Hinfallen - Aufstehen - Weitergehen - Gaby Peer - E-Book

Hinfallen - Aufstehen - Weitergehen E-Book

Gaby Peer

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Beschreibung

"Hinfallen, Aufstehen, Weitergehen" ist etwas, das jeden Menschen, der hier auf dieser Erde lebt, betrifft. Wir alle erleben Schicksalsschläge, haben Pech und fühlen uns zumindest hin und wieder am Ende unserer Kräfte. Das darf auch jeder so hin und wieder einmal sein, am Ende seiner Kräfte. Wichtig ist es jedoch, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Vielleicht ist eine solche negative Situation genau der richtige Zeitpunkt, über ganz neue Wege nachzudenken. Der Protagonist dieses Buches, Markus Lohner neigt dazu, trotz seinem hohen Intelligenzquotienten, in schwierigen Momenten zu resignieren. Als er einen absoluten Tiefpunkt in seinem Leben erreicht hat, begegnet ihm zufällig seine Sandkastenfreundin Michelle. Diese kann seine Lethargie nicht akzeptieren und macht es sich zur Aufgabe, Markus aus seiner scheinbar hoffnungslosen Lage zu befreien. Sie will ihm dabei helfen, sein großes Lebensziel zu erreichen.

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Seitenzahl: 474

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Hinfallen, Aufstehen, Weitergehen – das ist etwas, das jeden Menschen, der hier auf dieser Erde lebt, betrifft. Wir alle erleben Schicksalsschläge, haben Pech und fühlen uns zumindest hin und wieder am Ende unserer Kräfte. Das darf auch jeder so hin und wieder einmal sein – am Ende seiner Kräfte. Wichtig ist es jedoch, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Vielleicht ist eine solche negative Situation genau der richtige Zeitpunkt, über ganz neue Wege nachzudenken. Der Protagonist dieses Buches, Markus Lohner neigt dazu, trotz seinem hohen Intelligenzquotienten, in schwierigen Momenten zu resignieren. Als er einen absoluten Tiefpunkt in seinem Leben erreicht hat, begegnet ihm zufällig seine Sandkastenfreundin Michelle. Diese kann seine Lethargie nicht akzeptieren und macht es sich zur Aufgabe, Markus aus seiner scheinbar hoffnungslosen Lage zu befreien. Sie will ihm dabei helfen, sein großes Lebensziel zu erreichen.

Gaby Peer (Pseudonym) lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem kleinen beschaulichen Ort Baden-Württembergs. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin im Personalwesen eines großen weltweit bekannten Konzerns.

FÜR ALLE MENSCHEN,

...DENEN MANCHMAL DER MUT ZUM WEITERMACHEN FEHLT

…DIE IHR ZIEL AUS DEN AUGEN VERLOREN HABEN

…DIE DAS GEFÜHL HABEN, EIN PECHVOGEL ZU SEIN

…DIE EINFACH NUR EIN SPANNENDES BUCH LESEN MÖCHTEN

Inhaltsverzeichnis

Kein normaler Tag

Die zeit hilft nicht

Es läuft

Eine unschöne Erinnerung

Die große Entscheidung

Die Party

Ein sinnloses Studium

Sie ist wieder da!

Mein Neuanfang

Endlich kommt sie wieder

Endlich ist es so weit

Das Experiment

Michelle will ergebnisse sehen

Was habe ich nur angerichtet?

Die seltsame veränderung

Die Überraschung

Die Aussprache

Eine schöne Zeit

Alles nur ein Traum??

Bald ist es soweit

Der Abschlussball

Am Ziel angekommen

Unerwünschter Besuch

Meine Erfüllung

Die Kreuzfahrt

Endlich!!

Die Enttäuschung

Mein Leben danach

Der Neubeginn

Die Intrige

Schwester Laura

Neue Erfahrungen

Unfassbar!

Harte Arbeit

Der Schock

Die glückliche Botschaft

Die Vergangenheit holt mich ein

Die Tortur

Die Geburt

Die Ernüchterung

Der Fußtritt

Das Kennenlernen

Drei schöne Überraschungen

KEIN NORMALER TAG

Ich sitze auf einer Parkbank – meiner Lieblingsbank, direkt am Wasser. Ich genieße die wärmenden Sonnenstrahlen und den Ausblick auf den See. Eine herrliche Stille umgibt mich. Außer dem wunderbaren Gesang der Vögel, ist nichts zu hören.

Die meisten Menschen können es sich um diese Zeit nicht leisten auf einer Parkbank zu sitzen, denke ich deprimiert.

Es ist eben wie es ist. Verdammt, ich fange schon wieder an mit meinem Schicksal zu hadern.

Plötzlich höre ich zwei fröhliche Frauenstimmen und mir wird bewusst, dass ich nicht weiß wie lange ich schon bewegungslos dagesessen habe - ohne etwas zu denken. Diese beiden Eigenschaften habe ich mir mühsam angeeignet.

Wieso nehmen die beiden ausgerechnet auf dieser Bank Platz? Hier gibt es so viele andere Sitzgelegenheiten – nämlich fünfzig um genau zu sein.

Ich habe sie vor kurzem gezählt – aus Langeweile.

Aufstehen und gehen, denke ich im ersten Reflex.

Nein, warum denn? Ich bin zuerst hier gewesen. Ich muss nicht immer derjenige sein, der flüchtet. Wahrscheinlich erwarten die beiden nicht einmal von mir, dass ich von hier verschwinde, weil sie mich überhaupt nicht wahrnehmen. Ich existiere nicht für sie – ich bin sozusagen Luft in ihren Augen.

Ich bleibe sitzen, starre aber auf den Boden. Auch das habe ich gelernt – auf den Boden zu starren - die Menschen nach Möglichkeit nicht mehr direkt anschauen, weil mir das in der Vergangenheit schon häufig Ärger und manchmal sogar Schläge eingebracht hat. Die Landschaft kann ich nicht mehr genießen und mit der herrlichen Ruhe ist es auch vorbei.

Mit der Zeit finde ich aber Gefallen daran, den beiden zuzuhören. Sie reden über die unterschiedlichsten Dinge wie Studium, Familie, Reisen, Probleme und natürlich über die Liebe. Über ganz normale Themen eben.

Das normale Leben hört sich so einfach an – so selbstverständlich. Es gibt schöne Stunden und schwere – es gibt Probleme, die sie schlau lösen – es gibt Höhen und Tiefen. Es gibt Menschen, über die sie sich ärgern und es gibt die, mit denen sie glücklich sind. Ganz normal eben! Auch bei diesen beiden Schönheiten spielt sich das ganz normale Programm ab.

Ja, es sind Schönheiten. Ich habe einen ganz kurzen Blick riskiert.

Ich kann das normale Leben nicht. Trotz größter Mühe …. nein, nicht schon wieder denken, Markus.

„Markus?“

Ich höre meinen Namen, reagiere aber nicht.

Noch einmal fragt eine der beiden, nun etwas lauter: „Markus?“

Ich reagiere wieder nicht.

Die kann doch nicht mich meinen. Woher soll sie wissen, dass ich Markus heiße. Ich arbeite nicht auf der Sparkasse und trage deswegen auch kein Namensschild. Und überhaupt, warum sollte mich eine so schöne Frau ansprechen? Woher sollte sie mich kennen? Nein, es ist unmöglich, dass sie mich gerade angesprochen hat.

„Markus Lohner?“

Jetzt zucke ich zusammen.

Sie weiß meinen kompletten Namen. Also kennt sie mich tatsächlich? Woher soll so eine Schönheit mich, den Oberversager, kennen?“

Ich getraue mich hochzuschauen und gehe sogar einen kleinen Moment später, ganz mutig einen Schritt weiter, indem ich meinen Blick direkt auf die Mädels richte. Ich habe kein Aha-Erlebnis. Keine der beiden kommt mir bekannt vor. Also lasse ich den Kopf wieder sinken.

„Kennst du mich nicht mehr, Markus Lohner?“

Elektrisiert schaue ich wieder – dieses Mal etwas länger - auf die Frau, die gesprochen hat. Sie lächelt mich an und da fällt der Groschen bei mir.

Michelle – Michelle Fahr.

Innerhalb von Sekunden spüre ich dicke Schweißperlen auf meiner Stirn. Mein Kopf glüht und meine Hände zittern. Ich fühle mich einer Ohnmacht nahe.

„Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dich jemals wieder zu sehen. Keiner konnte mir sagen wo du lebst. Ich freue mich so!“

Michelle steht auf und kommt lachend, mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Auch ich versuche mich aufzurichten, was mir nicht sofort gelingen will. Ich benötige zwei Anläufe, bis ich dazu fähig bin auf meinen Beinen zu stehen.

„Schon am frühen Morgen betrunken?“, fragt Michelle lachend.

Ich schaffe nicht mehr, als den Kopf verneinend zu schütteln.

Sie drückt mich herzlich und ich frage mich, ob ich sehr stinke. Es ist mir äußerst unangenehm, dass sie mir so nahekommt. Normalerweise lasse ich keinen so eng an mich heran. Gewöhnlich hat aber auch kein Mensch das Bedürfnis nach einer derartigen Nähe zu mir.

Es gab Zeiten, in denen ich alles dafür gegeben hätte, sie bei mir zu haben und von ihr so liebevoll umarmt zu werden. Aber doch nicht jetzt und hier in diesem Zustand.

„Erzähl, wo lebst du? Was hast du studiert? Bist du solo?“

Nirgendwo, nichts und ja. Das wären meine ehrlichen Antworten.

„Nein, Michelle. Zuerst du. Bitte, erzähle du mir ausführlich von deinem Leben. Wie hast du mich überhaupt wiedererkannt?“

Oh, so einen langen Satz habe ich schon ewig nicht mehr gesagt.

„Warum soll ich dich nicht wiedererkennen? Du siehst fast gleich aus. Naja, natürlich etwas älter – aber die Gesichtszüge sind gleichgeblieben. Du wirkst auch leider immer noch viel zu ernst.“

Michelle lächelt mich an und streichelt meine Wange. Ich kann mich kaum auf meinen Beinen halten, weil diese sich jetzt endgültig in eine Art schwabbelige Masse verwandelt haben. Ich wackele bedenklich. Michelle rettet mich, denn sie drückt mich auf die Bank und setzt sich neben mich.

Sie rettet mich auch dieses Mal verlässlich aus meiner Not, so wie sie es früher schon hunderte Male getan hat.

„Nora, das ist Markus. Ich kenne ihn seit unserer Kindergartenzeit. Wir haben in der Grundschule und dann noch fünf Jahre auf dem Gymnasium nebeneinandergesessen.“

„Dann bist du ausgewandert.“

„Ja, ich bin dann quasi über Nacht nach Amerika gezogen, weil mein Dad dort einen großartigen Job angeboten bekommen hat. Markus habe ich sehr vermisst. Er ist immer so anders gewesen, wie die restlichen Jungs. Mit ihm konnte ich stundenlang reden. So in der Art, war mir ein Gespräch mit keinem anderen Menschen möglich - weder mit meinen Eltern, noch mit einer Freundin und schon gar nicht mit einem der anderen Jungs. Die sind im Vergleich zu ihm, nur unreife Kindsköpfe gewesen.“

Nora sieht mich komisch an – irgendwie zweifelnd. Sie kann es wahrscheinlich nicht so recht glauben, was Michelle ihr gerade erzählt.

Der sieht doch aus wie ein Penner, denkt sie bestimmt. Mit dem kann man doch nicht gut reden.

Das verraten mir ihre Blicke.

Michelle scheint es nicht zu bemerken, dass ihre Freundin seltsam reagiert, denn sie plappert munter weiter.

„Am Anfang hatte ich natürlich Schwierigkeiten mit der Sprache. Englisch ist nie eines meiner favorisierten Fächer gewesen. Aber, wie sagt man immer so schön: Learning by doing. Es hat funktioniert - sogar ziemlich schnell und gut. Nachdem ich eine Klasse wiederholt und im Handumdrehen viele nette Freunde gefunden hatte, fühlte ich mich ganz wohl in meiner neuen Heimat. Aber dich, Markus, habe ich wahnsinnig vermisst.“

Wieder schmiegt Michelle sich an mich. Wieder fühle ich mich unwohl dabei.

„Es lief alles wie am Schnürchen: Schule, Studium, Berufsstart, die große Liebe und dann der große Schock. Meine Mutter erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. Du weißt, wie sehr ich meine Mum geliebt habe. Sie ist ein ganz besonderer Mensch gewesen.“

„Das tut mir leid, Michelle.“

„Ja, Markus. Ich – nein, wir sind durch die Hölle gegangen. Mein Vater hat es nicht aushalten können, weiter in unserem Haus zu leben, weil ihn alles an sie erinnert hat. Vor allem sah er sie ständig vor sich auf dem Boden im Wohnzimmer liegen. Dad hat fürchterlich gelitten, denn sie ist seine ganz große Liebe gewesen. Die beiden haben so fantastisch zusammengepasst. Die Harmonie ist beinahe schon beängstigend gewesen. Obwohl ich selbst mit der Trauer um meine Mutter kaum zurechtkam, habe ich versucht, mich intensiv um ihn zu kümmern.

Dieses Engagement hat meine Beziehung nicht ausgehalten, denn mein Freund hatte leider kein Verständnis. Wobei ich denke, dass nicht nur dieser Grund maßgeblich für das Aus gewesen ist, denn es gab auch andere schwerwiegende Differenzen in unserer Partnerschaft.

Eines Tages eröffnete mir mein Vater, dass er einen Neuanfang wagen möchte – und zwar in Deutschland. Ganz weit weg von dem schrecklichen Ort des Geschehens. Weil ich ihn nicht alleine ziehen lassen wollte, bin ich mit ihm zusammen in meine Heimat zurückgekehrt.“

„Das ist für dich bestimmt ein schwieriger Schritt gewesen.“

„Alles gut, Markus. Es ist nicht ganz einfach gewesen - das muss ich zugeben. Inzwischen läuft es aber ziemlich rund. Du siehst, ich habe sogar schon wieder eine ganz liebe Freundin gefunden.“

Michelle lächelt Nora an. Diese erwidert das Lächeln zwar, aber es wirkt aufgesetzt.

„Wo lebst du denn? Was hast du studiert?

„Medizin und wir leben in Konstanz. Wir sind nur wegen der Teilnahme an einer Fortbildung hier in Köln. Ich freue mich so abartig. Was für ein Zufall, Markus! So etwas gibt es doch nur im Film. Das glaubt mir kein Mensch. Da treffe ich meinen besten Freund in einem Park in Köln – einfach so. Was habe ich nicht alles unternommen, um dich zu finden. Niemand konnte mir sagen, wo du lebst und was aus dir geworden ist.“

Das ist auch gut so. Du würdest nämlich sofort aufstehen und gehen – vor Ekel, vor Missachtung. Ich halte es selber kaum mit mir aus.

„Und du? Jetzt bist du an der Reihe - erzähle. Du hast doch bestimmt schon einen Doktortitel oder gar zwei?“

Michelle lacht und zeigt auf mich, während sie Nora aufklärt.

„Dieser Kerl hier ist hyperintelligent. Ihn habe ich fragen können, was ich wollte. Er wusste immer eine Antwort. Und das, ohne stundenlang über den Büchern zu brüten. Er ist echt ein richtiges Genie.“

Wieder schaut diese Nora Michelle vollkommen erstaunt an.

Sie glaubt ihr nicht – kein einziges Wort.

„Übertreib nicht so“, sage ich leise.

„Doch, doch, doch! Ich übertreibe gar nicht. Wegen Neid musste Markus oft Schläge einstecken. Dabei hat er nie mit seinem Wissen angegeben - ganz im Gegenteil: Er ist meiner Meinung nach immer viel zu bescheiden gewesen.“

Auch diese detailliertere Erklärung kann ihre Freundin ganz offensichtlich nicht überzeugen. Sie schaut immer noch gleich: ungläubig und stark zweifelnd. Aber diese Nora interessiert mich nicht. Ich muss Michelle Lügen auftischen.

Was soll ich ihr erzählen? Die Wahrheit? Nein, das will ich nicht. Ich brauche Zeit.

Ausgerechnet Nora, die Ungläubige rettet mich.

„Hast du schon auf die Uhr geschaut, Michelle. Wenn wir den Flieger nicht verpassen wollen, sollten wir uns jetzt schleunigst auf den Weg machen.“

„Oh Gott! Ja, du hast Recht. Wie die Zeit vergeht. Gib mir deine Handynummer, damit wir in Kontakt bleiben können.“

Eine Sekunde später hält sie ihr Smartphone in der Hand bereit, um meine Nummer einzutippen.

Ich schlucke und mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren.

„So ein Pech! Du weißt ja, dass ich manchmal sehr ungeschickt bin. Heute Morgen ist mir das Handy auf den Boden gefallen. Es ist bei meinem Glück natürlich kaputt gegangen. Deswegen muss ich erst ein neues kaufen.“

Michelle lacht fröhlich.

„Ja, das stimmt, Nora. Ich erinnere mich ganz deutlich. Markus ist sehr ungeschickt. Ständig ist ihm etwas aus den Händen gefallen. Wir haben uns deswegen oft schiefgelacht. Vor allem im Werkraum sorgte er ständig für Unterhaltung und hat unseren Techniklehrer schier in den Wahnsinn getrieben.“

Sie sieht so süß aus - vor allem wenn sie lacht. Es ist noch genauso wie damals. In meinem Bauch fliegen schon wieder Schmetterlinge. Verdammt, das darf nicht sein.

„Also gut, dann schreibe ich dir meine auf. Du meldest dich, sobald du wieder ein neues Smartphone hast. Oder kannst du mir vielleicht eine Festnetznummer geben?“

„Michelle, beeil dich bitte.“

„Ist ja gut. Wir können losgehen.“

„Wir müssen.“

„Leider, Markus“, sagt Michelle und schaut mich fast verliebt an. Inzwischen stehen wir beide und sie nimmt mein Gesicht in ihre Hände.

„Ich bin so glücklich, dass ich dich wiedergefunden habe.“

Dann umarmt sie mich und ich sehe wie eine Träne über ihre Wange rollt.

Nachdem sie sich ein paar Schritte entfernt hat, dreht sie sich um und rennt noch einmal zu mir. Wieder nimmt sie mich in ihre Arme und drückt mir einen Zettel in die Hand. Ihr Körper fühlt sich sehr warm an und ich spüre deutlich, dass sie zittert.

Ich schaue den beiden nach, bis sie aus meinem Blickfeld verschwinden. Dann lasse ich mich wieder auf die Bank fallen und starre auf die Wasseroberfläche.

Das habe ich doch gerade alles nur geträumt. Gleich mache ich meine Augen auf und stelle fest, dass ich mir das Ganze nur eingebildet habe. Anders kann es nicht sein. So einen glücklichen Zufall kann es nicht geben – für mich zumindest nicht.

Ich schließe die Augen für ein paar Minuten und öffne sie dann beherzt wieder, um mir Klarheit zu verschaffen. Der Zettel in der Hand ist der eindeutige Beweis, dass ich nicht fantasiert habe.

Michelle ist da gewesen. Sie hat neben mir auf der Bank gesessen. Sie hat mich umarmt. Sie hat mir ihre Lebensgeschichte erzählt und ja, sie hat mir ihre Handynummer gegeben. Vor allem hat sie aber nicht bemerkt, was für ein Leben ich aktuell führe. Wäre ihr nämlich etwas aufgefallen, dann hätte ich jetzt keinen Zettel in der Hand. Sie hat schon immer ein wahnsinnig großes Herz gehabt, aber selbst diese Größe würde vermutlich nicht ausreichen, um meinen aktuellen Zustand – besser gesagt meinen momentanen Lebensstandard zu tolerieren. Das größte Herz der Welt würde nicht ausreichen, um dafür Verständnis aufzubringen. Oh Gott, sie hat sogar geweint. Sie ist so schön geworden. Verrückt! Es ist alles so verrückt, dass ich es nicht glauben kann.

Liebevoll streichle ich das Stück Papier und rieche daran. Es duftet nach ihrem wunderbaren Parfüm. Mein Problem ist, dass ich die Nummer nicht brauche, weil ich ihr nie anrufen werde. Ich besitze nämlich kein Handy und werde mir auch in absehbarer Zeit keines anschaffen können – besser gesagt nie. Von einem Festnetzanschluss bin ich ebenfalls meilenweit entfernt.

Ich muss der Realität ins Auge schauen. Das heute ist ein fantastisches Erlebnis gewesen. Ich habe eine wunderschöne Viertelstunde erleben dürfen und das ist es dann aber auch schon gewesen. Sie wird enttäuscht sein, weil ich mich nicht melde. Noch deutlich enttäuschter wäre sie aber, wenn sie über meine Situation Bescheid wüsste. Was für ein Glück, dass heute mein „FEINER TAG“ ist.

Ich hatte mir früh am Morgen eine Dusche, eine Rasur sowie einen Haarschnitt gegönnt und stecke in einem neuen, sauberen Outfit. Also für mich ist es neu. Klamotten aus der Kleiderkammer, wie diese es sind, gelten keineswegs als neu – nicht in dem Sinne, wie der Normalbürger in Deutschland ein neues Kleidungsstück bewertet.

Für all den Luxus habe ich wie immer einen ganzen Monat gespart. Jeden Tag lege ich einen kleinen Betrag für meinen „FEINEN TAG“ beiseite. Einen Tag monatlich möchte ich mich wie ein ganz normaler Mensch fühlen. An diesem leiste ich es mir auch häufig – wenn der angesparte Betrag es mir erlaubt - in ein Kaffee zu sitzen, um eine Tasse von meiner geliebten, braunen Brühe zu genießen. Natürlich bestelle ich jedes Mal lediglich einen normalen, kleinen Kaffee. Nur einmal habe ich mir an meinem Geburtstag einen großen Cappuccino und ein Stück von meinem Lieblingskuchen geleistet. Das ist ein Genuss gewesen.

DIE ZEIT HILFT NICHT

Vier Tage später sitze ich wieder bei herrlichem Wetter auf der Bank am See. Wieder stelle ich mir vor, dass Michelle gleich auftauchen würde. So wie ich es auch die letzten Tage getan habe – stundenlang. Selbstverständlich wird sie das nicht tun. Mein Wunsch, sie wiedersehen zu dürfen, verursacht mir inzwischen körperliche Schmerzen. Ich überlege und überlege krampfhaft, was ich tun könnte, um Michelle erneut treffen zu können. Schon die Entfernung erscheint mir unüberwindbar.

Wie soll ich von Köln nach Konstanz gelangen? Ein Ding der Unmöglichkeit.

Ich sei hyperintelligent, hat sie Nora erklärt. Ha, ha. Da muss ich aber laut lachen. Ich bin dumm – strohdumm und ich halte nichts aus. Ich renne immer davon, wenn es Probleme gibt. Das bin ich!!

Doktortitel! So ein Unsinn. Ich bin so weit von einem Doktortitel entfernt, wie man entfernter nicht sein kann.

Aber ein Handy – ein Handy könnte ich mir mit viel Disziplin anschaffen. Dann wäre es mir wenigstens möglich, mit ihr zu telefonieren. Ich müsste mich dafür jedoch noch mehr einschränken, was fast nicht realisierbar ist. Aber ich muss! Verdammt ich muss – wenn ich Michelle nicht wieder aus den Augen verlieren will, dann muss ich einfach!

Und dann? Was ist dann, wenn wir regelmäßigen Kontakt haben werden? Was soll ich ihr erzählen? Ich muss sie anlügen. Jede Frage, die sie mir stellen wird, werde ich mit einer Lüge beantworten müssen. Also lass ich es doch lieber gleich ganz bleiben. Sie ist der einzige Mensch auf dieser Welt, der eine gute Meinung über mich hat. Zumindest das soll so bleiben. Die kleine Enttäuschung darüber, dass ich mich nicht bei ihr melde, ist ein Klacks gegen die große, böse, ernüchternde Wahrheit über mich und mein verkorkstes Leben.

Schon eine halbe Stunde später verwerfe ich meinen „festen Entschluss“ wieder. Angestrengt denke ich darüber nach, wie ich schnell zu Geld kommen könnte.

In der Fußgängerzone Gitarre zu spielen und zu singen wäre eine Möglichkeit.

Bilder tauchen vor meinem geistigen Auge auf – grausame Bilder.

Drei Jugendliche spendieren meiner Bonny eine dicke Wurst. Mit großem Appetit verschlingt meine schöne Hündin (das Tier ist mein ein und alles), das großzügige Geschenk. Ich wundere mich noch sehr, dass die Jungs es so eilig haben, wieder zu verschwinden.

Eine Viertelstunde später kenne ich den Grund. In der Wurst hatten sie Gift versteckt und trotz meiner Eile, es rechtzeitig zum Tierarzt zu schaffen, ist es für Bonny zu spät gewesen. Nach einem kurzen, sehr heftigen Kampf starb die Kleine mit Schaum vor dem Mund in meinen Armen.

Seither habe ich meine Gitarre nicht mehr in die Hand genommen. Ich weiß, wo sie ist und ich bräuchte nur dorthin zu gehen, um sie zu holen. Ein Mensch mit dem gleichen Schicksal wie ich es habe, hatte die Szene beobachtet und meine in der Eile liegengebliebenen Sachen in das Obdachlosenheim gebracht. Ich habe dort alles abgeholt – nur die Gitarre nicht. Aber ich weiß, dass sie dort in einer Ecke steht.

Es dauert noch drei Tage, bis ich endlich in der Lage bin, das Musikinstrument anzufassen. Es fühlt sich sehr komisch an, das Teil wieder in den Händen zu halten.

Meine kleine Bonny, ich vermisse dich so sehr.

Ich kann es nicht verhindern, dass sich ein paar Tränen auf ihren Weg machen.

Ich stehe das durch - ich schaffe das für Michelle. Einmal will ich etwas zu Ende bringen. Ich möchte ein Handy besitzen, weil ich ihre Stimme noch einmal hören möchte.

Kurze Zeit später sitze ich auf dem Boden in der Fußgängerzone und spiele nach kleinen Anfangsschwierigkeiten ganz passabel Gitarre. Nachdem ich mich „warmgespielt“ habe, setze ich mit dem Gesang ein. Die Gedanken an Michelle geben mir Kraft und ich halte tatsächlich bis zum Abend durch.

Der Erlös kann sich sehen lassen. Ich bin sehr überrascht – fast schon stolz.

Wenn es so weitergeht, dann habe ich das Geld für ein mobiles Telefon schnell zusammen. Laden werde ich es ganz heimlich im Obdachlosenheim. Keiner darf das gute Stück sehen, sonst bin ich es ganz schnell wieder los.

Ich spüre, dass es mir gut tut Pläne zu schmieden. Ich habe etwas zu tun – ein Ziel, auf das ich hinarbeiten und mich freuen kann.

Die aufkommenden Emotionen überraschen mich sehr. Etwas zu empfinden, fühlt sich nach der langen Zeit der Abstinenz gar nicht so schlecht an. Eigentlich lautet mein Motto: Gefühle, nein Danke - weder gute noch schlechte will ich zulassen. Auf schlechte Empfindungen verzichtet jeder Mensch ohnehin ganz gerne und mit den guten ist es so eine Sache. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass diese nie lange anhalten und negativen Gefühle, welche auf eine Hochphase folgen, immer besonders schmerzhaft sind. Also lasse ich es doch lieber ganz bleiben - das Fühlen. Ich habe mir die monotone Stimmung meiner Kollegen von der Straße antrainiert. Es gibt keine Hoch- und keine Tiefphasen – es gibt keine Freude, aber auch keine unnötige Aufregung.

Die Erkenntnis, dass ich mich noch freuen und Wärme für einen anderen Menschen empfinden kann, geben mir einen gewissen Schwung mein Motto über Bord zu werfen - zumindest für eine kurze Zeit.

Ich muss lächeln, was sich komisch anfühlt, denn dieser Gesichtsausdruck erfordert die Arbeit von Muskelpartien, von denen ich dachte, dass sie schon lange abgestorben seien.

ES LÄUFT

Glücklich sitze ich mit dem hart erarbeiteten, funktionstüchtigen Gerät in der Hand auf der Glücksbank am See. Mit zitternden Händen hole ich das Tütchen mit dem kleinen Zettel, der meiner Meinung nach noch immer nach Michelle duftet, aus der Hosentasche heraus. Ich habe ihn gut verpackt, damit ich ihn auf keinen Fall verliere oder er sonstigen Unglücksfällen zum Opfer fällt. Vor allem wasserdicht sollte die Verpackung sein, weshalb ich eine kleine Plastiktüte gewählt habe. Dieses kleine Stück Papier ist für mich der größte Schatz.

Ich wähle mit noch zittrigeren Händen die angegebene Nummer und rechne nicht damit, dass Michelle abnimmt.

Bestimmt wird die Mailbox anspringen, denke ich gerade, als ich ein fröhliches: „Hallo“ höre. Zu Tode erschrocken lasse ich mein Handy fast fallen und mache mich auf die Suche nach meiner Stimme. Auf die Schnelle kann ich sie nicht finden. Ich gebe komische Töne von mir (wahrscheinlich höre ich mich wie ein grunzendes Schwein an) und finde mich schon damit ab, dass Michelle das Gespräch gleich beenden wird.

„Hallo, wer ist da?“

„Ich“, presse ich hervor.

„Ich kenne viele ICHs“.

Michelle lacht so mitreißend, dass ich mich davon anstecken lasse.

Als ich erstaunt feststelle, dass ich lache, wundere ich mich so sehr darüber, dass mir die Stimme wieder abhandenkommt.

„Also, so kommen wir nicht weiter. Ich brauche zumindest einen Anfangsbuchstaben. Das müsste doch zu schaffen sein.“

Jetzt reiß dich zusammen, Markus Lohner. Du blamierst dich gerade bis auf die Knochen.

„M – es ist ein M.“

„Markus? Markus Lohner?“

„Richtig. Schlaues Mädchen.“

Mein Blackout ist überwunden und ich bin voll konzentriert. Das Gespräch verläuft wunderbar. Ich stelle ihr eine Menge Fragen und weiche ihren geschickt aus.

Im Verlauf unserer Unterhaltung spüre ich, wie die alt bekannte Leichtigkeit in mir aufkommt, die ich immer in ihrem Beisein verspürt habe – nur in ihrem Beisein. Es hat nie einen anderen Menschen in meinem Leben gegeben, in dessen Anwesenheit ich mich so ungezwungen fühlen konnte. Ich habe nach vielen Jahren das erste Mal wieder das wunderbare Empfinden, angenommen und sogar gemocht zu werden.

Michelle berührt Seiten in mir, die ich für längst Tod gehalten habe. Ich schaffe es hin und wieder einen Spaß zu machen. Oft lache ich auch – für meine Verhältnisse sogar sehr oft.

Am Ende unseres Gespräches habe ich eine Einladung für ihre Geburtstagsparty, die zwei Monate später stattfinden soll und somit auch das nächste Problem.

Nachdem ich aufgelegt habe, fühle ich mich für ein paar Augenblicke wie ein ganz normaler Mensch, der gerade ein gutes Telefongespräch geführt hat. Was für ein wunderschöner Moment. Ich könnte mich daran gewöhnen.

Die Wohlfühlphase dauert jedoch nicht lange an. Ich beginne, darüber nachzudenken, wie ich es bewerkstelligen könnte, der Einladung in zwei Monaten tatsächlich Folge zu leisten.

Wo soll ich so viel Geld hernehmen? Ich muss irgendwie nach Konstanz reisen. Ich brauche anständige Kleider und eine manierliche Frisur. Ich benötige natürlich auch ein vernünftiges Geschenk und übernachten muss ich auch irgendwo.

Nach langem Überlegen verwerfe ich den Plan, irgendwelche Anstrengungen zu unternehmen, um Michelles Einladung annehmen zu können. Es erscheint mir unmöglich, soviel Geld zusammen zu bekommen. Kurz denke ich auch darüber nach, das Handy wieder wegzuschmeißen, um das kurze (zugegeben sehr erfreuliche) Kapitel in meinem Leben wieder abzuschließen.

Es ist besser so, da bin ich mir ganz sicher. Vor allem, weil ich am Ende wieder eine große Enttäuschung erleben würde, so wie es schon immer in meinem ganzen Leben der Fall gewesen ist – vor allem dann, wenn mir etwas besonders wichtig war oder ich mich extrem auf etwas gefreut habe. Es ist für mich noch nie etwas gut ausgegangen. Also kann ich mir eigentlich auch diese Anstrengung sparen.

Drei Tage lang gehe ich meinem ganz normalen Leben nach – exakt so, wie ich es vor der Begegnung geführt habe. Deswegen habe ich auch die Gitarre wieder in dem Obdachlosenheim untergebracht. Ich will an meinem alten Leben anknüpfen, ohne ständig an Michelle denken zu müssen.

Während ich also wie gewohnt plan- und tatenlos auf einer Bank in der Fußgängerzone in die Leere starre, klingelt es plötzlich in meinem Rucksack.

Im ersten Moment kann ich mit dem Geräusch nichts anfangen. Dann komme ich darauf, was den Krach verursachen könnte. Als nächstes wird mir klar, dass es nur Michelle sein kann, die versucht mich zu erreichen.

Sonst gibt es niemanden, der die Nummer kennt. Ich habe keine Bekannten und schon gar keine Freunde, die ein mobiles Telefon besitzen.

Ich reagiere zuerst nicht auf das anhaltende Klingeln.

Markus Lohner, das Thema Michelle ist abgeschlossen. Verdammt, warum hast du das Ding nicht gleich entsorgt?!

Michelle ist jedoch hartnäckig.

Lass mich in Ruhe, Michelle. Ich bring dir nur Unglück und Ärger. Du hast ja keine Ahnung, was aus mir geworden ist. Ich bin kein Doktor - Ich bin peinlich, nichts als peinlich.

Es klingelt immer noch und der Ton hört sich in meinen Ohren von Mal zu Mal lauter und fordernder an.

Du bist nach wie vor hartnäckig – so wie früher eben. Das ist eine deiner kennzeichnenden Charakterzügen gewesen. Manche Dinge ändern sich nie.

Ich muss lächeln und greife ohne weiter zu überlegen in den Rucksack, um das Handy herauszuholen.

„Hallo,“ sage ich unsicher.

„Hallo, Markus. Störe ich dich bei etwas Wichtigem?“

Ja, ich stehe gerade im OP - Ha, ha, ha.

„Nein, tust du nicht. Schön, dass du dich meldest.“

„Ja, ich hatte Sehnsucht. Außerdem habe ich natürlich gehofft, dass es dir gleich geht wie mir und du dich deshalb bei mir melden würdest. Aber so scheint es ja nicht zu sein.“

Michelle spielt die Beleidigte. Auch an diese Masche erinnere ich mich nur zu gut.

„Du kannst ja immer noch wie ein kleines Mädchen schmollen.“

„Ja, das ist eine ganz gute Methode, um genau das zu bekommen, was ich möchte.“

„Du hast dich überhaupt nicht verändert, Michelle. Und weißt du was? Genau das gefällt mir.“

Wir reden eine ganze Weile und ich schwebe im siebten Himmel, denn das Gespräch setzt sich in diesem Stil fort – heiter und unbeschwert. Mir geht es gut – verdammt gut.

Wieder weiche ich geschickt allen unangenehmen Fragen aus und provoziere stattdessen Michelle, mir pausenlos von sich zu erzählen.

„Mein Akku ist fast leer, Markus. Also wundere dich nicht, wenn ich gleich weg bin. Meldest du dich dann demnächst?“

„Ja, das werde ich tun.“

„Mir fällt gerade auf, dass du es heute schon wieder geschafft hast, mir nichts aus deinem Leben zu erzählen. Ist das Absicht? Gibt es da ein dunkles Geheimnis, von dem ich nichts wissen darf?“

Ich beginne zu schwitzen, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Die Antwort bleibt mir Gott sei Dank erspart, weil Michelles Akku im richtigen Moment den Geist aufgibt.

Das war knapp. Ich bewege mich auf dünnem Eis. Ich muss dieses Ding wegschmeißen – sofort. Michelle soll lieber enttäuscht sein, weil ich mich nicht mehr melde, als dass sie die bittere Wahrheit erfährt.

Ich entsorge also das Handy in den nächsten Mülleimer und setze mich auf die Bank daneben. Das ist ein großer Fehler, was sich bereits kurze Zeit später herausstellen wird.

EINE UNSCHÖNE ERINNERUNG

Während ich auf der Bank verweile, schwelge ich in Erinnerungen. Sie sind schön und haben alle etwas mit Michelle zu tun. Sie ist sozusagen die Hauptprotagonistin. Ständig muss ich vor mich hin grinsen, weil die meisten Szenen aus meiner Kindheit, die sich gerade vor meinem geistigen Auge abspielen, lustig sind. Leider jedoch nicht alle.

Ich erinnere mich zum Beispiel an den Tag, an dem Michelle wie ein Gummiball vor mir hin und her gehüpft ist und ich weiß nicht mehr wie oft: „Bitte, bitte, bitte“, gerufen hat.

„Ich will morgen mit dir ins Kino gehen.“

„Ich kann aber nicht. Geh doch mit deinen Freundinnen.“

„Die mögen den Film aber nicht und außerdem haben wir beide schon ewig nichts mehr zusammen unternommen.“

„Michelle, es tut mir leid. Ich habe wirklich keine Zeit.“

„Weißt du, was ich glaube? Du magst mich überhaupt nicht mehr. Was habe ich denn falsch gemacht? Sag es mir bitte. Vielleicht kann ich es wieder gut machen.“

Sie ist so unglaublich süß. Ich will sie nicht enttäuschen, habe ich damals verzweifelt gedacht. Aber wo soll ich das Geld hernehmen?

Ich werde es mir aus Mamas geheimen Schachtel ausleihen – wirklich nur borgen, denn ich möchte sie nicht bestehlen. Ich werde den entnommenen Betrag wieder in die Box zurücklegen, sobald ich ihn zusammengespart habe. Es wird nicht lange dauern.

So habe ich mein schlechtes Gewissen beruhigt.

Michelles Freude über meine Zusage hat mich bereits im Voraus entschädigt.

„Super, super, super, toll! Du bist und bleibst für immer mein allerliebster Freund. Ich freu mich so!“

Glücklich ist sie davongehüpft, hat sich dann aber noch einmal zu mir umgedreht und gerufen: „Ich wusste es doch, dass du mich noch magst.“

Als meine Mama sich dann an dem Abend auf den Weg zur Praxis gemacht hatte, um dort zu putzen, schlich ich mich in das Schlafzimmer meiner Eltern. Meine Brüder waren ebenfalls unterwegs und mein Vater lag wie üblich auf dem Sofa und schaute fern. Selbstverständlich hat meine Mutter ihn mit Essen und genügend Alkohol versorgt – so, wie der Herr es liebte.

An diesem Tag bin ich das erste Mal richtig froh darüber gewesen, dass ich mich auf seine Bequemlichkeit verlassen konnte. Er würde sich in den nächsten Stunden nur bewegen, um auf die Toilette zu gelangen. Dessen konnte ich mir sicher sein. Da er diesen schweren Gang kurz zuvor hinter sich gebracht hatte, konnte ich ganz entspannt sein.

Wenn Mama für ihn auf das WC gehen könnte, müsste sie es sicherlich tun, dachte ich hasserfüllt.

Im Schlafzimmer angekommen, habe ich mich vor den Schrank gekniet und Münzen gezählt. Spontan beschloss ich, Michelle eine noch größere Freude zu machen. Ich würde sie ins Kino einladen. Auch die größte Portion Popcorn und eine XXL-Fanta wollte ich für sie bezahlen.

Ich bin so in meine Arbeit vertieft gewesen, dass ich zu Tode erschrak, als mein Vater sich direkt neben mir geräuspert hat. Er stand auf wackligen Beinen und mit einem spöttischen Blick vor mir. Aus meiner knienden Position heraus, ist er mir wie ein bedrohlicher Riese vorgekommen.

„Was haben wir denn hier? Das ist ja eine echte Schatzkiste. Wem gehört die denn?“

Seine Stimme klang sehr, sehr freundlich, was bei ihm aber nichts Gutes zu bedeuten hatte. Das wusste ich aus vielen bitteren Erfahrungen. Je freundlicher er war, desto heftiger fiel die Prügel aus – Das war das Ergebnis meiner jahrelangen Studie.

„Ich … Es ist… Ich… Mama…“

„Jetzt reicht es mit dem Gestammel, du Intelligenzbolzen! Von wegen gescheit. Du kriegst nicht einmal einen zusammenhängenden Satz aus deinem stinkenden Mund heraus.“

Er trat hart mit dem Fuß nach mir und ich kippte zur Seite. Dann bückte er sich, wobei er fast das Gleichgewicht verloren hat. Irgendwie schaffte er es dann doch, sich auf den Beinen zu halten. Mit seinen großen Händen, vor denen ich mich so sehr fürchtete (denn diese haben mir noch nie in meinem ganzen Leben etwas Gutes angetan), schnappte er sich die Schachtel und machte sich damit auf den Weg zur Türe.

„Ich brauche deine Erklärung nicht, du Klugscheißer. Ich komm auch so drauf, dass deine Mutter – diese elende Schlampe aus gutem Hause - Geld vor mir versteckt. Das hat sie wohl von ihren feinen Eltern gelernt, denen ich nie gut genug gewesen bin. Meine Alten - Gott hab sie selig - sind arm gewesen, aber das Lügen haben sie mir nicht beigebracht.“

Nassgeschwitzt rappelte ich mich wieder auf. Ich spürte eine solche Übelkeit in mir hochkommen, dass ich zur Toilette rennen musste, um mich zu übergeben.

Er wird sie wieder schlagen - Er wird sie halb totschlagen und das nur wegen mir. Das hat er schon oft getan - auch wegen viel, viel kleineren Vergehen. Ich muss sie vorwarnen.

An der Wohnungstüre endete mein Ausflug zur Praxis bereits wieder. Mein Vater hatte mich im Genick gepackt und gegen die Wand geschleudert.

„Anscheinend hast du da oben ja doch so etwas wie ein Erbsenhirn. Du wolltest das Miststück vorwarnen, richtig? Aber du siehst, ich bin schlauer wie du. Da staunst du, was? Deine Mutter tut immer nur so hyperintelligent mit ihrem blöden Abitur. Was hat es ihr gebracht? Nichts! Putzen muss sie. Ha, ha, ha.“

Kurz bearbeitete er mein Gesicht mit Ohrfeigen und schleppte sich dann, nachdem er die Haustüre verriegelt hatte, zu seinem Lieblingsort – dem Sofa im Wohnzimmer.

Sofort überlegte ich, was für eine andere Fluchtmöglichkeit ich wählen sollte. Es gab einige Fenster und die Balkontüre in der Küche, durch die ich problemlos hätte flüchten können. Ich entschied mich jedoch dafür, die Wohnung nicht zu verlassen. Zu groß ist meine Angst gewesen, dass ich meine Mutter verpassen könnte und sie ihm dann ganz alleine ausgeliefert wäre. Außerdem würde ihn mein Abhauen noch wütender machen.

Ich habe mich also auf den Boden vor der Wohnungstüre gesetzt und gewartet. Meine Mutter kam später wie sonst und wirkte noch müder wie üblich um die Uhrzeit. Ihr trauriger Blick versetzte mir einen Stich. Mir war klar, dass sie in den nächsten paar Minuten noch deprimierter und verzweifelter aussehen würde. Ziemlich sicher würde sie sogar weinen.

Sie nahm mich liebevoll in den Arm und ich wollte gerade damit beginnen, ihr von meinem großen Fehler zu erzählen.

„Na meine Süße, bist du wieder zu Hause?“

Der Kopf meiner Mutter schoss in die Höhe. Sie starrte ihn misstrauisch an, ohne ihm zu antworten.

„Redest du nicht mehr mit deinem Ehemann?“

Sie schaute mich fragend an.

„Mama ich habe...“

„Halt die Klappe!“

Meine Mutter streichelte meinen Kopf.

„Hey, ich rede mit dir!“ brüllte mein Vater.

Das war wieder seine bekannte Redensart und sein verhasster Ton. Die Gesichtszüge meiner Mutter entspannten sich komischerweise.

„Hast du ein Geheimnis vor mir? Oder gar mehrere?“

„Geheimnis?“

„Ja, du Drecksstück. Weißt du, was ich vermute? Du verdienst das Geld nicht mit Putzen, sondern mit Beine breitmachen. Du prostituierst dich, richtig?“

„Wie kommst du auf so einen Mist?“

„Mama ich muss dir…“

„Wenn Erwachsene reden, dann hast du deinen Mund zu halten. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Du bist wirklich schwer erziehbar.“

Mein Vater richtete seinen Blick wieder auf meine Mutter.

„Bei mir tust du so prüde – du Mädchen aus gutem Hause. In Wirklichkeit bist du eine Nutte, die alle heimlichen, dreckigen Männerwünsche erfüllt.“

„Was soll das?“

„Ich will das auch alles haben. Jetzt sofort! Zieh dich aus.“

„Sag mal, spinnst du? Wie kannst du vor dem Jungen so mit mir reden?“

„Der muss es sowieso auch lernen. Wie sagst du immer so schön? Die Eltern sind die wichtigsten Vorbilder. Also zeigen wir ihm jetzt, wie das mit dem Vögeln funktioniert. Gib dir aber ja viel Mühe, dass er einen guten Eindruck von der Sache bekommt.“

„Jetzt reicht es aber!“, schrie meine Mutter wütend.

„Mir reicht es, du Schlampe! Du betrügst mich und verkaufst deinen Körper. Wo soll sonst das viele Geld herkommen?“

„Welches Geld?“

„Mama, ich…“

Eine schallende Ohrfeige beendete meinen Satz. Meine Mutter schob sich vor mich und drückte meine Hand hinter ihrem Rücken.

Inzwischen hielt mein Vater ihr die Schachtel vor das Gesicht.

„Kommt dir diese bekannt vor?“

Ich spürte, wie die Hand meiner Mutter zu zittern begann. Innerhalb von Sekunden war sie schweißgebadet.

„Ich habe ein bisschen für schlechtere Zeiten gespart.“

„Du erwartest noch schlechtere Zeiten?“

„Wäre ja möglich. Zum Beispiel eine schlimme Krankheit.“

„Toll, ich bin ja so stolz auf dich. Was für ein Glück ich doch mit dir habe.“

Die Hand meiner Mutter entspannte sich etwas.

„Ich weiß nur immer noch nicht, woher du das Geld hast. Das möchte ich schon wissen.“

„Ich habe es vom Laufenden gespart. Ein Teil stammt auch noch von meinen Eltern.“

„Haben sie dir verziehen, dass du so ein Arschloch geheiratet hast?“

„Nein, das Geld habe ich schon vor längerer Zeit von ihnen bekommen.“

„Ei, das würde den edlen Herrschaften überhaupt nicht passen, dass ihr verhasster Schwiegersohn jetzt stolzer Besitzer ihrer Kohle ist.“

„Das bist du nicht. Es ist auch nur ein ganz kleiner Teil, der von ihnen stammt. Den Rest habe ich von meinem verdienten Geld angespart. Also gehört es auch mir. Gib mir die Schachtel!“

„Einen Scheiß werde ich dir geben. Du hast doch die Beine breit gemacht, du Nutte. Ich weiß es ganz genau. Willst du wirklich wissen was du haben kannst?“

Mein Vater hatte die Schachtel auf den Boden gelegt und stand in einer bedrohlichen Haltung vor meiner Mutter.

„Schläge kannst du haben. Du spielst dich immer als Moralapostel auf, dabei bist du ein elendes Drecksstück.“

An seiner Stimmlage habe ich erkennen können, dass er gleich zuschlagen würde. Und das tat er dann auch unmittelbar. Der erste Schlag fiel schon so heftig aus, dass meine Mutter sofort zu Boden ging. Danach prügelte er ohne Erbarmen auf sie ein. Meine Bemühungen, ihn davon abzuhalten, blieben erfolglos. Er schüttelte mich wie eine lästige Fliege ab. Auch mein Geschreie nützte nichts. Er war in Rage und nicht zu stoppen.

Am Ende lag meine Mutter regungslos auf dem Boden und ich dachte sie sei tot. Stöhnend richtete er sich auf, lief zur Schachtel, bückte sich, um sie aufzuheben und marschierte zu seinem Sofa, wo er es sich gemütlich machte - So als ob nichts passiert wäre. Noch einmal stöhnte er herzzerreißend, so als ob er einen langen und anstrengenden Arbeitstag hinter sich gehabt hätte.

„Es tut mir so leid, Mama“, flüsterte ich und streichelte pausenlos ihr zerschundenes Gesicht. Sie blutete aus der Nase und aus einer Wunde über dem rechten Auge. Die Lippen waren ebenfalls an zwei Stellen aufgeplatzt.

„Es ist meine Schuld. Ich wollte mir nur Geld für das Kino ausleihen. Mama bitte wach auf.“

Plötzlich öffnete sie ihre Augen. Diesen Blick sollte ich nie wieder vergessen.

DIE GROßE ENTSCHEIDUNG

Lange Rede, kurzer Sinn: Die geistige Reise endet damit, dass ich das Handy wieder aus dem Mülleimer heraushole, unmittelbar zum Obdachlosenheim laufe, um mein Gerät zu laden und die Gitarre wieder abzuholen.

Ich werde in zwei Monaten Michelles Partygast sein. Einmal, nur ein einziges Mal möchte ich für ein paar Stunden das Gefühl haben, ein ganz normaler Mensch – Teil einer Gesellschaft zu sein. Ich werde schick aussehen und klug daherreden. Michelle soll sich meinetwegen nicht schämen müssen. Zwei Monate lang werde ich meine gesamte Energie in dieses Projekt stecken. Danach werfe ich dieses Handy – meine Verbindung zu Michelle weg, ohne auch nur eine Sekunde über eine andere Option nachzudenken.

Ich entwerfe einen richtigen Plan, um genügend Geld zu verdienen. Ziemlich schnell habe ich eine günstige Reisevariante herausgefunden – den Flixbus. Soviel Energie habe ich schon sehr lange nicht mehr in mir gespürt. Ich freue mich so sehr auf dieses Ereignis. Vor allem freue ich mich aber auf Michelle.

Wir telefonieren häufig und ich habe damit begonnen, zu lügen. Ich versuche zwar so wenig wie möglich über mich zu reden, aber immer gelingt es mir nicht. Also muss ich schwindeln. Trotzdem bin ich nach jedem Telefonat überglücklich, beschwingt und voller Tatendrang.

Der ersparte Geldbetrag wächst von Tag zu Tag an. Es läuft viel besser, als ich es mir erhofft habe. Meine Überlegungen, an was der Erfolg liegen könnte, führen nur zu einer einzigen Erklärung: Es muss meine positive Ausstrahlung sein, die ich neuerdings beim Musizieren habe. Ich merke selber, dass ich meistens lächele. Meine Muskeln im Gesicht tun mir dabei nicht mehr weh, denn sie werden nun täglich trainiert.

Um mich optimal auf die Party vorzubereiten, greife ich auf eine alte Gewohnheit zurück. Ich wühle im Papiercontainer der Klinik, um Fachzeitschriften herauszufischen. Das gleiche mache ich auch im Hinterhof der medizinischen Universität. In kürzester Zeit habe ich einiges an aktueller Fachliteratur gesammelt, mit der ich mich intensiv beschäftige.

Ich staune wieder einmal, wie leicht es mir fällt, das Gelesene zu verstehen. Ich saug den Inhalt wie ein ausgetrockneter Schwamm in mir auf. Mein Interesse ist wieder geweckt und ich wundere mich über die großen Fortschritte in der Medizin. Ich lese und lese und denke schon bald nicht mehr an den Grund, warum ich das eigentlich tue.

Ja, ich wäre so gerne Arzt geworden. Das ist mein großer Traum gewesen. Schon als Kind habe ich meine Nase am liebsten in Medizinbücher gesteckt. Die gab es in dem Haus meiner Großeltern mütterlicherseits in Hülle und Fülle, denn mein Opa war Arzt und zwar ein sehr leidenschaftlicher.

Er liebte es, wenn ich ihm Fragen gestellt habe. Seine Antworten fielen immer sehr umfangreich aus. Mein Großvater sagte oft, dass ich ein Naturtalent sei - genau wie die Mama. Auch meine Mutter interessierte sich sehr für die Medizin, denn ihr Plan war es ebenfalls gewesen, Ärztin zu werden. Es ist jedoch leider anders gekommen, weil sie meinen Vater mit siebzehn Jahren kennengelernt hat.

Häufig erzählte sie mir, wie stolz sie damals gewesen sei, einen zehn Jahre älteren Freund zu haben. Ihre Freundinnen seien wahnsinnig neidisch gewesen. Das soll sich jedoch radikal geändert haben, als meine Mutter festgestellte, dass sie schwanger war.

Ihre Eltern haben zuerst auf einer Abtreibung bestanden. Als ihnen klar wurde, dass sie diesen Schritt niemals tun würde, sollen sie ihr angeboten haben, sich um das Kind zu kümmern, damit sie ihr Studium aufnehmen konnte. Oma hatte jede Menge Zeit, denn sie ist nie berufstätig gewesen.

Meine Mutter hatte sich für die zweite Option entschieden – den Heiratsantrag meines Vaters. Das Kind sollte ihrer Meinung nach mit beiden Elternteilen aufwachsen – so wie es sich gehört.

Aus dem einen Kind wurden dann zwei, denn meine Mama gebar Zwillinge und zuerst ging alles gut. Mein Vater arbeitete in einer Fabrik und war stolz auf seine kleine Familie. Kurz nach dem ersten Geburtstag meiner Brüder bin ich dann auf die Welt gekommen. Als ich ungefähr dreieinhalb Jahre alt gewesen bin, verlor mein Vater seinen Job, weil er einen Kollegen krankenhausreif geprügelt hat.

Ab diesem Zeitpunkt ging es bergab. Er begann noch mehr zu trinken, als er es ohnehin schon getan hatte. Dann beschloss er von heute auf morgen, dass wir Kinder nicht mehr von der Oma betreut werden dürfen. Diese hatte ihn nämlich stets deutlich spüren lassen, was sie von ihm hält. Auch Mamas Studium, dass sie nach meinem zweiten Geburtstag aufgenommen hatte, tolerierte er auf einmal nicht mehr. Das hing vermutlich mit seinem Minderwertigkeitskomplex zusammen.

Das Geld von seinen Schwiegereltern nahm er aber weiterhin gerne in Anspruch. Als Dankeschön gab es keinen Tag, an dem er nicht über sie schimpfte. Das hört sich zu harmlos an. Es sind regelrechte Hasstiraden gewesen, die er täglich von sich gab. Je betrunkener er war, desto gehässiger fielen diese aus.

Seine Bemühungen wieder Arbeit zu finden, hat er sehr schnell aufgegeben. Er schien sich rasch an das bequeme Leben gewöhnt zu haben. Stattdessen musste meine Mutter jeden Job annehmen, den sie bekommen konnte. Sie schämte sich sehr vor ihren Eltern und wollte so wenig Geld wie möglich von ihnen annehmen. An manchen Tagen absolvierte sie gleich drei Jobs hintereinander.

Zwischendurch kümmerte sie sich um uns Kinder, erledigte den Haushalt und hielt tapfer die Demütigungen ihres Ehemannes aus.

Wie hat sie das alles nur geschafft, frage ich mich nun auch viele Jahre später noch.

Trotzdem bist du immer sehr lieb zu all deinen Kindern gewesen und hast gut für uns gesorgt – so gut, wie es dir unter den damaligen Umständen möglich war. Und das, obwohl die Zwillinge dich schlecht behandelt haben. Mama, ich vermisse dich so sehr!

Es tut mir gut, wieder einen festen Tagesplan und ein Ziel zu haben. Ich staune darüber, wie schnell ich mich daran gewöhnt habe. Außerdem wundere ich mich, dass es mir so plötzlich gelungen ist, mich aus der Lethargie zu befreien.

Die Antwort bekomme ich, wenn ich an Michelle denke oder mit ihr spreche. Mein Herz schlägt dann nämlich ein paar Takte schneller – sogar einige viele. Ich versuche mir nichts vorzumachen und gestehe mir ein, dass ich verliebt bin.

Ich bin es irgendwie schon immer gewesen. Die Art der Gefühle haben sich mit den Jahren verändert, aber bereits im Kindergartenalter, habe ich sie über das normale Maß hinaus gerngehabt. Meine tägliche größte Freude war zur der Zeit, sie sehen zu dürfen. Deswegen hasste ich die Wochenenden aus tiefstem Herzen. Noch mehr habe ich die Ferien verabscheut, weil sie so gut wie immer mit ihren Eltern oder häufig auch nur mit ihrer Mutter auf Reisen gegangen ist.

Wenn das Gefühl für Michelle allzu intensiv wird, dann versuche ich meine Vernunft einzuschalten.

Bestimmt ist sie in festen Händen. Eine Frau wie Michelle geht doch nicht alleine durchs Leben. Außerdem gibt es nicht die geringste Hoffnung, dass sie sich jemals auf eine Beziehung mit mir einlassen würde. Ich bin nichts, ich habe nichts – wirklich absolut nichts. Ich bin ein Penner. Zumindest das soll sie nie erfahren.

Es gibt auch Momente, in denen ich meinen Eifer in fragestelle.

Warum mühe ich mich so ab? Für einen einzigen glücklichen Tag verschwende ich so viel Energie. Was wird danach sein? Ich werde ziemlich sicher in ein tiefes schwarzes Loch fallen. Ich werde mich als ein noch größerer Versager fühlen, nachdem ich all die erfolgreichen Menschen kennengelernt habe.

Diese Gedanken kommen mir ständig wieder in den Sinn - auch wenn ich mich vehement dagegen wehre. Sie schaffen es jedoch nicht, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Ich verfalle nicht wieder in die alte Passivität, was mich selber überrascht.

Schon lange vor dem von mir gesetzten Termin, habe ich die notwendige Summe zusammengespart. Auch deswegen, weil ich noch spartanischer gelebt habe wie sonst.

Glücklich mache ich mich auf die Suche nach einem passenden Geschenk für Michelle. Zuerst denke ich darüber nach, ihr ein Parfüm zu schenken. Weil ich mich auf Grund der großen Auswahl nicht entscheiden kann, verwerfe ich den Plan. Genau gleich geht es mir, als ich mich nach einem Schmuckstück umschaue.

Ich kenne ihren Geschmack überhaupt nicht, stelle ich traurig fest.

Das wird mir schmerzlich bewusst, als mir von den Verkäuferinnen Fragen zu ihrer Person gestellt werden.

Letztendlich wähle ich edle Sektgläser, teure Pralinen und ein sehr elegantes Windlicht aus. Ich kaufe die Geschenke am Abend vor meiner Abreise und lasse sie schön verpacken. Auch die Klamotten, für die ich mich schon vor längerer Zeit entschieden habe, einen schicken Trolley und sogar ein kleines Rasierwasser erwerbe ich an diesem Abend kurz vor Ladenschluss.

Meine Aufregung ist so groß, dass ich kein Auge zu machen kann. Aber auch die Angst bestohlen zu werden, hält mich wach.

Ich werde im Bus schlafen, damit ich frisch und dynamisch aussehe, nehme ich mir fest vor.

Alles verläuft nach Plan, was für mich sehr ungewöhnlich ist. Ich habe mit allen möglichen Schwierigkeiten gerechnet, aber sie bleiben aus. Im Bus fühle ich mich zunächst unwohl und traue mich wie immer nicht, meine Mitreisenden anzuschauen.

Nach der ersten halben Stunde lässt die Anspannung jedoch nach und ich blicke nach links, wo ein sympathisches Paar sitzt und mich sogar anlächelt.

Ich habe das große Glück, dass der Platz neben mir während der gesamten Fahrt frei bleibt.

Wie herrlich sich das anfühlt. Ich befinde mich hier in einem Bus zwischen ganz normalen Leuten und mache eine Reise. Keiner schaut mich komisch, mitleidig oder gar angeekelt an.

Ich lehne mich in meinen Sitz zurück und genieße das ungewohnte Lebensgefühl.

Dann wandelt sich meine Stimmung schlagartig. Eine große Traurigkeit überfällt mich.

Die schaffen es doch auch alle, Geld zu verdienen und ein zu Hause zu haben. Ich bin so ein Versager!

Nein, das lasse ich jetzt nicht zu. Heute und morgen gehöre ich zu diesen Menschen. An diesem Abend werde ich sogar Teil einer feinen Gesellschaft sein. Dafür habe ich mich zwei Monate lang unglaublich angestrengt.

Ich entspanne mich wieder und schlafe sogar ein.

Nach meiner Ankunft in Konstanz mache ich mich sofort auf die Suche nach meiner Unterkunft. Dort angekommen, stelle ich meine Sachen ab und drehe noch eine Runde durch die Stadt.

Danach bleibt mir noch genug Zeit, um es mir auf einer Bank direkt am Bodensee bequem zu machen. Den Gedanken, dass ich mich auch in eines der schönen Kaffees setzen könnte, verwerfe ich sofort wieder.

Ich möchte nicht übertreiben. Heute wird es mir noch außergewöhnlich gutgehen und deswegen spare ich mir das Geld lieber für einen schlechteren Tag auf, der mit Sicherheit nicht lange auf sich warten lassen wird.

Nach einer ausgiebigen Dusche mache ich mich sorgfältig zurecht. Das Binden der Krawatte ist nervig und dauert mangels Übung ziemlich lange, aber ich schaffe es. Bei meinem letzten Blick in den Spiegel bin ich mit dem Ergebnis recht zufrieden.

Wie gut, dass ich trotz meines Lebens auf der Straße immer sehr großen Wert auf Hygiene gelegt habe. Vor allem das regelmäßige Zähne putzen macht sich jetzt bezahlt. Ich bin auch froh, dass ich die Finger vom Alkohol gelassen (bis auf kurze Phasen) und nie geraucht habe. Sonst hätte ein Friseurbesuch, eine Dusche und neue Klamotten für den heutigen Abend sicherlich nicht ausgereicht, um manierlich auszusehen. Es wäre überhaupt nicht zu dieser Einladung gekommen, weil Michelle mich vielleicht nicht erkannt hätte. Bestimmt wäre ihr Blick angewidert an mir vorbeigeglitten - so wie es bei den meisten Menschen der Fall ist, wenn sie einen schmuddeligen Obdachlosen sehen.

„Nein, man sieht mir das Pennerleben definitiv nicht an“, erkläre ich meinem Spiegelbild irgendwie stolz.

DIE PARTY

Ganz bewusst verspäte ich mich bei der Ankunft. Ich will unter keinen Umständen der erste Gast sein. Michelle soll schon alle Hände voll zu tun haben, damit sie mir keine unangenehmen Fragen stellen kann.

Natürlich habe ich mit einem sehr schönen Haus gerechnet, aber die Villa, vor der ich stehe, verschlägt mir den Atem. Sie ist wunderschön – ein richtiges Schmuckstück. Ich frage mich, ob ich wirklich hineingehen soll.

Was habe ich in einem solchen Haus verloren? Ich stehe nur hier, weil ich gelogen habe. Das ist ein Fehler gewesen und es fühlt sich nicht gut an. Ich habe mir diese Einladung erschwindelt.

Während ich unschlüssig vor dem weit geöffneten großen Tor aus Schmideisen stehe, beobachte ich aus der Ferne, wie sich Michelle mit einigen Leuten unterhält. Vor der riesigen, geschwungenen Steintreppe stehen Bistrotische für den Empfang der Gäste bereit. Ich weiß nicht, wie sie mich aus der Entfernung erkennt, aber plötzlich kommt sie freudig winkend auf mich zu gerannt.

Michelle ist ganz außer Atem, als sie bei mir ankommt. Sie umarmt mich und sagt mindestens drei Mal hintereinander: „Ich freu mich so!“

Schließlich lässt sie von mir ab und schaut mich an. Mir wird es mulmig, weil sie mich richtig mustert.

„Toll siehst du aus. Ein bisschen müde, aber du hast ja auch eine lange Fahrt hinter dir. Wo hast du dein Auto abgestellt?“

Ich schlucke, weil ich mich auf diese Frage nicht vorbereitet habe. Alle möglichen Fragen bin ich im Geiste durchgegangen und habe mir vernünftige Antworten dafür überlegt. Aber daran, dass ich wie jeder normale Mensch ein Auto besitzen sollte, habe ich nicht gedacht.

Ich werde gerettet. Neu ankommende Gäste nehmen Michelles Aufmerksamkeit in Anspruch. Ich atme erleichtert auf.

Schon wieder habe ich so ein Glück, denke ich. Ich bin erstaunt, dass Fortuna so häufig an meiner Seite ist. Sie verwöhnt mich richtig. Aber ich gewöhne mich besser nicht daran.

Es wird ein wunderschöner Abend für mich, denn Michelle stellt mich allen stolz als ihren besten, ältesten, leider aus den Augen verlorenen und durch einen großen Zufall wiedergefunden Freund vor. Ich bin so etwas wie der Stargast für sie. So derartig im Mittelpunkt zu stehen, ist für mich ein ungewohntes, aber sehr schönes Gefühl.

Im Laufe der Party habe ich dann sogar richtig oft Glück. Michelle stellt mir natürlich immer wieder Fragen, auf die ich ihr jedoch meistens die Antwort schuldig bleibe, weil irgendein anderer Gast uns unterbricht.

Viele der Anwesenden sind Ärzte und ich unterhalte mich, dann doch ziemlich selbstbewusst mit einigen von ihnen richtig fachmännisch, nachdem ich meine anfängliche Unsicherheit überwunden habe. Sicherlich hat mir auch der Champagner dabei geholfen, etwas lockerer zu werden. Schlau lenke ich das Thema stets auf die in den letzten zwei Monaten gelesenen Berichte und kann mit meinem Wissen beeindrucken.

Ein paar Mal wird es eng für mich, weil zwei der Gäste sich nach Kollegen aus dem Kölner Klinikum erkundigen. Auch mit dieser Möglichkeit habe ich nicht gerechnet. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass Michelle eventuell Gäste haben könnte, die Ärzte aus Köln kennen. Bei den genannten Namen erwecke ich den Eindruck, dass sie mir bekannt vorkommen und lenke rasch auf ein anderes Thema.

Ich genieße den Abend in vollen Zügen und fühle mich so gut, wie noch nie in meinem ganzen Leben zuvor. Kurz stelle ich mir vor, wie herrlich es wäre, immer in diesen Kreisen zu verkehren, so schick gekleidet zu sein sowie interessante und vor allem fachliche Gespräche zu führen. Ich fühle mich angenommen, gemocht und sogar respektiert.

Wahnsinn, ich hätte es mir niemals zugetraut, so einen perfekten Auftritt hinzulegen. Mein größter Wunsch ist es gewesen, nicht negativ aufzufallen. Damit wäre ich vollkommen zufrieden gewesen. Mehr habe ich nicht erwartet. Mit so einem Erfolg hätte ich jedoch in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet.

Michelle ist entsetzt, als ich mich verabschieden will. Die meisten Gäste sind bereits gegangen, als ich mich schweren Herzens auch dazu entschließe. In keinem Fall möchte ich einer der Letzten sein. Zu groß ist meine Angst, dass ich plötzlich alleine mit ihr dastehen könnte.

„Es tut mir echt leid, Michelle. Sei mir bitte nicht böse, aber ich muss jetzt noch nach Köln zurückfahren. Wir sind momentan so knapp besetzt, dass mir nichts anderes übrigbleibt, als morgen zu arbeiten.“

„Du hast mir nichts davon gesagt.“

„Ich wollte dich nicht von Anfang an enttäuschen.“

„Jetzt verstehe ich auch, warum du das Angebot, bei mir zu übernachten, nicht angenommen hast.“

„Ja, und auch deinen Vorschlag, ein paar Tage hier bei dir zu bleiben, musste ich aus demselben Grund ablehnen.“

„Naja, ich weiß ja selber was es bedeutet, Ärztin zu sein. Schade, aber wir holen es nach. Du kommst einmal – nein, so schnell wie möglich mit viel Zeit.“

„So viel, dass du froh sein wirst, wenn ich wieder gehe“, antworte ich lachend.

„Hast du nicht zu viel Alkohol getrunken?“

„Nein, die zwei Gläser Champagner sind bei der Menge, die ich gegessen habe, schon lange wieder abgebaut. So gut habe ich übrigens schon lange nicht mehr gespeist. Kompliment an deinen Koch.“

Das ist wenigstens nicht gelogen – noch nie, wäre allerdings weitaus ehrlicher gewesen.

„Danke für das Kompliment, aber ich schätze, dass du es gewohnt bist sehr gut zu essen. Bestimmt ernährst du dich hauptsächlich von Lachs und Kaviar.“

In meiner Unterkunft denke ich noch lange über diesen und viele andere Sätze nach. Auch mit meiner aktuellen Lebensweise beschäftige ich mich eingehend. Dabei taucht das Gesicht meines Opas vor mir auf. Er hatte mir häufig eine großartige Zukunft als Mediziner vorausgesagt.