Phantombesuch - Gaby Peer - E-Book

Phantombesuch E-Book

Gaby Peer

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Beschreibung

Elena und Manuel führen keine gewöhnliche Ehe: Er als angesehener, engagierter Arzt ist nur selten zu Hause, sie als ehemalige Krankenschwester hat sich ganz der gemeinsamen Familie verschrieben. Und trotzdem könnte ihre Beziehung nicht schöner sein. Jede Sekunde wird genutzt, jedes Gefühl intensiv ausgekostet – bis das Schicksal zuschlägt: Manuel stirbt bei einem Autounfall. Elenas Welt steht kopf, ihr Leben scheint keinen Sinn mehr zu haben. Doch dann steht Manuel eines Tages wieder vor ihrer Tür …

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Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gaby Peer

PHANTOMBESUCH

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

Nachwort

Dank

1

„So, ich habe meinen Job erledigt – die kleinen Monster schlafen.“

„Du bist halt meine Beste!“

„Ja, wenn du mich nicht hättest … Aber was ist mit deinem Einsatz? Mit deinem Versprechen? Das ist doch wieder einmal typisch und unfair. Du hast versprochen, unseren Feierabendtisch zu richten. Wo ist der Wein, wo sind die Leckereien und wo sind die Kerzen?“

„Schatz, nicht böse sein, aber ich hatte noch eine fantastische Eingebung für die Präsentation morgen. Das musste ich gleich aufschreiben. Du weißt doch, wie das mit Geistesblitzen ist – sie kommen ganz plötzlich und sind auch ganz schnell wieder weg!“

„Faule Ausreden, immer nur faule Ausreden und immer zählt nur dein Job. Du hättest dich gedanklich ja auch auf unser Schäferstündchen einrichten können. Du bist schließlich wieder eine ganze Woche weg. Aber ich bin dir eben wieder nicht zuerst in den Sinn gekommen, sondern deine Arbeit. Ich fühle mich einfach vernachlässigt – und immer nur die Nummer zwei oder gar drei, vier zu sein, ist echt deprimierend. Wahrscheinlich musst du manchmal überlegen, wie ich heiße!“

„Komm, sei nicht so ungerecht. Du warst, bist und wirst immer die Nummer eins in meinem Leben sein. Die nächste Woche ist so unglaublich wichtig für mich. Dieser Ärztekongress ist eine große Chance, meine neue Operationsmethode vorzustellen. Ich muss aber perfekt vorbereitet sein – ich werde viele Fragen beantworten müssen und auch die Fachpresse wird vor Ort sein.“

„Ich weiß, aber ich bin gerade trotzdem echt sauer.“

„Du siehst mit deinem Schmollmund so unglaublich süß aus – ich mache dich immer absichtlich böse, nur um deinen Schmollmund sehen zu können.“

„Sehr witzig – Herr Schrader beliebt zu scherzen. Kannst du mich bitte einmal ernst nehmen? Auch wenn ich nur eine dumme kleine Krankenschwester und nicht hoch studiert bin?“

„Süße, wer so sexy Augen hat, so genial, perfekt geformte Kurven – genau dort die richtigen Erhebungen vorzuweisen hat, wo ein Mann sie sehen will, einen Hüftschwung erster Sahne beherrscht und das verführerischste Lächeln auf dieser Welt hat, der braucht nicht hoch studiert zu sein.“

„Du reduzierst mich immer auf meinen Körper. Ich bin wahrscheinlich nur ein Objekt deiner sexuellen Begierde.“

„Jetzt reicht’s aber! Manchmal unterhalten wir uns ja auch.“

„Du bist so unmöglich! Willst du heute Abend unbedingt streiten?“

„Nein, mein Schatz, das will ich nicht. Komm her zu mir!“

„Schon wieder behandelst du mich so, so …“

„Bin ich so ein schlechter Ehemann? Würdest du mich nicht mehr heiraten?“

„Natürlich nicht! Was ist das schon für eine Ehe mit dir? Du bist so gut wie nie zu Hause. Der komplette Haushalt bleibt an mir hängen, meine Karriere – schließlich war es mein Plan, eines Tages Stationsschwester zu sein – ist futsch und zur Krönung hast du mir auch noch zwei Kinder aufs Auge gedrückt. Du nagelst mich hier zu Hause fest und lebst dein Leben. Du wirst immer gescheiter und berühmter! Ich verblöde hier. Du baust uns ein unglaublich schönes und supermodernes Haus, du kaufst mir schöne Kleider, teuren Schmuck und führst mich hin und wieder, wenn es deine kostbare Zeit erlaubt, schick aus. Wenn dann noch etwas Zeit übrig bleibt, kommst du deinen sexuellen Verpflichtungen nach, wobei du währenddessen bestimmt an was weiß ich für Bakterien und Viren denkst. Ja, und als ob das nicht schon genug wäre, planst du auch noch zwei zusätzliche kleine Nervensägen, um mich noch mehr ans Haus zu binden, damit ich auch ja keine Zeit habe, mich nach einem neuen, wunderbaren, liebevollen, aufmerksamen Mann umzuschauen. Einem Mann, der sich für mich Zeit nimmt, der sich nach meinen kleinen alltäglichen Sorgen und Schwierigkeiten erkundigt. Einem Mann, der abends mit mir auf der Couch sitzt und sich mit mir schnulzige Filme anschaut. Einem Mann, der zwei Wochen – nicht nur fünf Tage – mit uns in den Urlaub fliegt, ohne dass er alle zehn Minuten auf sein Handy schaut, weil er mit der Einbildung lebt, dass er in der Klinik einfach unentbehrlich ist. Dass alles zusammenbrechen wird, weil er sich für ein paar Tage mit seiner Familie an irgendeinem Strand dieser schönen Welt vergnügt. Und als ob das nicht alles schlimm genug wäre – nein, neuerdings muss mein Mann auch noch in der Forschung mitmischen, weil das ohne ihn ja sonst nichts wird.“

„Du bist also enttäuscht von unserer Ehe und liebst mich nicht mehr. Sehe ich das richtig? Seit wann denkst du so?“

„Ich bin schon ziemlich lange sehr enttäuscht von dir und unserem Leben, aber ich habe beschlossen, bis zu deiner Rente zu warten. So lange dauert es ja auch nicht mehr, bis es so weit sein wird. Die dreißig Jahre werden doch sicherlich wie im Flug vergehen!“

„Ich bin entsetzt, ich dachte, du wärst glücklich mit mir.“

„Ich bin schon glücklich mit dir – aber wann bin ich denn mal mit dir zusammen?“

Manuel sah seine Frau hilflos an. Er wusste nicht, was er zu ihren Vorwürfen sagen sollte. Elena hatte noch nie so mit ihm gesprochen. Sie hatte ihn immer unterstützt und ziehen lassen. Oft hatte sie gesagt, dass es ihr lieber sei, wenn er nur ein paar Stunden zu Hause sei – wenn er diese wenigen Stunden dann wirklich intensiv mit ihr und den Kindern verbringe. Sie sagte immer wieder: „Was nützt mir ein Mann, der jeden Tag um 16.00 Uhr zu Hause, aber unzufrieden, unerfüllt und mürrisch ist.“ Manuel war ihr immer sehr dankbar für solche Aussagen gewesen, denn das schlechte Gewissen plagte ihn schon hin und wieder.

Elena fing an zu lachen.

„Was ist los? Was ist plötzlich so lustig?“

„Dein Gesicht, mein Liebling! Deine Augen! Du siehst irgendwie verzweifelt aus.“

„Ja, wunderst du dich, wenn du mich plötzlich mit solchen Vorhaltungen überschüttest? Ich hatte immer das Gefühl, dass wir am gleichen Strang ziehen und du mit deiner Rolle als Mutter und Hausfrau vollkommen zufrieden und glücklich bist. Wenn du wieder arbeiten willst, kann ich …“

„Nein, mein Schatz. Das will ich nicht. Ich wollte nur einmal ausprobieren, wie es ist, eine nörgelnde Ehefrau zu sein. Gefällt mir aber nicht. Wir hätten in dieser Zeit lieber knutschen sollen.“

„Du bist unmöglich! Du und dein furchtbarer Humor.“

„Ich hatte immer den Eindruck, dass du den an mir besonders liebst.“

„Du bist eine kleine Hexe, ehrlich. Mir ist vor Schreck fast das Herz in die Hose gerutscht!“

„Das habe ich mit Genuss beobachtet. Meinst du im Ernst, dass ich unsere Abmachung vergessen habe? Du wolltest niemals heiraten und eine Familie gründen, weil du schon immer gewusst hast, dass dein Beruf unglaublich wichtig für dich ist. Du wolltest niemanden verletzen, vernachlässigen oder auch nur traurig machen. Ich habe das alles nicht vergessen. Das wäre auch unfair von mir, denn ich habe dir in nächtelangen Gesprächen eine Familie praktisch aufgedrängt.“

„Na ja, gib jetzt nur nicht so an. So eine harte Arbeit war das nun wirklich nicht. Mach dich nicht so wichtig! Ich habe dich von der ersten Minute an geliebt und verehrt. – Also, ich mag diese paar Stunden, die uns jetzt noch bleiben, nicht mit Grundsatzdiskussionen verbringen. Ich wüsste etwas viel Besseres. Das könnte dir unter Umständen auch ganz gut gefallen.“

„Eine Idee hätte ich da auch. Meinst du, wir denken an das Gleiche?“

„Ich glaube schon, Frau Schrader. Dann stellt sich nur noch die Frage, wie Sie es heute denn bevorzugen würden. Eher sanft oder etwas stürmischer?“

„Wie wäre es mit einem Überraschungsprogramm – vielleicht bunt gemischt? Von allem etwas.“

Elena sah Manuel tief und frech herausfordernd in die Augen. Sie liebte diesen Mann so sehr. Sie konnte ihr großes Glück auch heute, nach all den Jahren, manchmal nicht so richtig fassen. Immer noch hatte sie ganz klar das Bild vor Augen, als Manuel in der Klinik vorgestellt wurde. Er stand locker, sehr selbstbewusst und mit einem leichten Lächeln neben Professor Maier, während dieser ihn in einer Kurzfassung bekannt machte und alle seine fachlichen Titel und Kenntnisse aufzählte. Wahrscheinlich hörte aber keine der weiblichen Kolleginnen wirklich zu. Das war so unwichtig – denn die Frauen benötigten definitiv alle Gehirnwindungen, um das optisch Gebotene zu verarbeiten. Diesen Mann würden sie also in Zukunft fast täglich sehen? Sie würden mit ihm zusammenarbeiten „dürfen“. Mindestens eins neunzig groß, ein wunderschönes, kantiges, sehr männliches Gesicht – geschmückt mit zwei blauen Edelsteinen. Sein Mund war wunderschön geschwungen – wie gemalt. Eine Figur wie Adonis – sportlich, muskulös und ein knackiger Po, der in seiner weißen und recht eng anliegenden Hose sehr gut zur Geltung kam. Wow, was für ein Mann! Und dann seine Stimme – warm, weich, freundlich, melodisch und doch so fantastisch männlich. Elenas Kolleginnen waren fast ohnmächtig geworden. Sie übrigens auch – als sein Blick sie streifte, spürte sie ein Feuer in ihrem Gesicht, das sich in Windeseile auf die Ohren und den Hals ausbreitete. Sie fühlte sich wie ein Leuchtturm und schämte sich sehr.

An diesem Tag hatte das große Rennen begonnen. Alle weiblichen Kollegen – ob Ärztin, Krankenschwester, Pflegerin, Putzfrau, Kantinenfrau oder Patientin – himmelten Manuel an und hyperventilierten in seiner Nähe. Ständig fiel einer Kollegin vor Aufregung etwas aus den Händen, wenn Manuel in Sichtweite war. Schnell wurde ein Blick in den Spiegel geworfen, um noch zu retten, was zu retten war. So aufgebrezelt hatte Elena ihre Mitstreiterinnen höchstens einmal im Jahr zur Weihnachtsfeier gesehen. Die Lippenstifte waren immer parat – in greifbarer Nähe – und hätte Manuel alle angebotenen Kaffees tatsächlich getrunken, wäre er vermutlich schon längst an einem Herzinfarkt gestorben. Er schien es so richtig zu genießen, denn er schäkerte und zwinkerte auf Teufel komm raus. Und trotzdem bildete Elena sich ein, dass er auf sie ein besonderes Auge geworfen hatte. Ach was, dachte sie – das denkt sicher jedes weibliche Wesen, das sich in seinem Dunstkreis aufhält. Er hatte eine ganz besondere Art, Frauen Aufmerksamkeit zu schenken, sodass diese sich gleich weiß Gott was einbildeten.

Dann kam der Tag, an dem Elena beschloss, sich an diesem Wettrennen nicht mehr zu beteiligen. Diesen Affenzirkus mache ich doch nicht mit, dachte sie trotzig. Er ist ein schrecklich eingebildeter Lackaffe, der mit den Gefühlen anderer Menschen spielt. Widerlich! Nicht mit mir!

Der Herr Oberarzt verkraftete ihre abweisende Haltung nur sehr schlecht. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass Elena ihn tatsächlich nicht mehr beachtete. Immer wieder versuchte er, sie bewusst und herausfordernd anzulächeln. Er war ganz verliebt in ihre Grübchen. Deshalb wollte er, dass sie möglichst oft zurücklächelte. Noch süßer fand er den feuerroten Kopf, den Elena innerhalb von Sekunden bekommen hatte, wenn er sie angesprochen hatte. Und nun? Hatte sie einen Knopf, den sie auf „Aus“ geschaltet hatte? Wie ging das von heute auf morgen? Sie gab ihm kurze und fachlich einwandfreie Antworten, aber sie errötete nicht mehr und lächelte ihn auch nicht mehr an. Was hatte er falsch gemacht? Hatte er sie beleidigt? Er konnte sich an nichts erinnern, was sie hätte so verletzen können.

Aber Manuel dachte nicht daran, aufzugeben. Er war auch nicht in seiner Ehre verletzt – das jedoch interpretierte Elena in seine Bemühungen, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin jetzt nur interessant, weil ich ihm die kalte Schulter zeige. So was ist der Herr nicht gewohnt. Jetzt muss der Herr Doktor der kleinen, zickigen Krankenschwester zeigen, dass er alles bekommt, was er will. Aber da hat er sich getäuscht, denn mir ist sonnenklar, dass er mich fallen lassen wird, sobald er sein Ziel erreicht hat. Ganz so blöd bin ich dann doch nicht – auch wenn ich nicht studiert habe, weiß ich genau, was der Kerl mit mir vorhat, schimpfte Elena in sich hinein.

Manuel passte seinen Dienstplan immer häufiger an ihren an, bis er letztendlich fast identisch mit Elenas Arbeitszeiten war. Sie konnte ihm so gut wie nicht mehr aus dem Weg gehen und ganz gegen ihren Willen verliebte sie sich immer mehr in ihn. Sie war so wütend auf sich selbst. Elena wollte auf keinen Fall die Kontrolle über ihre Gefühle verlieren, denn am Ende würde sie sicherlich bittere Tränen weinen und zum Gespött der Kollegen werden. Er war nicht aufdringlich, aber jeder konnte spüren und sehen, wie sehr Elena ihm gefiel.

Nach einem dramatischen Todesfall auf ihrer Station war Elena unglaublich erschüttert und mit den Nerven am Ende. Sie wollte nur nach Hause – oder wollte sie doch nicht in ihre kleine Wohnung fahren, um dort alleine zu sein? Sie überlegte angestrengt, ob sie lieber zu ihren Eltern fahren sollte oder zu ihrer Schwester. Ihre Mutter würde Elena mit ihrem jämmerlichen Wehklagen noch weiter herunterziehen und bei ihrer Schwester war es immer sehr laut und turbulent. Ihre Freundinnen waren auf die Schnelle alle nicht verfügbar. Als sie an ihrem Auto angekommen war, hatte sie sich entschieden, nach Hause zu fahren. Dort wollte sie noch ein bisschen spazieren gehen, bevor sie in ihre Wohnung gehen würde.

Erleichtert, zu einem Entschluss gekommen zu sein, setzte sie sich in den Wagen und wollte den Motor starten. Da tat sich allerdings nichts, einfach gar nichts – nicht einmal ein komisches Geräusch bekam sie zu hören. Ganz tief einatmen und noch einmal probieren. Mist! Das hatte ihr gerade noch gefehlt. In letzter Zeit hatte sie oft darüber nachgedacht, wie alt ihre Kiste war und dass sie langsam daran denken musste, dass der Tag X kommen würde, an dem das Auto schrottreif sein würde. Heute schien es so weit zu sein. „Ausgerechnet heute! Das ist wirklich nicht nett, Lissy“, schimpfte Elena, die ihren Autos immer Namen gab, leise vor sich hin. „Nicht heute!“

Plötzlich klopfte jemand an die Fahrertür und Elena erschrak. Es war schon dunkel und erst letzte Woche war eine Frau auf diesem Parkplatz überfallen worden. Doch dann erkannte sie Manuels Gesicht. Sie lächelte schief, drehte die Scheibe herunter und sagte: „Das ist heute wohl kein guter Tag.“

„Will er nicht anspringen?“

„Das ist eine Sie – Lissy“, sagte Elena und ärgerte sich sofort über diese dämliche Antwort.

Aber Manuel lachte herzhaft. „Sie geben Ihrem Auto also auch einen Namen? Mein aktuelles heißt Hugo! Kann ich Sie mitnehmen? Ich habe gerade darüber nachgedacht, dass ich eigentlich keine Lust habe, nach Hause zu fahren. Aber ich habe auch keine Lust auf meine Familie und schon gar nicht auf Freunde. Der Fall hat mich mitgenommen. Dieser plötzliche und völlig unerwartete Tod – und dann die Verzweiflung der Familienmitglieder. Ich werde mich wohl nie wirklich an solche Szenen gewöhnen. Ich schaffe es nicht, mich abzuhärten und abzugrenzen! Kluge und sicher wahre Worte – aber was ist, wenn die Gefühle das anders sehen? Hätte ich doch noch etwas tun können? Habe ich wirklich alles versucht? Habe ich nichts übersehen oder sonst einen schwerwiegenden Fehler gemacht? Es ist so quälend.“

Elenas Mund blieb offen stehen. Zu solchen Gefühlen und Gedanken war dieser Sonnyboy fähig? Er war doch ein oberflächlicher Gigolo. Verdammt, gerade zerstörte dieser Kerl ihr unter großer Anstrengung zurechtgeschneidertes Bild von ihm. Nur so konnte sie die Gefühle, die für ihn immer intensiver wurden, mühsam unterdrücken. Sie hatte ihn sich regelrecht schlechtgeredet. Er ist eine ganz miese Type – und basta! Dann hörte sie sich sagen: „Ja, so geht es mir auch. Aber nicht alleine sein und niemanden treffen zu wollen – na ja, das passt irgendwie nicht zusammen.“

„Ich habe ja nicht ‚niemand‘ gesagt. Mit Ihnen als Mitbetroffene würde ich sehr gerne noch ein Glas Wein trinken und reden.“

„Sie meinen, wir beide?“ Manuel lächelte so lieb, dass Elena gegen ihren festen Willen auf der Stelle dahinschmolz. Das ärgerte sie sehr. Aber sie hatte keine Zeit, sich weiter mit ihren Gedanken zu beschäftigen, weil die Autotür geöffnet wurde, eine Hand nach ihrem Arm griff und sie, wie sie später immer wieder gerne behauptete, quasi ungefragt mitgeschleift wurde.

Manuel verteidigte sich immer wortreich. Er hatte keinerlei Gewalt anwenden müssen. Elena sei ganz selbstständig und ohne den geringsten Widerstand aus ihrem Auto gestiegen und mit ihm zu seinem Hugo gelaufen.

„Hugo – meinen Sie wirklich, dass der Name zu diesem Auto passt?“

„Wieso – was ist daran verkehrt?“

„Dieses megaschicke, sportliche Auto soll Hugo heißen? Das ist eine Beleidigung!“

„Welcher Name würde Ihrer Meinung nach passen?“

„Puma wäre ganz okay!“

Manuel schaute sie an und sagte staunend: „Ja, das ist wahr – der Name ist passend. Aber dann müssen Sie mit uns eine kleine Tauffeierlichkeit veranstalten.“

Jetzt musste auch Elena lachen. Sein Humor gefiel ihr – er war dem ihren sehr ähnlich.

Es wurde ein wunderschöner Abend und der Grund, weswegen sie zusammensitzen wollten, war, wie sie sich später beschämt eingestehen mussten, schnell nicht mehr Thema. Es wurde sogar ein richtig lustiger Abend. Sie stellten fest, dass sie über die gleichen Witze lachen konnten, dass sie beide gerne joggen gingen, in jeder freien Minute lasen, gutes Essen und kreatives Kochen sehr liebten. Dass Elena schon jahrelang von einem exotischen Urlaub träumte, was für Manuel dagegen schon vor langer Zeit zur jährlichen Normalität geworden war. Ebenso stellten sie fest, dass sie den gleichen Musikgeschmack hatten und eifrige Konzertbesucher waren. Auch Kinoabende mit einer Maxipackung Popcorn auf dem Schoß gehörten zu den gemeinsamen Vorlieben.

Nach diesem Abend dauerte es nicht mehr lange, bis aus den beiden ein Paar wurde. Manuel bestand darauf, in der Klinik kein Geheimnis daraus zu machen – gegen Elenas Willen. Sie war immer noch unsicher und suchte insgeheim nach dem berühmten Haken. Warum sollte sich Manuel bei der Riesenauswahl, die ihm zur Verfügung stand, ausgerechnet für sie entscheiden? Sie konnte es einfach nicht glauben, dass Manuel sich in sie verliebt hatte. Das konnte nicht sein.

Elena hatte aber keine Chance – er zeigte seine Liebe zu ihr so offen und frei, dass Elena nicht lange auf die erahnten Reaktionen warten musste. Neid, Eifersucht und böse Blicke waren schnell an der Tagesordnung. Laufend wurden Elena Fehler unterstellt, Fallen gestellt und gemeine Lügen verbreitet. Es war schrecklich und Manuels Standardsatz war: „Lass sie doch, es wird aufhören. Irgendwann wird es ihnen zu blöd, glaub und vertrau mir. Je weniger du darauf reagierst, umso schneller ist Schluss damit!“ Er hatte gut reden – er war nach wie vor der Star.

Aber die Wochen und Monate vergingen und an Manuels Verhalten und Gefühlen änderte sich nichts – ganz im Gegenteil. Er stellte Elena sogar seinen Eltern als „meine Traumfrau“ vor. Herr und Frau Schrader empfingen Elena zwar freundlich, aber keineswegs herzlich. Gleich beim ersten Treffen wurde Belinda – Manuels Kommilitonin und damalige Freundin – erwähnt. Das Ende der Beziehung wurde sehr bedauert, denn Belinda kam aus sehr gutem Hause mit adligen Wurzeln. Ja, da konnte Elena nun wirklich nicht mithalten. In ihr gab es nicht die geringste Spur von Adelsblut – nein, es war dramatischer. Ihre Eltern waren einfache, ehrliche Menschen, die nur ein Ziel in ihrem Leben verfolgt hatten – ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Sie waren mächtig stolz auf ihre beiden Töchter. Die jüngere wurde eine ausgezeichnete Krankenschwester und die Erstgeborene hatte eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert.

Manuel bestand ziemlich schnell darauf – Elena ging es viel zu schnell –, dass sie zu ihm zog. Er machte einen sehr glücklichen Eindruck. Eines Abends, nach einem etwas zu hohen Weingenuss, gestand Manuel Elena mit schleppender Stimme, dass er sich eigentlich nie fest binden wollte. Eine Heirat und Kinder standen nicht auf seinem Lebensplan, weil er sich ganz auf seinen Beruf konzentrieren wollte und sehr hochgesteckte Ziele verfolgte. Auch in der Forschung wünschte er sich eines Tages mitmischen zu können. Um keinen Menschen zu enttäuschen, zu verletzen oder zu vernachlässigen, wollte er von vornherein keine feste Beziehung eingehen und schon gar keine Kinder in die Welt setzen. Er konnte von keiner Frau so viel Verständnis erwarten, wie er brauchte, um seinen Beruf so auszuüben, wie er es für sich geplant hatte – ohne ein dauerhaft schlechtes Gewissen zu haben.

Ja, das war sein ganz konkreter Lebensplan gewesen, bis Manuel Elena kennengelernt hatte. Das erzählte er ihr auch genau so in seinem angesäuselten Zustand. Seit ihrer ersten Begegnung hatte sich seine Meinung jedoch grundlegend geändert. Er musste sich eingestehen, dass die Vernunft gegen Gefühle – echte, starke Gefühle – kaum eine Chance hatte. Er wehrte sich auch nicht sonderlich dagegen. Nein, Elena tat ihm so gut – ihre Natürlichkeit war erfrischend. Sie war authentisch und ehrlich. Er fühlte sich in ihrer Nähe unbeschreiblich wohl und geborgen. Es erschien ihm alles richtig, selbstverständlich und er fühlte sich endlich ganz – komplett. Er hatte in seinem Herzen, trotz völliger Zufriedenheit und Erfüllung durch seinen Beruf, immer eine gewisse Leere verspürt. Es fühlte sich so an, als ob in einem Stückchen seines Herzens ein Vakuum wäre. Im Nachhinein behauptete Manuel oft scherzend, dass es wohl doch ein verdammt großes Stück war, das sich leer angefühlt hatte, weil es für die ganz große Liebe reserviert gewesen war. Wäre Elena in seinem Leben nicht aufgetaucht, wäre dieses Stück wohl für immer leer und unentdeckt geblieben. Er hätte wahrscheinlich niemals erfahren, zu welch intensiven Gefühlen er fähig war. Manuel staunte sehr darüber, wie viel Kraft er aus dieser ehrlichen, tiefen und bedingungslosen Liebe schöpfen konnte. Solche Gefühle hatte er noch nie verspürt – auch nicht, wenn er für ganz außerordentlich große berufliche Erfolge gefeiert wurde. Er verspürte natürlich großes Glück und Zufriedenheit, wenn ihm etwas sehr gut gelungen war – was im Übrigen nicht selten vorkam. Und doch war es jedes Mal nicht das perfekte, einhundertprozentige Glücksgefühl – es fehlte etwas! Vielleicht jemand, der die Freude mit ihm innig teilte.

Seit er mit Elena zusammen war, erreichte er das einhundertprozentige Glücksgefühl regelmäßig – oft hatte er sogar den Eindruck, die Hundertermarke zu überschreiten. Der Kreis hatte sich geschlossen – sein Leben war eine schöne runde Sache. Perfekt!

Dies alles nuschelte er in seiner Weinlaune laut vor sich hin. Elena dankte Manuel für diese Beichte und beschloss, am nächsten Tag mit ihm darüber zu sprechen. Sie wollte zum einen in Ruhe darüber nachdenken und zum anderen war sie sich ziemlich sicher, dass er von dem Gesagten nichts mehr wissen würde. Da hatte sie keineswegs unrecht. Als Elena Manuel einen Tag später mit seinem Monolog konfrontierte, wirkte er sehr erschrocken. Er hatte nie vorgehabt, Elena von seinen ursprünglichen Plänen zu erzählen, weil er sie nicht verunsichern wollte. Inzwischen konnte er sich durchaus eine Heirat und eigene Kinder vorstellen. Ach was, vorstellen – er wünschte es sich von ganzem Herzen und so bald wie möglich.

Jetzt hatte er sich, im betrunkenen Zustand, wohl alles kaputt gemacht. Er wusste wirklich nicht mehr, welchen Unsinn er am vergangenen Abend geredet hatte. Wie weit war er gegangen? Verdammt, wie konnte er sich so volllaufen lassen? Jetzt musste er abwarten und zuhören, was Elena ihm zu sagen hatte. Dann musste er versuchen zu retten, was noch zu retten war. Er sah jedoch schwarz.

„Ich würde niemals von dir verlangen, dass du deinen Beruf vernachlässigst. Ich weiß nur zu genau, wie sehr du diesen liebst und wie wichtig er für dich ist. Du willst helfen – du willst Leben retten. Was soll man dagegen schon sagen? Was soll daran denn falsch sein? Ich jedenfalls habe vollstes Verständnis und werde dich immer unterstützen, weil ich weiß, wie viel dir dein Beruf bedeutet und wie wichtig du für manchen kranken, verzweifelten Menschen bist. Manchmal bist du die allerletzte Hoffnung, der rettende Strohhalm. Ich bin sehr stolz auf dich. Ich verspreche dir, dass ich dir niemals Vorwürfe machen werde, solange ich deine Liebe spüre und mir deiner Zuneigung sicher sein kann.“

Manuel war völlig perplex. Er hatte mit Vorwürfen gerechnet. Er hatte sich darauf eingestellt, sich rechtfertigen zu müssen. Elenas Verhalten an diesem Tag überzeugte ihn gänzlich davon, dass sie die absolut richtige Frau für ihn war.

2

Manuel saß am nächsten Morgen todmüde am Esstisch und versuchte sich auf seine Kinder zu konzentrieren. Lois und Selina texteten ihn zu, und zwar beide gleichzeitig. Keiner von beiden schien eine Antwort zu erwarten. Sie plapperten fröhlich vor sich hin. Also reichte es vollkommen aus zu lächeln, was für Manuel schon anstrengend genug war. Die meiste Zeit verbrachte er sowieso damit, seine Elena beim Werkeln in der Küche zu beobachten. Sie richtete die Vesper für die Kinder und sah wahnsinnig süß dabei aus. Ihre blonden Haare waren völlig verstrubbelt und es hingen ihr mehrere Strähnchen ins Gesicht, die sie immer wieder genervt wegblies. Trotz der kurzen Nacht – nein, nicht die Nacht war kurz, sondern die Schlafzeit der beiden war etwas dürftig ausgefallen, weil sie einfach kein Ende finden konnten – sah Elena zum Anbeißen aus. Immer wieder fielen sie wie vollkommen ausgehungert übereinander her, als ob Manuel für ein ganzes Jahr verreisen würde. Elena hatte ein sehr dünnes Nachthemdchen an und die Zeit schien nicht gereicht zu haben, um die kleinen goldenen Knöpfchen zu schließen. Ein Glück für Manuel, denn immer wieder bekam er einen tollen Einblick in ihr Dekolleté geboten und wenn sie sich umdrehte und etwas aus dem Kühlschrank herausholte, schmiegte sich der hauchdünne rosa Stoff eng um ihre Pobacken. Meine Güte und ich soll mich hier auf ein Gespräch mit meinen Kindern konzentrieren können, dachte er verzweifelt. Wie gerne würde er aufstehen, sie schnappen, in den ersten Stock hochtragen und für Stunden – vielleicht sogar für den Rest des Tages – mit ihr zusammen dort bleiben. Sie war so schön, so besonders.

Mit Schrecken dachte er nochmals über die Szene vom gestrigen Abend nach. Wie würde es um ihre Ehe stehen, wenn Elena sich tatsächlich so verhalten würde? Vorwurfsvoll, verständnislos, eigene Bedürfnisse anmeldend und Ansprüche an ihn stellend, die sein berufliches Treiben massiv beeinträchtigen würden. Gott sei Dank war es nur ein Schauspiel gewesen – ein Scherz. Somit konnte er heute wieder wie gewohnt glücklich, sorgenfrei und beschwingt – sich ganz auf sein Ziel konzentrierend – losziehen, um erneut einen großen beruflichen Schritt nach vorne zu machen. Das wäre doch ein tonnenschweres Päckchen, das er mitschleppen müsste, wenn er mit solchen Vorwürfen im Ohr und einer beleidigten Ehefrau im Herzen von dannen ziehen müsste. Elena ist einfach großartig und einzigartig – sie ist mein persönlicher Sechser im Lotto, stellte Manuel glücklich fest. Ihr gemeinsames Leben war manchmal wirklich allzu perfekt.

Was hatte Elena heute Nacht wieder einmal – wie schon so oft – in sein Ohr geflüstert? „Ich hab so Angst, dass etwas Schreckliches passiert. Es ist alles viel, viel zu schön, um wahr zu sein. So kann es doch nicht für immer bleiben!“

„Ich werde mir die größte Mühe geben, meine Süße, dass es für immer und ewig so bleibt“, hatte er voller Inbrunst geantwortet.

Der Abschied war wie immer, wenn er für längere Zeit verreiste. Sie drückten und küssten sich innig – immer und immer wieder. Er wendete sich ab zum Gehen, kam wieder einen Schritt zurück und alles ging von vorne los. Es war jedes Mal das gleiche Spielchen und die Kinder machten sich mit ihren vier und sechs Jahren schon lustig über dieses Ritual. Sie sahen sich lange und intensiv in die Augen und Elena wünschte ihm alles Glück der Welt. „Ich werde in Gedanken bei dir sein, mein Schatz, und bitte melde dich, sobald du eine Gelegenheit dazu hast. Ich bin so gespannt. Lass mich nicht zu lange schmoren.“

Jetzt musste er sich wirklich gewaltsam loseisen, denn sein Flugzeug würde nicht auf ihn warten. Er musste die Kinder unterwegs noch abladen und bis zum Flughafen hatte er bei guten Verkehrsverhältnissen mindestens eine halbe Stunde Autofahrt vor sich. Manuel strich Elena die lästigen Haarsträhnchen aus dem Gesicht, sah ihr nochmals tief in die Augen und bedeckte ihr ganzes Gesicht mit Küssen. Dann gönnte er sich noch einen verschmitzten Blick in ihr Nachthemd und wurde dafür ordentlich gekniffen. „Pass gut darauf auf!“

„Du bist ein alter Lustmolch!“

„Was ist ein Lustmolch?“, fragte Selina neugierig.

„Komm, ich erkläre es dir im Auto, Maus“, sagte Manuel und zog die Kleine mit einem Augenzwinkern zum Auto.

Unmöglicher Kerl, dachte Elena selig, als sie ihm nachsah, wie er fröhlich mit ihren Kindern Spaß machte und mit beiden an der Hand zur Garage rannte. Es ist alles so schön, so perfekt, so unnatürlich, überirdisch einmalig. Wie komme ich zu diesem unverschämten Glück? Alle meine Freundinnen schlagen sich mit Partnerschaftsproblemen und zum Teil großen Schwierigkeiten mit ihren Kindern herum. Bei mir läuft alles wie von selbst – so entspannt, so unkompliziert. Wenn es einmal ein Problem – besser gesagt ein Problemchen – gibt, wird es schnell, vernünftig und zur Zufriedenheit aller Beteiligten gelöst. Meine Kinder bocken äußerst selten. Die beiden sind meistens fröhlich, brav und wenn etwas geklärt werden muss, akzeptierten sie normalerweise ohne größere Diskussionen die vorgegebenen Regeln, dachte Elena dankbar.

Es war nicht so, dass die Kleinen keine eigene Meinung hatten oder äußern durften, aber sie ließen sich mit vernünftigen Argumenten eines Besseren belehren. Lois und Selina verhielten sich sehr höflich, rücksichtsvoll, hilfsbereit und mitfühlend gegenüber Dritten. Das Verhaltensmuster war exakt das, wie es Elena und Manuel ihnen vorlebten. Im Kindergarten wurden die beiden sehr oft gelobt und als leuchtende Vorbilder angepriesen.

„Das kann ja nicht immer so bleiben. Ich fürchte mich sehr – dieses makellose Glück ist mir unheimlich, Manuel“, hatte Elena erst neulich wieder geklagt.

„Wir können uns ja gerne Probleme anschaffen, wenn du unbedingt welche möchtest oder zu deiner Beruhigung brauchst“, hatte Manuel sie lachend geneckt. „Du hast ja auch sehr lange an einen Haken in unserer Beziehung geglaubt. Du hast immer darauf gewartet, dass ich endlich mein wahres, also mein böses Gesicht zeige. Und? Wartest du immer noch oder hast du es endlich aufgegeben?“

Er hatte ja recht. Eigentlich sollte sie jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und Sekunde einfach nur genießen. Wenn ein Elend über sie hereinbrechen sollte, würde es ausreichen, sich erst dann verrückt zu machen. Es war schon ziemlich dumm, sich gute Zeiten mit ängstlichen Gedanken wie „Was ist, wenn …“ zu verderben. Manuel hatte recht – wie immer! Er war so klug – sie liebte ihn so sehr. Er war ihre Luft zum Atmen, er war ihre wärmende Sonne! Oh, das hört sich schon sehr kitschig an – fast schon poetisch, stellte Elena schmunzelnd fest. Übertreibe ich mit meinen Empfindungen? Idealisiere ich unsere Beziehung zu sehr? Nein, beschloss Elena mit voller Überzeugung, alles ist genau so, wie ich es gerade gedacht habe. Meine Liebe zu Manuel ist definitiv so groß und intensiv! Und deswegen schrieb sie diesen Satz auch genau so als Nachricht an Manuel – mit vielen Herzen und Kussmund. So, jetzt aber ans Werk, Frau Schrader! Der Haushalt erledigt sich nicht von allein und einkaufen sollte ich auch noch ganz dringend.

In Windeseile, fröhlich und mit lauter Musik, die durch das ganze Haus dröhnte, erledigte sie alles, was sie sich für diesen Morgen vorgenommen hatte. Dann machte sie sich schick und schließlich auf den Weg zum Einkaufen. In der Garage angekommen, stellte sie fest, dass sie ihren Einkaufszettel in der Küche vergessen hatte. „Ja, wer es nicht im Kopf hat, der muss es in den Beinen haben“, murmelte sie belustigt. Auf dem Weg in die Küche schaute sie nochmals auf ihr Handy, ob Manuel auf ihre Nachricht geantwortet hatte. Nein, hatte er nicht, stellte sie enttäuscht fest. Bestimmt saß er schon im Flugzeug neben einem ach so wichtigen Menschen, mit dem er sich ernsthaft und äußerst fachmännisch unterhalten musste. Als Elena wieder aus dem Haus kam, erschrak sie beim Anblick der zwei Polizisten, die auf sie zukamen. Sie sah sie fragend an und war sich sicher, dass sie sich im Haus geirrt hatten.

„Frau Schrader, Elena Schrader?“

„Ja, das bin ich“, sagte sie noch mit fester Stimme und dachte, dass die beiden wenigstens guten Tag sagen könnten. Aber vielleicht ist es ja kein guter Tag mehr, dachte sie plötzlich, von einer schrecklichen Ahnung erfasst.

Dann baten die beiden Herren darum, ins Haus eintreten zu dürfen. Elena führte sie ins Wohnzimmer, während sich eine starke Unruhe und Hitze in ihrem Bauch ausbreitete und ihr Kopf zu glühen anfing. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Sie spürte regelrecht, dass von den beiden Uniformierten etwas Schreckliches, etwas Vernichtendes kommen würde. Etwas, das sie vollkommen aus der Bahn werfen könnte. Sie sollen wieder gehen! Geht doch einfach wieder, wollte Elena am liebsten laut schreien. Ich will das nicht. Ich will nichts von euch hören – kein einziges Wort dürft ihr sagen, wehrte sie sich innerlich ganz verzweifelt. Aber sie sah, wie der Mund des kleinen, dicken Polizisten sich zu bewegen begann. Er sprach wohl schon – sie sollte ihm zuhören.

„… es war eine schlimme Massenkarambolage. Er war sofort tot.“

Das hörte Elena, als sie wieder in der Lage war, sich auf das Gesprochene zu konzentrieren. „Wer war sofort tot?“, hörte sie sich fragen.

„Ihr Mann, Frau Schrader. Sie sagten doch, Sie seien Elena Schrader.“

„Mein Mann sitzt im Flugzeug nach Berlin. Es kann sich hier nur um eine Verwechslung handeln.“

„Es ist auf dem Weg zum Flughafen zu einem schlimmen Unfall gekommen. Wir wissen noch nicht, warum es dazu kam. Es tut uns wahnsinnig leid, Ihnen so eine Nachricht überbringen zu müssen. Gibt es jemanden, den wir für Sie anrufen können? Sie sollten jetzt nicht alleine sein.“

„Meine Schwester, Julia“, hörte Elena sich antworten. Es war, als ob sie neben sich stehen und sich selbst beobachten würde. Es war alles so gespenstisch. Nein, sie träumte sicher nur und würde gleich aufwachen. Bestimmt! Manuel war ein sehr guter und sicherer Autofahrer.

„Könnten wir bitte die Nummer Ihrer Schwester haben? Dann rufen wir sie an.“

Wie ferngesteuert nahm sie das Handy aus ihrer Tasche und schaute nochmals nach, ob Manuel geantwortet hatte. Vielleicht hatte er es sogar gerade eben getan. Dann hätte sie einen handfesten Beweis, dass es sich hier nur um eine Verwechslung handeln konnte. Aber nein, da war keine Nachricht. Ihre Hände zitterten unkontrolliert. Ihre Beine fühlten sich an, als ob sich sämtliche Knochen langsam in weichen Schleim verwandeln würden. Dann wurde es schwarz um Elena.

3

Sie wachte auf dem Sofa liegend mit unbeschreiblichen Kopfschmerzen wieder auf. Oje, habe ich zu viel getrunken?, dachte sie amüsiert. Soll ja in den besten Familien vorkommen. Sie startete einen neuen Versuch, die Augendeckel nach oben zu hieven. Aua, verflixt, das schmerzt aber sehr. Das muss verdammt viel Alkohol gewesen sein. Wie peinlich! Ich lasse mich als Vorbild volllaufen! Das ist doch nicht mein Stil, stellte sie betrübt fest.

„Sie wird wach“, sagte eine Stimme. Eine vertraute Stimme. Das hörte sich sehr nach Julia an. Was um Himmels willen hatte Julia mit ihrem Zustand zu tun?

„Elena?“ Eine Hand legte sich auf ihre Stirn und Elena dachte, das müsse King Kongs Hand sein – wie schwer war die denn? Also, ich brauche jetzt klare Verhältnisse, beschloss Elena tapfer. Sie gab sich einen großen Ruck und schaffte es, unter massiver Anstrengung die Augen zu öffnen. Tatsächlich, da stand Julia. Aber warum hatte sie ein tränenüberströmtes Gesicht? Julia war normalerweise keine Heulsuse. Ganz im Gegenteil, sie war sehr hart im Nehmen. Wie oft hatte sie früher die Jungs damit beeindruckt. Julia war eine ganz Coole.

„Elena? Wie fühlst du dich?“

„Ich hoffe, die Sause war es wert, dass ich mich so fühle, wie ich mich fühle“, scherzte Elena.

„Sie ist von der Spritze noch ganz benebelt“, sagte eine fremde Stimme hinter ihr.

Elena versuchte den Kopf zu drehen, um nachzusehen, wer so einen Mist redete. Spritze? Was für eine Spritze denn? Sie schaute sich langsam um – fast im Zeitlupentempo drehte sie ihren Kopf in alle Richtungen. Dabei musste sie deutliche Einschränkungen in Kauf nehmen, denn ihr Vorhaben, sich Klarheit zu verschaffen, war sehr schmerzhaft. Ja, das war ihr Wohnzimmer und sie lag auf dem Sofa, auf dem sie gestern Abend mit Manuel … Manuel, da war doch etwas. Was war mit Manuel? Sie strengte sich sehr an, um einen klaren Gedanken fassen zu können, aber es wollte ihr nicht gelingen. Wo waren die Kinder? Was war hier los?

„Spritze?“, fragte sie leise. Mehr schaffte sie nicht zu sagen.

„Elena, es ist etwas Schreckliches passiert. Du bist zusammengebrochen, weil – weil Manuel verunglückt ist. Er ist tödlich verunglückt, Elena.“

Mühsam versuchte sie, das Gesagte in ihrem Kopf ankommen zu lassen und einzusortieren. Es fühlte sich an, als ob ihr Kopf in Watte gepackt wäre. Sie hatte es gehört, sie hatte es verstanden – aber die Worte lösten nichts in ihr aus. Sie konnte deren Inhalt nicht realisieren. Tot, Manuel war tot. Das hatte Julia gerade eben gesagt. Sie schloss die Augen wieder, weil sie nicht mehr imstande war, diese noch länger geöffnet zu halten.

„Lassen wir sie noch ein bisschen schlafen. Gönnen wir ihr noch eine kleine Pause“, sagte die fremde Stimme.

Elena strengte sich sehr an, nicht wieder einzuschlafen. Manuel tot, Manuel tot, hämmerte es in ihrem Kopf. Schließlich gab sie dem Drang nach und schlief mit dem Gedanken ein, dass Manuel, wenn sie aufwachte, bestimmt wieder bei ihr sein würde.

Elena erwachte erneut, aber Manuel war dennoch nicht bei ihr. Ihre Schwester war aber immer noch da. Sie hielt ihre Hand und war wohl vor Erschöpfung eingeschlafen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Elena wirklich munter war und einigermaßen klar denken konnte. Aber was ihr dabei einfiel, war eine Katastrophe und durfte nicht wahr sein. Mehr und mehr drang die Wahrheit in ihr Bewusstsein. Sie wollte Julia nicht wecken, sie wollte nicht reden müssen – es war totenstill im Zimmer. Bei dem Wort „totenstill“ konnte Elena sich nicht mehr beherrschen und es brachen alle Dämme auf einmal. Elena schluchzte, zitterte und ließ den Tränen freien Lauf. Erschrocken fuhr Julia aus ihrer Schlafposition hoch, sammelte sich aber sofort und nahm Elena fest in den Arm. Sie sagte nichts. Sie wusste genau, dass es keine Worte gab, die Elena den Schmerz hätten nehmen oder auch nur lindern können.

„Die Kinder sind bei Irina und Max“, flüsterte Julia. Dann drückte sie Elena nur noch wortlos an sich und spürte selbst einen unbeschreiblichen Schmerz in der Brust.

„Es war zu perfekt, einfach zu perfekt“, presste Elena unter großer Mühe hervor. Das war der einzige Satz, den sie an diesem Abend sprach.

Keine der beiden hätte am nächsten Tag sagen können, wie sie die Nacht überlebt hatten. Irgendwann war sie zu Ende. Es herrschte die ganze Zeit absolute Stille. Außer ihren Atemgeräuschen und immer neuen Wein- und Schluchzattacken war nichts zu hören. So war es gut, stellte Elena am nächsten Morgen fest, als immer mehr Menschen sich in ihrem Haus versammelten. Alle wollten ihr beistehen. Alle hatten Fragen, die sie nicht beantworten konnte. Ihre Eltern, ihre Freundinnen, Manuels Freunde, Kollegen aus der Klinik, ja sogar Nachbarn wollten helfen. Die Nachricht von Manuels Tod hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Alle waren fassungslos, hilflos und tief betroffen. Die einen gingen gleich wieder, andere blieben länger und es kamen immer neue Menschen dazu. Elena fühlte sich, als ob sie in einem Käfig oder Schaufenster sitzen würde und eine besondere Attraktion sei. Verstohlen richteten sich die Blicke auf sie, bis sie es nicht mehr aushielt. Sie stand einfach auf und ging aus dem Haus. Julia rannte ihr hinterher. „Wohin gehst du, Elena?“

„Ich will zu meinen Kindern. Ich fahr zu Irina und Max.“

„Ich fahre dich.“

„Ja, das wäre gut.“

Irina öffnete die Tür – auch sie hatte ganz verweinte Augen. Ihr schlichtes „Es tut mir leid“ und „Ich bin jederzeit für dich da“ taten Elena gut. Keine große Reden und leeren Versprechungen, dass es schon wieder gut werden und der Schmerz sicher bald nachlassen würde. Nur einfache, ehrlich gemeinte Worte und eine herzliche Umarmung. Das reichte völlig aus.

„Lois und Selina sind oben bei Leon im Zimmer. Ich habe ihnen noch nichts gesagt, aber wenn du mich dabeihaben möchtest, stehe ich dir gerne zur Seite.“

„Kann ich sie im Wohnzimmer sprechen und ihr beide haltet euch bitte in der Küche bereit für den Fall, dass ich es nicht packe?“

„Ja, so machen wir es. Ich hole die beiden.“

Elena war nicht in der Lage, richtig zu denken. Zu fühlen, erlaubte sie sich nicht, denn sie wollte – musste für ihre beiden Kinder stark sein. Ihr war nur zu klar, dass sie das nicht mehr sein konnte, wenn sie es nicht schaffte, ihre Gefühle zu unterdrücken. Sie registrierte aber trotzdem, wie gut ihr Julias und Irinas Art, mit dieser Situation umzugehen, tat. Schlicht und einfach, keine großen Worte, kein „Oh, du Arme“ oder „Die armen Kinder“. Sie schauten ihr beide in die Augen, wenn sie mit ihr redeten, ansonsten waren sie einfach nur da – still, aber da.

Selina und Lois stürmten freudig auf sie zu und drückten sie. „Warum hast du uns von der Überraschung nichts erzählt? Es war so toll und hat echt Spaß gemacht. Wir haben so viel gespielt – Samira hat immer so tolle Ideen. Ich möchte auch eine große Schwester, Mami“, schnatterte Selina.

„Selina, Lois, ich muss euch etwas sagen.“

Erst jetzt schauten die beiden ihre Mama richtig an und man konnte an ihren erschrockenen Gesichtszügen erkennen, dass sie bemerkt hatten, dass mit ihrer Mami etwas nicht stimmte. Jetzt hatte Elena die volle Aufmerksamkeit ihrer Kinder.

„Es ist etwas sehr Schlimmes passiert. Ich werde euch sehr, sehr wehtun mit dem, was ich euch jetzt sagen muss.“

Beide sahen sie mit großen, ängstlichen Augen an. Keiner der beiden sagte einen Ton und keiner bewegte sich – keinen einzigen Millimeter.

„Euer Papa ist …“

Selinas Augen füllten sich bereits mit Tränen. Sie war schon immer ein sehr sensibles Kind gewesen, aber dass sie mit ihren sechs Jahren so schnell eine Tragödie erspürte, war bemerkenswert. Sie fixierte ihre Mama mit einem verzweifelten, aber auch wissenden Blick. Selina nickte Elena leicht zu, als ob sie ihr Mut zum Reden machen wollte.

„Papa ist verunglückt. Er hat nicht … Er ist …“

„… verletzt“, sagte Lois. „Ist er von einem Krankenwagen abgeholt worden? So richtig mit Blaulicht? Besuchen wir ihn gleich?“

Zusammenreißen, reiß dich zusammen, Elena! „Nein, Lois, Papa durfte nicht in einem Krankenwagen mitfahren. Papa ist nicht im Krankenhaus. Papa ist im Himmel. Die Engelchen haben ihn zu sich geholt, mein Schatz.“

Selina fing an zu weinen. Lois sah Elena noch immer mit großen, unverständigen Augen an. „Du meinst, er ist da oben im Himmel?“

„Ja, mein Schatz. Er schaut bestimmt gerade auf uns herunter.“

„Das will ich aber nicht!“, schrie Selina plötzlich mit einer ganz hysterischen, fremden Stimme. Sie fing an zu zittern und ließ sich einfach auf den Boden fallen. Sie wälzte sich hin und her und gab animalische Töne von sich, die Lois so sehr erschreckten, dass er sich ganz eng an seine Mama klammerte. Gott sei Dank kamen Julia und Irina in diesem Moment ins Zimmer und übernahmen die Führung. Elena war am Ende ihrer Kräfte und brauchte selbst Hilfe. Zusammenreißen ging nicht mehr. Sie knickte ebenfalls ein, klammerte sich an Selina und die beiden ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Lois war geschockt – er war wie paralysiert und konnte das alles nicht begreifen. Papa war plötzlich im Himmel, seine Mami und seine Schwester hockten weinend auf dem Boden und beide schrien furchtbar laut. Mama versuchte nach ihm zu greifen, um ihn an sich heranzuziehen. Das erschreckte Lois aber so sehr, dass er einen Schritt nach hinten machte und stürzte. Jetzt fing auch er an zu weinen und Irina beschloss spontan, das Wohnzimmer mit dem Kleinen zu verlassen.

Julia kniete sich auf den Boden und nahm ihre Schwester und ihre Nichte fest in den Arm. Sie schaukelte sie sanft hin und her, überließ sie aber ansonsten, ohne ein Wort zu sagen, ihren Gedanken und ihrem Schmerz. Irgendwann fragte Julia fast flüsternd: „Sollen wir langsam nach Hause fahren oder möchtet ihr lieber hier schlafen? Irina hat es angeboten.“

Ohne lange zu überlegen, sagte Elena: „Ich möchte gerne nach Hause, aber die Menschen sollen bitte alle weg sein. Kannst du dafür sorgen?“

Julia nickte. „Sie sind schon alle weg.“

„Wirklich alle?“

„Ja, Elena. Ich dachte mir schon, dass du nach Hause und dort alleine mit deinen Kindern sein möchtest.“

„Julia, es wäre wirklich lieb, wenn du bleiben könntest. Ich weiß, es ist viel verlangt. Du hast selbst eine Familie zu versorgen …“

„Mama kümmert sich um alles. Ich bleibe!“, unterbrach Julia ihre Schwester.

„Danke!“ Elena versuchte aufzustehen, aber sie schaffte es nicht allein. Ihre Knie zitterten so sehr, dass sie sofort wieder einknickte.

Selina hatte alles wie aus weiter Ferne gehört und bewegte sich keinen Millimeter, doch als ihre Mama zusammensackte, kam Leben in ihren Körper. Sie hatte sich sehr erschrocken. „Mama, was ist los? Ist dir schlecht?“

„Nein, mein Schatz, es geht schon wieder.“

Elena erhob sich mit Julias und Irinas Hilfe, die inzwischen ebenfalls im Wohnzimmer stand, und ließ sich zum Auto führen. Julia und Irina nahmen jeweils ein Kind an die Hand. Max, Leon und Samira standen völlig hilflos an der Haustür, getrauten sich aber nicht, irgendwas zu sagen. Max dachte, dass er noch nie so ein trauriges Bild gesehen hatte, und er ärgerte sich sehr über seine Unfähigkeit, etwas Vernünftiges oder Hilfreiches zu sagen.

Irina drückte die drei, sah Elena tief in die Augen und sagte: „Tag und Nacht – du weißt es!“

Zu Hause angekommen, schloss Julia die Haustür auf und wartete darauf, dass die drei ins Haus gingen. Aber sie standen da, als ob vor ihnen eine unsichtbare Wand wäre, durch die sie nicht gehen konnten. „Zurück zu Irina? Oder zu uns nach Hause? Auch Papa und Mama haben angeboten, euch aufzunehmen.“

„Nein, gib uns nur noch einen kleinen Moment.“

Irgendwann setzten sie sich dann, ganz eng aneinandergedrückt, in Bewegung. Bei diesem Anblick schnürte es Julia den Hals zu. Einen guten Schritt im Haus und sie stockten wieder. Wahrscheinlich war es Elenas Rhythmus, aber die Kinder passten sich ihren Bewegungen an. Elena drückt die beiden so eng an sich, dass es sie sicher schmerzen muss, dachte Julia. Sie sah an Elenas völlig verkrampften Händen die weißen Knöchel hervortreten. Ihre Schwester sah sich um, als ob sie dieses Haus das erste Mal in ihrem Leben betreten würde. Ganz langsam schaffte es Julia, die drei ins Wohnzimmer zu schieben. Sie sorgte dafür, dass sie sich auf die Couch setzten. Dann ging sie in die Küche, um Tee zu kochen und etwas zum Essen herzurichten.

„Papa ist immer viel zu schnell gefahren, Mami. Warum hat er nicht auf dich gehört?“ Selina sah ihre Mama mit großen Augen an.

Elena suchte verzweifelt nach den richtigen Worten. „Selina, es steht noch gar nicht fest, ob dein Papi zu schnell gefahren ist. Das wird die Polizei noch herausfinden.“

Es herrschte wieder Stille.

„Jetzt ist er bei meiner Einschulung nicht dabei“, sagte die Kleine weinend.

Julia drückte ihre Nichte ganz fest an sich. „Nein, Selinchen, und wir alle sind sehr traurig deswegen. Aber alle anderen Familienmitglieder werden bei dir sein.“

Elena konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ihr heftiger Ausbruch erschreckte die Kinder wieder so sehr, dass Julia mit ihnen nach oben ging. Der Gedanke, Elena alleine zu lassen, gefiel ihr nicht. Aber wahrscheinlich war der Anblick ihrer verzweifelten Mami für die Kinder momentan sogar schlimmer als der Gedanke an den Verlust ihres Papas. Die Nachricht von Manuels Tod konnten sie sicher noch nicht realisieren.

Julia setzte sich im Spielzimmer auf die Matratze und forderte die beiden auf, sich hinzulegen und die Köpfe auf ihren Schoß zu betten. Beide taten wortlos, was Julia gesagt hatte. Dann streichelte Julia ihre Köpfchen ganz sanft, bis ihre Atemzüge ruhiger und gleichmäßiger wurden. Lois und Selina schliefen recht schnell ein und Julia konnte wieder nach ihrer Schwester schauen.

Sie fand Elena immer noch auf der Couch sitzend, aber ihr Körper war ganz verdreht. Sie drückte das Gesicht in das Rückenteil des Sofas – es sah sehr seltsam aus. „Elena?“

„Es riecht so gut, so vertraut. Vorgestern Abend hat Manuel genau hier gesessen.“

„Magst du reden?“

„Was gibt es denn zu reden, Julia? Manuel ist für immer weg – egal was und wie viel ich rede. Er kommt nie wieder! Kannst du dir das vorstellen? Gestern Morgen saß er noch am Frühstückstisch – putzmunter. Und jetzt ist er nicht mehr da.“ Die Tränen kullerten Elena wie eine nicht enden wollende Perlenkette über die Wangen. „Julia, ich wusste, dass etwas passieren würde. Ich wusste es ganz genau. Ich habe es gespürt – schon sehr lange und ich hatte Angst davor. So glücklich, wie wir miteinander waren, so eine beängstigende Übereinstimmung in nahezu allen Lebenslagen und Fragen, so viel Harmonie – das hätte ja unmöglich für immer so bleiben können! Das war mir immer klar. Aber so ein Ende …“ Elena drückte ihr Gesicht wieder in die Sofakissen. „Wie, wie soll ich nur ohne Manuel weiterleben? Julia, ich kann das nicht! Es wird nicht gehen!“

„Du musst. Du hast zwei wunderbare Kinder, für die du verantwortlich bist – sie sind auch Manuels Kinder. Du bist es ihm schuldig. Sie sind aus eurer wunderbaren, einmaligen Liebe entstanden. Sie sind das, was dich für immer mit Manuel verbinden wird. Selina und Lois sind der lebendige Beweis eurer fantastischen Beziehung.“

„Ich werde funktionieren, aber leben werde ich nicht mehr.“

„Die Zeit.“

„Nein, Julia, bitte sag das nicht – auch vergangene Zeit wird nichts daran ändern. Ich will es auch nicht. Ich werde mit diesem Schmerz bis ans Ende meiner Tage leben müssen.“

4

Am nächsten Morgen dachte Elena mit großem Schrecken an ihre Schwiegereltern. Erst jetzt fielen ihr die beiden ein. Sie hatten ihren Sohn – ihr zweites Kind – durch einen Unfall verloren. Ich muss mit den Kindern zu ihnen fahren, dachte Elena und in ihr sträubte sich alles gegen diesen Gedanken. Natürlich hätten sie sich auch bei ihr melden können, aber dass sie es nicht taten, bestätigte ihr nur wieder aufs Neue, wie wenig sie ihnen als Schwiegertochter willkommen war. Sie hatten immer wieder zu verstehen gegeben, dass sie sich für ihren Manuel eine andere Frau gewünscht hätten. Sie liebten die Kinder – auf ihre Art. Es war nicht die herzliche, vertraute, körperlich enge Beziehung wie zwischen ihren Eltern und den beiden. Es war eher eine steife und distanzierte Angelegenheit, aber sie strengten sich an. Das zumindest hatte Manuel immer wieder behauptet. „Wir wären für das bisschen Interesse und Zuneigung schon sehr dankbar gewesen“, hatte er immer wieder gesagt.

Als Julia vom Bäcker zurückkam, bat Elena sie um ihre Begleitung für den bevorstehenden schweren Gang. Es war eine Autofahrt von ungefähr einer Stunde und das traute sie sich nicht zu. „Du wärst mir eine große Stütze, Julia“, erklärte Elena traurig.

Die Fahrt wurde sehr schweigsam – obwohl Julia sich sehr bemühte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Elena war abwesend und auch sehr angespannt. Der Besuch war ein Anstandsakt und keine Herzenssache. Sie ahnte, dass die beiden keinen Wert auf ihren Besuch legten, aber die Kinder würden ihnen bestimmt guttun. Der Verlust war für die beiden sicher unbeschreiblich groß, weil sie nun schon das zweite Kind durch einen Unfall verloren hatten. Manuels Schwester war vor vielen Jahren ebenfalls bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die näheren Umstände wurden Elena nie erläutert. Das Thema wurde einfach totgeschwiegen – auch von Manuel. Obwohl sie sich so vertraut waren und sich restlos alles erzählten, ihr Innerstes dem anderen gegenüber stets nach außen gekehrt hatten, war dieses Thema immer ein Tabu. Das fand Elena schon immer sehr komisch, aber irgendwann hatte sie es aufgegeben, das Thema anzusprechen – auch wenn es ihr immer wieder einen Stich versetzte, weil Manuel nicht mit ihr darüber reden wollte. Es wurde ein richtiges Geheimnis um die Sache gemacht – warum nur? Elena fühlte sich dadurch noch mehr aus der Familie ausgegrenzt – was sie durchaus schon gewohnt war. Dass Manuel sich jedoch an der Ausgrenzung beteiligte, machte sie sehr traurig. Für eine lange Zeit quälte sie auch die Neugierde und sie versuchte, von den gelegentlichen Gästen der Schraders Näheres zu den Umständen des Unfalls zu erfahren. Auch hier erhielt sie nur ausweichende Antworten und es wurde immer sofort das Thema gewechselt.

Als Julia das Auto geparkt hatte und aussteigen wollte, sah sie Elena an, wie schwer ihr dieser Gang fiel. Sie sah ängstlich zu der wunderschönen alten Villa mit dem parkähnlichen Garten. Julia war noch nie hier gewesen. Sie kannte das Anwesen nur aus Elenas Erzählungen. Aber es war noch schöner und beeindruckender, als sie es sich vorgestellt hatte.

Nachdem sie an der Haustür geklingelt hatten, öffnete eine sehr schöne Frau ihres Alters. Elena kannte sie nicht – sie war ihr im Hause Schrader noch nie begegnet.

„Sie sind Elena!“, sagte die Frau freundlich. Elena war so baff, dass sie überhaupt nicht reagierte. Die Frau schien aber auch keine Antwort zu erwarten, denn sie sagte gleich: „Kommen Sie bitte herein.“

Sie führte sie ins Wohnzimmer – nein, in den Salon. So wurde das Wohnzimmer in dieser Villa genannt und es wurde vor allem von der Hausherrin unglaublich viel Wert auf diese Bezeichnung gelegt. Damit hatte Elena Manuel immer aufgezogen. Die Schwiegereltern saßen aufrecht und korrekt in ihren Sesseln – so wie Elena es kannte. Frau Schrader tupfte sich die Augen trocken und setzte sich bei Elenas Anblick noch aufrechter hin. Julia schickte die Kinder mit der Bitte los, ihren Großeltern höflich guten Tag zu sagen. Renate und Ludwig streckten den beiden ihre Hände entgegen, die diese nur zaghaft entgegennahmen. Der Opa strich ihnen sogar kurz und unbeholfen über die Haare, was die Kinder für einen Moment erschreckte. Sie waren es nicht gewohnt, von Renate und Ludwig berührt zu werden. Dann war Elena an der Reihe. Sie reichten sich die Hände und Elena sprach ihr Beileid aus. Die alten Herrschaften hielten es selbstverständlich nicht für notwendig, Elena ebenfalls ihr Beileid kundzutun. Sie war nicht sonderlich überrascht, hatte es nicht einmal erwartet. Auch Julia erfüllte ihre Pflicht. Dann trat eine betretene Stille ein.

Elena und die Kinder standen hilflos und verloren mitten im Raum. Obwohl es sich wahrscheinlich nur um Sekunden gehandelt hatte, schien es Elena eine Ewigkeit zu dauern, bis die fremde Frau sie endlich bat, Platz zu nehmen, und höflich nachfragte, ob sie Kaffee oder Tee trinken mochten. Sie fragte auch bei den Kindern liebenswürdig nach, was sie gerne hätten. Frau Schrader bemerkte Elenas fragenden Blick, der auf die fremde Frau gerichtet war. Sie sagte es, wie Elena schien, mit Genuss: „Darf ich vorstellen: Frau von Baslingen – Belinda von Baslingen.“

Oh, dachte Elena, Manuels Ex, die Traumschwiegertochter. Warum war die denn hier? Es gab doch ihres Wissens keinen Kontakt mehr. Renate war auf jeden Fall übertrieben nett zu Belinda und diese war außerordentlich freundlich zu dem Besuch. Sie gab sich große Mühe, eine Unterhaltung in Gang zu bringen. Als ihr klar wurde, dass das unmöglich war, fragte sie Elena und Julia, ob sie vielleicht Lust hätten, sich mit ihr die Füße zu vertreten. Elena schaute sie erstaunt an und stimmte dann rasch und sehr erleichtert zu. Es war zwar etwas befremdlich, mit Manuels Ex spazieren zu gehen, aber es war auf jeden Fall besser, als den Schwiegereltern im Salon gegenüberzusitzen und mit jedem Wort und jeder Geste zu erkennen, wie wenig willkommen sie war.

Sie dachten nicht im Traum daran, sie nach ihrem Befinden zu fragen. Es wurde nur nüchtern über die Obduktion und die Untersuchung des Unfallhergangs gesprochen und natürlich wurde mit einer großen Selbstverständlichkeit bestimmt, dass Manuel im großen Familiengrab seine letzte Ruhestätte finden würde. Und auch sonst schien für die Beerdigung alles schon geplant zu sein. Nur der Termin konnte noch nicht festgelegt werden. Wahnsinn, wie nüchtern diese Menschen waren. Elena hatte es noch nicht geschafft, über diese Dinge nachzudenken – sie wollte es auch nicht. Und jetzt hatte sie kein Wörtchen mehr mitzureden.

Man sah den beiden den tiefen Schmerz sehr wohl an. Die Haut war grau, die Augen ganz trüb und ihre aufrechte Haltung sah sehr künstlich aus – es schien sie sehr viel Kraft und Anstrengung zu kosten, in dieser Pose zu verharren und die Contenance zu bewahren. Also erhob Elena sich mühsam und gab zu verstehen, dass sie das Angebot von Frau von Baslingen gerne annehmen würde. Auch wenn sie nicht die geringste Ahnung hatte, was sie mit ihr reden sollte, war das eindeutig das kleinere Übel. Auch die Kinder schossen sofort in die Höhe, aber Julia sagte blitzschnell, dass es Oma und Opa bestimmt guttun würde, wenn sie bei ihnen bleiben würden. „Die beiden sind so traurig. Wir sind bestimmt gleich wieder bei euch. Wir machen ja nur einen kleinen Spaziergang.“

Elena schnürte es den Hals zu – sie musste wegschauen, denn ihre Kinder, insbesondere Selina, schauten sie total verzweifelt an. Elena hatte nie den Eindruck gehabt, dass sie sich riesig freuten, wenn sie die Großeltern besuchten. Die Besuche schienen aber auch nicht in die Sparte der richtig schrecklichen Dinge in ihrem Leben zu gehören. Sie hatten sich bisher immer eher neutral verhalten. Aber heute empfand Elena eine deutliche Abwehr seitens der Kinder. Selina und Lois spürten die unangenehme Spannung und die feindselige Atmosphäre zwischen den Erwachsenen ganz deutlich. Selina auf jeden Fall. Sie war ein sehr sensibles, aber auch sehr harmoniebedürftiges Kind. Also blieb sie ohne weitere Diskussion vollkommen steif auf dem Sessel, der ihr zugewiesen wurde, sitzen.

„Es tut mir leid, Frau Schrader, es tut mir so unendlich leid. Es ist unglaublich, was Sie gerade durchmachen müssen. Es muss ein unerträglicher Schmerz für Sie sein und dann müssen Sie auch noch das unhöfliche Verhalten Ihrer Schwiegereltern erdulden. Ich würde Ihnen gerne zur Seite stehen, wann immer Sie mich brauchen.“

Elena sah Belinda überrascht an. „Danke, Frau von Baslingen.“

„Sagen Sie doch bitte Belinda zu mir. Frau von Baslingen hört sich so förmlich an und wir sind doch ungefähr gleich alt.“ Belinda reichte Elena und danach auch Julia die Hand, die ebenfalls ihren Vornamen nannte.

„Vielen Dank, Belinda. Ich hätte es kaum noch eine Minute länger in dem Salon ausgehalten“, wobei sie das Wort Salon sehr ironisch betonte. Das bereute sie aber sofort wieder, weil ihr einfiel, dass Belinda sicherlich auch einen Salon oder gar mehrere besaß.

„Das habe ich deutlich gespürt. Es war nicht zu übersehen, dass euer Verhältnis sehr angespannt ist. Fast möchte ich behaupten, dass es sich sogar richtig feindselig anfühlte. So kenne ich die beiden gar nicht.“

„Ich kenne sie leider nur so. Na ja, ich will ehrlich sein – manchmal haben sie sich auch etwas mehr angestrengt als heute. Hin und wieder sind sie über ihren hoch gebildeten, feudalen Schatten gesprungen und haben mich mit so etwas wie gekünstelter Freundlichkeit behandelt. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich nicht die Traumschwiegertochter bin. Das sind ja Sie – ich meine du. Das haben sie mir schon bei unserem ersten Treffen – keineswegs auf eine sensible Art und Weise – zu verstehen gegeben. Ich habe keine noblen Wurzeln, keinen beeindruckenden Stammbaum. Mein Bäumchen ist eher ein bescheidener Strauch – und dann ist er auch noch ein Flachwurzler.“

Belinda musste lächeln. „Entschuldige, Elena. Als ob es heutzutage darauf noch ankäme. Es gibt so viele verarmte Adlige, die mit ihrem Leben überhaupt nicht zurechtkommen. Es gibt mehr Versager und Nichtsnutze darunter als solche, die ihr Leben im Griff haben.“

„Na ja, es hätte ja vielleicht nicht einmal eine Adlige sein müssen, aber zumindest eine Studierte aus dem Kreise der oberen Zehntausend.“

„Allein die Tatsache, dass Manuel sich so in dich verliebt hat, dass er mit dir vor den Traualtar getreten ist, sagt mir, dass du echt in Ordnung – nein, noch mehr, dass du etwas sehr Besonderes sein musst. Du solltest wirklich keine Minderwertigkeitskomplexe haben, Elena, denn Manuel hat für dich ganz offensichtlich seine komplette Lebensplanung umgestoßen – und das soll schon etwas heißen. Das kannst du mir ruhig glauben.“