Annas Irrwege (Band 2) - Gaby Peer - E-Book

Annas Irrwege (Band 2) E-Book

Gaby Peer

0,0

Beschreibung

Anna Heisig weiß, dass sie sich wegen einer Fehlinformation monatelang umsonst bemüht hat, einen schwerwiegenden Fehler wieder gut zu machen. Sie steht nun wieder ganz am Anfang. Dort, wo sie sich bereits am Tag der Beerdigung ihres Vaters befand. Gerne würde sie wieder zur Ruhe kommen und ihr altes, gut funktionierendes Leben einfach weiterleben. Der Gedanke ist verlockend. Ihr schlechtes Gewissen lässt sie jedoch nicht zur Ruhe kommen. Sie weiß, dass es keinen anderen Ausweg gibt, als ihre Nachforschungen wieder aufzunehmen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 532

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Gaby Peer

ANNASIRRWEGE

Band 2

Roman

Engelsdorfer VerlagLeipzig2019

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2019) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

Anna Heisig ist verzweifelt. Die von ihrem Vater hinterlassene, scheinbar zuverlässige Information erweist sich als falsch. Sie stellt fest, dass sie deswegen viele Monate ihre gesamte Zeit und Energie verschwendet hat. Anna Heisig akzeptiert inzwischen auch, dass nicht ihr Vater die Schuld für ihren vor vielen Jahren begangenen Fehler trägt, sondern nur sie selbst. Der Wunsch die Gewissheit zu haben, dass ihre Entscheidung keine katastrophale Auswirkung zur Folge hat, ist groß. Leider stehen die Chancen nach der langen Zeit sehr schlecht, um darüber etwas in Erfahrung bringen zu können. Wird es Anna trotzdem gelingen?

Gaby Peer (Pseudonym), 52 Jahre alt, lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in einem kleinen beschaulichen Ort Baden-Württembergs. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin in einem Konzern.

Viele Wege stehen zur Wahl,

das ist nicht selten eine Qual.

Nicht immer ist die Entscheidung richtig,

dann ist es jedoch äußerst wichtig,

wenn der Irrweg ist erkannt,

den Mut zu haben an der Hand,

umzukehren und gleich neu zu starten,

als verzweifelt auf ein Wunder warten.

Während Hendrik und Sarah diskutieren, lasse ich die letzten Monate im Geiste Revue passieren. Mein schön geordnetes Leben, begann an dem Tag der Beerdigung meines Vaters Risse zu bekommen. Hätte ich so wie ursprünglich geplant, nicht an seiner Bestattung teilgenommen, würde ich jetzt immer noch zusammen mit Hendrik ein ruhiges Leben in Stuttgart führen. Alles wäre gut und einfach. Jetzt ist nichts mehr gut und einfach. Ich fühle mich schlecht, schuldig und unzufrieden. Monatelang habe ich um das Leben eines Mädchens gebangt, das ich für meine Tochter hielt. Ebenso lange habe ich vergeblich auf echte Muttergefühle gehofft. Die Information, dass Lea nicht meine Tochter war, hat mich zunächst geschockt. Dann wurde mir jedoch klar, dass meine Tochter lebt. Es gäbe also die Möglichkeit sie kennenzulernen. Wäre da nicht das unlösbare Problem, dass ich keine Ahnung habe, wer sie sofort nach der Geburt adoptiert hat. Es scheint keine Möglichkeit zu geben, an diese Information heranzukommen.

Für einen Moment höre ich meinen Freunden wieder zu. „Ja, ich fühle mich sehr geehrt, dass meine Geliebte in ihrem prall gefüllten Kalender einen freien Termin für mich findet. Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.“ Sarah lacht laut und boxt Hendrik an seinen rechten Oberarm. „Blödmann“, ruft sie gut gelaunt.

Das Wort Kalender ist das Stichwort für mich, nach dem ich gesucht habe. Dadurch fällt mir urplötzlich ein, dass in dem Kalender meines Vaters auch der Name der verräterischen Krankenschwester vermerkt ist. Weil Sarah gerade einen längeren Monolog hält, kann ich nicht sofort damit herausplatzen. Im Nachhinein bin ich für die drei Minuten, in denen ich noch nachdenken konnte, sehr dankbar.

Sarah und Hendrik hätten vermutlich von mir verlangt, dass ich den Kalender sofort vom Speicher herunterhole. Die Vorstellung, die beiden die sehr persönlichen Eintragungen meines Vaters lesen zu lassen, gefällt mir überhaupt nicht. Es käme mir wie ein Verrat vor. Das hätte der alte Herr nicht gewollt, dessen bin ich mir hundertprozentig sicher. Dass ich darin lesen soll, ist offensichtlich sein ausdrücklicher Wunsch gewesen. Sonst hätte er seine Aufzeichnungen auf jeden Fall vernichtet, als er dazu noch im Stande war. Also behalte ich die Idee vorerst für mich und warte ganz ungeduldig darauf, dass das verliebte Paar sich endlich auf den Weg macht. Sie haben geplant, einen ausführlichen Bummel durch die riesige Konstanzer Einkaufspassage zu machen.

„Ich hoffe, dass ihr von den Schweizern nicht niedergetrampelt werdet“, scherze ich.

„Ja, da hast du Recht. Am Samstag ist das immer die reinste Invasion“, sagt Sarah mit vollem Mund.

„Oh, glaub mir, unter der Woche ist es auch nicht mehr viel besser.“

„Möchtest du trotzdem unbedingt gehen?“, fragt Hendrik ganz offensichtlich voller Hoffnung.

Der arme Kerl wünscht sich, dass Sarah die Lust vergangen ist. Er scheint sich vor dem Bummel richtig zu fürchten.

Ich kann mir das Lachen nur sehr schwer verkneifen.

„Im Moment gibt es phantastische Angebote“, beeile ich mich zu sagen, um Sarah zu motivieren.

Das wäre wirklich blöd, wenn sie nicht gehen würden. Wieso habe ich wieder einmal nicht nachgedacht, bevor ich geredet habe.

Meine Sorge ist unbegründet, denn Sarah hat ganz konkrete Einkaufspläne geschmiedet und lässt sich durch nichts abhalten. Hendriks hoffnungsvolle Gesichtszüge weichen einem gequälten Blick.

In dem Moment als Hendriks Auto das Grundstück verlassen hat, knalle ich die Haustür zu und haste sofort die Treppen auf den Speicher hinauf. Als ich ganz außer Atem vor dem Schränkchen stehe, reiße ich die Dose mit den Kalendern meines Vaters auf und suche den richtigen heraus. Meine Hände zittern, weshalb ich große Mühe habe die Seiten umzublättern.

Als ich bei dem gesuchten Datum angekommen bin, lese ich den Namen der Krankenschwester laut vor: „Schwester Johanna.“

Ganz dunkel kann ich mich an eine Krankenschwester mit diesem Namen erinnern. Das Gesicht, das mir dabei im Geiste erscheint, ist ein nicht sehr altes.

Wie verlässlich meine Erinnerungen sind, kann ich nicht sagen. Vielleicht arbeitet diese Schwester ja sogar noch in der Konstanzer Klinik. Es wäre ein Versuch wert das herauszufinden, beschließe ich und beginne sofort damit, mich zurechtzumachen.

Währenddessen fällt mir ein, dass ich Hendrik hoch und heilig versprochen habe, keine Alleingänge mehr zu machen.

Leider bin ich gerade dabei genau das wieder zu tun.

Ich schäme mich ein bisschen. Aber eben nur ein bisschen und nicht genug, um Hendriks Meinung abzuwarten.

Im Krankenhaus habe ich unglaublich großes Glück, denn ich treffe sofort auf eine sehr geschwätzige Schwesternschülerin. Sie ist noch sehr jung und naiv, also genau richtig für meine Zwecke.

Ich erzähle ihr, dass ich vor vielen Jahren meine Tochter in diesem Klinikum geboren habe.

„Ich habe gerade eine Freundin besucht. Auf dem Weg zum Ausgang bin ich auf die Idee gekommen, alte Erinnerungen aufzufrischen. Hier hat sich ja einiges verändert. Ganz schön hell und modern ist es inzwischen. Meinen Sie, ich könnte auch einen Blick in ein Zimmer werfen?“

Nachdem ich den wirklich sehr schönen Raum ausgiebig gelobt habe, der nicht mehr mit dem vor sechzehn Jahren vergleichbar ist, schmiere ich dem jungen Mädel noch etwas Honig um den Mund: „Obwohl Sie noch sehr jung sind, machen Sie einen höchst professionellen Eindruck. Bestimmt sind Sie mit Ihrer Ausbildung bald fertig.“

„Ja, ich bin im dritten Ausbildungsjahr. Nach meinem Abschluss würde ich sehr gerne auf dieser Station arbeiten.“

„Das glaube ich Ihnen gerne. Die Krankenschwester, die mich damals betreut hat, die war auch ganz begeistert von der Arbeit hier. Sie kennen sie bestimmt nicht mehr, denn sie genießt bestimmt schon ihre wohlverdiente Rente. Schwester … warten sie. Geben sie mir bitte einen Moment, dann fällt mir ihr Name bestimmt wieder ein. Sie hieß … Ja, jetzt weiß ich es wieder: Schwester Johanna.“

„Das glaube ich jetzt aber nicht. Schwester Johanna ist letzte Woche mit einem großen Fest in den Ruhestand verabschiedet worden. Sie ist viele Jahre Oberschwester dieser Station gewesen und sie war sehr beliebt. Na ja, ich fand sie ziemlich streng, aber sie war gerecht. Für sie gab es nur die Klinik. Sie hat sogar ganz in der Nähe gewohnt, nur um im Notfall sofort hier sein zu können. Verrückt, ganz verrückt, wenn sie mich fragen. Man braucht ja auch noch so etwas wie ein Privatleben. Das hatte sie glaube ich nicht.“

„Johanna La … Le“, ich tue so, als ob ich ganz angestrengt nachdenke.

„Ja, sie war damals schon so übermäßig engagiert. Jetzt fällt mir ihr Nachname einfach nicht mehr ein. Ich glaube es war etwas mit L oder war es doch ein M?“

Sofort hilft mir das junge, unbedarfte Ding auf die Sprünge: „Bold. Johanna Bold heißt sie.“

„Ja, verflixt! Jetzt wo Sie es sagen. Natürlich! Johanna Bold“, rufe ich übertrieben laut und schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn.

In dem Moment ruft eine ältere Krankenschwester den Namen meiner Auskunftsgeberin und ich verabschiede mich hastig von ihr.

„Unser Gespräch hat mir richtig gutgetan. Vielen lieben Dank. Ihnen alles Gute für die Zukunft und vor allem viel Glück für Ihre Prüfungen. Sie werden bestimmt eine ebenso tolle Krankenschwester werden, wie es Johanna Bold gewesen ist.“

Das junge Küken strahlt mich an. Ich kann den Stolz in ihren Augen sehen. Überglücklich marschiere ich nach Hause und warte voller Ungeduld auf meine Freunde. Währenddessen räume ich auf und suche im Netz nach Informationen über Johanna Bold. Leider kann ich nichts über diese Frau finden.

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich endlich das ersehnte Geräusch des sich öffnenden Tores höre. Ich eile zur Haustür, reiße sie auf und renne den beiden entgegen. Hendrik hat große Mühe, die vielen Tüten in seinen Händen unterzubringen.

„Wir haben den armen Schweizern alles weggekauft“, erklärte er ziemlich missmutig.

Das ist er wirklich nur sehr selten. Sarah muss sein Nervenkostüm sehr überstrapaziert haben und macht auch noch nahtlos weiter damit. Sie stolziert mit ihrer Handtasche und einer sehr kleinen Tüte auf die Villa zu und schert sich nicht darum, wie die restlichen Tüten ins Haus kommen würden. Sie murmelt etwas von völliger Erschöpfung, einem Riesenhunger und total kaputten Füßen, während sie mit einer besorgniserregenden Leidensmiene an mir vorbeiläuft.

Ich helfe Hendrik bei seiner schier unlösbaren Aufgabe und nehme ihm ein paar Tüten ab.

„Konntest du mich vor dieser Frau nicht warnen?“, fragt er stöhnend. „Ich werde mindestens ein Jahr lang keinen Laden mehr betreten können. Ich habe heute ein schlimmes Trauma erlitten und du trägst die Verantwortung dafür.“

Ich lache amüsiert.

„Das ist nicht lustig, liebste Anna. Das war ein Martyrium. Das waren Höllenqualen, die ich meinem ärgsten Feind nicht wünsche.“

Ich muss noch lauter lachen.

„Ich denke wir sind beste Freunde. Um beste Freunde macht man sich Sorgen, wenn sie in Not sind, und lacht sie auf gar keinen Fall aus.“

„Übertreibt mein liebster Freund nicht ein bisschen?“

„Überhaupt nicht. Es besteht eher die Möglichkeit, dass ich untertreibe. Du kennst mich lange und gut genug, dass du das wissen müsstest. Ich habe keinen Hang zum Dramatisieren. Es war wirklich die reinste Hölle.“

„Oh, mein armer, armer Hendrik. Würde es dir helfen, wenn ich dich gleich mit einer Tasse Cappuccino und einem wunderbaren, noch warmen Apfelstrudel verwöhne?“

„Ja, ich glaube das könnte meinen Schmerz lindern“, erklärt Hendrik tief ausatmend.

„Du kannst dir nicht vorstellen, was in dem Lago los war“, sagt Sarah stöhnend.

Sie sieht wirklich völlig erschöpft aus, denke ich belustigt.

„Du hast mein vollstes Mitgefühl.“

„Ja, ich danke dir dafür. Die Schweiz muss heute vollkommen leergefegt sein. Dort kann kein Mensch sein, weil ja alle hier in Konstanz sind. So groß ist dieses Land doch gar nicht.“

Hendrik verzieht keine Miene, aber ich muss lachen.

„Wir sollten uns wirklich nicht über unsere Nachbarn beschweren. Unsere Wirtschaft profitiert sehr von ihrer Kaufwut. Die Grenznähe ist momentan ein Segen für unsere Geschäfte, die Gastronomie und sogar die Ärzte können sich über großen Zulauf freuen. Weiter geht es mit den Ausflugszielen, Freizeitanlagen, Fitnessstudios und auch die Handwerksbetriebe florieren so wie schon lange nicht mehr. Für die Schweizer ist hier alles unheimlich billig und dann musst du bedenken, dass sie auch noch die Mehrwertsteuer zurückerstattet bekommen. Sogar über die Höhe unserer Strafzettel amüsieren sie sich.“

„Ja, das stimmt schon, aber ihr Konsumrausch treibt auch die Preise in dieser Region in schwindelerregende Höhen. Denkt doch nur an die mittlerweile unbezahlbaren Immobilienpreise. Auch die sind ein Produkt der Gesamtsituation. Alles hat eben zwei Seiten“, gibt Hendrik zu bedenken. „Außerdem würden wir es auch nicht anders machen. Es gab Zeiten, in denen es für uns günstig war, in der Schweiz einzukaufen. Das haben wir auch oft und gerne gemacht. Wir haben die Situation damals ebenso schamlos ausgenutzt.“

„Habt ihr euch jetzt soweit erholt, dass ihr wieder aufnahmefähig seid?“, frage ich, weil ich die Neuigkeiten nicht mehr länger für mich behalten kann und will.

Beide richten ihre Augen gespannt auf mich und ich habe ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit.

„War das die Einleitung für eine wichtige Mitteilung?“

„Wie kommst du darauf, Sarah?“

„Oh, ich kenne dich ziemlich gut. Deine Tonlage und deine Wortwahl eben, hörte sich sehr nach Achtung! Achtung! Ich habe etwas sehr Wichtiges zu sagen, an.“

„Richtig erkannt, liebste, superschlaue Freundin. Auch wenn ich mich unglaublich schäbig fühle, weil ich dieses Thema so schnell nach Leas Tod wieder aufgreife, habe ich mich dennoch dazu entschieden es zu tun.“

„Lass mich raten. Es geht um die Suche nach deiner Tochter?“, fragt Hendrik.

Ich nicke.

„Was interessiert mich mein Geschwafel von gestern?“, giftet Sarah spöttisch.

„Sarah, lass das sein“, sagt Hendrik streng, nachdem er mich angeschaut hat.

„Du möchtest nach ihr suchen? Mit mir kannst du rechnen, Anna. Ich werde dir helfen, wo ich nur kann.“

„Mit mir natürlich auch“, erklärt Sarah. „Das vorhin war ja auch nur ein Spaß. Mensch Anna, du solltest mich und meinen seltsamen Humor doch kennen.“

„Ja, selbstverständlich kenne ich dich. Aber immer kann ich deine komischen Witze nicht ertragen. Es geht um die Suche nach meiner Tochter und das ist eine sehr ernste Sache für mich. Egal, schließlich hast du mich mit deinen einleuchtenden Argumenten davon überzeugt, dass ich nach ihr suchen sollte. Du hast vollkommen Recht, mit dem was du gestern Abend gesagt hast. Wenn ich mir vorstelle, dass mein Kind unter Umständen unglücklich ist und vielleicht sehnsüchtig auf eine Erlösung hofft, dann kann ich nicht anders. Ich muss sie finden und die Gewissheit haben, dass es meinem Mädchen gut geht. Erst dann kann ich wieder zur Ruhe kommen und mein Leben ganz beruhigt weiterleben.“

„Und du bist dir sicher, dass du sofort damit beginnen möchtest? Benötigst du nicht zuerst ein bisschen Abstand von dem gerade Erlebten?“ Hendrik schaut mich besorgt an.

„Das war zunächst mein Plan. Aber wenn ich mich gleich auf die Suche mache, habe ich eine Beschäftigung und werde von meinem Kummer abgelenkt. Das ist sehr wichtig, weil ich ansonsten wahnsinnig werden würde. Leas Familie und die Langes wollen nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich würde mich also sehr einsam fühlen und hätte viel zu viel Zeit zum Nachdenken. Und über was würde ich vermutlich pausenlos nachdenken? Das ist nun wirklich nicht sehr schwer zu erraten. Also ist es doch vernünftiger tätig zu werden, als nur darüber nachzudenken. Es wird ja auch eine Weile dauern, bis ich mein Kind finden werde. Wenn es mir überhaupt jemals gelingen wird. Das ist ja sehr fraglich.“

„Wie beginnt man so eine Suche? Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung, wo ich damit anfangen würde“, bemerkt meine Freundin nachdenklich.

„Sarah, was würdest du dazu sagen, wenn ich bereits damit begonnen hätte?“

„Wie begonnen? Wir haben erst gestern Abend darüber gesprochen und da wolltest du noch partout nichts von einer Suche wissen. Wann willst du etwas unternommen haben? Heute Morgen etwa?“

„Ja, genau richtig. Möchtest du alles hören? In der richtigen Reihenfolge?“

„Sehr gerne. Hendrik, erinnerst du dich an das Versprechen, dass es keine Alleingänge und keine Geheimniskrämerei mehr geben sollte?“

„Ja, da war etwas. Ich erinnere mich ganz genau. Aber lass Anna erzählen.“

„Also hört gut zu. Begonnen hat es mit einer schlaflosen Nacht. Stundenlanges herumwälzen im Bett. Irgendwann gegen Morgen habe ich einen Gedankenblitz. Neben dem Namen der Adoptionsfamilie hat mein Vater auch zwei weitere Wörter notiert, nämlich Schwester und den Vornamen einer Frau. Ich dachte mir, dass es sich dabei nur um den Namen der Krankenschwester handeln kann, von der sich mein Vater den Namen der Familie erkauft hat.“

Ich habe die Reihenfolge meiner Aufzählung ganz bewusst vertauscht, um die beiden nicht noch mehr zu enttäuschen. Würde ich zugegeben, dass mir der Gedanke schon gestern Abend in ihrem Beisein in den Sinn gekommen ist, müsste ich wieder eine Moralpredigt über mich ergehen lassen.

„Heute Morgen dann gemeinsames Frühstück und ungeduldiges Warten, dass ihr euch endlich auf den Weg macht. Auf den Speicher hetzen, richtigen Kalender suchen, richtigen Tag suchen und letztendlich den Namen lesen. Anschließend der Gang ins Krankenhaus, ohne Idee, wie ich die Sache angehen sollte.“

„Und? Arbeitet sie noch dort?“

„Nein, leider nicht“, sage ich mit traurigem Augenaufschlag.

„Das hätte ja auch an ein wahres Wunder gegrenzt. Hast du im Ernst daran geglaubt, dass diese Schwester dir die Tür öffnet und dir den Namen der Adoptiveltern verrät. Am besten noch bevor du sie danach fragst“, sagt Sarah sarkastisch.

„Lass Anna doch weiterreden“, schimpft Hendrik wieder. „Ich glaube nämlich, dass sie mit ihren Erzählungen noch nicht ganz fertig gewesen ist. So wie sie schaut kommt die Pointe noch.“

„Richtig, Hendrik. Du absolutes Genie. Und nein, Sarah, das habe ich nicht. Wie gesagt, ich hatte keinen Plan, aber das Glück war auf meiner Seite. Stellt euch vor, ich bin sofort auf eine ziemlich naive Lernschwester gestoßen, die mir ganz freiwillig den Nachnamen von Schwester Johanna verraten hat. Sie heißt Bold. Johanna Bold und ist seit zwei Wochen Rentnerin.“

„Du hast die Arme bestimmt ganz fies ausgetrickst.“

„Ja, ich habe sie ein bisschen ausgetrickst, meine liebe Sarah. Anders ging es ja leider nicht. Aber ich habe sie auf gar keinen Fall fies ausgetrickst. Ihre Geschwätzigkeit wird keine bösen Folgen für sie haben. Also muss ich auch kein schlechtes Gewissen haben und das lasse ich mir von dir auch nicht einreden.“

„Du bekommst eben stets was du willst. Ist das nicht schon immer so gewesen?“

„Muss das jetzt sein, Sarah?“, fragt Hendrik ziemlich aggressiv.

„Lass sie doch, Hendrik. So redet sie schon seit jeher mit mir. Ich kenne sie nur als Elefant im Porzellanladen. Ein anderes Verhalten würde mich stutzig machen und sie darf das.“

Hendrik schüttelt den Kopf.

„Wie sollen wir Männer euch jemals verstehen?“

„Gib dir keine Mühe. Das hat bisher kein Mann geschafft und du wirst gewiss nicht der erste sein, mein lieber Schatz.“

„So eine Frechheit. Das ist doch nicht zu fassen. Was ich mir alles gefallen lassen muss. Zuerst mutest du mir stundenlanges Koma-Einkaufen zu und dann überschüttest du mich mit Beleidigungen. Wie gut, dass ich ein gesundes Selbstbewusstsein habe, sonst müsste ich schon längst einen Kollegen bemühen.“

„Könntet ihr euch bitte später weiter streiten? Ihr habt mir eure Hilfe zugesichert und die würde ich jetzt gerne in Anspruch nehmen. Ich habe im Netz schon nach dieser Johanna Bold gesucht und habe leider nicht den kleinsten Hinweis gefunden. Sie hat dort keine Spuren hinterlassen. Aber ich weiß von der Kleinen, dass sie ganz in der Nähe des Krankenhauses wohnt.“

Voller Elan und plötzlich ohne eine Spur von Müdigkeit, springt Hendrik von seinem Stuhl auf und ruft laut im Oberbefehlshaberton: „Also meine Damen, dann machen wir drei jetzt einen Spaziergang mit dem Ziel, möglichst viele Namensschilder zu lesen.“

Ganz so motiviert scheint Sarah nicht zu sein, aber auch sie steht auf.

„Sarah, du bist doch viel zu müde. Du musst nicht mitgehen. Wir können das auch zu zweit machen.“

„Nur kein Mitleid, Anna. Natürlich geht deine allerbeste Freundin von ganzem Herzen gerne mit, um dir bei dieser wichtigen Suche behilflich zu sein.“

Hendriks Ton erlaubt meiner Meinung nach keinen Wiederspruch. Sarah kontert tatsächlich nicht, was mich sehr wundert, aber sie versucht ihn mit ihren Blicken zu töten.

„Ich wäre selbstverständlich auch ohne diese rührende Ansprache mitgegangen. Dein Wohl liegt mir nämlich sehr am Herzen, liebste Freundin“, sagt Sarah mit einem zuckersüßen Lächeln. Dann blickt sie Hendrik mit einem sehr aussagekräftigen Blick an: ‚Wir werden uns noch ausführlich über dieses Thema unterhalten‘, versprechen ihm ihre Augen.

Oh je, das Gespräch wird sicher nicht lustig, wie ich Sarah kenne.

Hendrik druckt einen Straßenplan rund um das Krankenhaus aus. Dann teilen wir die Straßen in drei ziemlich gleich große Gebiete auf und marschieren voller Schwung los. Zumindest Hendrik und ich. Sarah macht einen weniger enthusiastischen Eindruck, aber wir schenken ihrem gequälten Ausdruck wohlweislich keine Beachtung.

Auf der Karte wirkt das Gebiet klein und überschaubar, aber nach zwei Stunden erfolglosem Laufen, sinkt die Hochstimmung leider in den Keller. Wir kontaktieren uns über unsere Handys und beschließen, es für heute gut sein zu lassen. Ich würde gerne noch weiterlaufen, aber ich will meine Freunde nicht überstrapazieren.

Als ich bei dem vereinbarten Treffpunkt ankomme, stellt Sarah sofort klar, dass sie nur noch zum Fernsehen fähig ist.

„Es darf allerdings keine anspruchsvolle Sendung sein. Eine Käseplatte reicht mir als Abendessen vor der Glotze auch völlig aus. Ist der Plan auch in eurem Sinne?“

Nein, Sarah, das ist es nicht. Aber ich werde morgen früh aufstehen und mich aus dem Haus schleichen, um weiter nach dem richtigen Namensschild zu suchen. Allerspätestens um sieben Uhr werde ich mich auf den Weg machen. Vor elf Uhr kann ich mit deiner Hilfe sowieso nicht rechnen, meine liebe Freundin. Also nutze ich die Zeit sinnvoll, bis du einsatzfähig sein wirst.

******

Gerade als ich dabei bin, die Haustür sachte hinter mir zuzuziehen, höre ich ein leises: „Hallo, wartet doch auf mich.“

Ich öffne die Tür wieder ein Stückchen, um hineinschauen zu können. Hendrik steht fertig angezogen am Treppenabsatz und grinst mich an. Lumpi springt hocherfreut an ihm hoch.

„Haben wir eventuell den gleichen Plan?“, fragt er flüsternd.

„Wenn du vorhast, Häuser rund um das Krankenhaus ausspionieren, dann ja“, sage ich augenzwinkernd.

„Die Wortwahl gefällt mir zwar nicht sonderlich, denn sie hört sich unanständig an, aber inhaltlich stimmt es schon. Also lass uns gehen.“

Wir teilen uns die Straßen neu ein und legen sofort mit unserer Suche los. Es dauert nicht sehr lange, bis mein Handy klingelt.

„Ich habe sie gefunden. Frau Bold lebt in einem Mehrfamilienhaus.“

Hendrik hört sich sehr aufgeregt an, während er mir die richtige Anschrift nennt.

„Ich warte hier auf dich.“

Eiligen Schrittes laufe ich mit Hilfe meines Handys zu der genannten Adresse. Hendrik wartet dort auf dem Gehweg und kommt mir ein Stück entgegen, als er mich erblickt.

„Ich kann es nicht fassen. Vielen, vielen Dank, Hendrik. Du bist so ein Schatz.“

„Sehr gerne, Anna. Aber das war garantiert der einfachere Teil. Wer weiß, wie die Frau auf deine Vorwürfe reagieren wird?“

„Würdest du mich bitte begleiten? Ich weiß, dass ich sehr viel von dir verlange, aber es wäre für mich sehr wichtig, dich dabei zu haben.“

„Ich würde vorschlagen, dass wir jetzt erst einmal nach Hause gehen, Sarah von unserem Erfolg berichten und dann gemeinsam einen richtig guten Schlachtplan ausarbeiten.“

„So machen wir das“, stimme ich ganz aufgeregt zu.

Gerade in dem Moment, als wir aus dem Vorgarten auf den Gehweg hinaustreten wollen, stoßen wir mit einer Frau zusammen. Deren Hund legt sich sofort mit Lumpi an, was der Frau sehr unangenehm ist.

„Entschuldigung, ich habe diesen Hund einfach nicht im Griff und ich weiß auch nicht wie ich das jemals schaffen soll. Ich bin seit zwei Wochen Rentnerin und habe diesen Hund aus dem Tierheim geholt. Jahrelang habe ich mich auf den Tag gefreut, an dem ich mir einen Hund anschaffen würde. Eigentlich klappt es auch ganz gut mit uns beiden. Wir haben nur das eine Problem, nämlich, dass Nero jeden Hund böse anbellt. Ich hatte in den zwei Wochen schon so viel Ärger deswegen.“

Während die Frau redet, versuche ich verzweifelt Augenkontakt mit Hendrik aufzunehmen. Er bemerkt es zuerst nicht. Als er mir endlich Beachtung schenkt, gebe ich ihm zu verstehen, dass es sich bei der Dame um Frau Bold handelt. Er schaut mich erstaunt an und vergewissert sich noch einmal durch unauffällige Gesten, dass er meine Andeutung richtig verstanden hat.

„Das wird schon noch“, versucht er die Frau zu trösten.

„Ich hoffe es sehr.“

Mir bleibt fast das Herz stehen, als ich Hendriks Worte höre: „Frau Bold, wir würden Sie gerne sprechen. Haben Sie bitte eine Minute für uns?“

Frau Bold schaut ihn dermaßen erschrocken an, dass ich einen sofortigen Herzinfarkt befürchte. Nachdem sie sich etwas gesammelt hat, fragt sie ängstlich: „Sie kennen mich?“

„Nein, wir kennen Sie nicht. Zumindest ich kenne Sie nicht. Aber diese junge Dame kennt Sie, wobei kennen etwas übertrieben ist.“

„Woher kennen Sie mich denn?“, fragt Frau Bold nun wieder etwas selbstbewusster.

„Sie haben mich vor ungefähr siebzehn Jahren nach der Geburt meiner Tochter in der Konstanzer Frauenklinik betreut.“

„Ich habe sehr viele Frauen betreut. Ich erinnere mich nicht mehr an Sie. Es tut mir leid.“

„Ich denke, Sie werden sich gleich wieder an mich erinnern, denn ich war für Sie eine sehr lukrative Patientin.“

Frau Bold zuckt zusammen und ich sehe ihr an, dass sie plötzlich unglaublich nervös ist. Ihr Gesicht wird in Sekundenschnelle purpurrot. Mit ihren Händen bearbeitet sie ziemlich unsanft die Hundeleine. Trotzdem bemüht sie sich ruhig zu wirken und fragt scheinheilig: „Was meinen sie mit lukrativ?“

Dabei sieht sie sich hektisch um. Wahrscheinlich um festzustellen, ob es noch weitere Zuhörer gibt.

„Wir könnten ja noch ein Stück zusammen gehen. Ich nehme an, dass Ihnen das lieber ist, als uns mit in Ihre Wohnung zu nehmen.“

Hendrik ist so souverän. Ich bin dankbar, dass er hier ist, denke ich glücklich. Ich selbst bin so aufgeregt, dass ich bei diesem wichtigen Gespräch vermutlich alles falsch machen würde.

„Ja, das können wir so machen“, höre ich Frau Bold gerade sagen.

„Sie haben von Frau Heisigs Vater, für die Nennung des Namens der Adoptiveltern seines Enkelkindes, sehr viel Geld erhalten. Frau Heisig wollte ihre Tochter gerne kennenlernen. Mit den Informationen, die ihr Vater vor vielen Jahren aufgeschrieben hat, ist es kein Problem gewesen, die Familie zu finden. Wie sich bereits nach kurzer Zeit herausgestellt hat, war das Mädchen jedoch nicht ihre Tochter. Das Mädchen wurde zwar adoptiert, aber sie stammte aus der Ukraine und wurde ganz sicher nicht in dem Konstanzer Krankenhaus geboren.

Sie haben Herrn Heisig betrogen. Dass das, was Sie getan haben, eine Straftat ist, brauche ich Ihnen sicher nicht zu erklären. Nun stellt sich uns die Frage, wie wir weiter verfahren sollen. Schließlich war es ein Geschäft, was bedeutet: Lieferung gegen Zahlung. Zugegeben es ist ganz sicher kein legaler Vertrag gewesen. Aber Fakt ist: Sie haben sich nicht an die Regeln gehalten, denn Sie haben das Geld einkassiert und ihren Teil der Vereinbarung nicht eingehalten. Das können wir so nicht hinnehmen. Das verstehen Sie hoffentlich.“

„Ich verstehe das ehrlich gesagt nicht, denn der Name wurde mir von einer sehr zuverlässigen Freundin genannt. Diese war derzeit in dem zuständigen Amt beschäftigt und ich weiß, dass sie mir niemals eine falsche Information geliefert hätte. Sie ist damals für die Zuteilung der Kinder zuständig gewesen. Es ist unmöglich, dass die Angaben falsch waren.“

„Frau Bold, wenn wir das sagen, dann ist es so. Was für einen Grund sollten wir haben, Sie anzulügen. Meinen Sie, dass wir diesen Aufwand, Sie zu finden, aus purem Spaß betreiben? Es ist so, wie ich es Ihnen erklärt habe. Lea war nicht Annas Tochter. Frau Heisig hat einen Anspruch auf den korrekten Namen der Adoptiveltern, Frau Bold. Sie haben für diese Information ordentlich abkassiert.“

Hendrik baut sich in voller Größe vor Frau Bold auf und wirkt in diesem Moment sehr entschlossen, ja, sogar fast bedrohlich. Ich staune ehrlich.

Mein sanfter und sehr emphatischer Freund Hendrik ist in diesem Moment nicht wiederzuerkennen.

Sein resolutes Auftreten zeigt große Wirkung. Frau Bold hat nämlich inzwischen einen hochroten Kopf, Schweiß steht auf ihrer Stirn und ihre Hände zitterten noch heftiger. Ich empfinde fast Mitleid mit ihr.

„Ich kann Ihnen nur versichern, dass ich den Namen der Familie mit bestem Gewissen an Ihren Vater weitergegeben habe. Es tut mir sehr leid, dass meine Daten nicht korrekt gewesen sind. Ich werde noch heute versuchen, meine Freundin zu erreichen. Sie wird dann sicherlich sofort Nachforschungen anstellen, um herauszufinden, was damals schiefgelaufen ist. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, denn sie ist auch eine sehr ehrliche und gewissenhafte Person.“

Hendrik und ich nicken zufrieden.

„Dürfte ich Ihnen trotzdem ganz kurz schildern, warum ich das Geld damals angenommen habe? Es wäre mir ein großes Bedürfnis, auch wenn ich weiß, dass es keine Entschuldigung für mein Verhalten gibt. Selbstverständlich habe ich mich auch vor dem Gesetz strafbar gemacht, aber ich habe wirklich in äußerster Not gehandelt.“

„Erzählen Sie“, sagt Hendrik ganz knapp, ohne Mitgefühl zu zeigen. Er hat die Frau enorm eingeschüchtert.

Wenn die wüsste, wie harmlos Hendrik in Wirklichkeit ist. Er könnte keiner Fliege etwas zu leide tun. Ich kann mich nur wundern, wie überzeugend er diese Rolle spielt. An ihm ist ein Schauspieler verloren gegangen.

„Mein Mann und ich hatten, trotz eines sehr knappen Budgets, ein Haus gekauft. Wir arbeiteten Tag und Nacht, um unsere Schulden abzutragen. Viel Arbeit, kaum Freizeit und überhaupt kein Vergnügen, das war unser Leben. Der traurige Alltag setzte uns beiden sehr zu. Meinem Mann jedoch noch weitaus mehr wie mir. Er wurde immer unzufriedener. Irgendwann muss er dann auf Idee gekommen sein, dass er über das Glücksspiel schnell zu viel Geld kommen könnte. Natürlich ging es schief und unsere Schulden wurden in kürzester Zeit viel höher, anstatt weniger. Er ging sogar ohne mein Wissen so weit, dass er sich Geld von fragwürdigen Menschen ausgeliehen hat. Seriöse Banken gewährten uns zu der Zeit schon längst keine weiteren Kredite mehr. Mein Mann war sogenannten Kredithaien in die Hände geraten, die massiven Druck auf ihn ausübten. Die Drohungen wurden immer konkreter und die Zeitabstände, in denen sie sich bei ihm meldeten, immer kürzer. Das sind richtig Kriminelle gewesen, die vor nichts zurückgeschreckt sind. Natürlich konnte mein Mann deren Forderungen nicht nachkommen. Unser Leben bestand deswegen nur noch aus Angst und Panik.

Als Ihr Vater mir dann für den Namen und die Anschrift der Adoptionsfamilie in der Tat sehr viel Geld angeboten hatte, lehnte ich zunächst empört ab. Das war mir in all den Dienstjahren zuvor noch nie passiert.

Dann dachte ich aber doch darüber nach, denn ausgerechnet an dem Tag erhielt mein Mann massive Drohungen von seinen Gläubigern. Ich redete mir ein, dass das Angebot ein Wink von Oben sein musste. Ich bin mir plötzlich sicher gewesen, dass meine vielen Gebete vom lieben Gott erhört wurden. Mit dieser Überzeugung ist es mir dann nicht mehr schwergefallen, das Geld anzunehmen. Natürlich habe ich das mit der Gewissheit getan, meinen Teil des Vertrages auch ordnungsgemäß erfüllt zu haben. Betrügen wollte ich Ihren Vater ganz gewiss nicht. Ich habe die Daten mit bestem Wissen und Gewissen weitergegeben. Und ganz ehrlich: Ich habe sogar gehofft, dass irgendwann etwas Gutes dabei herauskommen würde.“

Frau Bold wirkt ehrlich geknickt.

„Wenn Sie in einer Wohnung wohnen, ist das mit dem Häuschen wohl nicht gut ausgegangen.“

„Nein, das ist richtig. Ich konnte mit dem Geld weder unser Haus noch meine Ehe retten. Es ist unvorstellbar, aber mein Mann hat die gesamte Summe noch am selben Abend im Casino verspielt. Alles bis auf den letzten Cent hat er innerhalb von wenigen Stunden verzockt. Das hatte zur Folge, dass ich einen Nervenzusammenbruch erlitten habe und für viele Wochen aus dem Verkehr gezogen war. Es ist eine unglaublich schwere Zeit gewesen. Ich konnte erst viele Monate später wieder arbeiten. Eine lange und sanfte Wiedereingliederungsmaßnahme ist dazu nötig gewesen. Es gab immer wieder Rückschläge. Mein Ehemann hat sich in der Zeit aus dem Staub gemacht. Er ist irgendwo untergetaucht und hat mich mit den Schulden und meiner angeschlagenen Gesundheit allein gelassen.

Es gab Gott sei Dank einige liebe Menschen in meinem Umfeld, die sich um mich und meine Angelegenheiten gekümmert haben. Ohne diese Hilfe hätte ich es niemals geschafft, wieder auf die Beine zu kommen. Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um Mitleid zu erregen. Nein, ich tue es mit der Hoffnung, dass Sie dadurch ein bisschen Verständnis für meine damalige Notlage aufbringen können. Eigentlich bin ich ein sehr ehrlicher und geradliniger Mensch. Ich habe sonst noch nie in meinem ganzen Leben etwas Ungesetzliches gemacht.“

„Ihre Geschichte hört sich sehr traurig an. Sie haben wirklich Schlimmes durchgemacht und ich möchte Sie auch nicht verurteilen. Wenn man sich in einer solchen Notlage befindet, greift man nach jedem rettenden Strohhalm. Trotzdem muss ich Sie auch um Ihr Verständnis bitten, dass wir auf die Erfüllung des Vertrages bestehen.“

„Ja, das verstehe ich. Selbstverständlich werde ich alles in Bewegung setzen, um Ihnen den richtigen Namen nennen zu können.“

„Ziemlich bald?“

„Wie gesagt, ich werde sofort, wenn ich zu Hause angekommen bin, damit anfangen. Ich werde versuchen, meine Freundin heute noch zu treffen.“

„Hier ist meine mobile Nummer. Bitte rufen Sie mich sofort an, wenn sie etwas in Erfahrung gebracht haben.“

„Du warst toll. Du warst einfach super. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Vielen lieben Dank, Hendrik. Wie kann ich das jemals wieder gut machen?“

„Unter richtigen Freunden muss man nichts wieder gut machen.“

„An dir ist echt ein Schauspieler verloren gegangen“, sage ich lachend und drücke meinen Freund so heftig, dass er hörbar nach Luft japsen muss.

In dem Moment, als wir die Haustür öffnen, sehen wir Sarah, wie sie sich gerade die Treppe aus der Einliegerwohnung hochquält. Mürrisch schaut sie uns an.

„Wo kommt ihr denn um diese Uhrzeit her?“

„Das errätst du nie!“, foltert Hendrik sie mit Freude.

„Sag es einfach. Ich bin noch nicht in Stimmung für deine Späße“, erklärt Sarah mit einem furchteinflößenden Blick.

Hendrik hebt theatralisch die Arme hoch, um zu signalisieren, dass er sich ergibt. Ich komme ihm zuvor und erzähle Sarah überglücklich von unserer erfolgreichen Mission. Sie lobt Hendrik für sein resolutes Auftreten. Durch die guten Nachrichten ist sie schlagartig wach geworden und freut sich mit uns zusammen über den Teilerfolg.

Zur Feier des Tages beschließen wir, den restlichen Tag in der wunderschönen Therme am Bodensee zu verbringen. Nachdem wir Lumpi bei Tante Rose abgegeben haben, machen wir uns bestens gelaunt auf den Weg. Auch wenn ich zwischendurch von meinen Freunden einige Male psychisch wiederaufgebaut werden muss, wird es trotzdem ein herrlich entspannter Nachmittag.

„Ich werde im Laufe der nächsten Woche versuchen, mit den Webers und Langes Kontakt aufzunehmen. Ich brauche eine Aussprache, weil ich sonst nicht zur Ruhe kommen kann. Eigentlich würde ich den Kontakt mit den Familien sehr gerne aufrechterhalten. Ich möchte mit ihnen zusammen um Lea trauern. Sie fehlt mir so sehr. Alle fehlen mir.“

„Ich glaube auch, dass eine Aussprache sehr wichtig wäre. Eine Versöhnung wäre natürlich noch besser für dein Seelenheil“, stimmt Hendrik mir zu.

„Ich drücke dir die Daumen, dass sie bei deinem nächsten Annäherungsversuch wieder zugänglicher sind“, sagt Sarah und nimmt mich liebevoll in den Arm.

„Wirst du morgen wieder unterrichten?“

„Nein, das schaffe ich noch nicht. Wie soll ich Corinna gegenübertreten? Es wäre mir sehr lieb, wenn wir uns das erste Mal außerhalb der Schule begegnen könnten. Ich hoffe, dass ich das Mädchen versöhnlich stimmen kann und wir gemeinsam einen Weg für eine gute Beziehung finden werden.“

Beim Abschied muss ich den beiden versprechen, dass ich sie immer auf dem Laufenden halten werde. Hendrik erklärt mir mit ernster Miene, dass er bei jedem noch so kleinen aufkommenden Problem, innerhalb kürzester Zeit bei mir in Konstanz sein wird.

„Ich werde aber auch dann auf die Schnelle hier erscheinen, wenn du einfach nur jemanden zum Reden oder Festhalten brauchst. Vergiss das nicht, Anna.“

Seine Worte überraschen mich nicht, denn so kenne ich ihn. Aber sie rühren mich dennoch zu Tränen. Diese werden von Sarah sofort kommentiert: „Anna, du hast dich zu einer richtigen Heulsuse entwickelt. Ich kann mich nicht erinnern, dass du früher so nah am Wasser gebaut hattest. Du hast dich gewaltig verändert und ich muss noch in Ruhe darüber nachdenken, ob ich deine Entwicklung gut oder schlecht heißen soll.“

******

Ich habe mich auf eine längere Wartezeit eingestellt. Deshalb falle ich fast aus allen Wolken, als Frau Bold bereits am Montagabend anruft, um mir den Namen und die Adresse der richtigen Familie zu nennen.

„Meine Freundin konnte sich sofort an den Fall erinnern. Ihr Mädchen wurde damals tatsächlich zuerst der Familie Weber in Singen zugeteilt. Nachdem das Amt über die neue Situation der Familie informiert wurde, erhielt eine andere Familie die Möglichkeit das Kind zu adoptieren. Es handelt sich, wie bereits gesagt, um Familie Rosner, wohnhaft in Horn am Bodensee.

Frau Heisig, bitte verraten Sie mich nicht. Erlauben Sie mir in Würde, alt zu werden und vielleicht noch ein paar unbeschwerte Jahre zu genießen. Sie wissen jetzt, dass die Fehlinformation keine böse Absicht war. Wäre ich nicht so plötzlich zusammengebrochen, hätte meine Freundin bestimmt mit mir über den Verlauf des Falles gesprochen. Aber ich habe ja dann einige Monate in der Reichenauer Klinik verbracht und danach ist die Sache auch für sie in Vergessenheit geraten. Auch ihr tut es sehr leid, soll ich Ihnen ausrichten.“

„Ich glaube Ihnen, Frau Bold. Vielen Dank für die schnelle Rückmeldung. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen alles Gute.“

„Dürfte ich Sie noch um etwas bitten?“

„Ja, um was geht es?“

„Ich weiß, es geht mich nichts an, aber ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mir bei Gelegenheit erzählen würden, wie ihre Tochter reagiert hat.“

„Das werde ich tun, Frau Bold. Es kann allerdings sehr lange dauern, denn ich weiß noch nicht, ob ich mich meinem Mädchen als ihre Mutter zu erkennen geben werde. Die Entscheidung werde ich von ihrer familiären Situation abhängig machen. Wenn sie mit ihrem Leben so wie es ist glücklich und zufrieden ist, werde ich es nicht zerstören.“

„Das hört sich sehr vernünftig an, Frau Heisig. Also ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen viel Glück.“

Wie versprochen, melde ich mich sofort bei Hendrik und Sarah, um ihnen die Neuigkeiten mitzuteilen. Die beiden sind über die schnelle Antwort ebenso überrascht, wie ich es gewesen bin. Sarah kündigt aufgeregt an, dass sie sich in den sozialen Medien, sofort auf die Suche nach meiner Tochter machen wird. Sie kennt sich damit sehr gut aus.

Nach den Gesprächen mit meinen Freunden fühle ich mich sehr beschwingt. Es ist schön, dieses Mal Verbündete zu haben. Obwohl es schon Abend ist, mache ich mich noch auf den Weg nach Horn. Ich kenne den Ort aus meiner Jugendzeit. Es gibt dort einen tollen Campingplatz direkt am See, wo ich auch schon mit Freunden gezeltet habe. Viel mehr weiß ich über Horn allerdings nicht. Als ich in der von Frau Bold genannten Straße angekommen bin, parke ich das Auto und schlenderte mit Lumpi zu Fuß bis zu der angegebenen Hausnummer.

Also arm ist diese Familie keineswegs.

Das ist mein erster Gedanke, als ich das große, moderne Haus in der Mitte des sehr weitläufigen Grundstückes sehe. Obwohl es schon dämmert, kann ich einen schön angelegten Teich erkennen, der den Vorgarten ziert. Der komplette Garten ist im asiatischen Stil angelegt.

Sehr geschmackvoll, lobe ich das Anwesen in Gedanken.

So wie ich die Lage einschätze, wird meine Tochter keinen großen Wert auf mein Erscheinen legen. Ihre Zukunft scheint zumindest finanziell gut gesichert zu sein, stelle ich nüchtern und fast ein bisschen enttäuscht fest.

Es scheint niemand zu Hause zu sein und ich beschließe wieder zu meinem Auto zu laufen.

Auf keinen Fall will ich auffallen. Zwar sind es die Menschen hier bestimmt gewohnt, dass immer Fremde durch die Gassen laufen, aber ich möchte dennoch kein Risiko eingehen.

Schon während der Heimfahrt erreicht mich eine Nachricht von Sarah, in der sie mir mitteilt, dass meine Tochter auf den Namen Marie getauft wurde. Meine Freundin hat auch herausgefunden, dass Marie aktuell Schülerin der elften Klasse des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums in Hegne ist.

„Wahnsinn, Sarah. Wie hast du das nur so schnell geschafft? Du bist echt super! Die Beste!“, rufe ich laut, als ich die Nachricht lese. Ich erschrecke Lumpi mit meinem Aufschrei so sehr, dass die Kleine fluchtartig den Platz neben mir verlässt.

Zu Hause angekommen, telefoniere ich sofort mit Sarah. Diese hat auch schon einen Plan geschmiedet. Eine unserer ehemaligen Schulkameradinnen arbeitet als Lehrerin an dem Gymnasium in Hegne. Sarah pflegt immer noch ganz sporadisch den Kontakt mit ihr und weiß deshalb, dass sie sogar die Klassenlehrerin der Elften ist.

„Wenn du es möchtest, werde ich Nadine anrufen und ihr erzählen, dass du dich sehr für die ganz besondere Form des Unterrichtes an ihrer Schule interessierst. Ich frage sie, ob du für ein paar Tage ihren Unterricht hospitieren könntest. Oder soll ich gleich sagen, dass du Interesse an einer Stelle als Deutschlehrerin an der Schule hättest. Du musst mir sagen, wie du es haben möchtest. Oder hast du gar noch eine bessere Idee? Soll ich dir die Nummer schicken, damit du selbst Kontakt mit ihr aufnehmen kannst?“

Sarah ist ganz in ihrem Element. Volle Fahrt voraus und kaum ein Mensch hat eine Chance, mit ihr Schritt zu halten.

Weil ich nicht gleich antworte, fragt Sarah ganz enttäuscht: „Freust du dich denn überhaupt nicht?“

„Oh, doch. Natürlich freue ich mich. Es geht nur alles so wahnsinnig schnell.“

„Mir schien es so, als ob es dein ausgesprochener Wunsch wäre, dass es schnell geht. Wer ist denn am Samstagmorgen schon wieder heimlich losgezogen, um Informationen einzuholen. Wer ist denn am Sonntagmorgen schon in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus geschlichen, um weiter zu suchen? Das bist doch du gewesen, wenn ich mich recht erinnere. Und jetzt beschwerst du dich über das Tempo? Dich soll einer verstehen?“

„Du hast ja Recht. Du hast wie immer Recht, Sarah!“

„Also gut. Wenigstens bist du dieses eine Mal gleich einsichtig. Das bist du ja nicht all zu häufig.“

„Sag einmal, willst du mich beleidigen?“

„Nein, natürlich nicht. Ich hätte viel lieber eine Entscheidung.“

„Du drängst mich so sehr.“

„Ich bin so aufgeregt, Anna. Ich finde unsere Mission total spannend.“

„Du nennst meine Tochter eine Mission?“

„Nur bis wir sie kennengelernt haben.“

Jetzt muss ich laut lachen.

„Du bist echt unmöglich, Sarah!“

„Magst du mich nicht gerade deswegen?“

„Doch, doch das ist schon so. Also, hör zu. Deine Idee mit dem Hospitieren gefällt mir echt ganz gut. Ich glaube allerdings, dass es besser aussehen würde, wenn ich selbst den Kontakt zu Nadine aufnehmen würde, um mit ihr darüber zu sprechen. Was meinst du?“

„Ja, es würde einen erwachseneren Eindruck machen. Schreib ihre Nummer gleich auf.“

„Meinst du, dass ich jetzt noch anrufen kann? Es ist schon ziemlich spät.“

„Nadine ist immer noch die gleiche Nachteule wie früher. Vor zwölf Uhr geht sie sowieso nicht ins Bett.“

Nach dem Telefonat mit Sarah nehme ich mir ein paar Minuten Zeit, um mir die passenden Worte zurechtzulegen. Ich hatte schon ewig keinen Kontakt mehr zu Nadine und fühle mich deswegen nicht wirklich gut, sie um einen Gefallen zu bitten.

Mein Stolz darf mir jetzt nicht im Weg stehen, denn es geht schließlich um meine Tochter.

Trotzdem kostet es mich wirklich sehr viel Überwindung, die Nummer zu tippen.

Nadine meldet sich für mein Empfinden viel zu schnell. Sie freut sich jedoch so sehr, meine Stimme zu hören, dass ich mich ganz rasch entspanne und das Gespräch sogar in vollen Zügen genieße. Auch ich verspüre plötzlich eine große Freude darüber, mit Nadine über alte Zeiten sprechen zu können. Es dauert sehr lange, bis ich auf den eigentlichen Grund meines Anrufes zu sprechen kommen kann. Zu meiner großen Erleichterung ist meine Gesprächspartnerin von der Idee hellauf begeistert.

„Es herrscht akuter Lehrermangel an unserer Schule und ich bin mir absolut sicher, dass es dir gefallen wird.“

Nadine hört sich richtig euphorisch an. Nachdem wir unser Gespräch beendet haben, muss ich tief durchatmen.

Ich bin fassungslos. Das kann doch nur ein Traum sein. Wie einfach, rasend schnell und reibungslos alles gelaufen ist. Es ist für mich fast schon beängstigend, dass ich bereits übermorgen meine richtige Tochter kennenlernen werde. Dieses Tempo ist atemberaubend.

Die Nacht ist wie erwartet eine Katastrophe. Ich kann kaum schlafen und bin am Morgen gerädert. Es fällt mir schwer aus dem Bett aufzustehen, aber ich tue es dennoch, weil ich mir von einer starken Tasse Kaffee eine wesentliche Besserung meines Zustandes erhoffe.

Von der braunen Brühe werde ich enttäuscht und ziehe es vor, wieder in meine Federn zu kriechen. Gerade als ich es mir wieder so richtig gemütlich gemacht habe, klingelt mein Handy. Es fühlt sich für mich an, als ob es direkt in meinem Kopf läuten würde. Mein ganzer Körper vibriert und ich überlege, ob ich das unangenehme Geräusch nicht besser ignorieren sollte. Letztendlich tue ich es nicht und bin schon eine Minute später sehr froh darüber.

„Hallo, Anna. Hast du heute Zeit?“, fragt Nadine ohne große Begrüßungszeremonie.

„Wie Zeit? Wann Zeit?“, stottere ich ziemlich dämlich.

„Wann kannst du hier in Hegne sein?“

„Du meinst heute? Jetzt sofort?“

„Anna, du bist doch sonst nicht begriffsstutzig. Datum: Heute. Ort: Hegne. Uhrzeit: So früh wie möglich.“

„Das Tempo macht mich fertig“, stöhne ich voller Selbstmitleid.

„Also in dem Fall erst morgen, wenn ich dich richtig verstehe? Oder ist dir auch morgen noch zu schnell? Lieber erst übermorgen?“

„Nein, nein. Ich komme selbstverständlich heute. Ist elf Uhr in Ordnung für dich? Ich muss noch meinen Hund unterbringen und ein bisschen herrichten möchte ich mich auch noch. So wie ich momentan aussehe, willst du mich sicherlich nicht deinen Kollegen vorstellen.“

„Genehmigt! Bis gleich! Und ja, bemühe dich bitte.“

Als ich mein Auto in Hegne auf dem Klosterparkplatz geparkt habe, bin ich nicht sofort fähig auszusteigen. Eine unfassbare Hitze steigt in mir hoch und ich zittere am ganzen Körper.

Gleich stehe ich meiner Tochter gegenüber. Komisch, damals in Singen war ich längst nicht so nervös. Als ob ich es instinktiv gewusst hätte, dass ich dort nicht meine Tochter treffen werde.

Irgendwann gebe ich mir einen Ruck und steige aus. Vor allem deswegen, weil ich nicht zu spät erscheinen möchte. Auf wackligen Beinen gehe ich den Weg an der Klostermauer entlang. Am Eingang zur Krypta bleibe ich für einen Moment stehen. Tränen schießen mir in die Augen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.

Am liebsten würde ich die Treppen hinunterlaufen, um wenigstens ein paar Minuten in dem heiligen Raum zu verharren.

Ich sehe Leas Gesicht ganz deutlich vor meinen Augen und es wird mir noch schwerer ums Herz. Meine Vernunft siegt und ich setzte tapfer meinen Weg in Richtung Schule fort.

Jetzt sehe ich bestimmt ganz besonders hübsch aus. Ich muss zuerst eine Toilette aufsuchen, bevor ich irgendjemanden unter die Augen trete.

Ohne einer Menschenseele zu begegnen, schaffe ich es eine Toilette zu finden. Als ich in den Spiegel schaue, bin ich wahnsinnig froh und dankbar darüber, dass mich keiner in dem desolaten Zustand gesehen hat.

Das wäre ein toller Auftritt geworden, als Clown.

Es gelingt mir ohne meine Utensilien nicht ganz den Ursprungszustand wiederherzustellen, aber nach ein paar Handgriffen sehe ich wieder ganz passabel aus.

Nach meiner notdürftigen Renovation mache ich mich auf den Weg in das von Nadine angegebene Stockwerk. Oben angekommen, halte ich Ausschau nach dem richtigen Klassenzimmer. Gerade als ich die Hand auf die Türklinke legen will, wird die Tür von innen aufgemacht und ich greife ins Leere.

Das ist allerdings nur der kleinere Schreck in der Situation, wie ich einen Augenblick später feststellen muss. Der größere Schreck ist der Anblick des Mädchens, das die Tür geöffnet hat. So ein dünnes Wesen habe ich noch nie gesehen. Eigentlich steht mir nur ein Knochengerüst, das mit einer dünnen, blassen Haut überzogen ist, gegenüber. Die Wangen sind komplett eingefallen. Dicke schwarze Ränder zieren die Augen des Mädchens.

Der Blick ist unsagbar traurig und sie scheint sehr zu frieren, denn sie zittert ganz offensichtlich und verschränkt die Arme vor ihrer Brust. Ich empfinde die Temperatur eher als zu warm. Starr vor Schreck bin ich einfach stehengeblieben und begaffe das Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes. Diese fühlt sich unter meinem Blick unwohl, denn sie schaut beschämt nach unten und bittet mich mit sehr leiser Stimme, vorbeigehen zu dürfen.

„Entschuldigung. Selbstverständlich“, sage ich ebenfalls sehr leise und mache einen Schritt zur Seite. Das Mädchen geht mit schleppendem Schritt in die Richtung der Toilette. Ich versuche mich zu sammeln und meinen Schock zu überwinden. Mit viel Mühe gelingt es mir, meinen Rücken zu straffen und den Klassenraum zu betreten. Sofort werde ich von Nadine herzlich empfangen und der Klasse vorgestellt.

Es dauert eine Weile, bis das dünne Mädchen wieder in das Klassenzimmer zurückkommt. Ich muss immer wieder zu ihr schauen. Es ist wie ein Zwang. Das Mädchen sitzt völlig zusammengesunken auf ihrem Stuhl und macht den Eindruck, als ob sie viel Kraft aufbringen muss, um sich zu konzentrieren. Die Augen fallen ihr immer wieder zu. Ihre Knochen treten im Sitzen noch mehr hervor und ihre Hände sind ganz wund. Der Anblick des Mädchens berührt mich so sehr, dass ich am liebsten zu ihr hingehen würde, um sie in den Arm zu nehmen.

In der Mittagspause habe ich endlich Gelegenheit, mit Nadine beim gemeinsamen Mittagessen allein zu sprechen.

„Dieses dünne Mädchen hat mich zu Tode erschreckt. Ist sie krank?“

„Ja, Anna. Sie leidet schon seit vielen Jahren an Anorexie.“

Ich blicke Nadine fragend an, weil ich mit dem Wort Anorexie nichts anfangen kann.

„Magersucht. Marie leidet an Magersucht.“

„Marie?“, frage ich vollkommen entsetzt und verschlucke mich an dem Schluck Apfelsaft, den ich gerade getrunken habe. Ein langer Hustenanfall ist die Folge, von dem ich mich nur langsam wieder erhole.

„Marie. Ja, das Mädchen heißt Marie Rosner. Was ist denn los, Anna? Kennst du sie etwa?“

Ich muss mich zusammenreißen. Auf gar keinen Fall darf ich die Fassung verlieren, sonst mache ich alles kaputt bevor es richtig angefangen hat. Um Gottes Willen, was ist mit meinem Kind los? Ich muss Nadine antworten. Aber was soll ich antworten?

„Anna, was ist mit dir los? Du bist weiß wie die Wand. Geht es dir nicht gut?“

„Entschuldige, mir ist tatsächlich etwas schwindlig und ziemlich übel. Aber ich kann dir auch sagen warum. Ich habe heute noch keinen Bissen gegessen. Es ist höchste Zeit, dass ich etwas in den Magen bekomme.“

„Du hast mich vielleicht gerade erschreckt, sag ich dir. Also komm, lass uns etwas Leckeres holen. Ich bin auch schon am Verhungern.“

„Bist du das nicht schon immer gewesen? Ich kann mich erinnern, dass ich dich nur sehr selten ohne etwas Essbares gesehen habe. Und dein häufigster Satz war: Ich habe einen riesengroßen Hunger.“

„Das weißt du noch? Na ja, dann kann ich dir verraten, dass sich daran nicht viel geändert hat“, erklärt Nadine lachend.

Sie ist immer noch die gleiche Frohnatur wie früher. In ihrer Gesellschaft ist es niemals langweilig gewesen. Traurig zu sein, war ebenfalls nicht möglich, wenn sie in der Nähe war. Auch ihren Unterricht hat sie, trotz eines schwierigen und ernsten Themas ziemlich lustig gestaltet. Wie schafft Nadine das nur, immer so gut gelaunt zu sein?

Ich lächle Nadine an, um sie zu beruhigen. In mir wüten aber die Gefühle und meine Gedanken überschlagen sich.

Das dünne Mädchen ist Marie, meine Tochter. Das kann doch nicht sein. Weshalb ist mein Mädchen so krank? Bereits beim ersten Anblick haben sich seltsame Gefühle in mir geregt. Ich habe sie zu dem Zeitpunkt als Mitleid definiert. Jetzt weiß ich, dass es ein Gefühl von der Art war, auf das ich im Umgang mit Lea umsonst gewartet habe. Es ist nicht nur Mitleid gewesen, was ich gespürt habe. Nein, es ist viel, viel mehr.

Meinem Mädchen geht es absolut nicht gut. Magersucht ist eine psychische Erkrankung. Das weiß ich ganz genau. Also stimmt in ihrem Leben etwas nicht und es ist gut möglich, dass sie mich braucht. Sogar sehr dringend braucht, so wie sie aussieht.

Nadine plappert munter weiter und erzählt ganz stolz von ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Ich bin dankbar, dass ich kaum einen Beitrag zu der Unterhaltung leisten muss. Es ist mir nicht möglich, mich voll und ganz auf Nadine zu konzentrieren. Natürlich gebe ich mir große Mühe, Nadine zuzuhören, aber meine Gedanken schweifen trotzdem immer wieder ab.

Wie kann ich Marie helfen? Was soll ich tun, um sie schnell näher kennenzulernen? Weiß sie darüber Bescheid, dass sie adoptiert wurde? Wenn ja, wie denkt sie über ihre leibliche Mutter. Hasst sie mich?

Tausend Fragen gehen mir durch den Kopf. Sie schießen wie Pfeile ziemlich ungeordnet kreuz und quer.

Ich muss mit Hendrik und Sarah reden. Vor allem Hendriks Rat brauche ich. Er kennt sich mit dieser Krankheit sicher gut aus, weil er schon viele betroffene Patientinnen behandelt hat.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Jetzt hat sie es doch bemerkt.

Nadine schaut mich anklagend an und ich versuche Zeit zu gewinnen, indem ich mich räuspere.

„Natürlich höre ich dir zu, Nadine. Ich freue mich sehr für dich, dass du so eine tolle Familie hast.“

„Anna, ich habe mich gerade bitterböse über die Schlampigkeit meines Mannes beschwert und du behauptest, dass du mir zuhörst. Ha, ha, ha.“

„Entschuldigung, Nadine. Du hast Recht, ich habe gerade für einen Moment nicht zugehört. Mich beschäftigt der jämmerliche Anblick von Marie so wahnsinnig. Ich kann es dir auch nicht erklären, warum das so ist.“

„Ja, sie sieht wirklich krank aus. Ihre Kräfte scheinen auch immer weniger zu werden. Sie fehlt immer öfters und ich weiß nicht, ob sie das Abitur in dem körperlichen Zustand schaffen wird. Ich kann es mir nicht vorstellen.“

„Warum ist sie denn so krank?“

„Marie ist ein ganz liebenswerter Mensch, sehr hilfsbereit und bescheiden. Aber sie ist auch unglaublich sensibel und perfektionistisch. Obwohl sie unsere beste Schülerin ist, hat sie leider kein Selbstbewusstsein. Wenn ich keines sage, dann meine ich auch keines. Aber es wird natürlich immer schwerer für sie, ihr außergewöhnlich hohes Leistungsniveau zu halten. Der Stoff wird immer umfangreicher und anspruchsvoller. Die vielen zusätzlichen Arbeiten wie zum Beispiel die große Projektarbeit, an der die Schüler derzeit arbeiten, nehmen sehr viel Zeit in Anspruch. Vor allem dann, wenn sie absolut perfekt sein muss und deswegen wieder und immer wieder überarbeitet wird. Das ist Maries Vorgehensweise. Sie tut mir unendlich leid, weil sie mit ihrer Arbeit nie zufrieden ist. Nie, wirklich niemals, Anna. Sie kämpft und diskutiert um jeden Punkt. Ach was sage ich, um jeden halben Punkt.“

„Üben ihre Eltern Druck auf sie aus?“

„Das kann ich dir nicht sagen, aber ich glaube eher nicht. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, Psychologie zu studieren und dafür bräuchte sie natürlich ein sehr gutes Abitur. Das ist zumindest ihr offizielles Argument für ihren Lerneifer. Wenn du mich fragst, dann ist es ihr Perfektionismus, dem sie damit gerecht werden will. Sie hat festgestellt, dass Lernen etwas ist, was sie wirklich richtig gut kann. Nur ist es so, dass sie inzwischen auf alles andere in ihrem Leben – also auf jede Art von Vergnügen – verzichten muss, um ihr hoch angesetztes Level zu halten. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Sie grenzt sich dadurch aus der Klassengemeinschaft aus. Sie versucht zwar, wenn es ihre Kraft erlaubt, bei den Partys dabei zu sein, aber sie übernachtet zum Beispiel nie und trinkt keinen Schluck Alkohol. Auch das Essen ist ein Problem, weil sie die üblichen Gerichte wie Pizza, Spaghetti, Burger und Co. nicht zu sich nimmt.

Ein noch besseres Beispiel sind die Freistunden oder Pausen hier in der Schule. Sie versucht sich zu Vierteilen und das macht sie meiner Meinung nach noch kränker. Auf der einen Seite möchte sie mit ihren Klassenkameraden zusammen sein, was sie dann auch tut. Inzwischen allerdings nur noch sehr kurz. Mir kommt das zwischenzeitlich nur noch wie die Erfüllung einer Pflicht vor.

Meist zieht sie sich schnell wieder zum Lernen zurück. In den letzten Wochen hat sich das Verhältnis von Pausen und Arbeit sehr ins Negative entwickelt. Während sie früher fast die ganze Freizeit mit den Klassenkameraden verbracht und nur einen kleinen Teil davon für das Lernen aufgewendet hat, so ist es jetzt genau umgekehrt. Es ist die nackte Panik, ihre Noten nicht halten zu können, die sie zu diesem Handeln antreibt. Sie weiß aber sehr genau, dass die Mitschüler über sie lästern, was sie wiederum auch belastet. Es ist ein gnadenloser Teufelskreis, aus dem sie es meiner Meinung nach nicht mehr allein herausschaffen kann.“

„Das hört sich ja alles furchtbar an. Ich bin ganz deiner Meinung. Marie hat nur eine Chance, diesem Hamsterrad wieder zu entkommen: Sie muss eine Therapie machen. Noch besser wäre ein Klinikaufenthalt, damit sie richtig zur Ruhe kommt.“

„Oh, Anna, ich kann dir nicht sagen, wie viele Gespräche ihre Vertrauenslehrerin mit ihr diesbezüglich bereits geführt hat. Vielleicht nach dem Abitur. Das war der einzige Kompromiss, auf den Marie sich einlassen würde. Als ob sie in dem katastrophalen Zustand die Zeit bis zum Abitur überstehen würde. An die Prüfungen will ich gar nicht denken. Jeder Blinde mit Krückstock sieht, dass es für Marie unmöglich sein wird das Abitur zu schaffen, wenn sie nicht schleunigst etwas ändert. Nur sie sieht es nicht. Es scheint so, als ob sie niemals in einen Spiegel schaut. Sie scheint auch nicht wahrzunehmen, wie ihre Kräfte immer weniger werden. Marie sieht in der ersten Unterrichtsstunde schon so erschöpft aus, dass ich sie am liebsten nach Hause schicken würde. Ich habe manchmal so sehr das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen. Es ist so schade um sie. Sie ist wirklich sehr besonders.

Sie könnte in einem gesunden Zustand einen sehr guten Abschluss schaffen. Marie ist wirklich unglaublich diszipliniert, höflich, sehr gut im Organisieren, Prioritäten setzen und ihre Projektarbeiten sind immer überdurchschnittlich. Dabei ist sie kein Mensch, der sich in den Mittelpunkt drängt oder die Aufmerksamkeit der anderen auf sich ziehen möchte. Ganz im Gegenteil, sie macht sich selbst und ihre Leistungen immer kleiner und unwichtiger als sie in Wirklichkeit sind. Marie ist viel zu bescheiden und sie scheint niemals mit sich selber zufrieden zu sein. Ich habe das Mädchen sehr gerne und wäre froh, wenn so manch anderer meiner Schüler nur einen Bruchteil von ihren Charakterzügen besitzen würde.“

Das Gehörte erschüttert mich tief.

Meine Tochter ist ein toller und sehr besonderer Mensch, aber auch furchtbar krank. Das ist mein erstes trauriges Resümee in Bezug auf mein Kind. Ich habe häufig versucht, mir mein Mädchen vorzustellen und hatte alle möglichen Bilder vor meinem geistigen Auge. Dass meine Tochter krank sein könnte, daran habe ich nie gedacht. Meine Fantasie hätte nicht ausgereicht, um mir die Bilder auszudenken, die mir die Realität gerade bietet.

„Anna, sei mit bitte nicht böse, aber ich habe noch eine wichtige Besprechung mit meiner Vorgesetzten. Wir sehen uns nachher im Klassenzimmer. Es geht um halb zwei wieder weiter.“

„Ja klar, geh nur. Ich vertreibe mir die Zeit noch ein bisschen, indem ich noch weitere Eindrücke sammele.“

Nachdem Nadine gegangen ist, steht auch Marie auf und geht eiligen Schrittes auf das Hauptgebäude zu.

Bestimmt geht sie wieder in den Klassenraum, um zu arbeiten. Soll ich ihr nachgehen?

Ist das vielleicht eine günstige Gelegenheit, um sie näher kennenzulernen?

Ich entscheide mich, die Chance zu nutzen. Im Klassenzimmer angekommen, ernte ich jedoch keinen allzu freundlichen Blick von Marie, die bereits an ihrem Tisch sitzt und Blätter sortiert.

„Stör ich Sie?“, frage ich höflich.

„Nein, ich muss nur ziemlich Gas geben, sonst schaffe ich es nicht mehr, meinen heutigen Plan abzuarbeiten.“

Sofort richtet sie ihren Blick wieder auf den Tisch und sortiert hektisch weiter.

Ich muss mich ruhig verhalten. Ansonsten gehe ich ihr auf die Nerven und dann habe ich überhaupt keine Chance mehr, mich ihr anzunähern.

Trotz der Einsicht wage ich nochmals ganz mutig einen Vorstoß.

„Wenn ich Ihnen bei irgendetwas behilflich sein kann, dann lassen Sie es mich wissen. Ich fühle mich sonst so nutzlos“, erkläre ich lächelnd.

„Danke, das ist sehr nett.“

Es vergeht eine halbe Stunde, ohne dass Marie auch nur ein einziges Mal von ihrem Arbeitsplatz hochschaut. Sie scheint meine Anwesenheit vollkommen ausgeblendet zu haben. Ich habe die Hoffnung schon längst aufgegeben und erschrecke deswegen, als Marie sich dann doch noch ganz plötzlich mit einer Frage an mich wendet.

Sofort stehe ich von meinem Stuhl auf und mache mich auf den Weg zu dem Tisch des Mädchens. Dort angekommen, setze ich mich auf den Stuhl neben dem ihren und rutsche damit noch ein Stückchen näher zu ihr. Dass das ein Fehler ist, bemerke ich sofort, denn mein Kind rutscht fast im gleichen Augenblick ziemlich panisch, ein ganzes Stück von mir weg.

Sie kann also keine Nähe ertragen. Ich muss vorsichtig sein. Sehr vorsichtig mit allem was ich sage und tue.

Das wird mir in diesem Moment klar. Deswegen lehne ich mich ein Stück zurück und versuche ganz entspannt zu wirken. Maries Frage ist schnell beantwortet und ein weiteres Gespräch kommt leider nicht zustande. Das Mädchen signalisiert mir ganz deutlich, dass ich sie in Ruhe lassen soll. Traurig und enttäuscht stehe ich auf und gehe wieder.