Anruf um halb fünf - Kristina Bialek - E-Book

Anruf um halb fünf E-Book

Kristina Bialek

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Beschreibung

Nach dem schrecklichen Tod ihres Ehemanns hat die Unternehmensberaterin Chiara Rieffenbach nach Jahren der Trauer in ihrem besten Freund, dem Konzernvorstand Christian Waidenfels eine neue Liebe gefunden. Die Flitterwochen der beiden nehmen jedoch ein jähes Ende, als Chiara erfährt, dass ihr Freund, der Chefarzt Prof. Dr. Andreas Hochstätter, Opfer eines Raubüberfalls wurde. Während sich die frisch Vermählte aufopferungsvoll um den schwer Verletzten kümmert, ermittelt sie gleichzeitig auf eigene Faust nach den Tätern und liefert damit der Kriminalpolizei die entscheidenden Hinweise zur Überführung. Obwohl Andreas ein ungeduldiger Patient ist und mit Christian um Chiaras Liebe rivalisiert, zeigt sich dieser ihr gegenüber unerwartet verständnisvoll und entgegenkommend. Doch dann stolpert Chiara durch Zufall in Christians Arbeitszimmer über professionell erstellte Fotos, auf denen sie mit Andreas in vertrauter Zweisamkeit zu sehen ist. Eine Welt bricht für die sonst so lebenslustige Chiara zusammen. Was beabsichtigt Christian mit diesen Fotos und steckt hinter seiner großzügigen Toleranz vielleicht noch ein ganz anderer Grund?

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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Jörn

„... you’re the inspiration ...“

(Chicago XVII, 1984)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

1

„Nein.“

„Oh, Chiara, wieso denn nicht?“ Christian sah mich gutmütig an. „Das Wetter ist großartig, besser kannst du es gar nicht treffen.“

„Nein! Ich will einfach nicht.“ Ich schaute aufmüpfig zurück. Christian und ich waren seit einem guten Vierteljahr verheiratet und hatten es jetzt über Weihnachten endlich geschafft, unsere Flitterwochen anzusetzen.

Was bei uns ja auch nicht so wirklich einfach war, denn er als Chef eines internationalen Konzerns war nicht so ohne Weiteres abkömmlich. Chef in seinem Fall hieß, er war Vorstandsvorsitzender über eine Holding mit Headquarter in Friedrichshafen mit insgesamt mehreren Tausend Mitarbeitern weltweit. Er war studierter Wirtschaftswissenschaftler und Jurist und mit seinen sechsundvierzig Jahren beruflich höchst erfolgreich.

Auch bei mir war das alles nicht so leicht. Ich war selbstständige Unternehmensberaterin. Durch Diplome in BWL und Psychologie arbeitete ich hauptsächlich in den Bereichen der strategischen Analyse und der Mediation.

Nun, aber wir hatten es geschafft, denn Weihnachten lag in diesem Jahr zwar arbeitnehmerungünstig, aber für unsere Planung gar nicht mal so schlecht.

Wir hatten uns also für zehn Tage in einem familiär geführten Hotel in Fügen in Tirol eingebucht, das wir schon von vor zwei Jahren kannten. Mit den Inhabern waren wir auch bereits per Du, was zum Teil sehr viel Spaß machte, denn die Juniorchefin war außergewöhnlich wortwitzig. Also genau meine Wellenlänge.

Christian musterte mich weiter und ich trotzte seinem Blick.

„Welchen Teil von ‚Nein’ verstehst du gerade nicht?“, wollte ich von ihm wissen und sah ihn herausfordernd an.

In seinen Blick schlich sich so langsam ein ziemlich amüsiertes Glitzern und er schüttelte auch nur leicht den Kopf. „Deine Sturheit reicht eigentlich auch für zehn“, hielt er mir lächelnd entgegen.

Ich versuchte noch trotziger auszusehen als ich sowieso schon war und lachte in mich hinein. „Oh, prima, dann bist du ja in bester Gesellschaft!“

Er seufzte leise. „Chiara, bitte! Du kannst gar kein besseres Wetter erwischen.“

Ich sah aus dem Fenster. „Diese Brühe nennst du Wetter?“

Er lachte. „Nein, das oben auf den Bergen. Wir haben eine Inversionswetterlage, was ich dir schon seit drei Tassen Kaffee versuche zu erklären.“

„Dann brauchst du vermutlich noch mindestens drei, bis ich das einsehe.“

Er zuckte leicht mit den Achseln. „Wohl eher dreißig. Einsicht ist offensichtlich heute nicht deine Stärke.“ Und er sah mich unschuldig an.

Nun musste ich doch lachen. „Du hast eine hohe Meinung von deiner Frau, Herr Waidenfels!“

Er nickte leicht. „Ja, normalerweise schon.“

„Wenn nicht ...?“

„Wenn sie nicht gerade dermaßen bockig ist wie im Moment.“

„Aha, bockig.“ Ich betrachtete ihn ruhig. „Du weißt schon, dass du die Scheidung riskierst, wenn du mich weiter beleidigst?“

Er lachte mich frech an und nahm sich noch ein Brötchen. „Ich beleidige dich nicht, ich erzähle dir nur Dinge, die du nicht hören willst. Das ist ein kleiner Unterschied.“

Und in aller Gemütsruhe frühstückte er weiter, während ich versuchte, ernst zu bleiben.

„Ausgeprägter eigener Wille“, schlug ich nach wenigen Minuten vor.

„Bitte?“ Er sah mich fragend an.

„Ausgeprägter eigener Wille, nicht bockig“, erklärte ich ihm mit Unschuldsmiene.

Offenbar sehr glaubhaft, denn er musste lachen. „Ausgeprägter eigener Wille? Eleganter hättest du das jetzt aber wirklich nicht umschreiben können.“

„Ich umschreibe das nicht, ich bin so.“

„Jaaa, wie ich schon sagte, bockig.“ Er betrachtete mich liebevoll mit einem weichen Lächeln in den rehbraunen Augen.

Dann seufzte er leise. „Ich kann dich nicht zwingen, doch irgendwann solltest du es noch einmal versuchen.“

„Wieso?“

„Weil du so große Fortschritte gemacht hattest, bevor das passiert ist.“

Was er meinte, waren meine Versuche, Ski zu laufen. Ich hatte als Anfänger vor zwei Jahren wirklich beachtliche Fortschritte gemacht, da hatte er absolut recht. Und ich war auch sehr zufrieden mit mir gewesen. Tja, und dann hatte mich ein testosterongesteuerter Jugendlicher auf einer vollkommen freien Piste ohne Not umgefahren. Und zwar so, dass ich mir zwar nichts gebrochen, doch ein Knie übel verdreht hatte. Und seitdem kam ich nicht mehr in meine Bindungen.

Für Christian war so etwas zwar nachvollziehbar, doch er als ganz ausgezeichneter Abfahrtsläufer konnte nicht hundertprozentig verstehen, dass sich meine Angst nach wie vor hielt. Er wäre wahrscheinlich sofort wieder auf die Skier gestiegen. Nun, er war ja auch überhaupt sehr sportlich. Ich besah ihn mir ausgiebig. Mit seinen einsfünfundachtzig und sportlich schlanker Figur war er ein ausgesprochen attraktiver Mann.

„Gefalle ich dir?“ Sein Blick lag ruhig und leicht belustigt auf mir.

„Optisch? Ja.“ Ich grinste ihn an. „Charakterlich gerade nicht so gut.“

„Weil ich dir sage, du sollst es ruhig noch einmal versuchen?“ Er amüsierte sich prima, das konnte ich zweifelsfrei sehen.

„Eigentlich, weil du mich beschimpfst, indem du mir sagst, ich sei bockig.“

Er lachte. „Oh, dann bitte ich aufrichtig um Entschuldigung! Ich kann es nicht weiter darauf ankommen lassen, dass du vielleicht doch noch über eine Scheidung nachdenkst.“

Ich zwinkerte ihm über den Frühstückstisch hinweg zu. „Entschuldigung angenommen. Doch du wirst das sicher noch wieder gutmachen müssen.“

Sein Blick wurde tiefer. „Ich denke, da wird mir was einfallen.“

Ja, das dachte ich auch, doch ich erwiderte lediglich seinen Blick.

Er versuchte es anders: „Chiara, wir müssen ja nicht unbedingt nach Hochfügen, wenn du dort deine Angst nicht loswirst.“

„Sondern du fährst alleine hier auf dem Spieljoch?“, schlug ich ihm vor.

Er seufzte leise. „Nein, ich dachte an das Skigebiet Penken. Dort oben gibt es auch ganz hervorragende Pisten zum Üben für dich.“

Ich lachte ihn breit an. „Ja genau.“

„Was, ja genau?“ Er heuchelte so etwas von gekonnt Unschuld, dass ich mich schlapp lachte.

Er hingegen sah mich nur weiter so an.

„Deine Beherrschung ist grandios!“, kicherte ich.

„Aber?“ Seine Augen blitzten.

„Aber ich durchschaue dich, Gatte! Du willst dich die Harakiri hinunterstürzen.“

„Ja.“ Er strahlte mich an. „Das wäre eine gute Gelegenheit.“

Die Harakiri war die steilste Abfahrt Österreichs. Mit etwa achtundsiebzig Grad Gefälle war ich allerdings der Meinung, man könnte alternativ auch ohne Bungee-Seil vom Kran springen.

„Ich war mir gar nicht darüber im Klaren, dass du suizidale Gedanken hast. Vielleicht sollten wir uns hierüber einmal unterhalten. Da kann ich dir bestimmt helfen.“ Ich lächelte ihn angeblich verständnisvoll an.

Christian erwiderte dieses Lächeln ebenfalls hoch professionell. „Die habe ich erst, seit du meine Frau geworden bist.“

Ich lächelte weiter. „Oh, das ist ja gar nicht mal so schlecht für dich. Das bekomme ich wieder hin, schließlich ist das noch nicht lange der Fall.“

„Chiara?“

„Ja, Schatz?“

„Wie oft habe ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe?“, wollte er, immer noch lächelnd, leise von mir wissen.

Ich dachte nach. „Dreimal bis jetzt.“

Er nickte leicht nachdenklich. „Ist gut, das reicht.“

„Hey!“ Meine Beherrschung war dahin und ich lachte ihn breit an.

„Also?“ Er sah mich auffordernd an. „Penken?“

Ich nickte ihm zu. „Können wir machen, doch ich werde in Mayrhofen spazierengehen, während du versuchst, dich umzubringen.“

Er seufzte leise und gab nach. Eine halbe Stunde später waren wir bereit und er fuhr uns nach Mayrhofen.

„Hast du eigentlich zwischenzeitlich ein Testament zu meinen Gunsten aufgesetzt?“, fragte ich ihn unschuldig, als ich ihn zur Gondel brachte. Eigentlich war das keine Frage, denn wir hatten, kurz nachdem wir im August zweitausendneun zusammengekommen waren, Vorsorgevollmachten und Testamente auf Gegenseitigkeit aufsetzen lassen. Weder Christian noch ich würden es bei solchen Dingen darauf ankommen lassen.

Doch er spielte mit. Ich erntete also einen schrägen Seitenblick. „Als meine Ehefrau bist du in der gesetzlichen Erbfolge, das muss reichen“, hörte ich trocken.

„Oh.“ Ich sah ihn großäugig an. „Schatz, in dem Fall möchte ich, dass du gut auf dich aufpasst und gesund wieder zu mir zurückkommst.“

Mein Lächeln war mehr als zuckersüß.

Christian sah mich unergründlich an und wenn ich ihn nicht gekannt hätte, hätte ich dieses minimale Blitzen seiner Augen höchstwahrscheinlich übersehen.

„Auf dem Weg hoch werde ich darüber nachdenken, ob das wirklich so erstrebenswert ist.“

Dann küsste er mich liebevoll und stieg auch kurz darauf ein.

2

Während der nächsten drei Stunden streunte ich durch Mayrhofen und stöberte ein wenig in den Geschäften.

Zu allererst hatte ich, nachdem ich Christian nachgesehen hatte, wie er den Berg hochfuhr, bei den Mayrhofener Bergbahnen ein Funktions-Shirt für ihn gekauft: „I survived Harakiri.“ Ich wollte es ihm am Abend schenken, in der Hoffnung, dass es auch zutreffen würde.

Anschließend machte ich mich nach einem gemütlichen Cappuccino auf die Suche nach einem jodelnden Murmeltier. Ich hatte diese kleinen Plüschmonster bereits gesehen und auch gehört. Und deshalb dachte ich mir, dass sie das perfekte Mitbringsel für Anja sowie für Niko sein könnten.

Vollkommen überflüssig, aber sehr lustig.

Mit Anja hatte ich zusammen Psychologie studiert und wir waren seitdem nicht nur dicke Freunde, sondern arbeiteten auch des Öfteren zusammen. Sie war ebenso wie ich selbstständig und wohnte in Dormagen, erfreulich nah dran an Bonn, wo ich auf dem Venusberg wohnte. Dennoch sahen wir uns nicht wirklich oft, was ich manchmal sehr bedauerte.

Im Laufe dieses Jahres hatte sich das aber geändert, denn nachdem ich Mitte Mai operiert worden war, hatte ich anschließend zwei Wochen bei ihr gewohnt, um in der ersten kritischen Phase nicht allein sein zu müssen. Ich lächelte vor mich hin. Das hätte Christian anders auch gar nicht zugelassen.

Und Niko, nun, Niko war Computerspezialist und ich war schon seit einigen Jahren sehr gut mit ihm befreundet. Ihn rief ich immer gerne an, wenn mein Rechner mal wieder nicht machte, was ich wollte, oder ich ähnliche Schwierigkeiten bei einem meiner Kunden hatte. Er wohnte bei mir um die Ecke, auch auf dem Venusberg, deshalb sah ich ihn dann doch häufiger mal.

Nach einer Weile hatte ich besagte Murmeltiere schließlich gefunden und kaufte je ein graues und ein braunes. Anschließend belohnte ich mich selbst mit einem weiteren Cappuccino und ließ meinen Blick entspannt über das Skigebiet schweifen, soweit man das von unten einsehen konnte.

Und so langsam wurde es dann auch Zeit, zur Basisstation der Gondel zurückzugehen, denn ich hatte mit Christian ausgemacht, dass er gegen vierzehn Uhr wieder unten sein wollte. Also wartete ich auf ihn und als ich ihn aussteigen sah, fiel es richtig auf, wie schön entspannt er aussah.

„Na?“ Ich strahlte ihn verliebt an. „Ich freue mich, dass deine Überlegungen zu meinen Gunsten ausgegangen sind.“

„Welche Überlegungen?“ Er sah mich mit erhobenen Augenbrauen an, nachdem er mir erst einmal einen schnellen Kuss gegeben hatte.

„Die, ob es erstrebenswert sei, gesund oder überhaupt zu mir zurückzukommen“, grinste ich ihn an.

Er lachte leise und gab mir anstatt einer Antwort einen weiteren Kuss.

Ich hakte mich anschließend bei ihm unter und wir gingen gemütlich zum Auto. Dort angekommen, schälte sich Christian erst einmal aus seinen Skistiefeln und kümmerte sich um seine Skier.

„Musst du nicht bald mal nachschleifen lassen?“, fragte ich, als ich ihm dabei zusah.

Er schüttelte den Kopf. „Das habe ich schon machen lassen.“ Dann sah er mich ernst an. „Ohne frischen Schliff wäre es vermutlich wirklich Selbstmord, auf die Harakiri zu gehen.“

„Gut, ich brauche also nicht zu fragen. Du hast dich wirklich da runtergeworfen.“ Ich legte eine gute Portion Tadel in meinen Blick, doch das beeindruckte ihn natürlich nicht.

Er lächelte mich nur kurz an und säuberte weiter seine Skier. „Hunger?“, wollte er dann wissen. „Oder hast du dich von einem Cappuccino zum nächsten gehangelt?“

„Ja und nein. Ja, ich habe Hunger, und nein, ich hatte lediglich zwei Cappuccini.“

„Na, das ist aber wenig für dich.“ Er schmunzelte, denn er kannte meine Leidenschaft für alles, was sich aus Kaffee so machen ließ.

„Deshalb habe ich ja auch Hunger!“, bekam er direkt von mir zu hören. „Und du solltest jetzt Eiweiß zu dir nehmen. Das Carbo-Loading hast du ja vorher ordentlich gemacht.“

Ich verkniff mir ein Grinsen. Über die Ernährung vor dem Sport, nach dem Sport, während und drum herum hatte mir mein Physiotherapeut im Krankenhaus ganze Opern erzählt. Er war ein ausgesprochen sportlicher Mann und unter anderem hatte mich sein ernährungstechnisches Fachwissen sehr beeindruckt.

„Carbo-Was?“ In Christians Gesicht stand ein riesiges Fragezeichen.

„Loading.“ Ich blieb völlig ernst. „Ist englisch, heißt ...“ Weiter kam ich nicht.

„Danke, ich kann Englisch.“

„Oh, na dann weißt du ja Bescheid“, freute ich mich.

„Mein Gott, bist du eine anstrengende Frau.“ Er schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf.

„Und vor allem deine! Du musst ein echt glücklicher Mann sein.“ Ich strahlte ihn an.

„Das bin ich auch!“ Er seufzte leise. „Vor allem aber wäre ich noch viel glücklicher, wenn du mir mal erklären würdest, was du damit meinst.“

Ich lachte kurz und erklärte es ihm dann. „Carbo-Loading heißt eigentlich nur, dass du vor dem Skifahren sehen musst, dass du ordentlich Kohlenhydrate zu dir nimmst. Also alles, was der Körper an Brennstoff verbrauchen wird, zur Verfügung stellst. Und nachher solltest du idealerweise leichte Eiweiße essen.“

Er nickte. „Ich hätte sowieso Appetit auf Fisch. Wie sieht es bei dir aus?“

„Sehr gerne.“

Wir zogen durch Mayrhofen und suchten uns ein gemütliches Restaurant. Einen leckeren Fischteller später bummelten wir dann zurück zum Wagen und fuhren wieder nach Fügen.

„Meinst du, du versuchst es überhaupt noch einmal?“, wollte Christian etwas später, als wir wieder auf unserem Zimmer waren, leise von mir wissen. Er hatte von hinten die Arme um mich gelegt und küsste mich sanft auf den Hals.

Ich seufzte ein wenig und sah weiter aus dem Fenster über das winterliche Zillertal. Dann drehte ich mich um und sah zu ihm hoch.

„Schatz, ich kann es dir nicht sagen, ehrlich.“ Ich seufzte noch einmal leise. „Ich weiß nur, dass es zu gefährlich ist, wenn ich nach wie vor diese Angst habe.“

Sein Blick war verständnisvoll und warm. „Die ändert sich aber nicht, wenn du keinen Versuch startest“, versuchte er es erneut.

„Christian, ich weiß das.“ Ich lächelte ihn weich an.

Sicher, wenn ich nicht, wer dann? So als Psychologin.

„Weißt du, ich kann es mir einfach nicht erlauben, mir die Knochen zu brechen, nur weil ich aus lauter Angst unsicher werde und stürze.“

Er streichelte mir zärtlich über das Gesicht und gab dann auf. „Was magst du denn jetzt noch machen?“

Ich grinste. „Wenn ich jetzt ‚Eislaufen’ sage, springst du mich an, oder?“

Ja, hätte er gerne, das war offensichtlich.

„Jetzt?“ Er trug einen einigermaßen fassungslosen Ausdruck im Gesicht. „Es ist gleich dunkel.“

Ich verkniff mir ein weiteres Grinsen. „Die haben Flutlicht.“

„Chiara, bitte, können wir das auf morgen verschieben?“ Er sah mich fast flehentlich an.

Innerlich lachte ich mich weg und auch der kleine Teufel in meinem Kopf, der mir immer mal wieder mit wachsender Begeisterung das Leben schwer machte, lachte kräftig mit.

Ja, piekste ich ihn an, das gefällt dir, was?

Er versuchte noch nicht einmal, zu leugnen. Wäre ja auch Verschwendung gewesen, denn er wusste genau, dass Christian trotz aller Sportlichkeit kaum etwas weniger mochte als Eislaufen. Dass er es trotzdem gelegentlich tat, war ausschließlich meinetwegen.

Ich tat also, als überlegte ich. „Joh, geht auch, wenn das Wetter dann morgen hier unten mal ein wenig besser ist.“ Christian erhielt dazu ein sehr entgegenkommendes Lächeln von mir, das er ein wenig schräg erwiderte. Wir hatten den achtundzwanzigsten Dezember und ich vermutete, er hatte gehofft, darum herumkommen zu können, da wir am Neujahrstag wieder nach Friedrichshafen zurückkehren würden. Nun, mal schauen, bei nicht so wirklich schönem Wetter wäre mir, ehrlich gesagt, auch nicht so richtig nach Eislaufen.

Ich zog sein Gesicht zu mir herunter und gab ihm erst einmal einen Kuss, den er auch eingehend erwiderte.

„Ich liebe dich!“, hörte ich dann leise.

„Ich dachte, du wolltest mir das heute nicht mehr sagen“, flüsterte ich zurück.

„Ich habe es mir anders überlegt“, murmelte er. „Wer weiß, wofür das gut ist.“

Ich lachte ihn an. „Wenn du meinst, du kommst damit um das Eislaufen herum, hast du dich wahrscheinlich getäuscht.“

„Nein, ich dachte eigentlich eher an was anderes.“

An was, zeigte er mir dann auch in aller Ausführlichkeit.

3

Nach einem recht ruhigen Abend saßen wir am nächsten Morgen mal wieder beim Frühstück und unterhielten uns gemütlich.

„Wo ist denn die Mutti hin?“, wollte ich von Susanne, der Juniorchefin, wissen.

„Oh, die muss gleich noch auf eine Beerdigung“, antwortete sie ruhig.

Ich nahm mich zurück. „Entschuldige. Das wusste ich nicht. Jemand aus der Familie?“ Ich betrachtete sie ernst.

Sie zuckte lediglich relativ gleichgültig mit den Achseln. „Nein, nein. Kennst du nicht.“

Also ließ ich es auf sich beruhen und setzte meine Unterhaltung mit Christian fort.

„Schon wieder, die dritte in kurzer Zeit“, hörte ich Susanne nach einiger Zeit erzählen. Ich stutzte und sah Christian an. Auch er war aufmerksam geworden.

„Die dritte?“

„Ja“, meinte Susanne, „ist schon irgendwie komisch hier.“ Sie überlegte kurz. „Wir haben hier immer gleich drei auf einmal. Also, jetzt nicht wirklich immer, doch wenn einer stirbt, passiert es manchmal, dass in kürzester Zeit noch gleich zwei nachfolgen.“ Sie sah nachdenklich aus dem Fenster. „Man könnte fast meinen, dass da ein System dahinter ist.“

Ich sah Christian wieder an und der begegnete meinem Blick relativ konzentriert.

„Was meinst du mit ‚System’?“, fragte ich nach.

Sie sah mich an. „Nun, das ist doch irgendwie ungewöhnlich. Oder nicht? Dass hier manchmal gleich drei Beerdigungen kurz nacheinander stattfinden. Also, ich finde das merkwürdig.“

„Susanne, das ist wahrscheinlich nur absoluter Zufall“, erklärte ich ihr vorsichtig.

Sie zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich hast du recht.“ Und kurz darauf: „Ich finde es nur etwas seltsam.“

Irgendwie musste ich ihr da recht geben, seltsam war das schon. Aber ich drückte dieses Gefühl weg und genoss mein Frühstück mit Christian weiter in aller Ruhe.

Wir machten anschließend einen ausgedehnten Spaziergang und als wir gegen Mittag ins Zimmer zurückkamen, sah ich schon, dass ich diverse Nachrichten in meiner Mailbox hatte. Eigentlich hatte ich mein Handy nicht mitgenommen, um so meine Ruhe zu haben. Doch wen interessierte das? Also rief ich sie alle ab und lächelte vor mich hin, als ich die von Andreas hörte.

Andreas, besser: Professor Dr. Andreas Hochstätter, seines Zeichens Chefarzt der Anästhesie, war eine ganz spezielle Sache. Als ich im vergangenen Mai in Düsseldorf operiert worden war, hatte er meine Anästhesie durchgeführt. Und da bei mir ja niemals irgendetwas ohne Probleme ablaufen konnte, hatte es auch ordentlich Komplikationen gegeben. Und im Anschluss an die OP hatte sich zwischen uns beiden, wie auch immer, ein Verhältnis entwickelt, das bereits im stationären Bereich weit über das Übliche hinausging. Um es genau zu sagen: Andreas hatte recht direkt angefangen, deutlich mit mir zu flirten und ich war trotz Bindung an Christian darauf eingegangen.

Ja, seufzte ich vor mich hin, Andreas hatte ja auch keinerlei Konflikte durchmachen müssen, da er alleine lebte. Bei mir hingegen hatte das ganz anders ausgesehen, doch mir hatten die Avancen von Andreas außerordentlich geschmeichelt.

Er war nicht nur äußerst geistreich, sondern auch ein wirklich sehr attraktiver Mann. Einsachtundachtzig groß, schlank, gut gebaut und mit beinahe schwarzen Haaren eine überaus eindrucksvolle Erscheinung mit seinen jetzt fünfundvierzig Jahren. Und wenn man dann noch diese phantastischen Augen in einem hellen Stahlblau hinzuzählte: ziemlich gefährlich.

War er mir ja auch geworden, wenn ich ehrlich war. Durch verschiedene Treffen nach meinem stationären Aufenthalt hatte sich ein wirklich sehr intensives Verhältnis entwickelt, in dessen Verlauf er mir zu verstehen gegeben hatte, dass er sich sehr in mich verliebt hatte.

Und dass Christian und ich dicke Luft gehabt hatten, nachdem Andreas mich im letzten Sommer auf einen Ball eingeladen hatte, hatte er, ganz echter Gentleman, nicht ausgenutzt, obwohl er es wirklich gekonnt hätte.

Ich seufzte leise, als ich an diesen Ball dachte. Oh, nicht gut, denn aus irgendeinem mir heute nicht so richtig nachvollziehbaren Grund hatte ich in der Nacht im Anschluss an diesen Ball versucht, ihn zu verführen. Nicht, dass mir das nicht hätte gelingen können, doch Andreas hatte die Notbremse gezogen, sodass sowohl er als auch ich unsere Gesichter später hatten wahren können.

Doch nachdem ich ihm dann drei Wochen später hatte erzählen müssen, dass Christian unser Aufgebot bestellt hatte, war es noch einmal sehr, sehr ernst geworden.

An jenem letzten Abend, als ich bei ihm gewesen war, Anfang September, hatte er mir dann schließlich gestanden, dass er mich liebte. Und das war genau die Information gewesen, die eine Frau braucht, wenn sie fünf Tage später einen Anderen heiraten möchte.

Anja war aus allen Wolken gefallen, als ich ihr das nach der Trauung mit einiger Verzweifelung gestanden hatte. Schöner konnte man eine Gewissenskrise ja gar nicht herstellen. Schließlich liebte ich Christian und hatte keinerlei Zweifel daran gehabt, ihn zu heiraten.

Doch wenn einem dann ein Mann, der einem ebenfalls extrem viel bedeutet, kurz vorher seine Liebe gesteht, na ja. Meine Verwirrung hierüber war groß gewesen und so hatte ich ihn, kaum dass ich aus Friedrichshafen wieder zu Hause war, angerufen, um mich mit ihm zu verabreden.

Dieser Abend war dann sehr, sagen wir, außergewöhnlich gewesen. Als ich, gerade mal fünf Tage verheiratet, bei ihm in Düsseldorf vorgefahren war, war ich kaum bei ihm durch die Tür gewesen, als er mich in die Arme genommen und mehr als intensiv geküsst hatte. Ich hatte kaum Luft bekommen, um ihn zu begrüßen, aber das hatte er auch gar nicht gewollt.

„Andreas, ich ...“

Alles Weitere war untergegangen in einem Kuss, der sehr viel mehr gesagt als verschwiegen hatte.

„Andreas.“

„Sch.“

„Ich ...“, hatte ich es erneut versucht.

Aber er hatte mich nur noch einmal auf eine Art geküsst, die mich hatte erschaudern lassen, und mich anschließend einen Moment lang einfach nur angesehen. Seine Augen waren dunkel und sein Blick derart tief gewesen, dass ich darin versunken war.

„Andreas, bitte“, hatte ich nur noch gehaucht.

Er hatte meinen Blick gefangen gehalten und mich ein wenig verhangen angelächelt. „Bitte, ja, oder bitte, nein?“

Ich hatte leise gestöhnt und mich enger an ihn gedrückt. „Bitte, nein“, hatte ich schließlich gemurmelt.

„Das meinst du doch nicht wirklich?“, begleitet von einem leichten, warmen Lachen.

„Nein“, hatte ich ihm leise zugeflüstert, „aber es ist besser.“

Er hatte noch einmal leise und tief gelacht. „M-hm.“ Und hatte sich aufs Sofa gesetzt. „Chiara, verzeih mir, aber ich habe einfach nicht glauben können, dass er es wirklich zulässt, dass du dich weiter mit mir triffst.“ Er hatte mich verliebt angesehen, als ich mich dazu gesetzt hatte.

Ich hatte zu ihm hochgesehen und tief durchgeatmet. „Ich habe es dir doch gesagt.“

An jenem letzten Abend vor der Hochzeit, als ich bei Andreas gewesen war, war er davon ausgegangen, mich nie wiedersehen zu können. Er hatte gedacht, dass Christian aus durchaus nachvollziehbaren Gründen versuchen würde, unsere Beziehung zu unterbinden. Allerdings hatte ich Andreas erklärt, dass es meine Bedingung gewesen war, den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten, anderenfalls hätte ich Christian mein Jawort nicht gegeben.

Nun, er hatte mir offensichtlich nicht geglaubt.

Aber irgendwie konnte ich ihn verstehen, denn jemand wie Christian konnte es eigentlich nicht zulassen, dass seine Frau sich mit einem anderen Mann trifft. Zu was auch immer.

Wir hatten an jenem Mittwoch noch einige Zeit zusammengesessen und als ich schließlich wieder zu mir nach Hause gefahren war, hatte ich sicher sein können, dass Andreas mir nun wirklich glaubte, dass sich zwischen uns rein gar nichts geändert hatte.

In den letzten gut drei Monaten hatten wir uns auch einige Male gesehen, waren Essen gewesen oder hatten selbst gekocht. Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit gewesen. Andreas hatte es sich allerdings nie nehmen lassen, mich immer mal wieder auf die eine oder andere Art zu küssen. Weiter hatte er hingegen nicht mehr versucht zu gehen, wofür ich ihm ausgesprochen dankbar war. Denn ich war mir da nicht so sicher, dass ich nicht doch schwach geworden wäre.

Christian hatte ich stets über alle Treffen informiert, was er jedoch meist lediglich zur Kenntnis genommen hatte. Gut, mehr musste er ja auch nicht, schließlich hatte ich lediglich zeigen wollen, dass ich keine Geheimnisse vor ihm hatte.

Er sah mich jetzt auch gerade nur nachdenklich an, als ich meine Mailbox abhörte.

„Worüber lächelst du denn so entrückt?“

Ich musste lachen. „Entrückt?“

Er nickte leicht. „M-hm.“

„Ach, ich amüsiere mich nur so über Andreas’ Tonfall.“

Der hatte nämlich hinterlassen, ob er denn in der Silvesternacht anrufen dürfte. Und er hatte beinahe schüchtern geklungen. Ich musste wieder lächeln. Andreas Hochstätter und schüchtern, das war ein echt guter Witz, was auch mein Teufelchen fand, der ihn ja schließlich genauso lange wie ich kannte.

Christian nickte, angeblich verstehend, und ich ließ mich auch nicht weiter dazu aus.

„Sag mal“, wechselte ich das Thema, „wie findest du das, was Susanne uns heute Morgen erzählt hat?“

Er betrachtete mich ausführlich und zuckte dann leicht mit den Schultern. „Ein wenig merkwürdig ist das schon. Allerdings vorausgesetzt, dass sich das wirklich häuft mit den jeweils drei Todesfällen.“

Ich schaute ihn nachdenklich an. „Ich denke, ich werde da mal bei ihr nachhaken, denn das interessiert mich irgendwie.“

Dann ging ich zu ihm ans Fenster, schmiegte mich in seine Arme und sah auffordernd zu ihm hoch. „Meinst du, du könntest deine Frau noch einmal küssen, bevor du deine Mails abrufst?“

Er lachte leicht. „Steht mir das auf die Stirn geschrieben?“

„Der zweite Teil schon“, grinste ich ihn an. „Außer, du machst das extra, damit ich nicht auf die Idee komme, dich zum Eislaufen mitzunehmen.“

Jetzt begannen seine Augen zu blitzen und das schöne Rehbraun bekam einen warmen, goldenen Touch.

„Die Idee ist großartig. Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin.“ Er lachte auf mich herunter. „Aber ich kann das vermutlich jetzt nicht mehr geltend machen?“ Und er legte etwas Hoffnung in seine Stimme.

Ich schüttelte einigermaßen ernst den Kopf. Daraufhin beugte er sich zu mir herunter und kam meiner anfänglichen Bitte überaus umfangreich nach.

„Christian?“

„Ja?“ Er wusste ganz genau, was ich meinte, und sah mich vielsagend an.

„Ich kann so nicht Eislaufen gehen“, erklärte ich ihm leise.

„Nein? Wieso nicht?“ Er heuchelte Unschuld und sah mich weiter so an.

„Weil du mir die Knochen zu Gummi küsst.“

Er musste leicht lachen. „Schön formuliert. Möchtest du noch ein paar mehr Gummiknochen?“, flüsterte er mir ins Ohr.

Keine Frage, wollte ich, und seine Mails mussten erst einmal warten.

Später sah ich ihn aufmerksam an. „Soll ich bei Susanne mal nachfragen, ob sie etwas Kaffeepulver für dich hat? Du müsstest schon kräftig auf Entzug sein.“

Ich sah ihm an, dass er wusste, was nun kam.

„Gerne“, erwiderte er mir mit aller Gelassenheit, zu der er fähig war. Und das war im Moment sehr viel. „Das Wasser kannst du aber bitte gleich unten lassen“, nahm er mir schnell vorweg, bevor ich ihn mit seinen Kaffeegewohnheiten aufziehen konnte.

Ich für meinen Teil trank ja nun mal sehr gerne und viel Kaffee, Cappuccino und Co., aber bei Christian war das etwas sehr Spezielles. Er kochte sich frühmorgens immer ein Gebräu, bei dem man sich wirklich fragen musste, ob er das Wasser vergessen hatte.

Also grinste ich ihn schief an. „Arbeite nicht zu viel jetzt. Du weißt, wo du mich findest. Wenn nicht, ruf an, ich nehme das Handy mit.“

Ich gab ihm noch einen schnellen Kuss und ging dann Susanne suchen.

4

Die fand ich auch recht schnell und bat sie, einen extrem starken Kaffee zu kochen. Und weil ich ja so ein liebes Eheweib war, brachte ich Christian den dann hoch.

Er telefonierte gerade und bedankte sich mit einem liebevollen Blick.

Susanne kochte uns dann auch Kaffee in vernünftiger Stärke und wir schwatzten ein Weilchen über Gott und die Welt, bis sie kurz weg musste.

In der Zwischenzeit telefonierte ich meine Mailbox-Kandidaten durch. Zuerst Anja, die ein paar Fragen zu einem ihrer Fälle hatte. Meine liebevolle Ermahnung, nicht zu viel zu arbeiten, ignorierte sie natürlich.

„Es kann es nicht jeder so gut haben wie du und die Zeit in Tirol vertrödeln.“ Ich konnte sie lachen hören. „Was habt ihr denn für ein Wetter?“

„Die letzten Tage gewöhnungsbedürftig. Wenn man im Tal Brühe und auf dem Berg Sonne satt mag, aber ganz okay. Und ich sehe, es hat jetzt doch angefangen zu schneien.“

Wir plänkelten noch etwas herum und ich versuchte nach besten Kräften, ihre Fragen zu beantworten. Offensichtlich auch ganz erfolgreich, denn sie wirkte sehr gelöst, als wir uns verabschiedeten.

„Komm gut rüber, ich melde mich vielleicht in der Nacht auf Neujahr noch“, gab sie mir noch mit. „Und, Chiara, bitte grüß Chrissi von mir.“

Ich grinste vor mich hin. Sie hatte die Unart, Christian grundsätzlich „Chrissi“ zu nennen, was dem natürlich unwahrscheinlich gut gefiel. Gelegentlich konnte ich gewisse Mordgelüste in seinen Augen sehen, wenn sie das tat.

Ich kicherte vor mich hin, als ich dann Andreas anrief. Da tat sich nichts, also versuchte ich es in seiner Abteilung. Aber auch da ging nur sein Vorzimmer ran.

„Ich richte es ihm aus“, erklärte mir Sabine Huber freundlich. „Sie haben noch eine Besprechung und ich vermute, dass die noch etwas dauert.“

„Danke, Frau Huber. Und Ihnen einen guten Rutsch!“

„Oh, danke, Ihnen auch.“

Ich legte auf und rief noch schnell die anderen Kandidaten an. Dann kam Susanne zurück und wir tranken noch einen Kaffee.

„Sag mal“, fing ich an, denn die Neugier hatte mich im Griff, „erzähl mir das mal bitte genauer, was das mit den Todesfällen hier ist.“

Sie überlegte nur kurz. „Also, mir fällt das schon seit ein paar Jahren auf, aber du musst mal Mutti fragen. Ich glaube, das geht schon länger“, begann sie. „Du kannst wirklich danach gehen, dass, wenn es einen Fall gibt und ein zweiter nicht allzu spät danach kommt, dann gibt es todsicher auch einen dritten.“

Ich musste lachen wegen der Formulierung.

„Ehrlich“, erzählte sie weiter. „Ich finde das richtig eigenartig. Wenn es nur ein Fall ist, dann bleibt es auch einer. Aber sobald ein zweiter dazu kommt ...“ Sie schwieg.

Ich sah sie nachdenklich an. „Man könnte fast meinen, da wartet einer nur darauf, oder?“

Sie ließ sich das durch den Kopf gehen. Dann nickte sie leicht. „Ja, schon, aber wer macht denn so was? Wir sind hier im Zillertal, da ist die Bevölkerung doch eher überschaubar. Das müsste doch auffallen, oder nicht?“, fragte sie gedankenverloren.

„Hm.“ Ich überlegte. „Du hast recht. Aber andererseits: Es fällt ja auch auf, dir zumindest.“

„Ne, das meine ich nicht“, hielt sie mir entgegen. „Ich denke, dass es auffallen müsste, nach welchem System der dritte Fall eintritt.“

„Ein Tourist als Täter scheidet ja eigentlich aus“, dachte ich laut nach. „Der bekommt das im Regelfall ja gar nicht mit, wer hier stirbt.“

„Ja, also muss es ein Einheimischer sein“, folgerte Susanne. „Aber hier kennt doch jeder jeden mehr als genau.“

Ich lachte. „Das stimmt. Du kannst ja noch nicht mal eine andere Zeitung kaufen, ohne dass es gleich jeder weiß.“

„Na, komm.“ Susanne grinste mich an. „So schlimm sind wir hier aber nun doch nicht.“

Ich kicherte. „Doch. Und außerordentlich liebenswert.“

„Na gut, die Kurve hast du noch gekriegt“, gestand sie mir schief lächelnd zu. „Kaffee zur Belohnung?“

Ich nickte und hielt ihr meine Tasse hin. Wir schwatzten beide noch ein wenig weiter, als Andreas zurückrief.

„Na, schöner Mann“, begrüßte ich ihn, „auskonferiert?“

Ich hörte ihn leise lachen. „Ja, wurde auch Zeit.“ Seine Stimme war sehr warm. „Wie geht es dir?“

„Ganz prima, danke. Bei dir auch alles okay?“

„Bis auf, dass du nicht bei mir bist, ja.“

„Ach, Andreas.“ Ich seufzte leicht und sah, dass Susanne mich aufmerksam musterte. Deshalb zuckte ich ergeben mit den Schultern und sah sie grinsend an.

Andreas lachte wieder auf eine Art, die mir Gänsehaut verursachte. Und er wusste das. „Ich kann nichts dazu, dass du mir fehlst“, verteidigte er sich, immer noch mit eben diesem Lachen in der Stimme.

„Doch, kannst du“, entgegnete ich ihm gespielt streng. „Du kannst aufhören, dich da hineinzusteigern.“

„Ich steigere mich in nichts hinein“, korrigierte er mich gefühlvoll, „ich, ähm.“ Ich konnte quasi hören, wie er den Kopf schüttelte, als er den Satz abbrach.

„Was denn?“, fragte ich vorsichtig nach. Ich wusste zwar genau, was er abgebrochen hatte zu sagen, doch irgendwie hatte ich das Bedürfnis, ihn etwas zu reizen.

Wahrscheinlich ist es mein Teufelchen, das gerade das Zepter führt, dachte ich. Das nickte dann auch stolz in meinem Kopf.

Andreas seufzte leise. „Chiara, ich denke, du weißt, was ich sagen wollte.“

Ja, wusste ich, wie schon erwähnt. Trotzdem.

„Ich habe keine Ahnung“, gab ich ihm unschuldig zurück.

„Komm her und ich sag’s dir!“ Er ging zum Gegenangriff über. Mit Erfolg, denn er hatte seine Tonlage in Samt gepackt und mir wurde sehr, sehr warm.

Susanne hatte inzwischen die Küche verlassen, was mir auch ganz recht war, denn ich vermutete, man konnte mir ansehen, wie es mir ging.

„Das werde ich und wehe, du kneifst“, raunte ich ihm leise zu.

Sein Lachen bekam jetzt ein deutlich anzügliches Timbre. „Niemals. Aber ich darf dich vielleicht daran erinnern, dass du diejenige warst, die im Herbst einen Gang herunterschalten wollte.“

Ja, das war wohl wahr. Und auch sicher besser für mich. Doch ich hatte vergessen, auf meinen Teufel aufzupassen, und hörte mich selbst leise sagen: „Neues Jahr, neues Tempo.“

Andreas schwieg mich an, dann konnte ich ihn leise seufzen hören. „Wenn du das doch nur so meinen würdest, wie du es sagst, dann hätte ich keine weiteren Wünsche mehr an das neue Jahr“, vertraute er mir dann sehr sanft an.

Hallo, Gänsehaut, gesell dich doch schon mal zu deiner Schwester!

„Was wäre, wenn ich das auch so meinte?“

Ja, gab es das denn? Teufelchen, ich leine dich gleich an!

Andreas schluckte, wie ich hörte, und antwortete dann sehr leise: „Du würdest mich zu einem ausgesprochen glücklichen Mann machen.“

Er räusperte sich leicht. „Darf ich dich denn in der Nacht anrufen?“, wechselte er dann das Thema sicherheitshalber.

„Ja, natürlich.“ Meine Stimme zitterte zwar noch ein wenig, doch ich schaffte es, ihr einen äußerst liebevollen Tonfall zu verleihen. „Das musst du doch nicht fragen.“

„Nun ja. Ich kann mir denken, dass dein Mann das nicht so wirklich klasse findet, wenn ich dich anrufe.“

Mein Mann, dachte ich, ja, da hast du recht. „Andreas, bitte, es ist nicht sonderlich ungewöhnlich, wenn man sich Neujahr nach Mitternacht anruft“, sagte ich stattdessen.

Er lachte leise. „Du bist wirklich einzigartig.“

Wir unterhielten uns noch eine Weile und legten schließlich auf.

Ich sah aus dem Fenster und wartete, dass Susanne zurückkam. Das passierte auch einige Minuten später. Mit ihr diskutierte ich dann noch zwei Tassen Kaffee lang die neuesten Eskapaden ihres Sohnes Robert. Fünf Jahre alt und nur Mist im Sinn.

Vor mich hin lächelnd ging ich anschließend wieder hoch aufs Zimmer, um zu sehen, ob Christian mittlerweile in seinen Mails verschüttet gegangen war. War er und er arbeitete hochkonzentriert. Ich gab ihm einen schnellen Kuss und ließ ihn auch wieder alleine.

Das Wetter war ganz angenehm, also schlenderte ich noch eine Weile durch Fügen und atmete den intensiven Holzduft ein. Unten in der Talsohle hatte ein holzverarbeitendes Unternehmen seinen Sitz. Berge an Baumstämmen lagerten dort und wurden weiterverarbeitet. Und je nach Windlage trug es diesen einmaligen Duft hoch bis nach Fügen hinein. Ich bemerkte, dass ich in dieser Atmosphäre zur Ruhe kam. Und nach einem doch recht turbulenten Jahr war das auch nötig.

So war ich tief in meine rückblickenden Gedanken versunken, als mein Handy klingelte und mich herausriss.

„Wo steckst du denn, Schatz?“, wollte Christian wissen.

Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. „Aha, der Herr Vorstandsvorsitzende hat zuende gearbeitet“, neckte ich ihn.

„Nein, das nicht, aber der Rest muss bis morgen warten. Also, wo finde ich dich?“

Ich erklärte es ihm und es dauerte auch nicht lange, bis er seinen S8 neben mir anhielt und mich einsammelte. Wir suchten uns ein gemütliches Restaurant und nach einem ausgedehnten Abendessen und etwas Wein gingen wir relativ früh zu Bett.

5

Den vorletzten Tag des Jahres verbrachten wir beinahe ebenso wie den vorangegangenen. Das Wetter war recht stabil, leichter Schneefall manchmal zwischendurch, und so spazierten wir in der Gegend herum.

Mit leichtem Bedauern im Blick ging Christian dann am frühen Nachmittag wieder an die Arbeit, den Rest zu erledigen, den er am Vortag nicht mehr geschafft hatte.

Und ich schnappte mir meine Schlittschuhe und fuhr zur Eislaufbahn. Dort tobte ich mich zwei Stunden in aller Ruhe aus und als ich wieder aufs Zimmer kam, sah Christian mir schon entgegen.

„Hm.“ Er betrachtete mich mit sichtlichem Genuss. „Das ist dir aber wirklich gut bekommen“, stellte er leise fest.

Ja, das fand ich auch. Ich fühlte, dass ich eine sicher sehr gesunde Gesichtsfarbe hatte. Stand mir auch bestimmt gut zu der Mähne aus Naturlocken in einem Blondton, der sich „Champagner“ schimpfte. Außerdem vermutete ich, dass meine graugrünen Augen eben sehr stark funkelten.

Insgesamt nämlich ging es den vierzig Jahre alten, schlank proportionierten einhunderteinundsiebzig Zentimetern von mir ausgesprochen gut und ich trug sie ins Badezimmer.

Christian kam hinterher.

„Oh, nein, nein“, lachte ich ihn an, „das kannst du jetzt mal schnell streichen.“

Er lächelte mich gewinnend an, doch es half ihm nicht. In Rekordzeit schlüpfte ich aus meinen Sachen und war auch schon in der Duschkabine verschwunden.

Als ich angenehm erfrischt wieder herauskam, stand er immer noch da. Nur sein Lächeln hatte sich verändert. Mittlerweile war es siegessicher geworden.

„Du brauchst gar nicht so zu lächeln“, empfahl ich ihm. Doch er machte natürlich weiter.

„Du entkommst mir nicht“, versprach er mir leise.

Nun, das hatte ich ja auch gar nicht vor. Ich rubbelte meine Haare so trocken es ging und er bot mir mit unschuldiger Miene an, mich einzucremen.

„Wenn du dich auf den Rücken beschränken kannst, gerne.“ Ich lachte ihn an.

Das schaffte er weitestgehend, wenn man den Begriff „Rücken“ etwas großzügig auslegte, und ich zog mir in Ruhe frische Sachen an. „Wo wollen wir denn heute essen?“, versuchte ich ihn dabei abzulenken.

„Ich dachte, wir fahren mal nach Schwaz“, antwortete er und zog mich gleichzeitig mit seinen Blicken wieder aus.

„Christian! Lass es! Das gibt nur Stress in der Leistengegend.“

So, das half, er musste lachen.

„Schwaz“, half ich ihm auf die Sprünge.

Er räusperte sich leicht. „Genau, Schwaz. Wir könnten einfach auf gut Glück etwas bummeln und nehmen dann, was uns gefällt.“

Ich nickte, das hörte sich gut an. Also machten wir das auch.

Am Silvestermorgen frühstückten wir etwas eher und dafür doppelt so ausführlich, denn Christian hatte vor, noch einmal Skilaufen zu gehen. Das Wetter gab das her. In der Nacht hatte es etwas Neuschnee gegeben und nun, am frühen Morgen, sah es recht angenehm aus. Außerdem war es Samstag, also An- und Abreisetag, deshalb hoffte er, dass auf den Pisten nicht ganz so viel los sein würde.

Als er losgefahren war, natürlich nicht ohne den Versuch, mich mitzunehmen, machte ich mich gemütlich daran, einmal meine aufgelaufenen Mails zu prüfen. Mit Christian rechnete ich am frühen Nachmittag wieder und ich hatte somit ausreichend Zeit dafür. Insgesamt war in meinem Account erfreulicherweise auch nicht allzu viel los. Nachdem ich alle Werbemails gelöscht hatte, sah es recht übersichtlich aus. Ich arbeitete sie also in Ruhe durch und war schon etwas länger fertig, als Christian zurückkam. Er sah sehr zufrieden aus.

„Na?“, begrüßte ich ihn mit einem zärtlichen Kuss. „Du siehst gut aus. Freie Pisten?“

„Nicht ganz, aber ganz okay.“ Er erwiderte meinen Kuss. „Ich gehe schnell duschen.“

Anschließend schlug ich vor, dass wir uns eine Stunde oder so hinlegten, denn wir hatten am Abend vor, an einem Galadinner in einem der großen Hotels in Fügen teilzunehmen. Und da wäre es bestimmt kein Fehler, sich vorher noch etwas auszuruhen.

So machten wir das dann auch. Und als es gegen achtzehn Uhr ging, begannen wir uns in die entsprechende Schale zu werfen.

Christian hatte es, wie immer bei solchen Events, einfach: Smoking, Fliege, Kummerbund, fertig.

Mir hatte er für diesen Anlass ein ausgesprochen hübsches, also eigentlich eher hochelegantes Abendkleid schneidern lassen: Schwarze Spitze auf Taft, glatt, eng am Körper herunter laufend, hoch geschlitzt und mit einer Art Neckholder. Dieser ermöglichte einen durchaus sehenswerten Rückenausschnitt und war in der Halsmanschette mit dunklen Perlen bestickt.

Ich sah Christian an, dass ihm sehr gefiel, was er sah, als ich hineingestiegen war.

Die Haare hatte ich, wie üblich für solche Outfits, hochgesteckt. Er nahm mich vorsichtig in den Arm und flüsterte mir ins Ohr, wie sehr er mich liebte. Ich erwiderte ihm dasselbe und legte noch meinen Schmuck an, bevor wir losgingen.

Und ich trug den Armreif, den Andreas mir zu meiner Hochzeit geschenkt hatte. Es war mir ein echtes Bedürfnis gewesen, als ich zu Hause meine Auswahl getroffen hatte. Nicht nur, weil mir dieses Kunstwerk aus Gelbgold mit Mondsteinen und Schwarzen Opalen einfach außerordentlich gut gefiel, sondern hauptsächlich, weil ich Andreas in irgendeiner Form beim Jahreswechsel bei mir haben wollte.

Mich hatte nur gewundert, dass Christian bis jetzt noch gar nichts zu dem Reif gesagt hatte, denn ich hatte ihn bereits einige Male in seiner Anwesenheit getragen. Am Tag unserer Trauung hatte ich ihn erstmals angelegt, weil das Andreas’ Wunsch gewesen war. Und er war Christian natürlich direkt aufgefallen, doch er hatte nie nachgefragt. Das war mir auch jetzt ganz recht, denn das hätte nur für Missstimmung gesorgt und das wollte ich am allerwenigsten.

Der Abend wurde ein voller Erfolg. Wir aßen uns in Gemütsruhe durch verschiedene Gänge, tanzten anschließend ein wenig und unterhielten uns mit einigen anderen Gästen dort. Schließlich wurde es Mitternacht und wir stießen auf das neue Jahr an.

Christian sah mir tief in die Augen. „Du hast mir im vergangenen Jahr sehr viel geschenkt“, meinte er leise zu mir und der Ausdruck in seinen Augen vertiefte sich weiter.

„Christian“, fing ich an.

„Ich meine das sehr ernst.“ Er unterbrach mich sanft. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie unendlich viel mir das bedeutet, dass du meine Frau geworden bist.“

Doch, konnte ich, denn ich sah es in seinem Blick. „Christian“, begann ich noch einmal und er sah mich nur gefühlvoll an. „Ich liebe dich sehr. Und du weißt das auch.“

Er nickte leicht und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

Später hatte er die Arme um mich gelegt, als wir uns das wirklich sehenswerte Feuerwerk über dem Vorderen Zillertal ansahen.

Und so gegen halb eins klingelten dann die unterschiedlichsten Handys. Auch meines, denn Anja hatte es doch geschafft, durchzukommen. Wir wünschten uns alles Gute und sie sprach auch noch ein paar Minuten mit Christian, vor allem, ohne ihn Chrissi zu nennen, wie ich seiner Miene entnehmen konnte.

Niko hatte es auch hinbekommen, in völlig überlasteten Netzen die Verbindung herzustellen, und wir tauschten unsere Wünsche aus.

Kurz nachdem ich aufgelegt hatte, klingelte es wieder.

Andreas.

Ich lächelte Christian entschuldigend an und entfernte mich wieder ein paar Meter.

„Ein frohes Neues Jahr wünsche ich dir!“, begrüßte ich ihn.

„Das wünsche ich dir auch!“, antwortete er mit weicher Stimme. „Was macht ihr denn Schönes?“

„Oh, wir sind hier auf einem Galadinner und haben uns gerade das Feuerwerk angeschaut. Sehr beeindruckend, wirklich. Und du?“

Ich hörte ihn leicht lachen. „Ich bin bei Armin und Simone. Wir hatten das ja so geplant.“

Dr. Armin Vogel war der Leitende Oberarzt von Andreas. Wir kannten uns nicht nur von meiner Operation aus dem vergangenen Mai, sondern waren seit dem Ball im August auch per Du. Die beiden waren schon sehr lange gut befreundet. Und Simone Wagner war Armins Lebensgefährtin. Auch mit ihr war ich bei besagtem Ball umfangreich ins Gespräch gekommen.

„Grüß die beiden, bitte!“

Und bevor ich noch etwas sagen konnte, fragte er: „Können wir uns sehen am nächsten Sonntag?“

„Sicher. Ich werde wohl im Laufe des Nachmittags zurückfliegen.“

Ich beabsichtigte wirklich, die komplette erste Januarwoche bei Christian in Friedrichshafen zu bleiben. Bei mir war im Januar, vor allem zu Beginn, immer eher wenig los und Christian wollte dieses Jahr versuchen, etwas Freiraum zu schaffen in diesen Tagen.

„Das wäre schön. Ich habe vor, am Freitagabend mit den beiden zu Ralf nach Frankfurt zu fahren. Wir werden dann auch am Sonntagnachmittag zurückkommen.“

Ralf Schlierfeld war ein befreundeter Arzt, auch Anästhesist, den ich allerdings nicht persönlich kannte.

„Dann wünsche ich euch viel Spaß!“, gab ich Andreas noch mit.

„Chiara?“

„Ja?“ Ich legte das Lächeln aus meinem Gesicht auch in meine Stimme. Und hörte, dass sich sein Tonfall verändert hatte.

„Chiara.“ Er atmete leise durch. „Ich liebe dich!”

Ich schluckte, schloss kurz die Augen und musste nun meinerseits tief durchatmen. „Andreas.“

„Verzeih mir, aber ich musste dir das jetzt sagen.“ Seine Stimme war dunkel und sehr weich.

Ich seufzte leise. „Andreas?“

„Hm?“

„Ich dich auch.“

Das Schweigen auf seiner Seite war greifbar.

Ich hatte lange darüber nachgedacht, doch ich war zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mir nur selbst einen vorlog, wenn ich weiter hartnäckig verweigerte, zu glauben, dass das die Wahrheit war.

„Bist du noch da?“, fragte ich nach einem Moment vorsichtig an. Ich hörte, dass er leichte Schwierigkeiten hatte, seine Fassung zu behalten.

„Ja“, kam es dann sehr, sehr leise. „Kannst du das bitte wiederholen?“

„Ob du noch da bist?“, ärgerte ich ihn liebevoll.

„Nein.“ Seine Stimme war sehr rau. „Das davor.“

Ich lächelte für mich. „Ich sagte, ich liebe dich auch“, wiederholte ich dann sanft, was ich zuvor gesagt hatte. Und wieder konnte ich sein Schweigen beinahe körperlich spüren.

„Andreas?“

Er atmete tief durch, wie ich unschwer hören konnte. Doch er schwieg weiter.

„Ich hoffe, ich habe dich nicht auf Dauer sprachlos gemacht.“ Ich versuchte es anders.

„Chiara?“, schaffte er dann doch leise.

„Ja?“

„Ich, ähm, ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll.“

„Brauchst du auch nicht. Ich wollte dir das nur sagen, denn es hat keinen Sinn, wenn ich weiter probiere, mir klarzumachen, dass das nicht stimmt“, erklärte ich ihm ruhig.

Er stöhnte leise. „Oh, Chiara.“

„Und ich finde“, fuhr ich weiter liebevoll fort, „man sollte ein neues Jahr vor allem mit Ehrlichkeit beginnen.“

Ich hörte nur, dass er schluckte. „Ist alles okay?“ Ich wurde langsam doch etwas besorgt, weil er so gar nicht reagierte.

„Ja.“

Ich registrierte, dass er sehr tief durchatmete. „Hey! Andreas!“

„Hm.“

„Komm, das kann dich doch jetzt nicht so dermaßen aus der Bahn geworfen haben.“

„Nein, das ist es nicht“, antwortete er leise.

„Sondern?“

„Ich, also.“ Pause. Er schluckte wieder schwer. „Mehr brauche ich, glaube ich, in diesem Jahr nicht.“

„Andreas?“, fragte ich noch einmal ganz vorsichtig an.

„Ja?“

„Hätte ich dir das nicht sagen sollen?“

Er hatte seine Fassung wohl ansatzweise wiedergefunden. „Doch, hättest du. Und ich danke dir dafür.“ Seine Stimme war außergewöhnlich dunkel und warm.

Ich spürte, dass Christian angefangen hatte, mich zu beobachten, und ich begann, das Gespräch in etwas unverfänglichere Bahnen zu lenken. Ein paar Minuten sprachen wir also noch und dann verabschiedete ich mich langsam von ihm und ging zu Christian zurück.

Der musterte mich kurz eindringlich und kam dann wohl zu dem Ergebnis, dass Nachfragen keinen sonderlichen Sinn gemacht hätte. Er legte nur sofort seinen Arm um mich und küsste mich kurz auf den Hals.

Wir ließen die Neujahrsnacht in Ruhe ausklingen und ein Taxi brachte uns am frühen Morgen wieder zu Susanne zurück.

6

Nach einer nur sehr kurzen Nacht saßen wir später am neujährlichen Frühstückstisch und hatten bereits Susanne und ihrer Familie unsere Wünsche für das frische Jahr ausgerichtet.

„Gehen wir noch etwas spazieren, bevor wir wieder zurückfahren?“, wollte Christian leise von mir wissen.

Ich nickte ihm zu. „Gerne, aber ich fürchte, es beginnt gleich wieder zu schneien.“

Er sah skeptisch hinaus. „Dauert noch, denke ich.“

Ich musterte ihn liebevoll und natürlich merkte er das sofort. Also erwiderte er meinen Blick gutmütig. „Du möchtest mich bestimmt wieder ärgern“, vermutete er vorsichtig.

„Ich?“ Ich tat unschuldig.

Ein kleines Lächeln schlich um seine Mundwinkel. „Nein, stimmt. Wie komme ich nur auf so etwas?“

„Ja, das frage ich mich auch“, hielt ich ihm trocken entgegen und mein Teufelchen freute sich still, dass ich schon wieder begann, ihn herauszufordern.

„So ein sanftmütiges Wesen wie du.“ Christian schüttelte leicht den Kopf.

„Ja, das sehe ich aber ganz genauso!“ Mein Blick blieb noch erfreulicherweise ernst.

Seiner nicht.

„Nun leg schon los, du platzt ja sonst“, forderte er mich amüsiert auf.

„Womit sollte ich dich denn ärgern?“, wollte ich direkt wissen.

Er lachte leise. „Ich bin mir sicher, da fällt dir was ein.“ Und er lächelte mich zuversichtlich an.

Ich betrachtete ihn einfach nur weiter. Mir gefiel, was ich sah, denn ganz offensichtlich hatte er sich während der paar Tage hier im Zillertal richtig gut entspannt. Und bei seinem Job war das gar nicht so einfach. Ständig flog er in der Weltgeschichte herum, hetzte von einer Sitzung zur nächsten, musste mitunter seine Tage extrem eng planen. Also hatte er es eigentlich nicht verdient, dass ich ihn wieder ärgerte. Nicht, dass mir das keinen Spaß gemacht hätte. Ich grinste innerlich und lächelte ihn äußerlich einfach nur lieb an.

„Schatz, weißt du“, fing ich an, „ich denke, du bist im Moment so schön entspannt, das sollte ruhig noch ein wenig so bleiben.“

„Oha!“ Sein Blick wurde dunkel und er studierte mein Gesicht aufmerksam. „War doch eine lange Nacht, hm?“, bekam ich mit einem unschuldigen Lächeln zu hören.

Wieso ärgerte ich ihn eigentlich nicht?

Ja, wieso eigentlich nicht?, wollte auch mein Teufel wissen. Schau ihn dir an, er fängt an! So entspannt ist er!

Doch ich lächelte meinen derzeit ausgesprochen liebreizenden Ehemann nur an und ließ seinen Angriff verpuffen.

Er quittierte das auch nur mit einem belustigten Lächeln und natürlich mit: „Fällt dir aber ganz schön schwer, mein Schatz!“

Ich seufzte leise und sah ihn aus halbgeschlossenen Augen an. „Liebster, du musst nur ein wenig betteln, dann ärgere ich dich auch“, schlug ich vor und er musste lachen.

„Ach, ich denke, das kommt auch noch, ohne dass ich darum betteln muss.“ Er zwinkerte mir zu und wir beendeten so langsam unser Frühstück.

Nach einem kleinen Spaziergang durch Fügen packten wir unsere Sachen in Christians S8, verabschiedeten uns von Susanne und ihrer Familie und schließlich fuhren wir zurück nach Friedrichshafen.

Dort erwarteten uns bereits Sandra und Alexander mit ihren Neujahrswünschen.

Die beiden waren so etwas wie ein Haushälterehepaar, das Christian schon vor Jahren eingestellt hatte, damit sie sich um sein Haus und alles andere kümmerten. Er war schließlich außerordentlich viel unterwegs und darauf angewiesen, dass er sich auf solche Menschen verlassen konnte. Sie standen ihm quasi rund um die Uhr zur Verfügung, sollte er das wollen. Im Gegenzug genossen sie umfangreiche Freiheiten, was unter anderem auch zur Verfügung gestellte Pkws und eine große Einliegerwohnung in seinem Haus betraf.

Ich fand beide ausgesprochen sympathisch, solange ich sie bereits kannte.

Und da wir schon bei Christians Angestellten auch für den privaten Bereich waren, sollte noch Georg Schneider erwähnt werden, den ich am folgenden Sonntag das nächste Mal sehen würde. Schneider war Christians Pilot. Denn da Zeit für Christian ein sehr knappes Gut war, besaß er einen Learjet, um zum Beispiel innerdeutsche Flüge sowie Zubringer schneller abwickeln lassen zu können, als wenn er dazu auf große Airlines angewiesen wäre. Oder darauf, mit dem Wagen zu fahren.

Und da Christian ja sehr gerne flog, war er auch der Ansicht, dass es mir ebenso zu gehen hatte.

Nicht im Mindesten! Ich hasste fliegen und auch wenn mein Mann es vorzog, mich regelmäßig aus Bonn einfliegen zu lassen, legte sich das nicht, eher im Gegenteil.

Aber Christian hatte Georg Schneider auch diesmal mit stoischer Gelassenheit angewiesen, dass er mich am folgenden Sonntag wieder mit Oskar zurück nach Köln/Bonn flöge. Ich musste bei dem Gedanken grinsen, denn ausschließlich um Christian zu ärgern, hatte ich seinen Learjet getauft. Offizielle Lesart war, dass ich es als zu gestelzt empfand, ständig von seinem „Flugzeug“ zu sprechen; die inoffizielle war, dass ich mich einfach revanchieren musste. Dafür, dass er sich immer durchsetzen musste, was meine Reisen anbelangte. Und zu sehen, dass ihm die Personifizierung seines Jets nicht besonders gut gefiel, war für mich ausreichend.

Ich grinste weiter in mich hinein, als ich darüber nachdachte.

Christian räumte unsere Taschen in Ruhe ins Haus und letztlich ließen wir alles stehen und liegen, denn aufräumen konnten wir auch in den nächsten Tagen noch. Oder Sandra war schneller, was sehr viel wahrscheinlicher war.

Ich besah ihn mir wieder dabei und konnte nur noch einmal feststellen, dass er sehr entspannt aussah. Wirklich schön!

„Wenn du mich noch weiter beobachtest, muss ich mir wohl Gedanken machen, oder?“

Das riss mich aus meinen Betrachtungen heraus. „Hm?“

Er lachte leise. „Oh, ich meine, du warst so herrlich in Gedanken versunken. Das sah sehr gut aus.“

Er erhielt einen schrägen Blick von mir. „Und das ist ein Grund, mich aus denselben herauszuholen? Selbst schuld!“ Ich zwinkerte ihm zu. „Vielleicht war ja etwas zu deinen Gunsten dabei.“

„Oh, das will ich aber doch hoffen.“ Damit kam er zu mir herüber und legte seine Arme um mich. Dann sah er warm auf mich herunter und gab meiner Stirn einen Kuss.

„Danke für die schönen Flitterwochen“, flüsterte er mir leise zu und strich mir sanft durch die Haare.

„Flitterwoche“ im Singular wäre bei zehn Tagen wohl eher korrekt gewesen, doch wen störte das?

Ich erwiderte seinen Blick ebenso tief.

„Christian“, fing ich dann weich an, „ich danke dir! Denn du hast dich freimachen können und das hat mir sehr viel bedeutet, das weißt du hoffentlich.“

Er nickte leicht und sein Blick wurde noch eine Nuance dunkler. „In der kommenden Woche wird das nicht so einfach gehen, aber das kann ich leider nicht ändern.“

„Christian, bitte!“ Ich sah ihn ruhig an. „Ja, ich weiß das, das musst du nicht immer wieder neu erwähnen.“

Und bevor er etwas erwidern konnte, holte ich mir seinen Mund herunter, küsste ihn sanft und fuhr dann leise fort: „Mach dir darum bitte keine Gedanken, ich fände es schon schön, wenn du es hinbekommst, dass wir ein wenig Zeit miteinander haben können.“

Das würde wahrscheinlich, oder hoffentlich, darauf hinauslaufen, dass er zwar jeden Tag ins Büro fuhr, von einem Meeting zum nächsten sprang, sich das Ohr wund telefonierte, aber sich den Abend freihielt. Ich seufzte leise. Ja, es wäre wirklich schön, zumindest die Abende gemeinsam zu haben.

Doch er missverstand mein Seufzen und sein Blick wurde ein wenig traurig.

„Chiara, ich ...“, fing er wieder leise an.

„Hey! Nicht so trübsinnig! Das war ein hoffnungsvoller Seufzer.“

Ich lächelte weich zu ihm hoch. „Und außerdem: Wir haben ja erst mal den Rest von heute.“

Er nickte leicht und tauchte wieder tief in meine Augen ein. „Ich liebe dich!“

„Na, das ist aber doch wohl auch das Mindeste“, fing ich direkt an und er lachte. „So richtig lange warten musste ich ja nicht, bis du doch wieder anfängst, mich zu ärgern.“ Er lächelte mich breit an. „Und betteln auch nicht, wie dir bestimmt aufgefallen ist.“

Na ja, dachte ich, immerhin seit heute Morgen und die gesamte Rückfahrt. Gar nicht mal schlecht für mich. Doch jetzt durfte ich ja.

„Doch hast du, du hast das nur nicht gemerkt.“ Ich versuchte einen ernsten Blick.

Er hingegen lachte immer noch breit auf mich herunter. „Ich habe gebettelt?“

Also nickte ich. „Ja, du hättest deinen Blick eben sehen sollen. Wenn das kein Betteln war, dann weiß ich es nicht.“

„Ah, ja.“

„Ja“, bekräftigte ich noch einmal annähernd ernst, musste dann aber doch grinsen.

Und so lächelte er mich einen Moment lang liebevoll an und machte sich dann von mir los. „Gut, fangen wir mal mit heute Abend an. Was möchtest du gerne machen?“, wollte er dann leise wissen.

„Goldbrasse!“ Ich strahlte ihn an.

Seine Augen begannen golden zu funkeln.

Sieg auf ganzer Linie, wie ich feststellte. Also hatte er bereits reservieren lassen. Gut, der Mann.

Nun ja, meinte mein Teufelchen beiläufig, du bist auch ziemlich gut zu durchschauen, was das anbelangt.

„Neunzehn Uhr genehm?“, fragte mich meine Ehehälfte leise mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem Lächeln, das seinen Triumph nur bestätigte.

Ich nickte leicht und zwinkerte ihm zu. „Sehr gerne.“

Direkt am Bodensee gab es das Restaurant „Alpenblick“. Einfallsloser Name, aber herausragende Küche, was Fisch anbelangte.

Und da ich nun mal, wie Christian auch, gerne Fisch aß, waren wir ab und zu dort. Und mein Favorit war ganz klar die Goldbrasse.

Gegen halb sieben machten wir uns dann so langsam fertig und Christian fuhr uns zum „Alpenblick“.

„Ah“, seufzte ich zufrieden, nachdem ich meine Brasse erfolgreich in meinen Bauch bekommen hatte, „auch in diesem Jahr eine Offenbarung.“

Christian betrachtete mich eingehend und mit einem verträumten Lächeln im Gesicht.

„Stimmt“, meinte er dann leise, „einfach nur großartig.“

„Ich meinte die Brasse“, entgegnete ich trocken, denn sein Blick ließ andere Schlüsse zu. Daraufhin lachte er leicht und änderte ihn.

Wir unterhielten uns noch ein Weilchen völlig entspannt und er fuhr uns später nach Hause, wo wir den Abend gemütlich ausklingen ließen, bevor der Alltag erst Christian und später mich schon bald wiederhaben würde.

7

Der Montagmorgen begann für Christian wie immer gegen sechs in der Früh. Er sprang eine gute halbe Stunde auf seinen Crosstrainer, während ich mich noch einmal brummend im Bett umdrehte.

„Oh, Service!“, freute ich mich, als er mir, frisch geduscht, rasiert und schon im Anzug, einen Becher Kaffee ans Bett bringen wollte.

„Ich hoffe, ich habe genug Wasser hineingetan“, frotzelte er leicht. „Zumindest konnte ich den Boden des Bechers sehen, bevor ich die Milch ... hey!“

Sein Kopfkissen flog ihm entgegen. Ich verfehlte ihn jedoch. War vielleicht auch besser, so mit dem Kaffeebecher in der Hand. Zumindest wäre Sandra sicher nicht sonderlich begeistert gewesen, hätte sie Kaffeeflecken aus dem Teppich rubbeln müssen.

Sandra. Ich lachte in mich hinein, denn ich wusste, dass Christian lange, sehr lange gebraucht hatte, bis sie eingesehen hatte, dass er sich morgens seinen Herzschrittmacher selbst kochen wollte und sie um die Zeit im Normalfall noch nicht benötigte.

Ich sah Christian herausfordernd an, weil er sich nicht mehr von der Stelle gerührt hatte. Stattdessen hatte er sich ein leichtes Lächeln ins Gesicht gezaubert.

„Komm! Trau dich!“, lockte ich ihn.

Er wog noch weiter lächelnd seine Chancen ab. Ich hatte nur noch mein Kissen und würde das sicher eher nicht nach ihm werfen. Also kam er zu mir, stellte den Becher auf meinen Nachttisch und wollte mir einen schnellen Kuss geben.

„Das wird nichts, mein Lieber“, erklärte ich ihm leise und zog ihn ganz herunter zu mir.

Im Ergebnis war der Kuss alles andere als schnell und er musste sich nicht nur seine Krawatte neu binden.

Dafür grinste ich ihn schief an. „Wenn dein Schneider nicht so ausgesucht gute Stoffe verwenden würde“, ich sah ihn tief an, „müsstest du außerdem über einen Anzugwechsel nachdenken. Mindestens jedoch über dein Hemd.“

Der Gedanke schien ihm allerdings gut zu gefallen. Und so zog er sich schnell Sakko und Schuhe aus und lag dann auch schon wieder auf mir.

„Du weißt, welche Strafe darauf steht, seinen eigenen Mann mit Kissen zu bewerfen?“, flüsterte er mir leise zu und bedeckte meinen Hals mit ein paar federleichten Küssen.

„Keine?“, murmelte ich zurück.

„Falsch!“

„Aber es war doch Notwehr“, stöhnte ich leise.

„Wieder falsch! Ich habe dir einen Kaffee bringen wollen und war somit arg- und wehrlos“, erklärte er mir aufreizend leise in mein Ohr. Wie wehrlos er wirklich war, sollte ich dann schnell feststellen.

Und als er schließlich doch ging, mit einem neuen Hemd, dachte ich nur träge, dass Sandra ihn dafür vermutlich verfluchen würde. Oder mich. Ich grinste anzüglich vor mich hin und drehte mich seufzend noch einmal um.

So eine gute halbe Stunde später hatte ich dann allerdings genug vom Bett und stand auf. Ich warf sein Kissen zurück auf seine Seite und verschwand erst einmal in Ruhe im Bad. Nach einer schönen, umfangreichen Dusche war ich dann auch langsam aber sicher bereit, mich an meine Arbeit zu machen.