Anmerkungen zu Multikulti - Hermann Henkel - E-Book

Anmerkungen zu Multikulti E-Book

Hermann Henkel

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Beschreibung

Wer die Diskussion um die Zuwanderung in der Öffentlichkeit verfolgt, gewinnt schnell den Eindruck, es sei eigentlich schon alles gesagt. Neue Argumente und Gesichtspunkte werden kaum noch aufgezeigt. Sehr wohl wird aber in allen Auseinandersetzungen seitens der Befürworter von Multikulti der Vorwurf an Kritiker dieser Entwicklungen erhoben, sie böten in populistischer Weise nur scheinbar einfache Lösungen. In der vorliegenden Streitschrift stellt der Autor dieser angeblichen Undifferenziertheit eine in zahlreiche Aspekte der modernen Migration eindringende Betrachtung entgegen. Dabei werden viele Begleitumstände einer massenhaften Zuwanderung in historisch kurzer Zeit sowie mögliche Folgen von verschiedenen Seiten beleuchtet, wie sie in dieser Weise in der öffentlichen Diskussion kaum oder nur selten zur Sprache kommen. Es ist noch lange nicht alles gesagt, was für die Bewertung der Zuwanderung von Bedeutung ist!

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Seitenzahl: 724

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

1 Vorbemerkungen

2 Ur-Angst

2.1 Auseinandersetzungen

2.2 Ent-Menschlichung

2.3 Fortschritte

3 Kennenlernen, Erklären, Bildung

3.1 Kennenlernen

3.2 Erklären

3.3 Bildung

Kritische Masse

Nachhaltigkeit von Bildung

3.4 Demografischer Wandel

Chancen des demografischen Wandels

4 Buntheit und Vielfalt

4.1 Einheimische - Zuwanderer

4.2 In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

4.3 Ist das Boot voll?

5 Gesellschaft

5.1 Identität

5.2 Individualität und Abgrenzung

5.3 Integration

5.4 Wie lange geht das gut?

5.5 Teamarbeit

5.6 Dolchstoßlegende

6 Bereicherung

6.1 Soziale Bereicherung

6.2 Ökonomische Bereicherung

6.3 Kulturelle Bereicherung

6.4 Bereicherung für die Migranten

6.5 Bereicherung für die Herkunftsländer

7 Zeitgeist

7.1 Pegida und AfD

7.2 Werte

Folgerung

7.3 Spiegelneurone

7.4 Mehrheit und Minderheit

8 Ursachen und Schuld

8.1 Schuld des Westens

Kolonialismus

Sklavenhandel

Schuldzuweisung

8.2 Verantwortung

9 Wie geht es weiter?

9.1 Ist Multikulti unumkehrbar?

Verhaltensänderungen

Wohlstand für alle

9.2 Herkunftssituation verbessern

Beispiel Syrien

9.3 Zahlen

Kumulierte Zahlen

9.4 Argumentation

Sprache und Begriffe

»Wir schaffen das!«

9.5 Risiko

Fremdenangst

Wütende junge Männer

Rahmenbedingungen

Eskalationsgefahr

Jumbo ohne Landebahn

9.6 Was lernen wir aus der Geschichte?

Militär

Nationalstaat

Deutsch

Vermischung

9.7 Was kommt nach uns?

9.8 Was bleibt von der Aufklärung?

Recht auf Asyl

9.9 Plebiszit

10 Schluss

10.1 Beifall von der falschen Seite

10.2 Polarisierung

Anhang

11 Danksagung

12 Stichwortverzeichnis

13 Personenregister

14 Literaturverzeichnis

15 Quellenverzeichnis

1 Vorbemerkungen

Es gibt Menschen, die Angst vor Fremden haben. Dann gibt es aber auch Menschen, die diese Angst für völlig unbegründet halten. Irgendwie scheint es nun eine ausgemachte Sache zu sein, dass die Guten, die Klugen und Aufgeklärten diejenigen sind, die keine Angst vor Fremden haben (oder diese zumindest nicht zeigen) und daher die multikulturelle Gesellschaft gut finden. Auf der anderen Seite gelten diejenigen, die das anders sehen und den Zuzug von so vielen Fremden eher als Bedrohung empfinden, schnell als die Dummen, Tumben, Einfältigen, die Mitläufer, die Fremdenfeindlichen, die Rassisten usw.

War meine persönliche Einschätzung der scheinbar so selbstverständlichen Entwicklung hin zur multikulturellen Gesellschaft anfangs durchaus von Zustimmung, aber mit vorsichtigem Hinterfragen geprägt, so wandelte sich dies bald angesichts des gleichsam religiösen Eifers, der jeder Äußerung der geringsten Skepsis entgegengeschleudert wurde und der daraus erwachsenen Verdammnis, welcher ein jeder Kritiker anheimfiel. Durch diese drastische Beurteilung, die auf der einen Seite nur wünschenswerte Buntheit und unabänderliche Wahrheiten sah, während auf der anderen, der skeptischen Seite, ausschließlich niedere Instinkte und Verführtheit ausgemacht wurden (und immer noch werden), wuchsen zunächst meine Zweifel an den Verfechtern von Multikulti stärker und zunehmend stellte sich auch das ganze Konzept der bunten, multikulturellen Gesellschaft inhaltlich fragwürdiger dar. Inzwischen erscheint es mir mehr und mehr nicht bis zum Ende durchdacht, sondern eher als eine sich verselbstständigende Entwicklung, deren Rechtfertigung in großen Teilen aus einer übertriebenen, ideologisch angefeuerten Gegenreaktion auf die vormalige, rassistisch motivierte Ablehnung jeglicher Vermischung vor allem während der Nazizeit gezogen wird.

Dabei werden natürliche Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten - wie so oft bei Ideologen - übersehen oder bewusst ignoriert, anders Denkende verteufelt und dadurch die eigenen Ansichten derart moralisch überhöht, dass jeder ernsthaften Kritik die Legitimität abgesprochen wird. Denn die Befürworter von Multikulti und der fortgesetzten Zuwanderung in großer Zahl reklamieren für sich mit großer Selbstverständlichkeit, die wahren Hüter von Humanität und Menschenrechten zu sein. Besonders angesichts der Auseinandersetzungen um die unbegrenzte Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten scheint dieser Anspruch geradezu zwangsläufig Bestätigung zu finden.

Die vorliegende Ausarbeitung befasst sich mit dieser Gegenüberstellung der „Guten und „Bösen. Es werden die Begleitumstände einer starken Zuwanderung in historisch kurzer Zeit sowie die möglichen Folgen von verschiedenen Seiten beleuchtet. Darüber hinaus wird gefragt, ob die Dummen, die Tumben und Mitläufer tatsächlich so einfach zu identifizieren sind, wie das angesichts etwa der Pegida-Demonstrationen in der medialen Öffentlichkeit hingestellt wird. Oder ist es hier genauso wie immer, wenn mit dem Finger auf andere gezeigt wird: Es zeigen drei Finger auf einen selbst zurück?

Diese Abhandlung soll somit dazu beitragen, die „unumstößlichen Wahrheiten zu hinterfragen und durchaus auch der all zu selbstherrlichen Sichtweise der „Guten einen Spiegel vorhalten. Vielleicht schieße ich in meiner Wortwahl dabei bisweilen etwas über das Ziel hinaus, aber dies ist nicht nur der Versuch einer Bestandsaufnahme, sondern auch eine Streitschrift. Eine Streitschrift deshalb, weil die Schwarz-Weiß-Malerei im Umgang mit dem Thema - hier die Aufgeschlossenen, Fortschrittlichen, dort die Tumben - inzwischen so weit fortgeschritten ist, dass eine rein nüchterne Beschreibung kaum noch angebracht erscheint.

Grundsätzlich wird die Zuwanderung und die daraus entstandene multikulturelle Gesellschaft von ihren Befürwortern als unabänderlicher Fakt angesehen. Wie unabänderlich dieser Fakt tatsächlich ist, und welche Begleitumstände daran hängen, wird hier von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, die, soweit ich das überblicken kann, in der Regel nicht oder nur wenig in Medien und Öffentlichkeit zur Sprache kommen. So werden beispielsweise die Allheilmittel für alle zunehmend stärker zu Tage tretenden Schwierigkeiten bei der Integration, ein gegenseitiges Sich-Kennenlernen, intensives Erklären und vor allem mehr Bildung, auf den Prüfstand gestellt. Aber auch die fundamentalen Grundlagen unserer westlichen Wertvorstellungen, der Stellenwert von Humanität und Menschenwürde, auf denen unser Umgang etwa mit Kriegsflüchtlingen basiert, können nicht unbeachtet bleiben.

Schließlich ist die ganze Ausarbeitung von der Frage durchdrungen, was passieren kann, wenn die Anstrengungen zur Integration der Zuwanderer trotz aller Notwendigkeiten, moralischer Vorhaltungen und teilweise überzogener gutmenschelnder Forderungen nicht gelingen. Gerade diese Möglichkeit wird in der Öffentlichkeit, in seriösen Veröffentlichungen, Diskussionen und Foren viel zu wenig beachtet, um nicht zu sagen verdrängt, denn hier sorgen die Totschlag-Phrasen „Panikmacheund „Ängste schürensogleich für Ruhe.

Dieses drohende Scheitern beruht aber zu großen Teilen auf einem bei uns zwar teilweise verborgenen, weil als falsch und verwerflich angesehenen, aber gleichwohl existenziellen Aspekt des menschlichen Daseins: der Angst vor Fremden. Deshalb steht am Anfang meiner Ausführungen die Behauptung vieler Multikultibefürworter, die Angst vor den Fremden sei völlig unbegründet.

Zuvor noch zwei kurze Hinweise zum Schriftbild:

Hervorgehobene Textstellen sind mit „(Gänsefüßchen) eingefasst, während Zitate mit »« und kursiv gekennzeichnet sind. Längere Zitate sind zusätzlich etwas eingerückt dargestellt.

Ferner werden gelegentliche Ergänzungen in Form von Fußnoten (A, B, C, ...) auf der betreffenden Seite aufgeführt, Quellenangaben (1, 2, 3, …) sind hingegen am Ende des Buches zu finden.

2 Ur-Angst

Über eine Entwicklungszeit der Menschwerdung von mehreren Millionen Jahren war es in der bei Weitem längsten Phase nicht nur sinnvoll, sondern geradezu überlebensnotwendig, Angst vor Fremden zu haben. Die Menschen lebten in Gruppen von meist ca. 70 bis 200 Personen, hatten enge Beziehungen zu den eigenen Sippenmitgliedern, nicht mehr ganz so enge zu den Nachbarsippen und kaum welche zu weiter entfernten Gruppen. Tauchten Fremde in größerer Anzahl auf, so bedeutete dies in aller Regel Gefahr für Leib und Leben des Einzelnen und der ganzen Sippe. Deshalb ist mit dem tief verwurzelten Gefühl der Angst vor Fremden auch das Bedürfnis nach Abgrenzung gegen Fremde verbunden. Wen man nicht kannte, den ließ man besser nicht so nah an sich herankommen.

Die moderne Neurowissenschaft hat herausgefunden, dass Aggression, Angst und Wut auf Gehirnareale zurückgehen, die im älteren Teil des Gehirns sitzen. Deren Kontrolle wird dagegen von Nervenzellen in entwicklungsphysiologisch neueren Gehirnregionen gesteuert.1 Es kann daher davon ausgegangen werden, dass die Angst vor dem „Fremden, ob in Form von gefährlichen Tieren oder anderen Artgenossen, sich schon sehr früh im Laufe der Entwicklung tief in unser Gehirn eingebrannt hat (ebenso wie die Aggressionsbereitschaft), sie wäre damit im wahrsten Sinne des Wortes eine „Ur-Angst"A - und sie war definitiv über die längste Entwicklungszeit des Menschen alles andere als unbegründet.

Gewalt gegen Angehörige des eigenen Gemeinwesens war frühzeitig gewissen Regeln und Sanktionen unterworfen. Manche Wissenschaftler sehen in der friedlichen Kooperation innerhalb der sozialen Gruppe gar einen evolutionären Vorteil, der sich im Laufe der Entwicklung als sehr erfolgreich gezeigt und sich deshalb durchgesetzt hat. Über die längste Zeit der uns bekannten Geschichte der Menschheit waren Mitgliedern fremder Sippen, Stämme oder Völker gegenüber jedoch nur wenige oder gar keine Beschränkungen in Bezug auf Gewaltanwendung zu beachten. Zahllose Aufzeichnungen, die wir über vergangene Jahrhunderte und Jahrtausende haben, zeigen immer wieder, wie Fremde ohne erkennbare Gewissensbisse bedroht, gedemütigt, angegriffen, erschlagen oder versklavt wurden. Viele Kulturen verlangten geradezu das Töten eines Feindes, weil ihre männlichen Mitglieder dadurch nicht nur materiellen Gewinn, sondern vor allem auch eine höhere gesellschaftliche Anerkennung erreichen konnten. Evolutionsbiologisch betrachtet wurde mit jedem getöteten (Fress-)Feind das eigene Überleben und das der eigenen Sippe und der eigenen Nachkommen verbessert.

Trotzdem wurde immer wieder versucht zu zeigen, das Gegenteil sei richtig, dass nämlich weder Aggressionen noch Fremdenangst von Natur aus in uns steckten, sondern nur erlernt und durch die Umstände auferlegt seien. Die unverfälschte Ur-Gesellschaft sei vielmehr doch frei von allem Bösen wie etwa Krieg und fremdenfeindlichem Verhalten. So hatte in den 1920er Jahren die Anthropologin Margaret Mead von einer Eingeborenengesellschaft auf Samoa berichtet, die scheinbar vollkommen harmonisch und im Einklang mit sich und der Welt lebte, auf Autoritäten innerhalb der Familie verzichtete und Gewalttätigkeiten praktisch nicht kannte2. Dieser bei allen Friedensbewegten und Fundamentalpazifisten bis heute beliebten Idylle wurden (und werden) dann sogar noch Beobachtungen aus dem Tierreich zur Seite gestellt:

Ein Schimpanse, der das Gebiet eines anderen Schimpansenclans betritt, wird von diesem angegriffen und vertrieben, oder kann, wenn er nicht schnell genug das Weite sucht, möglicherweise getötet werden. Schimpansen führen sogar regelrecht Krieg gegen ihre Artgenossen. Innerhalb der einzelnen Gruppen gibt es ganz klare Hierarchien: das Alpha-Männchen darf alle Weibchen bespringen und sich fortpflanzen, während die rangniedrigeren Männchen leer ausgehen und viele von ihnen als „Jungfrauen sterben.

Dem gegenüber stehen die Bonobos, ebenfalls eine Primatenart aus der Gattung der Menschenaffen (Hominiden), die wie die Schimpansen ca. 98% ihrer DNS mit dem Menschen gemeinsam haben. Sie rangeln zwar auch um die Stellung innerhalb der Gruppe, sind aber aber sehr viel friedlicher als die Schimpansen und töten einander nicht, sie teilen freiwillig ihr Futter untereinander und ihr Anführer ist meistens ein Weibchen! Treten doch einmal Probleme auf, werden diese oft nicht mit Streit und Kampf gelöst, sondern mit Sex. Jeder darf mit jedem, nicht nur zwischengeschlechtlich, sondern auch gleichgeschlechtlich.3

Manch ein Friedenstheoretiker greift das Beispiel der Bonobos deshalb gerne auf, passt es doch perfekt in sein rosarotes Weltbild, denn es zeigt, wie selbst die unerbittliche Natur sich zu einem friedlichen und harmonischen Miteinander entwickeln kann. Allerdings hat das schöne Bild einen Haken: Die Bonobos besiedeln einen inselähnlichen Lebensraum im Kongo, begrenzt von großen, für Affen unüberwindlichen Flüssen, ohne Konkurrenz durch andere Affenarten. Sie mussten also nicht unter dem massiven Druck der Rivalität um die tägliche Nahrung kämpfen und konnten stattdessen schöngeistige Lebensformen entwickeln und ihren Sex-Spielchen frönen. Und: Die Bonobos sind noch viel stärker als die aggressiven, kriegerischen Schimpansen vom Aussterben bedroht. Kaum auszumalen, was passieren würde, wenn eine Horde Schimpansen in das harmonische Refugium der Bonobos einbrechen würde. Ihr Fortbestand ist also, auch ohne Einwirkung des Menschen, erheblich gefährdeter als derjenige der Schimpansen.

Vielleicht gab es in der Entwicklung des Menschen sogar eine Entsprechung des Verhältnisses zwischen Bonobo und Schimpansen. Bis heute rätselt die Wissenschaft darüber, warum die Neandertaler plötzlich von der Bildfläche verschwanden. Früher wurden sie als starke, aber tumbe, weniger entwickelte, sprichwörtliche „Steinzeitmenschen angesehen. Inzwischen scheint sich immer deutlicher herauszustellen, dass sie ganz und gar nicht tumb und rückständig, sondern sowohl sozial als auch technisch ihren Zeitgenossen der Gattung Homo sapiens durchaus ebenbürtig waren. Manche Wissenschaftler vermuten, dass ihr Hirnvolumen im Mittel sogar noch etwas größer gewesen sein könnte als das des modernen Menschen. Trotzdem sind sie ausgestorben und wir nicht. Niemand wird je mit absoluter Sicherheit sagen können, was passiert ist, aber das gäbe doch zweifellos eine attraktive Fiktion als Romanvorlage ab: Die Neandertaler - die Bonobos der Gattung Homo, ausgerottet von ihren aggressiven Vettern.

Wir sind also übrig geblieben und wenn es überhaupt einen roten Faden in unserer gesamten Entwicklung gibt, dann ist es der des Kämpfens und Tötens. In der westlichen Welt hat schließlich das Christentum mit seinem Verbot des Tötens - unabhängig von Rasse und Herkunft des Opfers - eine wichtige Voraussetzung für ein langsames Umdenken gelegt. Zwar gab es auch schon in der Antike moralische Ansprüche und kluge Denker, die sich den Kopf zerbrachen über das „richtige Verhalten der Menschen, aber ihr Einfluss blieb meist auf den eigenen Kulturkreis, die eigene Volksgruppe bzw. den eigenen Herrschaftsbereich beschränkt. Die christliche Lehre jedoch fand bald weitere Verbreitung, denn sie besitzt eine stärkere Veranlagung zu völkerübergreifender Wirkung. Ähnliches gilt übrigens auch für den Islam. Beide monotheistischen Religionen haben sich schon in ihren Anfängen nicht an einem Volk oder einer Rasse orientiert, sondern waren grundsätzlich offen für alle, die sich von den jeweiligen Lehren überzeugen ließen.

Bis dieses Umdenken hin zu weniger leichtfertigem Töten von Fremden tatsächlich in breiteren Kreisen Fuß fasste, dauerte es aber noch viele Jahrhunderte und es bedurfte eines langfristigen wirtschaftlichen und militärischen Aufschwungs. Die damit einhergehende Aufklärung im Westen brachte schließlich den theoretischen Überbau für die Vorstellung einer allgemeinen Gleichheit der Menschen, für Humanität und Menschenrechte. Zwar genoss diese Idee immer mehr Zustimmung in den zunehmend wohlhabenderen Gesellschaften Europas, trotzdem war ihre Wirkung bis in unsere Zeit nicht so durchschlagend, dass der überwiegende Teil der Menschen seine Ur-Instinkte verloren hätte, um sich zu sehr auf die neue Vorstellung der Menschlichkeit zu verlassen.

Selbst der Schrecken der beiden Weltkriege und besonders der des zweiten Weltkrieges mit seinen riesigen Verlusten an Menschenleben und unvorstellbaren Gräueltaten, deren Ursache im Wesentlichen auf rassische Vorstellungen und Vorurteile zurückzuführen ist, hat nicht so nachhaltig an diesen Ur-Instinkten rütteln können, als dass man sie ein für allemal für überwunden halten könnte. Im Gegenteil, seit 1945 und der Aufdeckung der Nazi-Schweinereien - erstmals überhaupt auch umfassend visuell vermittelbar anhand von Fotos und Filmaufnahmen aus den Stätten der Gewalt - sind weiterhin Millionen von Menschen durch kriegerische Auseinandersetzungen und ethnisch-ideologische Konflikte gestorben. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Über kognitive Vorstellungen oder Erkenntnisse kommt man eben an das Stammhirn nicht so schnell heran. Und die Psychologie weiß spätestens seit Sigmund Freud, dass das Bewusste viel direkter vom Unbewussten bestimmt wird als umgekehrt.

Wenn über Jahrmillionen in erster Linie diejenigen überlebten, die sich rechtzeitig und wirkungsvoll vor dem Eindringen Fremder in großer Zahl schützen konnten, dann wird dies zwangsläufig seinen Niederschlag in unserer ererbten Grundausstattung gefunden haben. Es ist also von einem evolutionären Grundstock auszugehen, der zwar kulturell überformt und damit verstärkt oder abgeschwächt werden kann, den man aber mit noch so viel Verteuflung dieser Ur-Angst nicht wegreden kann. Welche Blüten diese Verteuflung treiben kann, zeigte etwa das Beispiel des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt, der von einer angeborenen »Fremdenfurcht« sprach, was ihm den Vorwurf des Chauvinismus einbrachte und dass er »seine Thesen zur Unterstützung fremdenfeindlicher Ideologien« instrumentalisieren lasse4.

Sicher bildet diese evolutionsbiologische Deutung nicht die einzige Grundlage für das Aufkommen von Fremdenangst. Auch das Bedürfnis, beispielsweise den Grund für die eigene soziale Ausgrenzung anderen in die Schuhe zu schieben (Sündenbockmethode), spielt eine Rolle, ebenso wie alle anderen überlieferten und erlernten Ausgrenzungsmechanismen einer Gesellschaft. Allerdings anders als die politisch korrekt motivierte Deutung gern nahelegen will, muss die Angst vor Fremden meines Erachtens nicht zwangsläufig mit Rassismus, also der Vorstellung der Geringschätzung des Fremden und dem Aufbau eines überlegenen Selbstbildes, einhergehen.

Wie dem auch immer sei, wir müssen die Frage stellen, ob diese Ur-Angst vor den Fremden heute immer noch berechtigt ist? Oder ist sie in unserer zivilisierten, rechtsstaatlichen Gesellschaft nicht längst überholt?

Nach den Katastrophen der beiden großen Kriege der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren unzähligen Opfern wurde mancherorts die Hoffnung geboren, die Menschen könnten nun endlich, mit diesen abschreckenden Erfahrungen vor Augen, zu einem friedlicheren, angstfreieren Umgang miteinander finden. Aber wahrscheinlich hat gerade der Zweite Weltkrieg die Berechtigung zur Ur-Angst vor Fremden bei vielen Menschen sogar bestätigt. Denn nie zuvor war der Fall eines Kulturvolkes so tief. Die Deutschen standen mit ihrem gesellschaftlichen Entwicklungsstand, aber auch mit ihrem kulturellen Selbstverständnis, an der Spitze der Moderne und rutschen innerhalb weniger Jahre in eine nicht vorstellbare Barbarei ab. Zwar weiß man inzwischen, dass Menschen in Extremsituationen in archaische „Spitzenreaktionen verfallen können, in dieser Form war das bisher jedoch wirklich einzigartig. Wenn aber die »Decke der Zivilisation«, wie Freud formulierte, selbst an ihrer dicksten Stelle noch so dünn ist, dass sie jederzeit schnell einbrechen kann, dann können die uralten Ängste nicht einfach als überholt deklariert werden.

Auch unser heutiges Alltagsleben wird zunehmend von Bedrohungsszenarien durch Fremde eingenommen. Mal Hand aufs Herz: Wem wird nicht etwas mulmig, wenn ihm nachts eine Gruppe türkischer oder arabischer Jugendlicher auf schlecht beleuchteter Straße entgegenkommt? Wäre es eine Gruppe deutscher Jugendlicher, könnte man sich auch unwohl fühlen, aber es wäre doch irgendwie anders. Warum ist das so? Weil wir den fremden Jugendlichen unbewusst eine größere Brutalität zutrauen und, noch bedrohlicher, weil wir ahnen, dass diese noch in Strukturen verankert sind, in denen der Zusammenhalt sehr viel stärker (und verlässlicher) ist als in unserem eigenen Umfeld. Das kann zur Folge haben, dass, wer sich mit einem anlegt, gleich die ganze Familiensippe am Hals hat, die man nicht so einfach wieder los wird. Beides mögen Vorurteile sein, welche den vielen anständigen ausländischen Jugendlichen Unrecht tun, aber es gibt eben immer wieder auch Beispiele, in denen solche Clanstrukturen bestätigt werden.5 Von diesen Beispielen hat fast jeder schon einmal gehört, und genau deshalb wird die nächtliche Begegnung mit ausländischen Jugendlichen von vielen als bedrohlicher wahrgenommen als die mit (bio-)deutschen.

Oder betrachten wir die albanischen und arabischen Großfamilien, die das organisierte Verbrechen in manchen deutschen Städten unangefochten dominieren und in welche die deutsche Polizei mit ihren Mitteln praktisch nicht eindringen kann. Der Islamwissenschaftler und ehemalige Sozialarbeiter in Berlin, Dr. Ralph Ghadban, schildert dies sehr anschaulich - und äußerst beunruhigend!6 Unser Rechtssystem stößt dabei genauso an Grenzen wie bei der Behandlung von irrationalen Selbstmordattentätern. Auch hier ist es zweifellos so, dass bei weitem nicht alle albanischen oder arabischen Großfamilien im kriminellen Milieu aktiv sind. Aber es gibt doch erkennbare Aktivitäten ausgerechnet aus diesen Migrantengruppen, die durch deren Familienstrukturen und Traditionen begünstigt werden. Die nachteiligen Aspekte dieser Strukturen in absehbarer Zeit mit rechtsstaatlichen Mitteln aus dem Wege zu räumen, erscheint, vorsichtig ausgedrückt, als sehr ambitioniert. Ähnlich schwierig wird es bei der Einschätzung, ob wir die uns fremden Vorstellungen von religiösen Riten und gesellschaftlichen Traditionen, von Ehrenmorden über Zwangsverheiratungen und Beschneidungen von kleinen Mädchen bis hin zu paralleler Scharia-Gesetzgebung mitten in unserer Gesellschaft in überschaubaren Zeiträumen in den Griff bekommen werden.

Jedem ist klar, dass das nur dann gelingen kann, wenn den vielen Migranten auch eine adäquate wirtschaftliche Perspektive geboten wird. Im Klartext heißt das: Die unschönen Gewohnheiten sollen mit Wohlstand und Konsum ausgetrieben werden, den Rest ihrer Sitten und Gebräuche können sie ruhig behalten. Man wird dabei an Winston Churchill erinnert, der auf die Frage, was man denn mit den notorisch kriegerischen Deutschen überhaupt machen könne, um sie ein für alle Mal von ihrem aggressiven Verhalten abzubringen, geantwortet haben soll: »keep them fat but impotent!«7 Bei den Deutschen ist das ja erstaunlich gut gelungen (lange Zeit nicht nur politisch, sondern inzwischen offenbar auch biologisch). Aber was ist, wenn das dieses Mal nicht wieder klappt? Die Voraussetzungen waren damals nämlich völlig anders. Das Wirtschaftswunder führte nach dem Zweiten Weltkrieg zu Verhältnissen, die mit den heutigen überhaupt nicht mehr vergleichbar sind. Damals war alles kaputt und es konnte feste drauflos gewachsen werden. Aber wer glaubt denn heute noch ernsthaft an ein ewiges Wachstum, an eine immer fortwährende Steigerung von Konsum und Wohlstand? Ohne stetes Wachstum aber werden wir der sozialen Situation nicht Herr. Schon unsere eigenen sozialen Verwerfungen bringen das System an seine Grenzen (siehe immer größere soziale Unterschiede und daraus erwachsende Spannungen), und jetzt kommen noch die importierten der millionenfachen Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte bis heute hinzu. Ein ohnehin bestehendes und kaum zu lösendes Problem wird also innerhalb von wenigen Jahrzehnten noch dramatisch verstärkt. Wenn wir dem jetzt schon kaum Herr werden, wie soll das in einer Periode des bevorstehenden ökonomischen Umbaus und eines mittel- bis langfristig sehr wahrscheinlichen wirtschaftlichen Schrumpfungsprozesses möglich werden? Hier schwelt ein Gefahrenpotenzial, das jedem bewusst ist, der sich mit dieser Situation ein wenig befasst. Ein weiteres Puzzlestück im Bild der Angst vor dem Fremden.

Und nun Attentate in New York, in London, in Madrid, in Paris, in Brüssel, in Tunis mit tausenden von Toten, zahlreiche verhinderte Attentate auch in Deutschland und sicher noch mehr, von denen die Öffentlichkeit nie etwas mitbekommt. Vor 20 Jahren galt die Russenmafia als das Gruseligste, was sich ein deutscher Krimi-Gucker vorstellen konnte, noch vor der italienischen Mafia oder den organisierten Banden vom Balkan. Auch hier brachten diese Migranten (die eingewanderten Mafiosi zählen ja ebenfalls dazu) zum Teil Vorstellungen und Verhaltensweisen mit, die meilenweit von den unsrigen entfernt sind - sie sind eben fremd! Manches hatten wir früher auch mal so oder so ähnlich, wie zum Beispiel das Verständnis von Ehre und Kampf. Aber das ist uns alles inzwischen derart fremd geworden, dass es uns heute erschaudern lässt.

Inzwischen haben die islamistischen Terroristen allen anderen den Rang abgelaufen. Und die Islamisten kommen nun mal in der Hauptsache aus islamischen Ländern oder bei uns aus den Gemeinschaften der muslimischen Zuwanderer und nicht aus der Szene der bayrischen Trachtenvereine. Zwar gab und gibt es auch „hausgemachtenTerrorismus, etwa den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) oder den der Roten Armeefraktion (RAF) der 1960er bis 1980er Jahre, aber verglichen mit den modernen „Gefährdern waren die einheimischen Terroristen des NSU, der RAF oder ihres Vorgängers, der Baader-Meinhof-Bande, regelrechte Stümper in Sachen Gefährdungspotenzial. Nicht nur unterschieden sich deren qualitative Zielsetzungen deutlich von denen der islamistischen Fanatiker, weil sie im Gegensatz zu letzteren beispielsweise nur bestimmte Funktionsträger im verhassten System treffen wollten und nicht beliebige Opfer aus der normalen Bevölkerung. Auch ihr quantitativer Ansatz bewegte sich in ganz anderen Größenordnungen. Sie wollten mit Einzeltaten die Masse aufrütteln zum Kampf gegen die herrschende Klasse, während die heutigen Islamisten so viele Menschen wie möglich umbringen wollen, um Angst unter den „Ungläubigen zu verbreiten.

Auch wenn die organisierte Kriminalität bis hin zum religiösen Extremismus bei weitem nicht die Masse der Migranten betrifft und verglichen mit den Millionen friedlicher Migrationsgeschichten nur Einzelfälle darstellt, zeigen diese Aspekte der Zuwanderung doch Probleme auf, die von außen mit den Migranten hereingetragen wurden und die wir ohne Zuwanderung einfach nicht hätten. Besonders die Attentate von Islamisten mit den vielen Toten verdeutlichen nun auch dem „kleinen Mann und der „kleinen Frau auf der Straße, wie auch sie ins Visier der Extremisten geraten sind.

Und schließlich zeigen die Ereignisse in der Silvesternacht 2015 in zahlreichen deutschen Städten, bei denen große Gruppen von ausländischen jungen Männern viele Passanten einkesselten, beraubten und einige Frauen zum Teil massiv sexuell belästigten (sogar einige Vergewaltigungen sollen vorgekommen sein), dass eine Bedrohung nicht nur von Extremisten, sondern auch von ansonsten eher harmlosen Fremden ausgehen kann.

Wer das als billige Panikmache abtun will, vergisst, worüber wir gerade reden. Wir behandeln die Frage, ob die uralte Angst vor Fremden in unserer modernen Welt völlig absurd und überholt ist oder nicht. Karl Jaspers hat dazu formuliert: »Ein häufiges und qualvolles Gefühl ist die Angst. Furcht ist auf etwas gerichtet, Angst ist gegenstandslos.«8 Rein rational muss der Einzelne derzeit nicht mit einer unmittelbaren Bedrohung rechnen. Die akute Gefahr, etwa bei einem Attentat durch religiöse Fanatiker in Deutschland verletzt oder getötet zu werden, ist gegenwärtig wahrscheinlich noch kleiner als ein 6er im Lotto, oder als von einem Blumentopf erschlagen zu werden. Es besteht also tatsächlich kein Grund, in Panik zu verfallen. Wie die Auflistung aber zeigt, ist die Bedrohung, die auch in unserer modernen Welt von Fremden ausgeht, definitiv nicht aus der Luft gegriffen! Im Gegenteil, sie ist sogar so real, dass ein nicht unerheblicher Teil unseres Sicherheitsapparates sich mit nichts anderem befasst und dass wir als Gesellschaft einen beträchtlichen Aufwand in deren Abwehr stecken.

Die seit Beginn der Menschwerdung in uns steckende Angst vor Fremden, von ihrem Wesen her ein Gefühl, eine Emotion, hat damit auch heute sehr wohl noch eine reale Grundlage, die mit wachsenden Spannungen in unseren westlichen Gesellschaften mit den starken Migrantenanteilen sogar immer realer wird. Sie als völlig unbegründet, als reinen Blödsinn und perfide Erfindung von rechten Populisten zu bezeichnen, erscheint vor diesem Hintergrund mindestens als recht oberflächliche Betrachtung. Es stellt sich sogar die Frage, wer da wirklich populistischen Blödsinn erfindet.

Eine weitere, seit Urzeiten in jedem von uns fest verankerte Verhaltensweise zeigt sich übrigens beim Verhalten in Massen. Die klügsten, bedächtigsten und vorsichtigsten Individuen können, sobald sie innerhalb größerer Massen auftreten, homogene Teile dieser werden und zu irrationalen, absurden und unberechenbaren Handlungsweisen in der Lage sein. Dies zeigt sich bei Massenaufmärschen der Nazis genauso wie bei den rauschhaften Massenexzessen während des Genozids in Ruanda, ansatzweise aber auch in Fußballstadien oder bei Musikkonzerten. Auch diese Eigenart mag man für blödsinnig halten, aber jeder kann ihr verfallen, und sicher vermeiden oder gar vollständig eliminieren kann man sie nicht. Und nicht zuletzt geht sie Hand in Hand mit der Ur-Angst vor Fremden, wenn es um Gewaltanwendung gegen Fremde geht, weil sie wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass ein rauschhaftes Verhalten der Masse im Kampf mit Feinden die Furcht vor der eigenen Verwundung und dem Tod vergessen ließ. Ohne diese Furcht bestand aber eine deutlich größere Wahrscheinlichkeit, den Kampf zu gewinnen und zu überleben.

2.1 Auseinandersetzungen

Fast immer geht es bei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Macht, Geld, Rohstoffe, Einfluss, Beherrschung, Ausbeutung usw. Aber kein Streit, kein Kampf, kein Krieg ist so blutrünstig, wie Auseinandersetzungen, die auch zwischen verschiedenen, verfeindeten Volksgruppen ausgetragen werden. Konflikte ohne maßgebliche Komponenten in Bezug auf ethnische Unterschiede werden, vereinfacht gesagt, ausschließlich um Macht und Geld ausgetragen. Betrachtet man kriegerische Auseinandersetzungen in der Antike, von Griechen und Römern über Germanen, selbst die der kriegerischen Steppenvölker wie Hunnen, Mongolen oder Magyaren, über die Kabinettskriege der frühen Neuzeit bis zur Katastrophe des Ersten Weltkrieges, so war das vorrangige Ziel nicht, auszurotten, sondern man wollte beherrschen, von der Leistung oder dem Eigentum der Unterworfenen profitieren oder sich kurzfristig bereichern durch Plünderung und Raub.

Wenn es tatsächlich zu massenhaftem Abschlachten von ganzen Stämmen und Völkern kam - beispielsweise haben die Römer bisweilen besiegte Stämme oder die Bevölkerung eroberter Städte vollständig ausgelöscht - dann lag das nicht in erster Linie an deren unterschiedlichem Volkstum, sondern daran, dass sie sich dem unbedingten Herrschaftsanspruch der Römer zu hartnäckig widersetzten und der Sieger ein Exempel statuieren und diese Gefahr für seine Herrschaft ein für alle Mal ausmerzen wollte. Oder die Soldateska war in ihrem Blutrausch einfach nicht mehr zu stoppen. Solche Massenausrottungen kamen immer vor, sie waren aber bei aller Brutalität und Rücksichtslosigkeit der Kriegsführung meist nicht die vorherrschenden Ziele, denn die Kuh, die man tot schlägt, kann man nicht mehr melken.

Bei ernsthaften ethnischen Konflikten reicht dagegen die bloße Beherrschung und Ausbeutung der gegnerischen Ethnie nicht aus, sie führen vielmehr fast immer zum Wunsch der Ausrottung der verfeindeten Volksgruppe und häufig zum aktiven Bemühen um die Umsetzung dieses Wunsches.

2.2 Ent-Menschlichung

Die natürliche Gewaltbereitschaft des Menschen und seine Angst vor Fremden mit dem daran geknüpften Bedürfnis nach Abgrenzung sind nicht voneinander zu trennen. Im Gegenteil wird das eine das andere bedingt und möglicherweise sogar ausgelöst haben. Wer also die Fremdenangst überwinden will, muss zugleich die in uns allen steckende Aggression und Bereitschaft zur Gewaltanwendung gegen unsere Artgenossen überwinden oder zumindest auf ein erheblich geringeres Maß reduzieren. Möglicherweise liegt genau in diesem Versuch der Gewaltreduzierung auch ein Anstoß für die Entstehung von Religionen, denn sie stellen immer auch eine Zügelung und Kanalisierung von Aggression innerhalb einer Gruppe von Menschen dar und können dadurch der jeweiligen Gruppe »einen evolutionären Vorteil im Kampf ums Überleben bieten«9.

Eine gewisse Aggressivität und Gewaltbereitschaft ist, in unterschiedlicher Ausprägung, bei allen Menschen vorhandenen. Daneben gibt es aber auch eine diese Neigungen zügelnde Veranlagung, die bis auf wenige sadistische Ausnahmen ebenfalls allen Menschen eigen ist. Das stellt keinen Widerspruch dar, sondern beide Veranlagungen ergänzen sich insofern, als dass der Mensch auf unterschiedliche Situationen entsprechend und angemessen reagieren kann. Wann immer getötet werden soll, muss daher vom Täter zunächst diese natürliche HemmungB vor Gewaltanwendung bis hin zum Töten überwunden werden. Dazu muss dem potentiellen Opfer die Gleichwertigkeit abgesprochen werden, es muss als weniger „wert oder gar als „schädlich, gleichsam als Ungeziefer dargestellt werden, das es auszumerzen gilt, um größeren Schaden von sich selbst oder seiner eigenen Gruppe abzuwenden. Dies ist am einfachsten möglich, wenn die Opfer gewissermaßen von Natur aus als minderwertig angesehen werden können. Eine Grundlage für eine derartige „Ent-Menschlichung großer Massen war und ist fast immer die ethnische Verschiedenartigkeit der anderen.

Die Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner hätte ohne diese ethnische Unterscheidbarkeit kaum in diesem flächendeckenden Maße stattgefunden. In Ruanda wurde schon Monate vor dem Ausbruch der Gewalttätigkeiten in hetzerischen Tiraden gegen die Volksgruppe der Tutsi als Kakerlaken gewettert. Selbst bei Naturvölkern wie etwa den Yanomami, die kaum Kontakt mit der Zivilisation der restlichen Welt hatten, führen die stark ritualisierten Kämpfe unter ihresgleichen nie zu hohen Opferzahlen, während beobachtet werden konnte, wie sie fremde Stämme fast vollständig vernichteten. Warum? Weil sie glauben,

»sie seien 'die ersten, schönsten und kultiviertesten Exemplare des Menschen auf der Erde', und alle anderen Völker seien im Vergleich zu ihrer Rasse degeneriert«,

wie der britische Militärhistoriker John Keegan darlegt, in dem er Anthropologen zitiert, die z. T. lange bei den Yanomami gelebt und ihre Verhaltensweisen studiert haben10. Und schließlich der Inbegriff des Rassenwahns schlechthin, die Ausrottung der Juden in Europa während des Zweiten Weltkrieges, wäre ohne eine derartige Entmenschlichung der Juden und anderer als „minderwertig deklarierter Volksgruppen nicht denkbar gewesen.

Die Rigorosität solcher ethnischer Konflikte kann noch überboten werden, wenn neben der Biologie eine Ideologie mit dem Anspruch auf uneingeschränkte Gültigkeit mit ins Spiel gebracht wird. Diese kann beispielsweise sozial-gesellschaftliche Hintergründe haben, wie die kommunistische Weltanschauung, die in der Sowjetunion, in Kambodscha oder in China zig Millionen von Opfern forderte oder aber sie beruft sich auf das Übernatürliche. Dann nämlich postuliert mindestens eine Seite die göttliche Bestätigung ihrer Sache und wer mit göttlicher Hilfe Gurgeln durchschneiden kann, ist bei seinem blutigen Geschäft nicht nur sanktioniert, er wird geradezu beflügelt. Die natürliche Hemmung vor dem Töten kann dann um so leichter überwunden und eine psychische Entlastung, gewissermaßen durch den Befehl „von oben (hier sogar von ganz oben) erreicht werden.

Weiterhin brechen tiefgreifende soziale Auseinandersetzungen, die zunächst mit ethnischen Gruppen nichts zu tun haben müssen, fast immer auch an ethnischen Grenzen auf, sofern diese in einer Gesellschaft vorhanden sind - in vielen Fällen sogar zuallererst und ausschließlich dort. Ethnische Grenzen innerhalb einer Gesellschaft führen oft sehr viel schneller zu Konflikten, als wenn es innerhalb einer ethnisch homogenen Gesellschaft nur soziale Unterschiede und Differenzen gäbe.11 Eine Ursache dafür ist, dass sich die meisten Menschen in schwierigen Situationen lieber auf andere verlassen, die sie kennen, als auf solche, die ihnen unbekannt sind. Und die „eigenen Leute kennt man in der Regel nun einmal besser als Fremde. Das führt bei gesellschaftlichen Auseinandersetzungen fast zwangsläufig zu einer Bruchlinie entlang der ethnischen Gruppierungen.

Eine weitere Eigenheit schließt sich dann schnell an: Es ist nämlich grundsätzlich angenehm, wenn man andere für wie auch immer geartete Missstände verantwortlich machen kann. Und dabei ist es viel leichter, jene, die anders aussehen oder sich anders benehmen, als Schuldige zu identifizieren als solche, die in Unterhosen genauso aussehen wie man selbst. Dabei gilt, je tiefgreifender die Krise, desto stärker wird auf solche Stereotypen zurückgegriffen. Auch hier wirkt die tief in uns sitzende, im jeweiligen Einzelfall aber rational nicht immer erklärbare Angst vor den Fremden.

Beides, die ungerechtfertigte, stereotype Vereinfachung ebenso wie die (bisweilen irrationale) Angst vor Fremden mag man bedauern und verdammen, sie bestimmen aber doch das Empfinden vieler, wenn nicht der meisten Menschen. Wer übrigens meint, das sei einzig ein Merkmal der tumben Ausländerfeinde, mache sich einmal klar, was ihm als erstes durch den Kopf geht, wenn er einen jungen Mann mit Glatze und Bomberjacke sieht. Wer denkt dann nicht gleich an einen Neonazi? Oder welche Assoziation weckt beim links-intellektuellen Betrachter eine Gruppe Männer in kurzer Hose, weißen Socken, braunen Ledersandalen mit Grillwürstchenzange in der Hand hinterm Jägerzaun? Die typisch deutschen Spießer, nicht wahr? Das ist eine andere Blickrichtung, vordergründig auch mit weniger gesellschaftlicher Sprengkraft, der Mechanismus der stereotypen Betrachtung ist aber der gleiche. Wer im Glashaus sitzt...

2.3 Fortschritte

Aber natürlich gibt es auch Fortschritte! Die Welt ächtet einhellig Gewaltherrschaft, Gewaltanwendung und Diskriminierung aufgrund ethnischer, religiöser oder weltanschaulicher Unterschiede. Bei sexuellen Vorlieben sieht es dann schon anders aus mit der Einhelligkeit, wie etwa die aktuelle Gesetzgebung in Russland über den Umgang mit Homosexuellen zeigt - oder die strafrechtliche Verfolgung der in arabischen Ländern durchaus verbreiteten ehelichen Polygamie bei uns. Aber unbestreitbar hat sich in Bezug auf Humanität im zwischenmenschlichen Miteinander eine Menge getan, ebenso wie im zwischenstaatlichen Umgang und vor allem bei den Vorstellungen darüber, was als menschlich bzw. unmenschlich bezeichnet und empfunden wird.

Menschen mit anderer Kultur, anderem Aussehen, anderen Verhaltensweisen usw. werden nicht mehr grundsätzlich abgelehnt oder als minderwertig bezeichnet. Genauso werden die aktuell vorhandenen Staatsgebilde als unantastbar angesehen, unabhängig davon wie sinnvoll oder unsinnig die historisch entstandenen Strukturen, etwa Grenzziehungen, auch sein mögen. Dies gilt, soweit man den offiziellen Verlautbarungen Glauben schenken kann, weltweit, bei fast allen Völkern, Regierungen und Verantwortlichen. Ob diese Verlautbarungen tatsächlich ernst gemeint sind, muss allerdings stark bezweifelt werden, wenn man die Vorgänge beispielsweise rund um die Ukrainekrise oder die Interessenkonflikte im Chinesischen Meer betrachtet.

Seit wenigen Jahrzehnten wird nun sogar die Idee vom friedlichen Miteinander aller Menschen jedweder Konfession, Überzeugung, Vorlieben und vor allem jeglicher Ethnien nicht nur staatsübergreifend, sondern auch innerhalb der (mehr oder weniger) gewachsenen Gesellschaften propagiert. Jedenfalls in vielen westlichen Gesellschaften wird dies als das zukünftige, das anzustrebende, als das einzig denkbare Modell dargestellt. In anderen, nicht westlichen Gegenden wird diese Vorstellung als nicht ganz so wünschenswert angesehen.

Bei fast allen aktuellen Konfliktherden, egal, wo man hinschaut, liegen auch ethnische Auseinandersetzungen zugrunde: in Russland, China, Indien, Ostasien, in Süd- und Mittelamerika. Vor allem in Afrika schwelen von West bis Ost und von Nord bis Süd überall kleine und größere ethnische Rivalitäten bis hin zu ausgewachsenen Kriegen mit den grausamsten Auswüchsen, die es aber oft nicht bis in die Schlagzeilen der Medien schaffen. Ob in Sierra Leone, Nigeria oder in Somalia, bestimmen Stammeszugehörigkeiten über Sicherheit oder Todesgefahr. In Darfur im West-Sudan wurden und werden Hunderttausende der schwarzen Bevölkerung von arabischen Dschandschawid getötet und Millionen vertrieben, im neu gegründeten Süd-Sudan fängt es gerade erst richtig an, allerdings mit einer Schnelligkeit der Eskalation, die alle Verantwortlichen, etwa bei der UN, völlig überraschte. Andere Gebiete Afrikas wie beispielsweise der Kongo (früher Zaire) kommen gar nicht zur Ruhe, dort geht es schon lange drunter und drüber. Zwar spielen bei allen Konflikten auch immer machtpolitische, wirtschaftliche oder soziale Unterschiede mit hinein, aber die schlimmsten Konfliktlinien mit den grausamsten Verbrechen und der größten Brutalität treten an den ethnischen Grenzen auf.

Bei uns gilt Multikulti jedoch als das Mittel der Wahl. Dabei wird zu gern übersehen, wer sich maßgeblich in der Lobpreisung der „bunten Gesellschaft ergeht: in der Hauptsache intellektuelle, häufig eher linksorientierte Mitglieder des Bildungsbürgertums und der gesellschaftlichen Eliten sowie Interessengruppen, die mittelbar oder unmittelbar von der Zuwanderung profitieren, wie ein Teil der Unternehmerschaft. Ein gehöriger Teil der Bevölkerung teilt diese Vorstellung allerdings nicht, wie zahlreiche Umfragen zur Zuwanderung zeigen. So hatten nach dem Eurobarometer im Auftrag der EU-Kommission vom Herbst 2014 61% der Bundesbürger kein gutes Gefühl beim Thema Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern, während nur 5% angaben, ein »sehr positives« Gefühl damit zu verbinden. Sogar 81% waren der Meinung, es sollten zusätzliche Maßnahmen zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung von Menschen von außerhalb der EU ergriffen werden. Im Durchschnitt sah es in allen anderen Staaten der Europäischen Union ähnlich aus. Aber auch der Zuzug aus EU-Ländern wurde nicht ausnahmslos gern gesehen: »Dabei stehen 50% der Deutschen und 52% der Europäer Einwanderern aus anderen EU-Staaten aufgeschlossen gegenüber.« Umgekehrt heißt das, die Hälfte der Bürger stand auch der Zuwanderung aus EU-Ländern »ziemlich negativ« bzw. »sehr negativ« gegenüber12.

Diese Umfrage und ihre Ergebnisse sind in der breiten Öffentlichkeit nicht besonders bekannt. Aber entgegen dem kurzfristigen Eindruck durch das Strohfeuer der Hilfsbereitschaft angesichts der Syrien-Flüchtlinge deuten auch erheblich öffentlichkeitswirksamere „Erhebungen als das Eurobarometer auf eine breite Ablehnung der Zuwanderung hin, wie etwa der Zuspruch gegenüber der sogenannten „Doppelpass-Kampagne von Roland Koch im hessischen Wahlkampf 1998/99 und nicht zuletzt auch der Erfolg des Buches „Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin. Da rieben sich die SPD-Funktionäre nicht schlecht die Augen, als sie beim Versuch, Sarrazin aus der Partei hinauszuwerfen, tausende von Zustimmungsschreiben ihrer SPD-Mitglieder erhielten. Gegen den Rauswurf Sarrazins.C

Dessen ungeachtet schwingen sich die intellektuellen Meinungsführer auf, zu bestimmen, was (politisch) korrekt ist und was nicht, was die gesellschaftliche Vision für die Zukunft sein soll und was diskriminierende Engstirnigkeit. Weil man selbst gebildet ist (oder sich zumindest dafür hält) und deshalb frei von allen Vorurteilen, darf man als Vordenker der widerspenstigen, vorurteilsbeladenen Masse den Weg weisen.

A Verwendung im Sinne einer schon aus Urzeiten herrührenden Angst, während dieser Begriff in Psychologie und Psychotherapie eine abweichende Verwendung findet. Zum Beispiel verstand Sigmund Freud darunter die erste erlebte Angst des Menschen, die bei der Geburt durch die Trennung von der Mutter hervorgerufen wird.

B Es gib sogar Wissenschaftler wie Thomas Elbert, Professor für Psychologie an der Universität Konstanz, die der Ansicht sind, es gebe gar keine angeborene Hemmung zum Töten und zur Gewaltanwendung. Vielmehr sei diese Hemmung erlernt, also von der Sozialisation und der jeweiligen Umgebung des Einzelnen abhängig. Das macht die Eindämmung dieser Veranlagung nicht einfacher.

C Dass dies nicht nur die Angst vor dem Märtyrertum Sarrazins war, belegt exemplarisch die Ansicht eines SPD-Ortsvereinsmitglieds aus Hamburg-Jenfeld: »Sarrazin schneidet wichtige Punkte an. Wir erleben in unserer täglichen Arbeit im Sozialbereich immer wieder, dass es in bestimmten Bevölkerungsgruppen an Integrationsbereitschaft mangelt.« Quelle: SPIEGELonline, Artikel „Kritik an Ausschlussverfahren: Wie die SPD-Basis Sarrazin ertragen will, vom 16.09.2010, letzter Zugriff: 30.03.2016, 15:24 Uhr

3 Kennenlernen, Erklären, Bildung

Genau hier werden dann die „Wunderwaffen der Multikultibefürworter angesetzt: Kennenlernen, Erklären und Bildung, Bildung und nochmals Bildung! Es wird immer wieder mit großem Nachdruck behauptet, diese seien nicht nur die Grundlagen für ein friedliches Miteinander, sondern sogar die Garanten dafür in Zukunft. Doch die Geschichte belegt nicht nur, wie die verzweifelte Hoffnung auf Wunderwaffen anderer Art schon einmal bitter enttäuscht wurde, sie zeigt auch an zu vielen Beispielen, dass diese drei modernen Wunderwaffen möglicherweise weniger wirksam sind als erhofft, wenn sie nicht sogar vollkommen überschätzt werden.

3.1 Kennenlernen

Inzwischen gibt es ja viele Umfragen und statistische Erhebungen zum Thema Ausländerfeindlichkeit und fast alle zeigen: Da, wo gar keine Ausländer sind, ist deren Ablehnung am größten, während in den Ballungszentren das Miteinander passabel gut zu klappen scheint. Daraus wird dann die Schlussfolgerung gezogen, Menschen sollten sich erst mal kennen lernen, dann würden sie sich auch besser verstehen und vor allem gegenseitig akzeptieren lernen, dann könnte die Ignoranz als Grundlage allen Übels endlich überwunden werden.

Das ist nicht nur eine oberflächliche Betrachtung, sondern auch die Folgerung ist alles andere als zwangsläufig. Es klappt keineswegs in den Ballungszentren. Die Volksgruppen leben bestenfalls nebeneinander her, man geht seiner Arbeit nach, sofern man welche hat und interessiert sich nicht sonderlich für die anderen. Hin und wieder geht man auch in ein persisches oder indisches Restaurant oder schiebt sich an der Ecke schnell einen Döner rein. Viel weiter reicht die multikulturelle Begegnung meist nicht. Ob nun ein paar Intellektuelle beim Tag der offenen Moschee in Socken durch die exotischen Gotteshäuser schlurfen oder nicht, spielt keine große Rolle. Auch umgekehrt ist das Interesse nicht besonders ausgeprägt. Hier und da gibt es einen Quoten-Ausländer im Schützenverein, oder man lädt deutsche Arbeitskollegen mal zur Hochzeit ein. Ansonsten bleibt man lieber unter sich. Allenfalls beim Fußball kommen noch Begegnungen zustande, die sich aber mit dem Abpfiff meist ebenso schnell wieder verlieren. Frei nach Margot Käsmann könnte man auch sagen: „Nichts ist gut in Multikultistan.

Die stärkere Ablehnung in den östlichen Landstrichen hat ebenfalls zu großen Teilen wirtschaftliche Ursachen, denn da, wo keine Ausländer sind, ist auch wirtschaftlich nicht viel los. Die Menschen haben weniger Arbeit und auch weniger Aussicht auf Beschäftigung. Die Jungen und Aktiveren wandern daher ab, die Alten und die weniger Mobilen bleiben zurück, mit noch trüberen Aussichten. Wenn aber die Arbeitsplätze für einen selbst weg sind, muss sie ja jemand anderer haben. Und wer ist von außen gekommen, um im Land zu arbeiten? Die Fremden! Das ist eine zu einfache Erklärung, klar, aber sie ist nun einmal vorhanden und fördert nicht das Zusammenleben. Und vollkommen aus der Luft gegriffen ist diese Argumentation, bei aller Plattheit, auch nicht. Von Millionen von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund hat sicher auch eine beträchtliche Zahl Arbeitsplätze, welche von zu kurz gekommenen Einheimischen ausgefüllt werden könnten.

Dem wird dann entgegengehalten: Wer die Fremden kennen lernt, für den sind sie keine Fremden mehr. Der braucht auch keine Angst mehr vor ihnen zu haben. Im Osten Deutschlands gab es zu DDR-Zeiten schon kaum Kontaktmöglichkeiten, und seit der Wende sind auch nur wenig Gelegenheiten entstanden, Migranten kennenzulernen und den Umgang mit Fremden zu üben.

Also darf man das ablehnen, was man gar nicht kennt?

Obwohl in den östlichen Bundesländern nur relativ wenige Migranten leben, so registriert man dort doch, wie sich die Situation in zahlreichen westdeutschen Städten, besonders in den Problemvierteln mit hohen Migrantenanteilen darstellt. Die vielfach beschriebenen und keineswegs befriedigend gelösten Probleme mit sozialen Verwerfungen, mit der Integration breiter Zuwanderergruppen bis hin zum religiös motivierten Extremismus werden natürlich auch dort gesehen, wo keine Migranten wohnen. Solche Verhältnisse kann man ablehnen, auch ohne selbst signifikant viele Migranten zu beherbergen.

Ganz handfest wird diese Ablehnung beim Thema Kriminalität. Migranten geraten statistisch häufiger mit unseren Gesetzen in Konflikt als Bio-Deutsche. Das liegt natürlich nicht daran, dass sie die schlechteren Menschen wären, sondern daran, dass sie sich sehr viel häufiger in prekären sozialen Verhältnissen befinden, wie der Hannoveraner Kriminalpsychologe Professor Christian Pfeiffer, der das vielfach untersucht hat, schon seit Jahren nicht müde wird zu betonen.13 Solange diese prekären Verhältnisse nicht beseitigt werden, wird sich daran auch nicht viel ändern. Aber auch Pfeiffer räumt ein, dass die sozialen Randbedingungen zwar eine wichtige, jedoch nicht die einzige Ursache für die erhöhte Straffälligkeit von Migranten sind. So spielen Traditionen und Erziehungsmethoden im Elternhaus oder grundsätzliche Einstellungen zu unserer Gesellschaftsordnung eine ebenso bedeutende Rolle.14 Die Untersuchungsergebnisse anderer Wissenschaftler wie Necla Kelek, Ahmad Masour oder Hamed Abdel-Samad legen beispielsweise für die muslimischen Migrantenszene nahe, wie auch religiöse Aspekte eine Identifikation mit unseren gesellschaftlichen und rechtlichen Vorgaben erschweren können und damit indirekt einen Hinweis auf eine erhöhte Kollisionswahrscheinlichkeit mit diesen Richtlinien geben. Dies wiederum bedeutet, dass es sehr wohl migrantenspezifische Eigenheiten sein können, die zu statistisch messbaren, höheren Kriminalitätsraten unter den Migranten führen (vgl. hierzu Kapitel „Mehrheit und Minderheit).

Man kann also durchaus auch das ablehnen, was man nicht aus eigener Anschauung kennt. Denn sonst dürften wir beispielsweise auch die Gasgewinnung mittels Fracking in Deutschland nicht ablehnen, bei dem mit hohem Druck und unter Einsatz zum Teil problematischer Chemikalien sogenanntes Schiefergas aus Gesteinsschichten weit unterhalb des Grundwasserspiegels gefördert wird. Wir selbst haben noch keinerlei Erfahrungen mit Fracking, müssten nach diesem Grundsatz also Fracking flächendeckend zulassen und erst, wenn tatsächlich Umweltschäden wie Gefährdung des Grundwassers auftreten (was keineswegs überall garantiert ist, wie oft von Fracking-Gegnern hingestellt), dürften wir uns dagegen aussprechen. In Analogie zur geforderten Akzeptanz der Zuwanderung und damit eines höheren Anteils von Ausländern unter den straffällig Gewordenen, der statistisch vielfach belegt istD, müssten wir sogar einen nicht marginalen Prozentsatz an beträchtlichen Umweltschäden klaglos akzeptieren.

Für den Normalbürger auf der Straße, der weder die wissenschaftlichen Studien liest, noch die komplizierten Ableitungen daraus erörtert, zeigt sich einfach der Befund, nach dem Migranten häufiger kriminell werden als Einheimische. Die stärkere Ablehnung von Zuwanderern in den östlichen Bundesländern kann aber auch schon mit der Überlegung begründet werden, dass sie mit Zuwanderern eine zusätzliche Kriminalität erhalten, die sie ohne Zuwanderung einfach nicht hätten. Dem kann nicht widersprochen werden.

Trotzdem: Wir müssten nur endlich sehr viel mehr tun, um das Kennenlernen zu fördern und damit ein friedliches Miteinander zu erhalten. Das ist in der Theorie eine schöne Vorstellung, aber auch hier zeigt sich bei genauem Hinsehen etwas anderes: Die geschichtlichen Auseinandersetzungen bis hin zu den großen Menschheitsverbrechen geschahen nicht zwischen einander völlig unbekannten Volksgruppen, sondern gerade da, wo sie intensive Berührungen miteinander hatten. Hutus in Ruanda kannten die Tutsi in Ihrer Nachbarschaft nur zu gut, die sie eigenhändig mit Macheten abschlachteten. Den gefeierten Tutsi-Fußballer Célestin Gasangwa, in Ruanda auch „Tigana genannt, Spieler beim Club Rayon Sports in Kigali, rettete nur ein Bild mit dem Staatspräsidenten Juvenal Habyarimana, das anlässlich des Sieges gegen eine Mannschaft aus dem Sudan aufgenommen wurde. Der Mörder seiner Frau rief ihn aber an und teilte ihm höhnisch mit: »Gerade haben wir deine Frau getötet, aber deinen Sohn lassen wir leben.« Dieser erinnerte sich später auch an die Situation, weil einer der Mörder zu einem anderen gesagt hatte: »Lass den Sohn von Tigana am Leben!«15 Andere Tutsi-Spieler hatten nicht so viel Glück, sie fielen Mitspielern und Fußballfans in die Hände, die vor dem Mord an ihren früheren Teamkameraden bzw. Idolen nicht halt machten.

Auch die bosnischen Serben lebten mit ihren muslimischen Nachbarn schon Jahrhunderte zusammen, sie kannten sich, es hatten sich Freundschaften ergeben, auch Mischehen, und nach der schönen Theorie des Kennenlernens hätte sich das Drama auf dem Balkan der 1990er Jahre gar nicht mehr ereignen dürfen. Die serbischen Tschetniks störten sich aber nicht an solchen Theorien, sondern überfielen reihenweise bosnische Dörfer, vergewaltigten die Frauen und brachten die Bewohner um. Gerade der jugoslawische Bürgerkrieg unmittelbar vor unserer Haustür verdeutlicht aufs Eindringlichste, wie die Theorie versagt und Nachbarn ihre langjährigen Nachbarn töteten, weil sie Angst hatten, von ihnen getötet zu werden, weil es plötzlich wieder wichtig wurde, Kroate oder Serbe zu sein, wo man vorher doch Jugoslawe war.

Diese Liste des Grauens als Gegenbeweis für die Kennenlernen-Theorie kann beliebig fortgesetzt werden, denn Ähnliches galt für die meisten anderen Kolossalverbrechen, bei denen unterschiedliche Ethnien eine Rolle spielen, z. B. beim Genozid der Türken an den Armeniern, dem Massaker an der schwarzen Bevölkerung in Darfur, dem gerade ablaufenden Drama im Süd-Sudan zwischen Dinka und Nuer oder den zahllosen kleineren Massen- und Völkermorden in aller Welt, von denen wir nur nicht so viel mitbekommen haben.

Lediglich in klassischen Eroberungsphasen könnte man von einer gewissen Unbekanntheit zwischen Tätern und Opfern bei Genoziden ausgehen, weil der Akt der Eroberung nicht nur auf neue, vom Eroberer bisher nicht besiedelte Gebiete ausgreift, sondern damit auch Volksgruppen erfasst, die mit den Tätern nicht vorher schon lange in unmittelbarem Kontakt standen. Dies trifft beispielsweise auf Ausrottungen im Rahmen der Völkerwanderung und der Mongolenstürme zu, oder eingeschränkt auch auf die Dezimierung der amerikanischen Indianer in der Neuzeit. Auch andere koloniale Exzesse, wie etwa die Vernichtung von ca. 60.000 Herero in Deutsch Südwest (heute Namibia) gehören eher in diese Eroberungskategorie, die ohne explizites „Sich-kennen auskommt.

In aller Regel aber kannten die Täter ihre Opfer immer relativ gut, lebten mit ihnen lange zusammen und waren mit ihnen in Beziehungen getreten. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass jedes einzelne Opfer einem der Täter als Person bekannt war, was sicher auch häufig vorkam, aber nicht im Vordergrund der Überlegung steht. Vielmehr musste die Gruppe der Täter in direkter Beziehung zur Gruppe der Opfer gelebt haben, um überhaupt eine Grundlage für die Entstehung der erforderlichen Abneigung bis hin zum Hass zu haben. Die Juden konnten nur dadurch in den Fokus der deutschen Vernichter geraten, weil viele Deutsche mit Juden Kontakt hatten, mit ihnen zusammenlebten, sie kannten. Nachdem sich die radikale Abneigung (bei einer Minderheit der Deutschen!) erst einmal manifestiert hatte und sich ihnen durch die hinlänglich bekannte Entwicklung im Zuge der Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Machtergreifung und des Zweiten Weltkrieges die Gelegenheit bot, sich der Juden ein für alle Mal zu entledigen, konnte die ins mörderische gesteigerte Abneigung in eine reale Vernichtung umgewandelt und sogar auf die große Zahl der Ostjuden übertragen werden, obwohl die wenigsten Deutschen (auch die mit der Vernichtung betrauten) diesen je vorher begegnet waren. Tutsis oder Armenier abzuschlachten war dagegen, wie bereits erwähnt, denen vorbehalten, die mit diesen in Kontakt standen, die sie kannten und sich an ihrem Anderssein aus welchen Gründen auch immer rieben.

Nun trotzdem davon auszugehen, ein gegenseitiges Kennenlernen baue die Angst vor dem Fremden weit genug ab, wie das zahlreiche deutsche Krisen- und Migrationsforscher immer wieder „erforschen, ist vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen mindestens in Frage zu stellen. Sicher wird in ruhigen Gesellschaftsperioden das Zusammenleben durch Kontakte zwischen verschiedenen Volksgruppen versöhnlicher und es können mitunter auch einige Vorurteile abgebaut werden. Letzten Endes ergibt sich das Aufgehen von Zuwanderern in einer Aufnahmegesellschaft ja genau durch solche mit der Zeit immer enger werdenden Kontakte. Gelingt diese Assimilation aber nicht ausreichend tief, weil beispielsweise zu wenig Zeit zur Verfügung steht oder zu viele Zuwanderer aufzunehmen sind, dann spricht sogar einiges dafür, dass gerade die Nähe zu den Fremden, mit ihren fremdartigen Verhaltensweisen und Gebräuchen, die ja eigentlich schon eine Weile Nachbarn sind und daher gar nicht mehr so fremd sein sollten, eine Grundlage bildet für eine herzliche Abneigung. Kommen dann noch soziale Unterscheidungen hinzu, die sich wunderbar zum Aufbauen von Stereotypen eignen, ist die Saat endgültig gelegt. Zu beobachten war dies in der Vergangenheit etwa anhand der Tatsache, dass das Bankwesen in Deutschland und Europa überproportional von jüdischen Bankiers besetzt war, oder dass beispielsweise die Tutsi in Ruanda über lange Zeit die Führungsschicht stellten und auch unter dem Kolonialregime der Belgier gegenüber den Hutu bevorzugt wurden.

Die normalen zwischenmenschlichen Reibereien des Alltages, die immer auftreten, wo Menschen zusammenleben, unabhängig von ihrer Gleichheit oder Verschiedenheit, können ein Übriges tun, um aus der Abneigung Angst oder gar Hass werden zu lassen. In der Folge ist der Schritt zur Vereinfachung und Pauschalisierung nur noch klein. Dann entzünden sich diese Angst und der Hass nicht mehr allein am individuellen Verhalten Einzelner aus der Gruppe der Fremden, sondern vorzugsweise an deren leichter erkennbaren, äußerlichen Merkmalen, an der Andersartigkeit, an deren kollektivem Verhalten und nicht zuletzt an der Ethnie und der Hautfarbe.

Dieser Vorgang wird bestätigt durch die Erkenntnisse des Soziologen Harald Welzer. Dieser hat festgestellt, dass soziale Nähe keineswegs ein Garant für gegenseitiges Verständnis und Hilfe ist. Sie kann sogar ins Gegenteil von Hilfe münden. So hatten zum Beispiel während des Dritten Reiches manche Ehemänner, die mit jüdischen Frauen verheiratet waren, später Juden besonders intensiv verfolgt.16

Also war es - entgegen der Auffassung, Kennenlernen biete einen Königsweg, um Spannungen abzubauen - unter bestimmten Rahmenbedingungen eher sogar eine Voraussetzung für die bisherigen Eskalationen, dass die Volksgruppen in ihrer Verschiedenheit schon lange miteinander gelebt hatten. Erst dadurch konnten aus kleineren Differenzen im Laufe der Zeit tiefsitzende Abneigung und Hass entstehen, welche nötig sind, um andere Menschen umzubringen.

Diese Mechanismen waren früher wirksam und sind es auch heute noch, denn auch in unserer Zeit können wir diese Entwicklung beobachten. Beispielsweise irritieren türkische und arabische Menschen mit ihren Gewohnheiten, ihren Sitten und Gebräuchen viele Deutsche erst, seit sie bei uns in großer Zahl nebenan wohnen. Gerade die deutsch-türkischen Beziehungen galten ja über lange Zeit als sehr gut, eher von einer gewissen Zuneigung, ja sogar Freundschaft gekennzeichnet, noch aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges herrührend. Wie weit diese Zuneigung nicht nur auf diplomatische Ebenen begrenzt war, sondern auch breitere Bevölkerungsschichten erreichte, entzieht sich meiner Kenntnis, aber definitiv ist heute eine klare Abneigung in breiten Bevölkerungsschichten etwa gegenüber Türken (und umgekehrt!) spürbar, nachdem sie als Gastarbeiter zu Hunderttausenden hierher kamen und inzwischen sogar die größte, das Bild der Einwanderer dominierende Gruppe bilden.

Die Versuche von wohlsituierten Gutmenschen, demonstrativ auf die Zuwanderer zuzugehen, ihre Moscheen zu besuchen und von der Bereicherung zu schwärmen, welche diese Menschen für uns darstellten, ändern daran nichts. Sie zeigen eher sogar die Hilflosigkeit, mit der Ur-Angst in uns allen und diesem gleichzeitigen Bedürfnis nach Abgrenzung, das allen Menschen eigen ist, ehrlich umzugehen.

3.2 Erklären

»Wir müssen die Menschen mitnehmen...« Dieser Satz steht immer da, wo eine kleine, bestimmende Gruppe vorgeprescht ist und verwundert feststellt, dass sie, nachdem sie sich endlich mal umdreht, um nach dem Volk zu schauen, weitgehend allein auf weiter Flur steht. Ob nun Multikulti, die Einführung des Euro, die Bankenrettung oder das ganze Projekt „Europa, wie es derzeit von den Berufs-Europäern viel zu überstürzt vorangetrieben wird, alle werden von immer weniger Zustimmung in der breiten Masse getragen, übrigens in allen Ländern, nicht nur in Deutschland. Ist das Volk einfach zu dröge, um zu begreifen und sich mal gefälligst in Bewegung zu setzen - zum hehren Ziel, dessen Alternativlosigkeit doch jedem klar ersichtlich sein müsste?

Na ja, so plump die dumme Masse beschimpfen darf man natürlich auch nicht, das ginge sonst nach hinten los. Wenn aber die Schwierigkeiten auftreten, die angeblich vorher nicht erkennbar waren, dann wird großmütig eingeräumt: Ja, wir haben Fehler gemacht. Die eingeräumten Fehler bestehen jedoch nicht im grundsätzlich vorgegebenen Ziel, das wird keinesfalls hinterfragt. Vielmehr wurde nur nicht genügend erklärt und aufgeklärt.

»Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen« wird daher nonchalant zugestanden. Wenn dann aber jemand seine Ängste tatsächlich äußert, wird er sofort abgewatscht, als Populist, als ewig Gestriger, als Verbreiter von ausländerfeindlichen, rassistischen Stammtischparolen und gegebenenfalls als Brandstifter. Was heißt dabei »ernst nehmen«? Den Menschen klar machen, dass ihre Ängste völlig schwachsinnig sind, nur von den niedrigsten, verabscheuungswürdigsten Instinkten getrieben? Taucht dann mal einer auf wie Thilo Sarrazin, den man nicht so einfach in die Ecke der Tumben oder gar Hirnlosen stellen kann, weil er erwiesenermaßen schon intellektuell sehr anspruchsvolle Leistungen erbracht hat und seine Bedenken in vernünftigen Sätzen formulieren kann, dann „kocht der sein perfides Süppchen. Es wird sich hochgezogen an einigen provokanten Formulierungen, um sich mit der Argumentation, die er in seinem Buch alles in allem sehr sachlich und keineswegs hetzerisch zusammengestellt hat, gar nicht erst auseinandersetzen zu müssen - unabhängig davon, ob sie nun richtig oder falsch sein mögen. Gerade bei Sarrazin ist bemerkenswert, wie dieser Mann vom medialen Shitstorm sehr schnell regelrecht zur Unperson, zum Unmenschen erklärt worden ist. Und wenn man den mal genau anschauen würde, könnte man wahrscheinlich sogar zwei Hörner unter dem immer noch vollen Haar erkennen...

Manchmal soll sogar eine »offene Diskussion« geführt werden. Eine wirklich offene Diskussion würde aber auch einen offenen Ausgang erlauben, also auch die Möglichkeit beinhalten, das von relativ wenigen gefeierte Multikulti-Projekt wieder zurückzufahren. Stattdessen soll zwar diskutiert werden, am Ende muss aber das gewünschte Ziel stehen: Die bedingungslose Akzeptanz von Multikulti (respektive in Bezug auf andere Themen: des Euros, der europäischen Verwaltungskrake usw.). Das ist jedoch keineswegs eine »offene Diskussion«, sondern vielmehr eine oberlehrerhafte Belehrung der einfältigen Schüler, die nicht in der Lage sind, selbst zur rechten (im Sinne von korrekten) Einsicht zu gelangen. Aber verlogen sind ja immer nur die Populisten, die die eigenen Vorstellungen mit platten Stammtischparolen unters Volk bringen und dessen Ängste schüren. Populisten, das sind immer die anderen. Man selbst argumentiert differenziert und hat die guten, weil richtigen Argumente, während die anderen, dass heißt alle, die die eigene Ansicht zu kritisieren wagen, die Stammtische bedienen, ausländer-, euro-, europa- und alles mögliche-feindlich sind und damit, wie gesagt, nur die primitiven Ängste der Masse schüren - eben Populisten.

Die Ur-Angst vor Fremden mag durchaus als primitiv angesehen werden. Das ist aber nur ein Etikett und ändert nichts an ihrem Wesen und ihrer Wirkung. Sie muss auch nicht erst von Populisten verbreitet werden, denn sie ist schon lange da, sie steckt schon von Anbeginn der Menschwerdung in uns.

Sobald irgendwo aufbegehrt wird gegen Zuwanderung, beispielsweise weil in der Nachbarschaft ein Asylantenheim eingerichtet wird oder auf die Schnelle Unterkünfte für Flüchtlinge geschaffen werden, werden gern einzelne Protestierer herausgegriffen und befragt, wovor sie denn eigentlich Angst hätten und ob sie selbst denn schon Erlebnisse mit Ausländern gehabt hätten, welche diese Angst begründeten. Dann werden oft stammelnde, sich verhaspelnde Leute vorgeführt, mit dem hämischen Subtext: Die können selbst kaum einen geraden Satz auf Deutsch aufsagen, was haben die dann gegen die Ausländer? Und wer erinnert sich nicht an den Besoffenen beim brennenden Asylantenheim in Rostock-Lichtenhagen 1992, der im Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit Bierflasche in der Hand und vollgepisster Hose den Hitler-Gruß vor der Kamera machte?

Das ist medienwirksam, ändert aber auch nichts am Problem und trägt nicht das Mindeste zu dessen Beseitigung bei. Abgesehen von der Ärmlichkeit einer solchen Tanzbär-Vorführung könnte man auch Menschen mit Flugangst fragen, warum sie diese haben und ob sie denn schon mal einen Flugzeugabsturz miterlebt hätten, damit ihre Flugangst auch begründet sein kann und einen realen Hintergrund hat. Man wird den Betroffenen damit nicht davon überzeugen, wie unbegründet seine Ängste sind, und man wird ihn auch nicht dazu veranlassen, in Zukunft frohgemut in ein Flugzeug zu steigen.

Man könnte nun entgegnen: Soll man deshalb das Fliegen aufgeben, nur weil einige eine abstrakte Flugangst haben? Diese Überlegung greift aber zu kurz, denn einerseits fliegt nach wie vor nur ein kleiner Teil der Erdbewohner, also sind nur vergleichsweise wenige davon betroffen. Andererseits besteht die Möglichkeit zur Flugangst überhaupt erst seit weniger als 100 Jahren, weil die Menschen vorher einfach nicht fliegen konnten. Das könnte erklären, warum Flugangst als Phobie psychologisch behandelt werden kann, die seit Jahrmillionen im „Reptiliengehirn verankerte Fremdenangst dagegen kaum. Erst recht angesichts der auch in unserer modernen Lebenswirklichkeit immer noch real existierenden Ursachen für diese Ur-Angst, wie weiter oben bereits dargelegt. Pathologisch betrachtet ist die evolutionär verankerte Fremdenangst daher nicht mit krankhaften Störungen, beispielsweise der sogenannten Sozialphobie zu verwechselnE. Bei letzterer entwickeln die Betroffenen eine Angst vor anderen Menschen, vor großen Menschenansammlungen, und in Extremfällen können sie sogar nicht mehr in der Lage sein, die eigene Wohnung überhaupt noch zu verlassen. Diese Fälle können und sollten behandelt werden. Doch selbst, wenn man der Fremdenangst ebenfalls mit psychotherapeutischen Mittel beikommen wollte, müssten Millionen (Einheimische und Zuwanderer) auf die Couch.

Aber vor allem: Wer das Fliegen nicht mag, kann es sein lassen. Schließlich ist es nicht im mindesten lebensnotwendig und schon gar nicht überlebensnotwendig. Der Zusammenballung so zahlreicher, unterschiedlicher Menschen in der multikulturellen Gesellschaft kann aber keiner aus dem Wege gehen, sie betrifft alle Mitglieder, ob einheimisch oder zugewandert, ob Befürworter oder Gegner. Und deshalb spricht sie bei einem großen Teil der Menschen die uralten Muster an und löst entsprechende Abwehrreaktionen aus - ob sie nun vom Einzelnen belegt und erklärt werden können oder nicht.

Ängste und Befürchtungen müssen nicht persönlich selbst erfahren worden sein, um sie zu empfinden. Wer von uns hat denn den Klimawandel am eigenen Leib tatsächlich erlebt? Es gab ein paar sogenannte Jahrhundertfluten mit relativ großen Schäden, aber derartige Ereignisse gab es zu allen Zeiten und die wenigsten Deutschen waren direkt betroffen. Was ist das jetzt mit dem Klimawandel? Ist das auch nur eine große Panikmache, weil nur die wenigsten überhaupt Kontakt mit Naturereignissen hatten, die möglicherweise als dessen Vorboten zu bezeichnen wären? Dann brauchen wir doch auch nichts dagegen zu unternehmen.

Oder wer ist schon einmal Opfer eines extremistischen Anschlages geworden? Dürfen sich nur diejenigen, die selbst einen Bombenanschlag überlebt haben, davor fürchten, während alle anderen einer absurden, unbegründeten Angst aufgesessen sind? Die Psychiaterin Laura Ferrando hat in dem Zusammenhang sehr aufschlussreiche Erkenntnisse über die Wirkung von Terroranschlägen bei völlig unbeteiligten Personen gewonnen. Nachdem sie bereits an einem Forschungsprojekt über die psychologischen Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 in New York teilgenommen hatte, koordinierte sie die bislang umfangreichste repräsentative Studie dieser Art nach den Anschlägen auf vier S-Bahnen in Madrid am 11. März 2004. Dabei wurden 500 Menschen über zwei Jahre begleitet und es konnte nachgewiesen werden, dass offensichtlich durch Ereignisse wie einen Terroranschlag auch bei völlig Unbeteiligten psychische Krankheiten ausgelöst werden können:

»Dafür reicht einfach der Eindruck, den eine solche Tat auf uns macht. Und, dass das etwas ist, womit wir nicht rechnen. Niemand nimmt doch an: 'Heute gibt es einen Anschlag'. Diese Unvorhersehbarkeit bewirkt ein Gefühl extremer Unsicherheit und Angst. Das führt zu Traumata.«17

Wie gesagt, das Bemerkenswerte dabei ist, dass viele der in der Untersuchung betrachteten Menschen weder in den Zügen saßen noch Angehörige von Opfern waren!

Die Überwindung der