Eingriff mit Folgen - Kristina Bialek - E-Book

Eingriff mit Folgen E-Book

Kristina Bialek

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Beschreibung

Eigentlich ist die neununddreißigjährige Chiara mit ihrem Leben rundum zufrieden. Beruflich als selbstständige Beraterin erfolgreich, privat mit Konzernchef Christian glücklich liiert, verlebt sie eine interessante Zeit. Als ein Tumor ihr dieses erfüllte Leben zunehmend schwerer macht und sie sich dem angeratenen Eingriff unterzieht, ändert das für sie alles. Denn sie lernt den attraktiven Andreas kennen, der keinen Hehl aus seinem Interesse an ihr macht, und geht auf sein Flirten ein ...

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Seitenzahl: 531

Veröffentlichungsjahr: 2018

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„Für D., J. und M.“

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

1

„Gibst du mir bitte mal die Marmelade?“ Christian und ich saßen auf der Terrasse seines Hauses in Friedrichshafen und frühstückten gemütlich.

Eigentlich eine Ausnahme, denn als Vorstandsvorsitzender des ortsansässigen kunststoffverarbeitenden Unternehmens BoKuns AG, des größten Arbeitgebers in der ganzen Region, war er nur sehr selten zu Hause.

Und genau deshalb hatten wir vor, das heute einmal so richtig auszukosten.

Okay, es war Sonntag, aber das hieß noch lange nicht, dass sein Handy nicht jede Sekunde klingeln konnte. Wochentage sind schließlich nur schöne Begriffe, nach denen sich Kunststoffe nicht im Mindesten richten würden.

Die BoKuns AG als international agierendes Unternehmen hatte Töchter auf der ganzen Welt und erst kürzlich wurden Anteile an einem ihrer Zulieferer, einem mittelgroßen nordamerikanischen Konzern, erworben, wodurch Christian mehr in seinem Privatjet war als in seinem Büro.

„Welche möchtest du denn?“, fragte er und lächelte mich auf diese unnachahmliche Art an, die mich schon lange in ihren Bann gezogen hatte.

„Ich kann dir diese hier nur empfehlen. Cranberry-Banane, wirklich gut. Als ich Anfang der Woche in Boston war, hat Richard sie mir mitgegeben. Er hat sie auf so einem winzigen Gut aufgetrieben. Eigentlich stellen die mehr für private Zwecke her als zum Verkauf.

Richard meint, man müsste das ändern.

Na, schauen wir mal, wie er das meint, er hat ja öfter mal krause Ideen.“ Er reichte mir das Glas rüber.

„Gerne, dann probiere ich die mal.“

Ich sah ihn an und fragte mich wie schon so oft, wie aus uns ein Paar hatte werden können.

Christian Waidenfels, einsfünfundachtzig groß, schlank, sehr sportlich, wirkte auf einen Außenstehenden grundsätzlich extrem kontrolliert. Ist er auch, dachte ich, denn ohne eine starke Selbstkontrolle hätte er eine Karriere wie seine gar nicht in Angriff nehmen können.

Nach seinen Studien der Wirtschaftswissenschaften und Jura war er als junger Mann bereits bei der BoKuns AG eingestiegen und hatte sich durch seine außerordentlich weitsichtige Art schnell in die Führungsriege eingearbeitet.

Auch seine Bereitschaft, Jahre in den verschiedenen Tochterunternehmungen, egal wo auf der Welt, die Führung zu übernehmen, hatte seinen Werdegang nur voran gebracht. Heute, mit gerade mal fünfundvierzig Jahren, saß er dem Vorstand der BoKuns AG vor.

Der Preis für das alles allerdings war hoch.

Er war ein Mann, der eigentlich alles hatte, was die meisten Menschen sich wünschen würden, bis auf, na ja, bis auf eine stabile Partnerschaft.

Mittlerweile hatte sich das ja geändert, dachte ich lächelnd. Die Zeit war vorbei, in denen er hatte feststellen müssen, dass die wenigsten Frauen mit einem Mann leben konnten oder wollten, der ihnen zwar alles bieten konnte, aber so gut wie nie zu Hause war. Und selbst wenn, kaum abschaltete.

Ich war so etwas gewohnt, denn schließlich hatte ich beinahe fünfzehn Jahre mit einem solchen Mann gelebt. Wehmütig dachte ich an meinen verstorbenen Mann, der mir vor fünf Jahren durch einen schweren Autounfall genommen worden war. Michael war Chemiker und Wirtschaftswissenschaftler gewesen und hatte auf eine sehr gute Karriere blicken können. Er hatte sich in der Geschäftsführung eines Tochterunternehmens genau des Konzerns, dessen Anteile die BoKuns AG vor kurzem gekauft hatte, schnell einen guten Ruf erarbeitet.

Und über die jahrelange Zusammenarbeit waren er und Christian schon lange gut befreundet gewesen.

Deshalb war ich auch nach meinem Zusammenbruch nach Michaels Tod mehr als dankbar, dass Christian sich sehr um mich gekümmert hatte, soweit seine Zeit das zugelassen hatte.

In der schweren Zeit hätte ich niemals gedacht, mich überhaupt noch einmal in irgendeinen Mann verlieben zu können, denn Michael war mein Leben gewesen.

Auch wenn wir uns in den meisten Jahren eigentlich nur an den Wochenenden hatten sehen können, hatte uns eine tiefe Liebe und ein Vertrauen verbunden, das unerschütterlich war.

Vor knapp zwei Jahren hatte mich Christian dann bei einem kurzen Besuch bei mir in Bonn zur Seite genommen und mir auf sehr direkte Art erklärt, dass ich mich auch direkt neben Michael ins Grab legen könnte, wenn ich nicht bald mal aufhören würde, zwanzig Stunden am Tag zu arbeiten.

Das sagt der Richtige, hatte ich noch gedacht, aber es hat gestimmt.

Ich habe mich vor Jahren durch meine Studiengänge Psychologie und BWL als Beraterin recht erfolgreich selbstständig gemacht. Durch meine sehr guten Kenntnisse in Handlungsregulation sowie eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe wurde ich gerne gebucht, um bei Meetings in aller Welt zähe Verhandlungen vorbereiten und gelegentlich auch führen zu helfen.

So hatte sich auch mein persönlicher Kontakt zu Christian vertieft, denn nicht nur einmal hat die BoKuns AG meine Dienste für Analysen bei, sagen wir, heiklen Partnern gebucht.

Nun, nach Michaels Unfall kam ich mehr schlecht als recht wieder auf die Beine, und als ich den Bogen irgendwann hatte, hatte ich angefangen, wie eine Wahnsinnige zu arbeiten.

Schlafen kann man sich schließlich abgewöhnen, war meine Devise geworden.

Innerlich seufzte ich und dachte, dass dieser Schmerz wohl nie vergehen wird. Ich gab mir einen Ruck und schob die Erinnerung an Michael vorübergehend zur Seite.

Bei jenem Gespräch mit Christian war es dann auch, ich weiß nicht wie, passiert.

Nachdem mir langsam bewusst geworden war, wie recht er doch hatte, hatte ich ihn ernst betrachtet, hatte lange in seine sanften, rehbraunen Augen geblickt und war schließlich darin versunken.

Allerdings hatte mein Gewissen mir in den darauf folgenden Monaten immer wieder versucht klar zu machen, dass das ein Verrat an Michael sei.

Doch auch diese Stimme verstummte langsam, nachdem mir bewusst wurde, dass ich schließlich doch noch am Leben war und nicht ewig trauern konnte.

Christian war sehr behutsam mit mir umgegangen, hatte mir viel Zeit gelassen, bevor er mir schließlich vor gut einem Jahr gestand, wie außerordentlich ich ihn schon seit Jahren fasziniere und dass er sich schon lange in mich verliebt habe.

Seine Freundschaft zu Michael habe ihm solche Gefühle aber selbstverständlich verboten. Ich war damals sehr verwirrt über seine Offenheit gewesen.

Aber seit dem Tag waren wir ein Paar.

„Na?“ Er sah mich liebevoll an. „Etwas wehmütig?“

Das riss mich dann aus meinen Gedanken und ich betrachtete ihn.

„Hm, ich dachte nur zurück und dann kommt die Erinnerung wieder“, seufzte ich leise. „Es wird wohl immer weh tun.“

Wie wahr das doch war …

„Bereust du deine Entscheidung für mich?“

„Um Himmels Willen, nein!“ Ich sah ihn entsetzt an. „Das kannst du doch nicht wirklich denken?“

„Tue ich auch nicht.“

Ich sah den Schalk in seinen Augen aufblitzen und musste unwillkürlich lachen. „Du schaffst es auch immer wieder.“

„Ich tue, was ich kann. Ich bin schließlich ein intelligenter Mann.“

„Und kein bisschen eingebildet.“

„Nur so viel wie nötig ist, um dich zu beeindrucken!“ Er lächelte mich an.

„Na, das gelingt dir eigentlich auch schon so.“

Christian wurde wieder ernst und sah mich auf diese intensive Art an, die mir jedes Mal Gänsehaut verursachte.

„Ich möchte eigentlich nur, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe und dass ich außerordentlich glücklich bin, dass du bei mir bist.“

„Ich liebe dich auch!“ Ich sah ihn verliebt an. „Schatz, es ist Sonntag, das Wetter ist großartig und mit etwas Glück klingelt dein Handy in den nächsten Stunden nicht. Lass uns was unternehmen.“

„Da wüsste ich was.“ Sein Blick verschleierte sich.

Oh, dachte ich, den kenne ich, dagegen hat selbst das beste Spätsommerwetter keine Chance.

„Ach, und was?“ Ich versuchte, so unschuldig wie möglich auszusehen.

Er stand auf und kam um den Tisch herum. „Wenn du mitkommst, kannst du das herausfinden“, murmelte er und küsste mich zärtlich in den Nacken.

Ich schloss die Augen und genoss das Kribbeln, das sich auf meinem Körper ausbreitete.

„Gewonnen.“

„Ich gewinne immer!“, raunte er hinter meinem linken Ohr und fing an, meinen Hals zu küssen.

Ich lachte leise: „Kein bisschen überheblich, hm?“ Und stand langsam auf.

„Na, wenn es doch stimmt.“ Sein warmer Atem an meinem Hals sorgte dafür, dass sich die Härchen in meinem Nacken aufstellten. Er drehte mich um, und während seine Hände langsam an meinem Körper entlang glitten, sah er mir sehr tief in die Augen.

„Komm!“, flüsterte er rau und zog mich zurück ins Schlafzimmer.

Dann öffnete er meinen Morgenmantel und ich ließ mich aufs Bett gleiten. Es war noch zerwühlt von der vergangenen Nacht. Christian erkundete meinen Körper mit einer Sinnlichkeit, als hätte er ihn noch nie zuvor berührt, bis mir beinahe schwindelig war.

Als ich später erschöpft in seinem Arm lag, betrachtete ich träge die schönen Stuckverzierungen an der Schlafzimmerdecke.

Es ist aus vielen Gründen wirklich richtig gewesen, mich auf ihn einzulassen, dachte ich, trotz aller Zweifel, die ich lange gehegt hatte.

Er hatte die Augen geschlossen und sein Atem beruhigte sich langsam wieder.

„Geht’s dir gut?“

„M-hm.“

Nach einer Weile richtete er sich halb auf und stützte sich auf seinen rechten Ellenbogen. Er betrachtete mich eingehend und strich zärtlich eine verirrte Haarsträhne aus meinem Gesicht.

„Und du kannst also wirklich ein paar Tage bleiben?“

Ich musste nicht lange überlegen. „Ich habe erst am Donnerstag die nächste Besprechung mit den Jungs aus Dortmund. Aber ich habe alles mit und kann mich auch hier weiter vorbereiten. Du sollst ja nicht denken, dass du mir völlig umsonst ein Arbeitszimmer eingerichtet hast.“

Denn das hatte er.

Kurzerhand hatte er aus einem der Gästezimmer die Möbel herausräumen lassen und mir vor ein paar Monaten ein Büro einrichten lassen, das sich sehen lassen konnte. Vor allem aber eines, in dem ich mich wohl fühlte und gut arbeiten konnte, wenn ich hier war.

„Und ansonsten: Handy ist an, Mailzugang habe ich auch, also alles im grünen Bereich.“ Ich lächelte ihn liebevoll an. „Vorausgesetzt, du erträgst mich solange.“

Sein linker Zeigefinger fing an, kleine Kreise auf meinen Bauch zu malen und er schnaubte leise. „Ertragen? Du machst Witze. Ich bin doch froh, dass du überhaupt hier bist. Vor allem, weil ich dir nicht versprechen kann, dass ich viel Zeit haben werde in den nächsten Tagen.“

Er setzte sich auf und sah aus dem Fenster. „Du weißt ja, die Übernahme der Firmenanteile in Boston erfordert noch viel Vertrauen schaffende Arbeit von beiden Seiten. Wahrscheinlich muss ich auch noch mal rüber fliegen. Aber wohl erst übernächste Woche.“

Ich streichelte seinen Rücken. „Du bist sehr nachdenklich, was diese Übernahme angeht. Zweifel?“

Langsam drehte er sich wieder halb zu mir um. „Nein, nein, das nicht, sonst hätte ich es ja nicht getan. Ich denke nur, dass sehr viel Fingerspitzengefühl erforderlich sein wird.“

„Na, da habe ich aber eigentlich keinerlei Bedenken.“ Ich war jetzt auch ernst geworden. „Schließlich habe ich bei der strategischen Vorbereitung mit analysiert.“

Mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung warf er sich herum und begrub mich unter sich. Seine Hände wühlten in meinem Haar und er küsste mich leidenschaftlich.

„So, du glaubst also, ich hätte Fingerspitzengefühl?“

Ich holte schwer atmend Luft. „Falsch, ich weiß es, das hast du mir mehr als einmal bewiesen“, japste ich.

„Wir reden aber nicht vom selben Thema, oder?“

Und seine Hände waren auch schon wieder auf Wanderschaft.

„Nicht?“ Ich musste unwillkürlich stöhnen, als er begann, meine Pobacke zu massieren. „Wirst du eigentlich nie müde?“

„Müde sein wird überbewertet, ich habe was Besseres“, murmelte er an meinem Hals, „eine wunderschöne, begehrenswerte Frau, die ich viel zu selten sehe, in meinem Bett.“

Kurz vor Mittag standen wir dann doch endlich auf, das Schlafzimmer war ein einziges Chaos. Irgendwie verständlich, denn bevor er mich gestern hatte einfliegen lassen, hatten wir uns gute vier Wochen nicht mehr gesehen.

Nach einer schönen, ausgiebigen Dusche stand ich am Fenster und genoss den atemberaubenden Blick über den Bodensee, während Christian sich in Ruhe rasierte.

Wirklich schön hier, dachte ich nicht zum ersten Mal, lässt sich aushalten.

„Immer noch zufrieden?“ Er war leise an mich herangetreten und hatte seine Arme um mich gelegt.

Ich ließ meinen Kopf nach hinten an seine Schulter sinken. „Oh ja, sehr! Du hast es ganz schön gut. Ein solcher Ausblick immer, wenn du zu Hause bist.“

Er nickte leicht und küsste mich zärtlich auf den Hals.

„Wollen wir los?“ Er ließ mich los und ich drehte mich zu ihm um.

Ich sah ihn fragend an. „Was hast du denn vor?“

„Lass dich überraschen!“

2

Oder auch nicht, denn genau in dem Moment klingelte mein Handy. Das gibt’s doch nicht, dachte ich und sah auf das Display.

Ich schenkte Christian einen bedauernden Blick. „Das ist Stefan, da muss ich ran. Der ruft wirklich nur an, wenn es brennt.“

Stefan war mein Kontakt bei der Dortmunder Unternehmensberatung, bei der ich kommenden Donnerstag sein würde. Wir würden versuchen, einen drohenden Rechtsstreit zwischen ihnen und einem Kunden, der meinte, nicht korrekt beraten worden zu sein, zu schlichten.

Und das am besten, bevor er eskalierte.

Die Dortmunder DO-IT-Consult und ich konnten bereits auf einige Jahre sehr guter Zusammenarbeit zurückblicken.

„Stefan, grüß dich, und bitte jetzt keine schlechten Nachrichten!“

Am anderen Ende lachte Stefan kurz und trocken auf. „Du bist ja niedlich! Meinst du, ich würde dich sonst anrufen?“ Er wurde ernst. „Wir haben ein Problem.“

Ach!

Ich holte tief Luft. „Lass mich raten: DoTech hatte gestern nichts Besseres zu tun und hat euch noch schnell eine Bombe geschickt.“

„Treffer!“

„Und? Warum können die nicht bis Donnerstag warten?“

„Weil sie behaupten, es habe sich jetzt herausgestellt, dass die Produktion von vergangener Woche wegen falscher Korngröße komplett in die Tonne kann.“

„Ja, und?“ Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Christian leise das Zimmer verließ. „Das ist doch nicht euer Problem.“

„Sie behaupten, doch!“ Stefan stieß ärgerlich die Luft aus.

„Ihr Geschäftsführer meint, er sei sicher, dass aufgrund unserer Empfehlung zur Software-Anpassung die Computersteuerung der Mühle fehlerhaft war.“

Ich musste lachen. „Das kann der doch nicht ernst meinen? Das heble ich dir mit drei Sätzen aus! Und wieso fällt dem das an einem Samstag ein?“

Ich konnte förmlich hören, wie Stefan mit den Schultern zuckte.

„Okay, pass auf!“, schlug ich vor. „Ich rufe jetzt Niko an und wir machen spätestens in einer Stunde eine kurze Video-Konferenz. Der kann euch genug Material an die Hand geben, dass der Herr Geschäftsführer bis Donnerstag friedlich ist.“

Niko war mein Computerspezialist. Wir hatten uns vor Jahren in Bonn auf einer Vernissage kennengelernt und waren inzwischen sehr gut befreundet. Wann immer ich ein Problem hatte, mit dem eigenen Rechner oder wenn bei einem Kunden etwas schief lief, konnte ich ihn anrufen. Bislang hatte es noch nichts gegeben, das Niko nicht gelöst hätte.

Stefan atmete auf. „Du bist unbezahlbar!“

Ich grinste: „Versuch’s doch mal!“, wurde aber sofort wieder ernst. „Ich rufe durch, sobald die Verbindung mit Niko steht. Bis nachher.“

„Danke dir!“

Ich legte auf und machte mich auf die Suche nach Christian. Er war wieder raus auf die Terrasse gegangen.

„Schlechte Nachrichten?“, wollte er wissen.

„Ach, eigentlich nicht. Ehrlich gesagt, eher albern“, gab ich zurück. „Ich werde jetzt schnell mit Niko telefonieren, und der kann das dann mit Stefan klären. Die kleine Video-Konferenz für zwischendurch.“

Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Dauert nicht lange, versprochen.“

Gut, dass ich so etwas nicht ewig breit erklären musste, schließlich kannte Christian derartige Situationen selbst am besten.

„Vielleicht ziehst du dir etwas mehr an?“

Ja, das wäre nicht schlecht, nur im Morgenmantel konferierte es sich sicher sehr entspannt, aber leider nicht sehr professionell.

Dann schnappte ich mir meinen Laptop und zog mich ins Arbeitszimmer zurück. Dort würde ich die nötige Ruhe haben.

Nachdem alles hochgefahren war, griff ich wieder zum Handyund rief Niko an, der, wie immer, schon beim zweiten Klingeln dran war.

„Ah, die Liebe meines Lebens ruft an!“, dröhnte er mir entgegen. „Du möchtest mir bestimmt sagen, dass du Christian verlassen hast und endlich meinen Heiratsantrag annehmen möchtest.“

„Falsch!“ Ich seufzte innerlich. Bitte nicht jetzt!

Seit wann, wusste ich beim besten Willen nicht, aber Niko hatte irgendwann beschlossen, in mich verliebt zu sein.

Nicht, dass das stimmte, aber es wurde über die Zeit ein klassischer Running-Gag zwischen uns. Allerdings manchmal ein ziemlich anstrengender.

Christian hatte sich anfangs recht schwer damit getan, zu glauben, dass da nie etwas dran war und auch nicht sein würde, Niko war nun einmal so.

Aber ein letzter Rest Skepsis war auch bis heute bei Christian geblieben.

„Liebelein“, fing ich an, „ich brauche deine Argumente!“

Er lachte. „Welche dürfen es denn heute sein?“

Ich schilderte ihm kurz, welches Problem bei Stefan auf dem sonntäglichen Schreibtisch lag und er brummelte vor sich hin. „Hat der Mann Langeweile?“

„Sieht so aus. Können wir gleich auf Konferenz gehen? Dann klingele ich schon mal bei Stefan durch, der ist verständlicherweise ein wenig nervös.“

„Klar, Süße, bin schon soweit.“

„Oh, gut, dann bis gleich!“, freute ich mich und legte auf.

Stefan war schon in den Startlöchern und dann ließ ich die beiden machen und hörte eher halbherzig zu, wie Niko einen ganzen Haufen wirklich guter Argumente lieferte.

Ja, auf ihn war Verlass!

Eine gute Viertelstunde später hatte Stefan alles, was er brauchte, um die fadenscheinigen Argumente der Do-Tech auszuhebeln und die Gespräche, wie geplant, bis Donnerstag auszusetzen.

Wir tauschten, alle zufrieden mit der schnellen Lösung, noch kurz ein paar Plänkeleien aus und verabschiedeten uns dann.

Nachdem ich meinen Laptop wieder weggepackt hatte, ging ich erneut zu Christian auf die Terrasse hinaus. Er saß in seinem Sessel, wirkte völlig entspannt und hielt sein Gesicht in die Sonne. „Gelöst?“

„Natürlich!“, antwortete ich ihm. „Du kennst mich doch.“

Er öffnete die Augen, schirmte sie mit der Hand gegen die Sonne ab und schenkte mir einen vielsagenden Blick. „Du bist erstaunlich schnell. Kann ich dich einstellen?“

Ich lachte. „Du könntest mich gar nicht bezahlen!“

„Sicher? Versuchen könnte ich es. Außerdem waren deine Rechnungen bislang eigentlich immer recht zivil!“

„Das war ja auch ein Sondertarif. Weil du es bist!“, frotzelte ich.

„Wenn du so denkst, bist du, fürchte ich, keine gute Geschäftsfrau.“ Er gab sich einen seriösen Touch. „Sagt dir der Begriff Gewinnmaximierung was?“

Ich setze einen schrecklich verwirrten Gesichtsausdruck auf. „Hä? Was ist das denn?“

„Ja, das dachte ich mir. Ich werde dir das bei Gelegenheit mal erklären. Oder dich schamlos ausbeuten.“ Er tat so, als dächte er nach. „Hm, wahrscheinlich doch eher Letzteres.“

„Du willst eine einfache, harmlose Frau ausbeuten? Pfui!“

Christian lachte amüsiert. „Einfach? Harmlos? Das würde ich dir ja noch nicht einmal glauben, wenn ich dich nicht kennen würde! Also, lass mich dich einstellen!“

„Keine Chance! Ich weiß, du bist es gewohnt, zu bekommen, was du willst, aber ich bin gern meine eigene Frau.“

„Dann könnten wir uns öfter sehen“, lockte er.

„Und uns öfter streiten“, erwiderte ich.

Er schmunzelte. „Ah. Es hat einfach keinen Sinn, sich mit einer Psychologin anzulegen … Ich kapituliere.“

Ich strahlte ihn an.

„Anderes Thema. Da ja jetzt eine himmlische Handy-Ruhe herrscht, was hattest du vorhin denn vor mit mir?“

Er stand auf. „Alexander hat mein Boot fertig gemacht, ich dachte, wir könnten etwas über den See fahren und dieses begnadete Wetter genießen. Wer weiß, wie viele warme Tage wir noch haben werden. Ich werde Sandra bitten, uns einen Imbiss zusammenzustellen.“

Alexander und Sandra waren das Ehepaar, das er eingestellt hatte, um sich um sein Haus, Garten, Boot und was nicht noch alles zu kümmern. Er war eben viel unterwegs und die beiden waren ausgesprochen zuverlässig.

Außerdem hatte er in Alexander einen ausgezeichneten Handwerker gefunden, der beinahe alles reparieren konnte.

Die beiden lebten in einer großen Einliegerwohnung in Christians Haus, und für beide war es völlig selbstverständlich, rund um die Uhr für ihn ansprechbar zu sein.

Im Gegenzug ließ er ihnen die größtmöglichen Freiheiten, von einer exzellenten Bezahlung mal ganz abgesehen.

„Uh, das klingt gut!“ Christian hatte eine kleine Yacht auf dem Bodensee, die er allerdings nicht sehr oft nutzte.

„Prima!“ Und er griff auch schon zum Telefon.

„Sag Sandra bitte, sie soll nicht wieder so viel machen. Ich würde lieber heute Abend noch ins ‚Alpenblick‘ gehen. Für die Brasse könnte ich morden.“

„Brauchst du nicht, denn dein Wunsch ist mir selbstverständlich Befehl!“ Er verbeugte sich formvollendet. In diesem Moment ging Sandra auch schon ran.

Telefonierend verschwand er im Haus und ich sah ihm hinterher.

Etwa eine Stunde später saß ich an Deck und blickte über den schillernden See. Ein derart glasklares Wasser sieht man wirklich selten, ging es mir mal wieder durch den Kopf. Eigentlich ist das Entspannung pur, wir sollten das öfter machen.

Schön gedacht, doch ich wusste ja selbst, wie wenig Zeit er und auch ich für Freizeitaktivitäten hatten.

Christian legte die Yacht etwas vom Ufer entfernt vor Anker und setzte sich zu mir.

Beim Kauf der Yacht hatte er eine Sitzbank mit herrlich dicken Polstern einbauen lassen und auf dieser kuschelte ich mich zufrieden an ihn.

Die Zeit verging, kein Handy klingelte, wobei ich nicht unterschrieben hätte, dass er seines überhaupt mit hatte, denn bevor wir losfuhren, hatte er noch etwas länger telefoniert.

Tja, dachte ich, der Luxus der Nichterreichbarkeit … Mir sollte es recht sein!

Sandra hatte sich trotz Ansage natürlich wieder ordentlich ins Zeug gelegt und uns eine ausgesprochen leckere Platte mit Antipasti und Obst sowie frischem Ciabatta zurecht gemacht.

Nachdem die Sonne schließlich hinter den Bergen untergegangen war und wir zurück an Land waren, fuhren wir, wie versprochen, zum Restaurant „Alpenblick“.

Es lag in einer Biegung unmittelbar am See und machte seinem, zugegeben, etwas einfallslosen Namen wirklich alle Ehre.

Umsichtig hatte Christian noch am Mittag einen Tisch reservieren lassen, denn an Tagen wie diesem war das Restaurant hoffnungslos ausgebucht.

Allerdings, wenn Christian Waidenfels nicht Christian Waidenfels wäre, hätte das auch mit einer Reservierung nicht mehr geklappt.

Manchmal ist es gar nicht mal so schlecht, sehr einflussreich zu sein. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, schämte mich aber nicht im Geringsten dafür.

Die Goldbrasse kam, duftete himmlisch und wir fingen in Ruhe an zu essen.

Dabei betrachtete ich wieder einmal seine Hände. Feingliederig und sorgfältig manikürt wirkten sie, wie eigentlich alles an ihm, überaus elegant. Zudem ist es auch die Art, wie er sie bewegt, überlegte ich.

„Wie weit weg bist du denn?“ Ich schaute auf. Er musterte mich lächelnd.

„So einen halben Meter, würde ich sagen.“

„Nein, sag es nicht.“ Er lachte leise. „Du beobachtest mal wieder meine Hände!“

Erwischt!

Das konnte ich jetzt schlecht leugnen, also nickte ich, erwiderte seinen Blick möglichst gelassen und aß einen weiteren Bissen.

„Was genau fasziniert dich eigentlich so an ihnen?“, wollte er wissen.

„Sie sind sehr schön.“

„Schön?“

„Ja!“

Gut, schön war jetzt vielleicht nicht das beste Attribut, um irgendetwas an einem Mann zu beschreiben.

„Hände sagen eine Menge über einen Menschen aus. Neben dem Pflegezustand aber hauptsächlich, wie sie bewegt werden“, erklärte ich. „Nicht umsonst sollte man lernen, neben dem Rest des Körpers, in erster Linie seine Hände zu kontrollieren. Sie sagen sonst zuviel aus, was eventuell nicht erwünscht ist. Aber ich erzähle dir ja nichts Neues.“ Ich zwinkerte ihm zu.

„Nein.“ Sein Blick war amüsiert.

„Tja, und ich bin nun mal berufsbedingt darauf angewiesen, im Körper, in den Händen, und vor allem in den Augen lesen zu können.“

„Was liest du denn in mir?“

„Gar nichts, wenn du nicht willst!“

Er lächelte mich breit an. „Das war schließlich auch harte Arbeit.“

„Das glaube ich dir gern. Denn, ehrlich zugegeben, du beherrschst ja sogar deine Augen, und das ist die Königsdisziplin!“

Er nickte. „M-hm. Gefällt dir sonst noch was an mir?“

„Du weißt schon, dass Komplimente extra kosten, ja?“, schäkerte ich.

„Wirklich?“ Er ging darauf ein. „Dann hätte ich gerne zwei.“

„Gut. Zunächst nehmen wir mal deine eben erwähnten Augen. Wunderschönes Braun, kleine goldene Sprenkel darin, warmer, intensiver Blick, vor allem im Moment, und diese kleinen Lachfältchen drum herum, hach, ich muss mich bremsen, sonst komme ich noch ins Schwärmen.“ Ich übte mich im theatralischen Seufzen.

„So schlimm?“

„Schlimmer! Aber kommen wir zu Kompliment Nummer zwei: dein sinnlich geschwungener Mund. Sehr einladend!“ Ich tat verlegen.

Mit leicht umflortem Blick sah er mich eindringlich an. „Kann es sein, dass du dich absichtlich auf Äußerlichkeiten, und dabei auf mein Gesicht beschränkst?“

„Na, wir sind schließlich in der Öffentlichkeit!“

„Ach, das lässt sich ändern.“ Und schon winkte er nach der Rechnung.

Ein Mann, der wirklich weiß, was er will, dachte ich liebevoll nicht zum ersten Mal, als wir anschließend nach Hause fuhren. Schade, dass solche Wochenenden so verflucht schnell vorbei gehen. Und so selten sind.

Ich konnte ihm mit einem Seitenblick ansehen, dass er exakt dasselbe dachte.

Wir ließen dieses Wochenende mit einem guten Chablis ausklingen.

3

M ontagmorgen, kurz vor sechs, sein Wecker klingelte. Ich streckte mich gemütlich und griff neben mich, aber das Bett war leer. Christian war bereits aufgestanden, hatte Kaffee gekocht, wie ich roch, und war höchstwahrscheinlich auf seinem Crosstrainer.

Er hatte Jahre gebraucht, um Sandra klar zu machen, dass er um diese Zeit weder frühstückte noch sie schon zur Stelle sein musste, denn Kaffee könne er sich durchaus selbst kochen. Mittlerweile hatte sie das endlich akzeptiert.

Ich sammelte meine im Zimmer verstreute Wäsche ein und schmunzelte. Da war wohl gestern Abend nicht so die Zeit zum ordentlichen Ablegen gewesen …

Nach einer schnellen Dusche machte ich mich auf die Suche und fand ihn natürlich, wie erwartet, beim Training.

„Morgen, Schatz!“

Er sah mich an und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Chiara! Ich wollte dich nicht wecken.“

„Hast du auch nicht, dein Wecker war’s.“

„Gut geschlafen?“ Na, wenn dieses selbstzufriedene Grinsen nicht wäre.

„M-hm!“ Ich ging zu ihm und er küsste mich kurz.

„Kann ich mir was von deinem flüssigen Herzschrittmacher nehmen?“, fragte ich.

„Ja, natürlich. Steht in der Küche.“

Ich ging und machte mir einen Becher fertig, anders als Christian allerdings sowohl mit Milch und Zucker und vor allem: einem großen Schwung Wasser.

„Hatte ich dir schon mal probiert zu erklären“, fragte ich durch die Tür, „dass man Kaffee auch mit Wasser kochen kann?“

Er ignorierte mich, wie immer, wenn ich versuchen wollte, ihm klar zu machen, dass der Kaffee in der Stärke, wie er ihn für gewöhnlich trank, nicht sonderlich gesund war.

Andererseits, andere Laster hatte er eigentlich nicht und deshalb gab ich meinen Versuch wieder auf.

Ich ging samt Kaffee in mein Arbeitszimmer und suchte mir die Unterlagen heraus, die ich für Donnerstag vorbereitet hatte.

Christian würde wohl spätestens gegen sieben losfahren und bis dahin wollte ich ihn nicht weiter stören. Er brauchte sein Training.

In Ruhe sah ich mich im Zimmer um und mein Blick blieb an dem wandhohen Spiegel hängen.

Als Christian mir dieses Zimmer hatte einrichten lassen, war ich außerordentlich beeindruckt gewesen, dass er an einen Spiegel gedacht hatte. Profi ist Profi, war mein Urteil hierzu, denn als solcher war ihm durchaus bewusst, dass ich zur Vorbereitung meiner Einsätze gern auf einen Spiegel zurückgriff.

Schließlich kam es bei der psychologischen Beratung und Mediation nicht nur auf Sachverstand und ein gewisses Verhandlungsgeschick an, sondern sehr stark auf die äußere Wirkung des Verhandlers.

Hier konnten allein winzige Nuancen in der Körperhaltung beispielsweise bereits ausschlaggebend sein, deshalb kontrollierte ich diese gern vor einem Spiegel.

Ich betrachtete mein Spiegelbild und was ich sah, gefiel mir ganz gut. Einseinundsiebzig groß, schmal gebaut und schlank, sehr gute Figur. Natürlich, denn in meinem Job war eine attraktive Ausstrahlung schon die halbe Miete.

Und was meine Ausstrahlung anbelangte, im Speziellen auf Männer, egal welchen Alters, hatte Mutter Natur, weiß Gott, nicht gespart. Ich war mir dessen mehr als bewusst und setzte sie auch gelegentlich sehr gezielt ein.

Ich schüttelte meine Haare, eine champagnerblonde Lockenmähne, Naturlocken, die mir manchmal ein wenig zu viel waren.

Doch immer wenn ich deren Wirkung überprüfte, musste ich feststellen, dass das rein subjektiv war und die objektive Wirkung eine wesentlich bessere als ich eben hin und wieder glaubte.

Die Farbe war nicht meine echte, die war etwas dunkler, doch Champagner war exakt die Farbe, die meine graugrünen Augen am Besten unterstrich. Wobei ich bei meinem stärksten optischen Argument angekommen war: meinen Augen.

Bislang hatte ich in insgesamt neununddreißig Jahren niemanden finden können, der sich ihnen hätte entziehen können, wenn ich das nicht wollte, dachte ich, ganz zufrieden mit mir.

„Also, mir gefällt, was ich sehe.“ Christian war, in seinen Bademantel gewickelt, leise an mich herangetreten, ohne dass ich ihn bemerkt hatte.

„Ich würde dich nehmen.“

„Du hast mich schon“, stellte ich richtig. „Musst du gleich los?“

„M-hm. Ich dusche schnell, dann ja.“

„Okay. Lass dich nicht zu doll stressen.“

Er küsste mich noch einmal zärtlich und war dann auch schon im Bad.

4

Am weiteren Montag sah ich von Christian nicht mehr viel. Er kam ziemlich spät nach Hause und aß auch nur noch eine Kleinigkeit.

Dann verzog er sich noch kurz in sein Arbeitszimmer. Ich vermutete, dass er bislang noch nicht dazu gekommen war, die Zeitung zu lesen.

Später setzte er sich dann doch noch ein wenig zu mir auf das große Sofa im Wohnzimmer. Ich hatte etwas gelesen und Musik gehört.

Er zog mich an sich und wühlte in meinen Locken herum.

„Könntest du mir bei Gelegenheit mal helfen?“, bat er mich.

Ich sah zu ihm auf. „Natürlich, das weißt du doch. Was liegt denn an?“

„Ach.“ Er seufzte leise. „Ich habe bei einem Betriebsleiter in Braunschweig einfach kein gutes Gefühl. Irgendetwas stimmt dort oben nicht, aber die reden nur herum.“

„Warst du schon oben?“

In Braunschweig war ein Spritzgusswerk der BoKuns AG angesiedelt.

Er nickte. „Ja, letzten Freitag. Augenscheinlich ist alles in Ordnung, das kann aber nicht stimmen, so oft, wie er im Krankenstand ist.“

Ich wartete.

„Und ich werde einfach dieses Gefühl nicht los.“ Er lachte leise. „Und erklär dem Aufsichtsrat und vor allem dem Vorstand mal, dass ihr Vorsitzender ein ‚komisches Gefühl‘ hat.“

Ich musste auch lachen. „Da hast du recht.“

„Ich würde dich bitten, ihn dir einmal anzusehen, wenn das geht.“

„Natürlich geht das. Wann hättest du das denn gerne?“, wollte ich wissen.

Er zuckte leicht mit den Schultern. „ASAP.“

Gut, as soon as possible hieß für mich, am besten gestern.

Ich überlegte kurz. „Lass mich morgen mal ein wenig telefonieren, dann kann ich dir am Abend mehr sagen.“

Er gab mir einen Kuss auf die Stirn. „Bist ein Schatz, danke!“

„Kann ich Anja hinzuziehen, wenn nötig?“ Ich sah ihn an.

Anja und ich kannten uns aus dem Psychologiestudium und waren seitdem sehr gute Freunde. Sie war bestimmt die einzige Person, mit der ich wirklich über alles reden konnte. Manchmal braucht man eben so jemanden.

Vor allem aber konnten wir beide ganz hervorragend zusammenarbeiten, was wir auch schon in vielen ihrer wie auch meiner Fälle getan hatten.

Ich kam aus der Handlungsregulation, sie aus der klassischen Psychoanalyse, das ergänzte sich höchst effektvoll.

„Ja, ich wüsste nicht, was dagegen spricht.“

Er holte uns ein Glas Wein und wir ließen den Abend so langsam ausklingen.

Der Dienstag begann für Christian wie jeder andere Tag. Gegen sechs aufstehen, mindestens eine halbe Stunde auf den Crosstrainer, duschen und dann, mit Kaffee, ohne Frühstück, ins Büro.

Auch mein Tag wurde recht unspektakulär. Ich telefonierte eine Weile mit Anja und klärte ab, dass sowohl sie als auch ich am Montag der Folgewoche nach Braunschweig würden fahren können.

Das musste ich jetzt abends nur noch mit Christian abstimmen.

Da das Wetter immer noch stabil angenehm spätsommerlich war, machte ich nachmittags einen kleinen Spaziergang. Derartiges half mir manchmal ganz gut beim Nachdenken.

Ja, ja, durchs Gehen werden neue Synapsen gebildet, rief ich mir ins Gedächtnis.

Nach etwas weiterer Arbeit und einem leichten Abendessen, das Sandra mir zubereitet hatte, sie war wirklich gut, machte ich es mir wieder einmal auf dem Sofa mit einem Buch gemütlich.

Lesen war für mich die ultimative Entspannung, zumindest, wenn ich die Zeit dafür fand.

Christian kam wieder ziemlich spät und brütete vor sich hin, also ließ ich ihn in Ruhe.

Als er gut eine Stunde später zu mir kam, war er immer noch nachdenklich, aber merklich entspannter als vorher.

Ich sah zu ihm auf. „Na? Noch ein Wein, dann ins Bett?“

Er nickte. „Gerne. Ich hole.“

Kurz darauf kam er mit zwei Gläsern zurück und sah mich liebevoll an. „Chiara. Es tut mir wirklich leid, dass ich so wenig Zeit für dich habe.“

Ich winkte ab. „Weiß ich doch, mach dir da bitte keinen Kopf! Ich habe genug zu tun. Außerdem kann ich mich hier mal ein wenig entspannen, zu Hause geht das ja eher nicht.“

Er gab mir einen zärtlichen Kuss. „Morgen habe ich mich allerdings weitestgehend herausgenommen.“

Das hieß lediglich, dass er vermutlich abends eher nach Hause kommen würde.

Aber ich freute mich. „Schön! Da wird ja vor allem Sandra glücklich sein, wenn sie uns gemeinsam bekochen kann.“ Ich grinste.

Er lachte, schließlich kannte er Sandras unbeugsamen Wunsch, aus uns eine ganz normale Familie zu machen.

„Donnerstag bist du dann ja auch schon wieder weg.“ Ich hörte das Bedauern in seiner Stimme. Mir gefiel das ebenso wenig, natürlich, aber es ließ sich nun mal nicht ändern.

„Wieso lässt du mich eigentlich nicht mit der Bahn fahren? Friedrichshafen ist doch prima angebunden“, wollte ich nicht zum ersten Mal wissen.

Christian war in dieser Hinsicht schrecklich unnachgiebig, denn er bestand darauf, mich fliegen zu lassen. Nicht, dass ich das toll gefunden hätte. Ich hatte fürchterliche Flugangst.

„Weil es schneller ist.“

Ja, wusste ich.

„Aber nicht jeder findet fliegen so schön wie du!“, versuchte ich.

Er sah mich verliebt an. „Das hat damit doch nichts zu tun. Ich möchte einfach nicht, dass du im Zug von wildfremden Menschen belästigt wirst.“

Sicher. In der ersten Klasse. Er war ein unverbesserlicher Beschützer, lachte ich in mich hinein und gab auf.

Nach einem Schluck Wein kuschelte ich mich an ihn und erzählte ihm dann von meinem Gespräch mit Anja.

„Oh, sehr gut, danke! Ich lasse das einrichten. Ich bin aber wahrscheinlich nicht da. Am Montag fliege ich voraussichtlich nach Boston, wir haben Gespräche für Dienstag angesetzt.“

Ich nickte. „Ich werde sowieso ein bisschen brauchen. Wenn du auf den ersten Blick nichts feststellen kannst, denke ich nicht, dass der Herr in ein paar Minuten zu knacken ist.“

„Ich habe dir sein Profil mailen lassen, dann hast du vielleicht schon ein paar Anhaltspunkte.“

Ich nickte wieder.

Noch eine gute halbe Stunde saßen wir gemütlich auf dem Sofa, besprachen verschiedene Dinge, tranken den Wein aus und dann war es auch langsam Zeit, ins Bett zu gehen.

Christian schlang seine Arme um mich, als hätte er vor, mich nie wieder loszulassen. Hatte er auch wahrscheinlich nicht. Er seufzte leise.

„Hm?“, fragte ich ihn leise. „Ich komme doch wieder.“ Und kuschelte mich noch enger an ihn.

„Ich weiß. Trotzdem.“ Er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren.

Ich streichelte ihn sanft und merkte kurze Zeit später, dass sein Atem tiefer wurde. Nach einer Weile schlief ich dann auch ein.

Am Mittwoch hielt er sein Versprechen und ich war mehr als angenehm überrascht, als ich ihn auch schon gegen siebzehn Uhr vorfahren hörte. Sein S8 hatte ein unverwechselbares sonores Brummen.

„Hey, das ist ja mal toll!“, strahlte ich ihn an, als er herein kam. „Wie kommt’s?“

Er lächelte mich gutmütig an. „Ich habe es dir doch versprochen.“

„Du siehst so aus, als hättest du was vor.“ Ich musterte ihn nachdrücklich, aber er zog es vor, mich einfach weiter anzulächeln.

„Sag schon!“, quengelte ich.

Nichts. Ganz im Gegenteil, er drehte sich mit einem wissenden Schmunzeln um und verschwand in Richtung Arbeitszimmer.

Und da ich ja so überhaupt nicht neugierig war, ging ich hinterher.

Christian legte allerdings lediglich seine Aktentasche ab und kam zurück. „Du platzt gleich“, stellte er trocken fest und ging an mir vorbei weiter ins Schlafzimmer.

Ich sah ihm hinterher.

Kurze Zeit später steckte er seinen Kopf heraus und sah mich auffordernd an. „Und? Immer noch angezogen?“

Hm.

Aber da hörte ich es auch schon. Er hatte begonnen, den Jacuzzi einzulassen.

Das war eine phantastische Idee, dachte ich und ging zu ihm ins Schlafzimmer.

Christian sah mir zu, während ich mich in aller Ruhe auszog.

„Du bist wirklich eine schöne Frau“, sagte er leise mehr zu sich selbst und kam zu mir.

Er nahm mich in die Arme und küsste mich zärtlich. Dabei blieb es erwartungsgemäß nicht und sein Kuss wurde zunehmend fordernder.

„Der Jacuzzi läuft über.“ Ich flüstere ihm ins Ohr und ließ meine Hände langsam seinen Rücken hinab wandern.

„Kann er nicht“, murmelte er rau. Dann zog er mich aufs Bett.

Der Jacuzzi lief selbstverständlich wirklich nicht über und so ließen wir uns später genüsslich in das warme Wasser gleiten.

„Ah, herrlich“, schnurrte ich.

„Ja, ich hatte auch den Eindruck, dass es dir gefallen hat.“ Er sah mich nicht an, sondern hatte die Augen geschlossen und lachte nur leise.

Selbstzufriedenheit, dein Name ist „Mann“ …

Ich warf einen Schwamm nach ihm. „Macho!“

Er lachte weiter. „Wieso? Stimmt es etwa nicht?“

Ich beschloss, dass es besser wäre, gar nichts mehr zu sagen, lachte in mich hinein und schloss ebenfalls die Augen.

Eine Weile später, nachdem wir die entspannende Wirkung des Jacuzzi hinreichend genossen hatten, gingen wir ins Esszimmer, wo Sandra schon fleißig eingedeckt hatte.

Sie freute sich sichtlich, uns zu sehen.

„Was gibt es denn Feines?“, wollte ich von ihr wissen.

„Schweinemedaillons an Gorgonzola-Sauce“, erklärte sie mir begeistert.

„Oh!“ Ich stöhnte auf. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Ich warf Christian einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich komme nicht wieder, wenn sie das noch öfter kocht.“

Er schmunzelte nur leicht.

Gorgonzola-Sauce war mein absoluter Favorit und niemand machte sie besser als Sandra. Und da waren wir auch schon bei dem Problem: Mit schöner Regelmäßigkeit überfutterte ich mich daran.

Sie sah mich gespielt erstaunt an. „Aber Sie haben doch kein Problem damit. Sie sind doch so schön schlank.“

„Ja, aber dann nicht mehr lange!“ Ich zwinkerte ihr zu.

Sandra selbst war ein paar Zentimeter kleiner als ich, hatte aber ebenso eine sehr gute Figur, wie ich fand.

„Dankeschön“, nickte ich ihr zu. „Ich freue mich darauf.“ Tat ich wirklich.

Das Essen war ein wahrer Genuss und anschließend machten Christian und ich es uns auf dem Sofa bequem.

„Du musst noch packen“, meinte er eine Weile später leise und streichelte mich liebevoll.

„M-hm.“ Ich hatte überhaupt keine Lust dazu.

Christian würde mich morgen früh direkt nach Dortmund fliegen lassen, wo mich Stefan abholen wollte. So war es abgesprochen.

Wir könnten uns dann noch ein wenig abstimmen, denn das Gespräch mit der DoTech war erst für vierzehn Uhr angesetzt.

Ich seufzte und stand auf. „Holst du uns bitte ein Glas Wein?“, bat ich Christian. „Bin gleich wieder da.“

Er nickte und erhob sich ebenfalls.

Im Arbeitszimmer packte ich schnell den Laptop und meine Unterlagen zusammen und verstaute alles in meinem Aktenkoffer.

Ad eins.

Dann ging ich ins Schlafzimmer und fragte mich, was ich überhaupt mitnehmen sollte. Über die Zeit mit Christian hatte ich mir quasi eine komplette zweite Ausstattung zugelegt.

Außerdem wurde er es auch nicht müde, mich immer wieder zu seinem Schneider zu schicken.

Also suchte ich mir lediglich einen maßgeschneiderten cremefarbenen Hosenanzug raus, eine smaragdgrüne Bluse dazu und ebenso cremefarbene Wildlederpumps.

Weiche Farben wären wohl morgen angebracht.

Gut, fertig. Ich ging zu Christian zurück ins Wohnzimmer. Er stand am Fenster und sah hinaus.

Ich legte von hinten meine Arme um ihn und schmiegte mich an seinen Rücken.

Er drehte sich langsam um und hielt mich fest. „Wann kannst du wiederkommen?“, fragte er leise, nahm mein Gesicht in beide Hände und sah mir tief in die Augen.

Ich erwiderte seinen Blick und dachte laut nach: „Vielleicht übernächstes Wochenende. Falls du hier bist.“

Ich sah ihm an, dass ihm das gefiel, seine Augen wurden dunkel.

Er nickte. „Ich denke, die Gespräche nächste Woche in Boston werden nicht länger als bis Mittwoch gehen. Habe ich zumindest nicht vor. Ich will sehen, dass danach nichts dazwischen kommt.“

Er hob mein Gesicht an und küsste mich sanft. „Ich liebe dich! Versprich mir, dass du auf dich aufpasst!“

Ich versprach es.

Als am nächsten Morgen der Wecker klingelte, ging ich mit einiger Wehmut ins Bad und machte mich langsam und sorgfältig fertig.

Mit etwas Glück wären es nur acht Tage, bis ich wieder hier wäre, aber dennoch. Es tat immer viel zu weh, nach Hause fahren zu müssen.

Christian kam nach seinem Training zu mir und sah mich aufmerksam von oben bis unten an. „Sehr gut“, meinte er dann anerkennend und lächelte mich an. „Das kann ja nur ein Erfolg für euch werden.“

„Schmeichler.“

Er lachte und widmete sich dann seiner Rasur.

Ich ging in die Küche und machte mir einen trinkbaren Kaffee fertig.

Christian ließ es sich nicht nehmen, mich persönlich zum Flieger zu bringen und wartete, bis sein Pilot mich aufforderte, einzusteigen. Er nahm mich kurz in den Arm und gab mir einen letzten, zärtlichen Kuss.

5

D er Flug und die Landung in Dortmund waren an und für sich ruhig, doch ich hatte trotzdem eine ungesunde Gesichtsfarbe angenommen, wie mir Stefan attestierte, als er mich in Empfang nahm.

„Ich hasse fliegen!“, erklärte ich ihm mal wieder.

„Warum tust du es dann?“

„Weil mein lieber Lebensgefährte sich nicht umstimmen lässt“, stöhnte ich.

Er lachte. „Männer!“

„Wem sagst du das?“ Mein Blutdruck war jetzt so langsam wieder in vernünftigen Größenordnungen und meine Hände waren wieder halbwegs trocken und warm.

„Sollen wir zu uns oder möchtest du vorher noch einen Cappuccino?“

Letzteres klang gut, wir lagen prima in der Zeit, also willigte ich ein.

Anschließend fuhr uns Stefan ins Büro der DO-IT-Consult. Ich hörte mir an, was er sich in der Zwischenzeit überlegt hatte und gab meine eigenen Vorschläge dazu.

So verbrachten wir die nächsten zweieinhalb Stunden und verfeinerten unsere Strategie, Do-Tech, oder besser ihrem Geschäftsführer, den Zahn zu ziehen, sie könnten bei einem Rechtsstreit obsiegen.

Nach einem kleinen Imbiss fuhren wir dann auch zu Do-Tech.

Wie ich feststellen durfte, war Herr Koch, der Geschäftsführer, erschreckend unbedarft, rechtliche Grundlagen betreffend. Ich hatte das bereits befürchtet, vor allem nach der Aktion von Samstag.

Und bereits nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass es eigentlich gar kein Problem gab.

Das hatte ich mir auch schon gedacht, nach dem, was mir Stefan an Unterlagen zur Verfügung gestellt hatte.

Wir hatten es wieder einmal lediglich mit jemandem zu tun, der gerne auf unglaublich wichtig machte, letztlich aber weder Ahnung noch Stil hatte, und sich Vergünstigungen erschleichen wollte.

Ich hatte mit Stefan diverse Möglichkeiten durchgesprochen und jetzt einigten wir uns stillschweigend auf die, dem Herrn Ich-bin-so-toll aus Kulanzgründen zwei Gratisseminare anzubieten.

Nicht, weil es wirklich Gründe zur Kulanz gab, die gab es nicht, sondern weil das der DO-IT-Consult nicht weh tat und der liebe Herr Koch es als gewonnene Runde verbuchen konnte.

So war es dann auch. Er zierte sich zwar unangemessen lange, polterte noch etwas herum, nahm aber schließlich an.

Stefan wirkte sehr zufrieden und grinste mich lausbübisch an, als wir wieder in seinem Auto saßen.

„Auf unsere gelungene Zusammenarbeit einen weiteren Cappuccino!“, bot er mir strahlend an. „Oder musst du schon wieder zum Flughafen?“

„Oh, nein, erinnere mich nicht daran!“ Ich schüttelte den Kopf. „Verstehst du, warum man von Dortmund nach Köln/Bonn fliegen muss? Das ist mit dem Auto mal gerade eine Stunde, wenn überhaupt. Wir heben doch kaum ab dafür.“

Das hatte ich Christian auch schon gefragt, aber der hatte lediglich seinen Piloten stoisch angewiesen, mich auch nach Köln/Bonn zu fliegen. Mein Auto stand dort am Flughafen, also hatte ich mich nicht länger gewehrt.

„Vielleicht, weil auf der A1 immer Baustellen sind?“, juxte Stefan.

Ich tat, als dächte ich nach. „Stimmt. Die kann man mit einem Learjet prima unten liegen lassen.“

Meine Vermutung war allerdings eher, dass Christian ernsthaft glaubte, meine Flugangst könne man ausschleichen, wenn man mich nur oft genug in ein Flugzeug setzte.

Er machte ja nun wirklich extrem selten Fehler, aber dabei lag er definitiv komplett falsch.

Stefan und ich genehmigten uns also den ehrlich erarbeiteten Cappuccino und schließlich brachte er mich wieder zum Flughafen. Auf der Fahrt stach es mir einmal ganz furchtbar in den Unterbauch.

Er sah mich fragend an. „Alles in Ordnung?“

Ich nickte leicht und holte tief Luft. „Frauen…“, erklärte ich vielsagend, woraufhin er auch nicht weiter nachfragte.

Am Flugzeug nickte der Pilot mir freundlich zu und erklärte mir, dass wir ein wenig würden warten müssen.

Ich hatte im Vorfeld nicht sagen können, wann ich wieder da wäre, so dass wir jetzt in einer Art Warteschleife hingen.

Mir sollte es recht sein. Der Tag war gut verlaufen und wann ich wieder bei mir zu Hause war, war mir eigentlich egal.

Ich rief kurz bei Niko an, der sich königlich amüsierte, als ich ihm von Herrn Koch und dessen Gehabe erzählte.

Stefan kam in der Zwischenzeit mit dem Piloten ins Gespräch und ließ sich den Jet zeigen. Er war, als er wieder ausstieg, angemessen beeindruckt.

„Schade eigentlich, dass du solch eine Angst hast. Das Teil ist ja wirklich großartig“, schwärmte er.

Ja, ja, Männer und alles, was schnell ist, dachte ich.

Ein Weilchen später erhielten wir dann die Startfreigabe und ich verabschiedete mich herzlich von Stefan.

Und wie erwartet, war der Flug nach Köln/Bonn auch wie einmal tief Luft holen und schon waren wir da.

Ich verabschiedete mich nun auch von Christians Piloten und wünschte ihm einen guten Heimflug.

Beim nächsten Mal würde ich dann auch endlich seinen Namen wissen, nahm ich mir vor. Weber, oder so, aber ich war mir nicht sicher.

Anschließend ging ich mein Auto holen und fuhr gemütlich nach Hause.

Mein Zuhause war eine großzügige, gut geschnittene, moderne Eigentumswohnung auf dem Venusberg in Bonn. Ich hatte gezielt darauf geachtet, eine in ruhiger Lage mit einem schönen Blick über Bonn zu finden. Weit genug weg von den Unikliniken, denn wer hört schon gerne ständig die Rettungswagen?

Ich packte meinen Aktenkoffer ins Arbeitszimmer, schälte mich aus Anzug und Bluse und zog einen bequemen Hausanzug an. Nach einem prüfenden Blick auf mein Fax stellte ich zufrieden fest, dass ich in den vergangenen sechs Tagen zumindest auf dem Weg wohl nicht vermisst worden war.

Umso besser. Allerdings lief die moderne Kommunikation ja auch kaum mehr anders als elektronisch.

Ich hielt die Nase auf den Balkon und kam zu dem Ergebnis, dass es noch mild genug war, um etwas draußen zu sitzen.

Also nahm ich mir eine Flasche Wasser mit und setzte mich raus.

Gegen neun rief Christian an und wollte wissen, wie es gelaufen war.

„Super!“, erzählte ich ihm. „Es ist doch immer wieder schön, wenn man dem Gegenüber an der Nasenspitze ansehen kann, dass es keine Ahnung hat.“

Er lachte. „Ja, das hilft ungemein. Dein Stefan ist demnach zufrieden?“

„Mehr als das! Der macht sich bestimmt heute Abend ein Fläschchen auf.“

„Na, das hört sich doch prima an. Ich habe heute übrigens mit Braunschweig telefoniert, ihr seid angekündigt und Herr Brandner wird da sein.“ Er seufzte. „Hoffentlich.“

Ich konnte mir denken, was in ihm vorging. Nach seiner Aussage hatte dieser Herr Brandner ja seit einiger Zeit einen auffällig hohen Krankenstand. Und da war das Risiko groß, dass er, wenn er hörte, dass der Vorstand Psychologen schickte, erneut krank sein würde.

Außerdem wollte Christian nicht, dass Anja und ich umsonst nach Braunschweig führen.

„Mach dir da mal keine Gedanken. Selbst wenn er nicht da ist, können wir immer noch mit seinen Mitarbeitern reden“, beruhigte ich ihn.

„M-hm.“

„Weißt du schon, wann du fliegst?“, fragte ich ihn.

„Ja, Sonntagabend schon. Ich weiß es aber nicht auswendig. Wenn du möchtest, schicke ich dir die Flugdaten nachher noch.“

„Danke. Morgen reicht, mach dir bitte keinen Stress!“

Er lachte leise. „Du machst mir keinen. Du bist doch eigentlich mein Ausgleich zum Stress.“

„Ach“, fiel mir gerade ein, „wie heißt noch mal dieser Mann, der meinen Adrenalinspiegel heute wieder mal so hochgejagt hat?“

„Christian Waidenfels.“

Er konnte aber auch so was von knochentrocken sein. Ich musste lachen. „Nein, nicht der. Ich meine deinen Piloten. Ich vergesse ständig seinen Namen, das ist so peinlich.“

„Schneider. Georg Schneider.“ Ich hörte ihn lächeln.

Stimmt! Ein handwerklicher Beruf war ja sogar richtig gewesen. Vielleicht konnte ich mir das jetzt mal merken, hoffte ich.

Wir sprachen noch ein wenig und wünschten uns dann eine gute Nacht.

Ich beschloss, zeitig schlafen zu gehen, und Anja erst morgen früh anzurufen. Sie war ja sowieso grob informiert.

Und das tat ich dann auch am nächsten Morgen. Ich hatte unruhig, aber ganz anständig geschlafen.

Nach einer großen Kanne Kaffee klingelte ich bei ihr durch.

„Morgen, du Schlafmütze“, begrüßte ich sie fröhlich. „Aufstehen!“

„Es ist bereits acht, ich bin schon lange auf!“, bekam ich zur Antwort. „Ich glaube, dieser Mann tut dir nicht gut. Du bist immer so unausstehlich, wenn du wiederkommst.“

„Ja, ich hab dich auch lieb!“, flötete ich zurück. „Hör mal, Süße, Christian hat mir die Akte des Betriebsleiters in Braunschweig geschickt, soll ich dir die weiterleiten?“

„Was wäre die Alternative?“, fragte sie gespielt vorsichtig.

„Ich bringe sie dir persönlich.“

Ich wartete, weil ich wusste, dass sie mich absichtlich hinhielt.

„Hm, ich glaube …“ Sie tat so, als dächte sie ernsthaft darüber nach. „Ich glaube, ich glaube, ich nehme Variante zwei.“

„Alles klar, wann?“ Ich lachte.

„Wie wäre es gegen zwölf? Ich mache uns eine Kleinigkeit zu essen, nebst Cappuccino“, fügte sie sicherheitshalber noch hinzu, da sie meine Schwäche dafür kannte. „Und dann können wir loslegen.“

„Ja, das hört sich gut an“, stimmte ich zu. „Bin dann so gegen zwölf bei dir.“

Ich legte auf.

Das würde mir noch Zeit genug geben, die Akte ein erstes Mal zu sichten und mir einen Endruck zu verschaffen, dachte ich. Außerdem konnte ich noch schnell eine Waschmaschine anwerfen und meine Wohnung durchsaugen.

Ich seufzte. Ja, so eine Sandra hätte ich auch manchmal ganz gerne.

Kurz nach elf machte ich mich dann auch auf den Weg zu Anja.

Sie wohnte in Dormagen, im Nord-Westen von Köln, und erfahrungsgemäß war auf dem Kölner Ring, wenn nicht gerade Baustelle, doch zumindest die Hölle los.

Aber ich war pünktlich, natürlich, denn ich legte sehr viel Wert darauf, und wir umarmten uns ausgiebig. Zwar telefonierten wir sehr oft, hatten uns aber jetzt auch schon eine ganze Weile nicht gesehen. Eigentlich albern, wenn man bedachte, wie nah wir beieinander wohnten.

Nun, aber sie war selbständig, ich auch, und wir beide waren eben viel unterwegs.

„Gut siehst du aus!“, erklärte sie mir.

„Das macht die gute Pflege von Christian“, grinste ich zurück.

„Ach, so nennt man das heute!“ Sie lachte und wir gingen in ihr Wohnzimmer.

„Setz dich“, ordnete sie an. „Ich mache uns erst mal einen Cappuccino.“

Umgerechnet drei und ein kleines Mittagessen später setzten wir uns dann an die Akte Brandner.

Nachdem auch Anja sie einmal durchgesehen hatte, waren wir uns einig, dass Christian recht hatte, ein, wie sagte er noch so schön? „komisches Gefühl“ zu haben.

„Ich schwöre, private Ebene.“ Anja war sich sicher.

Ich nickte, das war klar. Denn solch ein Krankenstand wie bei Axel Brandner war mehr als verdächtig.

Ich überlegte laut: „Je nachdem, wo verankert, wird das ein harter Brocken am Montag.“ Und sah sie nachdenklich an.

„Was mich allerdings wirklich irritiert, ist, dass Christian sagt, dass es null betriebliche Konsequenzen hat, dass der Brandner so oft nicht da ist“, meinte Anja.

Das war tatsächlich merkwürdig. Ein Betriebsleiter konnte ja schließlich nicht faktisch überflüssig sein.

„Wir sollten uns teilen“, schlug ich vor, „einer den Brandner, einer die Mitarbeiter.“

Anja nickte. Voraussichtlich würde sie die Mitarbeiter nehmen, denn ihre burschikose Art kam normalerweise sehr gut an und schaffte eine lockere Atmosphäre.

„Ich muss noch nachfragen, ob er schon beim Amtsarzt war. Die Berufsgenossenschaft dürfte das langsam angeordnet haben“, ergänzte ich meine To-Do-Liste für das Wochenende.

Wir warfen noch einige laute Überlegungen auf den Tisch und bis zum Abend hatten wir zwar keine Lösung, aber eine gute Strategie.

Also verabschiedete ich mich gegen sieben umfangreich von Anja. „Ich hole dich Sonntag am Nachmittag ab. Christian hat Zimmer für uns reservieren lassen. Wir können dann am Montag direkt loslegen. Gegen drei. Okay?“

„Jopp. Fahr vorsichtig“, gab sie mir noch mit auf den Weg. „Und wenn du mit Chrissi sprichst, grüß ihn bitte von mir.“ Sie grinste breit.

„Mach ich. Aber nicht mit dieser Abkürzung“, lachte ich sie an. „Irgendwann springt er dir dafür an die Gurgel.“

„Quatsch. Der ist viel zu kontrolliert!“

Ich zuckte nur leicht mit den Schultern. „Aber wenn, dann wird das ein minderschwerer Fall, das kann ich bezeugen.“ Ich war beinahe ernst dabei.

Dann stieg ich ein, hupte kurz und fuhr wieder nach Hause.

6

S päter klärte ich noch mit Christian ab, was sich am Nachmittag an offenen Fragen ergeben hatte.

„Nein, er war noch nicht beim Amtsarzt“, bestätigte er gerade meine Vermutung.

„Wieso nicht?“

Er schwieg kurz. „Weil ich nicht den harten Weg gehen möchte. Nicht, solange ich noch nicht weiß, was Sache ist. Die BG hat das akzeptiert. Mussten sie, ich bezahle ihn schließlich, nicht die.“

Ja, das hatte ich mir gedacht.

Er war knallhart, was seine Geschäfte anbelangte, doch er hatte ein außergewöhnlich ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für seine Mitarbeiter, wo auch immer auf der Welt diese waren.

Ich lächelte, manchmal konnte man den Eindruck bekommen, er betrachtete sie als seine Familie. Wäre ja auch nicht weiter verwunderlich.

„Bist du noch da?“, wollte er wissen.

„Ja, bin ich. Ich dachte nur gerade darüber nach, wie weichherzig du eigentlich bist.“

„Oh, lass das aber bitte keinen wissen!“, lachte er. „Ich habe einen Ruf zu verlieren!“

„Na, mal sehen“, lockte ich ihn. „Eventuell ließe ich mich von dir bestechen … Au!“ Schon wieder so ein Stich, Mist!

Er war direkt alarmiert. „Was hast du?“

„Ich weiß es nicht genau. Aber ich hatte gestern auch schon so einen Stich links in den Bauch. Ist nicht wild.“ Und ich fügte schnell hinzu: „Ich bin eh Ende nächster Woche zum Check-Up. Wahrscheinlich habe ich mich einfach nur verkrampft beim Fliegen.“

„Wann?“

„Wann was?“, fragte ich zurück.

„Wann ist dein Check-Up?“ Er klang besorgt.

„Donnerstag, wenn du mal wieder über dem Atlantik schwebst.“

„Hm.“

„Nein, Schatz, denk noch nicht mal dran!“, bremste ich ihn auch sofort aus. „Du wirst nicht vorher zurückfliegen! Das ist nicht schlimm, glaub es mir, bitte.“

„Hm.“ Überzeugt klingt anders, dachte ich.

Ich versuchte es andersherum. „Sieh mal, ich gehe doch regelmäßig zu allen möglichen Vorsorgen, das kann nichts Ernstes sein.“

„Hm.“

„Und wenn du noch einmal ‚Hm‘ sagst, komme ich nächstes Wochenende nicht zu dir!“, schlug ich ihm streng um die Ohren.

So, das half, er musste lachen. „Du hast ja recht.“

„Danke, geht doch!“, gab ich ihm trocken zurück. „Du kannst dich drauf verlassen, dass ich das auch am Donnerstag ansprechen werde.“

„Gut, das wollte ich ja nur hören. Und Freitagabend kommst du dann?“, hoffte er.

„Wenn du lieb bist.“

„Das willst du doch gar nicht!“, flüsterte er mir anzüglich ins Ohr, wurde dann aber sofort wieder ernst. „Ich freue mich!“

„Ich mich auch. Vielleicht kann ich dir dann auch schon was zu Brandner sagen.“

„Ja, das wäre gut. Wann fahrt ihr am Sonntag los?“, wollte er noch wissen.

Ich sagte es ihm und wir unterhielten uns noch ein paar Minuten.

Am Samstag war einfach begnadetes Wetter und ich rief gegen Mittag Niko an, um ihn ein wenig aus dem Haus zu locken.

„Käsekuchen gefällig, der Herr?“

„Ah!“ Er dröhnte mir ins Ohr. „Du weißt, wie man Männer glücklich macht!“

„Mann“, stellte ich richtig, „nicht Männer. Soweit ich weiß, bist du nur einer. Und die Bedingung dafür ist ein mindestens halbstündiger Spaziergang hier im Wildpark. Du hast bestimmt die Nase noch nicht vor die Tür gehalten, heute.“

Niko brummelte leise vor sich hin, stimmte dann aber zu.

„Okay. Dann um zwei bei mir“, verabschiedete ich ihn auch schon, um mir keine unnötige Diskussion anzutun.

Ich grinste. Niko war quasi süchtig nach Käsekuchen. Das bekam ihm figürlich zwar nicht, aber, was soll’s?

So, bis er dann bei mir auftauchte, wollte ich noch schnell etwas bügeln und mir meine Sachen für Montag heraussuchen.

Es würde sicher nicht einfach werden, an Axel Brandner heran zu kommen, aber nicht unmöglich.

Der Samstag verstrich dann auch mit dem angekündigten Spaziergang sowie dem versprochenen Käsekuchen. Ich kümmerte mich bis zum Abend dann noch etwas um meine Buchhaltung und war ganz zufrieden mit mir, als Christian anrief.

„Du klingst gut“, stellte er fest.

„M-hm. Ich bin heute mal wieder erfolgreich zum Chiara-Dreikampf angetreten. Business, Haushalt, Kindererziehung.“

„Du hast Niko doch nicht schon wieder auf Käsekuchen eingeladen?“ Ich hörte ihn den Kopf schütteln.

„Doch, wieso nicht?“

„Weil er zu dick ist“, erwiderte er. Als schlanker Mann, der sehr auf sich achtete, hatte er so gar kein Verständnis dafür.

„Stimmt. Aber anders bekomme ich ihn nicht vor die Tür.“

Er schnaufte leise. „Na ja. Was machst du denn heute Abend noch Schönes?“

Ich überlegte kurz. „Ich denke, heute wäre ein phantastischer Abend für einen netten Wein. Abschalten, noch ein paar Überlegungen für Montag anstellen. Ja, ich glaube, das mache ich.“

„Aha. Na, dann viel Spaß und lass ihn dir schmecken.“

„Mache ich!“

Wir verabschiedeten uns dann später und ich holte mir eine Decke, eine Flasche Wasser, ein Glas von besagtem Wein und kuschelte mich auf dem Balkon in meinen Lieblingssessel.

Am Sonntag holte ich schließlich um drei Anja ab und wir fuhren ohne Hektik nach Braunschweig in unser Hotel. Um die Ecke gab es einen Italiener, so dass wir uns dort zum Abendessen niederließen und mit einem Glas Wein den Abend ausklingen ließen.

Ich hatte Christian noch einen guten Flug gewünscht, als er anrief und sich verabschiedete. Wie immer war ich unruhig, wenn er flog, das würde sich wohl auch nicht ändern.

Am Montagmorgen, nach einem guten Frühstück, fuhren Anja und ich dann um neun zum Spritzgusswerk und waren einigermaßen erleichtert, dass Axel Brandner auch wirklich zur Arbeit erschienen war.

Ich stellte uns in Ruhe vor und versuchte, eine einigermaßen entspannte Atmosphäre zu erzeugen.

Anja verließ uns dann nach kurzer Zeit und ich blieb allein mit ihm im Konferenzraum.

„Herr Brandner“, meinte ich freundlich zu ihm. „Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, Sie unter Druck setzen zu wollen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Konzernspitze macht sich lediglich Sorgen, denn Sie sind ein junger Mann und hatten in den letzten Monaten sehr viele krankheitsbedingte Ausfälle.“

Er nickte leicht und ich studierte sein Gesicht. Er wirkte extrem müde.

„Wissen Sie“, fuhr ich fort, „es würde uns leichter fallen, Ihnen zu helfen, wenn Sie uns sagen könnten, wie. Ich weiß, Sie müssen das nicht, aber vielleicht ziehen Sie bitte einfach die Möglichkeit in Betracht.“

Ich wartete ein wenig und bemerkte die tiefen Falten in seinem eigentlich jungen Gesicht. Er war Anfang Dreißig, hatte allerdings eine beinahe graue Gesichtsfarbe und seine dunkelblauen Augen wirkten stumpf.

Dysreguliert, notierte ich mir im Kopf, aber so richtig. Mal schauen, wodurch.

Er erzählte mir leise Ausweichendes von sehr viel Arbeit und Stress und ich hörte ihm einfach nur zu.

Dann lockerte ich weiter auf. „Ich bin Psychologin, Herr Brandner, das wissen Sie. Das heißt, dass alles, was Sie mir erzählen wollen, streng vertraulich ist und auch bleibt. Ohne Ihr Einverständnis werde ich kein einziges Wort an Ihren Vorgesetzten oder Herrn Waidenfels weitergeben. Ich möchte, dass Sie sich darüber im Klaren sind.“

Er nickt wieder und dachte wohl nach.

„Wie schlafen Sie denn so in der letzten Zeit?“ Ich sah ihn freundlich an. „Gar nicht, vermute ich.“

Sein linkes Auge zuckte ein winziges Bisschen.

Ich betrachtete ihn weiter und ließ ihm Zeit. Ich merkte, dass er durchaus wollte, aber irgendwie noch nicht konnte.

„Sie machen sich Sorgen um ihren Job? Wegen der vielen Fehlzeiten?“

Er sah mich kurz direkt an.

Ich schüttelte den Kopf. „Das brauchen Sie nicht. Ich habe die Zusicherung von Herrn Waidenfels persönlich, dass Sie sich darum keinerlei Gedanken machen müssen. Ihr Vorgesetzter hält große Stücke auf Sie und genau deshalb ist er ja auch so besorgt.“

Ich lächelte ihm aufmunternd zu und wartete weiter.

Suchtprobleme konnte ich bislang ausschließen, aber dazu würde mir Anja möglicherweise nachher noch so einiges sagen können.