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Die Zeit zwischen Grundschuleintritt und den Teenagerjahren ist wunderbar, spannend und herausfordernd zugleich. Daniela Albert begleitet Eltern durch eine Zeit, die mit den ersten Schwungübungen beginnt und an einem Punkt endet, an dem man auf einmal keine Kinder mehr, sondern Jugendliche am Tisch sitzen hat. Wie können Eltern auf diesem ereignisreichen Weg mit ihren Kindern eine gute Beziehung beibehalten? Wie können sie ihnen ein tragfähiges Fundament für die Jugend bauen? Und welche Rolle kann der christliche Glaube dabei spielen? Diese und viele weitere Fragen beantwortet die Familienberaterin wissenschaftlich fundiert und aus ihrer professionellen Erfahrung, aber auch anhand ihrer eigenen Erlebnisse als Mutter von drei Kindern. Dabei schreckt sie auch nicht vor Herausforderungen und Kontroversen dieser Lebensphase zurück, sondern liefert zeitgemäße Antworten auf drängende Fragen. Ein hilfreicher Ratgeber für Eltern von Grundschulkindern, Pre-Teens und jungen Teenagern im Alter von 6 bis 14 Jahren mit den Themen: Gruppendruck, Lernfrust, Medien, Selbstwertgefühle, Abschiedsschmerz und weiterführende Schule, Start in die Pubertät, sexuelle und Gender-Identität, spielerische Förderung, Wachsen im Glauben - oder auch nicht u.v.m
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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© 2025 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn
Andreas-Bräm-Straße 18/20, 47506 Neukirchen-Vluyn, [email protected]
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kristina Dittert, FreiSinn Grafik, unter Verwendung eines Bildes © Pixelshot
Lektorat: Anja Lerz, Moers
DTP: Burkhard Lieverkus, Wuppertal
Verwendete Schriften: Scla Pro, Scala Sans Pro
eBook: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
ISBN 978-3-7615-7035-7 Print
ISBN 978-3-7615-7036-4 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Einleitung
Das Land ist (mal wieder) im Ausnahmezustand. Ein ungewöhnliches Wetterphänomen (Schnee im Winter) legt alles um mich herum lahm. Während ich mich ein bisschen darüber lustig mache, dass ganz Nordhessen den heutigen Tag im Homeoffice und im Distanzunterricht verbracht hat, obwohl es überhaupt erst um 13 Uhr begonnen hat, ein paar Flocken zu schneien, bin ich der Öffentlichkeit insgeheim für diese Überreaktion dankbar. Diese hatte nämlich den netten Nebeneffekt, dass ich heute Morgen eine ganze Stunde länger schlafen durfte. Ich will ganz ehrlich sein – wenn ich eins daran nicht leiden kann, mittlerweile Kinder in den mittleren und großen Jahren ihrer Kindheit zu haben, dann die Tatsache, dass am äußerst frühen Aufstehen kein Weg mehr vorbeiführt. Vorbei die Zeiten, in denen man sich denken konnte: „Was soll’s, dann sind wir eben erst um halb neun in der Kita oder am Arbeitsplatz.“ Zwei von unseren drei Kindern besuchen mittlerweile die weiterführende Schule in der nächstgrößeren Stadt und dorthin fährt nun einmal um kurz vor sieben eine Bahn. Das bedeutet für mich, dass noch vor sechs der Wecker klingelt. Nichts könnte weiter von meinem persönlichen Biorhythmus entfernt sein.
Abgesehen davon habe ich mich in dieser neuen Lebensphase längst sehr gut eingerichtet. Ich konnte sie gut loslassen, die kleinen Jahre, auch wenn mir der langsame Rhythmus aus Kindergartentagen, bettwarmen Kindern nach dem Mittagsschlaf und Abende, die einigermaßen verlässlich irgendwann enden, ein bisschen fehlt.
In den mittleren Jahren der Kindheit empfinde ich alles etwas durchgetakteter. Die Schule bestimmt unseren Alltagsrhythmus deutlich mehr, als mir an manchen Tagen lieb ist, unsere Kinder haben Hobbys und Interessen und natürlich einen eigenen Freundeskreis, den sie unabhängig von uns treffen wollen. Der Radius ist für uns alle größer geworden in den letzten Jahren, Bindungsgummibänder, die uns zusammenhalten, dehnen sich jetzt weit aus. Das gibt uns Freiheiten, von denen wir in den kuscheligen kleinen Jahren oft nur träumen konnten – und stellt uns vor ganz neue Herausforderungen.
Ein Kind durch die mittleren Jahre, also die Zeit zwischen sieben und vierzehn Jahren zu begleiten, ist, wie im Besitz von Backstage-Karten für eine riesengroße Show zu sein – wir dürfen diese Ära miterleben, erleben live und hautnah, wie eine eigenständige Persönlichkeit entsteht, wie ein Mensch aus seinen Gummistiefeln wächst und zu einer Person wird, die nicht mehr Kind genannt werden möchte. Die vielen kleinen Zwischenetappen in diesen Jahren dürfen wir alle aus nächster Nähe begleiten. Das ist aufregend, wunderschön – und manchmal herausfordernd oder gar beängstigend.
Mit der Einschulung kommen viele neue Themen in den Familienalltag. Dabei geht es nicht nur um Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Elternabende, auch emotional tun sich neue Baustellen auf. Manches Kind kommt sehr gut mit dieser Umstellung zurecht, manch anderes strauchelt erstmal und tut sich schwer. Es gibt Kinder, denen der Schulalltag leicht fällt und solche, die sich mit dem Lernen, dem Zuhören, dem langen Sitzen noch eine ganze Weile sehr schwer tun. Soziale Kontakte müssen ganz neu geknüpft werden und das kann wunderbar und bereichernd sein – oder emotional aufwühlend.
Wir als Eltern werden uns immer wieder neu fragen müssen, wer wir in dieser Gemengelage sein wollen. Wo braucht unser Kind uns ganz nah an seiner Seite und wo ist es unsere Aufgabe, loszulassen und zu vertrauen?
Die Herausforderungen werden sich in diesen Jahren zudem rasant verändern: Gerade haben wir unseren Weg gefunden, ein unmotiviertes Kind bei Schwungübungen zu begleiten, ohne dabei den Verstand zu verlieren, da müssen wir auf einmal schon überlegen, wie sein weiterer Bildungsweg aussehen soll. Während unsere Diskussionen über Mediennutzung jahrelang hauptsächlich um die Frage kreisten, ob nun zwei oder drei Folgen Ninjago erlaubt sind, wird sich nun irgendwann die Frage nach dem Smartphone stellen.
Eben noch ist ein kleiner Mensch mit viel zu großem Schulranzen vor uns her in Richtung Schultor gehüpft und auf einmal fragen wir uns an manchen Tagen, ob etwa schon die Pubertät gekommen ist.
In diesem Buch möchte ich mit dir zusammen durch diese aufregenden, turbulenten mittleren Jahre gehen. Wir schauen uns an, was die Lebensphase zu bieten hat, die mit der Zuckertüte am Schultor beginnt und endet, wenn dein Baby auf einmal ein echter Teenager ist. Ich möchte dir Mut machen und zeigen, dass all diese Jahre unglaublich wertvoll sind und viele Möglichkeiten bereithalten, um als Familie miteinander zu wachsen, eure Eltern-Kind-Beziehungen zu stärken und eine richtig gute Zeit zu haben. Und ich möchte ehrlich sein – es sind Jahre voller Herausforderungen. Familienleben ist selten rosarot – Kinder begleiten ist an manchem Tag ein Knochenjob, der Blut, Schweiß und Tränen mit sich bringt. Während sich die Menschen an unserer Seite entwickeln, durchschreiten wir Täler, sind unsicher, machen Fehler und wissen nicht weiter. Auch all das gehört dazu, wenn wir Kinder durchs Leben begleiten. Doch so manche Herausforderung wird erträglicher, wenn man weiß, womit man es zu tun hat. Wenn wir wissen, dass die eine oder andere Schwierigkeit ein ganz normaler Nebeneffekt der Entwicklung ist, jagt sie uns weniger Angst ein. Ungünstigem Verhalten, dessen Ursprung wir verstehen, können wir ganz anders begegnen. Und ab und zu ist die größte Stärkung, die man als Eltern erfahren kann, die Vergewisserung, dass man mit seinen Sorgen und Nöten und den alltäglichen Herausforderungen nicht alleine ist, sondern dass es vielen anderen ganz genauso geht.
All das möchte ich dir auf unserer Reise mitgeben. Ich nehme dich mit in meine eigenen Erfahrungen, erzähle dir von mir oder in anonymisierter Form von Familien, die ich im Laufe der Jahre schon mit ihren Themen begleitet habe. Wenn ich das tue, dann so, dass die Persönlichkeit meiner Klient:innen wirklich geschützt bleibt, ich verändere Namen und zum Teil auch Situationen – denn es geht ja vor allen Dingen um das, was du aus ihren Geschichten lernen kannst.
Ich möchte dir möglichst viel Wissen zu den Jahren mit auf den Weg geben, die gerade vor dir liegen und ich wünsche mir, dass du wenig Druck und viel Erleichterung erfährst. Ich wünsche dir, dass du Mut findest, Fehler zu machen, denn sie sind wichtig für deine Kinder. Ich wünsche dir, dass du dich wiederfindest und mit mir lachen kannst, und ich wünsche dir, dass du dich in den schwierigen und doofen Momenten, die es auch in den mittleren Jahren deiner Kinder geben wird, gehalten und verstanden fühlst.
Aufgebaut habe ich dieses Buch nach dem Schema, das sich schon in „Kleine Kinder, starke Wurzeln“, meinem Ratgeber über die kleinen Jahre der Kindheit, gewählt habe. Es besteht aus sechs inhaltlichen Teilen: den kleinen Grundschuljahren, den großen Grundschuljahren, der Pubertät, der weiterführenden Schule, der Pre-Teen-Zeit und den jungen Teenager-jahren. Ich habe mich dazu entschieden, in diesem Buch eine breite Altersspanne zu thematisieren, weil es sich hierbei um die „großen Jahre der Kindheit“ handelt. Offiziell, laut Gesetzgeber, endet die Kindheit mit dem vierzehnten Geburtstag, an dem die Jugend beginnt. Auf den Beginn dieser Jugendphase werfen wir im letzten Kapitel auch schon einen flüchtigen Blick, denn du wirst merken, dass die Beschäftigung mit dem, was kommt, wenn die Kindheit endet, dir auch in den Phasen davor helfen wird. Es ist außerdem so, dass es auch immer mit individueller Entwicklung und Lebenssituation zusammenhängt, in welchem Alter welche Fragestellungen für euch wie relevant sind. Mag sein, dass dein Kind zwar altersmäßig noch zu den Pre-Teens (also den Zehn- bis Zwölfjährigen) gehört, aber einiges von dem, was ich über junge Teenager schreibe, für euch schon relevant ist. Oder umgekehrt – dir hilft der Teil über die Pre-Teens noch beim Verstehen deines jungen Teenagers. Jeder dieser Teile ist in vier Kapitel untergliedert. Zwei davon nehmen dich jeweils mit in die Freuden und Fallstricke der jeweiligen Phasen. Ein Kapitel ist immer eine Idee für ein Ritual, das ihr in eurem Familienalltag verankern könnt; da geht es mal um die Möglichkeit, spielerisch zu lernen, mal um das Mithelfen im Haushalt, es geht um Übergänge und auch einfach um die Frage, wie ihr gut gemeinsam Zeit verbringen könnt. Das letzte Kapitel jedes Abschnitts beschäftigt sich mit dem Thema Glauben. Das habe ich getan, weil ich dieses Buch nicht nur als Familienberaterin, sondern auch als Christin bei einem christlichen Verlag und für Eltern schreibe, von denen ich annehme, dass sie zumindest mehrheitlich auch gläubig sind. Sollte das auf dich nicht zutreffen, dann fühl dich bitte ganz frei, diese Kapitel zu überspringen.
Alle anderen seien hier aber auch gleich zu Anfang gewarnt: In den mittleren Jahren des Heranwachsens geht es nicht mehr so sehr um kleine Ideen, wie man Glaube positiv in den Alltag integrieren kann, sondern es geht zum Teil ans Eingemachte. Unsere Kinder wachsen in eine Lebensphase hinein, in der sie auf der Suche nach eigenen Antworten und eigener Identität sind – und das kann manchmal ein bisschen ungemütlich werden. Das spiegelt sich auch in dem wider, was ich schreibe. Mir geht es dabei aber darum, dass Jesus weiterhin ein verbindender Faktor in eurem Familienalltag bleibt und nicht auf einmal zum Problem wird, weil eure Kinder das Gefühl haben, von Regeln und Normen erdrückt zu werden. Das bedarf manchmal ein bisschen Reflexion und Neubetrachtung, gerade von Glaubenssätzen, die wir für bisher unumstößlich hielten. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass in einer so komplex gewordenen Welt, wie wir sie gerade erleben, einfache, schnelle Antworten auch in Bezug auf unseren Glauben nicht mehr tragfähig sind.
Du kannst dieses Buch in einem Stück durchlesen und dir so einen guten Überblick über das verschaffen, was in den nächsten Jahren auf dich zukommt. Du kannst es aber auch gut abschnittsweise lesen, wann immer es gerade aktuell wird – oder als Nachschlagewerk im Wohnzimmerschrank stehen haben, je nachdem, wie es für dich am besten passt.
Und nun lass uns mal losziehen – in die mittleren Jahre des Kinder Begleitens oder die großen Jahre der Kindheit – wie auch immer du es nennen möchtest. Hast du alles bereit? Zucker-tüte, Taschentücher, viel Latte Macchiato, die Nummer vom Pizza-Bringdienst und für den Ernstfall Schokolade?
Teil 1 – Die kleinen Grundschulkinder
1.1 Jeden Tag etwas Neues – lernbegeistert wie nie
Alle Buntstifte sind ordentlich angespitzt und mit Namen versehen. Außerdem sind sie natürlich so in die Laschen des Federmäppchens gesteckt worden, dass man bei allen das Logo des Herstellers sieht. Sie bilden eine perfekte Aneinanderreihung von Farben. Den Anfang macht der gelbe, das Ende der schwarze Buntstift – dazwischen fächert sich ein Regenbogen auf. In den Laschen daneben finden sich zwei ebenso sorgfältig angespitzte Bleistifte, ein mit Namen beschrifteter Radiergummi und natürlich der Spitzer. So sieht ein typisches Grundschulmäppchen aus – zumindest am allerersten Schultag. Ab Tag 2 verliert der Regenbogen nach und nach die eine oder andere Farbe. Manche davon finden sich lose im Schulranzen wieder – andere verschwinden für immer in diesem großen schwarzen Loch, in dem Schreibwaren von Grundschulkindern nun einmal unser Raum-Zeit-Kontinuum verlassen.
Aber am ersten Tag, da ist alles schön. Ich glaube, der erste Schultag ist einer dieser Momente im Leben vieler Menschen, in denen die abgedroschene Gedichtzeile „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ aus dem Gedicht Lebensstufen von Hermann Hesse tatsächlich spürbar wird. Sehr viele kleine Menschen brennen regelrecht darauf, endlich den Ranzen schultern zu dürfen und in die Schule zu gehen.
Sie lieben das Gefühl daran, einen Schritt weiter zu sein. Zu den Schulkindern zu gehören. Zu den Großen. Ein Stückchen weiter in die Welt gehen, Abenteuer erleben – und endlich lesen, schreiben und rechnen lernen. Das ist großartig! Sie feiern jeden Buchstaben, jede Zahl – ja, und sogar die erste Hausaufgabe (was ab der zweiten passiert, schauen wir uns im nächsten Kapitel genauer an – hier geht es nur um die erste richtige Hausaufgabe).
All das zu erleben, kann wirklich bezaubernd sein. Auf jeden Fall ist diese herrlich naive Vorfreude, mit der viele Kinder an den Schulstart gehen, tatsächlich hilfreich und trägt unsere Kinder in eine Lebensphase, die ansonsten auch nicht ohne ist.
In die Schule gehen bedeutet nämlich, dass sich das kindliche Leben von Grund auf ändert. Vorbei die Tage, an denen man sich morgens aussuchen konnte, ob man in der Bau- oder der Puppenecke spielen wollte, in der es lange Gartenzeiten zum Toben und Spielen gab und sich das Kindergartenjahr überschaubar von Karneval über Ostern, lange Sommertage, Laternenbasteln und der Vorweihnachtszeit hinzog. Vorbei die Zeit, als es zuallererst darum ging, dass sie sich wohl und geborgen fühlten und sich die Erwartungen an sie noch in Grenzen hielten. Vorbei die Zeit, in der sie auch mal ein halbes Stündchen später kommen konnten – oder gar nicht.
Auf einmal dürfen unsere Kinder nicht nur lernen und täglich neue Herausforderungen erleben – sie müssen es auch. Sie sind Teil eines festen Ablaufs, ihr Alltag richtet sich fortan nach einem Stundenplan, auf dem Mathe bei Frau Schulze bedeutet, dass man Mathe bei Frau Schulze machen muss, auch wenn man so viel lieber in der Bauecke wäre.
Wir dürfen das alle erst lernen
Frusterlebnisse und der Umgang mit Frust gehören deshalb fortan ebenfalls zu unserem Familienalltag. Viele Eltern, gerade wenn sie das erste Mal Kinder in diese Lebensphase begleiten, sind unsicher, wie sie das gut bewältigen und ihnen ein stabiler Anker sein können, wenn sich so viel um sie herum verändert.
Die gute Nachricht ist: Auch hier brauchen unsere Kinder keine perfekten Eltern. Wir müssen nicht sofort Expert:innen fürs Thema Grundschule sein, das dürfen wir denen überlassen, die dies von Berufswegen sind. Wir dürfen mit unseren Kindern zusammen in diese neue Lebensphase wachsen.
Unsere Aufgabe ist es, einen Rahmen zu schaffen, in dem dieses Wachstum gut möglich ist. Wir dürfen in den ersten Wochen und Monaten der Grundschulzeit herausfinden, was uns allen guttut. Wie stehen wir morgens auf? Wie gestalten wir die Zeit, bevor wir alle aus dem Haus müssen? Wie organisieren wir die Nachmittage? Nehmen wir für unsere Kinder Schul- und Hausaufgabenbetreuung in Anspruch oder möchten wir das in den ersten Jahren selbst in die Hand nehmen?
Auch hier gibt es kein Richtig und Falsch. Die Antworten hängen von unserer Lebenssituation, dem Temperament unseres Kindes und dem Konzept der Schule, die es besucht, ab. Wichtig ist jedoch, dass wir uns damit wohlfühlen und unserem Kind das auch vermitteln können: Es ist gut, wie wir es machen!
Dem Lernen einen Rahmen geben
Egal, wie wir uns entscheiden, ob wir mittags zusammen über Schwungübungen sitzen oder uns am Nachmittag nur zeigen lassen, was in der Betreuung erarbeitet wurde: Wichtig ist, dass Schule und Lernen eine feste Zeit im Familienalltag bekommen. Das kann jeden Tag zur gleichen Zeit sein (zum Beispiel nach dem Mittagessen, vor dem Abendbrot oder bevor man sich verabredet) oder im Verlauf einer Woche eine Regelmäßigkeit haben (zum Beispiel Montag und Mittwoch direkt mittags, an den anderen Tagen nach dem Sport oder abends). Aber es sollte für uns alle zur Routine werden. Erstens zeigen wir unseren Kindern so, dass ihre neue Lebensphase einen festen Stellenwert für uns hat, einen Platz, den wir extra dafür freihalten. Wir sorgen mit festen Zeiten aber auch dafür, dass der Raum, den die Grundschule einnimmt, begrenzt ist.
Gerade diese Begrenzung ist wichtig, damit Lernfreude möglichst lange Freude bleibt und nicht schnell in Frust umschlägt.
Wir Erwachsenen erleben im Berufsalltag mehr und mehr die Schattenseiten einer Arbeitswelt, die sich entgrenzt hat. Was einmal nach Freiheit klang (New Work, Remote arbeiten, wo immer man will, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice und arbeiten, wo andere Urlaub machen), ist für viele Berufstätige zur Belastung geworden. Freizeit und Arbeit, Privatleben und das Anliegen der Vorgesetzten, Hausaufgaben und Onlinemeetings, alles verschwimmt ineinander und wir haben ständig verschiedene Hüte auf – und vor allem: Wir kommen nicht runter.
Und gerade dieses Runterkommen und Abschalten, woanders sein, das verdienen auch unsere Grundschulkinder. Dazu gehört, dass für sie vorhersehbar ist, wann sie sich um schulische Belange kümmern müssen und wann sie Freizeit haben, spielen dürfen oder einfach in der Ecke sitzen und träumen. Wenn wir sie willkürlich aus solchen Aktivitäten herausrufen, weil sie noch Hausaufgaben machen müssen, ist Frust vorprogrammiert. Das ist in etwa so, als ob der Chef anruft, während wir mit der Familie im Schwimmbad sind. Braucht kein Mensch und macht schlechte Laune.
Gelassenheit und Vertrauen
Um förderlich zu begrenzen, wie viel Raum die Schule einnehmen darf, ist auch eine gewisse Gelassenheit nötig, denn dazu gehört auch, es gut sein zu lassen. Manchmal werden wir mit dem, was unsere Kinder in 30 oder 45 Minuten erarbeitet haben, sehr zufrieden sein. Ein anderes Mal würden wir am liebsten alles wegradieren, weil die Zahlen unordentlich über die Kästchen geschmiert wurden, unser Kind drei Wörter auf vier Zeilen geschrieben hat, nur um den Platz schnell zu füllen, oder weil wir finden, dass es für das flüssige Lesen noch viel mehr Übung bräuchte. Hier ist es wichtig, sich klarzumachen, dass jedes Kind in seinem Tempo lernt und sich entwickelt. Mag sein, dass dein Kind mit seinen vielen Stolperern beim Lesen den Ansprüchen seiner Lehrkraft noch nicht ganz entspricht – aber das wird es irgendwann. Wenn ihr dranbleibt und regelmäßig ein bisschen übt, wird es ans Ziel kommen und du wirst diesen Prozess nicht dadurch beschleunigen, dass du das Übungspensum weit über die Leselust deines Kindes hinaus erhöhst. Im Gegenteil.
Gerade in den ersten Schuljahren sind die Unterschiede zwischen den Kindern eines Jahrgangs sehr groß. Manche können schon zum Zeitpunkt der Einschulung ganze Bücher lesen, andere brauchen Monate, um die ersten Buchstaben zusammenzuziehen und die Laute dahinter zu erkennen. Eltern haben schnell die Sorge, ihre Kinder könnten zurückfallen und dauerhaft Nachteile haben, wenn sie zu Letzteren gehören. Diese Sorge ist in aller Regel unbegründet. Wie lange dein Kind braucht, um ins Lesen zu kommen oder anderen Anfangsstoff in der Grundschule zu verinnerlichen, sagt nichts darüber aus, wie es sich langfristig in der Schule schlagen wird. Es zeigt uns nur, wie heterogen Grundschulkinder sind.
Apropos Sorgen: Uns als Elterngeneration zeichnet heute aus, dass wir uns mehrheitlich viele Gedanken über das Wohlergehen unserer Kinder machen. Wir hinterfragen Dinge, die dem aus unserem Gefühl heraus zuwiderlaufen. Wir arbeiten an einer guten Beziehung zu unseren Kindern, an Nähe, an Kontakt, an Dialog. Wir sind interessiert daran, wie es unseren Kindern geht, und wir trauen uns, für sie einzustehen. Das ist wundervoll und auch wenn viele unsere Generation dafür kritisch beäugen: Ich feiere uns dafür! Wir durchbrechen dadurch das Muster, das eine autoritäre, obrigkeitshörige Erziehung über Generationen geprägt hat, ein Muster, das Kindern sagte, sie sollten sich nicht so anstellen. Sie müssten da eben durch (genau wie Erwachsene), ihre Gefühle, ihr Unbehagen, Schmerz, Scham, Angst und Trauer seien nicht real, Autoritäten hätten immer Recht, schlechte Noten wären immer und in jedem Fall verdient und man müsse sich einfach nur mehr anstrengen. Dass diese Botschaften nun nicht mehr so weitergegeben werden, ist eine gute und wichtige Entwicklung.
Und, ja, manchmal schießen wir übers Ziel hinaus. Dass man uns nachsagt, wir würden unsere Kinder zu sehr in Watte packen, ihnen nichts mehr zumuten und ihnen am liebsten alles aus dem Weg räumen, ist leider nicht gänzlich der wütenden Fantasie irgendwelcher Autoritätsfanatiker:innen entsprungen. Beim Begleiten unserer Kinder durch die Schulzeit kann man auch von der anderen Seite vom Pferd fallen. Damit dir das möglichst nicht zu oft passiert, hier ein paar Gedanken dazu. Sie stammen alle von einer Mutter, die in jahrelangen Feldstudien mit leidgeprüften Grundschullehrerinnen getestet hat, wann, wie und in welchem Maß es okay ist, für das eigene Kind einzustehen und wann man es gehörig übertrieben hat.
Frage dich, ob eine Situation für dich schlimm ist oder für dein Kind.
Ich habe im Laufe meiner Zeit als Mutter zweimal die Erfahrung gemacht, dass meine Kinder während der Grundschulzeit eine neue Klassenleitung bekommen haben. Beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, die Welt könnte untergehen. Ging sie aber nicht, sie drehte sich ganz normal weiter und mein Kind ist durch diese Veränderung auch souverän durchmarschiert. Es war meine eigene Angst, die hier ein Drama herbeifantasiert hat, das gar nicht existierte.
