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Per Zufall stößt sie auf ein Familiengeheimnis: Anna war geistig behindert; die Nazis vollstreckten an ihr 1940 den "Gnadentod" in der Gaskammer von Grafeneck. Als Sigrid Falkenstein den Namen ihrer Tante auf einer Tötungsliste im Internet findet, Beginnt sie zu recherchieren: Aus dem Familiengedächtnis, mithilfe alter Fotos und durch das Studium von Patientenakten rekonstruiert sie Annas tragische Lebensgeschichte, um sie gemeinsam mit dem Psychiater Frank Schneider in einen größeren Kontext zu stellen. Annas Tod steht für den Massenmord an etwa 300 000 psychisch kranken, geistig und körperlich behinderten Menschen, die im Sinne der Rassen- und Erbhygiene vernichtet wurden. Ein anrührendes Buch und zugleich eine eindringliche Mahnung.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2016
Alle Abbildungen aus dem Archiv der Autorin, außer:
Abb. 1: ©VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Abb. 17: ©Klinik-Museum Bedburg-Hau; Abb. 19: ©Klaus Diegel, 2006; Abb. 20: ©Archiv Gedenkstätte Grafeneck; Abb. 24, 25: ©Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Berlin 2010
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© für die Originalausgabe und das eBook:
2012 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Umschlagbilder: Sigrid Falkenstein
Herstellung, Satz und eBook-Produktion: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-7766-8150-5
Inhalt
Vorwort
Beginn der Spurensuche
Dunkle Vorboten
Der Wahn der Rassenhygiene
Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau
Tod in Grafeneck
Schwarze Löcher im Familiengedächtnis
Gedenken an Anna
Gesellschaftliche Aufarbeitung nach 1945
Nachwort
Ausgewählte Literatur
Es gibt kein Verständnis von Gegenwart und Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit.
Vorwort
1 »Aenne’s letzte Reise« – eine Installation der Erinnerung von Ulrike Oeter
Ein abgedunkelter Raum, an der Wand leuchtet das in orangeroten Tönen kolorierte Bild eines jungen Mädchens. Davor schweben scheinbar schwerelos Gegenstände aus hauchfeinem Papier, ein Tässchen, ein hell scheinendes Sommerkleid und ein Paar Schuhe. Das Mädchen heißt Anna. Unbeschwert und fröhlich lacht sie in die Kamera – ein heiteres Bild, wären da nicht die alten Bettgitter, das riesige rote Pluszeichen über Annas Kopf und die bedrohliche Projektion von überdimensionalen Insektenkadavern. Diese »Installation der Erinnerung« von Ulrike Oeter befindet sich seit 2009 in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau[1], wo Anna von 1936 bis 1940 Patientin war. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die Geschichte hinter der Kunst. Die Gitterteile gehören zu einem alten Bett aus einem der Schlafsäle der damaligen Anstalt Bedburg-Hau. Mit einem roten Plus auf einem Meldebogen wurde Anna 1940 als »unwertes Leben« gekennzeichnet und wie Ungeziefer in der Gaskammer von Grafeneck vernichtet. Die filigranen Alltagsgegenstände aus Papier symbolisieren Grabbeigaben, die Anna auf ihrer letzten Reise begleiteten.
Das Foto der 17-jährigen Anna wurde 1932 im elterlichen Garten gemacht. Die Künstlerin will damit das Leben der jungen Frau vor ihrem Leid darstellen, denn für sie ist »die Würde des Menschen das Gesicht davor«. Sie verwendete speziell dieses Foto für ihre Erinnerungsarbeit, weil Anna dort so unbeschwert lacht. »So fröhlich. So unversehrt. Und das wollte ich als Gegenbild. Das Unversehrte. Um die Stigmatisierung der Nazis zu unterlaufen. Das Versehrte war in den Motten und Insekten.«[2]
An Anna wurde – wie an Hunderttausenden psychisch kranken, geistig und körperlich behinderten Menschen – der »Gnadentod« vollstreckt. Mit dem missbräuchlich verwendeten Begriff »Euthanasie« tarnten die Nationalsozialisten zynisch und beschönigend ihre Verbrechen an denjenigen, die im Sinne der Rassen- und Erbhygiene als »minderwertig« und »lebensunwert« galten. Die mindestens 300 000 Menschen, die diesem geplanten und organisierten Massenmord zum Opfer fielen, waren keine anonyme Masse. Es waren individuelle Menschen, die ausgegrenzt, gedemütigt, an Körper und Seele geschädigt und am Ende vernichtet wurden. Sie alle hatten wie Anna Namen und Gesicht, doch die Erinnerung an sie war jahrzehntelang ausgelöscht. Die Verbrechen wurden vertuscht, verschwiegen und verdrängt – in der Gesellschaft und in vielen betroffenen Familien.
Anna ist meine Tante, die Schwester meines Vaters. Die Suche nach Spuren ihres Lebens begann erst 2003, nachdem ich zufälligerweise auf das »Familiengeheimnis« gestoßen war. Annas traurige Lebensgeschichte ist mir sehr nahegegangen. Empörend fand ich aber auch das familiäre und gesellschaftliche Schweigen darüber. Diese Erfahrungen sind bis heute die Triebfeder für meine Erinnerungsarbeit. Inzwischen ist es mir gelungen, in beinahe detektivischer Recherchearbeit, wesentliche Kapitel ihrer Lebensgeschichte aus dem sehr bruchstückhaften Familiengedächtnis und vor allem aus alten Patientenakten zu rekonstruieren.
Im Verlauf meiner Erinnerungsarbeit begegnete ich dem Psychiater Frank Schneider, der sich eindrucksvoll für die Aufarbeitung der Geschichte seines eigenen Berufsstandes einsetzt. Psychiater waren damals ganz wesentlich an den Verbrechen beteiligt. Er ermunterte mich und half mir dabei, dieses Buch zum Gedenken an Anna zu schreiben. Damit soll auch der Versuch unternommen werden, hinter ihrer individuellen Lebensgeschichte und meiner Spurensuche einen Teil der Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar zu machen. Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen – Annas Geschichte soll dazu einen Beitrag leisten.
Dabei leitet uns beide ein Satz der Bildhauerin und Autorin Dorothea Buck, einer der letzten Zeitzeuginnen, die selbst als »minderwertig« diskriminiert und zwangssterilisiert wurde: »Was nicht erinnert wird, kann jederzeit wieder geschehen, wenn die äußeren Lebensumstände sich entscheidend verschlechtern.«[3]
Anmerkungen
[1]Heute: LVR-Klinik Bedburg-Hau.
[2]Ulrike Oeter in einem Brief an Sigrid Falkenstein.
[3]Vgl. dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Dorothea_Buck, Zugriff: 07.03.2012.
Beginn der Spurensuche
Zufällige Entdeckung
Liebe Anna, wir sind uns nie begegnet und doch bin ich dir heute sehr nah. Das war nicht immer so. Bis vor wenigen Jahren kannte ich nur deinen Namen und ein Foto von dir. Für mich warst du Anna, die früh verstorbene Schwester meines Vaters – ein völlig fremder Mensch.
Schon seit Kinderzeiten habe ich neben anderen Familienfotos ein Bild von dir und meiner Großmutter vor Augen. Als kleines Mädchen habe ich dieses Foto oft betrachtet, denn es gefiel mir ausnehmend gut. Deine Mutter – ganz Dame im Stil der Jahrhundertwende, mit Perlenohrringen und Perlenkette, ondulierter Hochsteckfrisur, im langen, blassgestreiften Kleid – hat ihre Hand beschützend auf den Rücken ihrer kleinen Tochter gelegt. Du siehst aus wie eine niedliche Puppe, herausgeputzt im Sonntagsstaat, eine riesige Schleife im Haar, im kurzen weißen Kleidchen, dazu schneeweiße Söckchen und Schnürstiefel. Das Foto stammt aus einer fernen, nur auf den ersten Blick heilen Welt.
2 Anna mit ihrer Mutter (1919)
Wie oft habe ich inzwischen forschend in dein Kindergesicht geschaut und vergeblich versucht, deinen Blick zu deuten. Bist du traurig, verwirrt, mürrisch oder schüchtern? Heute weiß ich, dass deine Eltern zu jener Zeit, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, erstmals krankhafte Veränderungen an dir bemerkten. Vielleicht spiegelt das ernste Gesicht deiner Mutter ihre Sorgen und ihren Kummer wider.
Abgesehen von dem Foto an der Wand gab es leider keine Erinnerung an dich in der Familie. Das war so, bis ich im Oktober 2003 zufällig im Internet auf deinen Namen stieß. An jenem Abend war ich auf der Suche nach Daten über deine Mutter, die ebenfalls Anna hieß. Völlig schockiert las ich das Suchergebnis: »La – Le – Names, Lehnkering, Anna, 1915.08.02. (…) List of persons murdered by German medical doctors between 1939 and 1948, A file for each person exists in the German State Archive«.[1] Kein Zweifel – auf dieser Liste von Personen, die von deutschen Ärzten ermordet wurden, stand der gesuchte Name. Doch erst das Geburtsdatum, der 2. August 1915, verriet mir, dass es sich um dich und nicht um meine Großmutter handelte. Auf der Liste stehen etwa 30 000 Namen von insgesamt mehr als 70 000 »Euthanasie«-Opfern, die in den Jahren 1940/41 der ersten zentral organisierten Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus, der »Aktion T4«, zum Opfer fielen.[2] Ich erfuhr, dass von den meisten Personen auf dieser Liste eine Akte im deutschen Bundesarchiv existiert. Außerdem wurden die Angehörigen aufgefordert, nach dem Schicksal ihrer ermordeten Verwandten zu forschen, um den vergessenen Opfern ihre Namen und damit ihre Würde zurückzugeben.
Voller Bestürzung las ich also deinen Namen und der Appell an die Angehörigen ließ mich nicht gleichgültig. Bis dahin war mein Wissen über die »Euthanasie«-Verbrechen sehr oberflächlich gewesen. Noch am selben Abend studierte ich im Internet Seite um Seite über die Krankenmorde – zunächst ungläubig, dann wütend und schließlich traurig. Erschüttert von dem, was ich dort über die Vergangenheit erfuhr, aber auch fassungslos über das komplette Auslöschen aller Erinnerung an dich in unserer Familie, begann ich fortan, Spuren deines Lebens zu suchen. Ich wollte unbedingt wissen, wer du warst, wie du gelebt hast, wo und warum du ermordet wurdest. Dazu kamen Fragen über unsere Familie und die Lebensumstände, die dein und mein Leben geprägt haben. Dabei ging mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass jemand aus der Familie doch nicht einfach so spurlos verschwinden darf; damit wäre ja das Ziel der Nazis erreicht. Seitdem fühle ich mich verantwortlich dafür, das Wissen über dich in der Familie und möglichst darüber hinaus bekannt zu machen. Wir können nichts ungeschehen machen. Aber wir können an die Verbrechen erinnern, um auf diese Weise Mitgefühl zu zeigen und vor allem um zu lernen.
Bei der mühsamen Rekonstruktion deiner Lebensgeschichte bin ich oft, wie man im Ruhrgebiet sagt, von »Höcksken auf Stöcksken« geraten und nicht selten in Sackgassen. Die Grundlage für alle weiteren Recherchen bildete deine Patientenakte aus dem Berliner Bundesarchiv, die aus einer Sippentafel und dem Krankenblatt aus der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau aus den Jahren 1936 bis 1940 besteht.[3] Zusätzliche erhellende Hinweise auf deine Kindheit habe ich in einer Patientenakte gefunden, die aus der ehemaligen »Rheinischen Provinzial-Kinderanstalt für seelisch Abnorme« in Bonn stammt, wo du von Oktober 1931 bis Februar 1932 Patientin warst.[4]
Natürlich muss man solche Akten grundsätzlich mit Vorbehalt lesen, denn es sind Quellen, die überwiegend Sprache und Sicht der Täter widerspiegeln und in denen die Betroffenen kaum zu Wort kommen. Vor allem die Akte aus Bedburg-Hau gibt Zeugnis von dem Zeitgeist der nationalsozialistischen Rassenhygiene. Dennoch – ohne diese Akten wäre die Erinnerung an dich für immer vernichtet gewesen. Vieles ist zwischen den Zeilen zu lesen und lässt nur spekulative Rückschlüsse auf deine Persönlichkeit zu. Nicht zuletzt waren es verschiedene Bücher, vor allem die von Ernst Klee und Ludwig Hermeler, sowie Gespräche mit Fachleuten, die mir dabei halfen, deine Lebensgeschichte in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen. So gelang es nach und nach, deine Biografie aus vielen kleinen Puzzleteilen zusammenzusetzen. Dabei habe ich nicht nur eine Menge über dich und unsere Familie erfahren, sondern auch über die Geschichte und die Gesellschaft unseres Landes.
Anmerkungen
[1]Namensliste von Opfern der »Aktion T4« im Internet http://www.iaapa.org.il/46024/Claims, Zugriff: 07.03.2012.
[2]Die »Aktion T4« wurde nach der Tiergartenstraße 4 in Berlin benannt, d. h. nach der Adresse der Zentraldienststelle, wo die Euthanasie geplant und organisiert wurde. Vgl. dazu Götz Aly, Aktion T4, 1939–1945. Die »Euthanasie«-Zentrale in der Tiergartenstraße 4, Berlin 1989, S. 11 ff.
[3]Patientenakte meiner Tante Anna Lehnkering, Prov. Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau, 1936–1940 (Bundesarchiv Berlin R 179/3368).
[4]Patientenakte meiner Tante Anna Lehnkering, Rheinische Provinzial-Kinderanstalt für seelisch Abnorme, Archiv des LVR, 52023 Erbbiologisches Institut.
Dunkle Vorboten
Annas Großeltern und Eltern
Liebe Anna, hast du jemals die »Schatzkiste« deiner Mutter gesehen? Vermutlich nicht, denn sie wird den Inhalt vor den Augen ihrer Kinder eher versteckt haben. In dieser Kiste befinden sich noch heute mehr als 300 Postkarten mit Liebesgrüßen und Treueschwüren, die sich deine Eltern zwischen 1905 und 1910 manchmal fast täglich geschrieben haben. Ich glaube, dass dir die Karten sehr gut gefallen hätten.
Anfang des letzten Jahrhunderts war das Sammeln solcher Karten sehr beliebt. Heute muten sie mit ihren Herzschmerz-Motiven eher kitschig an. Dein Vater schickte nach und nach komplette Kartenserien mit wunderschönen Frauen, tanzenden Kindern oder romantischen Liebespaaren an deine Mutter. In gestochen schöner Sütterlinschrift steht da zum Beispiel »Mein innig geliebtes Ännchen« oder auch »süßes Ännchen« und immer wieder sendet er ihr tausend Grüße und Küsse, unterschrieben mit »dein treuer, dich liebender Fritz«. Die Karten markieren den Anfang einer großen Liebe, die so tragisch enden sollte.
3 Heinrich Friedrich (Fritz) Hermann Lehnkering (1886–1921)
4 Anna (Änne) Johanna Helene Sommer (1887–1966)
Ende 1905 begegnen sich der damals 19-jährige Friedrich Lehnkering, der meistens Fritz genannt wird, und die 18-jährige Anna Sommer, deren Rufname Änne ist, zum ersten Mal. Ihre Wege kreuzen sich in Sterkrade, einem von Eisen- und Stahlindustrie sowie Kohlenbergbau geprägten Ort im Ruhrgebiet. Die Entwicklung der Gemeinde ist seit dem 19. Jahrhundert eng mit der Geschichte der Gutehoffnungshütte, ihren Zechen und Fabrikanlagen verbunden.
Deine Eltern treffen sich zu einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und unbegrenzten Fortschrittsglaubens. »Immer höher, schneller, weiter« heißt die Devise. Als sie 1910 heiraten, ist aus dem ehemaligen rheinischen Bauerndorf Sterkrade bereits ein »Industriedorf« geworden. 1913 erlebt das junge Paar die festliche Verleihung der Stadtrechte an Sterkrade durch Kaiser Wilhelm II. Die umstrittene Eingemeindung nach Oberhausen im Jahr 1929 wird dein Vater nicht mehr erleben. Aber noch sind die dunklen Wolken am Horizont fern und die beiden Liebenden schauen zuversichtlich und erwartungsvoll in ihre gemeinsame Zukunft.
5 Annas Großeltern mütterlicherseits, Robert und Bertha Sommer, mit ihren Kindern, 1901; Annas Mutter (r.)
Beide sind im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen. Deine Mutter, Jahrgang 1887, stammt aus einer von preußischem Militär und Beamtentum geprägten Familie. Sie ist die Tochter des Bahn-Obergütervorstehers Robert Sommer aus Schlesien und seiner Ehefrau Bertha, geborene Kärger, aus Düsseldorf. Ihr Entlassungszeugnis aus der Volksschule in Essen-Karnap von 1902 weist sie als eine sehr gute Schülerin aus. Allerdings wird ihr als Mädchen – im Gegensatz zu ihren Brüdern – eine höhere Schulbildung verwehrt, was sie zeitlebens bedauert. Es kommt erschwerend hinzu, dass ihre Mutter sehr jung stirbt und die damals erst 13-jährige Änne als Älteste einen Teil der Hausfrauenpflichten übernehmen muss. Später wird sie Lehrmädchen im Sterkrader »Kaufhaus Hirschland für Manufakturwaren, Kurz-, Weiß- und Wollwaren, sowie Damen-Konfektion«, woher möglicherweise ihr lebenslanger Hang zu gediegener und damenhafter Kleidung rührt.
6 Annas Großeltern väterlicherseits, Wilhelm und Caroline Lehnkering, mit ihren Söhnen; Annas Vater (r.)
Dein Vater, Jahrgang 1886, ist der Sohn des Gastwirts Wilhelm Lehnkering aus Duisburg-Ruhrort und seiner Frau Caroline, geborene Minhorst, aus Mülheim an der Ruhr. Einige ihrer Vorfahren sind schon seit Jahrhunderten im Ruhrgebiet ansässig und gehören als Handwerker und Kaufleute zum unteren und mittleren Bürgertum. Wie viele Familien aus diesem Milieu legt die Familie Lehnkering Wert darauf, sich von der Bevölkerungsmehrheit der Arbeiterschicht abzugrenzen. Familienfotos zeigen, dass man den Lebensstil des höheren Bürgertums imitiert und dies durch entsprechende Kleidung zur Schau stellt. Ein weißes Hemd mit Manschetten, ein steifer Vatermörder-Kragen und eine goldene Taschenuhr mit Kette gehören zu den äußeren Insignien des erstrebten Aufstiegs. Man ist stolz auf die erfolgreiche und angesehene Verwandtschaft in Duisburg-Ruhrort. Der Kommerzienrat Carl Lehnkering, ein Cousin deines Großvaters, gründete 1872 eine Spedition und Reederei in Ruhrort und gilt seitdem als eine der »Gründerpersönlichkeiten, die durch ihre Initiative den Innenhafen von Duisburg zum ›Brotkorb des Ruhrgebietes‹ haben werden lassen«[1]. Über die Ausbildung deines Vaters ist nicht viel in Erfahrung zu bringen. Im Sterkrader Adressbuch von 1904 ist der 18-Jährige, der noch bei seinen Eltern wohnt, als »Bureaugehilfe« verzeichnet. Später taucht ab und zu die Berufsbezeichnung Kaufmann auf. Unstrittig ist, dass er bis zu seinem frühen Tod 1921 als Gastwirt und als Reisender für den Kgl. Hoflieferanten, die Essener Korn- und Cognacbrennerei und Likörfabrik Felix Rauter, tätig war.
Die Gaststätte »Zum Bergalten« deiner Großeltern befindet sich am Kleinen Markt in der historischen Mitte von Sterkrade. Über das 1904 eröffnete Haus heißt es in einer alten Werbung: »Restauration zum Bergalten, ff. Bier aus dem Sterkrader Brauhaus, Spezialität des Hauses ›Bergalten‹, Reine Weine, Billard, Gesellschaftszimmer mit Klavier und kleiner Saal mit großartigem elektrischen Orchestrion zur Abhaltung von Familienfestlichkeiten«.
Die industrielle Expansion im Ruhrgebiet während des Kaiserreichs bringt einen enormen Zuzug von Arbeitern mit sich. Nach der schweren körperlichen Arbeit unter Tage, an den Hochöfen und in den Maschinenwerken ist das Verlangen nach Zerstreuung groß, was nicht zuletzt eine einträgliche Marktlücke für die Gastronomie bedeutet. Das ist wohl für deine Eltern ein guter Grund, ihr berufliches Glück ebenfalls im Gastgewerbe zu suchen, und sie übernehmen nach ihrer Heirat eine Gast- und Schankwirtschaft.
Ihr Haus hat wie damals üblich ein sogenanntes Gesellschaftszimmer und einen Saal für Festlichkeiten. Der Bedarf dafür ist groß, denn Geselligkeit wird großgeschrieben und die Gründung von Vereinen boomt. Ob Gesangsvereine, Turnvereine, Schützenvereine, Bürger- und Arbeitervereine, Kriegervereine und bald die ersten Fußball- und Taubenvereine – gefeiert wird oft und gerne. Deine Eltern starten voller Optimismus und Tatendrang ins Geschäftsleben, auch wenn ihre Gastwirtschaft nicht die gutbürgerliche Lage hat wie die Restauration deiner Großeltern. Am Kleinen Markt bildet man sich eine Menge auf die »gehobene« Stammkundschaft ein, darunter höhere Angestellte aus dem nahen Verwaltungsgebäude der Gutehoffnungshütte und gut situierte Geschäftsleute aus der Nachbarschaft. Die Gaststätte deiner Eltern an der Stadtgrenze zu Osterfeld ist dagegen nicht weit entfernt von den traditionellen Bergarbeitersiedlungen Stemmersberg und Eisenheim. Neben kleinen Gewerbetreibenden aus der Umgebung, dem Metzger, Friseur, Schneider oder Schornsteinfeger, gehören viele Arbeiter und Angestellte der Zeche zu den Gästen. Das bringt zwar zeitweilig den erhofften Umsatz, aber der Betrieb ist andererseits auf Gedeih und Verderb von der konjunkturellen Lage der Eisen- und Stahlindustrie abhängig.
7 Anna in der Eingangstür zur elterlichen Gaststätte
Jede wirtschaftliche Krise macht sich im Geldbeutel eurer Familie bemerkbar. Die folgende Schilderung dürfte ebenso auf die Lage deiner Eltern zutreffen: »Die Mehrzahl der kleinen Lebensmittel-, Milch-, Tabak- und Zigarrenhändler, Kneipenwirte und Trinkhalleninhaber, Flaschenbier-, Altwaren- und anderen Straßenhändler dürfte kaum mehr als einen durchschnittlichen Arbeiterlohn erwirtschaftet haben. (…) Selbst wenn der eine oder andere Händler oder Kneipenwirt Arbeiterfrauen des Viertels als Aushilfen oder Angestellte beschäftigte; die Nähe zur Arbeiterschaft blieb groß, die ökonomische Grundlage prekär, das Einkommen gering. Man saß im Grunde schon, wenn man auch mit einigen Restformen bürgerlicher Ehrbarkeit dies zu übertünchen suchte, mit den Arbeitern in einem Boot. Da man Kredit gewähren musste und der Arbeiterkonsum je nach Lohneinkommenslage stark variierte, war man von jeder proletarischen Krise, vom schwankenden Lohn, plötzlicher Krankheit oder Streik sofort mit betroffen.«[2]
Euer langjähriges Dienstmädchen Anna Thönissen ist ebenfalls eine Arbeiterfrau aus der Nachbarschaft. Sie ist für euch Kinder eine wichtige Bezugsperson und du magst sie sehr. In wirtschaftlich besseren Zeiten gibt es außerdem einen Kalfaktor für Haus und Hof und zu besonderen Anlässen wird ein Kellner eingestellt. Doch abgesehen von wenigen guten Phasen hört der Kampf ums wirtschaftliche Überleben deiner Familie nie auf.
