum Beginn der »Endlösung«, dass sie in Ghettos gelebt hätten. Nun trifft es zwar zu, dass viele überlebende Juden aus den verschiedensten Ländern – Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien, Dänemark, Norwegen, von der Insel Rhodos und anderen Regionen – bezeugen konnten, dass es in keinem der genannten Länder oder Regionen Ghettos gegeben hatte. Dennoch setzte sich diese Vorstellung bereits während des Holocaust durch, als sich – vor allem in Erez Israel/Palästina (aber nicht nur dort) – das Warschauer Ghetto als das Beispiel dafür in das öffentliche Bewusstsein einprägte, was den Juden unter der Herrschaft des Nationalsozialismus widerfahren war.[5] Die starke Wirkung des Warschauer Aufstands im April 1943 verstärkte diese Wahrnehmung. Später, als ein großer Teil der ersten jüdischen Forschung zum Holocaust von geborenen Polen und Litauern betrieben wurde – darunter Samuel Gringauz,[6] Philip Friedman,[7] Nachman Blumenthal,[8] Meir (Mark) Dworzecki[9] und andere –, rückte das polnische oder polnisch-litauische Modell im öffentlichen Denken und den historischen Untersuchungen in den Vordergrund. Dieses Modell legt den Schwerpunkt auf die wenigen großen Ghettos, über die uns zahlreiche und unterschiedliche schriftliche Belege zur Verfügung stehen: unter anderem über Warschau, Lodz (Łódź), Bialystok, Wilna (Vilnius) und in geringerem Umfang über Lublin, Krakau und Kauen (Kaunas).[10] Es trifft zwar zu, dass in diesen Ghettos viele Juden (alles in allem eine dreiviertel Million) konzentriert waren, was im Hinblick auf die Erinnerung an diese Periode die Bedeutung rechtfertigt, die dem Leben im Ghetto zugeschrieben wird. Doch prozentual gesehen – und nur darauf kommt es für ein umfassendes Verständnis des Phänomens an – entfiel auf diese Städte nur ein äußerst geringer Bruchteil der ungefähr 1140 Ghettos, die zu verschiedenen Zeiten existierten, nicht nur in Polen, sondern auch in der Sowjetunion, in Rumänien und Ungarn (sie alle sind aufgeführt in The Yad Vashem Encyclopedia of the Ghettos During the Holocaust). Doch aufgrund der herrschenden Stellung des polnischen »Modells«, das sich auf eine äußerst geringe Zahl von Ghettos stützte, wurden die Maßnahmen zur Isolierung der Juden von ihrer Umgebung entsprechend der judenfeindlichen Politik der Nationalsozialisten selbst dort als »Ghettoisierung« bezeichnet, wo es gar keine eingerichteten Ghettos gab.[11]

Es gab noch ein weiteres Motiv hinter dem Versuch, das Ghetto als ein alle Juden betreffendes Phänomen darzustellen: den Wunsch, zu einem tieferen Verständnis der inneren Logik der judenfeindlichen Politik des NS-Regimes zu gelangen, indem man zu seinen Ursprüngen zurückkehrte. Infolgedessen wurden die Ghettos – mit Recht – nicht nur als eine Wiederkehr des Ghettos in Zeiten vor der Judenemanzipation beschrieben und verstanden, sondern auch als ein wesentliches Element in einem umfassenderen Bild. Und weil während der ersten Jahrzehnte nach dem Holocaust (und auf jeden Fall unter jüdischen Forschern) der Intentionalismus vorherrschte (d.h. die Hypothese, dass sich die judenfeindlichen Maßnahmen des Dritten Reiches aus einer von Anfang an bestehenden bösartigen und systematischen Vorstellung einer totalen Vernichtung entwickelt hätten),[12] sah man im Ghetto und der Ghettoisierung eine eindeutige Eskalation in der Umsetzung dieser Politik. Die Historiker nahmen an, dass ein derart signifikantes Phänomen nur das Ergebnis einer bewussten Planung gewesen sein konnte.

Gringauz, einer der bedeutendsten Intellektuellen unter den Überlebenden der DP-Lager, versuchte den Holocaust zu verstehen, indem er begriffliche Werkzeuge benutzte;[13] gegen Ende der vierziger Jahre stellte er die Hypothese auf, eine Möglichkeit, das Phänomen zu verstehen, bestehe darin, das Ghetto in seiner äußeren Form zu betrachten (der »morphologische Blick«), als »eine der Formen der Massenvernichtung in der großen jüdischen Katastrophe von 1939 bis 1945, welche die Liquidierung der osteuropäischen Ära jüdischer Geschichte auslöste«.[14] Léon Poliakov, ein französischer Jude polnischer Abstammung und der erste Historiker, der gegen Ende der vierziger Jahre eine umfassende Geschichte des Holocaust geschrieben hatte, erklärte in seinem Kapitel über das Schicksal der polnischen Juden nach der deutschen Invasion im September 1939 (»Die entfesselte Verfolgung«), die allgemeine deutsche Politik in Polen habe dem Programm Heydrichs entsprochen, nämlich dessen Schnellbrief vom 21. September 1939, die Juden abzusondern, in Ghettos zu konzentrieren und als Zwangsarbeiter einzusetzen, bis die Umstände ihre »totale« Evakuierung ermöglichten. Schließlich sei eine systematische Politik der Ghettoisierung eingeführt und das Łódźer Ghetto als erstes errichtet worden.[15]

In der Einleitung zu seinem programmatischen Aufsatz über die Ghettos schrieb Friedman, dieser befasse sich »mit der NS-Politik, die Juden als einen ersten Schritt auf dem Weg zum Genozid in Ghettos sperrte«.[16] Diese Idee war auch keineswegs absurd: Ganz ähnlich hatte sich Eichmanns Stellvertreter Dieter Wisliceny im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher geäußert.[17]

Diese Auffassung setzte sich in der Literatur weitgehend durch, nachdem Raul Hilberg 1961 sein Standardwerk The Destruction of the European Jews veröffentlicht hatte.[18] Hilberg war kein Intentionalist und glaubte nicht, dass die Nationalsozialisten bereits in den ersten Jahren nach Hitlers Machtergreifung eine »Endlösung der Judenfrage« im Sinn hatten; deshalb gab es für ihn auch keinen Grund, die Ghettos als eine Vorstufe der »Endlösung« anzusehen. Dessen ungeachtet versuchte er, den Holocaust mit Hilfe eines Modells sich entfaltender bürokratischer Maßnahmen zu verstehen. Für ihn gab es eine lineare Progression (oder vielleicht eher Regression) von der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bis zum Unternehmen einer systematischen Ermordung, die 1941 einsetzte. Eine der Phasen dieser Eskalation, die von Hilberg angeführt werden, war die »Konzentration« der Juden, begleitet von einer Reihe von Maßnahmen (einschließlich ihrer Kennzeichnung durch den gelben Stern) mit dem Ziel, sie zu isolieren und von der allgemeinen Bevölkerung abzusondern und zu kontrollieren. Er bezeichnete diese Phase als »Ghettoisierung«, unabhängig davon, ob ein konkretes Ghetto eingerichtet wurde oder nicht, und definierte das Ghetto als einen »Kontrollmechanismus«.[19] Hilberg schreibt:

»Die den Ghettoisierungsprozeß einleitenden Vorbereitungsschritte bestanden aus Kennzeichnungsmaßnahmen, Bewegungsbeschränkungen und der Bildung jüdischer Kontrollorgane. […] Die drei Vorbereitungsschritte – Kennzeichnung, Bewegungsbeschränkungen und die Errichtung eines jüdischen Kontrollapparats – erfolgten bereits in den allerersten Monaten der Zivilverwaltung (in Polen). […] In diesem Buch wird uns das Ghetto nur als ein Kontrollmechanismus in den Händen der deutschen Bürokratie interessieren. Für die Juden war das Ghetto eine Lebensform; für die Deutschen war es eine Verwaltungsmaßnahme.« [Die beiden letzten Sätze des Zitats sind in der deutschen Ausgabe nicht enthalten]

»Die bedeutendste Konzentrationsmaßnahme vor Errichtung der Ghettos war die Bildung von Judenräten. […] Ende [1941] war die Ghettobildung im Generalgouvernement im großen und ganzen abgeschlossen.«[20]

Hilberg sah kein Problem darin, dass die Nationalsozialisten den Begriff »Ghetto« gebrauchten. Im ersten Teil seines Buchs, in dem Kapitel mit der Überschrift »Die Ausgangslage«, behauptete er, die judenfeindliche Politik des Dritten Reiches habe viele Maßnahmen enthalten, die bereits von der katholischen Kirche im hohen Mittelalter angewandt worden waren. So hatte beispielsweise die Synode von Breslau 1267 verfügt: »Juden dürfen nur in Judenvierteln wohnen.«[21] Im Anschluss an Hilberg auf der einen und an Friedman auf der anderen Seite wurde der Begriff »Ghetto« zu einem festen Bestandteil in dem sich ausweitenden wissenschaftlichen Diskurs über den Nationalsozialismus und den Holocaust. Dies ging so weit, dass es in manchen Werken schwierig ist, eine authentische Anwendung des Begriffs – wie er damals von deutschen Bürokraten und Ideologen selbst gebraucht wurde – von seinem Gebrauch durch Wissenschaftler zu unterscheiden, die damit ein Phänomen bezeichnen, das sie als ein Ghetto oder eine Ghettoisierung interpretieren.[22] Infolgedessen setzte sich der Begriff auch im allgemeinen Denken fest, das einen Großteil seiner Informationen aus der wissenschaftlichen Literatur bezog.[23]

Auf diese Weise bildete sich während der ersten 15 Jahre Forschung nach dem Holocaust die richtungweisende Auffassung heraus, die Einrichtung von Ghettos sei eine Phase der NS-Politik gewesen, die unausweichlich in die »Endlösung« mündete.[24] Da die Ghettos als Konzentrationen von Juden charakterisiert wurden, die in einem bestimmten Bezirk und von der umgebenden Bevölkerung abgesondert wohnten, sah man in den Judenräten ein besonderes und vielleicht sogar primäres Merkmal der Ghettos und eine unmittelbare Folge der Ghettoisierung.

Die Gleichsetzung von beidem war in den siebziger Jahren fast vollständig, nachdem 1972 das Buch Judenrat von Isaiah Trunk erschienen war. Darin schilderte er aus der Perspektive des Judenrats die jüdische Gesellschaft der Ghettos in Polen und in den baltischen Ländern (nicht in Osteuropa als Ganzem, wie es fälschlich im Untertitel heißt). Trunk betont an mehreren Stellen: »Ich habe möglichst viele lokale Ereignisse in möglichst vielen Ghettos angeführt« und: »Die so genannte jüdische ›Selbstverwaltung‹ ist eines der Hauptprobleme in der Geschichte der Ghettos.«[25] So wundert es nicht, dass Hilberg seiner Rezension dieses Buchs, von dem der Autor behauptete, darin gehe es um die Judenräte, die Überschrift gab: »Das Ghetto als eine Form der Verwaltung.«[26] Hilberg sah im Ghetto tatsächlich eine Form der Verwaltung, von den Deutschen als Teil des Vernichtungsprozesses aufgezwungen, während Trunk darin ein aufgezwungenes geographisches und soziales Gefüge, zugleich jedoch auch eine Fortsetzung der jüdischen Gemeinschaft vor dem Holocaust sah. Jedenfalls teilten beide die implizite Grundannahme, dass Judenrat und Ghetto zwei Seiten einer Medaille seien, miteinander verbundene Instrumente einer zielgerichteten Politik. Dieser Ansatz wurde in der wissenschaftlichen Literatur weitgehend übernommen.[27]

Obwohl er anerkannte, dass es keine umfassende deutsche Anweisung zur Errichtung von Ghettos gab, und obwohl er erklärte, die Initiative hierzu sei von den lokalen Behörden zu unterschiedlichen Zeitpunkten ergriffen worden, behauptete auch der renommierte israelische Historiker Israel Gutman im Eintrag »Ghetto« in der von ihm herausgegebenen Enzyklopädie des Holocaust: »(Die) Ghettos, die die Deutschen in den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten errichteten, […] waren nicht als getrennte Wohngebiete für die Juden geplant, sondern stellten ein Übergangsstadium dar im Verlauf der ›Endlösung der Judenfrage‹.«[28] Er setzte hinzu, sie seien tatsächlich »Zwangslager« gewesen [nicht in der deutschen Ausgabe].[29]

Die sich seit Ende der sechziger Jahre ausbreitende Holocaustforschung, international und insbesondere von israelischen Wissenschaftlern vertreten,[30] hat zunehmend die jüdische Gesellschaft in den Ghettos als eine pulsierende jüdische Gemeinde beschrieben, die sich vor existentielle Herausforderungen gestellt sah. Gutmans bahnbrechende Untersuchung über die Warschauer Juden schilderte detailliert das Ghettoleben, die sozialen Probleme, mit denen man sich konfrontiert sah, und die Entwicklung, die schließlich zum Aufstand im April 1943 führte.[31] Es gab sogar schon früher sporadische Ansätze zu facettenreichen Schilderungen einzelner Ghettos: Mark Dworzecki warf einen interessanten, wenngleich nostalgischen Blick zurück auf das Wilnaer Ghetto unmittelbar nach dem Krieg;[32] Isaiah Trunk und Wolf Jasny veröffentlichten in den sechziger Jahren Bücher über das Łódźer Ghetto.[33] Darüber hinaus gab es – im Allgemeinen laienhafte – Schilderungen vom Ghettoleben in den verschiedenen Erinnerungsbüchern jüdischer Gemeinden.[34] Auch polnische und deutsche Historiker haben sich in den Anfängen der Holocaustforschung mit den Ghettos beschäftigt, in zunehmendem Maße dann seit den frühen neunziger Jahren.[35] Doch die Forschungen Gutmans waren am umfassendsten und sorgfältigsten und entwickelten sich zu einem Modell, an dem sich eine ganze Gruppe israelischer Historiker des Judentums orientierte, die im Verlauf von zwei Jahrzehnten eine ganze Reihe von Monographien über verschiedene Ghettos in Polen und Litauen veröffentlichten.[36]

Man hat Versuche unternommen, dieses Material zu nutzen, um ein Paradigma des Ghettophänomens und des Ghettolebens zu konstruieren. So verfasste der italienische Historiker Gustavo Corni eine Sozialgeschichte der Ghettos von innen, indem er wesentliche Aspekte des Lebens im Ghetto auf der Basis der jüdischen Stimmen untersuchte, die sich in Tagebüchern, Erinnerungen und Zeugnissen erhalten haben.[37] Der israelische Historiker Boaz Neumann, der den Nationalsozialismus nicht als eine historische Erzählung untersuchte, sondern als eine umfassende Weltanschauung, die verschiedene Elemente des Gegensatzes und der Konfrontation zwischen »dem Arier« und »dem Juden« enthält, ordnete das Ghetto in die Rubrik »städtische Räume« ein:

»Die Entfernung des Juden aus dem städtischen Raum war Teil eines umfassenderen Prozesses der Entfernung aus der politischen Situation und dem deutschen ›Lebensraum‹. Das eigentliche Ziel bestand darin, alle diese Sphären ›judenrein‹ zu machen. Während der Raum der neuen Stadt dem arischen Deutschen vorbehalten blieb, war das Ghetto der städtische Raum, der dem Juden zugewiesen wurde. Gewöhnlich war das Ghetto ein genau umschriebener Bezirk in der Stadt, doch manchmal war es auch nur eine einzelne Straße. So war beispielsweise die Dillstraße in Hamburg eine Ghettostraße, in der nur Juden wohnen durften.«[38]

Der britische Historiker Tim Cole begann mit einem induktiven Ansatz, der sich auf den ersten Blick von Neumanns Herangehensweise unterscheidet. Cole untersuchte den Spezialfall der Budapester Ghettos unter der Perspektive der ungarischen antisemitischen Landes- und Stadtplanung, gelangte jedoch zu einem Ergebnis, das sich von dem Neumanns nur geringfügig unterschied: Die ungarischen Verfolger hatten seiner Meinung nach die ungarische Hauptstadt so umstrukturiert, dass sie ihrer Einstellung gegenüber den Juden entsprach. Sie wollten diese aus allen nationalen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Zentren entfernen, um die Fundamente des madjarischen Lebens, wie sie es verstanden, zu stärken. Cole schrieb ebenso wie Neumann dem räumlichen Aspekt eine besondere Bedeutung zu als eine Möglichkeit, die umfassende Politik der Nationalsozialisten (und ihrer Verbündeten) als das Produkt ihrer Rassenideologie zu verstehen.[39]

Alle drei Historiker – Corni, Neumann und Cole – bieten interessante und anregende Einblicke in das Ghetto in einem umfassenden Kontext des nationalsozialistischen Denkens. Die Schwäche ihres Ansatzes liegt jedoch darin, dass sie ihre Untersuchung auf die Annahme stützen, das Ghetto sei von Anfang an ein wesentlicher Bestandteil des Nationalsozialismus gewesen. Obwohl sie wissen, dass Ghettos nur in einigen der Regionen errichtet wurden, in denen man die Juden verfolgte, stellen sie sie als ein inhärentes Element des Nationalsozialismus und als einen vorbereitenden Schritt oder als die erste Phase des Vernichtungsprozesses dar. In dieser Hinsicht übernehmen sie die grundlegenden Auffassungen früherer Historiker über die Rolle des Ghettos in der Entfaltung der judenfeindlichen Maßnahmen der Nationalsozialisten.[40]

Schließlich müssen wir noch auf den Ansatz Christopher Brownings eingehen. 1986 schrieb dieser Historiker einen wichtigen Aufsatz über die nationalsozialistische Ghettoisierungspolitik in Polen 1939–1941 – die erste Veröffentlichung auf der Grundlage einer primären Forschung seit Friedman. Browning, der seine Untersuchung im Rahmen einer Studie über die Entstehung der »Endlösung der Judenfrage« durchführte, bezog sich auf die Kontroverse, die damals in der Literatur zwischen Intentionalisten und Funktionalisten ausgetragen wurde:

»Die Ghettoisierung war weder ein bewusster vorbereitender, von den zentralen Stellen geplanter Schritt zur Erleichterung des Massenmords, noch hatte sie den ›Auftrag‹, die jüdische Bevölkerung zu dezimieren. In der Realität erfolgte dieser Prozess zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlicher Weise und aus unterschiedlichen Gründen auf Veranlassung lokaler Behörden. […]

Ein besseres Verständnis der deutschen Ghettoisierungspolitik in Łódź und in Warschau ist von wesentlicher Bedeutung für das umfassendere Verständnis des Historikers von der Dynamik der nationalsozialistischen Judenpolitik in den Jahren 1939–1941 und des Zusammenhangs zwischen dieser Politik und der anschließenden Endlösung. […] Die Zusammenfassung von Juden in polnischen Städten als eine Vorstufe zu ihrer Vertreibung war Teil einer Politik, die von den zentralen Stellen im September 1939 befohlen wurde, doch die anschließende Schaffung abgeriegelter Ghettos fiel nicht darunter. Im Gegenteil, das abgeriegelte Ghetto resultierte aus dem Fehlschlagen der Berliner Vertreibungspolitik. Es blieb den Lokalbehörden überlassen zu improvisieren, und sie waren es, die den Weg zum abgesperrten Ghetto fanden. Sie taten dies zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen unmittelbaren Gründen, doch stets innerhalb der allgemeinen ideologischen Rahmenbedingungen, die durch die fehlgeschlagene Vertreibungspolitik gegeben waren – dass nämlich Juden und ›Arier‹ letztlich nicht zusammen leben könnten.«[41]

Die Darstellung, die er damals entwickelte und die sich nur mit dem Wachstum der Ghettos in Polen nach der deutschen Invasion beschäftigte und nicht mit dem, was ihm vorangegangen oder gefolgt war, wiederholte er ohne wesentliche Änderung in seinem Hauptwerk, Die Entfesselung der »Endlösung«. Nationalsozialistische Judenpolitik 1939–1942, und in einem anschließenden Aufsatz, der seine Auffassung vom Aufkommen der »Endlösung« zusammenfasste.[42] In seinem Buch schreibt er:

»Der Startschuss für die NS-Politik in Osteuropa war Heydrichs Besprechung am 21. September 1939 mit den Chefs der Einsatzgruppen. Bei diesem Anlass hatte er erklärt: ›Das Judentum ist in den Städten in Gettos zusammenzufassen, um eine bessere Kontrollmöglichkeit und spätere Abschubmöglichkeit zu haben.‹ In seinem anschließenden Schnellbrief befahl Heydrich die Aufstellung ›jüdischer Ältestenräte‹ […] Im Übrigen äußerte sich Heydrich unbestimmt über die Natur und Organisation des jüdischen Lebens in den großen Städten. […]

Die Konzentration der Juden in großen Städten konnte nicht innerhalb von drei bis vier Wochen erreicht werden, wie Heydrich angeordnet hatte. […] Die Judenghettos in den Städten, als Zwischenstationen auf dem Weg zur endgültigen Deportation gedacht, wurden jetzt zu einem Faktor, mit dem die deutschen Lokalbehörden, in keiner Weise darauf vorbereitet, langfristig fertig werden mussten. Aus Berlin kam wenig Unterstützung. […] Die Lokalbehörden im Generalgouvernement und den eingegliederten Gebieten waren somit allein auf sich selbst angewiesen. In diesem Licht war die Politik einer Ghettoisierung, wie sie 1940/41 in Polen betrieben wurde, das direkte Ergebnis nicht von Heydrichs Schnellbrief vom 21. September, in dem er die Konzentrierung der Juden in großen Städten befohlen hatte, sondern der Unmöglichkeit für die Deutschen, die geplanten und in dem Brief angekündigten anschließenden Deportationen durchzuführen.

Falls es eine Idee der Ghettoisierung von Anfang an gegeben hatte, gab es doch ganz unterschiedliche Meinungen darüber, in welcher Weise und wann sie konkrete Gestalt annehmen sollte. […]

Was immer damals die besonderen Überlegungen waren, die Ghettoisierung entsprach vollständig den Grundannahmen und langfristigen Zielen der nationalsozialistischen Judenpolitik, die auf eine vollständige Entfernung der Juden aus der deutschen Sphäre abzielte.«[43]

In seinem Aufsatz interpretiert Browning die Ghettos als einen von vier Grundpfeilern, auf denen die »Endlösung« später errichtet wurde.[44] So gab es in seinen Augen »eine Idee der Ghettoisierung […], die von Anfang an existierte«: In seinem Verständnis war »Ghettoisierung« gleichbedeutend mit »Konzentration«, während klar definierte Ghettos – das physische Phänomen abgeriegelter städtischer Wohnbezirke – das Ergebnis »des deutschen Unvermögens (waren), die vorgesehenen Deportationen durchzuführen«. Auf diese Weise vereinbart Browning die Ghettoidee als Teil der Gesamtheit der judenfeindlichen Maßnahmen mit seinem tatsächlichen Befund, dass die reale Einrichtung von Ghettos chaotisch und sporadisch erfolgte und sich über eine längere Periode hinzog.

Insgesamt gesehen geht die gegenwärtige Forschung (mit einigen wenigen Ausnahmen) von folgenden Annahmen aus:

Ghettos und Ghettoisierung waren eine zentrale Erfahrung aller europäischen Juden während des Holocaust.

Die größten Ghettos sind repräsentativ für die Phase des jüdischen Lebens (hauptsächlich in Osteuropa), das unmittelbar dem Holocaust vorausging.[45]

Die Ghettos waren ein systematisches und bewusstes Element, das von den deutschen Stellen in Polen nach der Besetzung als Teil ihrer umfassenden Politik eingeführt wurde, oder waren zumindest ein allgemeines Phänomen, das infolge des Fehlschlags der geplanten Deportationen Gestalt annahm.

Die Errichtung der Ghettos war eine vorbereitende Phase und ein Schritt auf dem Abstieg zur totalen Vernichtung. (Diese Auffassung wird selbst von denen geteilt, die nicht überzeugt sind, dass die »Endlösung« von Anfang an geplant gewesen sei.)

Es gibt einen engen und inhärenten Zusammenhang zwischen den Ghettos und den Judenräten.

Saul Friedländer hat in seiner jüngsten umfassenden Untersuchung des Holocausts diese Elemente zu einer kohärenten Darstellung zusammengefasst:

»Von Anfang an betrachtete man die Ghettos als vorübergehend eingesetztes Mittel zur Absonderung der jüdischen Bevölkerung, bevor man sie abschob. Nachdem sie jedoch ein gewisses Maß an Dauerhaftigkeit erlangt hatten, bestand dann eine ihrer Funktionen in der rücksichtslosen und systematischen Ausbeutung eines Teils der gefangenen jüdischen Bevölkerung zum Nutzen des Reiches (vorwiegend für die Bedürfnisse der Wehrmacht) zu möglichst niedrigen Kosten. Indem sie die Lebensmittelversorgung reduzierten und in Łódź das reguläre Geld durch eine besondere Ghettowährung als einziges legales Zahlungsmittel ersetzten, bekamen die Deutschen außerdem den größten Teil des Bargelds und der Wertsachen in die Hand, welche die Juden mitgenommen hatten, als man sie in ihre Elendsquartiere trieb.

Die Ghettos erfüllten im Nazi-Universum auch eine nützliche psychologische und ›erzieherische‹ Funktion: Sie wurden rasch zum Ausstellungsort jüdischen Elends und Mangels, und sie boten deutschen Zuschauern Wochenschauszenen, die bereits bestehendem Abscheu und Haß zusätzliche Nahrung gaben; einem endlosen Zug deutscher Touristen (in der Mehrzahl Soldaten) wurde dieselbe berauschende Mischung vorgeführt. […]

Der Judenrat war das wirksamste Werkzeug deutscher Kontrolle über die jüdische Bevölkerung.«[46]

2. Kapitel»Ghetto«: Der Ursprung des Begriffs und das Phänomen in der frühen Neuzeit

»[…] von nun an bis in alle Zukunft [sollen] in dieser Stadt wie in allen anderen Städten, Ländereien und Territorien, die der Römischen Kirche gehören, alle Juden ausschließlich an ein und demselben Ort wohnen […] oder, falls das nicht möglich ist, in zwei oder drei oder so vielen, als nötig sind, die aneinander angrenzen und von den Behausungen der Christen vollständig getrennt sein müssen. Diese Stätten müssen von uns in unserer Stadt und von unseren Magistraten in den anderen Städten, Ländereien und Territorien bestimmt werden. Und sie dürfen nur einen einzigen Eingang und nur einen einzigen Ausgang haben.«

Papst Paul IV., Cum Nimis Absurdum (Päpstliche Bulle 1555)

Das Wort »Ghetto« lässt sich bis nach Venedig in die unter Historikern so genannte »frühe Neuzeit« (frühes 16. Jahrhundert) zurückverfolgen; es gibt keinen dokumentarischen Beleg vor jener Zeit (auch wenn die heutige Wissenschaft den Begriff nachträglich auch auf frühere Jahrhunderte anwendet). Im mittelalterlichen christlichen Europa lebten die Juden zumeist in enger Nachbarschaft miteinander, hauptsächlich wegen ihrer religiösen und sozialen Bedürfnisse (leichter Zugang zur Synagoge und anderen wichtigen Gemeindeinstitutionen). Gelegentlich war diese geographische Konzentration das Ergebnis der Einladung lokaler Herrscher an die Juden, sich in deren Städten niederzulassen, wobei man hierfür auch bestimmte Bezirke oder Straßen vorsah. Da und dort waren diese Bezirke zum Schutz der Juden auch von einer Mauer umgeben. Diese Ansiedlungen konnten je nach ihrer Größe unterschiedliche Bezeichnungen tragen: »Judenstraße/Judengasse«, »Judenviertel«, »Judenhof«, »Judendorf«, »Judenstadt« etc., in anderen Sprachen rue/ruelle des juifs, carrière juif, Jewry, Judería, Giudecca, Zueca, Juiverie, Judaismo, Judaiche. Nur in außergewöhnlichen Fällen wurden die Juden gezwungen, in einem solchen Bezirk zu wohnen, z.B. von der Synode in Breslau 1267[47] oder in Frankfurt am Main 1462;[48] in der Regel erfolgte die Ansiedlung freiwillig.

Bis zum 16. Jahrhundert erlaubten die Stadtväter Venedigs gelegentlich einzelnen Juden, in der Stadt zu wohnen, doch die Niederlassung einer ganzen jüdischen Gemeinde wurde zu keiner Zeit erlaubt. Als jedoch 1509 eine Anzahl jüdischer Geldverleiher aus dem nahe gelegenen Festland vor den Belagerungsheeren der Liga von Cambrai geflohen war, erlaubte man diesen, in der Stadt selbst Zuflucht zu nehmen.[49] In einem Kompromiss zwischen der Bereitschaft, den Juden zu erlauben, in der Stadt zu bleiben, und dem Wunsch, ihren abgesonderten Status zu erhalten, verfügte der Senat 1516, dass alle Juden auf einer einzigen Insel wohnen sollten, dem so genannten Ghetto Nuovo. Die Insel trug diesen Namen, weil auf ihr die Abfälle des benachbarten »alten« Ghettos (Ghetto Vecchio) gelagert wurden. Das alte Ghetto wiederum wurde so genannt, weil sich dort eine Gießerei befand (ghetto ist ein vom Verb ghettare – »Metall gießen« – abgeleitetes Substantiv). Das Ghetto Nuovo war von einer Mauer umgeben und hatte zwei Tore auf zwei gegenüberliegenden Seiten der Insel, die von der Abend- bis zur Morgendämmerung verschlossen blieben. Der Historiker Benjamin Ravid, der beste Kenner der Geschichte des venezianischen Ghettos, stellt zu Recht fest, dass die venezianische Prägung des Begriffs »ghetto« somit nicht der Beginn der geographischen Absonderung der Juden in Europa war; vielmehr wurde der Name dieses besonderen lokalen Beispiels dazu benutzt, ein Phänomen zu bezeichnen, das schon früher existiert hatte.[50]

Doch der venezianische Fall war interessant, da er den Juden eine Möglichkeit eröffnete, sich in einer Stadt niederzulassen, die ihnen bislang verschlossen geblieben war. Infolgedessen nahm die jüdische Bevölkerung zu; später, im Jahr 1541, wurde auch das Ghetto Vecchio von der Gemeinde erworben (womit nebenbei eine klarere Trennung ermöglicht wurde zwischen den seit längerem hier ansässigen Juden, den »Tedeschi«, und den späteren Zuzüglern, den »Levantejuden«). Schließlich wurde 1633 ein Ghetto Nuovissimo eröffnet. Die Stadthistorikerin Donata Calabi hat diesen Prozess so beschrieben:

»Man gewinnt den Eindruck […], dass sich die Bewohner des Ghettos im Lauf der Jahrhunderte organisiert und neue Bereiche der Spezialisierung innerhalb und außerhalb der ihnen zugewiesenen Viertel erschlossen haben. Das Ghetto selbst war keine vorübergehende Zuflucht mehr für eine Minderheitengruppe wie in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts, sondern ein städtischer Bezirk, in dem es neben den Geschäften zur Deckung des lebensnotwenigen Bedarfs – Bäckereien, die zahlreichen Läden für Gemüse und Obst, Wein, Fleisch, Käse, Öl, Tabak, Kerzen, Bücher, das Gasthaus für fremde Juden, ein Holzgeschäft, ein anderes für Geschirr, ein Lagerhaus für Särge – Einrichtungen für Gottesdienste und Bildung gab (Synagogen, Schulen und Berufsverbände) und Krankenhäuser (eines für die Levantejuden und eines für die Tedeschi). Und schließlich hatte sich eine Reihe von Tätigkeiten entwickelt, die allen Bürgern zu Gute kamen (die traditionellen Pfandhäuser und der Verkauf von gebrauchten Waren), die für Venedig als unverzichtbar galten und die es in den anderen Stadtvierteln einfach nicht gab.«[51]

Die Bezeichnung »Ghetto« hatte demnach ursprünglich keine negative Nebenbedeutung.

Trotzdem erlebte das 16. Jahrhundert einen Wandel, da religiöse Beweggründe auf der einen und das Aufkommen des modernen, zentralisierten Staates auf der anderen Seite die Behörden verschiedener Gemeinden zunehmend bewogen, ortsansässigen Juden bestimmte Wohnviertel zuzuweisen. Die erste Stadt, die nach Venedig dazu überging, war anscheinend Ragusa, eine Stadt, die enge kommerzielle und politische Verbindungen zu Venedig unterhielt.[52] Der Begriff ghetto breitete sich auf verschiedene Örtlichkeiten aus, nachdem Papst Paul IV. 1555 im Rahmen der Gegenreformation das Ghetto in Rom hatte errichten lassen. Die päpstliche Anordnung hierzu hing eng mit der päpstlichen Bulle Cum Nimis Absurdum zusammen. Dort hieß es im ersten Abschnitt:

»In dem Wunsch, nach bestem Vermögen und mit Gottes Hilfe in obiger Angelegenheit überlegte Vorkehrungen zu treffen, bestimmen wir mit dieser unserer ewig geltenden Verfassung, dass unter anderem von nun an bis in alle Zukunft in dieser Stadt wie in allen anderen Städten, Ländereien und Territorien, die der Römischen Kirche gehören, alle Juden ausschließlich an ein und demselben Ort wohnen sollen oder, falls das nicht möglich ist, in zwei oder drei oder so vielen als nötig sind, die aneinander angrenzen und von den Behausungen der Christen vollständig getrennt sein müssen. Diese Stätten müssen von uns in unserer Stadt und von unseren Magistraten in den anderen Städten, Ländereien und Territorien bestimmt werden. Und sie dürfen nur einen einzigen Eingang und nur einen einzigen Ausgang haben.«[53]

Das Wort »Ghetto« erscheint in dieser Bulle zwar nicht, doch im Lauf der Zeit übernahm die breite Öffentlichkeit den venezianischen Begriff als Bezeichnung für ein ausschließlich den Juden zugewiesenes Wohnviertel. Nach Kenneth Stow, der sich mit der Geschichte des Ghettos in Rom beschäftigt hat, war dies der Beginn einer religiös motivierten Einstellung gegenüber den Juden, die für die frühe Neuzeit charakteristisch war. (Wie er schreibt, assoziierten die Juden sogar den Begriff »Ghetto« mit dem hebräischen Substantiv get, das Wort für Scheidungsbrief!) Der Papst verstand »sein« Ghetto als einen Ort, in dem die Juden so lange isoliert werden konnten, bis sie die christliche Taufe akzeptieren würden. Seit dem späten 17. und während des ganzen 18. Jahrhunderts hindurch gab es Versuche, diesen Prozess zu beschleunigen, indem die Juden Pressionen ausgesetzt und ihre Kinder entführt wurden.[54] Obwohl man die Bezeichnung der mit Mauern und Toren versehenen Ghettos des Kirchenstaats von den Namen der venezianischen Inseln übernommen hatte, waren sie – und nicht das venezianische Original – das Vorbild, das sich dem öffentlichen Denken einprägte und das an anderen Orten kopiert wurde, wenn auch nicht immer aus Gründen religiöser Frömmigkeit. Das bedeutet, dass der venezianische Begriff, verbunden mit dem römischen Inhalt, zur allgemeinen kulturellen Vorstellung und zu einem verbreiteten Phänomen wurde, auch wenn wir nichts Genaues darüber wissen, wie es dazu gekommen ist, da der Charakter der Ghettos in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ambivalent war.[55]

Fest steht, dass es während des 16. Jahrhunderts überall auf der italienischen Halbinsel und den angrenzenden Ländern übernommen wurde,[56] zum Teil, da Pius IV. (1559–1565), der Nachfolger Pauls IV., die Bulle seines Vorgängers in ganz Italien, so weit es ihm möglich war, in die Tat umsetzte, bis fast jede italienische Stadt mit einer jüdischen Gemeinde ein eigenes Judenviertel hatte, das man als das »Ghetto« bezeichnete.[57] Der Prozess der Errichtung von Ghettos in Italien währte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Das letzte italienische Ghetto wurde 1779 in Corregio geschaffen, das heißt zu einer Zeit, als man den Juden in den gerade erst gebildeten Vereinigten Staaten das uneingeschränkte Bürgerrecht gewährte.[58]

Seit dem beginnenden 17. Jahrhundert verbreitete sich unter dem Einfluss der vom Vatikan geprägten Sprache der Geistlichen der Begriff »Ghetto« auch außerhalb Italiens[59] im amtlichen Sprachgebrauch, aber vor allem in der Umgangssprache. Doch erst im frühen 19. Jahrhundert war der Begriff in ganz Europa verbreitet.[60] In der deutschsprachigen Welt des 19. Jahrhunderts wurde das abgeschlossene, 1462 errichtete Judenviertel in Frankfurt am Main zum vorherrschenden Modell eines »Ghettos«, obwohl es nie diese Bezeichnung getragen hatte.[61]

3. Kapitel»Ghetto« und die »Ghettoisierung« als kulturelle Konzepte in der frühen Neuzeit

»Und so war später der Fanatismus, der die Ghetti baute, das wirksamste Mittel in Gottes Hand, um uns von aller Unkultur des Mittelalters fern zu halten und im engen Umkreis Familiensinn und Familienglück und Gemeindesinn bei uns zu pflegen.«

Rabbi Samson Raphael Hirsch, Kommentar zu Genesis 45:11 (1867)

»Das gewöhnliche Volk hat kein historisches Verständnis und kann keines haben. Es weiß nicht, daß die Sünden des Mittelalters jetzt an den europäischen Völkern heimkommen. […] Als die Kulturvölker die Unmenschlichkeit der Ausnahmegesetze einsahen und uns freiließen, kam die Freilassung zu spät. Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr emanzipierbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus.«

Theodor Herzl, Der Judenstaat (1896)

»Das Ghetto hatte man lange zuvor abgerissen, doch noch immer gab es eine unsichtbare Mauer, die das Judenviertel von der übrigen Stadt trennte. Viele polnische Kinder sprachen angstvoll davon, während ihre Eltern sich verächtlich darüber äußerten.«

Aus den Erinnerungen des polnisch-jüdischen Journalisten Bernard Singer (Moje Nalewki, 1958)

Zwar ist die Art und Weise, wie der Begriff »Ghetto« sich von Italien aus in der gesamten europäischen Kultursphäre ausbreitete, noch nicht völlig geklärt, doch der Prozess erfolgte mit Sicherheit während des 17. und 18. Jahrhunderts. Die erweiterte und stärker verbreitete kulturelle Bedeutung des Ghettos – »das Ghetto als Metapher« – kam im 19. Jahrhundert auf, genau zu der Zeit, als die Ghettos in ihrer ursprünglichen Form abgerissen worden waren (das letzte Ghetto, das in Rom, erhielt sich de jure bis 1848, de facto bis 1870).[62] Die metaphorische Bedeutung, die sich etwa zu jener Zeit einbürgerte, bezog sich auf ein dichtbevölkertes und abgetrenntes Judenviertel innerhalb einer Stadt; der Begriff wurde mit einer ganzen Reihe von hauptsächlich abwertenden Stereotypen »der Juden« assoziiert.[63]

Im 19. und 20