Irina, Weg durch den Sturm - Nina Beaumont - E-Book
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Irina, Weg durch den Sturm E-Book

Nina Beaumont

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Beschreibung

St. Petersburg, 1825. Komtesse Irina Tschernowa ist ein verträumtes Mädchen, das lange jede Zärtlichkeit entbehren musste. Fürst Alexej Muromski ist unterwegs in die Verbannung – ein so gefährliches Exil, dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass er nicht überleben wird. Kann man es ihnen zum Vorwurf machen, wenn sie eine unbesonnene Entscheidung treffen? Als sie sich zwei Jahre später überraschend wiederbegegnen, ist Irina eine kühle, beherrschte Frau geworden und ist mit Alexejs väterlichem Freund und Mentor verheiratet. Die berauschende Nacht, die sie miteinander verbracht haben, ist ihnen zwar noch lebhaft in Erinnerung, aber ansonsten sind sie Fremde geworden. Nach dem Tod von Irinas Ehemann scheint es, dass das Schicksal ihnen doch noch eine Chance bietet, ihr Glück zu finden. Aber Alexej ist in eine riskante Verschwörung verwickelt, die dem Volk mehr Freiheit bringen soll. Nachdem der Aufstand niedergeschlagen und Alexej verhaftet wird, heckt Irina einen gewagten Plan aus, um ihn aus dem Kerker zu befreien. Wird ihre abenteuerliche Flucht durch schneebedeckte Wälder und über verschneite Steppen, verfolgt von der Geheimpolizei, der Anfang eines gemeinsamen Lebens sein oder das Ende einer verhängnisvollen Leidenschaft? Irina, Weg durch den Sturm ist das vierte Buch der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten von Nina Beaumont. Der Roman ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen Titeln gelesen werden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Das Buch

Ohne Titel

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Leseprobe

Über den Autor

Das Buch

Liebe und Leidenschaft in Zeiten der Rebellion

St. Petersburg, 1825. Komtesse Irina Tschernowa ist ein verträumtes Mädchen, das lange jede Zärtlichkeit entbehren musste. Fürst Alexej Muromski ist unterwegs in die Verbannung – ein so gefährliches Exil, dass es durchaus wahrscheinlich ist, dass er nicht überleben wird. Kann man es ihnen zum Vorwurf machen, wenn sie eine unbesonnene Entscheidung treffen?

Als sie sich zwei Jahre später überraschend wiederbegegnen, ist Irina eine kühle, beherrschte Frau geworden und ist mit Alexejs väterlichem Freund und Mentor verheiratet. Die berauschende Nacht, die sie miteinander verbracht haben, ist ihnen zwar noch lebhaft in Erinnerung, aber ansonsten sind sie Fremde geworden.

Nach dem Tod von Irinas Ehemann scheint es, dass das Schicksal ihnen doch noch eine Chance bietet, ihr Glück zu finden. Aber Alexej ist in eine riskante Verschwörung verwickelt, die dem Volk mehr Freiheit bringen soll. Nachdem der Aufstand niedergeschlagen und Alexej verhaftet wird, heckt Irina einen gewagten Plan aus, um ihn aus dem Kerker zu befreien. Wird ihre abenteuerliche Flucht durch schneebedeckte Wälder und über verschneite Steppen, verfolgt von der Geheimpolizei, der Anfang eines gemeinsamen Lebens sein oder das Ende einer verhängnisvollen Leidenschaft?

Irina, Weg durch den Sturm ist das vierte Buch der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten von Nina Beaumont. Der Roman ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen Titeln gelesen werden.

Die Autorin

Nina Beaumont wurde in Salzburg als Kind russischer Eltern geboren und wuchs in den USA auf. Während ihres Studiums lebte sie zeitweise in Österreich. Viele Jahre arbeitete sie als Übersetzerin und Lektorin. Ihre Begeisterung für Geschichte und das Reisen entdeckte Nina früh, daher ist es für sie ein Vergnügen, Schauplätze ihrer historischen Romane für Recherchen zu besuchen.

Für weitere Informationen besuchen Sie Nina Beaumonts Website https://www.ninabeaumont.com/und melden sich für ihren Newsletter an.

Historische Reihe Liebe in stürmischen Zeiten

Arabella, Weg der Hoffnung

Felicity, Weg in die Freiheit

Ariane, Weg in eine neue Welt

Irina, Weg durch den Sturm

Julie, Weg in den Neubeginn

Titel der Originalausgabe: Tapestry of Fate, veröffentlicht von Harlequin

Copyright der zweiten, überarbeiteten Auflage © 2019 Nina Gettler

Die erste Auflage dieses Buches in deutscher Sprache wurde von CORA Verlag GmbH & Co unter dem Namen Flucht aus St. Petersburg, 1996, veröffentlicht.

Leseprobe von Julie, Weg in den Neubeginn Copyright © 2022

Umschlagdesign von Tammy Seidick Graphic Design

Artem Sokolov, 123rf.com

TTstudio, shutterstock.com

Satz: Maria Connor, My Author Concierge

Aus dem Amerikanischen übertragen von Elena von Galberg

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buchs darf ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Urheberrechtsinhaberin in irgendeiner Form und durch irgendwelche Maßnahmen, sei es elektronisch, mechanisch oder auf eine andere bekannte oder zukünftig erfundene Art und Weise vervielfältigt, aufgezeichnet oder vertrieben werden und darf nicht in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Rezensenten dürfen kurze Passagen für Rezensionen oder Artikel zitieren. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte Nina Gettler, Kreuzgasse 21, 8010 Graz ([email protected]).

Dies ist eine erfundene Geschichte. Alle in diesem Buch vorkommenden Namen, Personen, Orte und Handlungen entstammen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv verwendet.

Taschenbuch ISBN: 978-3-903301-26-9

E-Book ISBN: 978-3-903301-25-2

WIDMUNG

In inniger Erinnerung an meinen Cousin, der auch Alexej geheißen hat.

In inniger Erinnerung an meinen Großvater, der den Rang eines Obersten in der Weißen Armee während des russischen Bürgerkrieges bekleidete, und – wie Fürst Muromski in diesem Roman – bereit war, sein Leben für eine aussichtslose Sache einzusetzen. Ich habe dem Fürsten auch einige Attribute meines Großvaters verliehen, was Aussehen und Persönlichkeit betrifft. Meinem Großvater hätte das sicher gefallen.

Kapitel1

Moskau, im Januar 1823

Komtesse Irina Tschernowa sah skeptisch zu, wie sich ihre Cousine neben dem Lehnstuhl ihres Vaters niederhockte und den Kopf kokett zur Seite neigte. So als ob sie das überhaupt nicht kümmern würde, lehnte sie sich an einen Bücherschrank aus edlem Mahagoniholz und atmete den honigsüßen Duft des Bienenwachses ein, das im Herbst von einem der Tschernow’schen Landgüter nach Moskau gebracht wurde. Sie seufzte leise, als sie bemerkte, wie sich die Falte zwischen den buschigen Augenbrauen ihres Vaters vertiefte. Sie hatte doch Klawdija gewarnt, dass ihr Vater sich besonders ungern nach Tisch stören ließ.

»Bitte, Onkel Wladimir, erlauben Sie Irina, mich zu begleiten.« Klawdija verlieh ihrer hohen Stimme einen leicht flehentlichen Ton und legte eine Hand auf seinen Arm.

Graf Tschernow blickte seine Nichte mürrisch an. Er konnte es partout nicht leiden, wenn man ihn nach dem Essen beim Genuss seines Cognacs inkommodierte. »Wohin wollt ihr gehen?«

Etwas unruhig senkte Klawdija ihren Blick. »Ein Diner in der Vorstadt. Fjodor Ossipowitsch, mein Verlobter, ist leider verhindert. Er schlug daher vor, dass Irina an seiner statt mitgeht«, erklärte sie in der Hoffnung, ihr Onkel werde annehmen, es handele sich um eine Einladung in die Villa von Bekannten. Sie sprach schnell und eifrig, denn sie wusste, wenn er sie weiter fragen sollte, müsste sie gestehen, dass sie in die ›Strelnja‹ wollten, die bekannteste – und berüchtigtste – Zigeunertaverne von ganz Moskau.

Irinas Körper verspannte sich, als ihr Vater sich in seinem Lehnstuhl umwandte und mit einem missmutigen Blick nach ihr suchte. Die seit Generationen tief verwurzelte Politesse und die artigen Umgangsformen, die eine lange Reihe englischer und französischer Gouvernanten – die allesamt nach kurzer Zeit der kalten, strengen Atmosphäre des Tschernow’schen Stadtpalais entflohen waren –, ihr anerzogen hatten, veranlassten sie, ihre lässige Haltung am Bücherschrank abzulegen und sich kerzengerade aufzurichten.

»Nun, mamselle«, fuhr ihr Vater sie an, »warum so zögerlich? Sprich doch selbst für dich!«

Einen Atemzug lang überlegte Irina die möglichen Erwiderungen. Da sie aber wusste, dass was immer sie sagte, ihrem Vater missfallen würde, entschied sie sich für die Wahrheit. »Ehrlich, papa, es ist mir einerlei, ob ich mitgehe oder nicht.«

Die Reaktion auf ihre Worte war ein entrüstetes Atemholen von Klawdija und ein abschätziges Schnauben von ihrem Vater. »Was ist denn für dich überhaupt wichtig, außer den Büchern aus Frankreich, die dir den Kopf verdrehen, und deine Wohltätigkeitsausflüge in das elende Chitrow-Viertel, von denen du glaubst, ich wüsste nichts davon?«

Graf Tschernow nahm sein Pincenez ab und zeigte damit irritiert auf Irina. »Du findest es wohl sehr edel, in die Fußstapfen deiner Mutter zu treten und Almosen an diese Parasiten zu verteilen, anstatt sie ihrem angemessenen Los zu überlassen. Eins sage ich dir, mamselle,« die Röte in seinem Gesicht vertiefte sich, »wenn sie stattdessen mehr an ihre Pflichten mir gegenüber gedacht hätte, wäre sie nicht mit siebenundzwanzig an Typhus zugrunde gegangen.«

Klawdija legte ihre Finger leicht auf den Arm ihres Onkels und setzte an, etwas zu sagen. Doch als er sie mit einem unwirschen Blick bedachte, zog sie die Hand so schnell zurück, als hätte sie sich verbrannt.

»Lasst mich in Frieden, ihr beide«, knurrte er. »Macht, was ihr wollt. Vielleicht findest du dort einen Mann, der dich mir abnimmt, Irina. Ich kann nur hoffen, dass er schlauer sein wird als ich und es schafft, dir beizubringen, was deine Pflichten sind.«

Er setzte das Pincenez wieder auf die Nase und drehte sich von den zwei Mädchen weg. Auffällig raschelte er mit der Zeitung und signalisierte damit, dass sie entlassen waren.

»Ich danke Ihnen, Onkel Vladimir«, sagte Klawdija leise, als sie aufstand und ihrer Cousine einen triumphierenden Blick zuwarf. Sie ging auf Zehenspitzen zu Irina, hakte sich bei ihr ein und zog sie aus der Bibliothek.

Nachdem die schwere Eichentür hinter den beiden zugefallen war, kicherte Klawdija wild. »Er ist wie ein großer, griesgrämiger Bär. Wenn er mein Vater wäre, würde er mir aus der Hand fressen.«

»Zweifellos«, murmelte Irina lapidar und entzog ihren Arm dem Griff ihrer Cousine. Es war tatsächlich unvorstellbar, dass es Klawdija auch nur im Traum einfallen würde, jene Dinge zu unternehmen, die ihren Vater so erzürnten.

»Komm jetzt!« Klawdija eilte ihr voraus die breite Treppe hinauf. »Wir werden sehen, ob sich doch etwas Passendes in deiner tristen Garderobe finden lässt.«

Irina folgte ihr langsam und dachte nach, ob sie sich nicht doch irgendwie vor diesem Ausflug drücken könnte, um es sich mit einem der Bücher, die vorige Woche aus Frankreich eingetroffen waren, gemütlich zu machen.

Fürst Alexej Muromski schaute sich gereizt um, als die Reihe eleganter Schlitten vor einem Stadtpalais anhielt. Er kreuzte die Arme unter dem mit Luchsfell gefütterten Umhang und fragte sich, was zum Teufel er sich dabei gedacht hatte, sich von Leutnant Witalij Jefimin zu diesem Ausflug überreden zu lassen, obwohl er sich schon längst auf den Weg zu seiner neuen Garnison nahe der persischen Grenze hätte machen müssen.

Dass er nicht direkt von St. Petersburg in den Kaukasus gereist war, konnte ihm ohnehin ein neuerliches Disziplinarverfahren einbringen. Sein Marschbefehl hatte zwar einen Umweg nicht ausdrücklich verboten, doch es wusste jeder, was von ihm erwartet wurde. Wenn seine Vorgesetzten an ihm ein Exempel statuieren wollten – und genug Leute hatten ihn in Moskau gesehen, sodass er ganz sicher sein konnte, dass die Nachricht in Kürze ihren Weg nach St. Petersburg finden würde –, wäre es durchaus möglich, dass er sich zusätzlich zu seiner Degradierung vom Major zum Hauptmann und der Abkommandierung zum gefährlichsten Regiment der ganzen russischen Armee ein weitere Strafe einhandeln könnte.

Doch hatte er schon vor Monaten seinem alten Freund und Mentor, Fürst Ilarion Golowin, versprochen, bei der Zusammenkunft der Geheimgesellschaft anwesend zu sein, deren Ziel es war, dem unterdrückten russischen Volk mehr Freiheit zu bringen. Er war stolz gewesen, dass Golowin, dessen offizielle Stellung eine aktive Beteiligung unmöglich machte, ihn zu seinem Sprachrohr erwählt hatte. Gott allein wusste, wann eine Anwesenheit dort wieder möglich sein würde. Wenn überhaupt, dachte er erbittert. Er wusste nur zu gut, wie hoch die Verluste der im Kaukasus stationierten Regimente waren.

»Du wirst es nicht bereuen, mein Freund. Warte nur«, sagte Witalij lachend. Seine weißen Zähne blitzten in dem dunklen Gesicht auf, und er küsste entzückt seine Fingerspitzen. »Die Blüte von Moskaus Jungfrauen.« Er sprang aus dem Schlitten und stolzierte zum Aufgang des imposanten Stadtpalais.

Witalij war einer jener Hitzköpfe, die die Geheimgesellschaft schwächten, grübelte Alexej. Er kannte genug Offiziere wie Witalij in der Armee – Männer, die sich lieber heldenhaft gebärdeten, als konstruktiv zu handeln. Männer, deren Reden zu feurig und deren Versprechungen zu hochtrabend waren. Deren Zungen nach dem Genuss von Wodka oder Champagner zu locker wurden.

In Gedanken versunken, bemerkte Alexej nicht, dass Witalij zum Schlitten zurückgekehrt war, begleitet von zwei weiblichen Gestalten, die gegen die Januarkälte und den einsetzenden Schneefall in üppige Pelzmäntel gehüllt waren. Witalijs Lachen holte ihn aus seinen Gedanken, und er riss sich zusammen und erhob sich.

Er vergaß alles, als er in sanfte, träumerische Augen von einem silbrigen Grau tauchte, und die Bärenfelldecke glitt aus seinen erschlafften Fingern auf den Boden des Schlittens. Vielleicht war das der Grund, warum er sich von Witalij hatte überreden lassen, dachte Alexej, denn er war zu sehr Russe, um nicht an die Vorsehung zu glauben.

Alexej hörte Witalijs Stimme bloß als fernes Echo, als er den beiden jungen Damen vorgestellt wurde, und selbst als er sich automatisch erst über die eine, dann über die andere behandschuhte Hand beugte, hatte er nur das Bild der weit aufgerissenen Augen von der Farbe einer Taubenschwinge, im Sinn. Als die Damen sich zwischen ihnen setzten, bemerkte keiner von ihnen, wie der Vorhang eines Fensters im oberen Stockwerk des Palais beiseitegeschoben wurde und ein scharfäugiger Mann sie mit einem kalten Lächeln beobachtete.

Der Kutscher in seinem dicken, wattierten Mantel trieb die Troika an, und Klawdijas helles Lachen wetteiferte mit den Schellen, die an den Geschirren der Pferde befestigt waren. Sie überquerten die gefrorene Moskwa, die sich wie ein silbernes Band durch die nächtliche Stadt schlängelte, und ließen die Stadt hinter sich, die von den geisterhaften Türmen und Zinnen des Kremls bewacht wurde.

Irina zog die Kapuze ihres Zobelmantels dichter um ihr Gesicht, als der Kutscher die Pferde zu schnellerer Gangart anspornte. Das Fell lag wunderbar weich gegen ihre brennenden Wangen, und wie immer stieg ein Schuldgefühl in ihr hoch. Obwohl ihr achtzehnter Geburtstag gerade erst einen Monat zurücklag, hatte sie schon zu viele in Lumpen gehüllte Kinder gesehen, um sich jemals wieder in einer luxuriösen Umgebung wohlzufühlen.

Sie beachtete kaum das Geplauder und das Gelächter der anderen. Klawdija hatte zwar endlos lang auf sie eingeredet und sie instruiert, was ihre Pflichten bei diesem Ausflug waren. Aber sie hatte überhaupt kein Interesse, sich an dem albernen, koketten Geschwätz zu beteiligen.

Stattdessen tauchte Irina in ihrer Traumwelt unter, in die sie immer flüchtete, wenn sie sich unbehaglich fühlte oder ihr traurig zumute war. Heute jedoch hatte diese Traumwelt einen Hauch von Wirklichkeit, denn sie wurde von einem Augenpaar in der goldbraunen Farbe des ungarischen Weines, den ihr Vater in seiner Bibliothek in einer Kristallkaraffe aufbewahrte, belebt. Schräge, mandelförmige Augen, die wohl das Erbe eines tatarischen Ahnen waren. Und der schwarzhaarige Mann, dem diese Augen gehörten, saß so nah neben ihr, dass sie meinte, seine Körperwärme durch ihren Pelz spüren zu können.

Irina lehnte sich zurück und lächelte verträumt. Vielleicht würde dieser Abend doch nicht ganz so öde werden.

Die Taverne tauchte aus dem Nachtdunkel wie ein Signalfeuer. Als die Schlitten vor der Eingangstür stehen geblieben waren, sah Irina, dass mindestens ein Dutzend Feuer rund um das Haus brannten, an denen die Kutscher herumstanden, um sich zu wärmen und die Eiszapfen in ihren Bärten auftauen zu lassen.

Der hartgefrorene Schnee knirschte unter ihren eleganten Schnürstiefeln, als sie ausstiegen. Klawdija ergriff unsanft Irinas Arm und flüsterte indigniert: »Ich habe dich nicht mitgenommen, damit du stumm dasitzt.« Sie schüttelte ihre Cousine ungeduldig. »Hast du nicht bemerkt, wie Muromski dich angesehen hat?«

»Was meinst du?«

»Mon Dieu!« Klawdija verdrehte ihre porzellanblauen Augen. »Kannst du mir sagen, warum ich mich eine ganze Stunde lang geplagt habe, dir alles zu erklären?« Sie schüttelte ihren Kopf und presste die Lippen fest zusammen. »Ich habe ihm gesagt, dass du zu jung und dumm dafür bist.«

»Wem was gesagt?« Irina blieb stehen und drehte sich zur Seite, damit sie ihrer Cousine ins Gesicht sehen konnte. »Wovon sprichst du überhaupt?«

Klawdija sah zur Seite. »Von gar nichts.« Sie ging wieder weiter und zog Irina mit. »Denk daran, was ich dir gesagt habe. Setz ein hübsches Lächeln auf und höre ihm zu. Animiere ihn dazu, möglichst viel von sich zu erzählen. Männer sind ohnehin am glücklichsten, wenn sie über sich selbst reden.«

Sie hätte es eigentlich wissen müssen, rügte sich Irina, als sie die Diele betraten, wo die anderen sich bereits drängten. Sie hätte sich denken können, dass Klawdija sie niemals eingeladen hätte, wenn sie nicht irgendetwas von ihr gewollt hätte. Wenn sie heute Nachmittag besser aufgepasst hätte, was Klawdija ihr vorgebetet hatte, hätte sie Bescheid gewusst.

Ihr mit Schnee angezuckerter Pelz begann in der Wärme zu dampfen, und sie ließ ihn von den Schultern in die Hände eines der Bediensteten gleiten. Nun, dachte Irina, als ihre übliche Zurückhaltung dem Zorn wich, sie würde sich hüten, für Klawdija – oder für die widerwärtige Kröte, mit der sie verlobt war – jemanden auszuspionieren. Es war in aller Munde, dass Graf Gwosdew für die zaristische Geheimpolizei tätig sein sollte.

Irina verspürte plötzlich das Verlangen, sich zu bewegen. Ohne das Gelächter und Tändelei um sich herum zu beachten, ging sie geradewegs in den großen, mit Kiefernholz getäfelten Raum, in dem bereits die Tische für das Souper gedeckt waren.

Alexej beobachtete Komtesse Irina Tschernowa über den Rand seiner Champagnerschale und fragte sich, was sie in dieser liederlichen Gesellschaft zu suchen hatte. Sie saß dort, ihre Hände brav im Schoß gefaltet. Wie bei einem Schulmädchen fiel ihr Haar offen über ihren Rücken, in dem gleichen satten Braun wie der Zobelmantel, den sie getragen hatte. Und doch hatten ihre ernsten Augen etwas Wissendes, wie eine Frau, die schon Dinge gesehen hatte, die sie nicht vergessen konnte.

Etwas hatte sich in ihm gerührt, als er in ihre leuchtenden grauen Augen geschaut hatte, und er hätte schwören können, dass auch dort ein Funke aufgeblitzt war. Und trotzdem hatte sie ihn während des ganzen Soupers kaum beachtet. Nicht ein einziges Mal hatte sie ihn richtig angesehen, und wenn sie ihm einmal geantwortet hatte, dann bestenfalls einsilbig. Alexej wusste selbst am besten, dass der Ruf eines Frauenhelden, der ihm vorauseilte, übertrieben war. Dennoch wusste er auch, dass er noch nie zuvor von einer Frau derart ignoriert worden war. Er hob sein Glas und ließ sich den Veuve Clicquot durch die Kehle laufen, ohne ihn wirklich zu schmecken.

Klawdija schaute ihre Cousine irritiert an. Die Göre war doch glatt die ganze Zeit dort schweigend gesessen wie ein unbedarftes Kind, obwohl Muromski sich so um sie bemüht hatte, dachte sie. Jetzt würde sie keine Zeit haben, um subtil vorzugehen, wenn sie überhaupt etwas erfahren wollte, was sie Fjodor Ossipowitsch unterbreiten konnte. Sie lehnte sich näher zum schönen Fürsten Muromski.

»Mon cher prince!«

Ein warmer Hauch berührte sein Ohr, und Alexej wandte sich höflich zu der jungen Frau zu seiner Linken.

»Darf ich Sie ein Weilchen in Anspruch nehmen? Meine Cousine scheint heute Abend indisponiert zu sein.« Sie lächelte kokett, als wollte sie darauf hinweisen, dass sie hingegen glänzend disponiert war.

Desinteressiert beobachtete Alexej, wie Komtesse Klawdija Tschernowa mit einem schlanken Finger seinen Ärmel entlang und über seinen Handrücken strich.

»Selbstverständlich«, murmelte er, da das Gebot der Höflichkeit keine andere Antwort möglich machte. »Mit Vergnügen.«

»Erzählen Sie mir doch etwas von sich.« Klawdijas Stimme war sanft und eine Spur atemlos. »Ist es wahr, dass Sie wegen Ihrer revolutionären Ansichten an irgendeinen barbarischen Ort im Süden verbannt worden sind?«

»Man kann meine Ansichten kaum revolutionär nennen«, erwiderte Alexej mit jener Vorsicht, die er in den sieben Jahren geheimer Tätigkeiten verinnerlicht hatte. »Ich habe mich lediglich für fünf meiner Männer eingesetzt, die ungerecht und grausam bestraft werden sollten.«

»Und jetzt werden Sie selbst grausam bestraft, Sie Ärmster.« Klawdija rückte so nahe an ihn heran, dass ihre Brust seinen Arm streifte. »Wie ungerecht.«

Alexej blickte in ihre Augen und als er die Berechnung erkannte, die nur unzulänglich vom gespielten Interesse kaschiert war, hörte er in seinem Kopf die Alarmglocken hallen. Konnte man sie geschickt haben, um ihn zu beobachten, auszufragen, ihm belastende Aussagen zu entlocken? Nein, dachte er, dazu war sie zu oberflächlich, zu töricht. Der leichte Champagnernebel machte es ihm leicht, seine Bedenken abzuschütteln.

Als Antwort hob er nur die Schulter, und diese Bewegung brachte ihn in noch engeren Kontakt zu Klawdijas Busen. Als sie sich nicht von der Berührung zurückzog, spürte Alexej, wie Erregung in ihm aufflammte. Ach, was sollte es, dachte er. Er war schließlich nur ein Mann. Warum sollte er nicht seine letzte Nacht in zivilisierter Umgebung genießen. Er würde einfach auf seine Worte achtgeben. Und schließlich hatte er nicht vor, Konversation zu machen.

Er ließ die Lider sinken, sodass das Gesicht der Frau neben ihm verschwamm. Gut, dachte er, mit einer teuflischen Zufriedenheit, die mit Ärger unterlegt war. Jetzt konnte er sich einbilden, dass ihr Haar nicht ein gewöhnliches Blond war, sondern das dunkle, seidige Braun eines Zobelpelzes. Dass ihre Augen nicht ein triviales Porzellanblau waren, sondern ein Grau, das wie Perlen schimmerte, dass …

Der lebhafte Klang eines Tamburins riss ihn aus seinen Gedanken. Ein zweites Tamburin nahm den Takt auf, dann noch eines. Alexej fühlte Ungeduld in sich aufsteigen. Nun musste er auch noch die Abendunterhaltung der Zigeuner abwarten, ehe er sich in eine der Kammern zurückziehen konnte, die für Gäste bereitstanden, die nach der Vorstellung noch nicht nach Hause fahren wollten. Egal, dachte er. Die sinnliche, berauschende Zigeunermusik würde sein Blut in Wallung bringen und ihn vergessen lassen, dass die Frau, die neben ihm lag, nicht diejenige war, die er wirklich begehrte.

Der Klang der Tamburine riss Irina aus ihren Gedanken. Seit Klawdija Fürst Alexej Muromskis Aufmerksamkeit für sich beanspruchte, hatte sie sich ein halbes Dutzend Ideen durch den Kopf gehen lassen, wie sie eingreifen könnte, doch hatte sie alle wieder verworfen. Wie konnte sie ihn warnen, dass Klawdija nichts weiter von ihm wollte als Informationen, ohne wie eine Irre zu wirken? Oder gar wie eine eifersüchtige Frau?

Wie hatte sie so naiv sein können? Sie hatte gehofft, wenn sie ihn einfach ignorierte, würde sich die ganze üble Angelegenheit von selbst erledigen. Aber das war freilich eine einfältige Illusion gewesen. Sie hatte ja bemerkt, wie Klawdija sie ärgerlich angeblickt hatte, und hätte sich denken können, dass ihre Cousine irgendwann die Dinge selbst in die Hand nehmen würde.

Jetzt bedauerte sie, dass sie sich versagt hatte, über Muromskis charmante Tändeleien zu lachen oder seine Komplimente mit einem Lächeln zu erwidern. Sie bereute, dass sie sich das Vergnügen verwehrt hat, in seine exotischen goldbraunen Augen zu schauen, die gewiss warm und freundlich gewesen wären. In ihrem Leben war seit Langem nichts warm oder freundlich gewesen.

Stühle scharrten über die breiten Fichtendielen, als sich die Gäste von den Tischen erhoben und zu den niederen Diwanen und dicken Sitzkissen begaben, die an den Wänden platziert waren. In wenigen Minuten hatte die Bedienung die Reste der opulenten Mahlzeit entfernt und die Tische weggeräumt, um Platz für die Zigeunerinnen zu schaffen, die bereits einen aufreizenden Rhythmus mit ihren Tamburinen anschlugen, einen Rhythmus, der allerlei zu versprechen schien.

Irina spürte, wie sich die Atmosphäre im Raum veränderte, ohne diese Veränderung definieren zu können. Was zuvor leicht und neckisch und harmlos gewesen war, wurde geheimnisvoll und sinnlich und verwegen. Die Zigeunerinnen in ihren langen, weiten Röcken aus bunten Seidenstoffen, ihr dunkles Haar mit wallenden roten Tüchern gerafft, verharrten regungslos bis auf die schnellen Bewegungen ihrer Handgelenke beim Schlagen der Tamburine. Die Männer in ihren kragenlosen Russenhemden mit den breiten, farbigen Borten und weiten Hosen, die in weichen Stiefeln steckten, standen hinter den Frauen, ihre Violinen und bunt bemalten siebensaitigen Gitarren parat.

Der Rhythmus der Tamburine wurde schneller und schürte die Erwartungen. Irina saß ganz still und fürchtete, ihr Herz, das im selben Takt mit dem rasenden Rhythmus schlug, würde gleich ihrer Brust entspringen. Dann trat eine der Frauen mit einem melancholischen Klageruf vor. Die Tamburine schwiegen abrupt und die Zigeunerin begann, von Verzweiflung und unerwiderter Liebe zu singen.

Als die letzten Mollakkorde verklungen waren, lehnte sich Irina gegen die verschlissenen Kissen zurück und versuchte, ihren rasenden Puls zu beruhigen. Nie in ihrem Leben hatte sie etwas Derartiges gehört, dachte sie. Diese Lieder waren ihr nicht fremd. Sie hatte sogar manche selbst gesungen und sich am Pianoforte begleitet. Aber man konnte das nicht mit dem vergleichen, was sie gehört hatte.

Eine seltsame Mattigkeit ergriff sie, doch gleichzeitig schien ihr Blut schneller durch die Adern zu fließen, so rasch, dass es ihre Haut erhitzte. Unruhig bewegte sich Irina, um das verlockende Flattern, das durch sie zog, zu vertreiben, ohne in ihrer Unschuld zu ahnen, dass sie zum ersten Male Erregung empfand.

Die Zigeuner verschwanden und der Zauber verschwand mit ihnen. Irina sah sich um und nahm bloß einen heruntergekommenen Raum wahr. Einige der Gäste blieben sitzen, um ein letztes Glas Wein zu trinken. Andere riefen nach ihren Mänteln. Manche verschwanden paarweise, enger umschlungen, als in guter Gesellschaft erlaubt wäre.

Irina wandte den Kopf und sah, wie sich Alexej erhob und Klawdija dreist mit sich zog. Er legte ihr den Arm um die Taille und, mit der Hand auf ihrer Hüfte, lenkte sie ohne viel Federlesens zu einer Tür am äußersten Ende des Saales.

Aufgeschreckt durch anzügliches Lachen, wurde Irina gewahr, dass ein Mann sie mit glitzernden Augen anstarrte. Verwirrt und unsicher sprang sie auf und lief zu der Tür, durch die Muromski und Klawdija verschwunden waren. Sie fand sich in einem halbdunklen Korridor, in dem niemand zu sehen war.

Doch dann vernahm Irina ein Kichern und gleich danach Klawdijas hohe Stimme. »Sie sind aber sehr unartig, Fürst.«

Irina ging der Stimme nach.

»Was tun Sie da?« Der Protest wurde von einem schrillen Kichern begleitet.

Alexejs gemurmelte Antwort wurde von dem Rascheln von Seide begleitet, als er ihr über die Hüfte strich.

»Hören Sie auf. Aufhören!« Klawdijas Stimme wurde deutlich lauter. »Sie sind wirklich sehr schlimm, Fürst. Lassen wir doch Champagner kommen und plaudern wir.«

»Wir können nachher plaudern, so viel Sie wollen, meine kleine Komtesse«, flüsterte er. »Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihnen hinterher meine Seele öffnen werde, und dann können Sie alle meine Geheimnisse darin lesen.«

»Lassen Sie das.« Klawdija begann, sich ernsthaft zu wehren. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte geglaubt, die Musik und der Champagner würden Muromskis Zunge lösen, und er würde alle seine Gedanken, alle seine Pläne vor ihr ausplaudern wie die anderen Dummköpfe, die sie im Auftrage von Fjodor Ossipowitsch ausspioniert hatte.

Alexej erkannte den genauen Moment, an dem ihr koketter Widerstand in Angst umkippte. Der Champagnernebel und seine Erregung schwanden in Sekundenschnelle und sein Kopf wurde klar. Also war sein erster Gedanke doch richtig gewesen, dachte er.

Er ließ Klawdija los und stemmte seine Hände ganz dicht neben ihrem Kopf gegen die Wand, sodass er sie festhielt, ohne sie zu berühren. »Was genau wollen Sie von mir? Wer hat sie geschickt?«

»Nichts.« Klawdija blieb die Luft weg, als ihr bewusst wurde, wie anders dieser Mann war als all die anderen … und wie gefährlich er war. »N… niemand.«

»Ach, wirklich?«, sagte er ganz leise.

»Ja.« Klawdija nahm einen tiefen, zittrigen Atemzug. »Ja, wirklich. Und jetzt lassen Sie mich gehen.«

»Ich glaube Ihnen nicht.« Sie war ein Flittchen, dachte Alexej, nur viel weniger redlich als diejenigen, die Geld für ihre Liebesdienste annahmen. Vielleicht wäre es eine heilsame Lektion für sie gewesen, wenn er genommen hätte, was sie ihm versprochen hatte. Aber er hatte noch nie eine Frau mit Gewalt besessen und war nicht bereit, ihretwegen seinen Ruf und sein Gewissen zu besudeln.

Alexej stieß sich von der Wand ab, blieb aber unmittelbar vor ihr stehen. »Verschwinden Sie.« Seine Stimme war leise und grimmig. »Verschwinden Sie, bevor ich es mir anders überlege und mir nehme, was Sie mir angetragen haben.«

Mit einem erstickten Schluchzen drängte sich Klawdija an ihm vorbei, eilte hinaus und stieß mit Irina im Korridor zusammen.

»Du!« Ihre halb hysterische Erleichterung schlug augenblicklich in Wut um und sie ging auf ihre jüngere Cousine los, ihre scharfen Züge verzerrt. »Du bist schuld!«, zischte sie. »Ich könnte dir die Augen auskratzen!«

Irina stand erstarrt, fassungslos über die eben mitangehörte Szene und den Angriff ihrer Cousine.

»Hör auf, mich anzuglotzen wie eine Schwachsinnige.« Klawdija packte Irinas Arm. »Mach, dass du weiterkommst.« Sie gab ihr einen Stoß und, als Irina sich noch immer nicht rührte, zerrte sie das Mädchen grob hinter sich her.

Irina ließ sich widerstandslos durch den engen Korridor ziehen und blieb in der Eingangshalle still und bewegungslos stehen, während Klawdija unwirsch nach ihren Mänteln rief. Erst als Klawdija sie nach draußen gedrängt hatte, versetzten die kalte Luft und die Schneeflocken auf ihrem Gesicht sie endlich in die Lage, wieder einen klaren Gedanken zu fassen.

»Warum tust du so etwas?«

»Was?« Klawdija gab sich nicht die Mühe, Irina anzusehen, während sie mit nervösen, ruckartigen Bewegungen ihre pelzgefütterten Handschuhe überzog.

»Sieh mich an.« Die Wut, die Leidenschaftlichkeit, die unter Irinas ruhigem Äußeren schlummerten, flammten auf und sie stieß ihre Cousine an der Schulter und zwang sie damit, ihr das Gesicht zuzuwenden. »Sieh mich an und sag mir, warum du so etwas tust!«

»Hör auf, dich wie eine dumme Gans zu benehmen, Irina. Es ist ohnehin einzig und allein deine Schuld, dass sich das so abgespielt hat.«

Irina ignorierte den Vorwurf. »Ich will, dass du zurückgehst und dich bei ihm entschuldigst.«

Ihr schmallippiger Mund halb offen, starrte Klawdija sie einen Augenblick lang an. »Bist du verrückt? Er hat mich beinahe …« Sie senkte ihre Stimme. »Er hätte mich fast vergewaltigt.«

»Aber er hat es nicht getan. Und du hast dich ihm angeboten und dir alle Mühe gegeben, ihn in eine Schlinge zu locken.«

»Sei nicht kindisch. Ich werde mich ganz sicher nicht bei ihm entschuldigen.« Klawdija wandte sich dem Schlitten zu, der eben vorgefahren war.

»Dann werde ich es tun.« Irina drehte sich um, um in die Taverne zurückzukehren.

Klawdija erfasste einen Zipfel ihres Mantels, sodass Irina stehen bleiben musste. »Wenn du jetzt wieder hineingehst, wirst du sehen müssen, wie du wieder nach Hause kommst. Ich jedenfalls werde nicht auf dich warten.«

Trotz oder gerade wegen der Angst, die in Irinas Bauch kribbelte, richtete sie sich ganz gerade. »Lass meinen Mantel los!« Ihre Stimme war eisig.

Klawdija ließ von dem Mantel ab und trat unsicher einen Schritt zurück. Sie wusste nicht, wie sie mit dieser Irina, die sie nie zuvor so erlebt hatte, umgehen sollte.

Ohne zurückzuschauen, ging Irina zurück in die Taverne.

Fürst Muromski war nicht mehr in dem kleinen Zimmer, wohin er Klawdija gebracht hatte, zu finden. Irina fühlte sich albern und unbehaglich, aber sie machte sich auf die Suche nach ihm. Der kleine Saal, in dem sie soupiert und den Zigeunern zugeschaut hatten, war leer bis auf eine laute Gruppe von Männern, die sich um einen Tisch voller Flaschen und Gläser drängten. Einer der Männer rief Irina etwas nach, doch sie eilte wortlos an ihnen vorbei.

Als sie durch die Tür trat, die die Zigeuner nach ihrer Vorstellung benutzt hatten, traf sie auf eine der dunkeläugigen Frauen, die ein Tablett mit mehreren Champagnerflaschen trug.

»Können Sie mir sagen, wo ich den Fürsten Muromski finde?«

»Ist er der Schöne mit den Tatarenaugen?«

Irina lächelte fast über diese Beschreibung und nickte.

Die Zigeunerin zeigte mit dem Kinn auf die nächste Tür. »Er ist da drinnen.« Ein schelmisches Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Viel Glück.«

Irina stand lange vor der geschlossenen Tür und überlegte, ob sie anklopfen sollte. Schließlich drückte sie die Klinke herab, bevor der Mut sie verließ.

Die Luft in dem Raum war ganz vernebelt vor dichtem Zigarettenrauch. Vier Männer saßen um einen Kartentisch, und die einzigen Geräusche waren das Klatschen der Karten und das Rascheln von Banknoten. Einer der Männer fluchte halblaut, kritzelte etwas auf ein Stück Papier und warf es auf den Haufen Geldscheine in der Mitte des Tisches.

Alexej lümmelte in einem Stuhl, den er näher zum Tisch, wo die Eiskübel mit den Champagnerflaschen standen, gerückt hatte als zum Kartentisch. Zögernd blieb Irina an der Tür stehen und wartete darauf, dass er zu ihr schaute. Als er das nicht tat, ging sie auf ihn zu.

Verdammt, dachte Alexej, er konnte den leichten Blütenduft, der ihn an einen sommerlichen Garten erinnerte, riechen, selbst durch den Zigarettenrauch und den Dämpfen von den unzähligen offenen Champagnerflaschen. Wie lange war es her, dass eine Frau ihm so unter die Haut gegangen war? Noch dazu eine, die er überhaupt nicht berührt hatte, außer ihr die Hand beim Aussteigen aus dem Schlitten gereicht zu haben. Er fluchte wieder und griff nach einer Flasche, um sein Glas erneut zu füllen.

Mitten in der Bewegung hielt er jedoch inne, als er wahrnahm, dass jemand fast unmittelbar neben ihm stand, und er schaute auf.

»Was machen Sie denn hier?«, fauchte er, da die Wirklichkeit noch hinreißender war als das Traumbild in seinem Kopf.

Irina erstarrte bei seinem unwirschen Ton, doch ihre Stimme war entschlossen und fest. »Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen.«

»Entschuldigen?« Alexej schüttelte den Kopf, als wollte er ihn frei bekommen. »Wofür?«

»Für das Verhalten meiner Cousine … dafür, was sie getan hat.« Irina schränkte ihre Hände ineinander. »Dafür, was sie versucht hat …«

Alexej hieß sie mit einer schroffen Handbewegung schweigen, denn er konnte nicht länger ihre sanfte, etwas rauchige Stimme ertragen, die seine Haut zu berühren schien wie Samt. Er verschloss die Augen vor ihrer anmutigen Schönheit, die so viel Wärme ausstrahlte, denn er verspürte den übermächtigen Wunsch, die Hand nach ihr auszustrecken und sie zu berühren. Er zwang sich, tief und gleichmäßig zu atmen. Nach und nach gelang es ihm, seine angeschlagene Selbstbeherrschung zu sammeln, und er erhob sich.

»Fahren Sie nach Hause, Komtesse. Sie haben hier nichts verloren.« Er sah den bestürzten Ausdruck in ihren Augen, und er gab der Versuchung nach und streckte die Hand nach ihr aus, um sie zu beruhigen. Doch Irina hatte sich bereits umgewandt und war aus dem Zimmer gelaufen.

Irina kehrte zur Eingangshalle zurück und ging hinaus. Die schwache Hoffnung, die sie gehegt hatte, dass Klawdija vielleicht doch auf sie gewartet hatte, erfüllte sich nicht. Ratlos verweilte sie auf der obersten Stufe der Treppe und ließ ihren Blick über die Kutscher schweifen, die sie allesamt anzustarren schienen.

Einer löste sich von der Gruppe, schlenderte auf die Treppe zu, die Daumen in den Gurt seines dicken, wattierten Mantels gesteckt, und stemmte seinen Fuß gegen die unterste Stufe.

»Nu, krastoka, was ist, meine Schöne? Mein Herr wird noch eine Weile dort drinnen sein. Ich stehe zu Diensten.« Er grinste breit, sodass man durch den struppigen roten Bart, der bereift war, seine Zahnlücken erkennen konnte.

Seine kleinen, eng stehenden Augen glitzerten, und Irina machte automatisch einen Schritt zurück. Sie spürte die Haustür im Rücken, tastete nach der Klinke und eilte ins Haus zurück, wo sie wieder zu dem kleinen Raum ging, in dem der Fürst und Klawdija gewesen waren.

Kapitel2

Alexej spürte einen dumpfen Druck hinter den Augen von dem Champagner, den er getrunken hatte, aber seine Schritte waren sicher. Er stellte die kleine Laterne, die er im Korridor mitgenommen hatte, ab, schloss die Tür hinter sich und schob den Riegel vor. Verdammt, dachte er, während er sich gegen die Tür zurücklehnte, der Sommergarten-Duft der jungen Komtesse war noch immer in seiner Nase. Glas um Glas hatte er versucht, den Duft zu vertreiben, doch war er noch immer da, stärker als je zuvor.

Der kleine gusseiserne Ofen in der Ecke glühte noch, und Alexej warf seine Uniformjacke, dessen Verschlüsse er schon vor Stunden gelöst hatte, beiseite. Das Licht der Feuerstellen, die draußen brannten, flackerte durch den Raum, und er ging an dem niedrigen Bett vorbei zum Fenster. Frische Luft, dachte er. Er brauchte frische, kalte Luft, um diesen Duft endlich loszuwerden. Doch das Fenster war gegen die Winterkälte abgedichtet und fest verschlossen. Nur oben in der Ecke gab es eine fortochka, eine kleine Scheibe, die man öffnen konnte. Ungeduldig rüttelte Alexej am Fenstergriff, bis sich der nachlässig aufgetragene Kitt löste und es ihm gelang, den Flügel aufzustoßen.

Er vergrub beide Hände in dem Schnee auf dem Fensterbrett und rieb sich damit über Gesicht und Nacken. Die eisige Luft brannte auf seiner nassen Haut, aber er tauchte immer wieder die Hände in den Schnee. Als er endlich das Fenster wieder geschlossen hatte, stellte er fest, dass der Kopfschmerz vergangen war … aber dieser verdammte Duft wehte immer noch durch das kleine Zimmer.

Fluchend fuhr sich Alexej mit seinen noch feuchten Händen durch das Haar und ließ sich auf der Bettkante nieder. Irgendetwas – eine winzige Bewegung, ein leiser Laut – veranlasste ihn, den Kopf zur Seite zu drehen, und er sah das Mädchen, das in der oberen Ecke des Bettes in einen Mantel gehüllt hockte. Die Schatten der Flammen vor dem Fenster spielten auf ihrem schmalen Gesicht, sodass ihre ausdrucksstarken Augen riesig wirkten.

Sein Temperament brauste auf, aber ehe er ein Wort sagen konnte, spürte er ihre Hand auf seinem Arm.

»Bitte, seien Sie nicht ungehalten. Als ich zurückkam, um mit Ihnen zu sprechen, ist meine Cousine ohne mich nach Hause gefahren.« Sie senkte den Blick und biss sich verlegen auf die Lippe. »Und die Kutscher sahen mich so … so zudringlich an …« Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie zog ihren Pelz hoch bis zum Kinn. Doch dann ärgerte sie sich plötzlich über ihre Zaghaftigkeit und hob ihren Blick, sodass sie Alexej direkt ansah. »Würden Sie mich in die Stadt zurückbringen?«

»Selbstverständlich.« Alexejs Zorn schmolz dahin wie zuvor der Schnee auf seiner heißen Haut. »Wie alt sind Sie, Komtesse?«

»Achtzehn.«

Alexej musste darüber lächeln, wie sie trotzig das Kinn hob, als sie ihm antwortete. »Achtzehn«, wiederholte er. Er konnte sich noch zu gut daran erinnern, wie voller Wunder und Schmerzen das Leben in diesem Alter war.

»Lachen Sie etwa über mich?«, wollte Irina wissen.

»Nein, überhaupt nicht.« Ein Lächeln umspielte seinen Mund. »Ich habe mich nur an die Zeit erinnert, als ich in dem Alter war.« Er hatte sich damals unbesiegbar gefühlt und war enorm begierig gewesen auf alles, was das Leben ihm zu bieten hatte.

Irinas skeptisches Stirnrunzeln forderte ihn auf weiterzusprechen.

»Ich wollte alles wissen, alles erleben.« Er lachte leise. »Ich war gerade erst siebzehn, aber ich habe die Beziehungen meines Vaters schamlos ausgenutzt, um an dem Feldzug gegen Napoleon und an der Belagerung von Paris im Jahre 1813 teilnehmen zu können.«

»Sie sind in Paris gewesen?« In Irinas sanfter Stimme lagen Staunen und Neid. »Würden Sie mir davon erzählen?« Eifrig neigte sie sich nach vorn, alles andere vergessen.

Alexej nickte und begann, diese berauschenden Wochen, die nun bereits zehn Jahre zurücklagen, zu schildern. Er beschrieb Paris im Frühling und wie aufregend es gewesen war, neuen Ideen und Freiheit zu begegnen und Bücher, die zu Hause verboten waren, kennenzulernen. Angeregt durch Irinas scharfsinnige, kluge Fragen, erzählte er ihr von Erlebnissen und Gedanken, die er bisher nur wenigen Menschen anvertraut hatte.

Keiner der beiden dachte mehr daran, dass Irina ihn gebeten hatte, sie nach Hause zu bringen. Keiner vernahm, wie eine ferne Uhr Mitternacht schlug, und dann ein Uhr. Und keiner bemerkte, dass Alexej sich im Eifer der Unterhaltung neben Irina halbliegend ausgestreckt hatte.

Das Verlangen, das Alexej früher gespürt hatte, wurde während des lebhaften Gesprächs verdrängt und zu einem schon halb vergessenen Schmerz. Sich mit diesem jungen Mädchen, das förmlich leuchtete vor Lebendigkeit, zu unterhalten, wurde plötzlich berauschender als Champagner.

»Wenn Sie aber meinen, Russland sollte eine Konstitution bekommen und der Zar müsste der Diener seines Volkes sein, so bedeutet das doch nichts anderes als Revolution. Der Zar wird niemals freiwillig seine Alleinherrschaft aufgeben.« Mit diesen Worten fasste Irina wohldurchdacht alles zusammen, was Alexej ihr erklärt hatte. »Es ist wirklich kein Wunder, dass Graf Gwosdew sich für Ihre Pläne und Überlegungen interessierte.«

»Gwosdew?« Alexej kniff die Augen zusammen und richtete sich unvermittelt auf. Was für ein Narr war er doch gewesen, dachte er. Und sie so gerissen, wie sie ihre Unschuld und ihre Intelligenz verquickte, sodass er einfach alles geschluckt hatte. Wenn sie in ihren Triumph dieser Andeutung hätte widerstehen können, wäre er vielleicht gar nicht daraufgekommen.

Selbst in dem flackernden Licht erkannte Irina Alexejs Reaktion. Wie seine goldbraunen Augen kühl wurden. Wie sein Gesicht sich verkrampfte. Sie nahm ihm das nicht übel, aber sie war unendlich traurig, dass er sie für fähig hielt, das Vertrauen, das er ihr entgegengebracht hatte, zu missbrauchen.

»Ich vermute zumindest, dass es von Gwosdew ausging. Er ist der Verlobter meine Cousine«, erklärte sie. »Alle munkeln, dass er bei der Geheimpolizei ist.«

»Wo sollte jemand wie Sie solche Munkeleien hören?«, fragte Alexej misstrauisch. Außer sie hatte sie von Gwosdew persönlich, fügte er in Gedanken hinzu.

Irina verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Die meisten sehen in mir ein einfältiges Kind.« Das Lächeln wurde lebhafter. »Und wer achtet schon auf seine Worte vor einem einfältigen Kind?«

»Und? Weiter.«

»Ich wusste nicht, was Klawdija hier vorhatte«, sagte Irina leise. »Sie hat es mir wahrscheinlich gesagt, doch ich habe nicht darauf gehört.« Sie hob in einer reumütigen Geste eine Schulter. »Ich habe die schlechte Angewohnheit nicht zuzuhören, wenn ich etwas nicht hören will.« Sie holte tief Luft. »Erst als wir schon hier waren, habe ich verstanden, dass sie wollte, dass ich Sie zum Reden animiere. Und sie sagte, Sie hätten …« Sie senkte den Blick auf ihre Hände, als sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. »… dass Sie mich angesehen hätten. Und das würde es einfach machen, Sie zum Reden zu bringen.« Sie schaute auf und begegnete seinem Blick. »Deshalb habe ich während des ganzen Soupers kein Wort mit Ihnen gesprochen, denn ich hoffte …« Sie hob die Hände in einer hilflosen Geste und verkrampfte sie dann wieder zu Fäusten. »Ich hätte mir denken können, dass sie schließlich selbst versuchen würde, Ihnen etwas zu entlocken«, schloss sie schnell und wandte den Blick wieder ab, da sie in seinen Augen nicht sehen wollte, dass er ihr nicht glaubte.

Niemand konnte so geschickt eine Komödie spielen, dachte Alexej, während er gegen das flackernde Licht Irinas vollendet schönes Profil anblickte. Außerdem hatte er die schlichte Offenheit in ihren klaren, lichten Augen gesehen. Und er hatte gefühlt … Er schüttelte den Kopf, als er einsah, dass es unmöglich war, das Durcheinander seiner Gefühle zu entwirren und zu ordnen.

Irina blickte auf das Fenster, das mit Eisblumen bedeckt war. Wie konnte sie erreichen, dass er ihr glaubte? Er hatte mit ihr gesprochen, wahrhaftig und echt. Und ihr zugehört. Sie würde ihn wahrscheinlich nie wiedersehen, dachte sie, aber sie fand den Gedanken einfach unerträglich, zu wissen, dass er in sein schreckliches Exil gegangen war mit der Überzeugung, dass sie all die kostbaren, edlen Ideen, über die er mit ihr gesprochen hatte, einem elenden Spion gegenüber ausplaudern würde.

Er streckte gerade die Hand aus, um sie zu beruhigen, als sie sich rasch zu ihm zurückdrehte, ihre Augen mit Tränen verschleiert. »Bitte, Sie müssen mir glauben. Ich würde Sie niemals verraten.« Sie ergriff seine Hände. »Sagen Sie, dass Sie mir glauben. Bitte!«

Sanft strich er über ihre Arme, während seine letzten Zweifel wie Rauch vergingen. »Natürlich glaube ich Ihnen.«

»Wirklich?« Ihre großen Augen waren voller Fragen.

»Wirklich.« Er beugte sich vor und berührte mit dem Mund flüchtig ihre Wange. »Ganz gewiss.«

Spontan neigte sich Irina diesem zärtlichen Kuss entgegen und plötzlich fanden sie sich Lippen an Lippen.

---ENDE DER LESEPROBE---