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Frieda hat ein nahezu perfektes Leben: einen guten Job in einer Anwaltskanzlei in München und einen Freund, den sie liebt - das denkt sie zumindest. Doch alles ändert sich, als sie erfährt, dass ihre Tante Annabelle gestorben ist. Eine Tante, die sie nie richtig kennengelernt hat und der sie sich doch auf eine unerklärliche Weise verbunden fühlt. Sie reist nach Norddeutschland, um ihr Erbe anzutreten und ahnt dabei noch nicht, dass ihr Leben auf den Kopf gestellt wird.
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Seitenzahl: 418
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Frederike Gillmann
Annabelle
Auf der Suche nach dem Glück
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Epilog
Impressum neobooks
Für Annabelle
Hätte ich doch nur….
Wenn dieser eine Moment alles ändert. Dieser winzig kleine Anruf, der das Leben vollkommen auf den Kopf stellt. Das kann manchmal positiv sein, vielleicht die Zusage für den neuen Traumjob, oftmals ist es aber ein Anruf, der nichts Gutes verheißt. Das sind zum Beispiel oft Ergebnisse der letzten Untersuchung beim Arzt oder noch viel häufiger kommt die Nachricht, dass ein geliebter Verwandter gestorben ist. Letzteres in meinem Fall. Urplötzlich kam die Nachricht, dass meine Tante Annabelle gestorben ist.
Manche sagen, so spielt halt das Leben und irgendwie wird man schon drüber hinwegkommen. Die Zeit heilt alle Wunden und so. Das mag ja auch sein, aber für einen Moment steht die Welt Kopf. In meinem Fall hatte ich das Gefühl, als würde ich mit einem Auto frontal gegen eine Backsteinmauer fahren. Totalschaden. Ja, so etwas am Telefon zu erfahren ist nie schön. Aber was für mich in dem Moment am Schlimmsten war, dass ich meine Tante kaum gekannt habe. Ich habe sie in mit meinen dreißig Jahren nur einmal gesehen, ich meine so richtig bewusst. Da war ich sechs und das war an meiner Einschulung. Klar, gibt es Bilder von ihr und auch nur einmal ihren Namen in Google einzutippen reichte und ich wusste über ihr halbes Leben Bescheid, aber es war eben nicht dasselbe. Ich hatte keine persönliche Verbindung zu ihr, sie war eine perfekte Fremde könnte man sagen, obwohl wir verwandt waren. Aber trotzdem war da diese Verbindung, die man nicht erklären kann, diese Art Seelenverwandtschaft.
Ich erinnerte mich noch genau an den Tag, als eben dieser Anruf kam. Es war ein Samstagabend und ich wollte es mir gerade vor dem Fernseher mit einem Teller meiner Lieblingspasta, die Alex für mich gekocht hatte, gemütlich machen. Auch wenn es Samstag war und ich normalerweise nicht arbeitete, hatte ich am Mittag kurzfristig einen Anruf bekommen, dass man kurzfristig ein superwichtiges Meeting angesetzt hatte und jetzt wollte ich endlich mal von der anstrengenden Arbeitswoche ausspannen. Ich arbeitete in einer renommierten Anwaltskanzlei und somit war mein Kalender vollgepackt mit Terminen und wenn ich mal eine Minute frei haben sollte, dann kam sofort mein Chef und drückte mir ein neues Meeting aufs Auge. Absagen konnte und wollte ich nicht, denn ich wollte meinen Job nicht verlieren und ich redete mir dann immer wieder ein, dass es das war, wofür ich das ganze Studium über gekämpft hatte – meinen Traumjob. Dass es das war, was ich wollte – Menschen helfen – und nicht das Geld. Mein Freund Alex war Koch in einem Sternerestaurant und verdiente auch nicht schlecht, hatte aber weitaus unangenehmere Arbeitszeiten, was manchmal schon zu kleineren Krisen in unserer Beziehung geführt hatte. Dieser Samstagabend sollte aber nun endlich uns gehören. Es kam ziemlich selten vor, dass Alex mal an einem Samstag freimachen konnte, aber irgendwie hatte er es geschafft, seinen Chef zu überzeugen. So setzte ich mich mit meinem Teller an seine Seite auf das Sofa. Alex hatte den Fernseher schon angeschaltet und dann hörte ich das Telefon klingeln. Ich seufzte und stellte meinen Teller auf den Couchtisch. Alex machte sich schon bereit zum Aufstehen, aber ich meinte: „Nein, lass mich nur rangehen“, stand auf und ging in die Küche, wo sich das Telefon befand. Ich sah, dass der Anruf von meiner Mutter kam und drückte auf den grünen Hörer. Gleichzeitig fragte ich mich, was es denn so Wichtiges um diese Uhrzeit geben könnte. „Hallo Mama“, sagte ich. Ich hörte erst einmal gar nichts am anderen Ende der Leitung. „Mama?“, versuchte ich es noch einmal. Dann hörte ich ihre leise Stimme.
„H....h.…hallo, Frieda.“
„Mama, was ist los?“, fragte ich beunruhigt, denn so kannte ich meine Mutter überhaupt nicht. Es hörte sich an, als ob sie weinte.
„Du erinnerst dich doch noch an deine Tante Annabelle, oder?“, fragte sie nun etwas gefasster. „Ja…“, sagte ich etwas misstrauisch, denn ich hatte keine Ahnung, wohin dieses Gespräch führen würde.
„Nun ja, ich muss dir leider sagen, dass sie tot ist.“
„Was?“ Ich versuchte nicht in den Hörer zu schreien, aber damit hatte ich nun nicht gerechnet.
„Es tut mir sehr leid, mein Schatz. Ich weiß, ihr habt euch kaum gekannt... für mich ist es auch ein großer Schock.“
„Wie und woran ist sie gestorben?“, fragte ich so geistesgegenwärtig wie möglich.
„Ich weiß es nicht. Ich habe gerade einen Anruf von der Polizei erhalten, dass sie tot in ihrem Haus aufgefunden wurde, aber mehr kann ich dir zurzeit nicht sagen. Oh Mann, um was wir uns jetzt alles kümmern müssen. Die Beerdigung und alles.“
„Das kriegen wir schon hin“, versuchte ich meine Mutter zu beruhigen. „Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“
„Ich glaube, erst einmal nicht. Ich muss erst einmal den Schock verdauen. Meine geliebte Schwester. Nicht mehr bei uns.“
„Wenn es irgendetwas gibt, lass es mich wissen“, sagte ich.
„Mach ich. Ich hoffe, ich habe euch nicht zu sehr den Abend verdorben.“
„Ich werde es Alex so schonend wie möglich beibringen“, meinte ich, „ich hab dich lieb, Mama.“ „Ich dich auch, mein Schatz. Mach's gut.“
„Ja, halt mich auf dem Laufenden. Tschüss.“
„Ja, Tschüss.“ Dann klickte es in der Leitung und ich ließ wie in Zeitlupe das Telefon sinken. Ich konnte es kaum fassen, was soeben passiert war. Annabelle war tot. Meine einzige Tante. Meine Tante, die ich nie kennenlernen durfte, ich meine, so richtig.
„Alles okay, mein Schatz?“, rief Alex nun aus dem Wohnzimmer und langsam kam ich so ein wenig in die Realität zurück. Ich erwachte so langsam wie aus einem Traum, einem Alptraum, aber leider war es die Wirklichkeit, die sich das Leben nannte. Ich ging langsam in das Wohnzimmer zurück und versuchte, mein bestes Gesicht aufzusetzen, aber Alex merkte sofort, dass etwas nicht stimmte, dafür kannte er mich einfach zu gut. „Frieda, was ist los?“, fragte er besorgt.
„Meine Tante Annabelle ist tot“, sagte ich und in dem Moment konnte ich nicht mehr an mich halten und mir kullerten die Tränen über das Gesicht. Ich setzte mich aufs Sofa und mein Freund nahm mich sofort in den Arm und hielt mich einfach nur. Er sagte nichts und hielt mich einfach nur fest und das war in diesem Moment das Beste, was jemand für mich tun konnte.
So saß ich da eine gefühlte Ewigkeit und weinte einfach nur stumm vor mich hin und Alex saß einfach nur da und hielt mich. Er wollte sogar schon den Fernseher ausschalten, aber ich machte ihm deutlich, dass er ihn anlassen sollte. Irgendwann dann richtete ich mich auf und fragte: „Warum ist das Leben nur so unfair?“
„Tja“, meinte Alex. „Wenn man das beantworten könnte, dann wäre wohl eines der größten Probleme der Menschheit gelöst.“
„Ich habe sie doch kaum gekannt, meine ganze Familie hat sie kaum gekannt und jetzt wird das alles nicht mehr möglich sein. Sie muss doch erst um die fünfzig gewesen sein. Das ist heute doch kein Alter mehr.“
„Das stimmt“, sagte Alex. „Aber vielleicht solltest du versuchen, etwas zu essen, vielleicht geht es dir dann ein wenig besser.“ Ich nickte stumm und nahm den Teller, den mir mein Freund bereits hinhielt. Ich hatte zwar überhaupt keinen Appetit, schaffte es aber doch, ein paar Bissen zu essen. Obwohl es bereits kalt war, schmeckte es fantastisch und nachdem ich dann doch den ganzen Teller aufgegessen hatte, gab ich Alex einen Kuss. Danach legte ich meinen Kopf wieder in seinen Schoß und wir schauten stumm den Rest der Samstagabend-Fernsehshow.
Trotz der Ereignisse am Vorabend konnte ich erstaunlich gut schlafen. Vielleicht noch ein Vorteil meiner stressigen Arbeit, dass ich abends oftmals so müde war, dass ich nicht mehr so viel Zeit hatte, über das Leben nachzudenken und einfach einschlief. Als ich am Sonntagmorgen aufwachte, war Alex schon wieder bei der Arbeit, aber er hatte mir bereits ein selbstgebackenes Brötchen auf meinen Lieblingsteller gelegt, das sogar noch etwas warm war. Alex konnte also vor nicht allzu langer Zeit verschwunden sein. Ich fand wirklich, dass ich den perfekten Freund hatte. Zwei meiner Freundinnen aus der Schulzeit, mit denen ich noch ab und zu Kontakt hatte, Sophia und Lea, hatten vor ein paar Jahren bereits geheiratet, manchmal fragte ich mich aber, ob sie wirklich mit ihren Männern glücklich waren, oder ob sie nicht vielleicht etwas vorschnell waren. Bei meinem Freund war ich mir ziemlich sicher, dass wir perfekt füreinander geschaffen waren, aber wir hatten beide beschlossen, dass wir noch ein bisschen warten wollten. Vielleicht wollten wir auch gar nicht heiraten, aber trotzdem Kinder bekommen, heutzutage war ja alles möglich, ohne dass man gleich schief angeschaut wurde. Ich schaltete die Kaffeemaschine an und wartete darauf, bis sie mir anzeigte, dass sie betriebsbereit war. Als dann der Kaffee durchlief, atmete ich den wohligen Duft von Röstaromen ein und dachte mir, dass es in diesem Moment wohl nichts Schöneres geben konnte. Ja, ich liebte Kaffee. Ich beschmierte mein Brötchen mit ebenfalls von Alex selbstgemachter Marmelade und biss hinein. Köstlich! Ich genoss diesen kleinen Moment des Glücks bevor sich die Realität wieder zurück in meinen Kopf drängte. Annabelle. Es gab bestimmt noch so viel zu tun. Ich überlegte, ob ich meiner Mutter schon schreiben konnte, denn es war erst 9.00. Bestimmt. Sie stand selbst an einem Sonntag schon früh auf. Also nahm ich mein Handy und tippte eine Nachricht: Na? Gibt's schon was Neues? Ich wollte gerade auf Senden drücken als mir doch einfiel, dass das überhaupt nicht sein konnte, denn erstens war Sonntag und zweitens hatten wir vor kaum zwölf Stunden telefoniert. Ich würde mich also noch etwas gedulden müssen. Aber was sollte ich denn jetzt machen? Sollte ich versuchen, mir irgendeine belanglose Arbeit zu suchen, damit meine Gedanken nicht ständig abschweiften? Ich war es nicht gewohnt, überhaupt nichts tun zu müssen. Manchmal sagten meine Freundinnen schon, ich wäre ein Workaholic, aber dann winkte ich immer ab. Mein Job verlangte eben von mir, dass ich immer alles gab, denn sonst war man raus. So war das eben. Ich wollte auch kein „normales“ Leben führen, also in irgendeinem Büro die Buchhaltung übernehmen. Na ja, einen Bürojob hatte ich schon, aber ich empfand meine Arbeit als sehr abwechslungsreich und das machte mir Spaß. Vielleicht sollte ich mal wieder ein Buch lesen. Dafür hatte ich schon lange keine Zeit mehr. Doch schon allein der Gedanke demotivierte mich leicht. Ich las zwar gerne, aber oftmals war es schwer für mich, mich einfach nur hinzusetzen und zu lesen. Es erschien mir ein wenig unproduktiv. Stattdessen entschied ich mich eine Runde im Park joggen zu gehen. Ich räumte also meinen Teller und meine Tasse in die Spülmaschine, zog ein Paar Sportklamotten aus dem Schrank und meine Sportschuhe an, kramte meine Kopfhörer aus meiner Handtasche heraus und lief los.
Eine halbe Stunde später war ich zwar verschwitzt, fühlte mich aber sogleich besser. Vielleicht sollte ich das öfter tun, einfach mal eine Runde joggen gehen. Aber irgendwie ließ das mein Tagesablauf kaum zu und ins Fitnessstudio wollte ich nicht gehen. Ich empfang jedes Mal noch mehr Druck, wenn ich Menschen in einer Reihe auf ihren Laufbändern sah. Ich hatte dann immer den Drang, es allen zu zeigen und besser zu sein. Ich redete mir ein, dass ich es nur so an die Spitze geschafft hatte. Ich hatte schon früh erkannt, dass man nur Erfolg hatte, wenn man manchmal rücksichtslos war und Opfer brachte. Lea und Sophia waren da anderer Meinung und auch meine Mutter sagte immer öfter, dass ich mal einen Gang runterschalten sollte, denn auf Dauer könnte das ja nicht gut sein, aber verstand sie denn gar nicht, dass mir der Erfolg Spaß machte? Hatte denn niemand in meinem Umfeld diesen Ehrgeiz? Doch, Alex hatte ihn und deswegen funktionierten wir wahrscheinlich auch so gut zusammen. Wir beiden liebten die Herausforderung und scheuten nicht davor, unser Bestes zu geben. Lange Zeit, nachdem meine letzte Beziehung aufgrund meines großen Einsatzes in die Brüche gegangen war, hatte ich Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der mir gefiel. Ich hatte mich sogar in einem dieser Dating-Portale für Singles mit Niveau angemeldet, aber die Ergebnisse waren eher ernüchternd. Die Niveaus waren eher unterirdisch. Doch dann hatte ich zufällig Alex getroffen. Na ja, nicht ganz so zufällig. Meine Freundinnen waren der Meinung, die zu dem Zeitpunkt gerade in der Stadt waren, ich müsste mal mehr „raus“ kommen und hatten mich in ein Restaurant eingeladen. Sie mussten mich fast dazu zwingen, denn ich war der Meinung, es gäbe noch so viel Arbeit zu erledigen und nur mit Mühe und Not konnten sie mich mitnehmen. Das Ziel war das Restaurant, in dem Alex arbeitete. Damals hatte er dort gerade angefangen, sich durch sein Können und seinen Einsatz allerdings ziemlich schnell hochgearbeitet. Auf jeden Fall war er es persönlich, der an diesem Tag die Bestellung an unserem Tisch aufnahm. Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch Bestimmung – keine Ahnung. Ich glaubte zwar nicht an diesen Humbug von Liebe auf den ersten Blick, aber auf eine seltsame Weise war da so eine Verbundenheit, die ich nicht erklären konnte. Und bei ihm schien es ähnlich gewesen zu sein, denn als jede von uns am Ende des Abends einen Glückskeks bekam, stand in meinem seine Nummer mit der Bitte ihn anzurufen, wenn ich Lust hätte. Das war ziemlich romantisch und mein Lächeln entging auch meinen Freundinnen nicht. Ich wusste zwar zuerst nicht, was ich davon halten sollte, aber auch hier drängten mich meine Freundinnen fast wieder dazu, ihm eine Chance zu geben und ihn anzurufen. Als ich mich dann auch wirklich dazu durchgerungen hatte, hatte Alex sich riesig gefreut und mich gleich nochmal zu einem persönlichen Dinner eingeladen – bei ihm zu Hause. Nach einem erneuten Zögern hatte ich dann auch zugesagt und Alex hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und das Essen war wirklich fantastisch: es war die beste Spaghetti Bolognese, die ich jemals gegessen hatte und das Tiramisu war zum Hineinlegen. Mit ein bisschen Wein intus kam es auch zu unserem allerersten Kuss an diesem Abend. Mehr war an diesem Abend aber nicht passiert und so verließ ich nur mit einem leicht schweren und etwas verwirrten Kopf sehr spät seine Wohnung. Ich brauchte noch ein wenig Zeit, um mir über meine Gefühle klar zu werden, denn ich kannte es bis zu dem Zeitpunkt einfach nicht, dass sich jemand so sehr um mich sorgte, aber es tat unglaublich gut und so folgte diesem Date eine Woche später noch eins und noch eins und so weiter, bis wir dann beschlossen, dass wir bereits in einer festen Beziehung steckten, ohne es wirklich gemerkt zu haben. Irgendwann schlug Alex vor, dass es doch viel praktischer wäre, wenn wir uns eine Wohnung teilen würden. Ich hielt das Ganze für eine ziemlich gute Idee, denn so mussten wir nicht immer hin- und herpendeln. Allerdings gestaltete sich die Suche nach der Traumwohnung zunächst viel komplizierter als erwartet, denn es stellte sich heraus, dass Alex sehr hohe Ansprüche hatte: eine offene Küche mit Balkon sollte sie haben und eine große Badewanne - am besten in beiden Badezimmern und, und, und. Irgendwann konnte ich ihn dann ein wenig ausbremsen und wir fanden unsere Traumwohnung. Diese hier hatte sogar ein großes Wohnzimmer mit Glasschiebetür, damit man ganz einfach auf die Terrasse gehen konnte, und eine Eckbadewanne mit Whirlpoolfunktion gab es sogar in einem der Badezimmer. Für mich war es wunderschön und Alex arbeitete ja sowieso ziemlich viel. Manchmal fragte ich ihn, warum er denn überhaupt so eine große und luxuriöse Wohnung haben wollte, wenn er selten zu Hause war. Dann meinte er: „Damit ich sie richtig genießen kann, wenn ich mal zu Hause bin.“ Wenn wir über unsere Arbeitszeiten redeten, kam es ab und zu vor, dass er ein wenig pikiert war und mir auch vorwarf, dass ich genauso viel arbeiten würde. Ja, ich arbeitete viel, aber zumindest war ich noch öfter zu Hause als er.
Ach, wie schön war doch so eine Dusche: da konnte man für einen Moment mal kurz seinen Gedanken freien Lauf lassen. Nur leider kommt man da so manchmal ins Zweifeln, ob das alles so richtig war, für was man sich entschieden hat. Ich stellte das Wasser ab und stellte fest, dass es immer noch recht früh war und ich in meiner Tagesplanung immer noch nicht weiter vorangekommen war. Ich wickelte mir mein Duschhandtuch um und machte mir einen Haarturban und ging ins Schlafzimmer und ließ mich dort erst einmal aufs Bett fallen. Ich schloss die Augen und versuchte, mich wie eine dieser Frauen in der Werbung für Duschgel oder Rasierschaum oder ähnliches zu fühlen. Durch das Klingeln des Telefons wurde ich wieder aus meinen Gedanken gerissen. Ich ließ es einfach klingeln, denn ich wollte diese Entspannung nach der Dusche genießen und mich für einen Moment nicht aus der Ruhe bringen lassen. Alles andere konnte warten. Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit so dagelegen hatte (es waren bestimmt nur fünf Minuten gewesen), ging ich zum Schrank und schaute, was für den Tag angemessen war. Ich hatte eine Tendenz, mir einfach ein Shirt und eine Jogginghose rauszugreifen, aber die Businessfrau in mir sträubte sich dagegen. Was ist, wenn doch noch irgendein Auftrag reinkam und ich schnell losmusste. Im selben Moment schalte ich mich für diesen Gedanken, denn es war Sonntag. Alle Kanzleien hatten zu und die Klienten konnten ja wohl mal zwei Tage abwarten, auch wenn sie sich oft über die horrenden Summen beschwerten im Gegenzug zu der Arbeit, die wir leisteten. Hatten die eine Ahnung...
Trotzdem griff ich nach einer Jeans und einem T-Shirt, das meine Figur betonte. Dann ging ich zurück in die Küche, wo das Telefon seit gestern Abend lag und schaute, wer mich angerufen hatte. Es war meine Mutter gewesen. Vielleicht gab es ja doch neue Erkenntnisse. Also drückte ich auf die Rückruftaste und hörte auf das Freizeichen. Beim dritten Klingeln hörte ich die so vertraute Stimme: „Margarete Meyer am Apparat.“
„Hallo, Mama. Ich bin's.“
„Ja, hallo, mein Kind. Wie geht es dir?“ Ich wusste nicht so recht, was ich von dieser Frage halten sollte und gerade wollte ich mit „Gut“ antworten, merkte aber noch im gleichen Atemzug, dass das die antrainierte Standardantwort war und das ja gerade nicht wirklich der Realität entsprach. „Na ja, geht so“, meinte ich mit etwas belegter Stimme. „Ich kann's immer noch nicht so richtig realisieren. Gibt's irgendwas Neues?“
„Ja, ich kann‘s verstehen“, ich konnte die Traurigkeit in der Stimme meiner Mutter fast durch das Telefon hören. „Ich habe auch kaum geschlafen. Wir hatten überlegt, uns heute Nachmittag zu treffen und ein wenig zu reden? Willst du auch kommen?“
„Ja, gerne.“
„Gut, sagen wir 15:30?“
„Ja, das passt. Kann ich sonst noch irgendetwas tun?“ „Nein, ich denke nicht. Leider.“
„Okay, dann bis nachher.“ „Bis nachher.“ Ich wartete noch kurz, bis es in der Leitung klickte, damit ich sicher war, dass meine Mutter zuerst aufgelegt hatte. Somit hatte ich zumindest eine Nachmittagsbeschäftigung. Wenn Alex mal am Sonntag frei hatte, machten wir gerne etwas zusammen, gingen wandern oder so etwas, aber das kam eher selten vor. Meistens wollte er dann auch lieber zu Hause bleiben und mal die Füße hochlegen und sich das Essen liefern lassen und einfach mal abschalten. Manchmal traf ich mich auch mit meinen Freundinnen, aber das war in letzter Zeit auch immer schwieriger, denn Sophia war vor zwei Jahren Mutter geworden und deswegen waren die Sonntage bei den Herrdorfs meistens Familiensonntage und auch Lea war immer irgendwie eingespannt, engagierte sich noch zusätzlich sozial und war fast immer auf dem Sprung. Nun gut, aber nun konnte ich mich ja auf den Nachmittag mit meiner Familie freuen.
Um Punkt fünfzehn Uhr dreißig parkte ich meinen kleinen Fiat 500 auf dem Grundstück meiner Eltern, das sich etwas außerhalb der Stadt befand. Hier war es ziemlich ruhig, aber auch manchmal etwas einsam, wie ich fand. Trotzdem kam ich gerne hierher, denn es erinnerte mich an meine Kindheit. Das Grundstück war groß und bot viel Platz zum Spielen. Früher war es mal ein altes Bauernhaus, aber Tiere gab es schon nicht mehr, als ich geboren wurde. Die Scheunen boten tolle Gelegenheiten zum Verstecken spielen. Lilly, die blonde Labradorhündin, begrüßte mich schwanzwedelnd und ich streichelte ihr über den Rücken, während sie zwischen meinen Beinen hin- und hersprang. „Na? Wer hat dich denn rausgelassen?“, sprach ich mit dem Hund. Ich ging zur Tür und klingelte. Meine Mutter machte sie auf und sagte sogleich zum Hund: „Lilly, wo warst du denn schon wieder? Hast du wieder gebuddelt, oder was?“ und zu mir: „Schön, dass du da bist Frieda. Komm, der Thomas ist auch da.“
Thomas war mein Onkel und dementsprechend der Bruder meiner Mutter. Ich folgte ihr ins Wohnzimmer, wo der kleine Kaffeetisch schon gedeckt war.
„Thomas!“, rief meine Mutter. „Frieda ist da!“ Ich hörte leicht schlurfende Schritte und schon sah ich die große und leicht vornübergebeugte Statur meines Onkels in der Tür stehen. „Dass man dich auch noch mal zu sehen bekommt“, meinte ich mit einem Lächeln und umarmte ihn. „Wie geht es dir?“
„Den Umständen entsprechend gut“, meinte er, aber auch er konnte die Trauer in seiner Stimme nicht verbergen.
„Setzt euch doch“, mischte sich nun meine Mutter wieder ein. „Wollt ihr Kuchen? Ich habe extra welchen gebacken.“
„Gleich, Mama. Jetzt lass mich doch erst einmal ankommen. Setz du dich doch auch erst einmal hin.“ Meine Mutter konnte fast noch schlechter stillsitzen als ich. Zumindest schien das in der Familie zu liegen. Ich setzte mich hin und bediente mich mit der Kaffeekanne.
„Möchtest du auch welchen?“, fragte ich an Thomas gewandt.
„Gerne.“
„Mama?“
„Ich nehme mir gleich welchen!“, rief sie aus der Küche, wo sie wieder hin verschwunden war. „Und wie geht’s der Familie?“, fragte ich nun an meinen Onkel gewandt. „Was machen Sabine und die Kinder?“
„Sabine geht’s gut. Anna ist bald fertig mit ihrem Medizinstudium und Lukas arbeitet mittlerweile als Bauingenieur.“ Mein Onkel wohnte mit seiner Familie etwa noch einmal eineinhalb Stunden von meiner Mutter entfernt und so sahen wir uns recht selten. Eben nur zu solchen Anlässen wie Weihnachten oder traurigen, die die Familie betrafen. Mit meiner Cousine Anna hatte ich öfter mal Kontakt, aber immer weniger, denn sie musste viel für ihre bald anstehende Prüfung lernen und mit Lukas hatte ich noch weniger Kontakt. Irgendwie war das schade, denn schließlich waren wir doch eine Familie. Nun hatte sich auch wieder meine Mutter zu uns gesellt und griff nach der Kaffeekanne. Es herrschte eine halbe Minute ein bedächtiges Schweigen, bevor ich mich dazu entschied, das Wort zu ergreifen, weil ich diese Art von Stille absolut nicht mochte: „Wie soll es jetzt weitergehen?“
„Mmh“, machte meine Mutter. „Ich werde morgen den Bestatter anrufen und versuchen, alles Mögliche zu regeln. Ich habe keine Ahnung, ob Annabelle ein Testament hinterlassen hat. Hätten wir doch nur mal ein bisschen mehr geredet, aber wer hätte denn ahnen können, dass das Leben so schnell vorbei ist?“ Und schon wieder wurde meine Mutter melancholisch, was leider bei solchen Themen häufiger vorkam.
„Na ja“, meinte ich. „Jetzt kann man es leider nicht mehr ändern.“ Gleichzeitig hätte ich mich für diese unsensible Aussage ohrfeigen können. Das machte es bestimmt nicht besser. „Wenn du willst, kann ich mich auch um alles kümmern“, schlug ich vor. Ich hatte zwar nicht wirklich Zeit dafür, denn in meinem Kopf ging ich schon wieder die ganzen Termine für die nächste Woche durch, aber ich wollte meiner Mutter das Gefühl geben, dass sie das nicht allein machen musste. „Das ist lieb, mein Schatz, aber du hast doch bestimmt viel zu tun. Ich schaffe das schon.“ Meine Mutter versuchte ein Lächeln aufzusetzen.
„Ich hoffe auch, dass wir bald erfahren werden, woran sie gestorben ist. Der Polizist am Samstag selbst war nur in Vertretung für seine Kollegen aus Glücksburg da. Vielleicht muss ich auch selbst in die Gerichtsmedizin fahren, um eine Antwort zu bekommen.“
„Kommst du denn zurecht?“, fragte Thomas nun. „Natürlich, Stefan kümmert sich um mich.“ Stefan war der Lebensgefährte meiner Mutter. Sie hatten sich kurz nach der Scheidung meiner Eltern kennengelernt und sofort ineinander verliebt und so hatte es auch nicht lange gedauert und die Hochzeitsglocken hatten erneut geläutet. Das alles war erst passiert, als ich schon aus dem Haus war. Meine Eltern hatten festgestellt, dass ihr eigentlicher Lebensinhalt bis dato darin bestanden hatte, sich um mich zu kümmern und als ich dann mit der Schule fertig gewesen und ausgezogen war und die beiden von nun an mehr Zeit für sich hatten, haben sie gemerkt, dass die Liebe und Zuneigung, die sie mehr als zwanzig Jahre füreinander empfunden hatten, nicht mehr da war. Somit hatten sie sich friedlich getrennt und redeten ab und zu sogar noch miteinander. Ich hatte mich sehr für meine Mutter gefreut, als sie Stefan so schnell kennengelernt hatte, denn ich hatte sofort gemerkt, dass er ihr guttat und mit ein wenig Überzeugungskraft meinerseits hatten sich die beiden entschlossen, zu heiraten. Also ich musste eher meine Mutter überzeugen, denn für sie war Hochzeit ein „Ding für junge Leute“ und sie war etwas skeptisch, ob sich das denn in ihrem Alter noch lohnen würde, aber ich hatte sie damit überzeugt, dass es für eine Hochzeit nie zu spät wäre und damit war die Sache klar gewesen und ich mochte Stefan wirklich gerne. Mein Vater hatte bisher niemanden kennengelernt, obwohl ich natürlich versucht hatte, ihn davon zu überzeugen, dass ihm eine Frau guttun würde, aber er war der Meinung, er bräuchte keine und er hätte auch keine Zeit für eine Beziehung, denn er müsste ja so viel arbeiten. Mein Vater arbeitete tatsächlich viel, aber oft glaubte ich, er versuchte sich einfach nur davon abzulenken, dass er sonst womöglich ziemlich viel allein wäre. Ich sagte ihm auch oft, dass er doch aufgrund seines Alters ein wenig kürzertreten sollte, aber er wollte das nicht hören. „Wer soll denn sonst die Firma leiten?“, war dann immer seine Frage. „Du wolltest ja nie!“ Dann fühlte ich mich immer ein bisschen schuldig, aber ich hatte noch nie ein großes Interesse daran gehabt, seine Logistikfirma zu übernehmen. Manchmal glaubte ich auch, er nahm es meiner Mutter ein wenig übel, dass sie ihm keinen Sohn geschenkt hatte. So versuchte er, noch bis zuletzt die Zügel in der Hand zu halten und manchmal meinte ich zu ihm: „Du würdest sogar vom Totenbett aus noch letzte Anrufe machen, oder?“
Dann schaute er mich manchmal etwas vorwurfsvoll an, aber insgeheim wusste ich, dass er versuchte, ein Lächeln zu verbergen. „Immer der seriöse Geschäftsmann bleiben.“ Das war seine Devise.
„Wann soll die Beerdigung sein?“, fragte Thomas nun. „Ich kann es noch gar nicht sagen. Wie gesagt, das muss ich alles mit dem Bestatter klären. Ich hoffe aber darauf, dass man es vielleicht schon Ende nächster Woche, aber spätestens Anfang nächster Woche machen kann.“
„Aber vor allem: Wo soll man sie beerdigen? Oben in Glücksburg?“
„Ich hoffe ja insgeheim, dass sie ein Testament gemacht hat oder sonst irgendwer etwas weiß“, sagte meine Mutter. „Ich fühle mich gerade etwas überfordert mit der Situation. Nicht nur, dass meine eigene Schwester tot ist, sondern dass wir uns auch noch im Streit getrennt haben und ich das nie wieder gutmachen kann.“
„Sie war nicht nur deine Schwester, sie war auch meine“, meinte nun Thomas.
„Ja, aber ihr seid doch immer gut miteinander ausgekommen“, erwiderte meine Mutter. „Na ja, du weißt, dass wir uns auch öfters mal gestritten haben. Sie hat uns oft vorgeworfen, wir wären faul und würden nie etwas so richtig mit unserem Leben anfangen. Familie wäre doch immer nur der Plan B. Zuerst sollte man Karriere machen.“
„Ach, wirklich?“ Oh, das wollte ich eigentlich nicht laut sagen, aber über diese neue Information war ich wirklich überrascht. „Ja“, sagte meine Mutter. „Deine Tante war immer etwas eigen. Sie war ein herzensguter Mensch, aber wollte nie etwas von Familie oder so etwas wissen. Sie wollte immer beruflichen Erfolg. Deswegen hat sie sich auch öfters mit unseren Eltern gestritten. Und das war auch einer der Gründe, warum sie so weit weggezogen ist. Sie hatte gehofft, durch den räumlichen Abstand auch den mentalen Abstand zur Familie zu bekommen. Das schien ihr gelungen zu sein, denn natürlich hatten wir sie immer wieder eingeladen, vor allem an Weihnachten, aber sie wollte sich einfach nicht mit uns abgeben, wie sie immer sagte.“ Auf einmal war mir diese fremde Frau unsympathisch. Wie konnte man nur seine eigene Familie für die Karriere opfern? War es das wirklich wert?
„Wie geht es eigentlich Alex?“, fragte nun meine Mutter. Wahrscheinlich, um das Thema zu wechseln.
„Dem geht’s gut“, meinte ich leichthin. „Er hat viel zu tun. Ist viel im Restaurant.“
„Er arbeitet auch so viel wie du?“, fragte meine Mutter leicht besorgt. „Ist das denn gut? Ich meine, habt ihr überhaupt noch Zeit für euch zu zweit?“
„Das passt schon irgendwie. Ich habe ja auch viel zu tun und so sind wir beide beschäftigt. Und einen Abend in der Woche verbringen wir schon gemeinsam.“ Ich versuchte meine Mutter mit einem Lächeln zu überzeugen, aber ihrem Blick nach zu urteilen, gelang mir das nicht so richtig. „Du weißt doch, das Leben in München ist teuer. Da muss man viel arbeiten.“
„Dann zieht doch aus der Stadt und nehmt euch ein Häuschen auf dem Land nicht allzu weit von der Stadt entfernt. Dort könnt ihr dann auch gleich mit der Kinderplanung beginnen.“
„Mama!“, rief ich erschrocken. „Was denn?“, erwiderte meine Mutter unschuldig. „Ihr seid alt genug und solltet schon einmal darüber nachdenken. Bevor es zu spät ist…“ Jetzt war ich ehrlich ein bisschen schockiert.
„Willst du mich jetzt unter Druck setzen, oder was? Wir haben beide Fulltime-Jobs und keine Zeit für Kinder.“
„Ach, ihr macht das heutzutage alles viel zu kompliziert. Kinder sind das Schönste auf der Welt. Arbeiten kann man immer noch, aber ich kann nur sagen, dass ihr mal wirklich darüber nachdenken solltet. Ich wünsche mir doch auch so sehr einen Enkel.“ Ich wusste echt nicht, was ich darauf erwidern sollte und versuchte mich darauf zu konzentrieren, meine Mutter nicht entgeistert anzustarren. Und damit war das Thema dann auch schon wieder beendet.
Voll von Kuchen machte ich mich zwei Stunden später zurück auf den Heimweg. Meine Mutter hatte es sich nicht nehmen lassen, mich dazu zu drängen, dass ich noch Kuchen mitnahm, da ich ja nur ein Stück gegessen hatte und sie meinte, ich bräuchte etwas mehr auf den Rippen und Alex sollte ich auch gleich etwas mitnehmen. „Überleg dir noch einmal, was ich gesagt habe“, meinte meine Mutter. „Das Leben kann so schnell vorbei sein.“
„Ja, Mama“, hatte ich nur gesagt und dabei versucht, meinen genervten Unterton ein wenig zu verbergen. Ich umarmte sie und auch meinen Onkel. Dann ging ich zu meinem Auto, legte die Kuchenstücke behutsam auf den Beifahrersitz, klemmte mich selbst hinter das Steuer und fuhr vom Hof. Im Licht der Scheinwerfer sah ich noch die beiden winken.
Dieser Nachmittag war wirklich eine willkommene Ablenkung gewesen und ich merkte, dass ich mich viel zu selten mit meiner Familie traf. Natürlich fühlte ich mich dann manchmal etwas von meiner Mutter beäugt, aber wahrscheinlich wollte sie einfach sichergehen, dass es mir, beziehungsweise uns, gut ging. Durch den langsam einbrechenden Winter war es schon dunkel und so fuhr ich etwas vorsichtiger. Als ich zu Hause ankam, schien die Wohnung immer noch verlassen, allerdings deutete ein leerer Teller mit Pizzakrümeln darauf hin, dass Alex zwischenzeitlich schon einmal dagewesen war. Er hatte mir keine Nachricht hinterlassen, aber ich ging davon aus, dass er sich noch auf ein Bier mit Freunden traf. Da ich immer noch keinen Hunger hatte, wollte ich das Abendessen ausfallen lassen und einfach entspannen. Deswegen stellte ich den Kuchen in den Kühlschrank, nahm mir eine Banane aus der Obstschale und schnappte mir meinen Laptop, ging ins Schlafzimmer und machte es mir in meinem Bett gemütlich.
Ich kam nicht umhin, als über die Worte meiner Mutter nachzudenken: Was ist mit Kindern? Ihr solltet darüber nachdenken, das Leben kann so schnell vorbei sein. Wo sie recht hatte, hatte sie recht, aber trotzdem fand ich Kinder zu diesem Zeitpunkt etwas unpassend. Nicht, dass ich sie nicht mochte, aber mir war meine Arbeit nun auch einmal wichtig. Hätte ich die Möglichkeiten gehabt, die ihr jungen Leute heute habt, ich hätte einiges anders gemacht. Die Message war klar: verschwende nicht dein Leben. Konnte man überhaupt sein Leben verschwenden? Gab es ein objektives Maß dafür? Nein. Aber trotzdem wusste ich, was meine Mutter meinte. Sie wollte, dass ich glücklich war und womöglich wollte sie mir hinter all dem mitteilen, dass ich zu viel arbeitete.
Ich hörte einen Schlüssel im Schloss drehen und kurz darauf die Tür aufgehen. Die Schritte gingen zuerst Richtung Küche, ich hörte die Kühlschranktür aufgehen und eine halbe Minute später erschien Alex‘ Statur im Türrahmen. „Hallo, mein Schatz“, begrüßte er mich mit einem leicht lasziven Lächeln.
„Hi“, sagte ich recht kurz angebunden, ein wenig abgelenkt durch den Film. Alex kam näher, setzte sich auf das Bett und gab mir einen Kuss auf die Wange.
„Na, was hast du heute Schönes gemacht?“ Ich konnte ein wenig Bier in seinem Atem riechen, aber daran hatte ich mich schon gewöhnt und störte mich nicht. Ich selbst trank wenig Alkohol, weil ich es einfach nicht mochte und bei Alex wusste ich, dass er gerne mal das ein oder andere Bier trank, um nach der Arbeit zu entspannen. Ich hatte ihn schon mal darauf angesprochen, dass es mir nicht sonderlich gut gefiel, dass er Alkohol brauchte, um zu entspannen, aber von meinen Yoga-Sitzungen ab und zu hielt er auch nicht so viel. Ich drehte mich von dem Bildschirm weg und schaute ihn an. Gott, ich konnte diesen tiefblauen Augen auch nach fünf Jahren Beziehung immer noch nicht widerstehen. „Ich war bei Mama und wir haben ein wenig über Annabelle geredet.“ Alex schaute mich erwartungsvoll an. „Und?“ „Nichts. Das war es.“
„Also gibt es noch nichts Neues?“
„Nein.“
„Der Kuchen ist übrigens echt lecker.“
„Den hat Mama gemacht.“
„Habe ich mir schon fast gedacht.“
„Warum? Denkst du, dass ich nicht backen kann?“
„Ich denke es nicht nur, ich weiß es.“ Das sollte neckend klingen, aber ich war gerade echt nicht in der Stimmung dafür.
„Was soll das denn heißen?“, fuhr ich ihn an. Jetzt schaute mein Freund etwas entschuldigend drein. „Du weißt doch, dass das nicht erst gemeint war.“ Er wollte mich noch einmal küssen, aber ich drehte mich weg.
„Heyho. Jetzt beruhig dich doch mal.“
„Ich bin so ruhig, wie es nur geht.“
„Ja, eisig wie die Eisprinzessin.“
„Alexander, jetzt reicht es wirklich!“ Alex wusste genau, wenn ich ihn beim vollen Namen nannte, hörte der Spaß auf.
„Ja, ja, schon gut. Soll ich dir erzählen, wie mein Tag war?“
„Anstrengend nehme ich an“, meinte ich immer noch etwas unterkühlt, denn ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass ich ihm sofort verziehen hätte.
„Da hast du wohl recht. So ist mein Job. Aber hey, er macht mir Spaß und ich glaube, dass heute einer der Tage war, an denen mir das Rinderfilet besonders gut gelungen ist.“ Alex redete gerne über das Essen, besonders, wenn er einen guten Tag hatte. Und wenn es für ihn nicht gut gelaufen war, dann war auch seine Stimmung am Abend meistens nicht so gut und ich versuchte dann, ihn aufzuheitern. Mein Freund war Koch mit Leib und Seele.
„Thomas war auch da“, meinte ich noch.
„Oh, wie geht’s ihm und seiner Familie?“
„Gut.“
„Nächstes Mal muss ich wohl mitkommen, sonst denken deine Eltern noch, wir sind getrennt.“
„Ich glaube nicht, dass meine Mutter das denken würde. Im Gegenteil: sie hat gefragt, wann es so weit sein wird, dass sie endlich Enkel bekommt.“
„Enkel?“ Alex hatte die Mehrzahl betont.
„Na ja, erst einmal hatte sie nur von einem gesprochen, aber sie meinte schon, dass es langsam Zeit für uns wäre.“
„Und was hast du gesagt?“
„Ich habe ihr gesagt, dass wir momentan keine Zeit dafür haben.“
„Wir haben keine Zeit dafür?“
„Na ja, du bist Koch in einem Sternerestaurant und ich arbeite viel in der Kanzlei. Ich dachte…“ „…dass da Kinder in die Karrierepläne nicht reinpassen“, beendete Alex den Satz. „Nun ja, ich finde, das kann man ändern. Zumindest kann man es versuchen. Was meinst du?“
„Ich weiß nicht...“, meinte ich zögernd. „Ich weiß nicht, ob ich eine gute Mutter sein würde.“
„Ich denke, du wärst eine fantastische Mutter“, sagte Alex und fuhr mit der Nasenspitze an meinem Hals entlang. Mit einer Hand klappte er den Laptop zu. „Hey! Was soll das?“, protestierte ich, aber gleichzeitig gefiel mir, was Alex da tat. Ich räumte den Laptop rasch vom Bett runter und gab mich dann seinen Liebkosungen hin.
Endlich wieder Montag. Die meisten Menschen hassten Montage, aber ich mochte sie, denn mit ihnen begann eine neue Arbeitswoche und somit hatte mein Kopf wieder etwas zu tun. Ich stand zur gewohnten Zeit um sieben auf, duschte, machte mir mein Frühstück und einen Kaffee, zog eines meiner Kostüme aus dem Schrank und machte mich auf den Weg, sodass ich ungestresst um acht Uhr dreißig mein Büro betrat. Dort checkte ich dann meine Termine für die Woche und schaute, ob es etwas Wichtiges gab. Meistens war das am Anfang der Woche nicht der Fall, denn die wichtigsten Termine kamen meist erst einen Tag vorher oder wenn nicht sogar am selben Tag noch rein. Im Büro nahm ich mir gleich noch eine Tasse von dem frisch aufgebrühten Kaffee, setzte mich dann an meinen Schreibtisch und schaltete den Computer an. Wie ich schon vermutete hatte, gab es vorerst nichts Spannendes. Die üblichen Termine von Paaren, die auf einmal festgestellt hatten, dass sie sich nach all den Jahren nicht mehr liebten und nun eine Beratung brauchten, wie sie im besten Fall ohne Schlammschlacht und mit möglichst wenig Geldverlust da rauskommen könnten. Viele stellten sich eine Scheidung immer rosig vor und dass man danach noch mit dem Partner befreundet sein würde, aber das war meiner Meinung nach eher die Ausnahme. Bei Geld hörte bei vielen die Freundschaft auf.
„Guten Morgen, meine Hübsche.“ Ich schaute auf und sah meine Arbeitskollegin Kathi. Aber Kathi war viel mehr als nur eine Kollegin, sie war, seitdem wir zusammen arbeiteten, eine sehr gute Freundin und wir waren immer füreinander da, wenn eine von uns mal Rat brauchte, war es für die Arbeit oder die Beziehung.
„Na, wie war dein Wochenende?“ Kathi hatte immer so ein ansteckendes Strahlen in den Augen und sie war auch nie schlechter Laune.
„So lala“, meinte ich. „Meine Tante ist gestorben und obwohl ich sie nicht so wirklich gekannt habe, nimmt mich das doch ein bisschen mit. Ich weiß auch nicht so wirklich wieso.“
Kathi machte ein betretenes Gesicht. Auch das war eine der schönen Seiten an ihr: sie konnte wie fast keine Andere Mitgefühl zeigen. Und bei ihr hatte ich das Gefühl, dass sie es ernst meinte. Nicht dieses Oberflächliche: „Oh, das tut mir aber leid. Aber das wird schon wieder…“, was man sonst so oft zu hören bekam. „Lass uns da mal in der Mittagspause drüber reden“, sagte Kathi.
„Gerne.“
Trotz dieses kurzen traurigen Moments schaffte ich es, mich ganz gut auf meine Arbeit zu konzentrieren. Wie ich bereits vermutete hatte, war es wirklich eine willkommene Ablenkung. Den Vormittag über tätigte ich ein paar Anrufe, heute waren keine persönlichen Gespräche angesetzt. Um zwölf kam Kathi, die in der Abteilung für Steuerrecht arbeitete, wieder und wir gingen in ein kleines Restaurant, etwa fünf Minuten von der Kanzlei.
„Jetzt erzähl doch mal. Was ist genau passiert?“
„Samstagabend hat meine Mutter angerufen und mir gesagt, dass meine Tante Annabelle tot sei. Sie selbst hatte nur einen Anruf erhalten und konnte mir auch noch nichts Genaueres sagen. Ich habe sie auch gestern besucht und wir haben ein bisschen geredet, aber was genau passiert ist und wie es jetzt weitergehen soll, muss sich jetzt erst in der nächsten Zeit klären.“
„Oh Mann, das tut mir echt wahnsinnig leid“, meinte Kathi betroffen.
„Mir auch, weil ich vor allem nie die Möglichkeit hatte, sie kennenzulernen und das jetzt auch nie wieder werde nachholen können. Sie hat wohl in Glücksburg gewohnt, ganz oben im Norden. Vielleicht werden wir zur Beerdigung dort hinfahren, ich weiß es noch nicht. Und bei dir so?“, versuchte ich nun ein wenig das Thema zu wechseln.
„Bei mir ist alles gut“, meinte Kathi, aber irgendwie sah sie nicht so danach aus.
„Wirklich?“
„Ja, schon. Es ist nur…langsam denke ich, dass es Zeit wäre, mal an Kinder zu denken. Ich bin fast dreißig und könnte mir vorstellen, so langsam eine Familie zu gründen.“ Ach, Kathi hatte also genau das gleiche Problem wie ich, nur anscheinend mit vertauschten Rollen.
„Und wo ist das Problem?“
„Der Paul will keine. Er meint, Kinder machen nur Dreck und Lärm und stinken.“ Jetzt war ich empört. „Wer hat ihm das denn erzählt?“
„Keine Ahnung. Vielleicht einer seiner Kumpels, die schon ein Kind haben.“
„Das ist doch absurd. Ja, ich kann mir auch vorstellen, dass Kinder, gerade wenn sie klein sind, schwierig sein können, aber ich stelle es mir schön vor, Kinder zu haben.“
„Das habe ich ihm auch gesagt und er meinte, er will es sich noch einmal überlegen, aber ich bin da recht wenig optimistisch. Vielleicht sollte ich insgeheim einfach die Pille absetzen und dann wird es eine Überraschung und dann kann er gar keinen Rückzieher mehr machen.“ Die sonst so liebe Kathi überraschte mich damit jetzt etwas.
„Wie bist du denn heute drauf?“
„Ich wünsche es mir nur einfach so sehr.“
„Na, dann kann der Paul dem ja fast gar nicht widerstehen. Ich behaupte, keiner kann dir so wirklich etwas abschlagen.“
„Danke, das ist echt lieb von dir. Aber abgesehen davon: was spräche dagegen, ein paar Tage rauszukommen? Manchmal habe ich das Gefühl, du arbeitest einfach zu viel. Du bist morgens einer der ersten, die das Büro betritt und einer der letzten, die den Computer ausschaltet.“
„Mir tut das gut. Ich brauche die Arbeit.“
„Vielleicht, aber du machst definitiv zu viel. Frieda, das ist echt nicht gut. Ich glaube, du brauchst mal eine Auszeit.“
„Ach was“, winkte ich ab.
„Nee, wirklich. Das war doch im Studium schon so. Du wolltest immer die Beste sein und hast dafür alles in Kauf genommen. Frieda, das kann doch nicht gut sein. Irgendwann hast du dann mit Mitte dreißig ein Burnout und einen Schlaganfall. Dann bringt dir dein ganzer Ehrgeiz auch nichts mehr.“
„Ja, gut. Ich versuche was zu ändern“, sagte ich halbherzig. „Wollen wir dann?“ Ich gab der Kellnerin ein Zeichen, dass wir zahlen wollten. Auf dem Rückweg schwiegen wir und die Stimmung war auch etwas gedämpft. Es war ja total nett von Kathi, dass sie sich Sorgen um mich machte, aber ich fühlte mich ja noch topfit. Ich würde doch schon merken, wann es zu viel werden würde.
Kaum hatte ich zu Hause die Schlüssel auf den Sekretär im Hausflur gelegt, als das Telefon läutete. Ich sah sofort, dass es meine Mutter war.
„Hi, Mama. Was gibt’s?“
„Ich habe heute einen Anruf von einem Herrn Stattmann bekommen. Er sagte mir, er habe das Testament von Annabelle.“ Ich horchte auf.
„Ein Testament?“
„Ja, das macht viele Dinge einfacher. Allerdings konnte er mir am Telefon keine weiteren Informationen geben. Das heißt, ich werde wohl nach Glücksburg fahren. Außerdem hat sie sich wohl für eine Seebestattung entschieden und das ist noch ein Grund mehr, in den Norden zu fahren.“
„Nicht nur du“, sagte ich. „Ich komme mit.“ Gleichzeitig fragte ich mich, was mich da wohl geritten haben mochte, aber es kam mir gerade so in den Sinn. Und vielleicht hatte Kathi ja recht: ein paar Tage Urlaub konnten ja wohl nicht schaden. Allerdings: konnte ich mir das leisten? Wollte ich mir das leisten? Ich hatte mir geschworen, immer mein Bestes zu geben. Was wäre, wenn mein Chef auf einmal feststellte, dass es jemand besseren gab als mich? Er hatte zwar noch nie solche Anspielungen gemacht, aber ich wollte es nicht drauf ankommen lassen. Ich hatte ständig so ein Engelchen und ein Teufelchen auf den Schultern. Ich wusste insgeheim, dass ich etwas gegen meinen Ehrgeiz tun musste und vielleicht würde mir ein solchen Urlaub auch guttun. Zumal wäre das eine Ecke von Deutschland, die ich noch nie gesehen hatte. Ich hatte mein ganzes Leben in und um München verbracht, denn ich war immer ein Heimatmensch durch und durch.
„Bist du sicher?“, fragte meine Mutter. „Ich meine, ich freue mich, dass du mich begleiten willst, aber bist du sicher, dass du ein paar Tage frei machen willst?“ Meine Mutter kannte mich einfach zu gut.
„Ach, das passt schon, meinte ich leichthin. Ich brauche mal wieder Urlaub.“ Ich konnte selbst kaum glauben, dass ich das gerade gesagt hatte.
„Na gut, ich will das so früh wie möglich geregelt haben, ich werde morgen früh fahren.“
„Was? Morgen früh schon? Ist das nicht ein bisschen überstürzt?“
„Ich denke nicht. Wie gesagt, du musst ja auch nicht mitkommen.“ Ich hatte das Gefühl, meine Mutter wollte mich nun ein wenig herausfordern. Andererseits war sie noch nie jemand gewesen, der die Dinge auf die lange Bank schob.
„Nein, das passt schon“, antwortete ich jetzt ein wenig selbstsicherer. „Das ist nur etwas...na ja…spontan eben.“
„Sag mir am besten, wann du losfährst. Du solltest es aber nicht zu spät machen. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.“ Das konnte sie wohl laut sagen. „Ich denke, wir werden abends in einem Hotel übernachten und uns dann am Mittwoch mit dem Notar treffen.“ Das hatte meine Mutter wohl schon alles durchgeplant.
„Okay“, sagte ich nur.
„Schlaf dich aus und sag mir nur rechtzeitig Bescheid, falls du es dir anders überlegst.“
„Ja, mach ich. Bis dann, hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“
Mein Kopf fing wieder an zu rattern. Erst jetzt merkte ich, dass ich noch fast komplett angezogen war: ich trug noch meinen Mantel, meinen leichten Schal und auch die Schuhe hatte ich noch nicht ausgezogen. Das holte ich schnell nach. Dann ging ich in die Küche, wo mein Tablet lag und schaute schnell bei Maps das nach, was ich wissen wollte: München-Glücksburg mindestens 940 km in neun Stunden fünfzig. Die ganzen möglichen Staus und Verzögerungen wahrscheinlich nicht mitgerechnet. Da hatte sie sich ja etwas vorgenommen.
Sollte ich? Sollte ich nicht? Diese Frage ließ mich nicht mehr los und stürzte mich in einen Gewissenskonflikt. Ich schrieb eine Nachricht an Kathi: Meine Mutter will morgen früh schon los? Was soll ich machen???!!!
Fahr mit!!! Kam sofort die Antwort zurück. Ich weiß nicht…. schrieb ich wieder. Dann klingelte mein Handy. „Süße, das ist DIE Gelegenheit!“, sagte sie schon, ehe ich sie begrüßen konnte.
„Aber morgen früh schon? Dann muss ich schon um fünf oder so los.“
„Dann such dir ne gute Zugverbindung oder nen Flug oder sonst was, aber geh mit.“
„Okay, gut“, lenkte ich ein.
„Halt mich auf dem Laufenden.“
„Ja, mach ich. Bis dann. Und vielen Dank!“
„Kein Problem! Bis dann!“ Ich legte auf. Damit war es also klar: ich würde auch nach Glücksburg fahren.
Schnell schaute ich nach Zugticktes und auch wenn mir bei den Preisen fast die Augen aus dem Kopf fielen, beschloss ich, den Zug um neun am nächsten Tag zu nehmen. Jetzt musste ich das nur noch irgendwie Alex beibringen.
„Du willst nach Glücksburg? Morgen schon?“ Die Überraschung konnte ich Alex ansehen. „Hast du dir das auch gut überlegt? Ich meine mit der Arbeit und allem?“ Plötzlich bekam ich doch wieder Gewissensbisse. Hatte ich es mir gut überlegt?
„Ja“, sagte ich so selbstsicher, wie es eben ging.
„Na dann, das ist dann deine Entscheidung.“ „Was soll das denn jetzt heißen?“ Mir war der leicht resigniert-enttäuschte Farbton in seiner Stimme nicht entgangen. „Nichts. Nur, dass es deine Entscheidung ist.“
„Aber?“
„Nichts aber.“
„Alex, ich kenn dich zu gut. Wenn du ein Problem hast, dann lass es raus.“
„Ich finde nur ehrlich, dass du nicht gründlich genug überlegt hast. Ich meine, was bringt es dir denn? Deine Tante, die du nicht richtig gekannt hast, ist gestorben. All die Jahre hat es dich anscheinend nicht wirklich interessiert, dass es sie gibt und auf einmal willst du nach Norddeutschland?“
„Jetzt mach mal halblang“, sagte ich ein wenig wütend. „Es ist immer noch meine Tante und die Schwester meiner Mutter. Auch wenn ich sie nicht wirklich persönlich kannte, dann gehört sie immer noch zur Familie. Also was ist dein Problem?“
„Mein Problem ist, dass wir uns kaum noch sehen!“, rief Alex jetzt zurück. Ich wollte so einem Streit eigentlich entgehen, aber wir waren einfach schon mittendrin. Ich konnte es kaum fassen: Alex machte so einen riesigen Aufstand, weil wir zu wenig Zeit miteinander verbrachten?
„Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun“, schrie ich zurück.
„Eben doch. Ich wollte dich damit überraschen, dass ich mir ein paar Tage freigenommen habe, damit wir zumindest abends mehr Zeit miteinander verbringen können und jetzt haust du einfach ab!“
„Erstens haue ich nicht einfach so ab und zweitens kannst du gerne mitkommen.“
„Ich will aber nicht nach Norddeutschland im November. Das ist total unromantisch und kalt.“ Langsam fand ich, dass sich mein Freund verhielt, also würde er nicht das Spielzeug bekommen, was er wollte.
„Tja, das ist wohl dann deine Entscheidung. Ich fahre morgen. Und wenn es dir nicht passt, dann musst du wohl damit leben.“
„Wie kannst du nur so egoistisch sein?“, warf Alex mir nun vor.
„Alexander“, versuchte ich ihn nun zu beruhigen. „Warum verstehst du nicht, dass mir meine Familie wichtig ist? Und wer weiß, vielleicht ist es dort ja ganz schön. Vielleicht würde dir eine kleine Auszeit auch einmal ganz guttun.“
„Ich brauche keine Auszeit, ich will einfach nur mit dir zusammen sein. Und ich dachte, wir könnten an unseren Familienplänen weiterarbeiten.“ Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen: darum ging es ihm also.
„Du hast dir freigenommen, damit wir mehr Zeit im Bett verbringen können? Und du nennst mich egoistisch?“
