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Pandemien, Kriege, Klimanotstand: Auch in der Vergangenheit haben die Menschen verheerende Katastrophen erlebt. Was können wir aus ihren Erfahrungen lernen? Die Corona-Pandemie, die Klimakatastrophe, neue Kriege in Europa und im Nahen Osten: Wir scheinen vor einer noch nie da gewesenen, fatalen Extremsituation zu stehen. Doch in den letzten 800 Jahren haben die Menschen in Europa schon mehrmals der »Apokalypse« ins Auge schauen müssen und die beginnende Endzeit befürchtet. Im 14. Jahrhundert hinterließ die Pest eine Spur der Verwüstung. Im späten 16. und 17. Jahrhundert verursachte eine Klimaverschlechterung eine quälend lange Serie von Hungersnöten, Seuchen und Kriegen. Im 20. Jahrhundert brachten Krieg und Vernichtung menschlichen Lebens in bisher ungekanntem Ausmaß die politische und moralische Ordnung auf der ganzen Welt aus der Balance. Diese extremen Szenarien markieren Brüche und gesellschaftliche Belastungsproben. Der Historiker Hartmut Lehmann erklärt leicht verständlich, was die Katastrophen für die Menschen in ihrem Alltag bedeuteten und was davon sie in Erinnerung behielten. Er fragt, welche Rolle Verschwörungstheorien bei all diesen Ereignissen spielten und wer als Sündenbock herhalten musste. Nicht zuletzt geht es darum, welche Lektionen aus den existentiellen Bedrohungen der Vergangenheit uns heute helfen könnten, die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Hartmut Lehmann
APOKALYPSEN
Lektionen aus vergangenen Katastrophen
Unter Mitarbeit von Lukas Lehmann
Wallstein Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2025
Wallstein Verlag GmbH
Geiststraße 11, 37073 Göttingen
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Eva Mutter, www.evamutter.com
Umschlagbild: Albrecht Dürer, Die apokalpytischen Reiter, 1511, Holzschnitt, Quelle: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
ISBN (Print) 978-3-8353-5829-4
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8836-9
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8837-6
Zur Einführung
Am Wendepunkt der Menschheitsgeschichte
Die große Krise des 14. Jahrhunderts: Hunger und Pest
Spätes 16. und 17. Jahrhundert: Hunger und Krieg
18. Jahrhundert: Jenseits der Krisenzeiten
19. Jahrhundert: Vorboten neuer Krisen
20. Jahrhundert: Von der Krise zur Katastrophe
21. Jahrhundert: Die Zuspitzung der Klimakrise
Apokalypse damals – Apokalypse heute
Dank
Nachweis der wörtlichen Zitate
Einschlägige und weiterführende Literatur in Auswahl
Personenverzeichnis
Für Phoenix und Lorenz
Apocalypse Now – der Titel des preisgekrönten Films, in dem eine Geschichte aus der Kolonialzeit des 19. Jahrhunderts in den Horror des Vietnamkriegs versetzt wurde, war noch nie so aktuell wie in unserer Zeit. Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts fürchten viele Menschen, und vor allem viele junge Menschen, von denen manche sich als »Letzte Generation« bezeichnen, dass ihnen in naher Zukunft die Lebensgrundlagen verloren gehen. Die Corona-Pandemie, die Klimakatastrophe und die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten: Diese plötzliche, zugleich anhaltende Fülle von Schreckensnachrichten lässt bei immer mehr Menschen den Schluss zu, eine bisher noch nie da gewesene, äußerst gefährliche Extremsituation sei erreicht.
In den vergangenen 800 Jahren haben die Menschen in Europa jedoch schon drei Mal in den Abgrund des Todes geblickt. Dreimal schon schien es, als ob der Tod den Sieg über das Leben davontragen würde, als ob der Menschheit die notwendigen vitalen Kräfte für das Weiterleben verloren gehen könnten, kurzum, als ob die Endzeit begonnen habe: Im 14. Jahrhundert war es eine Seuche, die wie ein heftiger Tornado über alle Teile der Gesellschaft hinwegzog, die Menschen in Angst und Schrecken versetzte und eine Spur der Verwüstung hinterließ; im späten 16. und im 17. Jahrhundert eine von einer Klimaverschlechterung ausgelöste quälend lange Serie von Hungersnöten, Seuchen und Kriegen; im 20. Jahrhundert eine Katastrophe von Krieg und Vernichtung menschlichen Lebens bisher unbekannten Ausmaßes, die das politische und moralische Leben auf der ganzen Welt aus der Balance brachte und teilweise bis in die Grundfesten erschütterte. Diese Unheilszenarien aus 800 Jahren europäischer Erinnerung wirken auf irritierende Weise aktuell.
Wie kann man angesichts der immer zahlreicheren Hiobsbotschaften noch an eine friedliche Zukunft glauben? Haben wir am Beginn des dritten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends eine Zeitenwende erreicht – eine historische Zäsur von globaler, universalhistorischer Bedeutung? Steht unser »blauer Planet« kurz vor dem ultimativen Kollaps? Ist es überhaupt möglich, die Klimakatastrophe abzuwenden, zur gleichen Zeit auf allen Kontinenten wütende Pandemien zu bekämpfen und außerdem den Hunger der Bevölkerung in den Ländern, in denen die Ernten ausbleiben, zu stillen? Wie können die Kriege eingegrenzt, gar beendet werden, wie kann man die Grundlage für eine neue und nunmehr langfristig belastbare Friedensordnung in Europa und auf der Welt finden?
Diese Fragen treiben die jungen Menschen um, die aus Angst, sie könnten keine Zukunft haben, lange Zeit Freitag für Freitag demonstrierten. Sie berühren aber auch mich im hohen Alter. Als Kind habe ich in einem schwäbischen Dorf Naziherrschaft und Krieg erlebt. Sehr genau erinnere ich mich noch daran, wie bei Kriegsende und in der ersten Nachkriegszeit anscheinend wohlgesittete Menschen zu Bestien wurden, die raubten und stahlen, was sie ihrer Meinung nach zum Überleben brauchten. Gut zehn Jahre später beschäftigte ich mich als angehender Historiker in meiner Dissertation mit dem Ersten Weltkrieg und lernte aus den Quellen, welche Opfer ein totaler Krieg fordert. Als ich mich wiederum ein Jahrzehnt später in meinen Forschungen dem 17. Jahrhundert zuwandte, eröffneten sich mir noch einmal weitere Dimensionen des Zusammenhangs von Krieg und Seuchen, von Grausamkeiten und Vorurteilen, die sich gegenseitig potenzieren. Ehe die heutige junge Generation auf die Straße ging, um gegen Erderwärmung und Klimawandel zu protestieren, lernte ich in meinen Forschungen über das späte 16. und 17. Jahrhundert begreifen, wie fatal die Folgen eines Klimawandels sein können, führte doch schon damals eine deutliche Klimaverschlechterung zu weitreichenden demographischen, sozialen und in der Folge auch zu kulturellen Veränderungen. In mehreren Publikationen beschäftigte ich mich mit den gewaltigen sozialen, politischen und mentalen Veränderungen im Europa des 17. Jahrhunderts, speziell mit dem religiösen Fanatismus, mit dem Endzeitdenken und der Hexenverfolgung. Ebenso galt mein Interesse den Verwerfungen und Abstürzen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts und jenen Personen, die unter Gefahr ihres eigenen Lebens versuchten, bedrohten Mitmenschen zu helfen und dem allgemeinen Unheil zu wehren.
Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird die Menschheit gleichzeitig durch Seuchen, durch die Klimakatastrophe und durch Kriege bedroht und damit von Gefahren, deren Auswirkungen heute noch niemand einzuschätzen vermag. Die fatale Kombination dieser Schrecken, Bedrohungen und Gefahren ist neu. Dennoch lohnt der Blick zurück auf jene Krisen, die in früheren Jahrhunderten die europäischen Gesellschaften in höchste Gefahr brachten.
Welche Erfahrungen haben diejenigen gesammelt, die diese Krisen durchlebten, kann man fragen, und welche langfristige, auch kulturelle Bedeutung besaßen diese Erfahrungen und die Schlussfolgerungen, die spätere Generationen daraus zogen? Was davon beeinflusst uns vielleicht noch heute, bewusst oder unbewusst? Welches während früherer Krisen gesammelte Wissen könnte bei der Bewältigung der jetzigen Krise immer noch nützlich sein? Im 17. Jahrhundert orientierten sich vom Tod bedrohte Menschen an erbaulichen Texten aus dem 14. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert suchten verzweifelte Menschen Trost in den Kirchenliedern aus dem 17. Jahrhundert. Das sind nur wenige von vielen Beispielen, die zeigen, wie Menschen, die in Krisen nach Halt und Hoffnung suchten, Antworten bei jenen zu finden hofften, die vor ihnen ein schweres Schicksal erduldet und ihren Gefühlen Ausdruck verliehen hatten.
Aus den Zeiten der Extremsituationen im 14., 17. und 20. Jahrhundert sind durchaus vielfältige und höchst unterschiedliche Erfahrungen in die Erinnerung der nachfolgenden Generationen eingegangen. So gibt es auf der einen Seite Hinweise, die bei der Bewältigung der heutigen Krisen helfen können, so, um noch einmal ein Beispiel aus dem 14. Jahrhundert zu nehmen, die Erfahrung, bei Seuchengefahr lohne die Einführung einer Quarantäne. Es muss jedoch auf der anderen Seite auch von negativen Beispielen die Rede sein. Nicht jede Lektion, die »gelernt« wurde, war hilfreich und gut. Manche erwiesen sich als ausgesprochen gefährlich. Schon in der Pestepidemie des 14. und während der Klimakrise des späten 16. und 17. Jahrhunderts suchte man nach Personen, die das Unheil verursacht hatten, nach Sündenböcken. Im 20. Jahrhundert war das nicht anders. Zum Blick auf diese Krisen gehört somit auch der Blick auf die Ansichten und die Aktionen der Verschwörungsgläubigen. So beinhalteten die Verschwörungstheorien seit dem 14. Jahrhundert die Überzeugung, an allem Unheil seien die Juden schuld – mit den im 20. Jahrhundert erlebten Konsequenzen dieses fatalen Gedankenguts. Mit dem Blick zurück will ich hierfür Alternativen aufzeigen. Notwendig ist eine offene Auseinandersetzung mit der Geschichte, nicht die Tradierung von Verschwörungsglauben.
Auch Kunst ist ein Teil dieses kollektiven Gedächtnisses. Wenige Jahre vor der Reformation hat Albrecht Dürer ein berühmt gewordenes Bild der vier apokalyptischen Reiter geschaffen, das von den Gefahren und Ängsten der damaligen Zeit zeugt. Die im sechsten Kapitel der Offenbarung des Johannes als Boten der Endzeit genannten vier apokalyptischen Reiter bahnen sich ihren Weg durch die Jahrhunderte bis in unsere Zeit. Sie künden vom Tod durch übersteigerte Machtambitionen von Tyrannen, vom Tod durch verheerende Kriege, vom Tod durch Teuerung und Hunger und vom Tod durch Seuchen, die vor politischen und gesellschaftlichen Grenzen keinen Halt machen. In den folgenden Kapiteln werden wir ihren Ritt durch die Jahrhunderte verfolgen und beobachten, wie die Zeitgenossen mit lebensgefährlichen Bedrohungen umgingen. Außerdem werden wir uns fragen, ob ihre Antworten ebenso wie ihre Fehleinschätzungen heute noch eine Bedeutung besitzen.
Beginnen wir mit der aktuellen Situation, die dramatischer kaum sein könnte (und die, wenn wir dem 2024 veröffentlichten Weltklimabericht folgen, in Zukunft noch viel dramatischer werden könnte, wenn keine wirksamen Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels getroffen werden). Denn im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts scheint die Welt – jedenfalls die Welt, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen – auf allen Kontinenten aus den Fugen zu geraten. Gewaltige Waldbrände im Westen der Vereinigten Staaten, im Süden Europas und in Sibirien zerstören weite Landstriche. Sintflutartige Überschwemmungen bedrohen das Leben von Tausenden von Menschen, und zwar nicht nur in dem vom jährlichen Monsun heimgesuchten Südasien, sondern inzwischen auch in Teilen Europas und selbst in Australien. An anderen Orten fällt monatelang kein Tropfen Regen, verdorren die Ernten. Das Klima, das den Menschen jahrhundertelang in allen Weltgegenden mit einem klaren jahreszeitlichen Rhythmus einen festen Halt zur Gestaltung ihres Lebens gab, scheint Balance und Verlässlichkeit verloren zu haben.
Zur gleichen Zeit wurden vor Kurzem auf allen Kontinenten Hunderttausende Opfer einer tödlichen Pandemie, über deren Herkunft und Bekämpfung sich Politiker und Wissenschaftler lange Zeit gestritten haben. Unklar ist außerdem, wann und auf welche Weise die derzeitige oder die nächste Pandemie durch Mutationen neue und noch gefährlichere Dimensionen erhalten wird. Und als ob der Schrecken nicht genug wären, erleben wir seit dem 24. Februar 2022, dass Krieg als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele auch in Europa wieder möglich ist: als Blitzkrieg, der alle Widerstände mit brutaler Gewalt zu beseitigen versucht; als Abnützungskrieg, bei dem beide Seiten schwere Verluste erleiden; oder als Bombardement von Städten, von denen, wie im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel in Rotterdam und Coventry und später in Hamburg und Dresden, nur noch Ruinen übrigbleiben. Dazu kommt die rücksichtslose Vertreibung von Millionen von Frauen und Kindern, von Gebrechlichen und selbst von Kranken als Folge von Krieg.
Die Gespenster des Zweiten Weltkriegs, die in Europa nach 1945 durch eine weithin akzeptierte Politik des diplomatischen Dialogs vertrieben schienen, tauchen wieder auf – in der Erinnerung der Alten, die diesen Krieg noch erlebt haben, auf verstörende Weise aber ebenso im Bewusstsein der nachfolgenden Generationen, die in Friedenszeiten groß geworden sind und nicht wissen, wie sie mit diesen schrecklichen neuen Erfahrungen umgehen sollen.
Doch damit nicht genug. Um die Klimakatastrophe abzuwenden und gegen die verantwortungslose Klimapolitik ihrer Regierungen zu protestieren, gehen zudem in vielen Ländern inzwischen zahlreiche junge Menschen (und zunehmend auch ältere) zu Demonstrationen auf die Straße. Manchen reicht das jedoch nicht. In der Tradition von Mahatma Gandhi planen einige von ihnen gewaltfreie, jedoch aufsehenerregende öffentliche Aktionen des zivilen Ungehorsams.
Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts bedrohen die von den Industrien vieler Länder ausgestoßenen gefährlichen Emissionen die Menschen außerdem auf vielfältige Weise. Sie schädigen direkt Atemwege und Lunge. Vor allem aber beschleunigen sie den Klimawandel und damit die Gefahr einer bevorstehenden Klimakatastrophe, durch welche im Laufe der nächsten Jahrzehnte das Leben auf allen Kontinenten grundlegend verändert wird. Im späten 16. und im 17. Jahrhundert waren die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer Abkühlung des Klimas um etwa 2 Grad Celsius durchaus spürbar. Wir können nur ahnen, wie schwerwiegend die Folgen einer bleibenden Erwärmung um 2 Grad Celsius sein werden.
Tagtäglich erfahren wir zudem, dass die Diskussionen über Ursachen und Folgen des Klimawandels von gravierenden politischen und ökonomischen Konflikten überlagert werden. Was bedeutet es, dass die Gesellschaften des »globalen Nordens« die Gesellschaften des »globalen Südens« in den letzten fünf Jahrhunderten in einer Weise ökonomisch dominiert haben, dass sich im Norden geradezu unermesslicher Reichtum anhäufte, während weite Teile der Gesellschaften des Südens immer mehr verarmten? Welchen Stellenwert hat es, dass einerseits die klimaschädlichen Emissionen vor allem von der Industrie in Europa, den USA und inzwischen auch von China in die Atmosphäre gelangen, dass andererseits aber die ganze Welt, darunter auch viele Länder, die ganz wenige Emissionen produzieren, unter dem globalen Klimawandel leiden?
Wenn ich auf den folgenden Seiten frage, ob wir aus früheren Krisen etwas gelernt haben, das uns bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krisen helfen kann, so geschieht das jedoch nicht nur, weil ich mich als Historiker mit Krisen in früheren Jahrhunderten beschäftigt habe. Vielmehr fühle ich mich, wie oben schon angedeutet, von den heutigen Notlagen auch persönlich betroffen. Denn nie hätte ich geglaubt, dass ich noch einmal Bilder von einem Krieg in Europa sehen würde, die Kindheitserinnerungen wachrufen und mich erschüttern; nie, dass eine Seuche Tausende von Toten nicht zuletzt unter alten Menschen fordert, ehe wirksame Gegenmittel gefunden wurden; nie, dass in unserem vom medizinischen Fortschritt geprägten Zeitalter enge Freunde Opfer einer Viruserkrankung werden konnten; und nie, dass wir im Zeitalter naturwissenschaftlicher und technischer Höchstleistungen dem Klimawandel nahezu tatenlos und fast hilflos gegenüberstehen.
Woher wissen wir aber, dass wir uns im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts tatsächlich an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte befinden? In den vergangenen vierzig Jahren haben sich mit wenigen Ausnahmen fast ausschließlich ausgewiesene Naturwissenschaftler und kundige Journalisten wie Tim Marshall an den Diskussionen über die besonderen Probleme der seit zwei Jahrzehnten als Anthropozän bezeichneten jüngsten Ära der Menschheitsgeschichte beteiligt: Geologen, Botaniker, Chemiker und Physiker. Aus Verantwortung für ihre Mitmenschen haben sie ihren wissenschaftlichen Elfenbeinturm verlassen und versuchen, ihre wissenschaftlichen Einsichten einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Im Gegensatz dazu haben sich in Deutschland Historiker, auch Theologen, dieser Thematik bisher nur mit äußerster Vorsicht genähert, wenn überhaupt.
Was immer noch fehlt, sind Entwürfe einer neuen und umfassenden Geschichte der Menschheit, die auf die existentiellen Krisenzeiten im Laufe der Geschichte des Anthropozän eingehen. Auf diese Weise könnte herausgearbeitet, ja demonstriert werden, warum die gegenwärtige Situation so außergewöhnlich ist. Der Einwand ist nicht falsch, dass es bei dem aktuellen Stand des Wissens für eine umfassende Kulturgeschichte der Menschheit im Zeitalter des Anthropozän unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen, die bei der Bewältigung existentieller Krisen gesammelt wurden, noch zu früh sei. Ziel der folgenden Kapitel ist es jedenfalls, wenigstens einen ersten Beitrag zu einer solchen einordnenden Bewertung zu leisten.
Die meisten Werke, die bisher zum Zeitalter des Anthropozän publiziert wurden, enthalten in der Regel vorsichtige Vorschläge, die mit einer Mischung aus Zukunftsangst und Zukunftshoffnung darlegen, wie man durch eine am Prinzip der Nachhaltigkeit orientierte Politik Natur und Umwelt – christlich formuliert: »die Schöpfung« – langfristig bewahren könne. Immer wieder wird der Versuch gemacht, die Analysen und Ratschläge der Naturwissenschaftler insbesondere aus religiöser Sicht zu ergänzen und den Zusammenhang zwischen der Klimakrise und dem Schutz der Schöpfung zu thematisieren. Was dagegen weitgehend fehlt, sind Versuche, das, was man als multiples Krisengeschehen bezeichnen könnte, zu erklären und, wie Historiker heute sagen, zu »kontextualisieren«, also Klimaveränderungen, Seuchen, Hungersnöte und Kriege als Teile größerer historischer Zusammenhänge zu interpretieren.
Hier steht eine bedrängend wichtige Frage im Vordergrund: Wenn wir tatsächlich bereits an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte angelangt sind, gibt es dann überhaupt noch die Möglichkeit, Erfahrungen aus früheren Krisenzeiten zu nutzen, um Strategien zur Vermeidung einer finalen Katastrophe zu entwickeln?
Als Historiker weiß ich, dass alle Krisen Spuren hinterlassen und Veränderungen verursachen: politische, kulturelle und wirtschaftliche. Aber auch Wahrnehmungen und Mentalitäten ändern sich dadurch. Schwere Krisen hinterlassen deutliche Spuren im Gedächtnis von Personen und ebenso im kollektiven Gedächtnis von Gesellschaften. Will man herausfinden, welche dieser Erinnerungssplitter für uns heute hilfreich sind, welche dagegen kontraproduktiv, gar toxisch, sind wir mit einer Fülle weiterer Probleme konfrontiert. Dazu in gebotener Kürze einige Anmerkungen.
Die Erforschung der Geschichte verschiedener Verhaltensmuster und Erklärungsversuche, die im Verlauf von Krisen entstanden und die in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind, ist deshalb so schwierig, weil unterschiedliche Gruppen während der Krisenzeiten höchst unterschiedliche Erfahrungen machten. In Hungerzeiten litten vor allem die Armen und erst danach die bürgerlichen Kreise, kaum jedoch die Reichen. Seuchen wie die Große Pest des 14. Jahrhunderts erfassten dagegen jeden, schlugen bezeichnenderweise aber wiederum dort besonders zu, wo die Leute beengt wohnten und sich deshalb leicht ansteckten, also bei den Armen in den Städten. Opfer der großen Kriege wurden schließlich nicht nur die unmittelbar an den Kämpfen Beteiligten, sondern auch Nichtkombattanten in den Städten und auf dem flachen Land. Das war schon im Dreißigjährigen Krieg so und nicht anders im Ersten und im Zweiten Weltkrieg und in den vielen Kriegen seither.
Es gilt also stets zu fragen, von wem welche Erinnerungen stammen, und mit welchen Intentionen diese Erfahrungen schriftlich festgehalten wurden. Auch bei mühsamer Arbeit in Archiven und Bibliotheken kann man nur noch einen Teil der Krisenerfahrungen früherer Jahrhunderte rekonstruieren. Dazu kommt, dass selbst starke Krisenerfahrungen in aller Regel nach einiger Zeit verblassen, weil die Erinnerung an schlimme Zeiten nur belastet, weil Überleben und Weiterleben wichtiger sein können als die Auseinandersetzung mit dem, was man erlebt hatte, aber nicht mehr ändern konnte. Krisenbewältigung war stets gegenwartsbezogen. Das ist heute nicht anders als in früheren Zeiten. Das Vergessen war deshalb stets ein nur allzu probates Mittel, um überhaupt weitermachen zu können.
Nur ein Teil der Krisenerfahrungen wurde zudem schriftlich festgehalten und auf diese Weise im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Wie lange sich nicht schriftlich festgehaltene Erinnerungen hielten, kann man diskutieren – ein, zwei Generationen? Ob während der Krisenzeiten epigenetische Veränderungen entstanden, ob also durch einschneidende Erfahrungen Gene verändert und in diesem Zustand sogar vererbt wurden, wurde bisher noch nicht untersucht. Auch wenn das inzwischen vermutet wird, sind solche Fragen umstritten und sollen hier nicht weiter thematisiert werden.
Deshalb konkret gefragt: Was wissen wir zum Beispiel noch von den Erfahrungen unserer Großeltern im Ersten Weltkrieg? Warum glaubte einer meiner Großväter bis in den Herbst 1918 an einen Siegfrieden, warum wurde der andere bereits 1916 in den Gräben von Verdun zum Pazifisten und dachte Tag und Nacht daran, wie er dem Inferno entrinnen könne? Anders als mündliche Familienerzählungen ist die Nachwirkung schriftlich festgehaltener Erinnerungen, etwa in Briefen oder in Tagebüchern. Falls sie ausgewertet werden, geraten sie in die Mühlen der historischen Quellenkritik und in den Meinungsstreit der Historiker. Alle guten Ratschläge, sei es zum persönlichen Leben oder zur Politik, die wir aus den Werken antiker Autoren entnehmen können, sind durch ebendiese Mühlen der Quellenkritik gegangen. Konkrete Ratschläge für das Verhalten in unserer Gegenwart sind hier schwer zu finden.
Mit Blick auf das heutige multiple Krisengeschehen besitzen die folgenden Ausführungen einen (wenn ich den Begriff aus den Naturwissenschaften entlehnen darf) eher experimentellen Charakter. Die allgemeine – oft gestellte, mal bejahte und mal verneinte – Frage, ob man aus der Geschichte überhaupt lernen könne, wird am Beispiel von drei spezifischen Krisenzeiten überprüft und dargelegt: einer »Seuchen«-Krise im 14. Jahrhundert, einer »Klima- und in der Folge auch Hunger- und Kriegskrise« im späten 16. und 17. Jahrhundert sowie einer »Kriegs- und Vernichtungs-Krise« im 20. Jahrhundert. Zwar bin ich die Zweifel nie ganz losgeworden, ob wir aus dieser auf spezifische Krisenszenarien konzentrierten Zugangsweise wirklich etwas in Erfahrung bringen, was bei der Bewältigung der heutigen »Mega-Krise« hilfreich sein könnte. Je mehr ich mich in das Thema vertiefte, desto mehr ließ mich diese Fragestellung jedoch nicht mehr los.
Dass ich mich in meinen Ausführungen vor allem auf Mitteleuropa beziehe, mit gelegentlichen Ausblicken auf das weitere Europa und Nordamerika, sei ausdrücklich betont. Aus diesem Bereich stammen meine eigenen Forschungen, und in diesem Bereich habe ich über Jahrzehnte hinweg Erfahrungen gesammelt. Dennoch glaube ich, dass sich für das hier unternommene Gedankenexperiment auf dieser Basis ausreichend Material finden lässt, um die Diskussion voranzubringen.
Noch ein Wort zum gesamten Kontext. Seit Gruppen der Spezies Homo sapiens die Kontinente besiedelten, waren sie mit Krisen unterschiedlichster Art konfrontiert, hatten Hunger und Seuchen zu bewältigen, von den Kriegen gegen Gruppen, die mit ihnen um die begrenzten Ressourcen konkurrierten, ganz zu schweigen. In diesem Buch sind vor allem jene Krisenerfahrungen von Interesse, die nachweislich in das kulturelle Gedächtnis der Europäer eingegangen sind, beginnend mit dem 14. Jahrhundert. Man kann nur spekulieren, wie viel von den Erfahrungen früherer Krisen, etwa aus dem Altertum oder weiten Teilen des sogenannten Mittelalters, über mehrere Generationen hinweg bewahrt wurden. Humanistisch gebildete Historiker sind mit solchen, nur literarisch überlieferten Erfahrungen vertraut. Es wäre lohnend, wenn sie die hier diskutierte Fragestellung aufnehmen und aus ihrer Sicht diskutieren würden.
Die Überlegungen, die ich in den folgenden Kapiteln anstelle, gehen von der Annahme aus, dass sich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts durchaus einzelne Erinnerungsstränge identifizieren lassen – Erinnerungsstränge von unterschiedlicher Länge, von unterschiedlicher Relevanz für verschiedene soziale Schichten sowie von unterschiedlichem Gewicht für Angehörige späterer Generationen, die mit einer akuten Krise konfrontiert sind. Diese individuell und kollektiv unterschiedlich geprägten Erinnerungsstränge gilt es zu entwirren, will man der Bedeutung von Krisenerfahrungen und auch der Bedeutung von Vorurteilen in Krisenzeiten und dem fatalen Erbe von Verschwörungserzählungen auf die Spur kommen. Folgen wir also weiter den vier apokalyptischen Reitern. Denn Gewaltherrschaft und Kriege, Teuerung, Hungersnöte und Seuchen sind seit Dürers Zeiten nicht verschwunden, im Gegenteil: Wir sind heute – wenn wir denn an einem Wendepunkt der Menschheitsgeschichte stehen – mehr denn je aufgefordert, unsere Mitmenschen (und damit selbstverständlich auch uns selbst) vor diesen Gefahren zu schützen.
Hunger und Seuchen, Krieg und Machtmissbrauch, diese Geißeln der Menschheit forderten im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte die Menschen in Europa in durchaus unterschiedlichen Kombinationen und damit auf immer wieder neue Weise heraus. Das 14. Jahrhundert begann mit einer mehrjährigen Hungersnot, ausgelöst durch eine ungewöhnlich lange Sequenz von Missernten, die wiederum durch eine so deutliche Verschlechterung des Klimas verursacht wurde, dass manche Klimahistoriker den Beginn einer »Kleinen Eiszeit« bereits auf das frühe 14. Jahrhundert datieren.
Bevor wir näher auf die Krise des 14. Jahrhunderts eingehen, lohnt der Blick zurück auf die demographische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in den davorliegenden Jahrhunderten. Während des Hochmittelalters, im 11., 12. und 13. Jahrhundert, einer langen Periode mit anhaltend gutem Wetter und trotz aller kriegerischen Auseinandersetzungen auch bemerkenswert stabiler wirtschaftlicher Prosperität, hatte sich die europäische Bevölkerung fast verdoppelt. Um sie mit Lebensmitteln zu versorgen, wurden in dieser Zeit bis hinauf nach Skandinavien Wälder gerodet, Sumpfflächen trockengelegt und auch weniger fruchtbare Böden unter den Pflug genommen. Überall in Europa wuchsen Siedlungen zu Städten, wurden selbst kleinere Siedlungen mit dem Stadtrecht versehen. Der Handel, auch der Fernhandel, nahm kontinuierlich zu, das Handwerk blühte. Große Bauprojekte, an den Bischofssitzen insbesondere der Bau imposanter Kathedralen, wurden in Angriff genommen, so zum Beispiel in Paris und Reims, im großen Köln, im reichen Lübeck und selbst im kleinen Schleswig. Diejenigen, die wussten, wie man diese großen Kathedralen im neuen Stil der Gotik baute, waren in ganz Europa begehrte Spezialisten. Der überregionale Austausch von Nachrichten wurde immer intensiver; Künste und Wissenschaften florierten. Manche Historiker sprechen deshalb sogar von der »Renaissance des 12. Jahrhunderts«. Nunmehr erst, nach Jahrhunderten des Niedergangs, habe Europa, so argumentieren sie, an die kulturelle und geistige Größe der Antike angeknüpft.
Im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts verschlechterten sich vor allem in Nordeuropa die Wetterverhältnisse jedoch drastisch. Die Sommer waren meist regnerisch, die Winter kälter als früher. Missernte folgte auf Missernte. Eine negative Kettenreaktion setzte ein. Von Jahr zu Jahr stiegen die Preise für Getreide. Versuche, die Preise zu kontrollieren, scheiterten. Da jede Region ihre Ernte für sich behielt, brach der Fernhandel mit Getreide zusammen. Die Art und Weise, wie Vorräte gespeichert wurden, war zudem völlig unzureichend. Bald mangelte es auch an Getreide für die Neuaussaat. Und da den Bauern Geld fehlte, konnten schadhafte Geräte wie Wagen und Pflüge häufig nicht repariert werden. Selbst Mühlen wurden stillgelegt, weil kein Geld für Reparaturen da war. Mehl wurde knapp.
Rückwirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung ließen nicht lange auf sich warten. Dort, wo es wie in der weltoffenen Hansestadt Lübeck Hospitäler gab, waren diese bald voll belegt. Diejenigen, die Geld verliehen, profitierten von der allgemeinen Not, und ebenso diejenigen, die sich skrupellos – ebenso wie in den modernen Krisen – über die allgemeine Ordnung hinwegsetzten. In Küstennähe suchten Piraten ihre Chance, im Landesinneren Räuberbanden. Ob die Not Stadtbürgern mehr als der Landbevölkerung zusetzte, ist eine offene Frage. Die neuen sozialen Spannungen waren in den Städten ebenso wie in den Dörfern zu spüren, und in jedem Fall wurden im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts aus der Hungerkrise binnen kurzer Zeit eine Versorgungskrise und eine Finanzkrise sowie eine Krise der allgemeinen Ordnung und des gesellschaftlichen Lebens. Einige Fälle sind überliefert, in denen die Frage nach der Schuld an dem allgemeinen Elend zur Suche nach Sündenböcken führte. Noch stärker als in früheren Jahrhunderten gerieten damals insbesondere Personen aus den jüdischen Gemeinden ins Visier.
Im dritten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts stabilisierte s ich nach einer Reihe von Jahren mit relativ gutem Wetter und guten Ernten in ganz Europa die Lage aber erstaunlich rasch wieder. Binnen weniger Jahre kam es, soweit sich das rekonstruieren lässt, zu einer Rückkehr zur sozialen und wirtschaftlichen Normalität und somit auch zu einer gesellschaftlichen Beruhigung. Niemand ahnte, dass Schlimmeres bevorstand und neue Gefahren drohten – Gefahren ganz anderer Art und aus einer ganz anderen Richtung. Sie kamen aus dem Osten und näherten sich Europa über Kleinasien und das Mittelmeer. Dort breitete sich ab 1347 eine neuartige Seuche aus: der »Schwarze Tod«. Das große Sterben. 1348 waren bereits Teile von Italien und der Süden Frankreichs betroffen, 1349 übersprang die Seuche die Alpen und erreichte Mitteleuropa, im selben Jahr selbst den Norden des Kontinents, also Norwegen, Schweden, England und Irland. Allein einige Teile von Polen blieben verschont. Erst nach mehreren Jahren, um 1353, verebbten die Wellen des Todes.
Die Folgen waren katastrophal. Binnen weniger Jahre hatte der sogenannte Schwarze Tod ein Drittel der europäischen Bevölkerung hinweggerafft. Historiker schätzen die Gesamtzahl der Toten auf zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen. Die regionalen Unterschiede waren erheblich. In manchen Städten verloren drei Viertel der Menschen ihr Leben, in anderen kaum mehr als zehn Prozent. Es gab Landstriche, in denen so viele Menschen gestorben waren, dass Ackerflächen nicht mehr bewirtschaftet und ganze Dörfer aufgegeben wurden. Historiker reden von den »Wüstungen« des 14. Jahrhunderts. Eine Rückkehr zu den Verhältnissen in den Jahrzehnten vor der Pest war in ganz Europa nicht mehr möglich. Eine solche Katastrophe hatte damals noch niemand erlebt. Der Schwarze Tod hatte alles verändert.
Den Zeitgenossen und den folgenden Generationen war völlig unklar, warum es zum großen Sterben gekommen war. An mehr oder weniger fundierten Spekulationen war bis in die jüngst Zeit kein Mangel. Aus Gräbern jener Zeit gelang es jedoch vor circa zehn Jahren Proben zu entnehmen, mit deren Hilfe das Genom des Erregers bestimmt und die Jahrhunderte lange Diskussion beendet werden konnte. Der Verursacher des Massensterbens war das Bakterium Yersinia pestis, das durch Kleiderläuse und Flöhe übertragen und vor allem von Ratten von Ort zu Ort weitergetragen wird. Ähnlich wie Covid-19 ist auch dieses Bakterium außerordentlich ansteckend. Im Gegensatz zu Covid-19 sterben aber die allermeisten der Infizierten. Der Tod tritt schon nach wenigen Tagen ein, manchmal schon nach Stunden, und das Sterben ist in aller Regel qualvoll. Die Verbreitung der Seuche von Südost nach Nordwest im Europa der Mitte des 14. Jahrhunderts entsprach im Übrigen etwa der Geschwindigkeit, mit der damals Reisende den Kontinent durchquerten.
Die Verzweiflung der Zeitgenossen war verständlicherweise groß. Die von der Seuche ausgelöste Panik können wir uns selbst nach längerer Erfahrung mit Covid-19 kaum vorstellen. Niemand wusste, warum die Seuche sich so rasch ausbreitete und woher sie gekommen war; keiner konnte sagen, wer der Krankheit demnächst erliegen würde. Wilde Spekulationen machten die Runde. Quer durch Europa fragten diejenigen, die an den christlichen Gott glaubten, ob er die Seuche als Strafe geschickt habe oder ob sie ein Werk des Teufels sei.
Die Reaktionen der Zeitgenossen umfassten ein weites Spektrum: von Methoden, die auch im Rückblick als durchaus sinnvoll erscheinen, bis zu geradezu widersinnigen und obskuren Handlungen. Berichtet wird, dass beispielsweise in Mailand die Häuser mit Infizierten zugemauert wurden, so dass sich niemand anstecken konnte. Das war eine zwar martialische, aber durchaus effektive Methode der Isolierung. Vermutlich blieben die Todeszahlen in Mailand deshalb vergleichsweise gering. Deutlich größer war die Zahl der Verstorbenen in Venedig, obwohl auch dort eine Methode eingesetzt wurde, die im Rückblick rational und sinnvoll erscheint: Schiffe, die nach Venedig kamen, mussten vierzig Tage warten, ehe die Passagiere im Hafen an Land gehen durften und Fracht entladen wurde. Vierzig Tage, so schien es damals, waren lange genug, um zu sehen, ob sich jemand angesteckt hatte – wobei man allerdings die Pestresistenz der an Bord lebenden Ratten nicht berücksichtigte. Kaum nötig anzumerken, dass sich diese Methode bis heute gehalten hat, wenngleich eine Quarantäne, die nach einer Ansteckung mit Covid-19 verhängt wurde, nicht mehr vierzig Tage dauerte. Von der Zahl 40 aber, italienisch quaranta, stammt das Wort Quarantäne, das in den Wortschatz aller Sprachen in Europa eingegangen ist.
Um die Seuche abzuwehren, wurden in der Mitte des 14. Jahrhunderts auch Grenzen geschlossen, häufig Stadtgrenzen, aber auch die Grenzen ganzer Länder, ähnlich wie heute. Vor allem im damaligen Polen gelang es dadurch, das eigene Land weitgehend vor den Auswirkungen der fatalen Seuche zu schützen. Vielerorts wurden die Kleider der Verstorbenen verbrannt. Das erscheint auch im Rückblick als sinnvolle und nachvollziehbare Handlung. Einige der Ärzte, die zu Pestkranken gerufen wurden, trugen als Schutz mit Kräutern gefüllte sogenannte Pesthauben. Auch dies eine Maßnahme, die nicht völlig abwegig war, wenn auch die Abbildungen solcher Pesthauben wenig vertrauenerweckend erscheinen. Wer die Ärzte sieht, die in der Corona-Pandemie Erkrankte behandelten, kann jedoch unschwer erkennen, dass Schutzkleidung auch heute noch zu den Erfahrungen gehört, die aus der Pest-Pandemie des 14. Jahrhunderts stammen.
Welche Behandlungen Ärzte damals anwendeten, demonstriert dagegen ihre vollkommene Hilflosigkeit. Um der Krankheit Herr zu werden, wurden Infizierte zur Ader gelassen, und zwar nicht einmal, sondern mehrfach und möglichst gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Körpers. Andere rieten den Angehörigen von Erkrankten, aromatische Substanzen in einem Feuer zu verbrennen und den Rauch einzuatmen. Da angeblich Winde aus dem Süden die verheerende Krankheit transportierten, wurde auch empfohlen, beim Lüften nur Fenster zu öffnen, die nach Norden gingen. Dass das half, kann man bezweifeln. Die Pest wurde eben nicht durch die Luft übertragen. In jedem Fall steckte hinter dem Öffnen der Fenster eine andere Überlegung als hinter der heutigen Angst vor Aerosolen. Viele Menschen glaubten im 14. Jahrhundert auch, das ganze Elend sei durch eine ungünstige Konstellation der Planeten Saturn, Jupiter und Mars ausgelöst worden und dass es deshalb kein Gegenmittel gebe und man warten müsse, bis sich die Gestirne weiterbewegten.
Giovanni Boccaccio, der die Pest in Florenz erlebte, hat in der Einleitung zu seiner wegen ihrer fantasievollen Erzählungen berühmten Schrift Il Decamerone zwei Jahrzehnte nach der Katastrophe geschildert, wie seine Zeitgenossen auf das große Sterben reagierten. Gegen »das tödliche Pestübel«, welches »entweder durch Einwirkung der Himmelskörper entstanden oder im gerechten Zorn über unseren sündlichen Wandel von Gott als Strafe über die Menschen verhängt« wurde, habe »keine Klugheit oder Vorkehrung« geholfen, »obgleich man es daran nicht fehlen und die Stadt durch eigens dazu ernannte Beamte von allem Unrat reinigen ließ, auch jedem Kranken den Eintritt verwehrte und manchen Ratschlag über die Bewahrung der Gesundheit erteilte«. »Ebenso wenig« hätten »die demütigen Gebete« genützt, »die von den Frommen nicht ein, sondern viele Male in feierlichen Bittgängen und auf andere Weise Gott vorgetragen wurden«. Nicht wie im Orient hätte die Krankheit mit »Nasenbluten« als »offenbares Zeichen unvermeidlichen Todes« begonnen. Vielmehr seien in Florenz »gleichermaßen bei Mann und Weib an den Leisten oder in den Achselhöhlen gewisse Geschwulste zum Vorschein« gekommen, »die manchmal so groß wie ein Apfel, manchmal wie ein Ei wurden, bei den einen sich in größerer, bei den andern in geringerer Anzahl zeigten und schlechtweg Pestbeulen genannt wurden«. Später habe die Krankheit aber »eine neue Gestalt« angenommen. »Viele bekamen auf den Armen, den Lenden und allen übrigen Teilen des Körpers schwarze und bräunliche Flecken, die bei einigen groß und gering an Zahl, bei andern aber klein und dicht waren«. »Kein ärztlicher Rat und die Kraft keiner Arznei« sei »zur Heilung dieses Übels« wirksam gewesen. »Die wenigsten genasen, und fast alle starben innerhalb dreier Tage nach dem Erscheinen der beschriebenen Zeichen«.
»Unglaublich« sei, was er, Boccaccio, weiter zu berichten habe. »Ich sage nämlich, dass die ansteckende Krankheit dieser Seuche mit solcher Gewalt von einem auf den anderen übersprang, dass sie nicht allein vom Menschen dem Menschen mitgeteilt ward, sondern dass auch, was viel mehr sagen will, häufig und unverkennbar andere Geschöpfe außer dem Menschengeschlecht, wenn sie Dinge berührten, die einem an der Pest Leidenden oder an ihr Gestorbenen gehört hatten, von der Krankheit befallen wurden und an diesem Übel starben«. So habe man »die Lumpen eines armen Mannes, der an dieser Seuche gestorben war, auf die offene Straße geworfen, und dort fanden sie zwei Schweine, welche sie nach der Art dieser Tiere anfangs lange mit dem Rüssel durchwühlten, dann aber mit den Zähnen ergriffen und hin und her schüttelten; nach kurzer Zeit aber fielen sie beide, als hätten sie Gift gefressen, unter einigen Zuckungen tot auf die Lumpen hin, die sie zu ihrem Unheil erwischt hatten«.
Jeder habe versucht, die Kranken zu meiden und sich zu retten. »Einige waren der Meinung, ein mäßiges Leben, frei von jeder Üppigkeit, vermöge die Widerstandskraft« besonders zu stärken. »Andere aber waren entgegengesetzter Meinung zugetan und versicherten, viel zu trinken, gut zu leben, seine Lust zu befriedigen und über jedes Ereignis zu lachen und zu spaßen sei das sicherste Heilmittel für ein solches Übel«. In der Folge sei »das ehrwürdige Ansehen der göttlichen und menschlichen Gesetze fast ganz gesunken und zerstört« worden. Wiederum andere hätten »einen Mittelweg gesucht«. Sie »gingen umher«, so Boccaccio weiter, »hielten Blumen, duftende Kräuter oder sonstige Spezereien in den Händen und rochen daran, überzeugt, es sei besonders heilsam, durch solchen Duft das Gehirn zu erquicken; denn die ganze Luft schien von den Ausdünstungen der toten Körper, von den Krankheiten und Arzneien stinkend und beklemmend«. Viele jedoch seien nur »auf die eigene Rettung bedacht« gewesen und aus der Stadt geflohen, gerade so, als »ob der Zorn Gottes, der durch diese Seuche die Ruchlosigkeit der Menschen bestrafen wollte, sie nicht überall gleichmäßig erreichte, sondern nur diejenigen vernichtete, die sich innerhalb der Stadtmauern antreffen ließen«. Und schweigen wolle er davon, »dass ein Mitbürger den andern mied, dass der Nachbar fast nie den Nachbarn pflegte, und die Verwandten einander selten oder nie besuchten«, ja »dass ein Bruder den andern im Stich ließ, der Oheim seinen Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Mann«, und, »was das schrecklichste« sei »und kaum zu glauben scheint: Vater und Mutter weigerten sich, ihre Kinder zu besuchen und zu pflegen«.
Wegen der »Heftigkeit der Seuche« sei somit »fast unvermeidlich unter denen, die am Leben blieben, manche Unregelmäßigkeit« entstanden, die »den früheren bürgerlichen Sitten widersprach«. Nur noch wenigen Verstorbenen seien »die mitleidigen Klagen und die bitteren Tränen ihrer Angehörigen vergönnt« gewesen. Stattdessen hätte man »nun meist geselliges Lachen, Scherze und Gespött« gehört. Nicht mehr die Nachbarn, »achtbare und befreundete Bürger«, hätten die Toten zur Kirche geleitet. »Mit keiner Kerze, Träne oder Begleitung« hätte man die Toten geehrt. Vielmehr seien diese von Totengräbern »aus dem niederen Volk«, sogenannten Pestknechten, weggeschafft und »in die nächste beste« Kirche getragen worden. »Hier ließen die Geistlichen mit Hilfe der Pestknechte den Toten in die erste beste Gruft legen, die sie offen fanden, ohne sich zu langen Feierlichkeiten Zeit zu nehmen«. Und da »für die große Menge Leichen«, die »täglich und fast stündlich zusammengetragen wurden, der geweihte Boden nicht langte«, machte man, »statt der kirchlichen Gottesäcker, weil diese bereits überfüllt waren, sehr tiefe Gruben und warf die neu Hinzukommenden in diese zu Hunderten. Hier wurden die Leichen aufgehäuft, wie die Waren in einem Schiff und von Schicht zu Schicht mit ein wenig Erde bedeckt, bis die Grube bis zum Rand voll war«. »Innerhalb der Mauern von Florenz« seien, so Boccaccio, »über hunderttausend Menschen« dem Leben entrissen worden.
