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Der neue Roman der Nr. 1-Bestsellerautorin von »Three Women – Drei Frauen« Viel zu lange hat Joan die Grausamkeiten von Männern ertragen. Den einen liebt sie, doch er bleibt kalt. Und der, der sie liebt, gibt sich eines Tages vor ihren Augen die Kugel. Joan flieht aus New York nach Los Angeles und sucht die einzige Frau, die ihr helfen kann, ihre Vergangenheit zu überwinden und eine andere zu werden: ihre Halbschwester Alice. Während Alice ihr zuhört, muss Joan einsehen, dass es nicht zuletzt sie selbst war, die sich vor den Männern ihres Lebens erniedrigt hat. Sie will mehr als nur Opfer sein. Selbst wenn sie dafür zur Täterin werden muss. Provokant und verletzlich erzählt Lisa Taddeo von weiblichem Schmerz und weiblicher Wut, von Rache, Solidarität und Selbstermächtigung, mit der für Joan ein neues Leben beginnt. »Joans Ton ist so schneidend und anziehend, dass man ihr überallhin folgen würde.« The New York Times Book Review »American Psycho für die #MeToo-Generation.« The Times »Wie Joan Didion auf harten Drogen und mit einem Klappmesser.« Harper's Bazaar »Lisa Taddeo legt die ungeschönte Realität weiblichen Begehrens und weiblicher Traumata frei.« TIME Magazine »Ein schonungsloses Debüt über weibliche Wut.« Guardian »Unerschrocken, sexy, brutal und einfach nur forensisch gut beobachtet.« Jojo Moyes »Animal knurrt und faucht eine ungezähmte Wahrheit heraus, und die verschwiegene Geschichte von Wut und Abrechnung.« Lithub »Ein dunkles, verstörendes Meisterwerk, voller berechtigter weiblicher Wut – jedes Wort fliegt einem förmlich entgegen.« Red »Animal ist ein aufregender, aufrührerischer Roman, so einnehmend wie berauschend – und er steigert sich in ein Fiasko hinein, von dem man den Blick nicht mehr abwenden kann.« Vogue »Eine Lektüre wie ein Fiebertraum … Intensiv, aufrüttelnd, provozierend, und doch ist dieses Buch erfüllt von Humanität und Sinnlichkeit, am Ende gar von Liebe und Hoffnung.« Stylist »Gekonnt und von eigener Erfahrung getragen, zeigt Taddeo auf, wie die Brutalität von Männern die Wut von Frauen befeuert. Das Ergebnis ist so intim wie explosiv.« People (Buch der Woche) »Eine provokante Erkundung dessen, was passiert, wenn Frauen bis zum Äußersten getrieben werden.« Esquire »Psychologisch scharfsinnig erzählt Animal die Geschichte eines verzweifelt errungenen Überlebens und thematisiert so die Bedeutung weiblicher Stärke in unserer Welt.« Evening Standard »Ein brutaler Road-Trip-Thriller ohne Tabus.« Daily Mail »Eine explosive, ins Mark gehende Geschichte über Kindheitstraumata, sexuelle Gewalt, Schwesternschaft und Trauer.« i »Animal handelt vom allgegenwärtigen Es, eine fleischliche, freimütige Darstellung der unguten Verbindung von Erinnerung und Gewalt.« Raven Leilani »Unfassbar gut und wahr und vertrackt.« Olivia Wilde Highlight des Jahres für Guardian – Sunday Express – Independent – New Statesman – Evening Standard – Cosmopolitan – Red – Grazia – Daily Mail – Daily Express – The Week – Irish Times – i – The Sun
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Veröffentlichungsjahr: 2021
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Aus dem amerikanischen Englischen von Anne-Kristin Mittag
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Animal bei Avid Reader Press, einem Imprint von Simon & Schuster, New York.
© 2021 by Woolloomooloo, LLC
© Piper Verlag GmbH, München 2021
Covergestaltung: zero-media.net, München, nach einem Entwurf von Mohamed Zakaria Tebbal
Coverabbildung: Getty Images/Bendik Stalheim Møller/EyeEm
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Für meine Mutter und meinen Vater
Ich musste weg aus New York, wo sich ein Mann vor meinen Augen erschoss. Es war ein gefräßiger Mann, und das Blut, das herausströmte, sah aus wie das Blut eines Schweins. Grausam, so etwas zu denken, ich weiß. Er tat es in einem Restaurant, in dem ich gerade mit einem anderen Mann essen war, einem anderen verheirateten Mann. Siehst du, wie das läuft? Aber ich war nicht immer so.
Das Restaurant hieß Piadina. An den unverputzten Backsteinwänden hingen Fotos von alten Italienerinnen, die mit ihren gewaltigen mehligen Fingern Gnocchi rollten. Ich aß gerade einen Teller Tagliatelle Bolognese. Die Sauce war sämig und rostfarben, und obendrauf lag ein frischer Halm Petersilie.
Als Vic hereinkam, saß ich mit dem Gesicht zur Tür. Er trug wie immer einen Anzug. Ich hatte ihn erst ein Mal in Freizeitklamotten gesehen, Jeans und T-Shirt – ein ziemlich verstörender Anblick. Was er mir mit Sicherheit angemerkt hatte. Ich musste einfach dauernd hingucken, seine Arme waren so blass und teigig.
Er war nie Victor. Er war immer Vic. Er war mein Chef, und ich blickte zu ihm auf, lange bevor etwas passierte. Er war sehr intelligent und reinlich und hatte ein warmes Gesicht. Er war ein unersättlicher Esser und Trinker, schwelgte jedoch nicht ohne Würde. Großzügig, wie er war, tat er allen anderen zuerst Rahmspinat auf, ehe er sich selbst bediente. Er besaß einen beachtlichen Wortschatz, einen säuberlichen Klappscheitel und eine umfangreiche Sammlung guter Hüte. Er hatte zwei Kinder, ein Mädchen und einen Jungen; der Junge war geistig behindert, was Vic mir und den anderen, die unter ihm arbeiteten, im Prinzip vorenthielt. Auf seinem Schreibtisch stand nur ein Foto von seiner Tochter.
Vic führte mich in Hunderte Restaurants aus. Wir aßen Porterhouse in großen exklusiven Steakhäusern mit roten Polstersitzbänken, wo die Kellner mit mir flirteten. Sie gingen entweder davon aus, dass er mein Vater oder mein älterer Ehemann war, oder hielten mich für eine Geliebte. Irgendwie waren wir das alles in einem. Seine echte Frau saß zu Hause in Red Bank. Er meinte: »Ich weiß, dass du mir das jetzt nicht glaubst, weil ich so ein Prolet bin, aber meine Frau ist wirklich bildschön.« Was nicht stimmte. Ihr Haar war zu kurz für ihr Gesicht und ihre Haut zu hell für die Farben, die sie gerne trug. Sie sah aus wie eine gute Mutter. Sie kaufte gern kleine Salzfässchen und Hamamtücher, und wenn ich am Anfang meiner Freundschaft mit Vic durch die Stadt lief und mir eine Salzschale aus Bambus ins Auge fiel, schickte ich ihm ein Foto und schrieb: Was für deine Frau?
Er meinte, ich hätte einen tollen Geschmack, aber was heißt das schon?
Wenn du mit einem älteren Mann befreundet bist, der dich bewundert, kann dir das ein Gefühl großer Sicherheit geben. Egal, wo du bist – wenn etwas schiefgeht, genügt ein Anruf, und er ist da. Der Mann, der da ist, sollte dein Vater sein, doch damals hatte ich keinen, und du wirst nie einen haben.
Irgendwann verließ ich mich dann in allem auf Vic. Wir arbeiteten bei einer Werbeagentur. Er war der Creative Director. Als ich anfing, hatte ich praktisch null Erfahrung, doch Talent hätte ich schon, meinte er. Er beförderte mich von einer gewöhnlichen Assistentin zur Texterin. Anfangs sonnte ich mich in der ganzen Lobhudelei, doch dann beschlich mich das Gefühl, dass mir alles, was ich bekam, auch zustünde, ohne dass er im Geringsten damit zu tun hätte. Bis dahin dauerte es ein paar Jahre. In der Zwischenzeit gingen wir miteinander ins Bett.
Von Sex mit Männern, die man nicht attraktiv findet, kann ich dir ein Lied singen. Es dreht sich dann alles nur um die eigene Performance, den eigenen Körper, wie er von außen wirkt und sich auf diesem – zum bloßen Zuschauer degradierten – Typen bewegt.
Solange das lief, war ich mir der Folgen gar nicht bewusst. Es fiel mir erst Jahre später auf, als dreimal täglich Duschen immer noch nicht reichte.
Das allererste Mal war in Schottland. Die Agentur hatte Newcastle Beer an Land gezogen, und Vic schlug vor, dass ich übernahm, zu allen Terminen ging und den Stein ins Rollen brachte. Es war ein großer Kunde, und die anderen waren neidisch. Ich war die Neue in der Firma und im Arbeitsleben allgemein. Sie flirteten nicht mehr mit mir und behandelten mich bald wie so eine exotische Tänzerin – ließen sich über mich aus und holten sich einen darauf runter.
Newcastle brachte mich in einem Luxushotel gleich außerhalb von Edinburgh unter. Alles kalter Stein und große Fenster, und der Haupteingang lag an einer kreisförmigen Kiesauffahrt. Ich sah aus dem Fenster auf die vorfahrenden Autos, Oldtimer und tintenschwarze G-Klassen und kleine silberne Porsche. Auf dem Bett lag eine Tagesdecke mit Schottenkaros, und das Telefon sah aus wie eine Stockente. Das Zimmer kostete vierzehnhundert Dollar die Nacht.
Nach ungefähr einer Woche fing Schottland an, mich zu deprimieren. Ans Alleinsein war ich gewöhnt, aber in einem fremden Land ist es noch mal etwas anderes. Die Sonne ließ sich nie blicken, aber auch kein Regen. Außerdem war ich in Geschäftsdingen ziemlich naiv, und das hatten auch die Newcastle-Vertreter bemerkt. Ich rief Vic im Büro an. Wider Willen brach ich in Tränen aus. Ich sagte, ich vermisste meinen Vater. Meine Mutter vermisste ich natürlich auch. Doch dazwischen lagen Welten – du wirst noch sehen, warum.
Am nächsten Abend landete Vic in Schottland. Sein Last-Minute-Flug hatte ein Vermögen gekostet, über zwölftausend Dollar, und er bezahlte ihn aus eigener Tasche, weil ich Angst hatte, unsere Kollegen würden sonst glauben, ich hätte das Projekt in den Sand gesetzt. Vic kam zu keinem Termin mit, sondern arbeitete bloß eine Handvoll Gesprächsthemen aus. Nahm sich ein eigenes Zimmer am Ende des Flurs. Am ersten Abend aßen und tranken wir etwas in der Hotellobby und gingen getrennt auf unsere Zimmer. Doch am zweiten Abend begleitete er mich auf meines.
Clevere ältere Männer haben es nun mal so an sich, dir das Bein hochzukrebsen. Anfangs kommt dir daran nichts faul vor. Es kann sogar so aussehen, als wäre es deine Idee gewesen.
Ich hatte ein cremefarbenes Wollkleid an, meine Beine darunter waren nackt. Ich trug nie Strumpfhosen oder Leggings oder dergleichen, auch nicht im Winter. An den Füßen hatte ich hochhackige schwarze Mary Janes.
Vic war im Anzug. Ständig lief er herum wie die Männer in Zigarettenreklamen. Ich stand nicht auf ihn, doch sein Eau de Cologne war tröstlich. Lachend spazierten wir den grün-goldenen Flur entlang. Ein Pärchen kam uns entgegen; ich weiß noch, wie die Frau mich anstarrte. Dieses Gefühl begleitete mich schon lange.
Auf meinem Zimmer machten wir zwei Flaschen Rotwein aus der Minibar auf, plus drei Mini-Scotchs, die er ganz allein wegkippte.
Wie es anfing, weiß ich – wahrscheinlich aus Selbsterhaltung – gar nicht mehr genau. Ganz bestimmt hatte ich einen großen Anteil daran, weil ich testen wollte, wie weit meine sexuelle Macht reichte. Wie hübsch ich war. Doch was mir überdeutlich im Gedächtnis blieb, war der Wandspiegel gegenüber den Fenstern, vor denen ich tagelang dem knirschenden Kies unter den schnittigen Wagen gelauscht hatte. Ich stand auf und warf einen Blick in diesen Spiegel, weil Vic behauptete, ich hätte Rotwein in den Mundwinkeln und würde wie eine Cracksüchtige aussehen. »Haha«, machte ich. Doch dieser Mann hätte mir nie das Gefühl geben können, hässlich zu sein.
Er trat hinter mich in den Spiegel. Neben meinem Kopf sah seiner unnatürlich groß aus. Meine langen dunklen Haare bildeten einen eleganten Kontrast zum Cremeweiß des Kleides. Er legte eine Hand auf meine Schulter, die andere auf mein Haar über dem Ohr und neigte meinen Kopf. Ich beobachtete den Ausdruck in seinen Augen, als er seine dünnen Lippen auf meinen Hals drückte. Was mir einen Schauder über den Rücken jagte – teils vor Abscheu, teils aber auch aus einem unwillkürlichen sexuellen Reflex. Er schob das Kleid über meinen Kopf. Ich stand in High Heels, einem weißen Spitzen-BH und weißem Höschen mit kleinen roten Schleifen an den Seiten da. Damals brezelte ich mich noch für jemanden auf und redete mir ein, dass dieser Jemand ich wäre. In einem kleinen Küchengeschäft in SoHo hatte ich mir mal eine Schürze gekauft, die mit Häschen, Chalets und Eis schleckenden kleinen Mädchen bedruckt war.
Es folgten die Reisen nach Sayulita, nach Scottsdale wegen des schönen Spas. Es gab blau geflieste Badezimmer und fantastisches Sushi. Am Tisch zubereitete Guacamole, Bauchtänzerinnen, Service für dies, Service für das.
Irgendwann wurde der Ekel doch zu groß, aber lange ging es. Im Großen und Ganzen war es gar nicht so körperlich. Du kommst mit sehr viel Nichts davon, wenn du es geschickt anstellst. Vor allem wenn der Mann verheiratet ist, kannst du von Moral anfangen und was wohl dein verstorbener Vater sagen würde. Das kann so weit gehen, dass dem Mann schon beklommen zumute wird, wenn er nur deine Hand hält, und dabei bist du die ganze Zeit an diesen warmen Orten mit Palmen und Golfwagen.
In all den Jahren hatte ich natürlich noch andere Beziehungen. Es gab ein paar kleinere Verknalltheiten, aber nichts wirklich Ernstes. Ich erzählte Vic ab und zu davon. Behauptete, es seien nur Freunde, um ihn dann in seinem Verdacht schmoren zu lassen. Meistens log ich aber. Sagte, ich würde mit Freundinnen feiern gehen, schlich mich aus dem Büro und rannte zur U-Bahn, wobei ich mich immer wieder ängstlich umblickte, ob er mir nicht folgte. Dann traf ich mich mit irgendeinem herzlosen Typen, und Vic fuhr heim und durchkämmte die sozialen Netzwerke auf der Suche nach Lebenszeichen von mir. Gegen elf schrieb er dann zuverlässig: Was treibst du Kid. Ohne Komma oder Fragezeichen, damit es nicht so neugierig klang. Du fängst an, noch die kleinste Zelle der menschlichen Natur zu verstehen, wenn ein älterer Mann verrückt nach dir ist.
Der Status quo war zu bewältigen. Beide bekamen wir, was wir brauchten, auch wenn ich ohne ihn gekonnt hätte. Wie sich herausstellte, konnte er nicht ohne mich. Er verglich seine Beziehung zu mir mit Ikarus. Er war Ikarus und ich die Sonne. Bei solchen Sätzen, die ich voll und ganz glaubte und immer noch glaube, wurde mir schlecht. Welches Mädchen will schon die Sonne über einem Land sein, in das es nicht mal einen Fuß setzen möchte.
Einige Jahre lang war alles in bester Ordnung. Bis zu dem Mann aus Montana. Ich nannte ihn Big Sky, wie Vic anfangs auch. Ich schickte Vic durch die Hölle dessen, was ein Mann ertragen kann. Ich würde dir davon abraten, es mir nachzutun, und du sollst erfahren, was das mit einem Menschen macht.
Wenn du es genau wissen willst: Ich glaube, dass Victor an jenem Abend kam, um mich zu erschießen.
Wenn mich jemand bitten würde, mich mit einem Wort zu beschreiben, wäre das verdorben. Verdorbenheit hat sich für mich bewährt. Inwiefern, kann ich dir nicht sagen. Aber das Schlimmste habe ich überlebt. Überlebenskünstlerin wäre das zweite Wort, das ich gebrauchen würde. Als ich klein war, ist mir etwas Dunkles, Tödliches passiert. Das erzähle ich dir alles noch, aber zuerst will ich darauf kommen, was auf den Abend folgte, der mein Leben in eine andere Bahn lenkte, damit du dir dein Mitgefühl noch aufsparen kannst. Oder vielleicht hast du dann auch keins mehr. Ist mir recht. Wichtiger ist es, mehrere Irrtümer – hauptsächlich über Frauen – auszuräumen. Ich will nicht, dass du den Kreislauf aus Hass fortführst.
Man hat mich eine Hure genannt. Man hat mich nicht nur für die Dinge verurteilt, die ich anderen angetan habe, sondern unbarmherzigerweise auch für das, was ich selbst zu erleiden hatte.
Ich beneidete die Leute, die mich verurteilten. Leute, die ein ordentliches, vorhersehbares Leben führten. Das richtige College, das richtige Haus, der richtige Zeitpunkt für den Umzug in ein größeres. Die vorgeschriebene Anzahl Kinder, die mal zwei und mal drei beträgt. Ich möchte wetten, dass die meisten von denen nicht ein Prozent von dem aushalten mussten, was ich durchgestanden habe.
Aber wirklich ausgeflippt bin ich, als die mich eine Soziopathin nannten. Manche stellten das sogar als etwas Positives hin. Ich gehöre zu den Menschen, die zu wissen glauben, wer leben und wer tot sein sollte. Ich bin vieles. Aber keine Soziopathin.
Als Vic sich ein Loch in den Kopf schoss, rann das Blut heraus wie Alkohol.
Seit ich zehn war, hatte ich nicht mehr so viel Blut gesehen. Es stieß eine Tür in mir auf. Ich sah meine Vergangenheit in diesem Blut gespiegelt. Zum ersten Mal sah ich die Vergangenheit klar. Die Bullen wirkten aufgegeilt, als sie eintrafen. Das Restaurant war geräumt worden. Der Mann, mit dem ich dort essen war, fragte mich, ob ich klarkäme. Er schlüpfte in seine Jacke. Er wollte damit sagen, ob ich heute Nacht und für den Rest meines Lebens allein klarkommen würde, weil ich ihn nämlich nie wiedersah. Er hatte mich mal gefragt, wer meine Leute seien; ich hatte nicht gewusst, was er meinte. Jetzt verstand ich. Der tote Mann auf dem Boden war einer von ihnen. Ich gehörte zu den Leuten, die von Dartmouth nicht anerkannt wurden. Als die Bullen wieder abzogen, ging ich zu Fuß nach Hause. Ich hatte geglaubt, keine Kohlenhydrate im Haus zu haben, fand aber noch ein Taco Kit. Das Schlimmste an solchen Fressorgien ist, dass man mehr Klonopin braucht als sonst. Ich schmiss gerade genug ein, um eine Entscheidung zu treffen. Ich entschied mich, sie zu finden.
Da war Vic wahrscheinlich schon kalt. Ich sah seine kalten Tentakel vor mir. Wenn dich jemand mit seiner Liebe – oder dem, was er dafür hält – erstickt, fühlst du dich in den Arm genommen, selbst wenn es dir die Luft abschnürt. Als Vic starb, war ich mutterseelenallein. Mir fehlte die Kraft, noch jemandem das Herz zu stehlen. Ich war wie gelähmt. Vuota. Ein Wort, das meine Mutter gebraucht hätte. Ihr fielen immer die besten Wörter ein.
Es blieb nur noch eine Person. Eine Frau, der ich noch nie begegnet war. Was mir Angst machte, weil Frauen mich nie geliebt hatten. Ich war keine Frau, die von anderen Frauen geliebt wurde. Sie wohnte in Los Angeles, einer Stadt, die mir ein Rätsel war. Malvenfarbener Stuck, Verbrecher und Glamour.
Ich glaubte nicht, dass Alice – so hieß sie – mich lieben würde, hoffte jedoch, sie würde mich wenigstens sehen wollen. Ihren Namen kannte ich seit Jahren. Ich war fast sicher, dass sie den meinen nicht kannte. Zum ersten Mal seit Langem fuhr ich aus einem bestimmten Grund irgendwohin. Ich hatte keine Ahnung, was mich in Kalifornien erwarten würde. Ich wusste nicht, ob ich jemanden flachlegen, lieben oder verletzen würde. Ich wusste, ich würde auf einen Anruf warten. Ich wusste, ich würde fanatisch sein. Ich hatte keinen müden Dollar, schloss die Aussicht auf einen Swimmingpool jedoch nicht aus. Meine Reise konnte viele Wege nehmen. Ich glaubte nicht, dass mich einer davon zu einem Mord führen würde.
Sie war seit Jahren unauffindbar – keine Social-Media-Konten, kein Immobilienkauf. Ich suchte immer mal wieder nach ihr. Aber ich hatte zu wenige Informationen, und außerdem wirklich Schiss.
Eines Nachmittags dann war ich wegen zwei ausgeschlagener Zähne beim Zahnarzt. Ein Mann hatte das verbrochen, wenn auch streng genommen nicht mit Gewalt. Es war ein teurer Zahnarzt, allerdings kam der für den Zahnverlust verantwortliche Mann dafür auf.
Ich saß über eine Stunde im Wartezimmer und blätterte durch eins dieser abgehobenen Magazine für Menschen, die über fünf Millionen Dollar im Jahr machen. Und da war sie, zusammen mit vier anderen hübschen Frauen auf dem Cover, den Besten von Los Angeles in Sachen Fitness, Ashtanga Yoga, Aikido und so weiter.
Ich war so gefesselt von ihrer Schönheit, dass ich den Artikel las und auf ihren Namen stieß, den ich seit über einem Jahrzehnt auf einem Zettel aufgehoben hatte. Ich sog geräuschvoll die Luft durch das Loch zwischen meinen Zähnen ein.
Sie war hübscher, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ihre Brüste waren absolut perfekt. Ein Ex-Freund – oder eigentlich kein Ex, sondern einer von den Typen, die einem so manchen unvorhersehbaren Morgen bescheren – hat das mal über eine Schauspielerin gesagt, die für eine Szene die Hüllen fallen ließ. »Ihre Brüste«, verkündete er mir, während er billiges Vanilleeis schleckte, »sind absolut perfekt.« Ich bin immer noch beeindruckt, dass ich ihn damals nicht umgebracht habe.
Ich hatte seit Jahren von ihr geträumt. Oft träumte ich, ich würde ihr wehtun. Die übrigen Male geschah etwas anderes, nicht weniger Besorgniserregendes.
Nach Vics Tod war meine Wohnung binnen weniger Tage leer geräumt. Im Abhauen war ich ganz groß. Ich wusste nicht, wo ich wohnen würde. Ich rief wegen ein paar Mietshäusern nicht weit von ihrer Arbeit an. Aber ich war knapp bei Kasse, und bei meinem Budget blieben nicht allzu viele Optionen übrig. Es kam so weit, dass ich mich auf das Inserat einer Wohnungsseite meldete, dessen Hauptfoto ein Bad mit schimmeligen Fugen und einer einsamen Flasche Antischuppenshampoo in der Dusche zeigte.
Ich legte mir eine abenteuerlich mäandernde Route zurecht und fuhr mit meinem Dodge Stratus nach Kalifornien. Der Wagen war eine hässliche Blechkiste, aber es passte viel hinein. Der Schmuck meiner Mutter in einer taupefarbenen Dose. Meine besten Kleider, einzeln in Plastikhüllen über den Beifahrersitz gelegt. Da waren mein Derrida und Fotos und Speisekarten aus Restaurants, in denen ich unvergessliche Abende verbracht hatte. Ätherische Öle aus einem Wallfahrtsort in Florenz. Eine schalottengroße Portion Marihuana, eine Pfeife, sechsundneunzig Tabletten in unterschiedlichen Formen und Farben von Creme bis Blau. Superteure kupferfarbene Yogaleggings und senffarbene Bustiers. Mehrere Päckchen geräuchertes Meersalz und zwanzig flache Schachteln Minipasta, weil ich gehört hatte, dass es die bei Ralphs oder Vons nicht gab. Ich packte die Dinge ein, die niemand sonst anrühren durfte, deren Reise nicht in fremde Hände gelegt werden konnte. Meinen Lieblingsschal, meinen Panamahut. Meine Diane Arbus. Meine Eltern.
Sie steckten beide in kleinen Plastiktüten. Es war das sicherste Transportmittel, das mir für sie eingefallen war. Die Tüten lagen in einer alten Clementinenpappkiste auf dem Boden des Beifahrersitzes. Mein Vater hat mich früher Clementine genannt, oder zumindest gern das Lied gesungen. Vielleicht beides. Er hatte einen Kinnbart, und wenn er mich auf die Stirn küsste, kam ich mir wie ein Engel vor.
Auf dem Pacific Coast Highway waren achtzig Millionen Autos unterwegs. Die Sonne knallte auf die Motorhauben, wodurch es sich noch heißer anfühlte, als der Tag ohnehin schon war. Der Strand in der Ferne sah trocken aus, weniger kühle blaue Tiefen als flimmernde Oberfläche. Kurz vor der Abzweigung in den Canyon entdeckte ich einen Markt im Freien, auf dem Möbel und Deko zum Verkauf standen – aus ausgehöhlten Eichen gezimmerte Tische, Götterbüsten aus Kunstharz.
Ich hielt an, weil ich neue Vasen für die Asche brauchte. Die alten hatte ich weggeworfen. Natürlich war das schlimm für mich – der Gedanke, ihre sterblichen Überreste in Tüten mit mir herumzuschleppen, doch dass nicht alles aus den Vasen herausgekommen war, quälte mich unendlich mehr. Es wollte mir nicht aus dem Sinn gehen, dass Teile von ihnen für immer verloren waren. Vielleicht war ein Zehennagel in einer Vase zurückgeblieben. Ein Drittel von einer Stirnwulst.
Ich stieg aus und ging an Windlichtern vorbei. Zeichnete einen Strich in die flaumige Staubschicht auf einer Rosenkugel. Wanderte zwischen Seepferdchen mit Topassteinchen, mexikanischen Zuckerschädeln, aquamarinblauen Fischerkugeln im Netz umher.
Ein pausbäckiger Junge, trotz der Bruthitze in einem Hoodie, trat auf mich zu.
»Guten Tag«, sagte er, »wie kann ich behilflich sein?« Mit seinem glücklichen Strahlen schien er keine blasse Ahnung von dem zu haben, was in der Welt vor sich ging.
»Gar nicht«, antwortete ich, freundlich zwar, doch an diesem Punkt in meinem Leben hatte ich eine sehr niedrige Toleranzschwelle für unergiebige Gespräche.
Der Markt teilte sich einen Parkplatz mit Malibu Feed Bin. Vogelfutter, bottichweise Getreide für Pferde. Im Canyon gab es jede Menge Pferde, auf denen Frauen mit langen Zöpfen über Stock und Stein ritten. Ich stelle mir dich im Sattel vor: größer als ich, elegant bis in die Fingerspitzen.
Im Schuppen, neben ein paar Hängepetunien und verstaubten Rosen, standen ein paar Vasen. Darunter eine schwarze mit gelben Blüten; ein Glasfrosch mit orangefarbenen Augen und Füßen hing über dem Rand und spähte hinein. Es war ein kitschiges Teil, wie man es vielleicht in einer Alte-Leute-Wohnung in Florida finden würde. Es reizte mich.
Der junge Kerl an der Kasse bemerkte und verfolgte mich dann mit seinem Blick. Ich hatte ein weißes, nachthemdartiges Kleid an, zart wie Rauch. Er fummelte an einem Pickel an seinem Kinn herum und starrte mich an. Solche Vergewaltigungen im Kleinen finden täglich hundertmal statt.
Ich nahm die Vase und spazierte damit herum, während ich so tat, als taxierte ich Outdoorkissen und Wächterlöwen aus Jade. Der pickelige Verkäufer nahm einen Anruf entgegen. Hinter mir hörte ich, wie der andere Junge die Seepferdchen umräumte. Die Leute rechnen gar nicht damit, dass man etwas klaut, das größer ist als der eigene Kopf.
Mit der Vase im Auto hatte ich das Gefühl, alle wichtigen Teile beisammenzuhaben. Die Möbelpacker würden mit dem Rest nachkommen. Einer Wagenladung Zeug, das ich gebunkert hatte. Jetzt begann der lange Anstieg in den Canyon. Welkes dunkles Grün spross aus den sandigen Ritzen zwischen den Felsen, Löwenohr, Frauenhaarfarn, Scheinindigo und Straußgras. Vereinzelte Farbsprenkel, doch größtenteils braun, oliv und wilder, als man es sich hätte vorstellen können. Die Häuser, die ich von der Straße aus sah, stammten wohl aus den Siebzigern, Fassaden aus Lagerfeuerholz und trübem Glas. Der Blick ging auf die Klapperschlangen und das gebräunte Gras hinaus. Die Aussicht in den Canyon war wichtig. Kathi, die Maklerin, hatte das Wort so oft wiederholt, dass es irgendwann ganz fremd klang. Aussicht.
Sie erwähnte auch die Kojoten und Klapperschlangen. »Aber keine Sorge«, meinte sie. Am Telefon hörte sie sich rothaarig und hübsch an. »Keine Sorge, Kevin fängt die Klapperschlangen gern ein und bringt sie an einen besseren Ort, alles halb so wild.«
Kevin war der ehemalige Rapstar, der auf dem Grundstück wohnte. Ob er dir wohl etwas sagt? Vergänglich ist der Ruhm der Welt. Außerdem lebte in einer Jurte auf der Wiese noch ein junger Mann namens River. »Der Vermieter wohnt gleich um die Ecke«, meinte die Maklerin. »Falls was ist. Sie werden es dort lieben. Ohne Scheiß, es ist echt der Himmel auf Erden.«
Ich folgte den Serpentinen hinauf, bis ich das Schild zum Comanche Drive entdeckte. Panische Angst befiel mich – schon die Straße wirkte wenig einladend, baumlos, wie sie war. Das Haus stand am Ende einer steilen Kiesauffahrt, am höchsten Punkt des Topanga Canyon, von wo es sich in die Wolken zu bohren schien. Es sah vor allem aus wie eine Meth-Küche.
Weil es keinen richtigen Parkplatz gab, hielt ich neben einem schwarzen Dodge Charger auf einem schmalen Streifen Land, das einen steilen Abhang überragte. Aus der Nähe glich die Immobilie den Fotos, die mir die Maklerin geschickt hatte, allerdings nicht in den entscheidenden Punkten. Die Maklerin hatte mir den Traum geschickt. Sie schickte den Blick durch die Fensterfront mitsamt Kaminofen. Sie schickte nicht die rostige Badewanne voller bräunlicher Sukkulenten vor der Haustür. Neben der zweckentfremdeten Wanne stand ein schmiedeeiserner Tisch mit zwei Stühlen. Der rötliche Sand war mit Kieselsteinen übersät, sodass die Möbelstücke alle kippelten. An den Fenstern klebten tote Motten. Das Haus war aus dunkelorangen Adobeziegeln und wie ein Ozeandampfer geformt. Die Architektur hatte nichts Ansprechendes, nichts Symmetrisches. Draußen wie drinnen herrschte diese für alte Menschen mörderische Hitze. Wenn ich an dich denke, in einer solchen Hitze, allein – wie es mir selbst noch ergehen sollte –, muss ich mich möglichst schnell auf andere Gedanken bringen.
Ich hatte Anweisung, bei Kevin zu klopfen. Er lebte in einer Art Anbau unter mir. Es war wohl einfach ein Haus mit zwei Wohnungen, obwohl es von außen nicht diesen Eindruck erweckte. Kevin würde mir die Schlüssel geben. Sein Künstlername war White Space. Kathi sprach von ihm so, wie ein bestimmter Typ weiße Frau von einem schwarzen Mann spricht, der es zu Berühmtheit gebracht hat.
Bevor ich klopfte, drehte ich eine Runde über das Grundstück. Kathi hatte recht. Die Aussicht war spektakulär. Bei jedem unserer Telefonate hatte ich mir vorgestellt, wie sie Räucherlachs naschend an einem Tisch draußen in der Sonne sitzt. Wenn ich sie persönlich kennengelernt hätte, hätte ich sie ganz bestimmt gehasst.
Am Fuß des Berges sah man das Meer, und auf der anderen Seite des Canyons ragten die schlanken Rechtecke der Stadt hinter den Bäumen auf. Die Skyline war eher so mittelprächtig. Ich spazierte zum höchsten Punkt des Anwesens, kilometerweit über dem lärmenden Verkehr. In der Luft hing ein zarter Dunstschleier, bei dem es sich um Wolken handeln musste. Als ich zehn war, hatte meine Tante Gosia mir erzählt, dass meine Eltern dort wären. In den Wolken. »Aber sind sie da zusammen?«, fragte ich, worauf sie sich erhob, um abzuwaschen oder ein Fenster zu schließen.
Ganz oben stieß ich auf eine Feuerstelle, die mit ihren Gesteinsbrocken und verkohlten Scheiten mittelalterlich wirkte. Eine schwarze Plane bedeckte einen ungeheuren Brennholzvorrat. Daneben eine Michelob-Bierflasche, in der sich das Regenwasser sammelte.
Ich entdeckte die Segeltuchjurte über hundert Meter unter mir im Tal. Am Ende eines grasüberwachsenen Pfades in der anderen Richtung stand ein kleines rotes Saltbox-Haus. Es machte kaum mehr her als einer dieser Geräteschuppen, wie man sie im Baumarkt kaufen kann, nur größer und ausgeklügelter. Wegen der Eichen war es der einzige Fleck mit Gras auf dem Anwesen. Überall sonst war der Boden von einem trockenen Nussbraun, rings um den großen Schuppen jedoch saftig grün. Zwei Kübel voller Ringelblumen flankierten eine Klöntür. Mir schwante, dass das Häuschen dem Vermieter gehörte. Ich wollte nicht so dicht bei ihm wohnen. Eine derartige Nähe hatte Kathi nicht erwähnt. Mit keinem Wort.
Ich zupfte an meinem Kleid, das mir gleich wieder schweißnass am Körper klebte. Dass eine Dusche im Canyon nichts brachte, würde ich noch früh genug merken. Im Nu hatte man das nächste T-Shirt durchgeschwitzt.
Ich klopfte bei Kevin, hörte Fetzen eines bluesigen Rap und klopfte nach ein paar Momenten noch mal, lauter. Er öffnete die Tür nicht mehr als einen Spaltbreit und versperrte mir den Blick hinein. Drinnen roch es nach Tinkturen.
»Miss Joan, peace und willkommen in der Nachbarschaft.« Er war hochgewachsen und gut aussehend und hatte freundliche Augen. Er blickte mich nicht an – er blickte durch mich hindurch, als wäre ich kaum da.
Ich streckte ihm die Hand hin, und er trat vor die Tür und zog sie hinter sich zu. Ich hatte ihn auf der Bühne gesehen: wie er sich mit dem Mikro hingekauert hatte, Stroboskoplichter und Mädchen in Lycra-Hotpants um sich herum. Der Mann, der jetzt vor mir stand, sah aus, als hätte er noch nie im Leben die Stimme erhoben oder getanzt.
»Wie war die Fahrt?«
»Gut«, antwortete ich.
»Ich liebe diese Strecke, Mann. Ist schon zu lange her. Im Flugzeug krieg ich Zustände.«
Er spreizte seine langen Arme wie Flügel. Mittlerweile schwitzte ich schon an der Kopfhaut.
»Ich auch.«
»Sie wollen Ihre Schlüssel, nehm ich an? Brauchen Sie Hilfe beim Schleppen oder so?«
»Danke, es kommen Möbelpacker.«
»Schön, schön. Ich kann Ihnen keine Limo anbieten. Hab auch keine Baisertörtchen gebacken. Aber ich bringe Ihnen noch was vorbei. Das wird nett. Es wird Ihnen hier gefallen, Miss Joan. Uns gefällt es hier. Wir sind wie eine kleine Familie. Haben Sie schon den guten alten Leonard kennengelernt? Meinen Bruder River?«
»Noch nicht.«
»Swusch«, machte er. »Die Lady kommt im Schutz der Nacht«, seine Hand fuhr herab und an meiner Hüfte vorbei, »hereingefegt. Ich hol Ihnen schnell Ihre Schlüssel, Miss Joan. Lass Sie erst mal auspacken. Lass Sie Ihr Haus auf Vordermann bringen.«
Kurz darauf händigte er mir zwei Schlüssel aus, die von einem Plastikdraht zusammengehalten wurden.
»Briefkasten«, sagte er und zeigte auf den einen. »Haus«, sagte er und zeigte auf den anderen. »Nein, Moment, andersrum.« Er lachte vergnügt. »Ich bin heute total neben der Rolle. Entschuldigen Sie, Miss Joan. Ich hab die ganze Nacht Aufnahmen gemacht. Danach verschlafe ich immer den halben Tag. Für mich ist es jetzt fünf Uhr morgens.«
Ich nahm meine Schlüssel, und als sich unsere Hände berührten, schauderte ich und dachte: Herrgott noch mal. Ich sah ihn an, und er betrachtete mich; nahm bei mir Maß. Dann lächelte er. Hatte sich wieder im Griff.
Unterwegs hatte ich mit einem echten Cowboy schlafen wollen, jemandem, der ohne soziale Medien lebte. Durch Sex fühlte ich mich hübsch. In Texas war ich fast am Ende meiner Reise angelangt. Der Mann, mit dem ich vögelte, hieß John Ford. Er trug ein Westernhemd und legte in der Lounge des Thunderbird Hotel meine Hand auf seinen Reißverschluss. Die Wände waren helltürkis, auf dem Boden lagen Kuhfelle. Er behauptete, er habe mal auf einer Ranch gearbeitet. Was sich jedoch als Pfadfinderausflug herausstellte, an den er sich so lebhaft erinnerte, als wäre es gestern gewesen. Er war von Chicago aus im Spirituosenvertrieb tätig. Vom gleichnamigen Regisseur hatte er noch nie gehört. Oder vom Monument Valley, wo dessen Filme gedreht worden waren, diese heroischen Western, die ich mir mit meiner Mutter angesehen hatte. Er rülpste zweimal, zu laut, als dass ich es hätte überhören können, und bestellte eine Flatbread-Pizza mit Balsamicozwiebeln. Aber er hieß John Ford.
Im Haus roch es nach Zahnstochern. Woran liegt das nur, dass man sich beim Umzug in ein neues Haus am liebsten umbringen würde? Was, nehme ich an, nicht auf Frauen mit beschrifteten Umzugskisten zutrifft. Frauen, die Fliegenklatschen besitzen und im Sommer die Winterkleidung einmotten. Ich für meinen Teil hatte die Wimpernzange meiner Mutter. Ich hatte vergilbte alte Lotionen aus Geschäften, die nicht mehr existierten. Meine unausgepackten Kisten würden unausgepackt bleiben. Voller Andenken und voller Gerüche, besonders dem stechenden Aroma der Mottenkugeln, die meine Mutter immer in ihre Handtaschen gesteckt hatte. Als Kind dachte ich, es seien Kristallkugeln.
Das Haus war eine einzige große Sauna – drei Stockwerke von oben bis unten mit Holz verkleidet. Es hätte so schön sein können. War es ja auch irgendwie. Doch wie bei vielen abgerockten Buden mit Potenzial brauchte es ein gewisses Händchen; ein Auge dafür, wo bestimmte Teppiche und Lampen am besten zur Geltung kamen. Über Dreck an Stellen, an die man nicht herankam, musste man großzügig hinwegsehen. Bestimmt gehörte Alice zu dieser Fraktion.
Im Erdgeschoss lagen Küche, Wohnzimmer und das einzige Bad. In dem schwarzen Kaminofen im Wohnzimmer steckten statt Holzscheiten violette Kristalle. Die Hausseite, die zur Mündung des Canyons hin lag, war komplett verglast. Auf den Fotos der Maklerin waren ein hoch aufragender Gummibaum und diverse versengte Palmen zu sehen gewesen. Doch ohne die Pflanzen war die Sonne ein totalitäres weißes Glühen, das selbst den Staub in den Steckdosen ausleuchtete.
Es gab keinen Geschirrspüler. Die Schränke standen schief und krumm, die Schubladen waren innen klebrig, als hätte jemand Honig einfach mit Wasser aufzuwischen versucht. Herrlich opulente Mahlzeiten würde ich hier nicht kochen können. Dampfende Schüsseln Muscheln oder knuspriges Hähnchen. Es war eine Küche für Putensandwiches. Ich war mal mit einem Iren zusammen, der sich gern solche Schulpausenbrote mit matschigen Tomaten und billiger Putenbrust machte, schleimig glänzend und nitratreich. Danach ließ er die Putenbrustpackung immer draußen auf der Arbeitsplatte liegen, wo sie noch am nächsten Morgen vor sich hin gammelte, ehe er sie endlich wegpackte.
An diesen Ex-Freund musste ich in meiner neuen Küche denken. Das schleichende Gefühl von Resignation. In unserer ersten Nacht war es in seiner schlauchförmigen Wohnung so heiß gewesen, dass er sich einen auf mir abschwitzte und mir der Schweiß von den Pinselspitzen seiner Haare auf Gesicht und Brüste tropfte.
Der erste Stock, zu dem eine Wendeltreppe hinaufführte, war als Schlafzimmer gedacht; das Bett passte gerade so hinein. Es gab einen kleinen Schrank aus Kiefernholz. Im Schlafzimmer sah es aus wie in Colorado. Über einem Balken hing ein alter Westernsattel. Ich konnte ein anderes Leben vor mir sehen, an den Wänden lehnende Rossignol-Skier.
Über eine kurze Stiege gelangte ich in den zweiten Stock, der mir als Arbeitszimmer angepriesen worden war. Von einem Vormieter stand dort noch ein provisorisches Regal mit ein paar alten Schallplattenhüllen, an denen Staub und Haare klebten. Es war, als beträte man ein Dampfbad. Inzwischen rann mir der Schweiß über die Unterarme und tröpfelte zu Boden.
Ich hockte mich in meinem dünnen weißen Kleid hin und spürte, wie sich die Splitter der Dielen in die Seide bohrten; ich wusste, wenn ich aufstand, würde es ruiniert sein. Ich hatte es quer durchs ganze Land getragen, einmal in Terre Haute gewaschen und noch mal in Marfa, im Waschbecken von John Fords Hotelzimmer. An dem Morgen hatte ich es noch feucht übergestreift und in der Sonne auf der Haut trocknen lassen. Das Kleid hatte meiner Mutter gehört. So viele Jahre lang hatte sie es tadellos in Schuss gehalten.
Ein Silberfischchen flitschte mir über die Kniescheibe, und dann hämmerte es an der Tür. Ich rannte nach unten und machte zwei muskelbepackten Typen in schwarzen T-Shirts und Jeansshorts auf. Insgeheim fragte ich mich oft: Wenn ich jetzt mit einem Kerl im Raum ficken müsste, um mein Leben zu retten, wenn mich einer drangsalieren dürfte, welcher wäre es dann?
Bei den beiden hätte ich nicht sagen können, wer ungefährlicher war. Der mit dem tätowierten Hals sah aus wie ein Typ, der es gleichgültig hinnimmt, wenn ein Hund ihm das Bein rammelt, bis das eines Tages jemand sieht und er das Tier erschießen muss.
Sie fragten, wo bestimmte Dinge hinsollten. Beim Anblick der Wendeltreppe grunzte der mit dem Halstattoo. In den ersten Minuten gaben sie mir abwechselnd das Gefühl, ich wäre eine reiche alte Schachtel oder eine Babysitterin. Ich wollte weder das eine noch das andere sein.
Der Zweite, der mit dem einen goldenen Schneidezahn, ließ seinen Blick so oft zwischen meinen Augen und Brüsten auf- und abwandern, dass ich schon dachte, er hätte einen Tic. Da ich keinen BH trug, traten meine Nippel hervor wie Wellhornschnecken. Ich weiß nicht, wie ich immer auf solche Gedanken komme, aber ich stellte mir vor, wie ich von dem mit dem Goldzahn auf die flache Spüle gedrückt und vergewaltigt wurde. Womöglich wäre mir danach wohler dabei, ihn zu bitten, meine IKEA-Möbel aufzubauen.
Der Umzug war zur Hälfte geschafft, als mir klar wurde, dass die Männer sich in meinem Bad Meth spritzten. Alle halbe Stunde verschwanden sie einer nach dem andern und tauchten als Koboldausgaben ihrer selbst wieder auf. Ich schwanke, was ich dir über Drogen erzählen soll. Ich habe Pillen genommen und Marihuana geraucht, und hin und wieder gab es auch Monate, in denen ich nachts allein Koks zog. Es mit einem Fünfhunderterschein Monopoly-Spielgeld vom antiken Schminkspiegel meiner Mutter sniffte. Dann bis drei oder vier aufblieb und mir Klamotten im Internet bestellte. Hauptsächlich aber Pillen. Ich wäre gar nicht mit dem Leben klargekommen, wenn ich nicht auf Befehl hätte einschlafen können. Du wirst vielleicht keine Pillen brauchen. Ich wünsche mir, dass du so viel stärker sein wirst als ich. Einmal, auf einer Insel, badete ich in einer grünen Lagune und sah durch das glasklare Wasser die nackte Tatsache meiner Glieder. Ich betrachtete die violetten, roten und blauen Fische, die um meinen Körper herumflitzten, und hielt mich lange Zeit paddelnd über Wasser. Danach legte ich mich in den Sand und überließ mich den wärmenden Sonnenstrahlen auf meinen Knien und Schultern. Augenblicke wie diesen kann ich an zwei Händen abzählen. Mein Traum ist es, dass du viele solcher Momente hast, so viele, dass es dir erst auffällt, wenn du in deinen eigenen Kopf hineinsiehst und sie als die Fallen erkennst, die sie sind.
Während die unter der Last meines Lebens genervt ächzenden Männer schwere Sachen hereinschleppten, schüttete ich im Wohnzimmer meinen Vater in die Froschvase und stellte sie auf den Kamin. Meine Mutter ließ ich fürs Erste in der Plastiktüte daneben.
Ich wanderte durchs Haus und sah mich um. Der Kühlschrank taugte nicht für üppige Romanasalatköpfe. Erst recht nicht für Grünkohl oder Rote Bete. Höchstens vielleicht verzehrfertig abgepackte Babykarotten. In der Speisekammer gab es kaum Platz für meine ganze Minipasta und meine Tetra-Pak-Brühe von College Inn. Als Kind hatte ich eine Freundin gehabt, deren Eltern so arm waren, als lebten sie im neunzehnten Jahrhundert. In ihrer Vorratskammer stapelten sich Kisten mit altem Essen, die ihnen die Damen von der Kirche vorbeibrachten. Eines Abends, als ich zu Besuch war, öffnete die Mutter eine Schachtel Käsemakkaroni, und zwischen den trockenen Hörnchennudeln glitschten milchig weiße Maden herum. Die Mutter pickte die Nudeln heraus, warf die Maden in die Spüle und drehte das heiße Wasser auf. Später sah mich die Freundin mit feucht glänzenden Augen über den Tisch hinweg an. Die Familie sprach ein Tischgebet. Ich senkte den Kopf und tat so, als würde ich die Augen schließen, richtete sie stattdessen jedoch auf meinen Teller, auf die kleinste Bewegung lauernd. Die Hand meiner guten Freundin lag klein und warm in meiner. Nach diesem Abend spielten wir nie wieder miteinander. Unsere Beziehung war noch so frisch, dass es sich damals nicht wie eine Wunde anfühlte. Aber heute denke ich ständig an sie. Ich denke jedes Mal an sie, wenn ich eine Schachtel Pasta aufmache.
»Wo wollen Sie das hinhaben?«, fragte der mit dem Halstattoo. Die Möbelpacker hielten mein burgunderrotes Ploum-Zweiersofa, ein armlehnenloses Veloursnest, das Vic mir geschenkt hatte. Er hatte es mehr als einmal mit mir darauf getrieben, was bei vielen Geschenken der Witz gewesen war.
Ich hätte es gern im zweiten Stock gehabt, aber die Packer schwitzten. Schweißperlen glitzerten ihnen auf der Stirn wie die Maden damals.
Ich löste meinen Pferdeschwanz, schüttelte meine fettigen Haare, rieb mir die Schulter.
»Ihr zwei seid ja echt stark, aber es in den zweiten Stock hochzubekommen ist wohl unmöglich?«
»Nichts is unmöglich«, sagte der mit dem Goldzahn.
Ich bedankte mich lächelnd. Klimperte mit den Wimpern. So etwas machte ich tatsächlich. Dann drehte ich mich um und glitt lasziv in Richtung Küche. Ich finde nichts Falsches an Sex als Mittel zum Zweck. Andere Leute schon, ich weiß, doch ich verstehe nicht, warum. Damals hatte meine Tante Gosia mich unter ihre Fittiche genommen. Gosia war nicht meine leibliche Tante; sie war die zweite Frau meines Onkels väterlicherseits. Sie war Österreicherin und grellschön – blonde Haartolle, schwarze Dolce-&-Gabbana-Kostüme, Faltenspritzen bis zum Umfallen. Sie trainierte mich in der Kunst des Geschlechterkampfs. Schärfte mir ein, dass Frauen all ihre Vorzüge aufbieten müssen, um die Oberhand zu gewinnen. »Die Leute werden dich beschimpfen«, sagte sie. »Dabei hassen sie nur sich selbst.«
Als die beiden Männer die Couch an mir vorbeitrugen, fiel mein Blick auf die etwas hellere Stelle, wo ich Vics Sperma weggeschrubbt hatte. Zuerst war es eklig gewesen, vor Kurzem aber zu einem verblichenen Symbol geworden.
»Ey, wussten Sie, dass White Space unter Ihnen wohnt?«, fragte Halstattoo.
Ich bejahte.
»Kranker Scheiß«, sagte der mit dem Goldzahn. »Was is das hier? So ’n Künstlerkommunending?«
»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte ich. Die Männer waren in meinen Augen sehr hässlich geworden. Ich sah aus dem Fenster und wünschte mir nicht zum ersten Mal, ich wäre irgendwohin gezogen, wo es schneite und schwere gelbe Schneepflüge durch das Gestöber Ketchumer Morgen donnerten. Ich liebe Scheinwerfer in Blizzards. Aber ich war nicht ohne Grund nach Los Angeles gekommen. Zu lange war ich in New York geblieben, obwohl ich doch hätte versuchen sollen, Alice zu finden. New York ist eine Lüge, sage ich dir. Jede Stadt ist ihre eigene Lüge, aber New York ist die haarsträubendste von allen. Ich erwarte nicht, dass du darauf hörst. Das muss jeder zu seiner Zeit lernen.
Die beiden spürten, dass ich nicht mehr spielte. Das geht Männern immer gegen den Strich. Ich hatte Angst davor, einen Mann wütend zu machen. Keine fügsame Frau zu sein. Ich hatte Angst, ermordet zu werden. Um meine Schuld abzumildern, weil ich auf das Geflirte keine schnelle Nummer folgen ließ, gab ich jedem der Packer ein Trinkgeld von fünfzig Dollar. Ob sie sich ihr Meth wohl irgendwo besorgen mussten, oder brauten sie es selbst in einem oxidierten Airstream-Anhänger zusammen? Ich sah sie vor mir, wie sie sich Austerncracker von Suppenbars dämmriger Supermärkte im Valley in den Mund stopften.
Es hatte Zeiten in meinem Leben gegeben, da waren hundert Dollar nichts für mich. Aber als diese Fünfziger aus meiner Hand wanderten, wurde meine Stirn heiß. Ich spürte die vertraute Furcht. Einmal bin ich einen Monat lang jeden Abend zur Tankstelle gefahren und habe mir Rubbellose vom Lotterieverkäufer geholt. Ich rubbelte sie im Licht einer Insektenlampe neben der Luftpumpe frei, nahm dazu immer ein Zehncentstück wegen des geriffelten Rands. An einem Frühlingsabend gewann ich fünfzig Dollar, was sich anfühlte, als könnte ich jetzt für ein Amt kandidieren.
Ich hatte auch überlegt, den Packern nichts zu geben, zu behaupten, dass ich kein Bargeld dahätte und ihnen was mit der Post zukommen lassen würde. Mit einer Art perverser Erleichterung dachte ich, dass ich, falls sich irgendwann in näherer Zukunft alles zum Schrecklichen wendete, falls ich keine Arbeit fand – dass ich dann vielleicht auf dem burgunderroten Ploum Blowjobs geben könnte. Ich könnte den Pizzaboten Platz nehmen lassen und den Propantanktypen, ihre klobigen Knie auseinanderschieben und sie meinen Kopf herunterdrücken lassen wie einen Spülknopf.
Ich wusste, wo ich Alice finden konnte. Aber du solltest niemals eine Fremde angehen, ehe du nicht ihre Welt verstanden hast. Verschenk nicht den kleinsten Vorteil.
Ich fuhr zu Froggy’s an der schärfsten Kehre des Topanga Canyon Boulevard. Kathi hatte mir erzählt, dass da die Einheimischen hingingen. Das Froggy’s war Bar, Veranstaltungsort und Fischmarkt in einem und wie ein mexikanisches Unterwasserrestaurant dekoriert. Auf der Karte standen Austern in der Schale, Sandmuscheln im Netz, Tacos Carnitas, Tilapia mit Kokoskruste. Ich setzte mich in die Nähe der Bühne, auf der am Wochenende Livemusik gespielt wurde, und bestellte Quesadillas mit Garnelen, um einen Teller Essen vor mir stehen zu haben. Dazu trank ich eine Bloody Mary. Von allen Getränken, die stärker als Wein waren, mochte ich nur dieses. Vielleicht lag es daran, wie der sämige Tomatensaft dem Wodka die Schärfe nahm, oder dass mein Vater es immer bestellt hatte und ich dann die Selleriestange oder die Oliven mit Paprikafüllung essen durfte.
An einem benachbarten Tisch saß ein altes Ehepaar mit ihrem Sohn, der um die dreißig war und aussah, als litte er an einer Zerebralparese. Seine Haare waren zu einem Bürstenschnitt getrimmt, und als er aufstand, schlackerten seine Glieder wie die einer Marionette. Sein Vater begleitete ihn zur Toilette. Die Mutter, eine blasse, hübsche Frau in den Fünfzigern, blieb mit glasigen Augen am Tisch sitzen, nachdem ihre beiden Männer gegangen waren, und drückte eine Zitrone über ihrer Cola aus. Hier ist jemand, dachte ich, der mich vielleicht versteht.
Ich beobachtete, wie eine Kellnerin zum Barkeeper sagte: »Übernimmst du mal eben meine Station? Ich muss nach hinten. Kann etwas dauern. Mir ist was nicht bekommen.«
Die Kellnerin stürzte mit peitschendem grauen Pferdeschwanz in die Küche. Als ich in diese Richtung blickte, entdeckte ich den nächsten Fehler: Er saß, aschblond und mit hellblauen Augen wie Hortensien, an der Bar. Er erwiderte meinen Blick und lächelte, lächelte dann plötzlich noch breiter und kam zu mir herüber.
»Hey«, sagte er, »ich hab dich vorhin am Haus gesehen, als du ins Auto gestiegen bist. Ich hätte ja vorbeigeschaut, aber ich war …«
Er sprach den Satz nicht zu Ende. Er war einer der schärfsten Typen, denen ich je persönlich begegnet war. Er brauchte überhaupt nichts tun, nur einfach nicht grausam sein.
»’tschuldige. Ich bin River. Ich wohne in der Jurte. Du musst Joan sein.«
»Muss wohl«, sagte ich und biss mir innerlich auf die Unterlippe.
»Darf ich mich setzen?«
Er war zweiundzwanzig, hatte mir Kathi erzählt und ihn auch als »was fürs Auge« bezeichnet. Er hatte rosige Wangen, und seine Unterlippe war füllig, und ich dachte eigentlich, ich hätte meine Lektion gelernt. Er brachte seinen Bierkrug mit. Sein Auftreten wirkte sanft, aber gleichgültig: die bestürzende Gleichgültigkeit der Jugend.
Ich sagte »gern«, obwohl er schon Platz nahm. Gerade lief »Werewolves of London«. An der Wand hinter ihm hing ein prächtiger silberblauer Marlin. Er fragte, was mich nach Kalifornien führe, und ich antwortete, die Schauspielerei. Das erzählte ich allen, um meine Ruhe zu haben. Ich nahm an, der Wunsch, mit Ende dreißig noch Schauspielerin zu werden, wäre zu schambehaftet, als dass man da groß weiterbohren würde.
River stand auf japanische Volksmärchen. Er verkaufte Sonnenkollektoren an Stars im Canyon. Die Firma gehörte zwei Brüdern in Santa Monica, die ihm einen Anteil zugesichert hatten. Unter der Woche fuhr er den Lkw von der Arbeit, an den Wochenenden hatte er sein Fixie. Wenn er was mit Freunden unternahm, holten sie ihn ab. Sie fuhren den ganzen Weg von West Hollywood, aus dem Zentrum von L. A. oder Culver in den Canyon hoch und dann runter zur Bungalow Bar, um Whiskey am Wasser zu trinken. Letzte Woche hatte er Lisa Bonet ein Paket verkauft. Sie trug Cornrows und Wildseide und wurde von einer riesigen Kinderschar umschwärmt, die Familie hielt Ziegen, und die Kinder tranken die Milch. River hatte einen Schluck probiert und fand, sie schmeckte nach Gras.
»Wie kommst du nachts von den Bars in Hollywood heim?«, fragte ich ihn. Kathi hatte gemeint, von Hollywood führen eigentlich keine Taxis bis in den Canyon hinauf. Und wenn doch, dann nur für Hunderte Dollar.
»Ich fahr normalerweise nicht zurück«, erwiderte er. Und natürlich wusste ich, was das bedeutete.
River stammte aus Nebraska. Er erzählte davon, wie er mit seinem Vater auf die Pirsch gegangen war und sie das Fleisch an Lieferanten aus der Gegend verkauft hatten.
»Da, wo ich herkomme«, sagte er, »gibt es Hirschfleisch an Tankstellen zu kaufen. Man zahlt an der Zapfsäule, und dann kommt jemand ganz selbstverständlich mit einer großen Tüte Fleisch herausspaziert.«
Ich sah die blutige Tüte und den rieselnden Schnee über einer Tankstelle an der Landstraße vor mir. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und stellte einen Fuß auf die unterste Sprosse von meinem. Er trug sehr helle Jeans, die gefühlt gerade nicht in Mode waren. Du begegnest immer dann einem neuen Typ Mann, wenn du denkst, den Vorrat erschöpft zu haben.
Schon wieder spielte »Werewolves of London«. Das System musste irgendwie hängen.
»Gut, dass ich diesen Song mag«, bemerkte ich.
Etwas an seinem Lachen verriet, dass er ihn noch nie gehört hatte. Manchmal träumte ich, ich wäre mit Warren Zevon verheiratet – würde mit ihm Drogen in Joshua Tree einschmeißen und im Regen von Shoreditch Curry aus fleckigen Pappschachteln futtern.
»Hast du schon Lenny kennengelernt?«, fragte er.
»Nein.«
»Er ist ’n komischer Vogel. Hat vor paar Monaten seine Frau verloren. Er ist immer noch ziemlich fertig deswegen.«
»Wie lange sollte man deiner Meinung nach denn trauern?«
»Mein Vater ist vor anderthalb Jahren gestorben. Darum bin ich hergezogen.«
»Das tut mir leid.«
»Er hatte beim Schneeschippen einen Herzinfarkt. Ich bin heimgekommen und habe ihn in der Auffahrt gefunden. Der Asphalt war hier und da schon zu sehen. Er war fast fertig.«
Ich schüttelte in aufrichtigem Mitleid den Kopf. Ich fühlte sehr mit ihm, aber der Tod löste bei mir immer mehr aus, als mir guttat. Der Barkeeper kam, um unsere leeren Gläser abzuräumen. Ich wollte gerade noch eine Runde bestellen, als River meinte, er sollte jetzt besser los. Er brauche die Puste, um mit seinem Rad die zwei tückischen Meilen zu seiner Jurte hochzustrampeln.
»Ich kann dich mitnehmen, wenn du möchtest.«
Er dachte kurz darüber nach und meinte dann, das wäre toll. »Werewolves of London« setzte zum dritten Mal ein. Ich sagte, dass es hoffentlich ewig weiterlaufe, ehe mir klar wurde, wie albern das klang.
»Dir hat also keiner erklärt, wie das mit den Rechnungen läuft«, sagte er.
Ich verneinte. Bei dem Wort Rechnungen schrillten meine Alarmglocken. Meine diversen Kreditkarten steckten tief im Minus. Um die Fahrt ans andere Ende des Landes, die Möbelpacker und zwei Monatsmieten abzudecken, hatte ich ein paar von den Sachen verkauft, die Vic mir geschenkt hatte.
»Es läuft so: Du und Kevin und Leonard seid auf der gleichen Rechnung für Propan, Wasser und so weiter. Ich bin komplett autark, deshalb lese ich jeden Monat meinen eigenen Zähler ab. Mein Gesamtverbrauch beträgt um die zweitausendeinhundert Kilowattstunden. Meine letzte Ablesung lag bei zweitausendfünfundachtzig. Dann habe ich über die letzten vierundzwanzig Tage siebenundneunzig verbraucht. Meine Solarenergieerzeugung liegt insgesamt bei neunhundertsiebenundachtzig. Davon habe ich über die letzten vierundzwanzig Tage einhundertsiebenunddreißig Kilowattstunden erzeugt, und das wurde direkt von der Gemeinschaftsrechnung abgezogen. Ich bin also für minus vierzig Kilowattstunden verantwortlich. Ich schulde euch null Dollar, und zehn wurden von den Rechnungen abgezogen. Klingt das einleuchtend?«
Ich starrte ihn nur an.
»Ich spare euch Geld. Ich erzeuge Energie.«
»Und der Rest von uns saugt bloß dran, wie Kälber.«
Er lachte.
»Gut, dass uns dieser Song gefällt«, meinte er.
Ich ließ zwei Zwanziger auf dem Tisch liegen und folgte ihm in die warme, duftende Nacht. Beim Parkdienst warteten wir hinter einem Mann in den Sechzigern mit einer Frau in den Zwanzigern, die ein rosa Bandagenkleid und billige Schuhe trug. Der Mann hatte ihr seine Hand auf den Rücken gelegt. Er bewegte seine Fingerspitzen in konzentrischen Kreisen. Dem Mitarbeiter gab er kein Trinkgeld.
River blickte von den beiden zu mir und lächelte. Kaum etwas ist erregender, als auf ein anderes Paar herabzuschauen.
Im Auto berührten sich unsere Knie. Und seine Hand berührte meine, als ich den Gang einlegte. Irgendwie rief sein jugendlicher Enthusiasmus all die Male in mir wach, bevor etwas Schreckliches passiert war.
»Der Canyon ist ziemlich wild. Es gibt tolle Wanderwege. Ich habe überlegt, mir einen Hund zu holen. Aber die Koyoten …«
»Und die Schlangen?«, warf ich ein.
Sein Rad rumpelte hinten herum. Ich fuhr langsam, weil der Kofferraum offen stand. Im Auto hatte River als Erstes sein Fenster ganz aufgemacht und den Ellbogen ausgefahren.
»Die sind nicht so schlimm wie die Koyoten. Pass auf, nimm dich vor Leonard in Acht. Lenny. Versteh mich nicht falsch, er ist ein guter Kerl. Aber echt bedürftig.«
»Alles klar«, sagte ich. Wie die Jugend doch Bedürftigkeit fürchtet. Ich konzentrierte mich auf die Straßenkehren, die mir nicht ganz geheuer waren. Fast meinte ich zu spüren, wie mein Körper an den Felswänden entlangschrappte. Ich trug immer noch das weiße Kleid, hatte es aber um Limettenöl auf Hals und Handgelenken und ein goldenes Armband von meiner Mutter ergänzt.
River erzählte, dass Leonards Vater seinerzeit so eine Art Kommune vorgeschwebt hatte, ein Bunker der McCarthy-Ära. Ob ich die japanische Badewanne hinter Leonards Wohnung gesehen hätte? Früher sei dort ein steter Strom braun gebrannter Frauen hindurchgezogen, von Pornostars über Satanisten bis hin zur allgemein lockeren, Spaß liebenden Sorte. Ihre großen Brüste wogten auf der schwarzen Wasseroberfläche.
Er sprach von dem Raketentest in Nordkorea, sprach davon so, wie junge Männer von Bedrohungen sprechen – mit politischer Ernsthaftigkeit und unerschrocken angesichts des radioaktiven Todes. River war unsterblich; ich wusste, woran man die Unsterblichen erkennt. Sie futtern Wasabi-Erbsen und benutzen wochenlang dasselbe Handtuch, ohne es zu waschen.
»Ich praktiziere Stoizismus«, erzählte er.
In der Auffahrt blieben wir noch ein paar Minuten im Auto sitzen. Er sprach von Rotterdam. Ich fand, es wäre doch nett, Sex zu haben, hauptsächlich weil ich ihn wegen seines zu früh verstorbenen Vaters ins Herz schloss. Das Problem ist, dass man nur schwer jemanden findet, der einen Verlust wirklich mitfühlt. Dieselben Leute, die bei einem Film heulen, zucken nicht mit der Wimper, wenn man ihnen von einer Tragödie erzählt. Sie sagen: »Das tut mir ja so leid für dich.« Als hätte man bei einem Pferderennen tausend Dollar verloren. Als ließe es sich ersetzen. Ein Fliegenschiss, wenn man das große Ganze betrachtet.
Manchmal komme er tagelang nicht aus seinem Haus, hatte River über Leonard gesagt. »Aber er hockt am Fenster, mach also nichts, was dir vor anderen unangenehm wäre. Wie im Bikini Wäsche aufzuhängen oder dich oben ohne in die Sonne zu legen.«
Ich überlegte, mit wie vielen Mädchen River wohl schon geschlafen hatte. Nackte Frauen sah er wahrscheinlich mehrmals die Woche. Mir gefiel, wie er oben ohne sagte, als wäre gar nichts dabei. Das habe ich anderen Frauen immer zu erklären versucht – dass ich auf Männer stand, die eben nicht aktiv auf Sex aus sind. Die meisten Männer sind mit gereckten Scheren umherkrabbelnde Krebse.
Ich ließ den Blick schweifen und tat, was ich in neuen, gedrängten Verhältnissen immer tat: Ich stellte mir eine Wiege neben meinem Bett vor. Wie abartig lächerlich das aussehen würde. Was für eine Plackerei es wäre, mit einem Baby die Treppe hoch- und runterzusteigen. Wie gefährlich alles wäre und was für ein Riesenaufwand, eine so heruntergekommene Hütte kindersicher zu machen. Es handelte sich stets um eine weiße Korbwiege, ein wunderbar vorsintflutliches Stück, das leise erzitterte, wenn jemand das Zimmer betrat. Ich hatte nie in einer Wiege gelegen. Länger als ratsam hatte ich zwischen meinen Eltern geschlafen. Sie reichten sich gern Marlboro Reds über mein Köpfchen hinweg. Ich erinnere mich, wie meine Mutter ihren schlanken Arm über mir zu meinem kleinen, aber muskulösen Vater ausstreckte, damit er die Asche abstreifte. Der Aschenbecher stand immer auf seiner Seite. »Mimi«, rief meine Mutter, wenn die Zigarette über mir schwebte. »Schon gut, Cici«, sagte mein Vater.
Von diesen Einzelheiten aus der Zeit bevor das Leben, wie ich es kannte, endete, wollte ich Alice erzählen. Nachts träumte ich, sie wäre der Antichrist; sie wäre grausam und hätte es darauf abgesehen, mir wehzutun. Ein Teil von mir wollte ihr wehtun. Manchmal wollte ich am liebsten allen wehtun.
Schweißgebadet wachte ich um drei Uhr früh auf. Es war nicht die Hitze, die mich geweckt hatte, sondern ein teuflisch gellender Laut – irgendwo zwischen einem weinenden Baby und dem Belfern eines Hündchens. Es fühlte sich so nah an, dass ich kein Licht machen wollte vor lauter Furcht, mein Blick könnte auf ein silbernes Fellbüschel an meinem Bettende fallen.
Aus dem Schlafzimmerfenster sah ich nur einen Kojoten, aber bestimmt waren da noch mehr. Der in meinem Blickfeld stand auf der höchsten Anhöhe, ungefähr hundertfünfzig Meter entfernt. Er war schmächtiger als erwartet. Ich sah ihn an, und er sah mich an, und dann verstummte der Laut abrupt. Es war ein friedlicher Moment. Kein Lüftchen ging, und nichts in der Landschaft regte sich. Als wäre es ein Gemälde. Dann warf das Tier den Kopf zurück, öffnete sein Maul und stieß ein Heulen aus, das wie das Knacken von Steinen im Feuer klang. Die unsichtbaren anderen fielen im Chor ein.
Ich lief durchs Haus und schloss die Fenster. Am Ende des grasüberwachsenen Pfads sah ich ein Licht in Leonards Schuppendomizil angehen. In der mörderischen Hitze riss ich mir das Kleid vom Leib, als mir zum ersten Mal eine Klimaanlage an der Wand zwischen Erdgeschoss und erstem Stock auffiel. Die Maklerin hatte behauptet, es gebe keine. Wahrscheinlich war sie defekt, aber trotzdem schleifte ich meinen Esstisch zur Tür. Ich hievte einen Stuhl auf den Tisch und kletterte hinauf. Auf Zehenspitzen konnte ich das Teil einschalten. Zweimal wäre ich fast heruntergefallen. Dann hatte ich es geschafft, ertastete den Schalter, und das Gerät erwachte mit einem befriedigenden Rumpeln zum Leben. Ich roch Farbsplitter, spürte jedoch rasch den kühlen Luftzug. Vor Erleichterung kamen mir die Tränen.
Aus der Gänseblümchen-Rezeptdose neben dem Toaster fischte ich zwei Zehn-Milligramm-Tabletten Ambien. Ich zerbiss eine in der Mitte. Anderthalb war meine magische Zahl bei den meisten Pillen – mehr als nötig, ohne es zu übertreiben.
