Arabella, Weg der Hoffnung - Nina Beaumont - E-Book
SONDERANGEBOT

Arabella, Weg der Hoffnung E-Book

Nina Beaumont

0,0
4,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wien, 1814. Die temperamentvolle Aristokratin Arabella Douglas begleitet den englischen Gesandten nach Wien, um einen Ehemann zu finden, hofft aber stattdessen auf aufregende Abenteuer. Als sie sich in den zynischen und verbitterten Graf Ferdinand Berg (genannt Nando) verliebt, riskiert Arabella ihr Herz, um ihn von einer gemeinsamen Zukunft zu überzeugen. Die unkonventionelle und warmherzige Arabella ist alles, was sich Nando wünscht. Er wurde jedoch zu oft hintergangen, um an ihre Aufrichtigkeit und unschuldige Leidenschaft glauben zu können. Während sie einander in einem verführerischen Tanz voll knisternder Sinnlichkeit umkreisen, wird das Paar in politische Ränkespiele während des Wiener Kongresses hineingezogen, und Verrat und Eifersucht bedrohen ihre Liebe und ihr Leben. Arabella, Weg der Hoffnung ist das erste Buch der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten von Nina Beaumont. Der Roman ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig der folgenden Titel gelesen werden.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Das Buch

Ohne Titel

Vorwort

Eine persönliche Anmerkung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Leseprobe

Über die Autorin

Das Buch

Liebe, Leidenschaft und Intrigen in Zeiten des Aufbruchs

Wien, 1814. Die temperamentvolle Aristokratin Arabella Douglas begleitet den englischen Gesandten nach Wien, um einen Ehemann zu finden, hofft aber stattdessen auf aufregende Abenteuer. Als sie sich in den zynischen und verbitterten Graf Ferdinand Berg (genannt Nando) verliebt, riskiert Arabella ihr Herz, um ihn von einer gemeinsamen Zukunft zu überzeugen.

Die unkonventionelle und warmherzige Arabella ist alles, was sich Nando wünscht. Er wurde jedoch zu oft hintergangen, um an ihre Aufrichtigkeit und unschuldige Leidenschaft glauben zu können.

Während sie einander in einem verführerischen Tanz voll knisternder Sinnlichkeit umkreisen, wird das Paar in politische Ränkespiele während des Wiener Kongresses hineingezogen, und Verrat und Eifersucht bedrohen ihre Liebe und ihr Leben.

Arabella, Weg der Hoffnung ist das erste Buch der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten von Nina Beaumont. Der Roman ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig der folgenden Titel gelesen werden.

Die Autorin

Nina Beaumont wurde in Salzburg als Kind russischer Eltern geboren und wuchs in den USA auf. Während ihres Studiums lebte sie zeitweise in Österreich. Viele Jahre arbeitete sie als Übersetzerin und Lektorin. Ihre Begeisterung für Geschichte und das Reisen entdeckte Nina früh, daher ist es für sie ein Vergnügen, Schauplätze ihrer historischen Romane für Recherchen zu besuchen.

Für weitere Informationen besuchen Sie Nina Beaumonts Website https://www.ninabeaumont.com/und melden sich für ihren Newsletter an.

Historische Reihe Liebe in stürmischen Zeiten

Arabella, Weg der Hoffnung

Felicity, Weg in die Freiheit

Ariane, Weg in eine neue Welt

Irina, Weg durch den Sturm

Julie, Weg in den Neubeginn

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2022

Die Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel Sapphire Magic, veröffentlicht von Harlequin Historicals®

Copyright © 1991 Nina Gettler

Die zweite und überarbeitete Auflage erschien 2019

Aus dem Amerikanischen übertragen von Jutta E. Reitbauer

Umschlagdesign von Tammy Seidick Graphic Design

periodimages.com, shutterstock.com (Razvan Stroie, Fotograf)

Gesetzt von Maria Connor, My Author Concierge

Leseprobe von Felicity, Weg in die Freiheit

Copyright © 2019 Nina Gettler

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buchs darf ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Urheberrechtsinhaberin in irgendeiner Form und durch irgendwelche Maßnahmen, sei es elektronisch, mechanisch oder auf eine andere bekannte oder zukünftig erfundene Art und Weise vervielfältigt, aufgezeichnet oder vertrieben werden und darf nicht in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Rezensenten dürfen kurze Passagen für Rezensionen oder Artikel zitieren. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte Nina Gettler, Kreuzgasse 21, 8010 Graz ([email protected]).

Dies ist eine erfundene Geschichte. Alle in diesem Buch vorkommenden Namen, Personen, Orte und Handlungen entstammen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv verwendet.

Taschenbuch ISBN: 978-3-903301-20-7

E-Book ISBN: 978-3-903301-19-1

Dies ist Buch 1 der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten. Die Romane sind lose miteinander verbunden, aber jedes Buch ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig der anderen Titel gelesen werden.

WIDMUNG

In inniger Erinnerung an meine Mutter, die mir alle Möglichkeiten schenkte.

DANKSAGUNGEN

Mein Dank gilt der Autorin Lindsay McKenna für ihre Freundschaft, ihren Rat und ihre Hilfe und Aufmunterung in guten wie in schlechten Zeiten.

Meine Assistentin, Maria Connor von My Author Concierge, verdient ein besonderes Dankeschön für ihre harte Arbeit, durch die die Reihe Liebe in stürmischen Zeiten in die Welt hinausgetragen wurde.

Vorwort

Der Wiener Kongress stellte nach fünfundzwanzig Jahren Revolution, Krieg und Eroberungen Napoleons die Ordnung in Europa wieder her und leitete eine der längsten Friedensperioden für Europa ein. Zudem war er das größte und längste Fest, das je in Europa gefeiert wurde.

Vom September 1814 bis zum Juni 1815 wurde Wien der Mittelpunkt europäischer Politik (und des gesellschaftlichen Lebens), als hunderte Monarchen, Staatsoberhäupter, Diplomaten, Botschafter, Sekretäre, schöne Frauen und Spione – jede Menge Spione – sich in der Stadt zusammenfanden. Die Führungsrolle übernahm der österreichische Kanzler Clemens Wenzel Fürst Metternich, der den Beinamen »der Kutscher Europas« erhielt.

Bei so vielen Teilnehmern waren die Verhandlungen lang und kompliziert. Um ihnen die Zeit in Wien angenehmer zu gestalten, gab es reichlich Gelegenheit für Ablenkung – Bälle, Salons, andere Festlichkeiten wie das berühmte Karussell, die Neuauflage eines mittelalterlichen Turniers, und jede Menge Liebesaffären.

Selbst nachdem Napoleon von Elba geflohen war, gingen die Verhandlungen weiter, und die Schlussakte wurden 1815 nur neun Tage vor der Schlacht von Waterloo unterzeichnet.

Trotz des frivolen Rufes des Wiener Kongresses dauerten dessen Errungenschaften beinahe ein Jahrhundert lang bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs an. Diese lange Periode der Stabilität ermöglichte die Industrielle Revolution. Der Kongress legte außerdem Landesgrenzen neu fest, die bis heute existieren.

Aber diese Stabilität verlangte einen Preis. Der strenge Konservatismus und die Unterdrückung erstickten alle Demokratiebestrebungen in Europa. Da eine friedliche Veränderung unmöglich war, musste sie durch Revolutionen stattfinden (1848, 1870 und 1917).

Die Revolution von 1848 in Österreich bildet den Hintergrund von Felicity, Weg in die Freiheit, Buch 2 der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten, in welcher Leser*innen den ältesten Sohn der Hauptpersonen von Arabella, Weg der Hoffnung kennenlernen.

Eine persönliche Anmerkung

Diejenigen von Ihnen, die die Oper Arabella von Richard Strauss, Libretto von Hugo von Hofmannsthal, kennen, werden einige Zitate entdecken, die in diesem Roman verstreut sind. Sie sind als Hommage an Hofmannsthal gedacht, dessen Werke mir besonders am Herzen liegen.

Wie Hofmannsthal in Arabella den vorehelichen Brauch erfunden hat, dass die Verlobte ihrem zukünftigen Gatten ein Glas Wasser kredenzt, so habe ich den Brauch erfunden, dass Verlobte sich als Zeichen der innigen Verbundenheit einen Apfel teilen, in der Hoffnung, dass ihre Liebe ebenso süß und fruchtbar bleiben möge.

Kapitel1

Wien, Österreich, September 1814

»Wien«, flüsterte Arabella, als sie die Augen öffnete. Der Name schmeckte genauso süß auf ihrer Zunge wie an dem Tag, als sie vor zwei Wochen hier eingetroffen war. Genauso süß wie eine der köstlichen Patisserien, für welche die Stadt so berühmt war.

Ihr Vater hatte sie nach Wien geschickt, um einen Ehemann zu finden. Doch Arabella hoffte auf aufregende Abenteuer.

Sie schlug die Daunendecke zurück und sprang aus dem Bett. Eilig lief sie quer durchs Zimmer, öffnete die rosafarbenen Samtvorhänge und stieß die beiden Fensterflügel weit auf. Kühle Luft, welche die Septembersonne noch nicht hatte erwärmen können, strömte herein und brachte den Geruch von Holzrauch und frisch gebackenem Brot mit sich. Arabella umklammerte den Fensterrahmen, stellte sich auf die Zehenspitzen und zog sich auf die breite Fensterbank. Das Gesicht nach oben geneigt, atmete sie tief ein.

Über den schmalen, mehrere Stockwerke hohen Häusern war nur ein kleiner Flecken strahlend blauen Himmel zu sehen. Aber oh, was für ein Blau! Ganz gewiss hatte sie zu Hause in England nie einen Himmel von so einem leuchtenden Azurblau gesehen. Die prächtige Farbe war auffallend und wunderschön und schien die Welt darunter widerzuspiegeln.

Es war noch früh und die wenigen Geräusche, die zu ihrem Fenster im zweiten Stock hochdrangen, waren in der Stille des Morgens deutlich auszumachen. Das Klappern von Geschirr aus einem Küchenfenster. Gurrende Tauben unter der Traufe. Das gleichmäßige, dumpfe Schlagen von etwas Schwerem, das auf einen Wagen geladen wurde. Das Wiehern eines Pferdes um die Ecke. Lächelnd schloss Arabella die Augen und die unterschiedlichen Geräusche verschmolzen zu einer harmonischen Einheit.

Als sie eine gepfiffene Melodie auffing, die ihr Signal war, schob sie sich noch ein Stück weiter zum Fenster hinaus, damit sie hinunter auf den kleinen Platz zwischen den dicht gedrängten Häusern sehen konnte.

Der hellblonde Lehrling aus der Bäckerei im Erdgeschoss bugsierte gerade einen unhandlichen Korb voller Brötchen, Semmeln und Brotlaibe auf einen Karren. Er warf einen schnellen Blick nach oben und ein Lächeln brachte sein schmales Gesicht zum Leuchten. Verstohlen winkte er Arabella zu und sah über seine Schulter, um sicherzugehen, dass sein Lehrherr, der so schnell darin war, Ohrfeigen auszuteilen, nicht in der Nähe war.

Arabella erwiderte das Lächeln und winkte zurück. Sie verschwendete keinen Gedanken daran, wie sie in ihrem weißen Nachthemd aus dünnem Batist und dem dicken schwarzen Zopf, der ihr halb aufgelöst über die Schulter hing, aussah, sondern beugte sich noch ein wenig weiter aus dem Fenster, während sie sich zu entscheiden versuchte, was sie heute zum Frühstück essen wollte.

Der Junge warf einen weiteren Blick über seine Schulter und begann das tägliche Ritual, das seit Arabellas Ankunft zur Gewohnheit geworden war. Schnell deutete er auf eine Sorte Gebäck nach der anderen und sah nach jedem Fingerzeig schnell nach oben. Als er zu den Rosinenbrötchen kam, nickte Arabella heftig und griff nach ihrem Pompadour.

Nachdem sie eine Münze hineingelegt hatte, band sie das Ende einer Garnrolle an die Zugbänder und ließ den kleinen Beutel auf die Straße hinunter, der blaue Samt ein fröhlicher Farbtupfer vor dem graubraunen Stein.

Binnen einer Minute lag ein warmes Rosinenbrötchen anstelle der Münze im Pompadour, die Transaktion war zur Zufriedenheit beider Parteien abgewickelt worden und Arabella rollte den Faden wieder auf.

Mit einem Knarren öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer und Arabella hörte ein Aufkeuchen und das Klappern von Geschirr, ehe die Stimme ihrer Zofe ertönte. »Mon Dieu, seien Sie vorsichtig, mademoiselle.«

Binnen Sekunden hatte Jeanne das Nachthemd gepackt und sie zurück ins Zimmer gezogen.

Arabella wirbelte zu ihr herum, umarmte sie stürmisch und erstickte damit die drohende Schelte im Keim.

»Was für ein wundervoller Morgen, Jeanne.« Sie trat zurück und holte das Brötchen aus ihrem Beutel. »Hier, nimm dir ein Stück.«

»Müssen Sie das jeden Morgen tun?«, brummte Jeanne. »Falls Lady Castlereagh herausfindet, was für ein Wildfang Sie sind, ist sie mit Ihnen fertig und wird Sie zurück nach London schicken.«

Liebevoll drückte Arabella das weiche Speckröllchen, das über Jeannes Schürze ragte. »Du kannst mich nicht täuschen, ma vieille.« Sie kicherte. »Du und maman versucht seit neunzehn Jahren, eine sanftmütige, junge Dame mit perfekten Manieren aus mir zu machen, aber falls ich das wirklich wäre, würde es dir mehr missfallen als allen anderen.«

Die Lachfalten um ihre Augen wurden tiefer und Jeanne hörte schließlich auf, ihr Lächeln zu unterdrücken. »Eh bien, dann betreiben Sie von mir aus weiter Ihr kleines, morgendliches Spiel.« Sie wackelte mit dem Zeigefinger vor Arabellas Nase. »Passen Sie nur auf, dass Sie nicht zusammen mit Ihrem Pompadour auf die Straße hinuntersegeln.«

Arabella nickte und beugte sich über den Tisch, um einen Schluck von ihrer heißen Schokolade zu nehmen. Ihre Gedanken drehten sich bereits um den Tag, der vor ihr lag, und sie hatte zu viel Energie, um sich zum Frühstück hinzusetzen. Auch wenn es noch früh war, hatte sie keine Zeit zu verlieren – für sie hatte der Tag nie genug Stunden.

Bevor Arabella das Haus verließ, klopfte sie wie jeden Morgen an der Tür zu Lady Castlereaghs Salon.

»Begleiten Sie uns heute bei unserer Besichtigung von Sehenswürdigkeiten, Lady Castlereagh?« Die Lüge kam ihr ein wenig zu leicht über die Lippen und sie fühlte sich schuldbewusst – aber nicht allzu sehr.

Während der vergangenen fünf Wochen, die sie in Antwerpen, Brüssel und dann Paris verbracht hatten, war Arabella Lady C, wie sie sie heimlich nannte, ans Herz gewachsen, also missfiel es ihr, sie anzulügen, da ihr jede Art von Täuschung zuwider war. Aber obwohl die unbekümmerte, gutmütige Lady C weder eine strenge Anstandsdame noch die eingefleischte Kupplerin war, die ihr Vater bevorzugt hätte, zögerte Arabella, ihr zu sagen, dass sie die Stunden, die sie angeblich damit zubrachte, die Architektur und Kunst von Wien zu bewundern, in Wahrheit in einem armseligen Waisenhaus verbrachte.

»Heute nicht, meine Liebe, aber gehen Sie nur aus. Und vergessen Sie nicht, Jeanne mitzunehmen.« Lady Castlereagh lächelte und griff nach einer Praline.

Arabella und Jeanne durchquerten den kleinen Petersplatz und spazierten flotten Schrittes über den Graben und an der hochbarocken Säule vorbei, die zum Gedenken an die Erlösung von der Pest errichtet worden war. Weder hielten sie vor den stilvollen Schaufenstern unter bunten Markisen, noch blieben sie stehen, um die gotische Pracht des Stephansdoms zu bewundern.

Arm in Arm schritten sie durch das Gewirr an Straßen, bis sie ihr Ziel erreichten – ein heruntergekommenes Gebäude, das in einer schmalen, finsteren Gasse in der Nähe der Donau lag. Hier sahen die Stadtmauern dunkel und bedrohlich aus und wiesen wenig Ähnlichkeit mit dem Festungswall in der Nähe der Hofburg auf, welchen die geschäftstüchtigen Wiener in eine elegante Flaniermeile verwandelt hatten.

Als sie die Stufen hochstiegen, fragte sich Arabella, ob Jeanne je verstehen würde, dass sie die Zeit hier im Waisenhaus brauchte, das so voller Kinder war, die nach einem Lächeln gierten, nach einer Berührung. Sie brauchte das als Ausgleich zur Frivolität der gesellschaftlichen Aktivitäten, die so viel von ihrer Zeit in Anspruch nahmen, so wie man einen Atemzug frischer, sauberer Luft brauchte, nachdem man sich in einem stickigen Raum aufgehalten hatte.

Es war früher Nachmittag, als sie sich wieder auf den Weg zum Petersplatz machten. Der Sonnenschein war so einladend, dass sie sich für die lange Route entschieden und auf der Promenade am Festungswall dahinschlenderten.

Während der Jahrhunderte, als die Türken und kriegerische Stämme aus dem Osten wiederholt Wien bedrohten, hatten die Steinmauern bestens ihren Zweck erfüllt. Aber jetzt, da sie nicht länger ein unverzichtbares Verteidigungsmittel waren, stellten die breiten Gehwege einen beliebten Ort dar, an dem man ein neues Kleid oder einen neuen Liebhaber ausführen konnte.

Bäume und Sträucher säumten die Wege und bunt bemalte Bänke waren auffällige Blickfänge inmitten des Grüns. Arabella entging nicht, dass Jeanne immer langsamer wurde.

»Sollen wir uns eine Weile hinsetzen?«, fragte Arabella und erntete damit einen dankbaren Blick von Jeanne.

An vielen der breiteren Stellen des Walls schmiegten sich Cafés an die üppige Vegetation, ihre Tische sowohl im Inneren der Häuschen als auch auf mit Steinplatten ausgelegten Terrassen. Die Bank, auf der sie saßen, bot ihnen freien Blick auf solch ein Café, und Arabella hob die Nase, um den köstlichen Duft von frisch geröstetem Kaffee aufzufangen. Musiker spazierten zwischen den Tischen umher, und sogar Jeanne verfiel dem Zauber der Geigen und Akkordeons, die genau die richtige Spur Melancholie aufwiesen, und schunkelte leicht im Takt der Musik.

Die elegant gekleideten Menschen verströmten Fröhlichkeit, aber es war nicht die spröde, künstliche Fröhlichkeit, die Arabella in Paris beobachtet hatte. Hier fühlte sie sich unbeschwert und spontan an und Arabella hätte am liebsten vor Freude laut gelacht.

Schließlich konnte sie nicht länger still sitzen und die beiden gingen weiter. Als eine Kurve der Wehrmauer ein atemberaubendes Panorama der Stadt auf einer Seite und ein besonders einladendes Café auf der anderen bot, entschied Arabella, dass nach ihrem langen Spaziergang eine kleine Erfrischung nötig war.

Jeanne fing ihren sehnsüchtigen Blick auf. »Wagen Sie es ja nicht, dort alleine hineinzugehen«, flüsterte sie.

Arabellas Sehnsucht verwandelte sich in Entschlossenheit. »Dort drinnen sitzen auch einige Damen ohne Begleitung.«

»Dort drinnen sitzen einige Frauenzimmer ohne Begleitung«, sagte Jeanne mit einem Schnauben. »Ich würde keinen sou darauf verwetten, dass eine von ihnen eine Dame ist.«

»Oh, Jeanne, ich bitte dich.« Arabella gab ihr einen kleinen, verschwörerischen Stoß mit dem Ellenbogen. »Niemand kennt uns und alles, was ich möchte, ist ein kühles Getränk. Ich habe nicht vor, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.«

Jeanne zog die Enden ihres Schultertuchs herunter und verschränkte die Arme vor ihrem üppigen Busen. Den finsteren Blick auf ihren Schützling gerichtet, stellte sie sich ihr in den Weg, bereit, alle Argumente in den Wind zu schlagen, die Arabella einfallen mochten.

Doch Arabella stritt nicht mit ihr. Stattdessen entwaffnete sie Jeanne mit einem arglosen Lächeln, nahm sie am Arm und drehte sie so schnell um, dass Jeanne keine Wahl hatte, als ihr hinter die Sträucher in großen Töpfen zu folgen, die die Terrasse vom Gehweg trennten – außer, sie wollte Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Graf Ferdinand Berg lehnte am weißen Tresen, der die gesamte Länge des Cafés einnahm. Seine langen Finger, die bis auf einen goldenen Siegelring schmucklos waren, spielten mit einem hohen, schlanken Glas in einem silbernen Halter, das mit schwarzem Kaffee mit einer Sahnehaube gefüllt war, von den Einheimischen Einspänner genannt. Ein zufälliger Beobachter hätte seine Haltung wohl als desinteressiert beschrieben. Nur jemand, der sich die Mühe machte, näher hinzusehen, hätte die Anspannung in den schlanken Händen bemerkt, die Ruhelosigkeit in den klaren silbergrauen Augen.

Er war gelangweilt, und wie immer, wenn er sich langweilte, war Graf Berg gereizt. Doch das Leben, das er führte, hatte ihn schon vor langer Zeit dazu gezwungen, sich die Disziplin anzueignen, unangemessene Emotionen zu verbergen, also fiel es niemandem auf. Auch nicht seinem jungen Freund, Graf Hugo Lemdorf, der neben ihm an der Theke lehnte. Nicht einmal der hübschen Blondine an einem Tisch in der Nähe, die genau auf die Richtung seines Blicks achtete und nie eine Gelegenheit ausließ, Blickkontakt herzustellen und ihm ein kokettes Lächeln zu schenken.

Mit halbem Ohr hörte Berg Hugos Kommentaren voller jungenhaftem Enthusiasmus über die Damen um sie herum zu. Kühl ließ er den Blick über die schwatzende Menge schweifen, und mit all der Leidenschaft, die er so gut verbarg, wünschte Graf Berg, er wäre andernorts.

Nach neun Jahren in der Kaiserlich-Königlichen Armee Österreichs, neun Jahren von nahezu ununterbrochenem Krieg, war er zurück in Wien. Der hoffentlich letzte Feldzug, in dem er gekämpft hatte, lag über ein halbes Jahr zurück. Trotzdem war er weiterhin kein freier Mann. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris drehte er jetzt schon seit fast fünf Monaten in Wien Däumchen und drängte General Fürst Schwarzenberg, seinen Kommandanten, ständig dazu, ihn endlich freizustellen, damit er auf seine Ländereien zurückkehren konnte, die quer über die Steiermark, Böhmen und Ungarn verteilt waren. Doch der Fürst bestand weiterhin darauf, dass Bergs Anwesenheit als Repräsentant von einem von Österreichs ältesten Adelshäusern während des Kongresses notwendig war, der sich in diesem September in Wien versammelt hatte, um Europa nach dem Sturz Napoleons neu aufzuteilen.

Ein Schwall Unzufriedenheit durchlief ihn. Sein Leben war voller bedeutungsloser gesellschaftlicher Anlässe, die ihn mit ihren subtilen Intrigen und liederlichen Tändeleien abstießen. In der Armee war das Leben wenigstens klar umrissen. Die Brutalität, die Grausamkeiten waren offen und ehrlich. Ein Mann wusste genau, wer seine Feinde waren. Graf Berg war immer der Meinung gewesen, es wäre leichter, sich während eines Angriffs der Kavallerie den Rücken frei zu halten als in einem Wiener Salon.

Er sehnte sich danach, zu Hause zu sein, auf den endlosen Wiesen und Wäldern der Berg-Ländereien. Umgeben von fröhlichem Geplapper wollte er eine Stille, die nur durch das Lied eines Vogels oder dem leisen Zischen einer Sense durchbrochen wurde. Inmitten von Wolken französischen Parfüms wollte er eine Luft, die nach feuchten Fichtennadeln und frisch gemähtem Heu roch. Er wollte sich wieder ganz fühlen, nachdem er sich jahrelang zwischen den Kämpfen auf dem Schlachtfeld und den Kämpfen im Boudoir hatte aufteilen müssen, die ihn leer und zynisch zurückgelassen hatten.

Berg wandte den Blick von der blonden Frau mit dem koketten Lächeln ab. Dann richtete er sich plötzlich instinktiv auf, als hätte eine unsichtbare Hand ihn an dem hohen, steifen Kragen seines weißen Uniformrocks hochgezogen.

Nur mit Mühe verhinderte er eine Bewegung, die ihn näher an das Mädchen gebracht hätte, das direkt hinter den Topfpflanzen stand, welche die Terrasse des Cafés vom Gehweg trennten.

Es war die junge Engländerin, der er in Paris begegnet war. Unwillkürlich musste er lächeln, als ihm einfiel, wie couragiert sie sich mit einem unverfrorenen französischen Adeligen auseinandergesetzt hatte, nachdem sein Pferd den Wagen einer Blumenverkäuferin umgestoßen hatte. Die Frau, die mit ihren magischen saphirblauen Augen nicht nur atemberaubend schön war, sondern auch so aufrichtig und ungekünstelt gewirkt hatte. Er erinnerte sich an den Klang ihres spontanen Lachens, und allein bei der Erinnerung geriet sein Blut in Wallung. Aber er erinnerte sich auch allzu schnell daran, wie viel Verlogenheit Schönheit verbergen konnte.

»Eine kleine Wette, Nando, mein Freund? Das Mädchen in der blauen Haube, ist sie Französin oder Engländerin?«

Er stutzte, als ihm klar wurde, von wem sein Begleiter sprach.

»Sag du es mir, Hugo«, presste er hervor. »Du hast doch die Damen unserer charmanten Stadt mit solcher Ausdauer studiert.«

Der jüngere Mann strich mit dem Daumen über seinen rotbraunen Schnurrbart und ignorierte gutmütig Nandos Sarkasmus. »Ihr Kleid ist ganz neumodisch. Aber der Schnitt des Kleides ihrer Begleiterin ist ziemlich passé.« Er beugte den Kopf näher zu Nando und murmelte: »Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass heutzutage nur Engländerinnen Korsette tragen.«

Nando lachte ohne ehrliche Erheiterung. »Hugo, falls du den gleichen Enthusiasmus für das Studium von Militärstrategie aufwenden würdest wie für Frauenmode, wäre dir eine steile Karriere in der Armee sicher.«

Er beobachtete, wie sie Platz nahm und mit einem liebevollen Lächeln, das viel zu natürlich wirkte, um vorgetäuscht zu sein, eine Hand auf den Arm ihrer Begleiterin legte. Wenn jemand Nando erklärt hätte, dass seine Miene weicher wurde, während er sie betrachtete, hätte er nur zynisch darüber gelacht. Er ignorierte Hugo und sein Geplauder und verlor sich stattdessen wieder in ihrem Lächeln.

»Entweder ist sie eine Engländerin mit einer französischen Schneiderin«, fuhr Hugo fort, »oder eine französische emigrée, die erst vor Kurzem aus ihrem Exil in England zurückgekehrt ist.« Er stützte sein weiches, rundes Kinn auf seiner Faust ab, legte den Kopf schief und vermittelte das Bild eines wahren Kenners. »Ich würde auf Letzteres tippen«, sinnierte er verträumt. »Ja, mit dieser natürlichen Anmut und Haltung kann sie eigentlich nur Französin sein.«

»Gütiger Gott, Hugo, hör doch auf, Unsinn zu plappern«, fauchte Nando.

»Und vielleicht solltest du aufhören, sie mit den Augen zu verschlingen, ehe es jemandem auffällt, Nando«, erwiderte Hugo abwehrend, während eine Röte seinen Hals überzog.

»Was? Ich habe …« Er wollte Hugos Anschuldigung von sich weisen, schwieg dann allerdings, da er wusste, dass es stimmte. Dieses Mädchen hatte eine lange vergrabene, lange vergessene Quelle der Zärtlichkeit in ihm berührt. Eine Stelle, an der er nicht berührt werden wollte. Nur für einen Moment kam Nando in den Sinn, dass er es vielleicht zu sehr wollte. Aber er würde jetzt nicht darüber nachdenken.

Wie dumm, schimpfte er mit sich selbst. Sie war schön und hatte ihn einfach nur daran erinnert, dass er schon seit viel zu langer Zeit keine Frau mehr gehabt hatte. Trotzdem warf er ihr den nächsten verstohlenen Blick zu, nur für eine Sekunde, um ihr fröhliches Lächeln aufzunehmen wie trockene Erde, die einen willkommenen Regenguss aufnahm. Dann legte er Hugo eine Hand auf die Schulter, was ihren Aufbruch ankündigen sollte. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, schnappte er einen Fetzen einer Unterhaltung an einem nahe gelegenen Tisch auf.

»Das Mädchen in Blau da drüben. Ich habe gehört …«

Nando stand wie angewurzelt da und tat etwas, das er für verabscheuenswürdig gehalten hätte, wenn sein Kopf klar gewesen wäre. Er belauschte das Gespräch.

»Das ist Arabella Douglas, die in Beziehung zu den Castlereaghs steht. Vielleicht eine arme Verwandte – sie hat keinen Titel.« Die Stimme der Frau enthielt eine Bestimmtheit, die anzeigte, dass sie einige Mühe auf sich genommen hatte, um sich diese Fakten anzueignen. »Noch nicht.«

»Sie ist ganz reizend«, sagte ihr Begleiter und überdeckte seinen Enthusiasmus mit einem Hüsteln.

Die Frau sagte unwirsch: »Zweifellos ist sie auf der Jagd nach einem Ehemann. Schließlich gibt es zurzeit in Wien mehr unverheiratete Adelige als in jeder anderen europäischen Stadt.«

»Es geht das Gerücht um, dass sie jeden Vormittag in einem Waisenhaus verbringt«, mischte sich eine weitere weibliche Stimme ein. »Freiwillig. Ich kann es nicht fassen.«

»Diese Engländer mit ihrer selbstgerechten Art«, sagte die erste Frau in einem abfälligen Tonfall. »Falls es stimmt, dann glaubt diese Göre wahrscheinlich, dass sie einen wohlmeinenden Mann mit ihrer Nächstenliebe beeindrucken kann.« Ihr Lachen war laut und kehlig und enthielt einen Unterton von Boshaftigkeit. »Warum sollte sie besser sein als wir alle?«

Das Lachen der Frau ließ Nando bewusst werden, was er gerade tat.

»Komm, gehen wir«, sagte er gereizt. »Wir stehen schon lange genug wie Idioten hier herum.« Nando setzte den Kaffee, den er kaum angerührt hatte, mit einem Knall auf dem Tresen ab. Er warf einige Münzen auf das Tablett der Kassiererin und eilte aus dem Café, da er wusste, dass er schleunigst wegkommen musste, ehe er eine Dummheit beging.

»Wohin willst du überhaupt, Nando?«

Hugos Stimme brachte ihn zurück auf die sonnige Terrasse. »Ganz egal«, presste er mit rauer Stimme hervor.

Um auf Jeanne Rücksicht zu nehmen, hatte Arabella einen Tisch gewählt, der durch ein Gitterspalier teilweise vom Gehweg abgetrennt war. Mit einem distinguierten Nicken dankte sie dem Kellner, der zwei große Gläser Mandelmilch vor ihnen abstellte.

Von einem seltsamen Gefühl aufgeschreckt, das sie nicht beschreiben konnte, hob Arabella den Kopf und erhaschte einen Blick auf eine hochgewachsene Gestalt in der Uniform eines österreichischen Offiziers, die sich ruckartig vom Tresen abwandte und mit schnellen Schritten auf die Terrasse eilte, als wäre der Teufel hinter ihr her.

Als der Mann den Kopf leicht drehte, erkannte sie Graf Ferdinand Berg, den Offizier, den sie in Wien unbedingt finden wollte, und sie wäre fast aufgesprungen, um ihm zu folgen.

Er eilte über den Sandweg und seine auf Hochglanz polierten, schwarzen Reitstiefel wirbelten kleine Staubwolken auf. Sie fragte sich, ob er sie gesehen hatte. War das der Grund, warum er davongestürmt war? Sie blickte ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war, alle anderen Gedanken wie weggewischt.

Kapitel2

»Sind Sie Arabella Douglas?«

Die Frage klang beinahe wie eine Herausforderung, und Arabella murmelte eine höfliche Entschuldigung, um sich aus der zwanglosen Unterhaltung mit einem älteren Herrn zu verabschieden.

»Ja, das stimmt.« Sie drehte sich um und fand sich einer jungen Frau mit einer kunstvollen Frisur aus aschblonden Locken gegenüber.

Arabella ließ die offensichtliche Musterung über sich ergehen und nahm ihre eigene vor. Sie fand die junge Frau mit der langen Nase und dem aristokratischen Auftreten nicht unattraktiv.

»Nun?«, fragte sie nach einer kurzen Weile. »Genüge ich Ihren Anforderungen?«

»Ich denke ja«, sagte die Blondine. Ihre Mundwinkel hoben sich und das Lächeln machte ihre Gesichtszüge weicher. »Ich bin Lulu von Thurnheim, und wie Sie vielleicht schon erraten haben, bin ich berüchtigt für meine Direktheit.«

»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Arabella hatte den Namen schon gehört und wusste, dass die drei Thurnheim-Schwestern in der Wiener Gesellschaft sowohl für ihre Anmut als auch für ihre Unverblümtheit bekannt waren. »Ich halte Direktheit für eine erfrischende, wenngleich seltene Gepflogenheit.« Bei der überraschten Miene der jungen Komtesse konnte sie ein verschmitztes Lächeln nicht unterdrücken. »Wenn Sie mir sagen, was Ihre Kriterien sind, kann ich Ihnen vielleicht bei der Entscheidung helfen, ob ich Ihren Anforderungen genüge oder nicht.«

Lulu legte den Kopf schief und tippte sich mit ihrem Fächer auf den hohen Wangenknochen. »Ich würde gerne wissen, ob Sie eine Schwindlerin sind.«

Überrascht wich Arabella einen Schritt zurück. »Meinen Sie damit, ob ich wirklich Arabella Douglas bin oder eine Hochstaplerin?«

»Nein, an Ihrer Identität scheint kein Zweifel zu bestehen«, fuhr Lulu gleichmütig fort, während sie ihren Fächer öffnete und sich mit träger Eleganz Luft zufächelte. »Aber ansonsten sind die Meinungen geteilt. Sind Sie wirklich so eine Samariterin, dass Sie Ihre Zeit für ein schmutziges Waisenhaus opfern«, sie erschauerte ganz leicht, »oder haben Sie nur eine besonders gewitzte Art gefunden, um als gute Fee aufzutreten und uns alle wie Philister aussehen zu lassen?«

Arabella spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich. »Wollen Sie damit sagen, dass die Leute darüber Bescheid wissen?«

»Meine Liebe, es gibt in Wien mehr Spione als Flöhe im Fell eines Hundes. Hier bleibt nichts, absolut nichts lange ein Geheimnis.« Lulus hellbraune Augen verengten sich und ihr Blick ruhte prüfend auf Arabellas Gesicht. »Hatten Sie vor, Ihren seltsamen Zeitvertreib zu verheimlichen? Warum, um Himmels willen?«

Arabella holte tief Luft. »Dieser Zeitvertreib ist einer der Gründe, warum ich ursprünglich aus London weggeschickt wurde.«

Lulu bedeutete ihr fortzufahren.

»Mein Vater hat entschieden, dass meine ‚verflixten guten Taten‘, wie er sie nennt, mich von meiner Pflicht abhalten, einen passenden Ehemann zu finden – neben anderen Verfehlungen.« Arabella zuckte mit den Schultern. »Als Lady Castlereagh den Wunsch geäußert hat, dass ich sie begleite, war er überglücklich und hofft, dass ich hier jemanden finde, der mich ihm abnimmt.«

Lulu lachte. »Ich kenne dieses Problem nur zu gut. Aber jetzt, da ich das reife Alter von sechsundzwanzig erreicht habe, hat sich mein Vater mit der Vorstellung abgefunden, dass er für den Rest seiner Tage die Rechnungen meiner Schneiderin bezahlen wird. Also kann ich nun üblicherweise völlig in Ruhe meine Zunge an allen schärfen.« Sie schob ihre Hand in Arabellas Arm. »Meine liebe Arabella Douglas, ich denke, dass wir bestens miteinander auskommen werden. Du kannst mich Lulu nennen.«

Zusammen schlenderten sie zum Musikzimmer, wo jemand auf dem Pianoforte spielte. Lulu schien alle zu kennen und hatte über jeden von ihnen etwas zu sagen.

Arabella folgte Lulus Kommentaren mit wenig Aufmerksamkeit, während sie ihre Gedanken wandern ließ. Der Kern ihrer Unruhe waren Träumereien von dem Offizier mit den silbergrauen Augen, dem sie in Paris begegnet war und den sie neulich in einem Café gesehen hatte. Es war für sie eine neue und unliebsame Erfahrung, dass ein Mann beständig ihre Gedanken in Beschlag nahm. Doch dieser Moment, als die eisigen Augen des blonden Offiziers warm und anziehend wurden und die Hitze sie berührt hatte, war weiterhin wie etwas Lebendiges in ihr verblieben.

Jedes Mal, wenn Lulu auf einen schneidigen Offizier in der prächtigen weiß-roten Uniform der österreichischen Armee zeigte, ruckte Arabellas Kopf hoch und sie sah rasch nach, ob es Graf Ferdinand Berg mit den Augen aus Eis und Feuer war.

Schließlich fragte Lulu: »Hältst du nach jemand Bestimmten Ausschau?«

Einen Moment lang zog Arabella in Betracht, es abzustreiten, entschied sich dann aber für eine Halbwahrheit und zuckte mit den Schultern.

»Ach ja?« Lulu lächelte wissend. »Dann werde ich morgen vor dem großen Ballsaal in der Hofburg auf dich warten.« Sie drückte Arabellas Arm. »Alle Männer in Uniform werden ohne Maske erscheinen.«

Aufregung durchströmte Arabella, als sie zusammen mit den Castlereaghs den rot-goldenen Ballsaal betrat. Kutschen hatten die Zufahrten zur Hofburg verstopft, sodass sie gezwungen gewesen waren, den letzten Teil der Strecke zu Fuß zurückzulegen. Zwei Diener waren vorausgegangen, um ihnen den Weg mit langen Stöcken freizumachen. Im Inneren war das Gedränge noch viel dichter. Und als Arabella sah, wie der Lakai, der ihre Einladungen entgegennahm, sie unauffällig gegen einige Münzen an jemand anderen weiterreichte, wusste sie warum.

Sie hatte bereits entschieden, dass Lulu von Thurnheim sie in dieser riesigen Menge niemals finden würde, als eine große, dünne Gestalt in einem rosa Domino mit Maske ihren Arm berührte.

Nach den gegenseitigen Vorstellungen hatten die Castlereaghs nichts dagegen, sie Lulus Obhut zu überlassen.

Trotz der Halbmasken, welche die meisten der Damen trugen, schien Lulu jede zu erkennen, die ihrer Aufmerksamkeit würdig war, und als der Ball offiziell mit der traditionellen, feierlichen Polonaise begann, hatte sich Arabella dem Geist von Lulus respektlosen Bemerkungen angeschlossen.

Zar Alexander und die Kaiserin von Österreich führten die lange Reihe von Tänzern an.

»Ein seltsames Paar«, flüsterte Lulu.

Sie sahen zusammen tatsächlich seltsam aus, dachte Arabella. Der russische Zar war groß, blond und wohlgenährt, während die österreichische Kaiserin, deren dunkler Schopf kaum bis zu Alexanders Ellenbogen reichte, so abgemagert war, dass ihre mit viel Rouge betonten Wangen nahezu grotesk aussahen.

»Glaubst du, dass er ein Korsett trägt?«, flüsterte Arabella zurück und beide kicherten leise, was ihnen missbilligende Blicke der anderen Zuschauer einbrachte.

Die Polonaise dauerte unendlich lange. Um sich die Zeit zu vertreiben, bis alle Ballbesucher auf die Tanzfläche durften, bahnten sich Arabella und Lulu einen Weg durch einen glitzernden, überfüllten Ballsaal nach dem anderen. Als Lulu stehen blieb, um mit jemandem einige Worte zu wechseln, schlüpfte Arabella in einen der kleineren Salons, in dem es im Vergleich mit der intensiven Wärme der Ballsäle kühl war.

Jemand ging rasch an ihr vorbei und aus dem Augenwinkel nahm sie leuchtendes Rot und strahlendes Weiß wahr. Die breitschultrige Gestalt blieb vor einem Fenster stehen und Arabella erstarrte. Der Mann drehte sich leicht zur Seite, um mit jemandem zu reden, und bot ihr dadurch einen Blick auf sein markantes Profil und seine vernarbte Wange. Sie hielt den Atem an, ohne sich dessen überhaupt gewahr zu werden.

Als sie schließlich ausatmete, rang sie nach Luft. Ihr war weder ihre unnatürliche Starre noch ihr stolpernder Herzschlag bewusst, der ihre Atemzüge stocken ließ, als sie darauf wartete, dass er sich umdrehte.

Plötzlich spürte Arabella den Druck von Lulus Hand auf ihrem Arm. Sie wandte den Blick nicht von der Gestalt am Fenster und flüsterte: »Kennst du ihn?« Sie missachtete gerade alle gesellschaftlichen Regeln, aber Arabella kümmerte es nicht.

»Also ist er es.« Lulu lächelte. »Ja, ich kenne ihn. Soll ich dich vorstellen?«

Arabella ignorierte die Frage. »Ist er Graf Ferdinand Berg?«

»Ja.« Lulu warf ihr einen überraschten Blick zu. »Kennst du ihn?«

Arabellas Herzschlag kam erneut ins Stolpern und schnürte ihr die Kehle zu. »Wir haben uns kurz in Paris gesehen.«

»Ich würde dir vielleicht keinen Gefallen tun, wenn ich dich vorstelle«, murmelte Lulu.

Arabellas Augen weiteten sich, bis das Dunkelblau nur ein schmaler Rand um die riesigen schwarzen Pupillen war. Sie wusste, dass die Worte ihrer neuen Freundin Besorgnis in ihr erzeugen sollten, aber sie hatte nur Angst, dass er verschwinden würde, bevor sie ihm wieder in die Augen sehen konnte.

»Nando hat immer diese Wirkung auf Frauen«, sagte Lulu mit einem wissenden Lächeln, das sie älter erscheinen ließ. »Zum Glück war ich in so jungen Jahren davon betroffen, dass ich mich mühelos davon erholt habe.«

Nando. Einen Moment lang ließ Arabella den Namen stumm auf ihrer Zunge zergehen. »Wie lange kennst du ihn schon?«

»Eine Ewigkeit. Wir haben einen Teil von jedem Sommer auf einem Anwesen verbracht, das an die Besitztümer der Bergs in der Steiermark grenzt.« Lulu lächelte bei der alten, liebgewonnenen Erinnerung. »Mit zwölf hat sich Nando das Bein gebrochen. Ich habe ihm während seiner Genesung den halben Sommer lang Gesellschaft geleistet, was beinahe fatal für mein junges Herz war. Ich war acht.« Sie lachte leise. »Das Ausmaß an Charme, über das er selbst in diesem zarten Alter verfügte, war außerordentlich.« Lulu sah zur jungen Engländerin und drückte leicht ihren Arm. »Ist alles in Ordnung?«

Die Berührung brachte Arabella wieder zurück in den überfüllten Salon. Sie machte sich hier völlig zum Narren, dachte sie, und hob ihren Gefühlen zum Trotz das Kinn. Der Anstand war ihr völlig egal, aber auf keinen Fall würde sie sich wegen der Augen eines Mannes wie eine dumme Gans aufführen, selbst wenn sie so wunderschön wie die des Grafen Berg waren.

Nando stand am hohen Fenster, starrte in die Nacht hinaus und zwang sich dazu, seine Umgebung auszublenden. Alles wirkte abstoßend auf ihn – das Gelächter, das Geplapper, die Musik, die Luft, schwer mit dem Geruch zu vieler Kerzen und zu viel Parfüm.

Er war müde. Es war nicht die befriedigende Erschöpfung nach einem harten Ritt, der den ganzen Tag gedauert hatte. Es war die tiefgehende Mattigkeit, die von zu vielen Tagen entstammte, die mit öden gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllt waren, zu vielen Nächten unruhigen Schlafs, in denen er von diesen unglaublichen saphirblauen Augen verfolgt wurde, die so süße Versprechen enthielten. Bei der Erinnerung daran verzog Nando das Gesicht und rief sich ins Gedächtnis, dass solche Versprechen niemals gehalten wurden. Das war eine Lektion, die ihm vor langer Zeit recht rüde erteilt worden war. Und trotzdem … Nando schloss die Augen.

Doch das samtene Geflüster hinter ihm ließ ihn sie wieder aufreißen. Er trat zur Seite und konzentrierte sich auf das Spiegelbild im Fenster. Die Bilder waren durch das unebene Glas verzerrt, aber er konnte zwei Masken sehen, zwei halb verborgene Gesichter nur wenige Schritte hinter ihm.

Nando verengte die Augen und versuchte, ihre Gesichtszüge auszumachen. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem schmalen Lächeln. Dieser geschwungene Mund über dem kleinen, spitzen Kinn konnte nur seiner alten Freundin, Komtesse Lulu Thurnheim gehören. Sein Blick wanderte zu ihrer Begleiterin. Plötzlich waren Müdigkeit und Langeweile verflogen und eine berauschende Vorfreude nahm ihren Platz ein, als all seine Instinkte zum Leben erwachten.

Er senkte seine verschränkten Arme und wirbelte auf dem Absatz herum. Mit ein paar langen Schritten stand er vor den zwei maskierten Damen, schlug auffallend laut seine Hacken zusammen und beugte sich über Lulus Hand. »Meine Verehrung, Komtesse«, raunte er.

Lulu klopfte mit ihrem Fächer gegen den hohen, steifen Kragen von Nandos weißem Uniformrock. Die Perlmuttstäbe stießen klappernd gegen die goldene Litze und verfingen sich in seinem honigfarbenen Haar. Als er sich aufrichtete, streifte sie eine dicke Strähne.

»Und was ist das, wenn ich fragen darf?«, wollte sie wissen. »Du warst nur wenige Wochen in Paris und jetzt siehst du mit so langen Haaren wie ein Jakobiner aus. Oder bist du schon so lange in der Kavallerie, dass du dir wie eines deiner Pferde eine Mähne wachsen lässt?«

Nando grinste auf sie hinab. »Werde ja nicht frech. Denk daran, dass ich einer der wenigen bin, die deinen wirklichen Vornamen kennen.«

Lulu rümpfte die Nase bei der Erinnerung an den verabscheuten Vornamen, den ihre Eltern ihr aufgebürdet hatten – Ludovika. Nando und sein Bruder hatten sie deswegen beständig aufgezogen. »Ich sehe, du bist abscheulich wie immer.« Sie lachte. »Nando, darf ich dir Fräulein Arabella Douglas vorstellen?«

Rasch stellte sie fest, dass ihre Worte an ihren Begleitern verloren waren. Sie trat zurück und betrachtete die beiden, doch sie starrten einander so versunken an, dass keiner von ihnen ihre Bewegung bemerkte. Mit einem winzigen Hauch Neid beobachtete Lulu die zwei kurz und zog sich dann zurück.

Arabella war klar, dass sie ihn ungehörig anstarrte, aber sie war unfähig, den Blick von ihm abzuwenden. Die grauen Augen, die in der Nachmittagssonne in Paris stürmisch gewirkt hatten, hatten einen silbernen Glanz im hellen Kerzenlicht angenommen. Auch die kantige Strenge seines Gesichts, die von einer unebenen Narbe betont wurde, die von der linken Schläfe über die Wange verlief, nahm im Kerzenschein weichere Konturen an.

Die Hitze war da, genau wie sie es in Erinnerung hatte, und wärmte ihre Haut. Arabella wollte gegen seine unverfrorene Musterung ihres Gesichts protestieren, das nur zur Hälfte von der weißen Seidenmaske verborgen wurde, da sie wusste, dass er den Eifer sehen würde, die Erregung, alles, was ein wohlerzogenes, junges Mädchen unter einem sanften, zurückhaltenden Gebaren verbergen sollte. Aber sie machte keinen Versuch, sich zu verstellen. Ja, sie hieß den Blick sogar willkommen, der mit nahezu unerträglicher Langsamkeit über ihre Haut strich. Allein dieser Blick war schon eine Liebkosung.

Die Wärme wurde berauschend und breitete sich nach und nach in ihrem ganzen Körper aus, als hätte er sie berührt. Sie trotzte den fremden, neuen Emotionen, die sie durchliefen, und hob stolz das Kinn.

Hier waren sie, dachte Nando, die Augen, die ihn sogar im Schlaf verfolgt hatten. Die Kerzen im Kristallluster über ihnen erzeugten goldene Sprenkel in den saphirblauen Tiefen, die mit einer Wärme glühten, die Edelsteine niemals besitzen könnten. Aus Gewohnheit fragte sich Nando, wie viel von dieser Wärme echt war, doch er wischte die Frage beiseite, als er feststellte, dass er nicht wirklich eine Antwort wollte. Nicht jetzt.

Langsam ließ er den Blick über ihr Gesicht gleiten und nahm die taufrische Haut ihrer leicht erröteten Wangen bewusst wahr. Er sehnte sich danach, die Seidenmaske abzunehmen, die Haut zu berühren, von der er sicher war, dass sie sich wie Satin anfühlen würde. Ihre Lippen waren vor Überraschung leicht geöffnet, und als er den Blick zu der Grube am Ansatz ihrer Kehle sinken ließ, bemerkte er den wilden Pulsschlag, der ihre Aufregung verriet. Doch sie tat nichts, um es zu verbergen. Ganz im Gegenteil, sie hob das Kinn, wodurch der helle Kerzenschein auf ihren Hals fiel.

Ein Gefühl der Zärtlichkeit stieg in ihm auf, ausgelöst von der Natürlichkeit, mit der sie ihre Verletzlichkeit eingestand, doch er ignorierte es. Sie war jung und vielleicht noch nicht sehr gut geschult in der Kunst der Verführung, sagte sich Nando. Schade, dass er keine Lust auf Unschuld hatte.

Doch dann lächelte sie und dieses strahlende Lächeln war wie ein heller Sonnenstrahl, der die Künstlichkeit um sie herum ausblendete. Er konnte diesen Moment nicht loslassen. Noch nicht.

Kapitel3

»Ich kannte Ihren Namen, noch bevor Lulu uns vorgestellt hat«, sagte Nando. Er erinnerte sich etwas verspätet an seine Manieren und beugte sich über ihre Hand. Seine Lippen verharrten den üblichen Zentimeter über ihren Fingern. Die weißen Satinhandschuhe dufteten leicht nach Maiglöckchen und er fragte sich, ob ihr Körper gleich lieblich duften würde. Allein bei dem Gedanken spannte sich sein Körper an.

»Ach, wirklich?« Arabella vergaß, ihre Hand aus seiner zu ziehen, als er sich wieder aufrichtete und sie ansah. »Wie? Ich habe Ihnen doch in Paris meinen Namen nicht genannt.«

»Ich habe Sie neulich in einem Café gesehen. Jemand dort hat Ihren Namen erwähnt.« Als ihre Augen auf arglose Art vor Überraschung ganz rund und dunkel wurden, lächelte Nando, auch wenn die düstere Stimme in ihm die Echtheit dieser Naivität leugnete.

»Aber wie …?«

Nando zuckte mit den Schultern. »Wien ist wie ein großes Dorf.

---ENDE DER LESEPROBE---