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Anna Heisig steht vor dem Grab ihres Vaters und verspürt statt Trauer nur Wut. Sie macht ihn für den fatalsten Fehler ihres Lebens verantwortlich. Ihr Plan, Konstanz so schnell wie möglich wieder zu verlassen, wird von ihrer Tante zunichte gemacht. Diese bittet sie, noch einmal die Villa ihrer Eltern zu betreten. Anna lehnt ihren Vorschlag zunächst kategorisch ab. Warum sie es dann doch tut, kann sie sich selbst nicht richtig erklären. Schnell wird ihr klar, dass es ein Fehler war, weil damit eine schmerzhafte Reise in die Vergangenheit beginnt. Vor allem kommt der unbezwingbare Wunsch in ihr auf herauszufinden, was für Konsequenzen ihr Fehler nach sich gezogen hat.
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Seitenzahl: 452
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Gaby Peer
ANNASIRRWEGE
Band 1
Roman
Engelsdorfer VerlagLeipzig2019
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019
Jeder Mensch durchlebt schwierige Phasen in seinem Leben. Häufig stehen wir vor der Entscheidung, welchen Weg wir wählen sollen. Nur, woher sollen wir wissen, welcher der Richtige ist? Letztendlich muss eine Entscheidung getroffen werden. Auch Anna Heisig, die Protagonistin dieses Buches, muss unter größtem psychischem Druck eine Wahl treffen. Sie handelt in Panik und gibt ihrem Vater die Schuld dafür. Mit dem Argument gelingt es ihr, sich jahrelang vor allem vor sich selbst zu rechtfertigen und ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Nach der Beerdigung ihres Vaters holt sie die Vergangenheit ein. Sie hat plötzlich das große Bedürfnis in Erfahrung zu bringen, was sie mit ihrer Entscheidung vor vielen Jahren angerichtet hat.
Gaby Peer (Pseudonym), 52 Jahre alt, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem kleinen beschaulichen Ort Baden-Württembergs. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin in einem Konzern.
Wenn du dich verlaufen hast,
mach am falschen Ziel nicht Rast.
Das Glück kommt niemals von allein,
drum sollest du stets mutig sein,
gestehe dir den Fehler ein,
und sag ganz laut und deutlich nein!
Ich will nicht ohne Freude leben,
drum such ich gern nach neuen Wegen.
Ich stehe vor dem Grab und starre auf den üppig geschmückten Sarg, der ein paar Minuten zuvor in das dunkle, nasse Loch herabgelassen wurde. Ich horche in mich hinein und warte auf ein Gefühl. Auf irgendein Gefühl. Trauer und Schmerz wären in diesen Minuten normale Gefühle, denn in der Holzkiste liegt immerhin mein Vater. Ich warte umsonst. Es regt sich nichts in mir. Ich verspüre auch keine Erleichterung, Zufriedenheit, Genugtuung oder gar Freude. Auch Hass kann ich bei der Reise in mein Inneres nicht finden. Da ist nichts, einfach gar nichts. Nur eine erschreckende Leere. Oder sollte ich den Zustand lieber mit dem Wort Gleichgültigkeit betiteln. Ich weiß es nicht.
Plötzlich empfinde ich doch etwas, nämlich Traurigkeit. Durch diese Leere wird mir abermals bewusst, dass ich für meinen Vater nichts empfinde. Es ist nicht so, dass diese Tatsache eine neue Erkenntnis ist, aber zumindest jetzt wo er tot in dieser Kiste liegt, hätte ich menschliche Regungen erwartet. Nein, ich bin kein Eisklotz, ein Mensch ohne Herz und Gefühle, denn ich kenne das Gefühl von tiefer Trauer nur zu gut. Der schreckliche Tag, an dem meine Mutter gestorben ist, fällt mir ein.
Damals hatte ich das Gefühl ins Bodenlose zu fallen. Der Schmerz hat mich nahezu zerrissen. Ich bin mir sicher gewesen, nie wieder fröhlich sein zu können. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich den ersten tränenfreien Tag erleben durfte. Wie unbeschreiblich verloren und alleingelassen ich mich damals gefühlt habe. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Mama, du bist meine engste Vertraute und wichtigste Bezugsperson gewesen. Ich will nicht ungerecht sein. Natürlich hast auch du dich sehr um mich bemüht, Sarah. Du hast versucht mir zur Seite zu stehen, wie man es eben von einer besten Freundin erwartet. Eigentlich kann ich mit dir über alles reden, aber in der damaligen Situation konntest auch du mich nicht trösten. Das konnte niemand, weil ich es nicht zulassen wollte. Ich wollte ausgiebig trauern und vor allem wollte ich möglichst allein sein. Menschliche Gesellschaft konnte ich nicht ertragen. Liebgemeinte Worte haben mich verärgert, weil ich dachte, dass sie nur so daher gesagt wurden. Die üblichen Floskeln, die in so einem Fall heruntergeleiert werden.
Du bist eine ganz besondere Frau gewesen, Mama und du bist durch deine Krebserkrankung viel zu früh mitten aus dem Leben gerissen worden. Auch heute noch kann ich nicht verstehen, wie die Krankheit soweit fortschreiten konnte, ohne dass du etwas davon bemerkt hast. Wie ist es nur möglich gewesen, dass der Krebs so unerkannt in deinem Körper wüten konnte, während du nach außen hin vor Lebenslust gesprüht hast? Du hast stets großen Wert auf vernünftige Ernährung, ausreichende Bewegung, genügend Schlaf und dein inneres Gleichgewicht gelegt. Du warst im Umgang mit deinem Körper äußerst penibel. Niemals hast du eine Vorsorgeuntersuchung versäumt. Es ist so unfair. Deine Diagnose kam für mich aus heiterem Himmel. So eine Erkrankung mit dir in Zusammenhang zu bringen, war undenkbar für mich. Im Grunde habe ich nie darüber nachgedacht, dass du eines Tages ernsthaft krank sein könntest. Ich kann mich lediglich an kleinere Unpässlichkeiten erinnern, die allerdings äußerst selten vorkamen. Deswegen bin ich ja so vor den Kopf gestoßen gewesen, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Wenn ich nach der niederschmetternden Diagnose nicht so in Panik geraten wäre, hätte ich die folgenschwere Entscheidung sicher nicht getroffen.
Ich wollte dich unbedingt pflegen. Für mich gab es damals keine Alternative. Genauso würde ich mich zweifelsohne auch heute wieder entscheiden. Leider habe ich mich derzeit so sehr auf dich fokussiert, dass ich mir für die Lösung des keineswegs kleineren Problems, nicht genug Zeit genommen habe. Den Beschluss, den ich damals unter einem enormen psychischen Druck gefasst habe, sollte ich noch sehr bereuen. Der Ausnahmezustand hat zu meiner Kurzschlussreaktion geführt. Rational zu denken, ist mir damals unter den gegebenen Umständen nicht gelungen. Schluss, Ende, Aus! Darüber darf ich nicht mehr nachdenken, weil es ohnehin kein Zurück mehr gibt.
Trotz dieser Ermahnung dreht sich mein Gedankenkarussell unerbittlich weiter. Meine Umgebung ist vollkommen ausgeblendet.
Mama, ich bin so sehr mit dir beschäftigt gewesen, dass ich keine Zeit hatte, über die Tragweite meiner Handlung nachzudenken. Ich wollte den ärztlichen Prognosen keinen Glauben schenken, die deinen sicheren und raschen Tod vorausgesagt haben. Deswegen habe ich selbst nach möglichen Therapien für dich gesucht. Nur so konnte ich sicher gehen, dass keine der allerneuesten Methode übersehen wird. Ich habe unermüdlich weltweit recherchiert und ich bin bereit gewesen alles zu tun, um dein Leben zu retten. Dafür brauchte ich Zeit, viel Zeit und einen freien Kopf. Es durfte nichts geben, das mich von meinem Ziel ablenkt.
Deine körperliche Pflege hat mich sehr angestrengt. In den Pausen habe ich mich nie ausgeruht. Diese nutzte ich lieber eifrig, um deinen Lebensretter zu finden. Unzählige Kontakte habe ich geknüpft und pausenlos Unterlagen mit Untersuchungsergebnissen an diese versendet. Die Formulierung der Antworten hörte sich meist identisch an. Der Tenor lautete: ‚hoffnungslos‘ und ‚viel zu weit fortgeschritten‘.
Auch noch am Morgen deines Todestages habe ich einen neuen Kontakt hergestellt und zum wiederholten Male die neuesten Untersuchungsergebnisse verschickt. Ich weiß es noch ganz genau, wie hoffnungsvoll ich gewesen bin. Beim Versenden des großen Umschlages hatte ich ein ganz besonders gutes Bauchgefühl. Zumindest habe ich mir das damals eingeredet. Zu dem Zeitpunkt bist du schon längst nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Ich habe mich wie eine Ertrinkende, die mit der allerletzten Kraft um ihr Überleben kämpft, verhalten. Vollkommen irre. Absoluter Realitätsverlust.
Den Gedanken, dass du demnächst sterben wirst, wollte ich einfach nicht zulassen. Ich handelte nach dem Motto: ‚Wenn ich es nicht denke, dann passiert es auch nicht.‘
Ich bin nicht mehr bei klarem Verstand gewesen.
Nach deinem letzten Atemzug habe ich mich wie eine Versagerin gefühlt. Ich bin mir sicher gewesen, dass ich mich nicht genug angestrengt habe. Dann hat sich ein neues unschönes Gefühl in mir geregt. Heute schäme ich mich dafür, aber damals war ich wütend auf dich, weil du nicht länger durchgehalten hast. Wahrscheinlich bin ich sogar nie zuvor so derart böse auf dich gewesen. Du hast mir mit deinem Tod die Chance geraubt, doch noch rechtzeitig auf die richtige Heilungsmethode zu stoßen. Meine ganze Mühe war umsonst. Als ob ich es dir beweisen wollte, konnte ich auch nach deinem Ableben nicht damit aufhören, weiterhin nach der geeigneten Therapie zu suchen. In den ersten Wochen nach deiner Beerdigung, habe ich mich wie eine Süchtige verhalten.
Wahnsinn wie wenig ich damals geschlafen habe, um möglichst viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen zu können. Heute kann ich mir problemlos eingestehen, dass ich damit nur meinen Schmerz unterdrücken wollte. Solange ich mich intensiv mit der Suche befasste, konnte ich nicht über meinen herben Verlust nachdenken. Ich hatte panische Angst davor, auch nur eine Minute ohne Beschäftigung zu sein.
Gleichzeitig hatte ich unglaublich große Angst davor, doch noch auf eine erfolgsversprechende Behandlung zu stoßen. Es ist natürlich nicht passiert und eines Tages bin ich dann ganz plötzlich einsichtig geworden. Ich weiß heute noch nicht, wie ich auf den Gedanken gekommen bin. Ohne lange darüber nachzudenken, fasste ich ganz spontan den Entschluss, den Computer nicht zu berühren. Zuerst habe ich mich wie eine Verräterin gefühlt, Mama. Dann bin ich aber ziemlich stolz auf mein Durchhaltevermögen gewesen, denn tief in meinem Inneren ist es mir sehr wohl bewusst gewesen, dass mein Verhalten vollkommen irre war. Auch der Gedanke daran, was du dazu sagen würdest, hat mir geholfen.
Leider bin ich nach dem kurzen Hochgefühl wieder in Panik verfallen, denn ich wusste nicht, was ich anstelle des Recherchierens tun sollte. Ich hatte wochenlang nichts anderes gemacht, als dich zu pflegen und nach einem Wunderheiler zu suchen.
In der Phase habe ich alle Menschen, die sich bemühten, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, abgewiesen. Die, die es wagten mehrmals einen Versuch zu starten, lernten meine unfreundliche Seite kennen. Das ist meine Taktik gewesen, um in Ruhe gelassen zu werden. Ich konnte keine Menschen in meiner Nähe ertragen. Sie hätten mich nur von meiner wichtigen Aufgabe abgelenkt und mir wertvolle Zeit mit dir gestohlen.
Am Tag der Beerdigung hätte ich vielleicht noch die eine oder andere Beziehung retten können. Sie sind alle anwesend gewesen. Auch die, die ich mies behandelt hatte. An dem Tag hätte ich die Möglichkeit nutzen sollen, um mich bei ihnen zu entschuldigen. Aber dazu bin ich nicht in der Lage gewesen.
Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen, weil mich kräftige Hände an den Schultern anpacken, mich sanft zur Seite drehen und mich vom Grab wegschieben. Ich muss wohl ziemlich lange, vollkommen in Erinnerungen versunken, auf den Sarg gestarrt haben. Ich riskiere einen Blick in die Menge und stelle fest, dass mich einige Trauergäste anstarren.
Sie erwarten, dass ich weine. Es wäre ja auch durchaus normal, dass eine Tochter schmerzgekrümmt vor dem Sarg ihres Vaters steht. Ich enttäusche alle. Genauso wie ich meinen Vater sein Leben lang enttäuscht habe.
Dann schaue ich zu dem Mann hoch, der seinen Arm inzwischen um meine Schultern gelegt hat und mich fest an sich drückt. Bei seinem Anblick wird es mir ganz warm ums Herz und ich versinke, vertrauensvoll an ihn gelehnt, wieder in meiner traurigen Vergangenheit.
Hendrik du bist das Beste, was mir passieren konnte. Ich verdanke dir so viel, denn du bist seit vielen Jahren mein Fels in der Brandung. Auf dich kann ich mich blind verlassen. Du schenkst mir Zuneigung, Verständnis und du hast ein ehrliches Interesse an meinen Problemen. Mit dir kann ich lachen und weinen. Mein lieber Freund, du stehst in jeder Lebenslage zu mir und motivierst mich unermüdlich, meine Träume zu leben.
Ich schaue zu ihm hoch, während er mich liebevoll aber bestimmt über die Friedhofswege in Richtung Parkplatz schiebt. Ich setzte einen Fuß vor den anderen, ohne darüber nachzudenken. Hendrik bemerkt meinen Blick und lächelt mich an. Wieder spüre ich eine angenehme Wärme in meinem Bauch.
Wie würde mein Leben nur ohne dich aussehen? Vielleicht würde ich überhaupt nicht mehr leben. Du bist für mich ein Engel auf Erden. Ein Gottesgeschenk. Womit habe ich dich verdient? Ich bin kein guter Mensch, der ein solches Geschenk verdient hat. Und was tue ich für dich? Wie wichtig bin ich für dich? Genau das werde ich dich demnächst fragen und ich werde mich mehr um dich bemühen. Ich weiß zwar nicht wie ich das anstellen soll, denn du benötigst leider nie Hilfe. Du scheinst niemals Probleme zu haben und wenn dann löst du sie offenbar selbst leise und spielerisch. Oder übersehe ich etwa deine Nöte schon jahrelang? Weißt du eigentlich, dass du all das für mich tust, was ich mir mein Leben lang von meinem Vater vergeblich gewünscht habe?
Bei diesem Gedanken spüre ich Wut in mir aufkommen. Die schönen Gefühle sind bei dem Gedanken an meinen Vater schlagartig verflogen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass du bereits am Tag meiner Geburt konkrete Pläne für mein Leben erstellt hast. Schon während meiner Kindergartenzeit hast du dich andauernd über die Auswahl meiner Freunde beschwert. Kein einziges Kind ist deiner Meinung nach, der richtige Umgang für mich gewesen. Dieser Trend hielt, während den darauffolgenden Jahren unverändert an, Vater. Die Schule, für die ich mich begeistert hatte, hast du mir nach genauem Recherchieren ausgeredet. Du hast sogar versucht zu bestimmen, welche Hobbys mir Spaß zu machen haben und natürlich wusstest du auch, welcher Beruf am besten zu mir passen würde.
Du hast nie viel mit mir geredet und wenn doch, dann ging es nur darum mich zu kritisieren oder mir Vorschriften zu machen. Meine Meinung hat dich nie interessiert.
Nur beim Thema Kleidung hast du deiner lieben Frau freie Hand gelassen. Wie großzügig. Wie gut, dass du Mama, mit seinen Erziehungsmethoden nicht einverstanden gewesen bist. Du hast mich Gott sei Dank stets eifrig dabei unterstützt, meine Wünsche durchzusetzen. Das ist dir auch so gut wie immer gelungen, denn in deinen Händen war er Wachs. Dir konnte er nur sehr selten einen Wunsch abschlagen. Entschuldige Mama, aber eure Beziehung ist mir stets suspekt gewesen. Warum du ihn so sehr geliebt hast, ist mir stets ein Rätsel gewesen. Ihr habt überhaupt nicht zusammengepasst.
In meinen Augen hatte dieser Mann in der Kiste von dem Thema Liebe und Gefühle überhaupt keine Ahnung. Er war ein gefühlloser Klotz und deswegen hasste ich ihn schon als Kind. Du hast ihn meist nachsichtig behandelt. Das hat mich immer sehr wütend gemacht. Noch mehr hat mich geärgert, dass du ihn ständig in Schutz genommen hast.
Ich verstehe heute noch nicht, weshalb du diesen Mann geheiratet hast. Er war fünfzehn Jahre älter wie du und viele dachten er sei dein Vater. Seine Statur war von dem Typ ‚deutsche Eiche‘. Und genau so habe ich ihn immer empfunden: hölzern und vor allem emotionslos.
Du hast mit deiner sehr zierlichen Figur, stets wie ein Kind neben ihm gewirkt. Nicht nur äußerlich trennten euch Welten. Auch charakterlich hättet ihr unterschiedlicher nicht sein können. Du bist eine sehr extrovertierte, empathische und emotionale Person gewesen.
Außerdem bist du eine außergewöhnlich schöne Frau gewesen, der viele Männer nachgeschaut haben. Du hättest eine große Auswahl haben können. Warum hast du dich für diesen Spießer entschieden? Diese Frage hast du mir nie zufriedenstellend beantworten können. ‚Ich liebe ihn sehr‘, ist deine stereotype Antwort gewesen.
Ich glaube nach wie vor, dass du einen ausgeprägten Vaterkomplex hattest, weil du ohne aufwachsen musstest. Dieser Umstand, ist für mich stets die einzige plausible Erklärung für diese seltsame Ehe gewesen. Du hast dir einen Vatertyp als Ehemann ausgesucht, weil du Schutz suchtest. Diesen hast du von ihm zu einhundert Prozent bekommen. Er hat stets vorbildlich für uns gesorgt und alle Probleme von uns ferngehalten. Niemals hat es uns an etwas gefehlt. Auch unsere häufigen, oft sehr teuren Vergnügungen hat er immer anstandslos finanziert. Du bist Weltmeisterin im Organisieren von Reisen und Events gewesen. Leider wusste er es nicht zu schätzen, denn er arbeitete lieber Tag und Nacht in seinem Unternehmen. Ich habe es nie verstanden, Mama, dass ein Mensch überhaupt keine Freude an Reisen, Musicals und Co. haben kann. Na ja, wahrscheinlich ist es für uns beide so besser gewesen. So konnten wir uns allein vergnügen, denn mit ihm zusammen, hätten wir niemals so viel Spaß gehabt.
Plötzlich stehe ich im Foyer eines Hotels und frage mich, wie ich dahingekommen bin. Nachdem ich schon in der Friedhofskapelle über die Anzahl der Trauergäste gestaunt habe, macht mich die Zahl der zum Kaffee geladenen Gäste absolut sprachlos. Es müssen mindestens zweihundert Leute sein, die im Konzil an den wunderschön gedeckten Tischen Platz genommen haben.
„Diesen Tag hat dein Vater noch zu Lebzeiten bis ins kleinste Detail organisiert“, flüstert Tante Rose mir zu. Ich bin völlig verwirrt, weil ich stets dachte, dass mein Vater kein soziales Umfeld hat. Meiner Meinung nach haben für ihn außer seiner kleinen Familie und seiner Schwester, höchstens noch ein paar wenige, für sein Unternehmen wichtige Geschäftspartner existiert.
Was sind das nur für Menschen, die heute zum Teil sehr traurig von ihm Abschied genommen haben?
Die vielen Reden während der Trauerfeier, die jeglichen zeitlichen Rahmen gesprengt haben, fallen mir wieder ein.
Sie haben ihn endlos geehrt und hochgelobt. Der Grund für die Lobeshymnen ist für mich eine vollkommen neue Erkenntnis. Ich hatte keine Ahnung davon, dass er im Laufe der Jahre sehr viele karitative Vereine und Einrichtungen finanziell unterstützt sowie diverse Stiftungen gegründet hat.
Der Mann hat ja nie richtig mit mir geredet und Mama hat mir ebenfalls nichts darüber erzählt. Vielleicht wusste sie ja auch nichts über seine wohltätigen Aktionen. Es würde mich jedenfalls nicht wundern. Oder es ist noch ganz anders gewesen: Bestimmt hat er seine karitative Ader nach Mamas Tod und meinem Fortgang entdeckt.
Nein, das kann nicht sein, denn in den Dankesreden wurden Zeiten genannt. Er muss wohl schon sehr früh damit begonnen haben, sich um Arme und Benachteiligte zu kümmern. Einem genannten Datum nach zu urteilen, spendete er zum ersten Mal gleich mit Beginn seines zunächst sehr bescheidenen Erfolges, einen größeren Betrag an eine Institution. Was weiß ich noch alles nicht über meinen Vater? Er scheint eine wahre Wundertüte gewesen zu sein.
Als die Kaffeetafel sich nach und nach auflöst, setzt sich Tante Rose, Vaters jüngere Schwester zu mir und Hendrik.
„Danke, Tante Rose, dass du mir Bescheid gegeben hast und dass du dich um alles gekümmert hast.“
„Wie vorhin bereits erwähnt, gab es nicht viel zu tun für mich, Anna. Dein Papa hat alles perfekt vorbereitet. So, wie er auch alles andere sein Leben lang ganz allein geregelt hat. Er hatte das große Talent, sehr vorausschauend denken zu können. Dementsprechend hat er immer für alle Eventualitäten vorgesorgt.“
„Hattet ihr regelmäßigen Kontakt in den letzten Jahren, Tante Rose?“
„Ja, klar“, antwortet sie lachend. „Ich habe meinen Bruder immer sehr geliebt und er mich.“
Ich blicke meine Tante zweifelnd an. „Er hat dich geliebt?“
„Ja, natürlich. Auf seine ganz spezielle Art eben und ich wusste es immer sehr zu schätzen, dass ich mich in jeder Situation blind auf ihn verlassen konnte. Er hatte stets ein Auge auf seine kleine Schwester und das war auch mehr als notwendig. Ich hätte in meinem Leben so manchen Blödsinn fabriziert, wenn Johannes das nicht verhindert hätte. Du weißt, dass ich schon immer das genaue Gegenteil von deinem Papa gewesen bin.“
Ich schüttele verständnislos den Kopf und frage: „Hat dich das nicht genervt, dass er nur geredet hat, um zu kritisieren?“
„Na klar doch. Seine ständige Vernunft und seine manchmal nicht enden wollenden Moralpredigten haben mich manchmal schier in den Wahnsinn getrieben. Aber wie schon gesagt, er hat am Ende stets Recht behalten und irgendwann wurde mir klar, dass er es gut mit mir meint. Nachdem ich ein paar Mal großen Mist gebaut habe, weil ich nicht auf ihn gehört habe, wollte ich nicht mehr beratungsresistent sein – wie dein Papa mich in solchen Situationen gerne bezeichnet hat. Vor allem habe ich ihm stets hoch angerechnet, dass er mir trotzdem jedes Mal aus der Patsche geholfen hat.“
Ich blicke meine Tante nachdenklich an.
„Anna, dein Vater ist kein böses Monster gewesen. Du denkst viel zu schlecht über ihn.“
Mein Blick verdüstert sich und ich nehme eine trotzige Haltung an: „Du weißt ja nicht, wie ich mich als Kind in seiner Gegenwart gefühlt habe. Ich hatte immer das Gefühl, seinen Ansprüchen nicht zu genügen. Er hat so große Erwartungen an mich gestellt, dass ich sie nicht ein einziges Mal erfüllen konnte. Vater schaute mich unentwegt kritisch an. Ich habe ihm in all den Jahren niemals einen liebevollen Blick entlocken können. Ich war nie gut genug, meine Leistungen waren nie ausreichend, meine Freunde waren alle Versager, meine Hobbys würden mich nicht weiter bringen in meinem Leben, meine Allgemeinbildung war eine Katastrophe, meine Klamotten waren zu unseriös und, und, und. Soll ich weiterreden? Es wäre für mich kein Problem meine Aufzählung mindestens eine Stunde lang so fortzuführen. Schau mich nicht so zweifelnd an, Tante Rose. Ich könnte das ohne Weiteres schaffen.“
„So ist es nie gewesen, mein Kind. Dein Vater hat dich sehr geliebt und geschätzt. Du hast dich vollkommen zu Unrecht in diese negativen Gedanken hineingesteigert. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, den Ansprüchen deines Vaters nie gerecht zu werden?“
„Was ist das für eine Frage, Tante? Sein Verhalten und seine Aussagen mir gegenüber haben mich jahrelang immer wieder aufs Neue davon überzeugt, dass ich eine große Enttäuschung für ihn gewesen bin. Er hat nie viel mit mir gesprochen und wenn er es dann doch einmal getan hat, dann nur um mich auf meine Fehler hinzuweisen.“
„Anna, du hast deinen Vater bereits als kleines Mädchen in eine Schublade gesteckt, aus der es für ihn kein Entkommen mehr gab. Du konntest nichts Positives in ihm sehen, weil du es nicht wolltest. Auch als du älter wurdest und durchaus in der Lage gewesen wärst, seine guten Seiten zu erkennen, hast du es nicht zugelassen und schon gar nicht darum bemüht. Auch du hattest an ihn hohe Erwartungen. Du wolltest einen fröhlichen, lockeren und unternehmungslustigen Papa haben. Das konnte er dir nicht bieten, weil diese Eigenschaften nicht seinem Naturell entsprochen haben. Ihm war es durchaus bewusst, dass er nicht der coole Papa war, den du dir so sehr gewünscht hast. Dafür hat er dir und deiner Mama jeden nur erdenklichen Spaß ermöglicht. Niemals hat er etwas gegen eine Reise oder ein sonstiges Vergnügen gesagt. Im Gegenteil: Er hat eure Unternehmungen stets gefördert. Oft hat er heimlich ein noch hochwertigeres Hotelzimmer, eine teurere Kabine auf dem Schiff oder bessere Platzkarten für ein Konzert für euch gebucht.
Auch die Tatsache, dass er nicht allzu häufig etwas mit euch unternommen hat, war pure Absicht. Er wusste, dass ihr ohne ihn viel mehr Spaß haben würdet. Glaub mir Anna, Johannes ist über sein ernstes Wesen nicht glücklich gewesen. Mädchen, ich habe meinen Bruder oft heimlich und voller Mitleid beobachtet, wie er uns mit Tränen in den Augen beim Herumblödeln zugeschaut hat. Bestimmt hat er sich von ganzem Herzen gewünscht, auch so unbeschwert sein zu können. Das hat auch deine Mama sehr früh erkannt. Sie hat Johannes sehr geliebt und sie hat es wunderbar verstanden mit seinem, zugegeben sehr schwierigen Charakter, umzugehen. Sie hat seine wertvollen Seiten, die er stets hinter einer steinernen Fassade gut versteckt hat, erkannt und zu schätzen gelernt. Außer ihr und mir haben noch sehr viele andere Menschen im Laufe der Jahre hinter seine dicke Mauer, die er um sich herum aufgebaut hatte, geschaut. Das hast du ja heute selber feststellen können.“
Ich starre meine Tante ungläubig an, während sich mein Gedankenkarussell in Windeseile dreht.
Habe ich meinen Vater wirklich so falsch beurteilt? Ist es möglich, dass ich seine Vorzüge nicht gesehen habe oder gar nicht sehen wollte? Bin ich einfach nur zu jung gewesen, um seine inneren Werte zu erkennen?
Ich habe schon als kleines Mädchen den idealen Papa kennengelernt. Sarahs Vater ist das genaue Gegenteil von meinem gewesen. Klaus war so, witzig, freundlich, immer gut gelaunt und vor allem kleidete er sich cool. Meinen Vater kannte ich nur in düsteren Anzügen. Sein coolstes Kleidungsstück war ein dunkelblaues Polo-Shirt. Klaus hatte immer viel Zeit für Sarah. Die beiden haben tolle und manchmal ganz verrückte Sachen zusammen gemacht, wie zum Beispiel: Wettrennen, Schlittschuhlaufen, Zelten im Wald, Kanufahrten, Skifahren, Besuche im Freizeitpark und Zoo.
Ich durfte häufig mitgehen. Die Ausflüge sind für mich die reinsten Abenteuer gewesen und ich habe immer wieder aufs Neue darüber gestaunt, dass ein erwachsener Mann so lustig und ausgelassen sein konnte. Klaus hatte so viele besondere Ideen. Diese schienen ihm niemals auszugehen. Ich kann mich an keine einzige langweilige Minute erinnern – auch nicht während den stundenlangen Autofahrten. Ständig haben wir irgendwelche Wettbewerbe gemacht, Spiele erfunden oder wir haben uns am Lagerfeuer stundenlang Geschichten ausgedacht.
Das ist mein absolutes Lieblingsspiel gewesen: Einer von uns begann damit, eine Geschichte zu erzählen. Nach einer vorher vereinbarten Zeit musste der nächste weitererzählen. Manchmal dauerte das Spiel Stunden, weil wir nicht damit aufhören konnten. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich an die vielen schönen Momente denke.
Wenn ich von einem Ausflug mit Klaus und Sarah nach Hause kam, erschien mein Vater mir unbeschreiblich spießig, langweilig und noch grauer wie sonst. Ich bin regelrecht wütend geworden, wenn ich ihn angeschaut habe. Seine Kleider und seine Frisur kamen mir noch konservativer vor. Dieser stets korrekte Seitenscheitel löste Brechreiz in mir aus. Zu allem Überfluss schmierte er sich täglich ein Mittel in seine Haare, sodass sie wie am Kopf festgeklebt aussahen. Seine Gesichtszüge waren ernst, streng und für mein damaliges Empfinden unfreundlich. Noch besser würde die Bezeichnung böse passen. Er stellte mir auch so gut wie immer dieselben Fragen: Wie war es in der Schule? Hast du eine Klassenarbeit zurückbekommen? Hast du Klavier geübt?
Auch noch heute als erwachsene Frau bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich über die alten Zeiten nachdenke. Natürlich waren meine, an Klaus gemessenen Erwartungen unwahrscheinlich hoch. Viele Väter hätten vermutlich bei der hohen Messlatte nicht mithalten können. Aber meiner war davon besonders weit entfernt. Niemals hätte eine meiner Freundinnen ihn beim Vornamen nennen dürfen. Das wäre unvorstellbar gewesen. Der Vorschlag hätte bei ihm wahrscheinlich einen Herzinfarkt ausgelöst.
Das ist die unumstößliche Meinung über meinen Vater gewesen. Bis vor ein paar Stunden. Jetzt soll ich mich ganz plötzlich mit dem Gedanken anfreunden, dass er ein mildtätiger, herzensguter Mensch gewesen sein soll und ich dies all die Jahre übersehen habe.
„Tante Rose, ich glaube, dass du deinen Bruder, jetzt nachdem er tot ist, durch eine noch rosarotere Brille siehst, wie schon zuvor. Kann das sein?“
Meine Tante schaut mich mit einem sehr traurigen Blick an und sagt: „Deine Worte verletzen mich sehr, Kind. Ich dachte, du würdest zumindest jetzt, auch wenn es für deinen Vater zu spät ist, Herz, Ohren und Augen öffnen. Du behauptest er sei sehr stur gewesen. Du hast diese Eigenschaft ganz offensichtlich von ihm geerbt. Ich würde sogar frech behaupten, dass du seine Sturheit übertriffst, mein Kind. Geht bitte heute noch in die Villa deines Vaters.“
Meine Tante schaut mich bittend an und richtet dann ihren Blick hilfesuchend auf Hendrik.
„Nein, Tante Rose, das werde ich nicht tun. Warum sollte ich? Er hat mir vor Jahren sehr wehgetan. Das weißt du ganz genau. Und du weißt auch, dass er mich mehr oder weniger aus seinem Haus herausgeschmissen hat. Und das nur, weil ich eine andere Vorstellung von meinem eigenen Lebensplan hatte wie er. Wenn du für das Ausräumen der Villa Hilfe benötigst, dann beauftrage ich eine Firma damit und bezahle selbstverständlich die Rechnung. Aber ich selbst werde dieses Haus nie wieder betreten.“
„So viel zum Thema Sturheit, Anna. Oder wie würdest du dein Verhalten sonst nennen?“
„Ganz sicher nicht stur. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass es meinem Vater recht wäre, wenn ich die Villa nach seinem Ableben betreten würde. Es fühlt sich für mich nicht richtig an. Das ist alles und hat nichts mit Sturheit zu tun. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er mich enterbt hat. Bestimmt hat er sein Vermögen absolut gerecht auf seine wohltätigen Projekte aufgeteilt.“
„Hendrik, kannst du Anna vielleicht zur Vernunft bringen?“
Meine Tante schaut Hendrik mit einem flehenden Blick an.
„Ich kann sie doch nicht zwingen, Rose. Du hast es gerade selber gesagt, dass sie einen Dickkopf hat und das stimmt. Gegen den komme auch ich nicht an“, stellt Hendrik nüchtern fest.
„Habt ihr beiden euch gegen mich verschworen? Ich möchte betonen, dass ich euch bis zum heutigen Tag sehr gemocht habe. Wenn ihr so weiter macht, könnte sich das schnell ändern. Ich fühle mich ziemlich angegriffen.“
„Nein, Anna, das haben wir nicht. Aber wir müssen schon bei der Wahrheit bleiben. Wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast, dann schafft es nichts und niemand, dich wieder davon abzubringen. Oder lüge ich etwa?“, fragt Hendrik indem er mir mich fixiert und eine Augenbraue hochzieht.
Es ist mir unangenehm wie er mich anschaut und ich spüre, dass ich wütend werde.
„Es ist schon sehr übertrieben, wie ihr mich beschreibt. Ich habe eine feste Meinung, da stimme ich euch zu. Ich habe auch den Kampfgeist, diese zu verteidigen und durchzusetzen. Aber ihr stellt es so dar, als ob ich über Leichen gehen würde, um an mein Ziel zu kommen. Das stimmt so nicht, denn ich bin durchaus kompromissbereit.“
„Also dann gehe ich davon aus, dass du dir die Villa anschaust?“, hakt Tante Rose nach.
„Ihr seid ganz schön raffiniert, denn ihr wisst genau, dass ihr mir wichtig seid. Ich könnte nicht gut mit dem Gedanken leben, dass ihr eine schlechte Meinung über mich habt. Genau das nutzt ihr aus, um euer Ziel zu erreichen. Ich muss schon sagen, dass ihr ein verdammt gutes Team seid. Ihr übt gemeinsam Druck auf mich aus. Findet ihr euer Verhalten nicht gemein?“
„Ja, manche Menschen müssen zu ihrem Glück gezwungen werden“, kichert Tante Rose, zwinkert Hendrik zu und drückt ihm einen Schlüssel in die Hand. „Eines noch Anna: Dein Vater hat dich nicht aus seinem Haus hinausgeworfen. Du bist freiwillig und beleidigt von heute auf morgen von dort ausgezogen. Dein alter Herr ist deswegen sehr traurig gewesen.“
*****
Mein Atem stockt, als ich mit Hendrik vor dem großen schmiedeeisernen Tor stehe und auf die Villa blicke. Ich betrachte minutenlang schweigend und staunend die neu renovierte Villa. Sie erstrahlt in einem blendenden Weiß. Nur die imposanten Säulen wurden in einem Terrakotta-Ton gestrichen. Das Dach scheint ebenfalls erst kürzlich neu gedeckt worden zu sein, denn die Ziegel glänzen auffällig. Der Garten wirkt wie immer äußerst pingelig gepflegt.
„Die Villa sieht aus, als ob sie neue Besitzer hätte“, stelle ich erstaunt fest.
„Genau das hat dein Vater sich sicher gewünscht, dass du die neue Besitzerin und vor allem die Bewohnerin dieser schönen Villa sein wirst.“
Ich lache laut.
„Das glaube ich kaum, Hendrik. Mein Vater hat mich vor Jahren aus seinem Gedächtnis gestrichen. Ich bin für ihn vermutlich die ‚größte Enttäuschung‘ oder ‚das misslungenste Projekt seines Lebens‘ gewesen. Ich kann mir vorstellen, dass er mich in Gedanken als eine absolut unrentable Fehlinvestition betitelt hat.“
„Anna, übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?“, fragt Hendrik mit Entsetzten. „Ich habe deinen Vater schließlich auch gekannt und ich muss deiner Tante Recht geben. Er ist bestimmt kein einfacher Mensch gewesen, aber böse war er keineswegs. Lass es dir sagen: Du hast dich ganz schön verrannt, Mädchen.“
Seine Worte versetzen mir einen Stich. Mein Freund, auf den ich immer zählen kann, fällt mir in den Rücken. Er verbündet sich quasi mit meinem größten Feind. So empfinde ich sein Verhalten und es schmerzt mich sehr. Ich reagiere auf seine Aussage nicht und versuche mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen.
Im Inneren der Villa, setzt sich der Eindruck vom Äußeren nahtlos fort. Alles scheint erst vor kurzer Zeit erneuert worden zu sein. Eine hochmoderne, schneeweiße Küche mit einer schönen Glasfront und einer riesigen Kochinsel rauben mir den Atem.
Das ist genau mein Geschmack.
Auch wurde die Wand zwischen Esszimmer und Küche entfernt, so dass der neue Raum sehr großzügig wirkt. Alle Wände sind mit hellen, freundlichen Farben gestrichen worden. Die Möbel im Esszimmer sind hochmodern. Sie entsprechen ebenfalls voll und ganz meinem Stil. Der Anblick macht mich sprachlos. Ich stehe reglos, mit geöffnetem Mund vor dem phantastischen Bild das sich mir bietet. Es dauert einige Minuten, bis ich wieder fähig bin zu sprechen.
„Hendrik, was soll das? Verstehst du das? Warum hat der alte Mann alles renoviert und die Räume so hochmodern eingerichtet? Das ist doch überhaupt nicht sein Geschmack gewesen. Ich habe ihn noch nie verstanden, aber das hier …“
Ich zeige auf die Küche und das Esszimmer und suche verzweifelt nach den passenden Worten. Ich finde keine und stammele deswegen den angefangenen Satz zu Ende: „… ist unerklärlich. Was hat er sich nur dabei gedacht?“
„Anna, was gibt es zu überlegen? Er hat das alles für dich genauso herrichten lassen, wie es dir gefällt. Er hat sich ganz offensichtlich gewünscht, dass du hier einziehst.“
„Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, Hendrik. Niemals! Weshalb sollte er mir – dem größten Misserfolg seines Lebens – eine solche Freude machen wollen? Ich bin mir sicher, dass er sein Vermögen und diese Villa einer karitativen Einrichtung vermacht hat. Nein, du liegst vollkommen falsch mit deiner Vorstellung, dass er diese Anstrengungen für mich unternommen hat. Ich glaube sogar, dass er mich richtig gehasst hat, weil ich seine Erwartungen nicht einmal ansatzweise erfüllt habe. Ich bin ihm sicherlich peinlich gewesen.“
„So ein Unsinn. Er hat dich weder gehasst, noch bist du ihm peinlich gewesen. Wo soll da deiner Meinung nach die Logik sein, meine Liebe? Er lässt die Villa exakt nach deinem Geschmack herrichten. Dann sorgt er dafür, dass du sie siehst und schenkt sie dann einer karitativen Einrichtung? Denk doch einmal gut nach, Anna. Auch wenn du es nicht wahrhaben möchtest. Dein alter Herr hat das alles für dich gezaubert. Hätte deine Tante sonst so darauf bestanden, dass wir uns die Villa anschauen? Dein Vater hat offensichtlich alles ganz genau mit ihr besprochen.“
„Hendrik, das alles hier scheint mir zu unrealistisch um wahr zu sein. Mein Vater war sehr enttäuscht von mir. Wir haben uns nicht im Guten getrennt und das weißt du am besten. Warum erzähle ich dir das alles? Du bist doch dabei gewesen.“
„Also nach meinem Empfinden, ist nicht er böse gewesen, sondern du. Er kam mir eher traurig und resigniert vor. Wenn ich mich recht erinnere, hattest du deine Sachen wahllos wie eine Furie in den Koffer geworfen und bist dann wortlos mit erhobenem Haupt an ihm vorbeimarschiert. Du bist es auch gewesen, die keinen Kontakt mehr mit ihm haben wollte. Das hast du ihm sehr unmissverständlich und ziemlich laut zu verstehen gegeben.“
„Ihm hat ja offenbar auch nicht sehr viel daran gelegen, denn er hat sich all die Jahre kein einziges Mal bei mir gemeldet. Nicht einen Versuch hat er unternommen, um wieder Kontakt zu mir aufzunehmen. Warum also sollte er diesen ganzen Luxus für mich arrangiert haben?“
„Das werden wir schon noch in Erfahrung bringen. Vielleicht kann deine Tante Rose dir diese Frage beantworten oder wir erfahren spätestens bei der Testamentseröffnung, was sich dein alter Herr dabei gedacht hat. Lass uns jetzt erst einmal die ganze Villa inspizieren“, schlägt Hendrik vor.
Tatsächlich ist die komplette Villa – selbst die Putzkammer – neu renoviert. Das Badezimmer ist die reinste Wellness Oase. Auch hier wurde eine Wand entfernt und ein Zimmer zugunsten des Bades geopfert. Es ist sehr hell, großzügig und vor allem äußerst modern ausgestattet. Es gibt sogar eine kleine Sauna, ein Dampfbad und eine Ruhezone. Ein echter Hingucker ist die in den Boden versenkte Badewanne. Um diese herum, wurden einige silberne Kerzenleuchter in verschiedenen Größen drapiert.
„Wahnsinn, Hendrik!“, rufe ich begeistert. „Dieses Badezimmer ist der absolute Wahnsinn.“
Auch Hendrik steht mit weitaufgerissenen Augen unter dem Türrahmen. Anscheinend ist er unfähig ein Wort zu sagen. Wir starren beide eine Weile ungläubig auf den ganzen Luxus der sich vor uns ausbreitet, bevor wir den Raum fast andächtig betreten. Ehrfürchtig streiche ich über die exklusiven Armaturen und einige andere Einrichtungsgegenstände. Plötzlich kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Du weinst?“, fragt Hendrik.
„So ein Blödsinn. Wieso sollte ich weinen?“
„Entschuldigung, in dem Fall habe ich es mir wohl nur eingebildet. Ja klar, wieso solltest du weinen?“
„Ach, ich weiß doch auch nicht genau, was diese Tränen zu bedeuten haben.“
„Ich vermute, dass dir das eine oder andere langsam bewusst wird. Zum Beispiel, dass dein Vater doch kein böser Mann gewesen ist. Er scheint dich auch ganz offensichtlich nicht aus seinem Leben gestrichen zu haben, so wie du es mit ihm getan hast.“
Ich kann mich nicht mehr beherrschen und heule los, denn Hendriks Worte haben mich in Mark und Bein getroffen.
Genau das will ich jetzt absolut nicht hören. Der spinnt doch, denke ich wütend.
„Du bist ganz schön gemein. Danke für deine Unterstützung, mein Lieber“, fauche ich ihn an.
„Anna, ich will dich nicht verletzen, aber du darfst deine Augen nicht verschließen. Dein Vater hat zu Beginn auch auf mich einen grimmigen, patriarchalischen und unnahbaren Eindruck gemacht. Aber mit der Zeit habe ich festgestellt, dass er in Wirklichkeit ein fürsorglicher und absolut gerechter Chef gewesen ist. Natürlich hat er hohe Leistungen eingefordert und streng war er auch. Viele seiner Mitarbeiter fürchteten ihn, aber das war unnötig. Solange man seinen Job gut und gewissenhaft erledigt hat, gab es keinen Grund sich vor ihm zu ängstigen.
Du solltest den Gedanken zulassen, dass du dich sehr in ihm getäuscht hast. Lass locker, Mädchen. Selbstverständlich hat er sich als Elternteil nicht ganz richtig verhalten. Ich möchte mich jedoch der Meinung deiner Tante anschließen: Dein alter Herr wusste, dass er ein langweiliger, spießiger und viel zu streng wirkender Vater war. Unter dieser Tatsache hat er selber gelitten, das kannst du mir glauben. Erschwerend hinzu kam natürlich noch, dass du es ihm stets deutlich gesagt hast, was du von ihm hältst. Deine offenkundige Ablehnung hat ihm den letzten Mut genommen, sich dir anzunähern. Was glaubst du wie traurig er war, wenn du von diesem Klaus geschwärmt hast. Anna, er wäre ganz sicher sehr gerne der coole Papa für dich gewesen, den du dir so sehr gewünscht hast.“
„Meinst du?“
Hendrik schaut mich ein paar Sekunden lang ernst an und sagt dann voller Überzeugung: „Ja, Anna, das meine ich. Er ist auf Klaus bestimmt sehr eifersüchtig gewesen.“
„Und das, obwohl es letztendlich keinen Grund dafür gab, denn Klaus ist in Wirklichkeit ein Schuft gewesen. Er hat seine Familie völlig überraschend wegen einer ganz jungen Frau verlassen. Und nicht nur das: Er hat auch sämtliche Ersparnisse und so gut wie alle Wertgegenstände mitgehen lassen. Sarahs Mutter ist auf einem großen Schuldenberg sitzen geblieben und war der Verzweiflung nahe. Bei seiner geliebten Tochter hat er sich nie mehr gemeldet. Sie weiß bis heute nicht, ob und wo er lebt.“
Hendrik legt den Arm um meine Schultern und wir setzen unseren Rundgang durch die Villa fort. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus.
„Alles ist absolut perfekt. Wir könnten sofort einziehen. Es wundert mich, dass im Schrank keine Kleider hängen“, scherze ich unter Tränen.
„Sogar an ein paar Flaschen Wein hat der alte Herr gedacht. Und verhungern müssten wir auch nicht. Der Kühlschrank ist üppig mit Leckereien befüllt. Wahnsinn, Anna. Der absolute Wahnsinn.“
„Ja, Hendrik, du sagst es. Ich werde eine ganze Weile brauchen, um den heutigen Tag zu verarbeiten. Egal was bei meinen Überlegungen herauskommt: Es ist auf jeden Fall zu spät, um darüber zu reden, sich zu entschuldigen, Dinge klar zu stellen oder sich zu rechtfertigen. Und zwar für beide Seiten. Ist das nicht sehr traurig, Hendrik?“
„Das ist es, Anna“, antwortet er leise und streichelt mir sanft über den Rücken.
„Nichts in diesem Haus erinnert mich an meine Kindheit. Es gibt keinen einzigen Raum, der die geringste Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Zustand hat. Ich habe nicht einen Gegenstand gesehen, den ich kenne. Es ist so, als ob Vater größten Wert daraufgelegt hätte, dass mich nichts an früher erinnert. Ist das eine Art Schuldeingeständnis?“
„So könnte man die Sache interpretieren. Es könnte jedoch auch sein, dass er dich vor schlechten Erinnerungen schonen wollte. Du hast dich seiner Meinung nach, in diesen Mauern sehr unglücklich gefühlt. Umsonst bist du nicht von hier geflohen.
„Es sind nicht die Mauern gewesen, die mich unglücklich gemacht haben, sondern er. Wenn mein Vater nicht zu Hause war, habe ich mich hier sehr wohl gefühlt. Ich habe viele schöne Stunden in diesem Haus verbracht, an die ich mich gerne zurückerinnere. Allerdings erinnere ich mich auch noch ganz genau an den Kloß im Hals, den ich stets fühlte, wenn er nach Hause kam. Es sind nicht die Wände oder die Einrichtungsgegenstände, die einen traurig machen, sondern die Menschen.“
„Er wollte anscheinend auf Nummer sicher gehen und das hat für ihn bedeutet, dass alles Alte wegmuss.“
„Woher kannte er meinen Geschmack? Die komplette Einrichtung entspricht voll und ganz meinem Stil. Das ist mir richtig unheimlich.“
„Das wüsste ich auch sehr gerne. Es ist wirklich sehr seltsam, denn würde mich einer fragen, wer diese Villa eingerichtet hat, dann wäre meine Antwort: Anna, natürlich.“
„Obwohl ich von seiner letzten Aktion restlos begeistert bin, ärgere ich mich trotzdem auch wieder über seine bestimmende Art. So ist er immer gewesen, Hendrik. Er hat den ganzen Aufwand betrieben, ohne mich vorher gefragt zu haben, ob ich überhaupt in der Villa wohnen möchte. Wieder einmal wird mir klar, dass ihn meine Meinung im Grunde nie interessiert hat. Genau darüber habe ich mich jahrelang am meisten geärgert. Es hat mich sehr verletzt, dass er mich nie ernst genommen hat.“
Hendrik reagiert nicht. Er schaut mich mit zusammengepressten Lippen an.
„Auch wenn die Villa – zugegeben – ein absoluter Traum ist, kann er doch nicht einfach davon ausgehen, dass ich sofort voller Begeisterung und Dankbarkeit hier einziehen werde. Im Grunde hat er sich damit das Recht herausgenommen, meinen Wohnort zu bestimmen. Es wäre ja immerhin durchaus möglich, dass ich mich in Stuttgart sehr wohl fühle. So wohl, dass ich unter keinen Umständen wieder nach Konstanz ziehen würde. Außerdem habe ich auch einen Job, den ich liebe. Hendrik, seine Vorgehensweise ist wirklich unmöglich. Das musst du jetzt zugeben.“
„Vielleicht wusste es dein Vater besser. Es kann ja sein, dass er einen zuverlässigen Informanten hatte, von dem du nicht weißt. Für mich sieht es auf jeden Fall ganz danach aus.“
„Also Hendrik, lass uns jetzt aus dieser Sache keinen Krimi machen“, fauche ich ihn an.
„Das wäre doch eine logische Erklärung. Ich hätte da auch schon eine schwer verdächtige Person im Visier, nämlich deine Tante Rose.“
Hendrik lächelt so stolz, als ob er einen ganz kniffligen Fall gelöst hätte.
„Ich hatte seit wir in Stuttgart leben keinen Kontakt mehr zu ihr. Dafür habe ich mich damals ganz bewusst entschieden, weil ich sie nicht in die Zwickmühle bringen wollte. Weißt du, ich mag meine Tante sehr und es ist mir schwergefallen, den Kontakt abzubrechen. Trotzdem schien mir dieser Weg am einfachsten für alle Beteiligten. Ich musste damals einen dicken Schlussstrich unter mein Leben ziehen. Ich wollte einen Neuanfang. Ein komplett neues Leben. Du wolltest das doch auch oder irre ich mich?“
„Nein, du irrst dich nicht. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass wir in der damaligen Situation die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber du musst mir zustimmen, dass wir uns in Stuttgart nie richtig wohl gefühlt haben. Ich für meinen Teil, habe Konstanz, den Bodensee, vor allem aber mein geliebtes Radolfzell immer sehr vermisst. Und ich glaube, dass es dir ebenso ergangen ist. Ich bin mir sogar ziemlich sicher.“
„Du hast Recht. Du hast mit allem Recht, was du sagst. Und was sollen wir jetzt deiner Meinung nach tun? Wir können doch nicht von heute auf morgen unsere Zelte in Stuttgart abbrechen. Du hast dir mit viel Fleiß und Mühe einen sehr guten Ruf erarbeitet. Was soll aus deinen Patienten werden, wenn du sie im Stich lässt? Ich habe nach den Sommerferien die Chance Abteilungsleiterin zu werden. Wärst du wirklich bereit alles aufzugeben, um hier in Konstanz neu anzufangen?“, frage ich entsetzt.
Ich habe plötzlich Angst vor seiner Antwort.
„Ganz spontan, so aus dem Bauch heraus, würde ich ‚ja‘ sagen. Aber lass mich bitte in Ruhe darüber nachdenken. Natürlich wird ein Umzug für mich nicht von heute auf morgen möglich sein. Zur Not könnte ich ja vorübergehend in der psychiatrischen Einrichtung auf der Reichenau arbeiten. Die hat einen sehr guten Ruf. Aus der sicheren finanziellen Position heraus, würde ich dann mit der Zeit und ganz in Ruhe, meine Selbständigkeit vorbereiten. Ich möchte unbedingt eine eigene Praxis haben.
Für dich dürfte es nach den Sommerferien kein Problem sein, in Konstanz eine Stelle zu bekommen. Ich finde, dass der jetzige Zeitpunkt, eine einmalige Gelegenheit wäre, um unseren heimlichen Traum wahr zu machen. Vor allem so bequem, quasi auf dem Silbertablett serviert, können wir nie wieder starten. Es ist doch auch dein Traum wieder am Bodensee zu leben, oder?“
„Ja, das stimmt“, gebe ich leise zu.
„Also, dann lass uns ernsthaft darüber nachdenken. Eines dürfen wir keinesfalls außer Acht lassen, nämlich die Immobilienpreise hier in Konstanz. Mittlerweile sind Wohnungen unbezahlbar und auch die Mietpreise sind jenseits von Gut und Böse.“
„Wieso weißt du so gut Bescheid? Hast du dich mit diesem Thema schon länger befasst?“
„Ja, das habe ich in der Tat. Die Sehnsucht hat mich häufig gequält. Aber es ist natürlich so, wie du vorhin gesagt hast: Ich müsste wieder bei Null anfangen und meine Patienten im Stich lassen. Außerdem wäre es eine äußerst kostspielige Angelegenheit, hier in der City Räumlichkeiten anzumieten.“
„Muss die Praxis unbedingt in der Stadtmitte sein? Du könnest dir hier in der Villa eine einrichten. Ziemlich großzügig sogar, denn genug Platz wäre vorhanden. Dann würden auch keine zusätzliche Mietkosten anfallen.“
„Die Idee ist nicht schlecht. Letztendlich liegt die Entscheidung bei dir. Wirst du es schaffen, hier in diesem Haus zu leben?“, fragt Hendrik indem er zärtlich über mein Haar streichelt.
„Das weiß ich eben nicht. Bis vor zwei Stunden bin ich mir absolut sicher gewesen, dass ich diese Villa nie mehr in meinem ganzen Leben betreten werde. Inzwischen habe ich sie nicht nur betreten, ich beschäftige mich sogar mit dem Gedanken, ob ich hier wohnen möchte. Hendrik, das ist mir alles zu viel. Ich bin vollkommen überfordert“, sage ich mit weinerlicher Stimme und klammere mich an seinen Arm.
„Du musst nicht sofort eine Entscheidung treffen. Du hast ja Gott sei Dank schon wieder Ferien und somit jede Menge Zeit zum Nachdenken. Lehrer müsste man sein“, frotzelt er und drückt mich fest an sich.
„Du hast wieder einmal Recht, mein lieber Hendrik. Was würde ich nur ohne dich und deinen messerscharfen Verstand tun? Ich wäre hoffnungslos aufgeschmissen. Bevor wir jedoch über all diese Ideen weiterreden, wäre es vielleicht sinnvoll zu klären, ob wir uns nicht täuschen.“
Ich kann immer noch nicht glauben, dass mein Vater sich für mich so sehr bemüht haben soll. Er hat mich doch gehasst. Na ja, das vielleicht nicht, aber er hat mich sicher nicht geliebt.
„Anna, du glaubst doch nicht immer noch im Ernst, dass deine Tante uns hierhergeschickt hätte, wenn nicht genau das der Plan wäre. Du sollst hier wohnen. Alles andere würde in meinen Augen keinen Sinn machen.“
„Wir werden uns jetzt sofort Klarheit verschaffen, Hendrik. Wir können hier noch stundenlang mutmaßen und uns irgendwelche Eventualitäten zurechtlegen. Wie der Plan wirklich aussieht, das werden wir von meiner Tante erfahren. Da bin ich mir ganz sicher.“
Nur zehn Minuten später stehen wir vor ihrer wunderschönen Villa und klingeln. Fast im gleichen Augenblick meldet sich Tante Rose über die Sprechanlage, so als ob sie fest mit unserem Erscheinen gerechnet und bereits gewartet hätte.
„Tante Rose, wir würden sehr gerne mit dir sprechen. Hast du Zeit oder kommen wir sehr ungelegen?“
„Hereinspaziert, meine Lieben“, ruft sie fröhlich.
„Hast du bereits auf uns gewartet?“, erkundige ich mich scheinheilig als wir an der breiten, wunderschön geschwungenen Treppe angekommen sind, wo die alte Dame majestätisch lächelnd auf uns wartet.
„Ja, ich gebe zu, dass ich mit euch gerechnet habe“, erklärt sie verschmitzt grinsend. „Tretet erst einmal ein in die gute Stube“, schlägt sie vor und macht mit ihrem Arm eine einladende Geste. Sie führt uns tänzelnd in ihren Salon und bietet Hendrik und mir einen Platz in der gemütlichen Sitzecke vor dem Kamin an.
„Es wurde ein Komplott geschmiedet und du, liebe Tante, spielst eine ganz wichtige Rolle, richtig?“, frage ich mit einem strengen Blick.
„Na ja, Komplott würde ich es nicht nennen, denn das ist ein negatives Wort und passt deshalb überhaupt nicht. Zumindest meiner Meinung nach nicht, denn alles was ihr gerade gesehen habt, ist aus reiner Liebe entstanden. Anna, dein Vater wollte dir deine Heimat zurückgeben. Gefällt euch die Einrichtung?“
„Sie ist exakt mein Geschmack. Woher wusste mein alter Herr denn so plötzlich, welchen Stil ich bevorzuge? Er hat sich doch nie dafür interessiert, was mir gefällt. Alles kommt mir so unwirklich vor und ich fühle mich völlig überrumpelt.“
„Dein Vater kannte deinen Geschmack stets ganz genau und er wusste auch immer bestens Bescheid, was du denkst und fühlst“, erklärt Tante Rose mit sanfter Stimme.
„Jetzt muss ich aber wirklich lachen. Ich glaube, dass du bereits unter dem Symptom: ‚Tote schön zu reden‘ leidest. Dass passiert üblicherweise eigentlich erst im Laufe der Zeit. Mein Vater ist erst vor einer Woche verstorben und du siehst ihn schon als fehlerfreien Heiligen“, schimpfe ich aufgeregt.
„Nein, Anna. Fehlerfrei war er ganz gewiss nicht und ein Heiliger ebenso wenig. Aber so schlecht wie du über ihn denkst, ist er auf keinen Fall gewesen. Bitte lass es zu, deinen Vater mit anderen Augen zu sehen. Du hast dich all die Jahre in ihm getäuscht. Erlaube mir, dass ich dir erzähle, wie er wirklich war, was er dachte und wie er fühlte. Tue mir bitte den Gefallen, mein Kind.“
„Wollte er es tatsächlich, dass ich in die Villa einziehe?“
„Ja, das hat er sich sehr gewünscht. Er hat aber auch mit der Möglichkeit gerechnet, dass du sein Geschenk ablehnen könntest.“
Ich hake nochmals nach: „Woher kannte er meinen Geschmack so genau?“ „Das willst du wirklich wissen?“
„Ja, es würde mich sogar brennend interessieren“, gebe ich zu und schaue meine Tante erwartungsvoll an. Diese lässt sich ein paar Sekunden Zeit, bevor sie antwortet.
Anscheinend hat sie Spaß daran, mich möglichst lange auf die Folter zu spannen. Das passt zu ihr.
„Also, das war so: Dein Vater bat mich um Hilfe, weil ich ja selbst auch eher den moderneren Stil bevorzuge. Ich hatte mich natürlich sehr über sein Vertrauen gefreut und startete mit Feuereifer die Suche nach den richtigen Möbeln. Natürlich durfte ich ohne seinen Segen nichts bestellen. Leider konnte ich ihn mit keinem Vorschlag richtig überzeugen. Sein Anspruch war, dass die Einrichtung zu einhundert Prozent deinem Stil entspricht. Irgendwie spürte er ganz deutlich, dass dich meine Ideen nicht restlos begeistern würden. Im Nachhinein musste ich ihm Recht geben. Meine Empfehlungen waren nicht schlecht, aber das Endergebnis wäre längst nicht so großartig ausgefallen.“
„Ich habe leider immer noch keine Antwort auf meine ursprüngliche Frage.“
„Ich bin ja auch noch nicht fertig. Hetz mich bitte nicht, denn eine alte Frau ist kein Schnellzug. Selbstverständlich hatte er wieder einmal die geniale Idee für die Lösung unseres Problems und ich war begeistert. Er erinnerte sich an deine Busenfreundin Sarah und bat mich, Kontakt mit ihr aufzunehmen.“
Entgeistert starre ich zuerst meine Tante und dann Hendrik an.
„Ich weiß von nichts“, verteidigt sich dieser und fuchtelt mit seinen Armen herum.
„Ihr habt Kontakt mit Sarah aufgenommen? Davon hat sie mir nie etwas erzählt.“
„Das will ich ihr auch geraten haben. Sie musste uns hoch und heilig versprechen, dass sie dir nichts davon erzählt. Außerdem hatte sie selber viel Spaß an der Sache. Wir sind gemeinsam losgezogen und ich muss sagen, dass deine Freundin wirklich eine ganz sympathische und lustige Beraterin war. Ich habe mich auf Anhieb sehr gut mit ihr verstanden und wir haben viel gelacht. Es war für mich eine sehr schöne Zeit. Ich bin sehr traurig gewesen, als die Villa fertig eingerichtet war.“
Ich sehe Tränen in Tante Roses Augen. Sie schluckt heftig, um ihr Beherrschung wieder zu erlangen.
„Wann hat sich das ganze abgespielt?“, frage ich kopfschüttelnd.
„Vor ungefähr einem Jahr hat dein Papa die Villa räumen lassen und die Renovation in Auftrag gegeben. Mit der Einrichtung haben wir dann etwa vor einem halben Jahr gestartet.“
„Und Vater? Wo hat mein Vater solange gewohnt?“
„Er hatte für sich schon vor längerer Zeit, eine kleine Wohnung in einer Einrichtung mit Betreuungsangebot gekauft. Johannes hat sich sehr davor gefürchtet, als Pflegefall zu enden. Natürlich wollte er unter keinen Umständen irgendjemandem zur Last fallen. Deshalb hat er auch das Angebot, bei uns einzuziehen, nicht angenommen. Wir hätten ihn sehr gerne bei uns aufgenommen. Rudi hat sich schon sehr auf Spielabende mit ihm gefreut.“
„Dein Mann hat sich auf Spielabende mit meinem Vater gefreut?“, frage ich mit einem spöttischen Unterton. Hendrik sitzt ganz still in seinem Sessel. Sein Blick wandert pausenlos zwischen Tante Rose und mir hin und her. Er beteiligt sich nicht an der Unterhaltung, schaut mich aber gerade mit einem tadelnden Blick an.
„Anna, du kanntest deinen Vater wirklich nicht. Du hast keine Ahnung was er mochte, wie er dachte und schon gar nicht wie er fühlte. Das was du ihm vorwirfst, gilt für dich umgekehrt genauso. Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, was dein Vater sich von dir gewünscht hat? Was ihn glücklich gemacht hätte?“, fragt mich Tante Rose vorwurfsvoll.
Ich schaue sie entsetzt an und antworte patzig: „Ja, natürlich. Das wusste ich immer sehr genau, weil er mir seine Meinung ja permanent aufgedrängt hat“, rechtfertige ich mich.
„Du verwechselst da etwas, meine Liebe. Bei dem was du gerade so betonst, ging es immer um Themen, die dich betroffen haben. Außerdem hat er dir nicht seine Meinung aufgedrängt. Er hat sich nur Gedanken gemacht. Es sind keine Befehle gewesen, sondern lediglich lieb gemeinte Vorschläge. Aber hast du dich jemals gefragt, was dein Vater mochte oder nicht mochte, welches Gericht er am meisten bevorzugt hat, warum er so ernst gewesen ist und weshalb er so viel gearbeitet hat? So könnte ich vermutlich stundenlang weitermachen und du könntest mir nur sehr wenige Fragen beantworten. Ich könnte mit dir wetten, dass du nicht einmal zwanzig Prozent schaffen würdest“, kontert meine Tante nun ebenfalls in einem unfreundlichen Ton.
Ich spüre, wie mein Gesicht feuerrot wird und meine Augen feucht werden.
Ist die Ursache für die Verfärbung und die Tränen der Ärger über die gesagten Worte oder ist es ein Schamgefühl, weil ich die Fragen wirklich nicht beantworten könnte. Nicht einmal sein Lieblingsgericht könnte ich nennen.
Da ich nicht fähig bin etwas zu erwidern, ergreift meine Tante nach einer kurzen Pause wieder das Wort: „Dein Vater hat unheimlich gerne Schach gespielt. Auch Dame, Mühle und Halma gehörten zu seinen bevorzugten Spielen.“
