Anselm Strauss - Jörg Strübing - E-Book

Anselm Strauss E-Book

Jörg Strübing

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Beschreibung

Anselm L. Strauss (1916–1996) ist vor allem für die Entdeckung der Grounded Theory bekannt und gilt als Begründer der modernen Medizinsoziologie. Sein innovativer wissenssoziologischer Theorieansatz ist von nachhaltiger Bedeutung. Strauss vereinigt das Ideengut von George Herbert Mead und Herbert Blumer mit dem von Robert E. Park und Everett C. Hughes. Daraus entwickelt er eine eigene Theorie des Handelns, in deren Mittelpunkt die Interaktion steht. Dabei betont Strauss zum einen die für alles Handeln unabdingbare Leiblichkeit der Akteure und den grundlegenden Prozesscharakter der Wirklichkeit. Zum anderen untersucht Strauss Handeln und Interaktion hinsichtlich ihres Beitrags zu den »Verlaufskurven« sozialer Phänomene. Er thematisiert Interaktion konsequent in Hinblick auf die Hervorbringung der Organisation sozialer Strukturen. Strauss' »Theorie sozialer Welten« kann als pragmatistische Reformulierung des Symbolischen Interaktionismus bezeichnet werden. Der vorliegende Band ist die erste existierende Einführung in das Werk dieses jungen Klassikers der Wissenssoziologie. Jörg Strübing betont darin die sozialtheoretischen Beiträge im Werk von Strauss und zeigt, aus welchen ideengeschichtlichen und biografischen Quellen Strauss sein Grundverständnis und seine Forschungsfragen gewinnt.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Klassiker der Wissenssoziologie

Herausgegeben von Bernt Schnettler

Die Bände dieser Reihe wollen in das Werk von Wissenschaftlern einführen, die für die Wissenssoziologie – in einem breit verstandenen Sinne – von besonderer Relevanz sind. Dabei handelt es sich vornehmlich um Autoren, zu denen bislang keine oder kaum einführende Literatur vorliegt oder in denen die wissenssoziologische Bedeutung ihres Werkes keine angemessene Würdigung erfahren hat. Sie stellen keinesfalls einen Ersatz für die Lektüre der Originaltexte dar. Sie dienen aber dazu, die Rezeption und das Verständnis des Œuvres dieser Autoren zu erleichtern, indem sie dieses durch die notwendigen biografie- und werkgeschichtlichen Rahmungen kontextualisieren. Die Bücher der Reihe richten sich vornehmlich an eine Leserschaft, die sich zum ersten Mal mit dem Studium dieser Werke befassen will.

»Thomas Luckmann« von Bernt Schnettler

»Marcel Mauss« von Stephan Moebius

»Alfred Schütz« von Martin Endreß

»Anselm Strauss« von Jörg Strübing

»Robert E. Park« von Gabriela Christmann

»Erving Goffman« von Jürgen Raab

»Michel Foucault« von Reiner Keller

»Karl Mannheim« von Amalia Barboza

»Harold Garfinkel« von Dirk vom Lehn

»Émile Durkheim« von Daniel Šuber

»Claude Lévi-Strauss« von Michael Kauppert

»Arnold Gehlen« von Heike Delitz

»Maurice Halbwachs« von Dietmar J. Wetzel

»Peter L. Berger« von Michaela Pfadenhauer

Weitere Informationen zur Reihe unter www.uvk.de/kw

Für Jakob, Antonia und Marion – wie immer die Leidtragenden

Inhalt

Einleitung

Anselm L. Strauss: Ein Leben für eine Soziologie der Praxis

Theorie und Methode: Vom Survey zur Grounded Theory

Prozessuales Ordnen als Modus der Strukturgenese: Gesellschaft als ausgehandelte Ordnung

Die Theorie sozialer Welten

Arbeit als kontinuierlicher Organisationsund Reorganisationsprozess

Verlaufskurven als multiperspektivische Rekonstruktion der Eigenlogik sozialer Prozesse

Resümee und Skizze einer Wirkungsgeschichte

Literatur

Zeittafel

Personenregister

Sachregister

Einleitung

»The concept of action can be seen as Ariadne’s thread which weaves the work of Anselm Strauss together.«

(Baszanger 1998: 353)

Das fortwährende Handeln, nicht die isolierte Handlung, das ist in der Tat das zentrale Movens der Soziologie, wie sie der erst 1996 verstorbene amerikanische Soziologe Anselm L. Strauss verstanden und wesentlich mit geprägt hat. Die Bedeutung der von Strauss entwickelten soziologischen Perspektive liegt jedoch nicht in der Fokussierung auf das Handeln. Sie liegt vielmehr in der integrativen Betrachtung von Handeln und Struktur in einer pragmatistischinteraktionistischen Theorie des Handelns. Diese überwindet die von Herbert Blumer geprägte Engführung des symbolischen Interaktionismus auf direkte Interaktion und versöhnt dessen Ansatz mit dem gesellschaftstheoretischen Kern der frühen Chicagoer Soziologie und der für sie prägenden pragmatistischen Sozialphilosophie.

Die immense Bedeutung von Strauss als Theoretiker und Methodiker ist unbestritten. Er hat als empirischer Forscher wie als akademischer Lehrer eine ganze Generation nicht nur interaktionistischer Sozialwissenschaftlerinnen1 geprägt. Auch ist sein umfassendes Werk breit publiziert und teilweise in mehrere Sprachen übersetzt. Strauss ist gerade für deutsche akademische Lesegewohnheiten keine leichte Lektüre – gerade weil er so »leicht« daherkommt. In diesem Punkt ist er Everett C. Hughes und Erving Goffman nicht unähnlich, entwickelt Strauss doch viele seiner theoretischen Ideen und Konzepte erzählerisch und anhand von Beispielen, während systematische und definitorisch strengere Textformate bei ihm eher selten sind. Viele theoretische Konzepte werden einzeln in Aufsätzen mit Bezug zu empirischen Projekten eingeführt, und erst wenige Jahre vor seinem Tod hat Strauss es unternommen, mit Continual Permutations of Action (1993) einen kohärenten Gesamtentwurf zu schaffen.

Was allerdings fehlt, ist ein Buch, das Strauss’ Arbeiten als Gesamtwerk vorstellt und in seine zentralen theoretischen Gedanken einführt. Der vorliegende Text will diese Lücke schließen, die umso gravierender ist, weil Strauss in der deutschsprachigen Soziologie bereits seit bald 40 Jahren durchaus intensiv rezipiert wird. Die Wahrnehmung seines Werkes erscheint allerdings zumeist fragmentiert und einseitig: Den einen ist er ein symbolisch-interaktionistischer Sozialpsychologe, den anderen ein Medizinsoziologe mit bahnbrechenden empirischen Studien, und wieder anderen gilt Strauss, der Mitbegründer der Grounded Theory, vor allem als eine Leitfigur des ›qualitative turn‹ in der empirischen Sozialforschung. Alles dies ist richtig und greift doch – jeweils für sich betrachtet – zu kurz.

Die vorliegende Einführung in Leben und Werk des Anselm Strauss wird von der Überlegung strukturiert, dass seine zentrale Bedeutung als Soziologe einerseits in der Wiederentdeckung und Weiterentwicklung der Verbindung des von Herbert Blumer vertretenen symbolisch-interaktionistischen Handlungsmodells mit seinen – bei Mead noch gut sichtbaren – pragmatistischen Wurzeln liegt. Andererseits ist es die konsequente Verbindung einer empirisch basierten Sozialtheorie mit einer auf dem Repertoire der Chicago School aufbauenden Forschungsmethodik, die Strauss schon früh zu einem Klassiker der Soziologie hat werden lassen.

Wenn Strauss hier als Klassiker der Wissenssoziologie eingeführt wird, dann ist das durchaus folgerichtig, denn mit seiner Theorie des Handelns geht bei Strauss auch ein spezifischer, pragmatistisch geprägter Begriff von Wissen einher. Dieser betont gegen substanztheoretische Wissensbegriffe die Prozesshaftigkeit, die Perspektivität und die Gebundenheit von Wissen im Handeln. Wissen ist Mittel und Ziel problemlösenden Handelns, d. h. es wird im Handeln realisiert und modifiziert und besteht im Kern aus semantischen Relationen zwischen Akteuren und ihrer Umwelt (vgl. Strübing 2007a).

Der Versuch, das Werk von Strauss umfassend darzustellen, kann in einem schmalen Einführungsband nur zu unbefriedigenden Verkürzungen führen. Da aber sowohl seine methodologischen Arbeiten als auch seine medizin- und gesundheitssoziologischen Leistungen bereits umfassend rezipiert werden, kommen diese hier nur am Rande zur Sprache. Nach einem Überblick über Strauss’ Leben und Werk (Kap. I) sowie einem kurzen Abriss der Entwicklung seiner Forschungsmethodik (Kap. II) konzentriere ich mich auf eine Darstellung seiner zentralen Beiträge zur soziologischen Theorie, also insbesondere seines Vorschlags für die Vermittlung von Struktur und Handlung im Konzept der ausgehandelten Ordnung (Kap. III) und seiner Theorie sozialer Welten und der darin entfalteten Prozessperspektive einer sich fortgesetzt organisierenden Sozialität (Kap. IV). Diese sich organisierende Sozialität untersucht Strauss immer wieder in Form von komplexen Arbeitsprozessen und gewinnt daran die Vorstellung von Arbeit als zentralem Modus aktiver Vermittlung der Akteure mit ihrer Umwelt. Die organisationstheoretischen Analyseinstrumente, die er dabei entwickelt, sind Gegenstand des folgenden Abschnitts (Kap. V). An diesen schließt sich eine nähere Betrachtung der Heuristik der Verlaufskurve an, deren zentralen Stellenwert für die Perspektivität und Prozessualität des Sozialen Strauss betont (Kapitel VI). Die Schlussbetrachtung (Kapitel VII) fasst die zentralen Gedanken zusammen und entwirft erste Konturen einer Wirkungsgeschichte des Straussschen Werkes, die vorläufig und rudimentär bleiben muss, weil Strauss in vielerlei Hinsicht ein noch zu entdeckender Klassiker ist, dessen Werk seine Wirkung in der Soziologie derzeit erst voll entfaltet.

Anselm Strauss wird häufig dem symbolischen Interaktionismus zugerechnet, was durchaus nahe liegt, wenn man den Umstand seiner Ausbildung bei Herbert Blumer betrachtet. Strauss selbst allerdings bezeichnet seine Theorie vor allem in seinem Spätwerk häufig als ›interactionist theory‹ und verzichtet damit nicht zufällig auf den Zusatz des ›Symbolischen‹. Nicht dass nicht auch für ihn Interaktion ein symbolisch vermittelter Prozess wäre, nur entgeht er auf diese Weise von vorneherein der Unterstellung, er würde Interaktion als einen allein oder vor allem symbolischen Prozess auffassen. In seinem theoretischen Denken wird dem Symbolischen ein Platz unter einem umfassenden Begriff vom Handeln zugewiesen; das Symbolische ist eher eine Modalität des Handelns als seine konstitutive Eigenschaft. Hier geht Strauss bewusst hinter die mitunter überpointierte Darstellung Blumers zurück und bezieht sich auf die umfassendere Perspektive von George Herbert Mead und John Dewey. Es ist insofern durchaus angemessen Strauss als »pragmatist interactionist« zu bezeichnen, wie es auch Juliet Corbin (1991: 21) in einem biographischen Beitrag zur Festschrift für Strauss tut.

Die Breite des Straussschen OEuvres ist imposant: Von der Theorie bis zur Forschungsmethodik, von der Sozialpsychologie zur Soziologie, von Arbeiten über Präferenzen bei der Ehegattenwahl zu kindlichen Vorstellungen von der Bedeutung des Geldes, die Erforschung von Tagträumen über stadt- und berufssoziologische bis hin zu medizinsoziologischen und pflegewissenschaftlichen Themen reicht die Palette der Forschungsgegenstände, die Strauss bearbeitet hat. Hinzu kommen gerade in seinen späten Jahren zahlreiche Schriften, die sich mit der Geschichte und dem theoretischen Erbe der Chicago School und dem des Pragmatismus beschäftigen. Doch bei allem Einfluss von Zufall und Gelegenheit ist die thematische Breite kein Indikator für Beliebigkeit. Vielmehr zieht sich eine thematische Unterströmung durch Strauss’ Arbeiten, die ihren umfassendsten Ausdruck schließlich in Continual Permutations of Action findet: Strauss geht es um die Fundierung von Sozialität im Handeln, ohne dabei die Struktur sozialer Organisation und gesellschaftlicher Institutionen als bloße Handlungsfolgen zu marginalisieren. Selbst noch sein gerne als voluntaristische Handlungstheorie missverstandenes Konzept der ›ausgehandelten Ordnung‹ (›negotiated order‹) basiert auf der Grundannahme eines Wechselverhältnisses von unhintergehbaren Strukturen, die aber im Handeln immer neu erfahren werden, und dem Handeln selbst, durch das die Handelnden sich mit ihrer als strukturiert erlebten Umwelt ins Verhältnis setzen.

Handeln ist für Strauss, wie schon für Mead, primär ein fortgesetzter Strom von Routinen und nicht – wie im methodologischen Individualismus – eine Akkumulation von Einzelhandlungen immer schon individuierter Akteure. Aus dem Strom des Handelns treten wir nur heraus – und rekonstruieren einzelne Episoden des Handelns als separate Handlung – wenn unser routiniertes Handeln an Grenzen stößt und uns problematisch wird. Der Akt des Problemlösens, diesen Gedanken hat Strauss von John Dewey übernommen, bringt veränderte Strukturen und neues Wissen hervor, das, wenn es uns gewiss geworden ist, wiederum in Routinen des Handelns mündet.

Analytisch sind Routinen menschlichen Handelns aber kein guter Ansatzpunkt, denn das routinierte Handeln wird kaum reflektiert, es ist den Handelnden nicht in gleicher Weise kognitiv verfügbar wie das problemlösende Handeln. Darum sind es auch für Strauss – ähnlich wie etwa für Garfinkel – immer wieder die Routinebrüche, die problematischen Situationen, die er in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen stellt: Heilen ist für die Medizin vor allem alltägliche Routine, was aber geschieht, wenn Ärztinnen und Pfleger mit Tod und Sterben konfrontiert sind? Was passiert, wenn etablierte und in sich widerspruchsarme psychiatrische Lehrmeinungen mit einer dazu nicht recht passen wollenden Praxis psychiatrischer Einrichtungen in Konflikt geraten? Wie organisieren Paare ihren gemeinsamen Alltag neu, wenn die chronische Erkrankung eines Partners die bisherigen Routinen in Frage stellt?

Strauss hat nicht nur solche problematischen Situationen gezielt aufgesucht und analysiert, er steht auch – wie sein Lehrer Everett C. Hughes – für einen Blick, der das selbstverständlich-routiniert Funktionierende als immer erst herzustellendes Resultat vorgängiger Problemlösungs- und Aushandlungsprozesse versteht. Hughes Frage »How might it have been otherwise« (Strauss 1996a: 272) ist der fundamentale Leitsatz der empirisch-analytischen Arbeit von Strauss geworden.

Dies impliziert immer eine starke Betonung der Prozessdimension von Sozialität: Erst wenn wir verstehen, wie ein soziales Phänomen zu dem geworden ist, was es ist, haben wir es verstanden. Erst wenn wir uns die Alternativen vergegenwärtigt haben, innerhalb derer die Handelnden sich für einen bestimmten Weg entscheiden, können wir die Bedeutung der Entscheidung angemessen verstehen. Strauss hat daher in seiner empirischen Arbeit wie in den daraus entwickelten theoretischen Konzepten immer wieder Prozesse in den Mittelpunkt gestellt, am prominentesten sicherlich mit dem Konzept der ›Verlaufskurven‹ (›trajectories‹), mit dem er Erlebens- und Erleidensprozesse auf eine Weise rekonstruieren kann, die wegweisend etwa für die Biographieforschung wurde.

Die Perspektive der Handelnden ist für Strauss aus verschiedenen Gründen von besonderer Bedeutung. Soziologie hat für ihn als sozialreformerisch engagierten amerikanischen Liberalen die Aufgabe, zur Lösung praktischer Handlungsprobleme im Untersuchungsfeld beizutragen. Dazu ist es für ihn unerlässlich, die untersuchten Phänomene aus der Perspektive der verschiedenen in sie involvierten Akteure und Akteursgruppen zu rekonstruieren und sichtbar zu machen, wie die Handelnden in ihrem Tun oder Lassen die Phänomene reproduzieren oder modifizieren, wie sie eigene Lösungen für akute Handlungsprobleme kreieren, aber auch wie ihre Handlungsmöglichkeiten jeweils unterschiedlich beschaffen sind. Strauss untersucht all dies mit einem zutiefst humanen Blick, er sympathisiert ersichtlich mit den Handelnden und ihrem fortgesetzten Bemühen um Bewältigung von problematischen Situationen. Er macht sich aber – anders als die Aktionsforschung der 1970er-Jahre – nicht zum Sachwalter einzelner Akteursgruppen. Stattdessen besteht sein Beitrag gerade in einer multiperspektivischen Reproduktion, die weder desinteressiert ist noch Partei ergreift.

1 Zur Vereinfachung der Schreibweise verwende ich die männliche und die weibliche Form abwechselnd, soweit der Kontext nicht die eine oder die andere Form zwingend erforderlich macht. Gemeint sind also in der Regel beide Geschlechter.

I Anselm L. Strauss: Ein Leben für eine Soziologie der Praxis

Die Geschichte des Anselm Leon Strauss beginnt wie so viele amerikanische Lebensgeschichten: Geboren am 18. Dezember 1916 in New York wächst Anselm Strauss in Mount Vernon, einer typischen Schlaf-Vorstadt von New York in Westchester County, als ältestes von drei Kindern einer Mittelschichtfamilie auf. Seine Vater, Julius Strauss, ist Sportlehrer an einer New Yorker Highschool, die Mutter, Minnie Rothschild Strauss, Hausfrau. Wenngleich seine Großeltern erst zwischen 1860 und 1870 aus Deutschland in die USA emigriert waren, versteht Strauss sein Elternhaus doch schon als »eine amerikanische Kleinfamilie« und sich selbst eher als »ein amerikanisches als ein Einwandererkind«.2 Einen Unterschied sieht er allerdings schon: In seinem Elternhaus ist »das Familienklima ziemlich behaglich, nicht dieser typisch amerikanische Stress«.

Obschon die Familie von deutschen Juden abstammt, spielt das Judentum im Familienalltag »kaum eine Rolle« und auch Anselm Strauss selbst hat »keine tieferen religiösen Gefühle« – über ein paar als Kind gelernte deutsche und jiddische Worte geht die Bindung an die Herkunftskultur seiner Familie nicht hinaus. Strauss zufolge gab es in seinem Elternhaus »eine Menge intellektuellen Austausch, Bücher, Diskussionen, nicht unbedingt auf besonders hohem Niveau, aber auf jeden Fall anregend«. Ansonsten ist über Strauss’ Kindheit und Jugend wenig bekannt.

Man kann das Leben, aber auch das soziologische Werk von Anselm Strauss nicht verstehen, ohne seine Krankheitsgeschichte mit einzubeziehen: Bereits in jungen Jahren leidet Strauss häufig an Atemwegsbeschwerden, was schon für die Wahl des College von Bedeutung ist, denn auf ärztliches Anraten soll er lieber im Süden der USA, im trockenen und heißen Arizona studieren. Es wird dann doch nur Virginia, was vor allem an der größeren Nähe zu New York liegt. Doch nicht nur der Beginn seiner akademischen Karriere, auch das letzte Vierteljahrhundert seines Schaffens ist geprägt von massiven gesundheitlichen Problemen: 1972 erleidet Strauss während eines Forschungsaufenthaltes in Manchester einen Mikroherzinfarkt und ist fortan chronisch herzkrank und in seiner körperlichen Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt. Die Situation wird noch schwieriger als er 1980 einen zweiten schweren Herzinfarkt erleidet (Interview mit Leigh Star; 27. März 1998). In seinen späten Jahren, in denen Strauss als Wissenschaftler weiterhin sehr aktiv und produktiv ist, verlagern sich daher viele seiner Arbeitskontakte in sein Privathaus am Moore Place in San Francisco, wo Strauss mit Projektmitarbeitern und Studierenden, aber auch mit auswärtigen Gastwissenschaftlern, die in großer Zahl und Intensität von ihm und seiner Frau empfangen werden, in seiner Küche eine Art wissenschaftlichen Salon unterhält.

Undergraduate in Virginia

Strauss studiert also zunächst in Virginia, doch nicht etwa Soziologie oder Psychologie, sondern Naturwissenschaften. Denn, so Strauss, »nach all den Nasen- und Nebenhöhlenoperationen wollte ich Chirurg werden«. Doch in diesem Fall erweist sich die Krankheitserfahrung als schlechter Ratgeber: Obwohl ihm nach eigenem Bekunden die Naturwissenschaften liegen, langweilen sie Strauss schon nach dem ersten akademischen Jahr. Er beginnt Kurse in Humanwissenschaften, Soziologie und Psychologie zu belegen (Baszanger 1998: 355) und sich für Wissenschaftstheorie und Methodik zu interessieren. »So kam ich auf die Idee, Wissenschaftler zu werden«, vermerkt Strauss und fügt selbstkritisch hinzu: »Ich hatte natürlich eine idealisierte Vorstellung von der Wissenschaft, die auch von Büchern über berühmte Forscherpersönlichkeiten wie Madame Curie geprägt war.« Als Soziologe wird er sich später doch wieder der Medizin zuwenden, dann allerdings als dem empirischen Forschungsgegenstand, an dem er die wichtigsten seiner theoretischen Einsichten gewinnt.

Strauss’ Lehrer in Virginia ist Floyd House, ein Schüler von Robert E. Park, der seinen Studenten Soziologie mit größter Selbstverständlichkeit aus der Perspektive der Chicago School vermittelt, und Strauss, wie er selbst vermerkt, »nahm diese allgemeine soziologische Ausrichtung ebenso selbstverständlich auf wie Goldfische ihre Umgebung« (Strauss 1996b: 6). House ist es auch, der Strauss die Sozialphilosophie des Pragmatismus und insbesondere John Dewey nahebringt, von dessen Philosophie und Wissenschaftstheorie Strauss umgehend angetan ist. Daher hat Strauss am Ende seiner undergraduate studies in Virginia bereits einige der klassischen empirischen Studien der frühen Chicago School, wie etwa The Polish Peasant in Euro and America von Thomas und Znaniecki, rezipiert (»So lernte ich, wie Forschung empirisch verankert sein kann«) und zugleich mit Deweys Human Nature and Conduct (1922) und seinem gerade frisch erschienenen wissenschaftstheoretischen Werk Logic. The Theory of Inquiry (1938) die Grundgedanken des Pragmatismus aufgenommen (»ohne dass ich ahnte, welchen Einfluss das auf mein Denken ausüben sollte«).

Die Jahre mit Herbert Blumer in Chicago

Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes wird Strauss nicht gemustert und kann seine akademische Ausbildung ohne Unterbrechung fortsetzen. Er führt zwischen 1939 und 1944 sein Studium an der University of Chicago weiter, bringt aber die Prägung als »Chicagoer« und als Pragmatist bereits aus Virginia mit. In Chicago, wo er Soziologie und Sozialpsychologie sowie im Nebenfach Anthropologie studiert, wird Herbert Blumer sein Mentor und lenkt die Aufmerksamkeit des Studenten Strauss auf George Herbert Mead. Er veranlasst ihn als erstes Meads Werk Geist, Identität und Gesellschaft zu lesen, das erst wenige Jahre zuvor erschienen war. Auch von Mead ist Strauss, wie zuvor von Dewey, sehr angetan (»That fit too«) und sieht sich in der Folgezeit als überwiegend von Mead und natürlich von Blumer selbst beeinflusst. Blumer, der sich zu jener Zeit kritisch mit der Bedeutung von Konzepten in der Soziologie und Sozialpsychologie befasst, überzeugt Strauss dann, seine Masterarbeit einer kritischen Durchsicht der sozialwissenschaftlichen Forschungsliteratur zur Verwendung des Konzeptes der ›Einstellung‹ (›attitude‹) zu widmen.

Obwohl er verschiedentlich Blumer als sein intellektuelles Vorbild bezeichnet, promoviert Strauss schließlich 1945 bei Ernest Burgess über Partnerwahl. Zuvor beginnt er zwar bei Blumer seine Masterarbeit (Critical Analysis of the Concept of Attitude, 1942), muss diese aber auf dessen Geheiß so oft umschreiben, dass er in der Zwischenzeit bereits seine Dissertation fertig stellt, die er dann lieber bei Burgess einreicht (Baszanger 1998: 356).3 Strauss’ Verhältnis zu Blumer ist intensiv (»ich arbeitete eng mit ihm zusammen, wurde gleich eine Art Assistent und geriet so unter seine Fittiche«), aber ersichtlich auch ambivalent: »Ich sehe Blumer als einen Pfadfinder […] ›Folgt mir, aber bleibt auf dem Weg, lasst Euch nicht ablenken‹« (Strauss zit. n. Corbin 1991).4 Diese Strenge Blumers versteht Strauss rückblickend auch als einengend für seine eigene Entwicklung: »Irgendwann begann ich Blumers Standards als meiner Kreativität abträglich zu empfinden« (Strauss 1996b: 5).

Erste Lehrtätigkeiten: Die Emanzipation von Blumer

Nach der Promotion verlässt Strauss 1944 Chicago zunächst für eine zweijährige Lehrtätigkeit am Lawrence College in Appleton, Wisconsin, von wo er 1946 auf eine Assistenzprofessur an der University of Indiana wechselt. In der dortigen Fakultät lernt er Alfred R. Lindesmith kennen, mit dem ihn fortan eine langjährige Freundschaft verbinden soll. Lindesmith forscht in dieser Zeit vorwiegend über Drogenabhängigkeit und publiziert die klassische empirische Studie Opiate Addiction (1937), in der er zugleich das von Florian Znaniecki (1934) geprägte Verfahren der Analytischen Induktion verwendet und weiterentwickelt.

Gemeinsam verfassen Lindesmith und Strauss ein Textbuch zur Sozialpsychologie – und Strauss beginnt sich stärker von Blumer und seiner Position in der Sozialpsychologie zu lösen: »Erst als ich das Lehrbuch Sozialpsychologie (1949) gemeinsam mit Lindesmith schrieb, der später mein Freund und Koautor wurde, begann ich gegenüber Blumers Version von Sozialpsychologie und Soziologie kritischer zu werden und später Vorstellungen zu entwickeln, wie diese näher ausgeführt und erweitert, aber auch methodologisch, empirisch und theoretisch angereichtert werden könnte« (Strauss 1996b: 6). Strauss wird sich in dieser Zeit mehr und mehr des Missverhältnisses bewusst, das zwischen Blumers theoretisch-methodologischen Ansprüchen und dessen methodischem Repertoire bestehen: »Blumer war genial darin, auf Regenbögen zu zeigen und diejenigen zu kritisieren, die falsche Wege einschlugen, um zu ihnen zu gelangen […] Er erschien allerdings nicht gleichermaßen begabt darin […] die Methoden zur Erarbeitung solch wünschenswerter Theorien zu entwickeln oder die Richtung dorthin zu weisen« (Strauss 1996b: 6). Im Interview drückt Strauss sich noch deutlicher aus: »Blumer besaß überhaupt keine Methode. Es sagt einfach: ›Mach mit den Daten, was du willst!‹«

In der Retrospektive erweisen sich Strauss’ Arbeiten aus den 1940er- und frühen 1950er-Jahren als noch nicht typisch für seinen eigenen Ansatz. »Liest man seine frühesten Schriften, so stellt sich heraus, dass sie von jedem beliebigen gut ausgebildeten Soziologen mit einer Neigung zur Sozialpsychologie verfasst sein könnten« (Corbin 1991: 21). Dem Tenor seiner Masterarbeit folgend ist er noch mehr damit befasst, die Verwendung von Konzepten in den Schriften anderer Soziologinnen und Sozialpsychologen zu kritisieren, als eigene neu zu entwickeln, so etwa in The Literature on Panic (Strauss 1944) oder A Critique of Culture-Personality Writings (mit Lindesmith 1950). Auch sein mit Lindesmith verfasstes Textbuch zur Sozialpsychologie ist von diesem kritischen Impetus geprägt. In seinen empirischen Arbeiten aus dieser Zeit, insbesondere in der Studie, die seiner Dissertation zu Grunde liegt, ist er eher konventionell orientiert: Dort untersucht er in einer quantitativen Studie in klassischer hypothesen-testender Manier den Einfluss unterschiedlicher, aus der sozialpsychologischen Forschung bekannter Faktoren auf die Wahl von Ehepartnern. Teilergebnisse erscheinen in verschiedenen soziologischen Zeitschriften (1945, 1946a, 1946b, 1947). Für Strauss bleibt dieser Forschungsstil eine Episode: »So hatte ich einmal in meinem Leben die Gelegenheit, auch quantitativ zu forschen. Aber das hatte keine weiteren Auswirkungen auf meine spätere Arbeit« (vgl. auch S. 43ff.). Dies deutet darauf hin, dass er sich von Beginn an im Kern als interpretativ forschender Sozialwissenschaftler versteht, zumindest gibt es in seinen Selbstdarstellungen keine Hinweise auf ein Konversionserlebnis weg vom Hypothesentest und hin zur qualitativ-empirisch fundierten Theoriebildung.

Chicago again: Feldforschung und Professionalisierung

An die University of Chicago kehrt Strauss erst 1952 als Assistenzprofessor zurück, also in dem Jahr, in dem Blumer Chicago Richtung Berkeley verlässt.5 Erst in dieser zweiten Arbeitsphase in Chicago entdeckt Strauss die Feldforschungspraxis des Everett C. Hughes für sich, der zu jener Zeit als chair für Soziologie in Chicago lehrt. In seiner Zeit als graduate student meidet Strauss Hughes noch weitgehend, und die wenigen Veranstaltungen, die er im Studium bei ihm belegt, erscheinen ihm als bloßes »Geschichtenerzählen« (vgl. Baszanger 1998: 356). Auf der Basis seiner wachsenden Unzufriedenheit mit der Begrenztheit einer sozialpsychologischen Perspektive kann er nun dem Ansatz von Hughes mehr abgewinnen und arbeitet verstärkt mit ihm zusammen.

Dabei kommt er zugleich nicht nur mit Howard S. Becker in Kontakt, sondern auch mit Erving Goffman (der 1953 bei Strauss promoviert), Fred Davis, Leonard Schatzman und Eliot Freidson, allesamt Mitarbeiter, Kollegen oder ehemalige Studenten von Hughes. Gemeinsam mit anderen gründen sie die ›Chicago School Irregulars‹, eine informelle Gruppe junger Sozialforscher, deren Name als selbstironische Anspielung auf die ›Baker Street Irregulars‹ des Sherlock Holmes gemeint ist, deren Motto »Go everywhere, see everything, listen to everyone« auch für die jungen Sozialforscher handlungsleitend ist (Baszanger 1998: 355, s. a. Lofland 1980). Darin drückt sich schon die sehr wesentlich mit Hughes verbundene Orientierung nicht nur auf empirische Forschung, sondern vor allem auf soziologische Feldforschung aus. Hughes, der bei Park studiert hat, repräsentiert viel stärker als Blumer die in der frühen Chicago School geprägte und in den Anfängen stark von journalistischen Vorbildern inspirierte Tradition einer Forschungspraxis, bei der die Forschenden selbst vor Ort ihren Gegenstand erkunden und mit allen Sinnen erfahren. Parks berühmte Aufforderung zu praktischer, »echter« Forschung im Feld6 wird – vorgelebt von Hughes – stilbildend für die ›Chicago School Irregulars‹ insgesamt und insbesondere für Becker und Strauss.

Doch nicht nur die besondere empirische Orientierung bezieht Strauss von Hughes, denn wesentlich stärker als Blumer nimmt Hughes auch die institutionelle und sozialstrukturelle Seite von Gesellschaft in den Blick: »[V]on ihm [Hughes; JS] und seinen Studenten lernte er organisational, aber zugleich in fluiden Begriffen zu denken« (Corbin 1991: 24). Ein thematischer Schwerpunkt von Hughes ist die berufliche Sozialisation und Organisation sowie deren Einbindung in betriebliche Organisationsprozesse (Hughes 1971). Dabei entwickelt er ein dynamisch-offenes Konzept des Akteur-Umwelt-Verhältnisses, den ›ecology approach‹, und ein darauf basierendes Verständnis von sozialer Organisation als ›going concern‹, dessen Grundmotiv in Strauss späterer Theorie sozialer Welten seinen Widerhall findet. Mit Arbeit und Organisation beginnt sich auch Strauss fortan stärker zu befassen; Arbeit wird für ihn in späteren Jahren neben Handeln zum zentralen Begriff seiner theoretischen Konzeption.

Strauss steht damit schon früh in zwei unterschiedlichen Traditionslinien der Chicagoer Soziologie: hier eine mitunter puristisch anmutende sozialpsychologische Interaktionstheorie als Resultat der Blumerschen Interpretation Meads, dort jene pragmatische und stark auf Prozesse gesellschaftlicher und organisatorischer Strukturbildung bezogene Feldforschung, zu der Hughes den Ansatz von Park weiterentwickelt hat. Strauss führt diese beiden Ansätze sukzessive zu einer umfassenden Theorie des Handelns zusammen, indem er die komplementären Stärken beider Traditionen integriert und zugleich in eine empirische Forschungsprogrammatik übersetzt. Seine in den folgenden Jahrzehnten durchgeführten empirischen Arbeiten bereichern den theoretischen Ansatz um eine Fülle von Konzepten, die sich allesamt durch die Vermittlung von handlungs- und strukturbezogenen Aspekten von Sozialität in einer prozessualen Perspektive auszeichnen. Insbesondere in seinem Spätwerk fügt Strauss dem noch eine stärkere und explizitere Rückbesinnung auf den Pragmatismus hinzu, der zwar prägend für sein gesamtes wissenschaftliches Werk ist, in vielen seiner früheren Arbeiten aber eher implizit bleibt.

Spiegel und Masken: Die Integration von Sozialpsychologie und Soziologie

Erste Ansätze der Integration der Mead-Blumer- mit der Park-Hughes-Linie prägen bereits Strauss’ erste Monographie Mirrors and Masks (Strauss 1968 [1959]), in der er sich mit Identität und Gesellschaft auseinandersetzt. Mit der Arbeit an dem Buch beginnt er bereits 1953, als er auf Anregung von Nelson Foote unter dem Titel An Essay on Identification