Ein letzter Blick zurück - Kristina Bialek - E-Book

Ein letzter Blick zurück E-Book

Kristina Bialek

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Beschreibung

Die temperamentvolle und lebenslustige Chiara Rieffenbach ist selbstständige Unternehmensberaterin, ihr Ehemann Michael erfolgreicher Vertriebsleiter einer Maschinenbaufirma im Rheinischen. Beide sind eng befreundet mit Christian Waidenfels, der im Begriff ist, im Konzern BoKuns AG auf der Karriereleiter ganz nach oben zu steigen. Als Michael bei einem schrecklichen Verkehrsunfall ums Leben kommt, können Christian und Chiaras beste Freundin Anja sie nur mit Mühe davor bewahren, ins Bodenlose zu fallen. Die Trauer hält Chiara über Jahre gefangen, erst an Michaels viertem Todestag kann sie sich allmählich innerlich von ihrem geliebten Mann lösen. Und während Chiara und Christian sich als Freunde zunehmend näher kommen, stellt Chiara zu ihrem eigenen Erstaunen fest, dass sie sich immer stärker zu Christian hingezogen fühlt. Doch der scheint nach wie vor der Loyalität gegenüber seinem ehemals engsten Freund verpflichtet. Welche Entscheidung wird Chiara treffen müssen, um der neuen Liebe eine Chance zu geben und wie wird sich Christian dazu stellen?

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Seitenzahl: 518

Veröffentlichungsjahr: 2018

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„Für B.“

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

1

„Rieffenbach“, meldete ich mich einigermaßen freundlich, ohne aufs Display gesehen zu haben, nachdem ich mir mein Handy aus der Hosentasche gezogen hatte.

Ich lächelte Michael schnell entschuldigend zu, der tauchte jedoch mit einem wissenden Lächeln nur wieder hinter seiner Zeitung ab.

Eigentlich hatten wir in aller Ruhe frühstücken wollen, doch das schien sich gerade in Luft aufzulösen.

Michael war gestern erst aus den Staaten zurückgekommen und hatte sich für heute etwas Auszeit eingetragen. Aus Seattle war es halt ein langer Flug und selbst wenn er Business flog, war er doch im Anschluss relativ geschafft.

Erfreulicherweise hatte sein Arbeitgeber dafür aber jedes Verständnis der Welt.

Wäre auch schlimm, wenn nicht, dachte ich nicht zum ersten Mal.

Michael war seit einigen Jahren Vertriebsleiter der MaBaS AG in der Nähe von Siegburg. Und als solcher war „Reisen“ sein zweiter Vorname geworden.

Wenn nicht gar sein erster.

Rücksicht auf Wochenenden oder Ähnliches konnte er nur selten nehmen. Und unter anderem aus diesem Grund war es seinem Geschäftsführer auch absolut recht, wenn er sich nach einer langen Reise kurz herausnahm.

Der wusste schließlich überaus genau, was er an Michael hatte. Nämlich einen der besten Vertriebler, den man sich nur wünschen konnte.

So, als Chef. Nicht als Ehefrau, denn dadurch sah ich in aller Regel nicht allzu viel von ihm. Ich musterte ihn noch kurz amüsiert. Wenn Michael eine Zeitung in die Finger bekam, nach einer Reise am besten die vom Vortag, war er nicht mehr zu bremsen. Verstehen musste ich das nicht. Denn wieso eigentlich war die vom Vortag spannender als die aktuelle? Egal. Er mochte es halt so.

„Oh, Christian, hallo“, begrüßte ich dann mein Gegenüber in der Leitung fröhlich, „wie geht es dir?“

Jetzt schaute selbst Michael auf und deutete ein leichtes Winken an.

Ich zwinkerte ihm kurz zu, drehte mich dann um und ging in mein Arbeitszimmer.

Christian war Christian Waidenfels, seines Zeichens Chefcontroller in der Konzernspitze der BoKuns AG in Friedrichshafen.

Mit seinen noch neununddreißig Jahren war er alles, aber vor allem keine kleine Nummer. Nach seinen Studienabschlüssen in Jura und Wirtschaftswissenschaften war er sechsundneunzig als Controller bei der BoKuns AG im Headquarter eingestiegen und bereits zwei Jahre später mit gerade mal dreiunddreißig Chefcontroller in seinem Geschäftsbereich geworden.

Daraufhin hatte die Konzernführung beschlossen, ihn ins Supply-Chain-Management zu stecken, damit er auch die technischen Abläufe der kunststoffverarbeitenden Industrie im gesamten Produktionsverlauf erlernte. Tat er.

Und dank seines guten diplomatischen Gespürs und ausgesprochen hohen Verhandlungsgeschickes war er auch schnell als Standortleiter in verschiedenen BoKuns-Töchtern in Übersee und Asien eingesetzt worden.

Seine Reisebegeisterung war dem nur zuträglich gewesen.

Zweitausendvier war er schließlich zurück nach Friedrichshafen gekommen, um in die Konzernspitze einzusteigen. Und dort war ein Ende seiner Karriere noch nicht in Sicht, denn es wurde gemunkelt, dass er wohl in nicht allzu ferner Zukunft in den Vorstand berufen werden würde.

Michael und er hatten sich kennengelernt, das war noch in neunundneunzig gewesen, bevor Christian in die Staaten abkommandiert worden war. Die BoKuns AG hatte bei Michael Spritzgussmaschinen kaufen wollen.

Ja, und Christian hatte die Verhandlungen geführt. Etwas ungewöhnlich zwar, doch höchst zufriedenstellend für beide Parteien.

Letztlich hatte die Chemie zwischen beiden außergewöhnlich gut gestimmt, sodass sich in kürzester Zeit eine tiefe Männerfreundschaft entwickelt hatte.

Und so traf man sich eben, wenn die Zeit es zuließ, auch immer wieder gerne privat.

„Chiara“, antwortete Christian mir eben und ich konnte das Lächeln in seiner Stimme hören, „danke, und dir?“

„Mhm. Kann nicht klagen.“

„Du bist ja auch kein Anwalt.“

Das ging seit einiger Zeit immer so, wenn Christian und ich miteinander telefonierten. Nicht, dass uns das je langweilig geworden wäre.

„Was kann ich denn für dich tun, schöner Mann?“, wurde ich wieder ernster.

„Woher weißt du, dass ich etwas von dir will?“ Sein Lächeln in der Stimme verstärkte sich und ich grinste.

„Psychologin“, hielt ich ihm dann auch nur trocken entgegen. „Und gemeinhin leidest du nicht an Langeweile.“

Er lachte leise. „Du kennst mich.“

„Also, was kann ich für dich tun?“, fragte ich noch einmal.

„Ich brauche deine Hilfe“, kam jetzt wieder ernster aus Friedrichshafen. – „Okay.“ – „Chiara, ich habe ziemlich schwierige Gespräche zu führen und ich hätte gerne deine Unterstützung dabei.“

Er machte eine kurze Pause, beeilte sich dann allerdings nachzulegen: „Also, wenn du Zeit hast, natürlich.“

Ich lachte leise. „Wann? Wo?“

„Oh“, lachte auch er wieder, „mit Nebensächlichkeiten hältst du dich ja heute so gar nicht auf.“

Stimmt! Aber ich war das mittlerweile gewohnt, denn Christian fragte schon des Öfteren bei mir an, seit ich mich als Unternehmensberaterin selbstständig gemacht hatte.

Ich hatte Diplome in Psychologie sowie in BWL und diese Kombination sorgte für ein gutes Fundament bei Beratungen. Meine Schwerpunkte waren die strategische Analyse und mittlerweile auch die Mediation.

Für Christian waren allerdings die strategische Analyse und meine Fähigkeit zur messerscharfen Beobachtung eher von Interesse. In der Vorbereitung diverser Verhandlungen hatte ich ihm so auch bislang gute Dienste erwiesen. Dieses Mal hatte er nun nicht nur die Vorbereitung im Sinn, sondern ebenso die Verfolgung der Gespräche. Nicht, dass seine Beobachtungsgabe nicht ausgereicht hätte, im Gegenteil, die war exzellent, doch es war einfacher, nicht alles zusammen machen zu müssen und die Beobachterrolle einen anderen übernehmen zu lassen.

Und so pflückte er mir ausführlich auseinander, was er von mir erwartete. Zeitlich war das bei mir auch gar kein Problem, wie ich ihm sehr schnell erklärte. Ende Juni war okay, nur räumlich. Denn ich würde mit ihm in die USA fliegen müssen.

Er amüsierte sich königlich, weil er ganz genau wusste, dass ich eine Scheiß-Flugangst hatte. Und so ließ ich ihn mich damit auch eine Weile lang aufziehen, bis ich ihm spielerisch drohte.

„Werter Herr Waidenfels, wenn Sie möchten, dass die Top-Beraterin, mit der Sie derzeit telefonieren, nicht auf der Stelle Ihr Angebot ablehnt und auflegt, kriegen Sie sich jetzt mal besser wieder ein.“

Ich wartete. Christian bemühte sich, wieder einigermaßen ernst zu werden, und als normalerweise äußerst beherrschter Mann gelang es ihm dann auch recht schnell.

Und so sprachen wir noch ein paar Dinge gemütlich durch, als er auch schon wieder in eine Sitzung musste. Jedoch nicht, ohne sich vorher meine Zusage eingeholt zu haben.

Ich grinste, nachdem ich ihm Grüße von Michael ausgerichtet hatte und auflegte. Christian bekam irgendwie immer seinen Kopf durchgesetzt. Und so machte ich mir noch ein paar zusätzliche Notizen, bevor ich ins Esszimmer zurückkehrte.

„Soll dich schön grüßen“, erklärte ich der Zeitung, hinter der ich nach wie vor meinen Mann vermutete.

„Mhm.“

„Vom Weihnachtsmann.“ Ich wartete.

„Der hat eben angerufen und gesagt, dass Weihnachten in diesem Jahr leider ausfallen muss.“

„Mhm.“

Ich drückte ein Lachen weg. „Außerdem meint er, ich sollte mal mit dem Gedanken schwanger gehen, mich von dir scheiden zu lassen.“

„Mhm.“

„Weil er möchte“, ich holte leise Luft und musterte weiter die Titelseite der Zeitung vom Vortag, „dass ich ihn heirate“.

Die Zeitung sank langsam runter und ich konnte Michael ansehen, dass er nun doch auch schon merkte, dass irgendetwas an der Unterhaltung nicht so ganz stimmte.

„Was will er?“

Ich blieb ernst. „Er möchte mich heiraten.“ Dazu trug ich einen Blick, der kein Wässerchen trüben konnte.

„Wer? Christian?“ Michael wirkte ziemlich irritiert.

„Nein.“

„Äh. Wer denn?“ Fragezeichen über Fragezeichen.

„Der Weihnachtsmann“, erklärte ich denen in Michaels Gesicht, immer noch vollkommen ernst.

„Der ... äh, was?“

„Der Weihnachtsmann“, wiederholte ich trocken.

Michael trug einen Ausdruck im Gesicht, ähnlich dem einer Kuh, wenn’s donnert. Nicht dass ich je eine Kuh mit einem solchen Ausdruck gesehen hätte, aber meinen Mann. Und ich drückte immer noch erfolgreich ein Lachen weg.

„Ähm“, machte die Kuh, also Michael, eben.

„Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen.“ Und er sah schwer ratlos aus.

„Das kann vorkommen, wenn man nicht zuhört“, klärte ich ihn mit einem überaus freundlichen Lächeln auf.

„Könntest du das denn bitte noch einmal wiederholen?“

„Denke gar nicht daran.“

„Chiara, bitte.“

Ich musterte ihn streng.

„Nur, wenn du die verdammte Zeitung weglegst. Multitasking ist nicht dein Ding.“ Leise murrend legte er sie dann auch weg und ich erzählte ihm von meinem Telefonat mit Christian.

„Oh, schön“, freute er sich anschließend, weil er ganz genau wusste, dass das Dinge waren, die mir so richtig Spaß machten. Wenn man mal vom Fliegen absah. Und was man mit Spaß tut, macht man ja bekanntlich am besten. Wir sprachen noch eine ganze Weile und das sogar, ohne dass Michael seine Zeitung wieder aufnahm. Dabei besah ich ihn mir ausführlich. Wir waren schon ein bemerkenswertes Paar. Kennengelernt hatten wir uns an der Uni Köln. Ich ganz frisch immatrikuliert in BWL, Michael schon fast fertig. Und bei uns hatte es auch sofort gefunkt, denn er hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als mich nach diversen Tassen Kaffee zu fragen, wie denn Psychologie zu BWL passe.

Worauf ich nur erwidert hatte: „Ganz ausgezeichnet. Vor allem besser als Chemie.“ Denn das hatte Michael als Parallel-Studiengang gewählt. Ich grinste bei dem Gedanken daran. Nun, aus uns wurde sehr schnell ein Paar und das blieb bis heute so. Michael hatte sich im Anschluss an seine Diplome direkt beworben. Und als er das Vorstellungsgespräch bei der MaBaS AG bekommen hatte, hatte ich mich natürlich nicht zurückhalten können, ihn umfassend zu ärgern, als er zurückgekommen war.

„Siehst du jetzt, dass du statt Chemie was Anständiges hättest studieren sollen? Maschinenbau vielleicht. Oder Ingenieurswesen im Allgemeinen. Oder ...“

Er hatte mich jedoch nur wissend lächelnd angesehen und mir lediglich seinen frischgebackenen Arbeitsvertrag vorgelegt. Der brachte mich aufgrund der bemerkenswert guten Konditionen auch sofort zum Schweigen und wir feierten seine Stelle an dem Abend ausgiebig. In der Zwischenzeit hatte er sich umfassend und sehr zur Freude seiner Chefs ausgesprochen schnell derart gut eingearbeitet, dass man ihn in Windeseile in den Vertrieb gesteckt hatte. Seine außerordentlich ruhige Art kam ihm dabei sehr zugute.

Sein angenehmes Äußeres natürlich auch. Im Mai war er achtunddreißig geworden. Einszweiundachtzig groß, sehr sportlich, denn er lief unter anderem viel und gerne. Das war ja auch ein guter Ausgleich zur ständigen Fahrerei und Fliegerei, die seine Stelle mit sich brachte. Am besten waren aber, wie ich fand, seine schiefergrauen Augen, intelligent und witzig. Und, wenn er mir mal wieder nicht zugehört hatte, wie eben, ziemlich ratlos.

Ich lächelte ihn liebevoll an.

„Das wäre, wenn ich richtig rechne, in gut zwei Wochen“, stellte er gerade fest.

Ich nickte. „Zweieinhalb.“

Und schon grinste er mich unverschämt an. „Freust du dich schon auf den Flug?“

Doch ich erwiderte sein Grinsen nur mit stoischem Blick. „Wenn so jemand Charmantes wie Christian neben mir sitzt, wird’s schon angenehm werden.“

Michael kicherte. „Ja, vor allem für ihn.“

Ich vernichtete ihn mit einem weiteren Blick, doch er kicherte einfach weiter.

„Man könnte glauben, du meinst, er nimmt mich nur mit, damit er sich mit mir präsentieren kann“, hielt ich ihm leise vor.

„Nein“, entrüstete er sich schnell, „doch er kann ja das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.“ Und dazu grinste er dann übermäßig breit.

Ich seufzte theatralisch und sah aus dem Fenster. Innerlich grinste ich allerdings etwa so breit wie Michael, denn er hatte ja völlig recht. Christian wollte natürlich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, indem er mich an seiner Seite hatte. Einerseits fachlich, denn er wollte mich ja als Psychologin haben, andererseits war meine Außenwirkung auch nicht zu unterschätzen.

Einseinundsiebzig, schmal gebaut und schlank, seit April vierunddreißig Jahre alt. Durchaus sehenswert. Eine Mähne aus Naturlocken in einem dezenten Champagnerblond unterstrich darüber hinaus sehr wirkungsvoll mein stärkstes Argument: graugrüne Augen mit einer enormen Aussagekraft. Wenn ich wollte. Und ich wollte normalerweise. Und wenn man, wie Christian ja gesagt hatte, zu schwierigen Gesprächen mit jemandem wie mir auftauchte, war das nur von Vorteil. Schließlich war die Geschäftswelt immer noch hauptsächlich männerdominiert, und dieselben vergaßen schnell mal, ein wenig auf ihre Beherrschung zu achten, wenn ich ein bisschen aufdrehte.

Das wiederum war sowohl für Christian als auch für mich letztlich ein hervorragender Schlüssel zu einer in unserem Sinne erfolgreichen Besprechung. Also hatte Michael natürlich recht, doch ich sah einfach weiter aus dem Fenster.

Schließlich hatte er wohl genug gegrinst und forderte mich amüsiert auf:

„Sieh das doch mal anders. Du könntest ja auch sagen, dass du dich mit ihm schmückst.“

Stimmt. Doch so ganz ungeschoren wollte ich diesen, meinen Ehearsch nicht davonkommen lassen, also legte ich ein verträumtes Lächeln auf und sinnierte leise.

„Mhm, hast eigentlich recht. Er ist schließlich ein ausgesprochen attraktiver Mann.“

Und es funktionierte auch prompt.

„Findest du?“, gepaart mit einem aufmerksamen Blick.

„Du nicht?“ Ich ließ meinen Blick noch etwas weiter verklären.

„Er ist groß“, einsfünfundachtzig, soweit ich wusste, „schlank, gut gebaut und hat sehr schöne, rehbraune Augen“, zählte ich leise auf.

„Rehbraune Augen?“, Michael sah mich zweifelnd an.

„Sanfte, rehbraune Augen“, korrigierte ich mich auch nur leise, bevor ich weitermachte. „Intelligent, sehr gebildet, ausgezeichnete Manieren ...“

„Ich werde es ihm bei Gelegenheit sagen, dass du auf ihn stehst“, stellte Michael trocken fest und verkniff sich ein Lachen.

Ich nicht, und so frühstückten wir in Ruhe zuende.

2

„Wann musst du denn los?“, wollte ich anschließend von ihm wissen.

Michael dachte kurz nach. „Nach Mittag, denke ich. Das muss reichen. Ich werde heute sowieso nur Berichte schreiben.“

Außerdem würde er am nächsten Tag schon wieder im Auto sitzen und nach Süddeutschland unterwegs sein, zu einem seiner Kunden. Ich seufzte innerlich, denn er wusste zwar, dass ich grundsätzlich sehr unruhig war, wenn er unterwegs war, doch er wusste hoffentlich nicht, wie sehr.

Er schickte mir prinzipiell immer eine kurze SMS oder rief an, wenn er, wo auch immer, wann auch immer, angekommen war, doch die Angst um ihn nahm mir das nicht. Michael war ein äußerst souveräner Autofahrer, doch was hieß das denn im Ernstfall? Heutzutage passierte einfach zu viel auf den Straßen und letztlich musste man ja auch gar nicht selbst schuld sein. Und fliegen fand ich persönlich auch nicht besser. Okay, ein Flugzeug war anerkanntermaßen das sicherste Verkehrsmittel, doch auch die stürzten gelegentlich mal ab. Ich drückte den Gedanken einfach weg, damit Michael es mir nicht doch noch anmerken würde, dass meine Ängste doch erheblich größer waren als ich ihm zeigte.

„Soll ich uns heute Abend was Nettes kochen?“, wollte ich schnell von ihm wissen.

Er strahlte. „Das wäre schön, ja!“

Zum gemeinsamen Abendessen kamen wir eh nicht allzu oft und da ich ausgesprochen gerne kochte, dachte ich, die Gelegenheit wäre günstig. Und wie ich Michael ansah, fand der das mehr als gut. Wenn er im Verlauf des Nachmittags sowieso nur Schreibtischkram erledigen wollte, könnte er seinen Feierabend zur Abwechselung auch mal gut vorhersehen. Also überlegte ich mir mal, was ich denn so machen wollte. Zwiebelkuchen entschied ich, denn den liebte er. Elsässer Art, modifiziert nach Chiara Rieffenbach, dem war er verfallen. Ich grinste und plante schnell meinen Einkauf. Und so schob er kurz nach Mittag los. Ich auch zum Einkaufen, um mich anschließend noch ein wenig an den Schreibtisch zu setzen.

Am frühen Abend wanderte ich dann langsam in die Küche, um mich um die Essensvorbereitungen zu kümmern, heulte wie ein Schlosshund beim Hacken der Zwiebeln und war mehr als zufrieden, als ich mein Machwerk dann später in den Ofen schubste.

Meine Variante war kein Hefe-, sondern ein Mürbteig, beinhaltete einen guten Schwung gerösteter Schinkenspeckwürfel, bekam später einen kleinen Schuss Sahne über und wurde mit ordentlich Käse abgerieben. Kümmel drauf, abbacken, fertig!

Und als Michael dann recht pünktlich nach Hause kam, konnte er schon riechen, was auf ihn zukommen würde. Er strahlte auch nur breit, als er mich in den Arm nahm.

Im Anschluss an unser Abendessen saßen wir noch eine ganze Weile gemütlich zusammen und unterhielten uns bei einem Glas Wein über tausend wichtige und weniger wichtige Dinge.

Am nächsten Morgen musste Michael recht früh starten, denn es war schon ein ordentliches Stück Strecke, das er zu bewältigen hatte, und als gegen Mittag sein Anruf kam, war ich überaus erleichtert. Er würde über Nacht bleiben und erst am nächsten Tag nach Hause kommen. Und so war ich abends mal wieder alleine.

Das war nicht schlimm, denn das kannte ich ja schließlich. Ich arbeitete bis in den frühen Abend und als ich später ins Bett ging, war es ja auch schon fast Morgen.

Also rollte ich mich in mein Plumeau, träumte von Michael und schlief friedlich. Bis mein Wecker mich am nächsten Morgen einigermaßen unsanft daran erinnerte, was ich noch alles vor mir hatte.

Christian hatte mir eine umfangreiche Akte gemailt, aus der ich ganz gute Schlüsse ziehen konnte, was da in gut zwei Wochen auf mich zukommen würde, und so setzte ich mich in Ruhe hin und studierte sie.

Bei dem Bostoner Konzern handelte es sich um die Mutter der MaBaS und Michael wusste das auch. Ein Problem hatte er selbstverständlich nicht damit.

Schließlich war das Christians Business.

Außerdem hatte der sich eine recht gewiefte Strategie überlegt, die mehr als ungewöhnlich war, doch vermutlich genau dadurch höchst erfolgreich sein würde.

Ich ließ die aber erst einmal sacken. Denn die müsste ich zwingend mit Michael abstimmen. Das dann aber erst am Abend.

Am späten Nachmittag rief ich mal bei Anja an. Mit der hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesprochen, obwohl wir ja gar nicht mal so weit auseinander wohnten. Sie in Dormagen, im Nordwesten von Köln, wir in Siegburg. Echt nicht weit weg.

Anja hatte ich während meines Psychologie-Studiums kennengelernt und wir hatten uns sehr schnell angefreundet, da wir auf exakt derselben Wellenlänge waren. Mittlerweile waren wir nicht nur sehr, sehr gute Freunde, sondern arbeiteten auch öfters miteinander. Und es war ein verdammt gutes Gefühl zu wissen, dass ein Mensch wie Anja existierte.

Sie kannte seit einiger Zeit auch Christian, denn anlässlich meines Geburtstages im April vor zwei Jahren war sie ihm vorgestellt worden. Er war erfreulicherweise zu der Zeit gerade mal kurz in Deutschland gewesen und ich hatte mich sehr gefreut, dass er zu mir hochgekommen war. Anja und er konnten auch direkt miteinander, doch dass sie ihn furchtbar gerne „Chrissi“ nannte, nachdem sie per Du waren, schmeckte dem so gar nicht.

Mich hingegen und auch Michael amüsierte das sehr, denn dieses gefährliche und trotz allem beherrschte Funkeln in Christians Augen zu sehen, wenn sie das tat, ja, das hatte schon was. Anja und ich hatten schon eine ganze Zeit miteinander geplaudert, als ich Michaels A6 vorfahren hörte. Früh heute, schön!

Und so verabschiedete ich mich gemütlich von Anja und machte mich dann auf den Weg meinen Holden zu begrüßen. Der wirkte ein wenig müde, aber das war ja auch kein größeres Wunder, wenn man sich den Weg in Erinnerung rief, den er heute auf der Rücktour gefahren war. Aber er wirkte ziemlich zufrieden, das hieß wohl, dass er erfolgreich gewesen war.

Also ließ ich ihm erst einmal eine Badewanne ein und als er in derselben seinen Freischwimmer machte, ließ ich mir ausführlich erzählen, wie es denn so gewesen war, die letzten zwei Tage. Später saßen wir dann wieder einmal gemütlich beim Abendessen, als er wissen wollte, wie meine Vorbereitungen für meine Reise nach Boston so liefen.

Also, mit Ausnahme der mentalen Vorbereitungen, wie er mir mit einem frechen Zwinkern erklärte.

Ich schaute auch nur kurz böse zurück und erzählte ihm dann mit einem unschuldigen Lächeln: „Ach, heute hatte ich mir zunächst nur Gedanken um meine Kleidung gemacht.“

„Deine Kleidung?“, staunte Michael auch nur.

„Jaaa, schließlich ist das ja nicht ganz unwichtig.“

„Schon, aber da denkst du doch nie ausführlich drüber nach. Du hast eine sichere Hand, das geht doch schnell bei dir.“

Er sah mich einigermaßen zweifelnd an.

Ich blickte liebenswürdig zurück und verkniff mir ein Grinsen.

„Nein, sorry, ich meinte nicht die offizielle.“ Ich schüttelte kurz den Kopf. „Die ist klar.“

„Sondern?“

„Die andere.“

Michael schaute schon wieder wie besagte Kuh. „Welche andere?“

Ich blieb weiter ernst, legte jedoch sehr viel mehr Wärme in meine Stimme. „Die, die ich brauche, wenn Christian und ich zusammen sind.“ „Zusammen sind“, toll, dachte ich amüsiert, hoffentlich biss er jetzt langsam mal an. Und er tat mir den Gefallen.

„Wie ‚zusammen sind‘?“, kam dann auch endlich leise.

„Oh, hatte ich vergessen, dir das zu sagen?“ Ich lächelte ihm um Verzeihung bittend zu.

„Er hat nur noch ein Doppelzimmer bekommen. Aber das dürfte ja kein Problem sein, nicht, Schatz?“

Mein Lieblingsehemann sah mich einigermaßen resigniert an.

„Du kannst es nicht lassen, oder?“

„Keine Ahnung, ich war ja bislang noch nicht mit ihm auf einem Zimmer“, grinste ich frech zurück.

Er seufzte nur leise und rief sich ganz offensichtlich in Erinnerung, dass ich mit wachsender Begeisterung vor allem ihn furchtbar gerne hopp nahm.

„Ich überlege, ob er mir nicht leidtun muss“, dachte er dann auch mit einem verräterischen Leuchten in den Augen laut nach.

Ich schüttelte den Kopf. „Eher nicht. Ich werde auch ganz lieb mit ihm sein.“ Meine Stimme hatte ich dabei sehr leise und ein klein wenig anzüglich werden lassen.

„Weiß er eigentlich schon, was auf ihn zukommt, wenn er die Woche mit dir in Boston ist?“, fragte Michael schmunzelnd.

„Ich denke, er geht von Verhandlungen aus“, schlug ich ihm vor.

„Und du?“

„Von Verhandlungen natürlich.“ Ich gab mich unschuldig.

„Mhm.“ Dann sah er mich schwer amüsiert an. „Bring mir den armen Mann nicht um den Verstand, wenn es sich einrichten lässt“, bat er mich dann breit grinsend.

Armer Mann?

Aha, ich hatte bislang einen anderen Eindruck, unterdrückte aber noch kurz mein Lachen.

„Das ist immer noch ein guter Kunde und sehr guter Freund“, machte Michael weiter.

„Wieso sollte ich?“, grinste ich dann doch zurück.

Michael betrachtete mich genüsslich und sein Lächeln wurde immer breiter.

„Du weißt doch, wieso er alleine lebt, oder nicht?“

Ich nickte und wurde wieder einigermaßen ernst. Wir hatten da schon oft drüber gesprochen.

Christian hatte schon lange für sich entschieden, dass er lieber keine Frau an seiner Seite hatte, als dass es nicht die richtige wäre. Das wäre nämlich bei seinem Werdegang ziemlich fatal.

Michael musterte mich eingehend und sein Lächeln vertiefte sich noch weiter.

„Wenn du ihm den Kopf verdrehst, macht er mir sonst noch ein Übernahmeangebot.“

Ich musste lachen. Tolle Vorstellung.

„Du könntest reich dadurch werden!“

Ich wusste, dass Christian mich etwas mehr als nur mochte, auch wenn er sich große Mühe gab, sich nicht anmerken zu lassen, dass ich ihn faszinierte.

„Ich bin bereits reich“, erklärte Michael mir auch schon feierlich.

Doch bevor er mir einen vorsülzen konnte, wie reich er allein durch mich war, fuhr ich ihm dazwischen: „Reich an Erfahrung, reich an ...“ Ich unterbrach mich, weil er fürchterlich lachen musste.

Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sah er mich tief an und seine Augen strahlten nur so. „Ich sollte dir öfter sagen, dass ich dich liebe“, meinte er und das Strahlen wurde stärker. „Dann kommst du vielleicht nicht auf die Idee, den armen Christian zu umgarnen.“

Armer Christian, schon wieder, dachte ich belustigt. Doch ich nickte nur und korrigierte ihn leise: „Och, eigentlich hatte ich vor, dass er mich umgarnt.“

Er lachte. „Und wie kommst du aus der Nummer wieder raus, wenn er das auch wirklich macht?“

Ich sah ihn nur interessiert an.

Und er lachte nur noch mehr. „Du weißt doch, dass Christian weiß, wie er es anstellt, dass er bekommt, was er will.“

Nun musste ich aber doch lachen und zwinkerte ihm zu. „Dann käme ich da wohl vermutlich eher nicht raus, oder?“

Michael betrachtete mich gutmütig und schüttelte nur leicht den Kopf.

„Na gut“, lenkte ich ein, „dann lass ich ihn mal in Ruhe.“

Ich schickte Michael einen Kuss über den Tisch. „Schließlich soll er sich ja auf die Verhandlungen konzentrieren.“

Wir hatten fertig gegessen und während ich schnell den Tisch abräumte und die Küche klarmachte, schenkte Michael uns ein Glas Wein ein.

3

Bei dem saßen wir dann auch und diskutierten, dieses Mal ernsthaft, was in Boston wohl auf mich zukommen würde. Es war etwas knifflig, was Christian von mir wollte: Ich würde quasi under cover bei ihm sein. Gut, es wäre ausgesprochen ungewöhnlich, mich als seine „Gefährtin“ an den Verhandlungen teilhaben zu lassen. Doch dank meiner Ausstrahlung könnten wir etwaige Zweifel sicher schnell zerstreuen.

Außerdem wäre es durchaus nachvollziehbar, dass Christian, wenn er dann angeblich endlich die Frau gefunden hatte, die ihm genügte, dieselbe um sich haben wollte.

Schauspielerei auf ganzer Linie, doch ich war mir sicher, dass das klappen konnte.

Denn mein Gesicht und mein Name waren in Boston und Umgebung völlig unbekannt, das hatte Christian bereits aufwändig recherchieren lassen.

So liefen wir zumindest nicht Gefahr, dass direkt herauskam, dass wir kein Paar waren, sondern eine ziemlich raffinierte Strategie fuhren.

Und das mit dem Doppelzimmer stimmte sogar fast.

Um unsere Tarnung nicht zu gefährden, hatte Christian nämlich eine Suite gebucht. Selbstverständlich mit zwei getrennten Schlafzimmern.

Michael lachte bei unserer Unterhaltung immer wieder ausgesprochen anerkennend.

Er hielt, und das vollkommen zu Recht, Christian für einen exzellenten, taktischen Strategen.

Außerdem vertraute er ihm durch die jahrelange Freundschaft, sonst würde er ihm sicher nicht seine Frau überlassen.

Zumal die auch noch schwer verliebt tun musste während der Woche. Aber die geplanten Szenarien waren von Christian äußerst raffiniert angelegt. Er würde, wenn er, wahnsinnig verliebt, schon seine Gefährtin mitbringen musste, weil er ja so gar nicht von ihr lassen konnte, für die Gegenseite eine gewisse Schwäche demonstrieren wollen. Und wenn es nur die war, eventuell nicht ganz bei der Sache zu sein, wenn ich neben ihm saß. Er wollte so seinem Gegenüber das Gefühl geben, eine vermeintliche Stärke zu haben, die real natürlich nicht existierte. Ganz im Gegenteil: Ich würde unter dem Deckmantel des Weibchens ganz phantastisch beobachten und analysieren können. Offiziell war ich Diplom-Kauffrau, was ja auch stimmte und so deutlich machte, dass ich mich während der Gespräche nicht zu Tode langweilte.

Außerdem verdeutlichte das nur, dass ich durchaus als Partnerin von Christian ernst genommen werden würde. Man erwartete von jemandem wie ihm eine hochgebildete Frau, nicht weniger. Mein Diplom in Psychologie ließen wir aus nachvollziehbaren Gründen unter den Tisch fallen, auch wenn der zweifache akademische Hintergrund Christian sicher gut gestanden hätte. Ich auf jeden Fall war gespannt wie ein Flitzebogen, denn einen derartigen Einsatz hatte ich zuvor noch nicht gehabt. Und ich freute mich. Nur nicht auf die Flüge! Doch wenn wir das einigermaßen geschickt umsetzen konnten, wäre das bestimmt mehr als interessant zu sehen, wie weit ich gegebenenfalls auch manipulieren konnte. Charme hatte ich, wenn ich wollte, gleich eimerweise. Charisma vor allem!

Und Christian wusste das natürlich. Er hatte mehr als einmal erleben dürfen, dass die Stimmung in einer Gruppe umschlug, sobald ich auftrat. Auch er betrat mit der geplanten Vorgehensweise Neuland. Michael und ich sprachen noch ein wenig, während der Abend fortschritt. Er hatte eine Menge Spaß, weil die Überlegungen bezüglich meiner Kleidung, wenn ich mit Christian „zusammen wäre“, durchaus real waren.

Denn wir durften nichts dem Zufall überlassen, sondern mussten stattdessen sicher sein, dass die Gegenseite mehr als gründlich nachforschen würde, ob wir auch wirklich ein Paar waren.

Aus dem Grunde hatte ich beschlossen, sehr exquisite Wäsche mitzunehmen. Nicht, weil ich sie tragen wollte, das natürlich auch, sondern weil ich sie einigermaßen gut sichtbar in meinem Schlafzimmer drapieren würde. Oder in seinem. Getrennte Schlafzimmer als solche waren ja nicht ungewöhnlich. Es musste allerdings die Szenerie geschaffen werden, dass das verliebte Pärchen sich lediglich zum Schlafen trennte. Und eine kurze Information des Zimmermädchens, gegen Entgelt selbstverständlich, könnte der Gegenseite jederzeit bestätigen, dass unser Verhältnis wohl alles andere als platonisch wäre. Man musste bei so etwas wirklich an alles denken. Ich grinste vor mich hin.

Ein Problem allerdings, das ich gesehen hatte, als Christian mir seine Strategie erläuterte, hatte sich wieder zerschlagen. Denn während der Diskussion mit Michael wurde sehr schnell klar, dass allzu deutliche Intimitäten öffentlich sowieso nicht infrage kamen. Das schickte sich schließlich nicht. Außerdem hätte es auch nicht zu Christian gepasst. Er war außergewöhnlich kontrolliert und wir nutzten ja bereits den Umstand, dass er mich überhaupt mitnahm. Dann brauchte er logischerweise auch nicht groß mehr zu zeigen. Und gegen Umarmungen oder andere ähnliche Dinge hatte weder Michael noch ich etwas einzuwenden, schließlich war das bei uns sowieso normal geworden über die Jahre.

Dazu kam, dass wir es auch ohnehin nicht übertreiben durften. Verliebt: ja. Zu viel turteln: nein. Schließlich ging es um geschäftliche Dinge und die hatten ja nun mal Vorrang in jeder Hinsicht.

„Was mache ich denn, wenn er dich doch nicht wieder rausrückt?“, wollte Michael eben mit einem schiefen Grinsen wissen.

Ich tat, als dächte ich nach.

„Hm.“

„Nun, ich meine, ich könnte es ihm nicht so wirklich verdenken“, fuhr er fort, doch ich musterte ihn lediglich weiter gespielt nachdenklich.

„Ich denke, Schatz“, fing ich dann langsam an, „das ist dann dumm gelaufen. Also für dich! Er brächte dich so um eine angemessene Ablösesumme.“

Ich zuckte bedauernd mit den Schultern.

Er sah mich amüsiert an. „Könnte ich die nicht einklagen?“

„Nein, bedaure. Du könntest ihn nur wegen Entziehung deiner Ehefrau versuchen ‚dran zu bekommen‘.“

„Ah, das ist gut“, machte er weiter, doch dann sah er mich gekonnt entsetzt an, denn:

„Ich weiß nicht, mein göttlicher Gatte. Vielleicht gefällt mir das ja an seiner Seite.“ Ich sah ihn völlig harmlos an.

„Dann hättest du da auch keine Chance. Sorry!“

„Hm“, machte nun Michael und musterte mich überaus eindringlich.

„Du kommst doch wieder?“

„Du hast ein bemerkenswertes Pokerface, Schatz!“ Ich lachte ihn an.

„Das war noch keine Antwort“, insistierte er nur und ich lachte weiter.

„Du hast Schiss!“

Michael stellte auf sehr ernst um. „Ich denke, ich sollte mich vorher noch mit ihm unterhalten. Nachdrücklich unterhalten.“

„Och, mach das“, bot ich ihm grinsend an. „Er kommt sowieso übermorgen hoch.“

Ich hatte ihn überrascht, er vergaß seinen aufgesetzten Gesichtsausdruck und sah mich neugierig an.

„Echt?“ – Ich nickte. „Jou. Er sagte, dass es an diesem Samstag bei ihm ganz gut passen würde. Und bei uns ja auch. Du bist zur Abwechselung mal hier, ich auch. Also habe ich zugesagt.“

Michael lächelte mich glücklich an. Christian und er hatten sich länger nicht mehr persönlich gesehen und ihm gefiel die Vorstellung, einen gemütlichen Abend zusammen verbringen zu können, ebenso wie mir. Also hatte ich dem Hotel im Bonner Norden, in dem Christian abstieg, wenn er es mal einrichten konnte, zu uns hochzukommen, bereits Bescheid gegeben.

„Wann wolltest du mir das denn sagen?“, ärgerte mich Michael auch sofort.

„Wieso?“ Ich sah ihn unschuldig an.

„Wolltest du etwa mitkommen, wenn wir essen gehen?“

Mein lieber Mann merkte wieder einmal, dass er keine Chance gegen mich hatte und seufzte resigniert, aber amüsiert.

„Bitte!!!“

Ich drückte mein Lachen weg und betrachtete ihn einigermaßen ernst und nachdenklich.

„Na gut. Aber stör uns nicht allzu sehr.“

Er grinste. „Nein, ich werde einfach stumm daneben sitzen, brav kauen und euch zuhören.“

Ich nickte zustimmend und musste dann aber doch lachen.

„Ich freue mich ihn wiederzusehen. Ist ganz schön lange her, oder?“

Michael nickte ebenfalls. „Ich glaube, über vier Monate. An unseren Geburtstagen konnte er ja in diesem Jahr leider nicht.“

Das stimmte. Sowohl an seinem Geburtstag im Mai als auch an meinem im April war Christian irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs gewesen. Er hätte zwar verschieben können, doch ich hatte ihm das ausgeredet, denn unsere Geburtstage waren nicht irgendwelche besonderen gewesen. Und deshalb hatte das nicht wirklich sein müssen.

„Wir hätten uns spätestens an seinem gesehen“, dachte Michael eben laut nach. Ich nickte. Christian würde Mitte Juli seinen Vierzigsten begehen und das natürlich mit einer angemessenen Feier.

Doch das war nicht dasselbe, wie zu dritt einen gemütlichen Abend zu verbringen. Er würde eine Menge Verpflichtungen haben und selbstverständlich für jeden Gast Zeit haben müssen. Ein wirklich persönliches Gespräch würde da sicher nicht ohne Weiteres möglich sein. Schön, dass wir uns vorher sehen konnten.

Michael wirkte auch sehr zufrieden, was mich aufrichtig freute. Er war ausgesprochen viel unterwegs und richtig enge Freunde hatten wir eh nicht viele. Und Christian war schon etwas Besonderes.

„Wann kommt er denn?“, wollte mein Mann eifrig wissen.

„Hat er noch nicht gesagt. Ich kann ja mal beim Flughafen schauen.“

Ich ging davon aus, dass er wieder fliegen würde. Schließlich tat er das ausgesprochen gerne, auch wenn ich der Ansicht war, dass das nicht wirklich viel schneller war als mit dem Wagen. Denn er musste von Friedrichshafen ja erst einmal irgendwie wegkommen. Gut, Köln/Bonn war dann recht komfortabel fast vor unserer Haustür und wir würden ihn natürlich abholen.

„Wir telefonieren morgen sowieso noch einmal“, erzählte ich Michael, „ich werde ihn fragen.“

„Mach das.“

Und so ließen Michael und ich mit einiger Alberei den Abend so langsam ausklingen.

Der nächste Morgen kam und Michael musste schon früh los. Es war Freitag und vor dem Wochenende wollte er noch einiges erledigen. Aber dank der Vorfreude, Christian am Samstag sehen zu können, fiel es ihm ausgesprochen leicht.

Ich versuchte am späten Vormittag mal in Friedrichshafen anzurufen, doch Christian war in einer Besprechung. Seine Sekretärin versprach ihm auszurichten, dass ich angerufen hätte. Vermutlich würde er dann am späten Nachmittag zurückrufen. Also kümmerte ich mich erst einmal um einen neuen Kunden, den ich seit Kurzem hatte. Die DO-IT-Consult, eine Unternehmensberatung in Dortmund mit Schwerpunkt IT, wie ihr Name schon verriet.

Mein Gegenüber, Stefan Murscheid, hatte aufgrund einer Empfehlung vor gut zwei Wochen bei mir erstmalig angefragt. Zwar hatte die DO-IT hauptsächlich Kunden mit IT-Problemen oder -Wünschen, doch wenn man das Kaufmännische mitbedienen konnte, wäre das wohl auch kein Fehler. Bei einem ersten Telefonat hatte ich den Eindruck gewonnen, dass Murscheid exakt das im Sinn hatte, um seine Marktposition überaus interessant zu erweitern.

In einem Sektor, der auch ständig enger wurde und Dumpingpreise so langsam aber sicher mit sich brachte, fand ich den Gedanken nachvollziehbar und durchaus intelligent.

Ich war daraufhin natürlich nach Dortmund gefahren, um mich persönlich vorzustellen. Das war erstens nur höflich und wirkte zweitens immer.

Er hatte mir vor zwei Tagen eine ausführliche Akte gemailt, über die ich mich nun setzte. Ich studierte sie gerade eingehend, als Christian zurückrief.

„Soll dich schön von Michael grüßen“, erzählte ich ihm eben und konnte auch in seiner Stimme ein Lächeln hören.

„Danke. Ich freue mich sehr, euch morgen zu sehen.“

„Wann kommst du denn?“ Ich machte eine kleine Pause. „Und vor allem, wie?“

Er lachte leise.

„Gegen Mittag. Und ich fliege.“

Was sonst ...

„Okay, sag wann und ich komm dich abholen“, bot ich ihm an.

„Weiß ich noch nicht so genau, ich rufe an, wenn wir starten, in Ordnung?“

Ich konnte an seinem erneuten leisen Lachen hören, dass er es genoss, dass ich nicht verstand, was das jetzt nun wieder sollte.

Also tat ich ihm den Gefallen: „Wie, du weißt das noch nicht? Airlines haben gemeinhin Flugpläne.“

„Airlines schon.“

„Aber?“

„Wir nicht.“ Er amüsierte sich gut.

„Aha!“ Ich wartete kurz und bemühte mich, mein Grinsen aus der Stimme zu nehmen.

„Du hast dir demnach was gemietet?“, fragte ich dann auch nur. Christian kostete es vollkommen ernst aus: „Einen Learjet.“

„Einen was?“ Ich war schon bei der Vorstellung, in so ein Ding einsteigen zu müssen, grün im Gesicht.

„Learjet.“ Er lachte. „Stelle es dir besser gar nicht erst vor“, riet er mir dann auch schnell.

Ja, war wohl wirklich besser. Ich stöhnte dann auch nur ein wenig theatralisch, als ich ihm versprach, ihn abzuholen, wenn er in etwa sagen konnte, wann. Wir sprachen noch etwas und freuten uns auf das Wiedersehen am nächsten Tag.

4

„Sag mal“, fragte ich Michael abends, als ich ihm von dem Telefonat erzählte, „dreht er jetzt langsam ab?“

Doch der lachte nur herzhaft.

„Quatsch! Du weißt doch, dass er gerne, sagen wir, etwas extravagant lebt.“

„Ja, schon. Aber ein Learjet?“

Michael feixte. „Sei doch froh, dass er ihn vorerst nur mietet.“

Er sah mich schwer amüsiert an.

„Wenn’s ihm gefällt, kauft er sich wahrscheinlich einen.“

Ich schüttelte den Kopf, doch die Vorstellung war nicht schlecht. Und streng genommen würde es wirklich zu Christian passen.

Also lachte ich Michael an.

„Aber du möchtest vorerst, hoffe ich, keinen.“

Er legte den Kopf schief.

„Hm. Die Idee ist gar nicht mal so schlecht. Kann ich mir den zu Weihnachten wünschen?“

Ich schmunzelte.

„Flieg erst mal mit Christian mit und wenn du das ohne Spucktüte hinbekommst, denke ich drüber nach.“

Wir spielten noch etwas mit diesem Gedanken herum und als wir am Samstagmorgen beim Frühstück saßen, grinste Michael mich mal wieder an.

„Wie lange braucht er denn eigentlich mit seinem neuen Spielzeug heute?“

Ich zuckte nur mit den Schultern. „Keine Ahnung, hat er noch nicht gesagt.“

Dann sah ich kurz aus dem Fenster.

„Höchstwahrscheinlich wird er es uns nach einer Millisekunde schon erzählen, sobald er hier ist.“

Michael nickte verstehend und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als sein Handy klingelte. Er sah mich entschuldigend an, nahm an und ging aus dem Esszimmer in Richtung seines Arbeitszimmers.

Ich sah ihm hinterher und hoffte nur, dass sein Chef ihm keinen Strich durch diesen Samstag machen würde. Denn der war es vermutlich, der anrief. Also seufzte ich leise und räumte den Tisch ab. Anschließend ging ich in mein Arbeitszimmer und beschäftigte mich noch etwas mit der Akte aus Dortmund, als Michael später den Kopf zu mir hereinsteckte. Ich sah schon, was kommen würde, dazu kannte ich ihn zu lange und zu gut.

Und so winkte ich einfach ab und lächelte ihn liebevoll an. „Schon okay. Aber mach nicht zu lange, ja?“

Er versprach es, gab mir einen schnellen Kuss und war kurz darauf aus meiner Tür. Zwei Minuten später konnte ich ihn starten hören. Zu weichherzig, dachte ich wieder einmal. Michael konnte nun mal nicht Nein sagen, selbst wenn er es gemusst hätte. Sein Chef wusste das leider, doch ich war ja schon zufrieden, dass der es nur selten ausnutzte. Andere Chefs hätten sicher anders gehandelt.

Nun, also, irgendwas brannte mal wieder und ich hoffte sehr, dass er zumindest im Laufe des Nachmittags wieder nach Hause kommen würde, damit er wenigstens etwas Zeit für Christian haben könnte. Eine Freundschaft wie diese war etwas ausgesprochen Wertvolles, meines Erachtens. Auch wenn man sich nicht sonderlich oft sehen konnte, das Vertrauen auf allen Seiten war unerschütterlich, und das war die Hauptsache.

Ich hing meinen Gedanken nach, als sich dann auch mein Handy meldete und ein gutgelaunter Christian mir erzählte, dass sie gleich starten würden und wann er wohl in Köln/Bonn am Flughafen ankäme. Nachdem ich ihm versprochen hatte, ihn selbstverständlich abzuholen und aufgelegt hatte, staunte ich nicht schlecht.

Das Zeitfenster, das er angegeben hatte, war bemerkenswert kurz. Ich würde ihn später danach fragen, so viel war klar. Und so räumte ich noch in Ruhe meinen Schreibtisch auf und machte mich dann langsam aber sicher auf den Weg zum Flughafen.

Dort angekommen, parkte ich gemütlich ein, schlenderte herum, denn ich hatte noch ein wenig Zeit und sah diversen Flugzeugen beim Starten oder Landen zu. Für kleine Maschinen wie Learjets und ähnliche hatten die Flughafenbetreiber vor Kurzem begonnen, ein eigenes Areal zu bauen. Man konnte schon ein bisschen sehen, denn ein kleiner Teil war bereits fertig und den Rest musste man sich vorstellen. Ich war gespannt, wie es aussehen würde, wenn es komplett fertig wäre.

Und, grinste ich vor mich hin, wenn Christian Geschmack am Fliegen im Learjet fand, wäre das dann wohl zukünftig seine bevorzugte Reiseart für kürzere Strecken. Also konnte ich mich darauf einstellen, ihn hier noch öfter abzuholen. Ich lächelte vor mich hin. Sehr gerne, wenn man sich so vielleicht etwas öfter sehen konnte. Und so musste ich gar nicht mehr sonderlich lange warten, bis ich so ein putziges, kleines Flugzeug im Landeanflug sah. Mir drehte sich der Magen um. Wie, zur Hölle, konnte man denn da ohne Valium 20 einsteigen?

Das Ding landete und nachdem es seine Parkposition eingenommen hatte, konnte ich Christian aussteigen sehen. Er wirkte ausgesprochen entspannt, als er mich entdeckt hatte und mit einem breiten Lächeln auf mich zukam. Ich nahm ihn kurz in den Arm und er gab mir einen schnellen Kuss auf die Wange.

„Michael ist abkommandiert?“, wollte er auch direkt wissen.

Ich nickte. „Mhm. Doch ich hoffe nicht allzu lange. Komm!“

Gemeinsam gingen wir zu meinem Wagen und Christian verstaute seine Tasche im Kofferraum. Und kaum, dass er auf dem Beifahrersitz saß, bekam ich auch schon enthusiastisch zu hören, wie ausgesprochen schön sein Flug gewesen war. Ich lächelte vor mich hin und ließ ihn erzählen. Und dann verstand ich auch, warum seine Reisezeit derart kurz gewesen war: Er hatte in Friedrichshafen starten können. Stimmt, dachte ich, einen kleinen Flughafen haben die ja dort. Das wiederum bedeutete für Christian eine enorme Zeitersparnis und mir war sofort klar, dass der Learjet sein neuester Freund geworden war. Kurz darauf fuhr ich bei uns vor und ging mit Christian ins Haus. In seinem Hotel würde er später einchecken, wenn er sich auch fürs Abendessen frisch machen und umziehen wollte. Also machte ich uns erst einmal einen Kaffee, für ihn einen besonders starken.

Ich hatte zwar über die ganzen Jahre noch nicht verstanden, wie man ein solches Gebräu überhaupt trinken konnte, ohne einen Herzkasper zu bekommen. Doch wenn er ihm schmeckte, sollte er ihn so haben. Wir plauderten in aller Ruhe, vermieden vor allem geschäftliche Themen, denn die wollten wir erst am nächsten Vormittag anschneiden, bevor Christian wieder los musste.

Doch sicher war so etwas natürlich nicht, denn gerade bei ihm, dessen gesamtes Leben sich eigentlich um seinen Beruf drehte, schlich sich schnell mal ein geschäftliches Thema ein. Und ich hatte auch Michael im Verdacht, ihn beim Abendessen oder spätestens anschließend bei einem Wein damit aufziehen zu wollen, dass er mir Ende Juni quasi ausgeliefert sein würde. Ich seufzte in Gedanken. Christian sah es mir an und er zog interessiert eine Augenbraue hoch. „Hm?“

Ich lachte leise. „Ich dachte nur eben, dass mein Göttergatte es sich vermutlich nicht verkneifen können wird, dich damit zu ärgern, dass du mit mir nach Boston fliegen wirst.“

Christian sah mich belustigt an. „Wieso sollte er?“

„Oh, warte es einfach mal ab“, empfahl ich ihm grinsend.

Er schmunzelte, denn schließlich kannte er Michael und vor allem auch dessen Humor.

Und nach einer weiteren Weile hörte ich, dass Michael wohl doch schon zurückkam. Klasse! Das war ja mal erfreulich kurz gewesen. Dann kam er auch schon herein, Christian stand auf und beide begrüßten sich ausgiebig.

„Bekomme ich auch einen Kaffee?“, fragte Michael bei mir an.

„Einen normalen oder so einen Herzschrittmacher, wie dein Freund ihn hier trinkt?“

Ich sah Christian schräg von der Seite an. „Oder wohl eher kaut.“

Michael lachte. „Ne, bitte so einen, den mein Magen auch überlebt.“

Ich nickte, Christian lachte und ich ging in die Küche, um Michaels Wunsch nachzukommen und die beiden einen Augenblick allein zu lassen.

Als ich mit dem Kaffee zurückkam, waren beide in eine angeregte Diskussion vertieft. Also stellte ich alles ab und hörte ihnen einfach nur zu. Es war ein gutes Gefühl, nach mehreren Monaten wieder zusammenzusitzen, leichte oder auch gehaltvollere Unterhaltungen zu führen und einfach nur unsere Freundschaft zu genießen. Ich war zufrieden. Und wie ich den beiden ansehen konnte, sie auch.

Später wollte Christian sich dann langsam auf den Weg zu seinem Hotel machen. Also gab ich ihm meine Autoschlüssel. Wir machten das schon lange so. Auch wenn wir abends zusammensaßen und er keinen Wein trank, nahm er sich später mein Auto; oder ein Taxi. Eine eigentlich vernünftige Regelung, wie wir alle fanden, denn sie funktionierte einwandfrei.

Und so kam er einige Zeit später frisch und guter Dinge zurück. Während er weg war, hatten auch Michael und ich uns fertig gemacht und so starteten wir gemütlich in Richtung unseres Abendessens. Für diesen Abend hatten wir uns auf ein Steakhouse geeinigt, denn nach Absprache hatten wir das alle drei schon länger nicht mehr gehabt. Berufsbedingt gingen wir alle, jeder für seinen Teil, oft essen, doch das war etwas vollkommen anderes. Letztlich immer mit einigermaßen wichtigen Gesprächsthemen behaftet, war das zwar häufig durchaus anregend, jedoch nicht sehr entspannend. Das war es eigentlich nur, wenn man mit guten Freunden aß.

Michael fuhr uns und während der Fahrt plauderten wir munter. Da ich mich in den Fond gesetzt hatte, hatte ich so ausgiebig Gelegenheit, die beiden zu beobachten. „Übst du schon?“, wollte Christian nach einiger Zeit leise wissen und drehte sich lächelnd halb zu mir um. „Was sollte ich denn üben?“ Ich lächelte zurück.

„Nun, wie man Männer nervös macht.“ Das war gut, ich lachte richtig. „Als ob ich dich nervös machen könnte! Und außerdem“, zwinkerte ich ihm schnell zu, „muss ich das nicht groß üben.“

Er lachte ebenfalls dunkel, kommentierte es aber nicht weiter. Und als ich Michael ansah, hatte der ein wissendes Grinsen im Gesicht.

„Wieso grinst du so?“, fragte ich ihn auch schon, doch er zuckte nur amüsiert mit den Schultern und tat so, als müsste er sich wahnsinnig auf den Verkehr konzentrieren.

Also ließ ich das Thema vorerst ruhen und beschloss, es später wieder aufzugreifen. Wenn Michael nicht schneller wäre.

Kurz darauf fuhren wir vor und nachdem wir an unseren reservierten Tisch geführt worden waren, saßen wir einen Augenblick nur friedlich so da und sahen uns lediglich an.

„Schön“, fing Michael dann leise wieder an zu reden und wandte sich Christian zu, „dass du das heute hast einrichten können. Wirklich!“

Der nickte und auch sein Lächeln war überaus zufrieden.

„Mhm. Ich freue mich auch sehr, euch endlich wiederzusehen.“

„Ist ein paar Monate her“, dachte Michael laut nach und Christian nickte dazu. „Jaaa.“

Die Bedienung kam und wir gaben unsere Bestellung auf. Einheitlich ein schönes Filetsteak. Nur bei den Saucen hatte jeder einen anderen Wunsch.

Der Koch dieses Steakhouses war bekannt für seine phantasievollen Saucen. Er schien sehr kreativ zu sein, denn wenn man las, was er so anbot, nun ja!

Michael wählte eine aus Backpflaumen und Rosinen in Sherry und schwarzem Balsamico gezogen, Christian bevorzugte die klassische Béarnaise und ich wollte mal die neueste Variation probieren: Walnuss und Apfelstücke mit einem alten Calvados einreduziert.

Alles in allem war es eine Offenbarung und als wir im Anschluss wieder zu uns fuhren, hatten wir allesamt ein mehr als zufriedenes Grinsen im Gesicht.

5

„Nun?“, begann Michael, „wie lässt sich Boston denn so an?“ Christian lachte leise. „Na ja, in Anbetracht dessen, dass es euer Mutterkonzern ist, ganz gut.“

Er schickte mir ein mehr als eindeutiges Lächeln, das auch Michael vergnügt zur Kenntnis nahm.

„Und da ich mich deiner Frau bedienen kann, nun, das wird schon werden, denke ich.“

Und er zwinkerte mir leicht zu.

Ich lachte leise vor mich hin.

„Aber du bringst sie mir zurück!“, forderte Michael überaus freundlich.

„Schauen wir mal, wie sie sich so macht.“ Christian war in seinem Element, das war unschwer zu erkennen.

„Und wenn nicht“, er sah meinem Mann tief in die Augen, „wirst du schon eine andere finden.“

Michael lachte. „Das schon, aber nicht so eine!“

„Sagt mal“, mischte ich mich schwer amüsiert ein, „habe ich da eigentlich auch noch ein Wörtchen mitzureden?“

Beide sahen sich an, nicht mich. „Nein. Wieso auch?“

„Aha, okay.“

„Du weißt schon“, fing Michael an, Christian weiter zu provozieren, „dass sie jetzt schon ihre Wäsche plant. Für Boston.“

Der erwiderte Michaels Blick lediglich genießerisch. „Ja sicher. Wird ja auch langsam Zeit.“

„Und dass die nicht sonderlich unspektakulär sein wird, ist dir hoffentlich auch klar.“

„Das hoffe ich sehr!“

„Inwiefern?“

Christian lachte äußerst dunkel. „Insofern!“

„Christian, bitte!“, machte Michael jetzt bettelnd weiter. „Bitte, bring mir meine Frau zurück!“

„Mal schauen.“ Der hatte mittlerweile ein absolut souveränes Lächeln im Gesicht und ich amüsierte mich königlich.

„Ich warte das erst einmal ab, vielleicht gefällt sie mir ja an meiner Seite!“

„Oh, Mist, das habe ich schon von ihr gehört.“

Christian sah mich interessiert an. Ich heuchelte Unschuld. „Wirklich?“

Ich machte auf völlig neutral. „Na ja.“

Er lachte leise und eindeutig. „Aha.“

Michael wurde das dann doch ein wenig zu heiß und er fragte nach unseren Kaffee- oder ähnlichen Wünschen.

Christian lächelte erst einmal weiter vor sich hin.

„Cappuccino wäre schön.“

Michael zog ab, doch er hörte es trotzdem noch, sollte er ja auch:

„Wir werden immerhin getrennte Schlafzimmer haben“, weihte Christian seine Rückansicht bedächtig ein, „also, offiziell, so für dich, meine ich.“

Michael schickte ihm einen beredten Seitenblick über seine Schulter. „Das hoffe ich auch!“

„Och“, machte ich.

Er stoppte, drehte sich um und sah mich gespielt streng an. „Wie, ‚och’?“

„Nun“, lächelte ich ihn liebenswürdig an, „ich denke, das wäre doch nicht nötig gewesen. Schließlich tauchen wir dort doch als Paar auf. Offiziell.“

„Mhm. Eigentlich hast du recht.“ Christian sah mich angeblich nachdenklich an, doch ich konnte seine Augen blitzen sehen. Michael nicht, dort, wo er stand.

„Soll ich noch umbuchen?“, setzte er leise nach und das Blitzen verstärkte sich.

Ich tat, als dächte ich ernsthaft darüber nach und sah dann Michael an, ziemlich ausdruckslos allerdings.

„Würde dich das sehr stören, Schatz? Also, weil es aber doch Kosten einsparen würde.“

Der nickte leicht und schüttelte daraufhin den Kopf. So uneins mit sich, ging er dann schließlich doch in die Küche und ich knuffte Christian spielerisch in die Seite.

„Provozier ihn nicht so sehr!“

Doch der lachte nur. „Er hat angefangen, oder etwa nicht?“

Dann sah er mich liebevoll an.

„Und wenn er dir oder mir nicht vertrauen würde, hätte er uns zu so einer ungewöhnlichen Strategie sicherlich nicht seine Zustimmung gegeben.“

Ich erwiderte seinen Blick ähnlich tief und nickte kurz. Und dadurch löste sich dann auch endlich eine Locke aus meiner hochgesteckten Frisur. Alle anderen konnten der Schwerkraft noch trotzen, doch bei dieser hatte ich bereits das Gefühl gehabt, dass sie nicht mehr wirklich fest gewesen war.

Das veranlasste Christian, sich diese zu schnappen und sie mir hinters Ohr zu streichen.

„Fangt ihr etwa jetzt schon mit dem Turteln an? Ein bisschen früh, oder nicht?“ Michael stand in der Tür und bemühte sich nicht zu lachen. Erfolgreich.

Er setzte unsere Cappuccini ab und sich in seinen Sessel. Anschließend betrachtete er Christian äußerst ernst und unterdrückte immer noch sein Lachen, als er jenem kurz darauf trocken erklärte: „Waidenfels, ich glaube, wir müssen reden!“

Ich lachte kurz auf und grinste Christian breit an, was der auch nur erwiderte.

„Schau, er wird unsicher.“ – „Mhm“, machte er amüsiert.

„Nein, werde ich nicht“, hielt Michael tapfer dagegen, „doch ich muss bei euch jetzt mal so langsam dazwischengehen.“

Das schaffte er noch, dann gewann sein unterdrücktes Lachen und er grinste sich ebenfalls einen ab.

Und so besprachen wir kurz darauf, nunmehr ernsthaft, ein paar Dinge für Boston. Michael hatte mitunter ein paar recht interessante Anregungen, wie ich Christian ansehen konnte, denn er speicherte sie zunächst erst mal nur ab. Er würde sie bestimmt aufgreifen, sobald er wieder in Friedrichshafen wäre. Schließlich ging es ja um den Mutterkonzern von Michaels Firma und da waren Anregungen von diesem bestimmt ausgesprochen interessant, zumindest recherchewürdig.

„So“, klinkte ich mich nach einiger Zeit kurz aus, „ich hole uns jetzt einen Wein. Nimmst du auch einen?“, fragte ich Christian.

Der nickte nur und lächelte mich kurz an.

Als ich mit Wein und Gläsern zurück ins Wohnzimmer kam, fand ich mich dort allerdings alleine. Wo stecken sie denn?, dachte ich nach, denn ich hatte aus der Küche heraus keine Tür gehört. Egal, die tauchen schon wieder auf, kommentierte ich das nur im Kopf und machte mich daran, den Wein einzuschenken.

Ein paar Minuten später waren sie immer noch nicht zurück und so räumte ich erst einmal die Cappuccinotassen vom Tisch und brachte sie in die Küche.

Als ich dieses Mal aus der Küche zurückkam, ging eben die Tür zu Michaels Arbeitszimmer auf und beide kamen heraus. Huch, dachte ich, das hat er aber vorhin extrem leise gemacht, sollte ich wohl nicht hören. Nun, hatte ich ja auch nicht. Ich besah mir beide ausführlich. Michael hatte ein überaus wissendes Lachen in den Augen stehen, sein Gesicht verriet ihn ansonsten eher nicht.

Und auch bei Christian sah das nicht so viel anders aus, auch dessen Augen sprühten, den Rest hielt er perfekt im Zaum. Aha. Musste ich das verstehen? Nö, wohl eher nicht. Also forderte ich die beiden mit leicht erhobenen Augenbrauen auf sich zu setzen, was sie dann auch taten. Und so stießen wir auf einen schönen Abend an.

Und im Verlauf dieses Abends plauderten wir noch eine ganze Weile angeregt, erzählten uns gegenseitig, was in der Zwischenzeit alles so passiert war. Telefoniert oder gemailt hatten wir in den letzten Monaten zwar öfter, beruflich und auch einfach nur privat, doch so ein schöner, gemütlicher Abend live, das war etwas anderes.

Schließlich ging es auf Mitternacht zu und Christian sah mich kurz von der Seite an. Ich stand auf und ging ihm ein Taxi rufen. Als ich nach zwei Minuten zurückkam, hing Michael mehr, als dass er saß, in seinem Sessel und lachte sich weg.

„Sehr lustig hier?“ Ich sah ihn zweifelnd an.

„Oder habt ihr eben irgendetwas getrunken, von dem ich besser wissen sollte?“

Er gluckste nur vor sich hin, also sah ich Christian an.

Der jedoch machte auf unschuldig und unwissend, antwortete mir demzufolge auch nicht. Resigniert setzte ich mich und teilte Christian mit, dass sein Taxi in circa zehn Minuten hier sein würde.

Woraufhin Michael noch mehr lachen musste. Und selbst Christian konnte ein Lachen nicht mehr vollständig unterdrücken.

Ich schüttelte den Kopf, als ich mir beide genauer ansah.

„Was habt ihr eigentlich?“

Doch die winkten nur ab.

„Du bist großartig“, schaffte Michael so gerade, dann kicherte er weiter.

„Danke, ich weiß!“

Daraufhin fing auch Christian richtig zu lachen an. Ich nahm mir die Flasche Wein, die wir getrunken hatten und betrachtete sie näher.

„Also, eigentlich ist an einem Sancerre nichts derart Ungewöhnliches, dass sich zwei gestandene Herren hier wegwerfen müssten vor Lachen“, konstatierte ich leise.

Das Ergebnis war wie zu erwarten: Sie machten weiter.

Also wartete ich einfach mal ab. Irgendwann würden sie sich schon wieder einkriegen. Hoffte ich zumindest. Taten sie auch, doch es dauerte noch eine Weile. Dann erklärte mir der mir zugewiesene Ehemann, dass es einfach nur zu köstlich gewesen war, dass ich, kaum dass Christian mir einen kurzen Blick zugeworfen hatte, aufgestanden war, um ihm ein Taxi zu rufen.

„Was genau ist daran so ‚köstlich’?“, wollte ich anschließend einigermaßen ernst wissen. Ich musterte Michael eingehend.

„Du kennst ihn doch. Er ist es gewohnt, möglichst gestensparsam anzuordnen. Und ich bin es gewohnt, äußerst präzise zu beobachten und meine Schlüsse daraus zu ziehen.“

Michael lachte immer noch leise. „Aber du weißt nicht, wie das für einen Außenstehenden aussieht.“

Gut, das stimmte.

„Aber wenn du das auch so in Boston machst“, erläuterte Christian mir verschwörerisch, „wird das ein voller Erfolg, das kannst du mir glauben.“

Ich sah ihn an und beantwortete sein beredtes Lächeln mit einem der besonders warmen Sorte. Und sofort sah ich, dass das zog. Touché ... Also grinste ich in mich hinein und betrachtete ihn einfach nur noch einen Moment.

Und als kurz darauf Christians Taxi vorfuhr, nahm ich ihn vor der Haustür noch kurz in den Arm und dankte ihm, dass er gekommen war. Er würde am Sonntag nach seinem Frühstück wieder herkommen wollen, und dazu würden Michael oder ich ihn abholen.

Dann betrachtete ich die beiden Männer noch, wie sie sich voneinander verabschiedeten und letztlich sahen Michael und ich dem Taxi hinterher, als es fuhr.

Er legte seinen Arm um meine Schultern und wir gingen gemütlich wieder hinein. „War schön, hm?“, wollte er auch direkt von mir wissen. Ich lächelte zu ihm hoch. „Oh ja, mir hat’s sehr gut gefallen. Wir sehen uns einfach zu selten.“

Er nickte leicht und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Stimmt, viel zu selten. Aber okay, unsere Berufe bringen das halt so mit sich.“

Ich nickte und zwickte ihn in den Bauchspeck. Nicht, dass er welchen gehabt hätte, doch wenn man zwicken möchte, findet sich immer irgendwo eine Möglichkeit. Außerdem half es ihm, nicht allzu sentimental zu werden und ich sah, dass er das zu schätzen wusste.

„Schatz, wir haben morgen noch den ganzen Vormittag“, schlug ich ihm vor, woraufhin er lächelnd nickte.

„Komm!“, fing er auch direkt an. „Wir nehmen uns jetzt noch ein Glas und dann geht es ab in die Falle.“

„Gut. Du holst.“

Tat er auch gerne. Später saßen wir bei besagtem Glas und unterhielten uns noch ein Weilchen, bevor auch wir unsere Zelte abbrachen und ins Bett gingen.

6

Am Sonntagmorgen wachte ich deutlich vor Michael auf, genau genommen zu meiner normalen Zeit, gegen sechs, und fand, dass das für einen Sonntag schlicht zu früh war.

Also kuschelte ich mich an ihn an und schlummerte wieder einigermaßen tief ein.

Später, diesmal war es halb acht, wurde ich erneut wach, weil Michael so richtig schön und entspannt schnarchte.

Toll!

Ich belohnte ihn mit einem bösen Knuff in die Seite.

„Hm?“

„Du hast geschnarcht!“

„Kann nicht sein“, nuschelte er schlaftrunken, „habe ich gar nicht gehört.“

Ach! Aber solche Diskussionen führten erwartungsgemäß zu nichts, also begann ich gar nicht erst, sondern zwang ihn, eine andere Position einzunehmen. Quittiert wurde das auch nur von einem unmutigen Brummen seinerseits. Ich schmiegte mich an seinen Rücken und döste noch etwas weg. Schließlich war es kurz vor acht und für mich damit das Ende der Nacht. Mit einem lieben Kuss auf Michaels Rücken stand ich langsam auf. Er knurrte nur. Also wusste ich, dass ich ihn besser noch ein wenig liegen ließ.

Deshalb widmete ich mich in aller Gemütsruhe meiner Morgentoilette und ging anschließend in die Küche. Der Kaffee war schon durch und ich nahm mir einen Becher. Mit dem stellte ich mich dann ans Fenster und sah gedankenverloren hinaus.

Alles so schön friedlich, dachte ich und das stimmte auch. Im Speziellen an einem Sonntag war es am Morgen wirklich sehr ruhig. Eigentlich hörte man außer der Natur, die natürlich schon lange wach war, kaum etwas.

Und das war genau das, was ich so gern mochte: herzlich wenig menschliche Geräusche. Wenn ich die Zeit hatte, im Zweifel nahm ich sie mir einfach, tat ich das nämlich des Öfteren.

Mich morgens früh einfach nur einen Becher Kaffee lang ans Fenster zu stellen und mich auf den Tag vorzubereiten. Der Stress und die Hektik würden schon noch von ganz allein kommen. Und das stimmte leider manchmal nur allzu gut. Außerdem hatte die relative Stille für mich einen nicht zu unterschätzenden Vorteil, denn ich konnte meine Gedanken gründlich und effektiv sortieren.

Wenn sich nicht die Möglichkeit bot, etwas am Rhein spazieren zu gehen, das war natürlich noch besser. Unter der Woche war ich viel allein, falls überhaupt vor Ort, und deshalb machte ich das bei schönem Wetter auch ab und zu. Niemand fragte und ich konnte am frühen Morgen einfach nur meine Seele ein wenig baumeln lassen und hatte so schon die unterschiedlichsten Probleme gelöst.

Mein Kaffee neigte sich dem Ende, also der erste Becher. Ihm würden noch einige folgen, denn Kaffee und alles, was im Entferntesten damit zu tun hatte, waren meine Leidenschaft. Erfreulicherweise hatte auch weder mein Magen noch sonst ein Organ etwas daran auszusetzen.

Mit einem kleinen zufriedenen Seufzer drehte ich mich vom Fenster weg und ging langsam zurück in die Küche. Mit einem Lächeln im Gesicht hörte ich Rumoren aus unserem Schlafzimmer. Aha, dachte ich, die Schlafmütze ist ja doch schon so langsam wach. Und weil das Timing besser gar nicht sein konnte, klingelte mein Handy leise in meiner Hosentasche.

„Morgen!“, begrüßte ich Christian nach einem Blick aufs Display.

„Ist dein verschlafener Mann schon auf?“

Ich lachte. „Tz, tz, tz, Christian, ich hatte immer gedacht, du hättest ganz ausgezeichnete Manieren.“

Er lachte leise. „Habe ich auch. Wieso?“

„Wäre das so, hättest du mir höflicherweise zunächst einen guten Morgen wünschen sollen“, erklärte ich ihm weitestgehend ernst.