Julie, Weg in den Neubeginn - Nina Beaumont - E-Book
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Julie, Weg in den Neubeginn E-Book

Nina Beaumont

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Beschreibung

Turin, 1853. Nach einer langwierigen Verwundung während des Bürgerkrieges von 1848 erholt sich Theo von Berg in der Turiner Klinik seines älteren Bruders. Doch sein einziger Gedanke gilt der Rache an dem feindlichen Offizier, der vor fünf Jahren seine Geliebte geraubt hat. Julie Muromski ist Krankenschwester mit einer besonderen Heilbegabung. Aber ihr eigenes betrübtes Herz kann sie nicht heilen. Sie will nur weg aus Turin, und in ihrer Verzweiflung bietet sie Theo an, ihn auf seinem gefährlichen Rachefeldzug zu begleiten, ohne zu wissen, worauf sie sich wirklich einlässt. Und ohne zu ahnen, was Theo vor ihr verheimlicht. In der erzwungenen Nähe während ihrer Reise erliegen sie der Versuchung – oder ist es Liebe? Als sie kurz vor dem Ausbruch des Krimkrieges auf der Krim ankommen, ist nichts so, wie sie es erwartet haben. Überall lauern Gefahren, und Theo schwört, dass er alles tun wird, um Julies Sicherheit zu gewährleisten. Aber reicht das, um ihnen eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen? Julie, Weg in den Neubeginn ist das fünfte Buch der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten von Nina Beaumont. Der Roman ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen Titeln gelesen werden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Das Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Epilog

Über die Autorin

Das Buch

Liebe und Leidenschaft in Zeiten des Aufruhrs

Turin, 1853. Nach einer langwierigen Verwundung während des Bürgerkrieges von 1848 erholt sich Theo von Berg in der Turiner Klinik seines älteren Bruders. Doch sein einziger Gedanke gilt der Rache an dem feindlichen Offizier, der vor fünf Jahren seine Geliebte geraubt hat.

Julie Muromski ist Krankenschwester mit einer besonderen Heilbegabung. Aber ihr eigenes betrübtes Herz kann sie nicht heilen. Sie will nur weg aus Turin, und in ihrer Verzweiflung bietet sie Theo an, ihn auf seinem gefährlichen Rachefeldzug zu begleiten, ohne zu wissen, worauf sie sich wirklich einlässt. Und ohne zu ahnen, was Theo vor ihr verheimlicht.

In der erzwungenen Nähe während ihrer Reise erliegen sie der Versuchung – oder ist es Liebe?

Als sie kurz vor dem Ausbruch des Krimkrieges auf der Krim ankommen, ist nichts so, wie sie es erwartet haben. Überall lauern Gefahren, und Theo schwört, dass er alles tun wird, um Julies Sicherheit zu gewährleisten. Aber reicht das, um ihnen eine gemeinsame Zukunft zu ermöglichen?

Die Autorin

Nina Beaumont wurde in Salzburg als Kind russischer Eltern geboren und wuchs in den USA auf. Während ihres Studiums lebte sie zeitweise in Österreich. Viele Jahre arbeitete sie als Übersetzerin und Lektorin. Ihre Begeisterung für Geschichte und das Reisen entdeckte Nina früh, daher ist es für sie ein Vergnügen, Schauplätze ihrer historischen Romane für Recherchen zu besuchen.

Für weitere Informationen besuchen Sie Nina Beaumonts Website https://www.ninabeaumont.com/ und melden sich für ihren Newsletter an.

Historische Reihe Liebe in stürmischen Zeiten

Arabella, Weg der Hoffnung

Felicity, Weg in die Freiheit

Ariane, Weg in eine neue Welt

Irina, Weg durch den Sturm

Julie, Weg in den Neubeginn

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2022

Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel Tapestry of Dreams, veröffentlicht von Harlequin Historicals®

Copyright © 1996 Nina Gettler

Die zweite und überarbeitete Auflage erschien 2019

Aventurine Press, Kreuzgasse 21, 8010 Graz / AUSTRIA

Aus dem Amerikanischen übertragen von Jutta E. Reitbauer

Umschlagdesign von Tammy Seidick Graphic Design, unter Verwendung von Motiven und Fotos von depositphotos.com GoodOlga, pkazmierczak), shutterstock.com (Kateryna Yakovlieva), Public Domain Image: John Scott - Watts, Milburn & Co.'s steamship St. Osyth on her maiden voyage

Satz: Maria Connor, My Author Concierge

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buchs darf ohne vorherige schriftliche Zustimmung der Urheberrechtsinhaberin in irgendeiner Form und durch irgendwelche Maßnahmen, sei es elektronisch, mechanisch oder auf eine andere bekannte oder zukünftig erfundene Art und Weise vervielfältigt, aufgezeichnet oder vertrieben werden und darf nicht in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Rezensenten dürfen kurze Passagen für Rezensionen oder Artikel zitieren. Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte Nina Gettler, Kreuzgasse 21, 8010 Graz ([email protected]).

Dies ist eine erfundene Geschichte. Alle in diesem Buch vorkommenden Namen, Personen, Orte und Handlungen entstammen entweder der Fantasie der Autorin oder werden fiktiv verwendet.

Taschenbuch ISBN: 978-3-903301-28-3

Ebook ISBN: 978-3-903301-27-6

Julie, Weg in den Neubeginn ist Buch 5 der historischen Reihe Liebe in stürmischen Zeiten.

Die Romane sind lose miteinander verbunden, aber jedes Buch ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig von den anderen Titeln gelesen werden.

Für meine Freunde in Österreich, die mich zu einem Teil ihrer Familie gemacht haben – Karin Steffen und ihre Kinder, Schwiegerkinder und Enkel: Christoph und Elke mit Christina und Gabriel, Bettina und Toni mit Matthias, Alexander und Tamara mit Leonie, und Jakob und Tini und Dieter und Gabi mit Claudia und Jürgen.

Im Gedenken an Günther Steffen, Karins Mann und der Vater und Großvater all dieser wundervollen Kinder.

Für meine Freunde aus dem Italienischkurs, Eva, Robert und natürlich Horsti.

Kapitel1

Turin, Königreich Sardinien-Piemont, 1853

Er schwebte. War es Luft? Wasser? Er konnte es nicht ausmachen. Theo versuchte sich zu bewegen, aber seine Gliedmaßen fühlten sich an, als steckten sie in Treibsand. Wo war er? Er versuchte krampfhaft, sich zu erinnern, doch sein Gedächtnis schien sich aufgelöst zu haben. Seine ständigen Schmerzen hatten ihn wohl dazu getrieben, wieder eine Flasche Cognac zu leeren, dachte er, und ließ sich auf einer Welle der Benommenheit davontragen. Er würde bald genug wieder aufwachen – mit Kopfschmerzen, die ihn nur geringfügig weniger quälten als die Schmerzen in seinen Beinen – und in seinem Herzen. Er konnte sich nie entscheiden, welche von ihnen die schlimmsten waren. Dann vernahm er plötzlich die Stimme.

»Hören Sie mich?«

Die Stimme war sanft und honigsüß, so wie einer dieser Walzer, die seine Mutter und seine Schwester gern auf dem Pianoforte spielten. Er wollte antworten, doch seine Zunge war taub und brachte keine Silbe zustande.

Er wachte schon aus der Narkose auf, dachte Julie, als sie sich über ihn beugte. Sie hatte schon bemerkt, wie seine Hände zuckten, seine Lider flatterten. Sie zupfte mit den Zähnen an ihrer Unterlippe, als sie daran dachte, welche Schmerzen ihm bevorstanden. Vorsichtig öffnete sie seinen Mund, um ihm die Arznei, die Dr. Maximilian von Berg ihr gegeben hatte, auf die Zunge zu legen, und merkte, dass ein feiner Geruch von Äther ihn noch immer umgab.

Sie dachte nicht daran, dass ihr die Füße nach einem langen Arbeitstag wehtaten, und ignorierte den Holzstuhl, der neben dem Bett stand. Leicht strich sie sein semmelblondes Haar zurück, wo die Locken an seiner feuchten Stirn klebten. Fast so blass wie das Leinen, auf dem er lag, sah er sehr jung aus trotz der weißen Strähnen, die sein Haar an den Schläfen durchzogen, und der tiefen Falten, die Schmerz um seinen Mund eingegraben hatte.

Seltsam, dass er und Dr. von Berg Brüder waren, sinnierte sie. Sie hatten kaum eine Ähnlichkeit miteinander, außer, dass beide groß und schlank waren. Ihre Finger streiften die feinen Falten an seinen äußeren Augenwinkeln. Ob seine Augen die gleiche sanfte rauchgraue Farbe wie die seines Bruders hatten? Traumverloren massierte Julie Theo von Bergs Schläfen, während ihre Gedanken in einer sehnsüchtigen Phantasterei aufgingen, wie Maximilians graue Augen sie mit derselben innigen Zuneigung ansahen wie die Liebe, die in ihrem Herzen wohnte.

Theo spürte, wie eine weiche, kühle Hand seine Stirn berührte. Maryka, dachte er und wollte lächeln. Er genoss es, wenn die süße, junge Maryka mit ihrem hübschen, zierlichen Gesicht ihn zärtlich berührte. Doch dann, wie ein Gift, das ins Blut schlich, drang die Erinnerung in sein Bewusstsein ein, dass Maryka ja verschwunden war, verschleppt von den Russen, die er selbst zu ihrer Türschwelle geführt hatte. Als Trauer, Schuldgefühle und Hass ihn durchfuhren, formten seine trockenen Lippen ihren Namen.

Der Hauch eines Lautes riss Julie aus ihrer Träumerei und sie sah hinunter, da sie dachte, dass er schon aufgewacht sei. Aber er lag noch immer bewegungslos. Sie strich weiter über seine Stirn und plötzlich schlug ihr eine Welle von Traurigkeit, ja Elend, entgegen, so wirklich, so echt, dass sie sie fast mit den Händen hätte greifen können.

Ihr junges, mitfühlendes Herz flog ihm zu und sie legte ihre zarte Hand auf die seine – eine langgliedrige, schlanke Hand. Die Hand eines Poeten oder eines Künstlers, dachte sie. Oder eines Träumers. Sie umfasste die Hand mit ihren Fingern und ließ sich auf die Bettkante nieder, um zu warten … und zu träumen.

Als Theo die Augen öffnete, war alles rund um ihn verschwommen. Das Einzige, was er erkennen konnte, waren die verwischten Konturen eines weiblichen Gesichtes und ein leiser Zitronenduft von Verbenen.

»Maryka?« Der raue Klang seiner Stimme drängte ihn weiter an die Oberfläche seines Bewusstseins, und er erinnerte sich wieder, dass Maryka ihm entrissen worden war.

Theo hörte den honigsüßen Klang der Stimme, als die Frau wieder etwas sagte, aber die Bedeutung der Worte blieb ihm verschlossen. Als ihm die Augen zufielen, kehrten die Erinnerungen langsam zurück. Die Schmerzen. Tage und Wochen und Monate voller Schmerzen, aus denen Jahre wurden. Max. Die Klinik. Die Operation. Eigenartig, dachte er, dass er jetzt keine Schmerzen empfand, obwohl Max ihn gewarnt hatte, dass er Schmerzen haben würde, bevor sein Zustand sich besserte. Falls er sich besserte.

Als er wenig später die Augen wieder öffnete, war das Gesicht der Frau besser zu erkennen. Er sah leicht schräggestellte Augen, die die goldbraune Farbe von ungarischem Tokaier hatten, und einen geschwungenen, üppigen Mund, der Worte formte, die er nicht verstehen konnte.

Das nächste Mal, dass Theo seine Lider hob, war sein Blick schon klarer, und Julie sah, dass seine Augen weder grau noch blau waren, sondern eine kuriose Mischung der beiden Farben – ein wenig, wie wenn ein blauer Himmel sich allmählich aus dem grauen Morgennebel befreite.

Theo runzelte die Stirn. Er fand es irgendwie befremdlich, dass er nur das Gesicht der Frau sehen konnte, so ganz körperlos über ihn schwebend, umgeben von weißen Wolken. Dann plötzlich blitzte die Erkenntnis in ihm auf. Auf einmal wurde alles so klar und deutlich, dass er fast gelächelt hätte.

Er war tot. Deshalb spürte er keinen Schmerz mehr. Erleichterung, dass seine Qualen nun zu Ende waren, durchströmte ihn, aber sie währte nur kurz, denn sie prallte auf die bittere Wut, dass er nun um seine Rache betrogen worden war.

Dann musste das körperlose Gesicht wohl ein Engel sein, schloss er. Doch dann fiel ihm ein, dass er nicht an Engel glaubte. Und an den Himmel auch nicht. Und wenn es eine Hölle gab, dann existierte sie auf Erden.

Das Gesicht kam näher. Der Duft von Verbenen, der um seine Nase wehte, war so wirklichkeitsnah, dass ihn das wieder verwirrte.

»Wer sind Sie?«, brachte er stockend heraus.

»Ich bin Schwester Julie.« Sie spürte, wie sein Schmerz sich an die Oberfläche drängte. Sie wollte ihm noch ein wenig Ruhe gönnen, also legte sie ihm die Hand leicht auf die Brust und streifte mit der anderen über seine Stirn. Sie richtete ihre ganze Konzentration auf ihn und öffnete sich, damit das Licht und die Kraft durch sie strömen konnten.

Sie spürte, wie er sich entspannte and lächelte. »Schließen Sie die Augen«, flüsterte sie, »und schlafen Sie nun.«

Sprachen denn Engel Französisch? Diese bizarre Frage geisterte am Rande von Theos Bewusstsein herum. Bevor er die Frage beiseite fegen konnte, spürte er kühle, weiche Hände auf seiner Brust, auf seinem Gesicht. Eine Ruhe erfüllte ihn und – obwohl er es nicht wahrnahm – auch Hoffnung.

Als Theo in einen erholsamen Schlaf abtauchte, war er zum ersten Mal seit vier Jahren im Reinen mit sich und der Welt.

Beim nächsten Erwachen war es Theo nur allzu bewusst, dass er verdammt lebendig war, denn sein Blick war klar und seine Schmerzen höllisch.

»Nun, Max …« Er bemühte sich ohne Erfolg um den sorglos leichtfertigen Tonfall, den die Brüder miteinander pflegten. »… wie geschickt hast du denn dein Skalpell geschwungen?«

»Sobald ich es einigermaßen abschätzen kann, wirst du es als Erster erfahren.« In einer liebevollen Geste, die seiner unbekümmerten Ausdrucksweise widersprach, legte Max die Hand auf die Schulter des jüngeren Bruders.

Schuldgefühle belasteten ihn, als er Theo musterte. Mit den tiefen Falten um seinen Mund und die Augen voller Bitterkeit und Zorn sah er älter aus als seine neunundzwanzig Jahre. Noch vor fünf Jahren war sein Bruder ein unbekümmerter, träumerischer junger Mann gewesen. Aber dann hatte er Theo in das Inferno der Revolution hineingeritten, aus dem er als körperlich und seelisch Verwundeter zurückgekehrt war. Nun kannte Theo nur einen einzigen Lebenszweck – sein Sinnen auf Rache.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Max und unterdrückte mühsam den Wunsch, Theo in die Arme zu nehmen, als ob er eines seiner Kinder wäre.

»Wie eine Weihnachtsgans, die mit einem stumpfen Messer tranchiert worden ist.« Theos Atem stockte, als der Schmerz seine Wirbelsäule entlangfuhr.

»Könntest du das etwas präziser schildern?«

Ein Muskel in Theos Wange zuckte, als er seine Zähne zusammenbiss. »Nein.« Doch als er das Wort herauspresste, wurde ihm bewusst, dass der Schmerz nun anders war als zuvor.

Max nickte Julie zu, die am Fußende des schmalen Eisenbettes stand. Sie hob die Decke und hielt den Atem an, als sie mit einer Nadel zuerst in die eine und dann in die andere große Zehe stach.

»Was zum Teufel … Was tun Sie da?« Fluchend versuchte Theo, den Kopf zu heben.

Max’ Erleichterung war so groß, dass ihm die Knie weich wurden. »Nur ein schlichtes Experiment, kleiner Bruder.«

Max hatte ihm das vor der Operation erklärt, erinnerte sich Theo. Dass er nicht sicher sein konnte, dass er alle Granatsplitter aus Theos Rücken entfernen würde können, ohne seine Wirbelsäule zu verletzen, was zu einer Lähmung führen würde. Er schluckte heftig, als er gegen die Hoffnung, die in ihm aufstieg, ankämpfte. »Heißt das …?«

Max umfasste fest Theos Schulter. »Ich weiß nicht, ob ich wirklich alles erwischt habe. Ich weiß auch nicht, ob du jemals wieder schmerzfrei sein wirst.« Er ließ einen langen Atemzug entweichen. »Aber es sieht so aus, als ob du eine Chance hast … eine Chance«, wiederholte er warnend, als er bemerkte, wie verzweifelte Hoffnung in Theos Augen aufblitzte, »wieder gehen zu können.«

Theo nahm Max’ Worte mit einem brüsken Nicken zur Kenntnis. Für einen langen Moment sahen sich die Brüder in die Augen und schweigend wurde Dank gegeben und entgegengenommen. Dann gab Max Julie ein Zeichen näherzutreten.

»Das ist Schwester Julie, Theo.« Er streifte kurz ihren Arm, ohne ihr Schaudern zu bemerken. »Sie wird sich um dich kümmern.«

Erstaunt starrte Theo auf die Erscheinung, die er aus seinem halluzinatorischen Traum erkannte. Sie trug eine weiße Latzschürze über einem langärmligen weißen Kittel und eine enganliegende weiße Haube, sodass nur ein schmaler Streifen dunklen Haares zu sehen war. Deswegen war in seinem Traum ihr Gesicht nur von Weiß umgeben gewesen, dachte er. Deswegen hatte sein betäubter Verstand geglaubt, sie sei ein Engel. Aus einem unerfindlichen Grund verstimmte ihn diese logische Erklärung, als ob sie ihn absichtlich irregeführt hätte.

Julie betrachtete seine finstere Miene und den schön geformten Mund, der jetzt einen trotzigen Zug angenommen hatte. Er würde kein einfacher Patient sein, dachte sie mit einem kleinen Seufzer. Aber sie würde ihm die beste Pflege angedeihen lassen, wie sie es bei jedem Patienten tat – und auch weil sie seinen Bruder vergötterte.

Theo konnte sich erinnern, wie ihre kühlen, weichen Hände ihn berührt hatten. Wie er für einen Augenblick dachte, es sei Maryka, die ihn berührte. Er schenkte ihr einen langen, prüfenden Blick. Ungeschminkt, ohne Zierrat oder kunstvolle Frisur fand er sich von der ruhig-heiteren Schönheit ihres Gesichts mehr beeindruckt, als ihm lieb war. »Sind Sie irgend so eine Nonne?«, herrschte er sie an, unsicher, warum dieser Gedanke ihn so verstimmte.

»Nein, ich bin keine Nonne«, antwortete sie in dem akzentfreien Französisch, das sie von ihren Eltern gelernt hatte. »Ich bin Krankenschwester.« Julie hatte sich daran gewöhnt, dass Männer sie ansahen – sehnsüchtig, ehrfürchtig, neugierig, manchmal sogar mit Verlangen. Doch fühlte sie sich nun unwohl bei Theos rüdem, kritischem Blick. Sie schlug die Augen nieder und begann, die Decke in feine Falten zu legen.

»Ich brauche keine Krankenschwester.« Theo schaute Max mürrisch an. »Schick mir einfach Fritz. Er hat mich lange genug versorgt, sodass er auch jetzt die Pflege übernehmen kann.«

»Oh nein, mein Lieber.« Max unterband die Proteste seines Bruders mit einer schnellen Geste. »Ich habe zu viel Mühe in dich investiert, um alles durch unerfahrene Pflege ruinieren zu lassen. Ich schlage überhaupt vor, dass du gebührend dankbar bist.« Er lächelte. »Schwester Julie ist die beste Krankenschwester, die ich habe.«

Bei seinem Lob erhellte ein kurzes Aufleuchten von Freude Julies Herz. Als sie zu Max hinaufsah, ihre Augen ernst und verehrungsvoll, spannten sich ihre Hände auf Theos Decke und zogen sie stramm über seine Schultern.

»Was machen Sie da?«

Theos Knurren ließ sie zusammenzucken, und ihre Finger zogen kurz noch fester an der Decke, bevor sie sie losließ.

»Entschuldigen Sie.« Als sie die Decke glattstrich, bemerkte sie den streitlustigen Ausdruck in seinen Augen, und da sie eine Zwistigkeit verhindern wollte, legte sie ihre Hand auf seine und öffnete sich der Kraft, die immer über ihr schwebte, wie ein Sonnenstrahl.

»Sie sollten sich jetzt ausruhen. Je schneller Sie sich erholen …« Ihre Mundwinkel verzogen sich in einem verschmitzten Lächeln kurz nach oben. »… desto schneller werden Sie mich wieder los.«

Ihre Verwandlung von einer gelassenen Madonna in eine freche Göre verdutzte Theo, doch bevor er sich wieder fassen konnte, spürte er, wie sich alles in ihm beruhigte. Er entspannte sich und auch der Schmerz schien nachzulassen. Wenn man ihn danach gefragt hätte, hätte er es wohl geleugnet, aber sein Blick blieb an ihrem Lächeln haften und er verspürte keinen Wunsch, sich von ihrer Berührung zu befreien.

Max beobachtete den Austausch zwischen seinem Bruder und Schwester Julie und sah, wie sie es schaffte, seinen Ärger zu entschärfen und wie ihre Berührung seine Schmerzen linderte. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, dachte er. Theo brauchte ein Wunder, und diese junge Frau mit ihrer zarten Seele und ihren Händen, die eine heilende Kraft besaßen, war die Einzige, die ihm dieses Wunder schenken konnte.

Er selbst hatte alles, was in seiner Kraft stand, getan, um Theos Körper zusammenzuflicken, aber wenn seine Seele, sein Herz nicht gesundeten, wäre das alles umsonst gewesen. Er sah zu Julie hinüber, die sich über Theo beugte, und ein Hoffnungsschimmer leuchtete in seinem Herzen auf.

Theo trieb schon am Rande des Schlafes, als der Duft von Verbenen sein Bewusstsein beschlich. Doch als er die Augen öffnete, war der halbdunkle Raum leer. Er redete sich ein, dass er vor Erleichterung aufatmete und nicht aus Enttäuschung seufzte. Schließlich wollte er in Ruhe gelassen werden. Er wollte allein sein. Immer wieder wiederholte er die Worte wie eine Litanei, bis sein Bewusstsein sich wieder eintrübte. Die Arznei, die Max ihm gegeben hatte, um seine Schmerzen zu lindern, ließ ihn in den Schlaf gleiten und er spürte nicht, wie Julies Hände ihn leicht berührten.

Was hatte sie wohl veranlasst, noch einmal in Graf Bergs Zimmer zu gehen, obwohl sie schon längst auf dem Heimweg sein sollte? Julie hatte zwar gelernt, nicht nach dem Warum ihrer Eingebungen zu fragen, sondern ihnen einfach zu folgen. Doch diesmal fühlte sie sich genötigt, Fragen zu stellen, ebenso wie sie sich genötigt gefühlt hatte, noch einmal nach ihm zu sehen.

Sie lehnte sich gegen die Tür und betrachtete den Mann, der in dem schmalen Bett lag. Die Schatten ließen die scharfen Kanten seines Gesichts etwas weicher erscheinen. Es gab irgendetwas an ihm, das sie anzog, überlegte sie. Es war mehr als nur das Mitgefühl für die Schmerzen und die Seelenpein, die er litt. Es war mehr als die Tatsache, dass er Kindheitserinnerungen mit dem Mann, den sie so hoffnungslos liebte, gemeinsam hatte.

Sie näherte sich dem Bett. Sie wusste fast nichts über ihn, bis auf die wenigen Auskünfte, die sein Bruder ihr anvertraut hatte. Aber sie spürte – nein, sie wusste –, dass Kummer sein Herz schwer machte. Ob es das war, was sie anzog? Hatte sie seinen Kummer erkannt, weil sie selbst so viel Kummer mit sich herumtrug?

Sie legte ihm die Hände auf die Brust und öffnete sich dem Licht. Ein Kribbeln zog durch ihre Hände, als ihre Berührung nach dem Schmerz griff, wie ein Magnet eine Handvoll ausgestreute Nadeln anzog.

Theo spürte, dass der Traum sich ihm näherte, und spannte sich abwehrend an. Früher hatte ihn der Albtraum jede Nacht heimgesucht und hatte ihm den Schlaf zu einer derartigen Qual gemacht, dass er Angst gehabt hatte, überhaupt die Augen zu schließen. Diese nächtliche Hölle war so gnadenlos, dass er dankbar wurde für die Schmerzen in Rücken und Beinen, die ihn wachhielten, bis er vor Erschöpfung in einen traumlosen Schlaf fiel.

Er hockte zusammengesackt auf dem Rücken seines Pferdes, kaum noch fähig, sich im Sattel zu halten. Der süßliche, ekelhafte Geruch seines Blutes stieg ihm in die Nase. Die Schmerzen waren zu einem trägen Pochen verblasst. Nur manchmal durchfuhr ihn stechende Pein, sodass er nach Luft schnappte.

Maryka. Er musste zu Maryka. Er musste sie warnen, ihr helfen zu fliehen, sich zu verstecken … Die letzte Schlacht war nun verloren. Und schon bald würden Schwärme von russischen und österreichischen Truppen im Siegesrausch über die flache ungarische Puszta fallen, trunken von Blut.

Das Häuschen war bereits in Sichtweite, als die letzten Kräfte ihn verließen und er kopfüber vom Pferd fiel. Er stützte sich auf seine Ellenbogen und kroch vorwärts in der sengenden Augusthitze. Der Schweiß lief über sein Gesicht und trübte seinen Blick.

In seinem Kopf pochte das Blut, als die Tür aufging und Maryka herausgelaufen kam, seinen Namen auf den Lippen. Erst als er die Rösser sah, wurde ihm klar, dass das Dröhnen in seinem Kopf von den Hufschlägen auf dem ausgedörrten Boden kam.

Die Soldaten ritten im Galopp heran und brachten die Pferde in einem Halbkreis um sie herum zum Stehen. Die plötzliche Stille wurde durchbrochen, als einer der Männer sein Pferd ein paar Schritte weiter trieb, dann abstieg. Er musterte Maryka und sagte einige Worte in einer Sprache, die Theo nicht verstand.

Ein Soldat mit einem dreckverschmierten Gesicht trat an Maryka heran und zog sie grob hoch. Sie schrie wild auf, aber nur ein einziges Mal. Dann zog er ihren Rock hoch und stopfte den Stoff mit einer fleischigen Pranke in ihren Mund.

Entsetzt versuchte Theo verzweifelt aufzustehen. Als er es endlich auf die Knie schaffte, fiel ein Schatten über ihn. Er schaute hinauf zu einem Offizier in der Uniform eines russischen Obersten, dessen Gesicht so aussah, als sei es zerbrochen und stümperhaft wieder zusammengefügt worden – die Nase flachgedrückt und seitlich verschoben, ein Backenknochen höher als der andere, die Haut stark vernarbt. Der Russe holte aus und versetzte ihm einen Tritt von solcher Wucht, dass Theo hören konnte, wie seine Rippen brachen.

Er kippte wie ein gefällter Baum um und blieb auf dem Rücken liegen, unfähig sich zu bewegen, kaum in der Lage, auch nur einen Atemzug zu holen. Als er hinaufstarrte in das Gesicht des Russen, machte er den Mund auf, um ihn zu verfluchen, doch er brachte kein Laut hervor. Der Mann lachte hämisch und ging zurück zu seinem Pferd.

Die Erde bebte, als die Soldaten davonritten. Theo blieb hilflos unter der unbarmherzigen Augustsonne liegen und schwor, dass er niemals dieses Gesicht vergessen würde … dass er am Leben bleiben würde, um Maryka zu befreien … dass er überleben würde, um tödliche Rache zu nehmen.

»Sch. Ganz ruhig. Sie haben nur geträumt.« Als Theo aus dem Albtraum auftauchte, empfingen ihn die samtene Stimme und der Verbenenduft. Er spürte, wie sein Körper schauderte von dem Nachhall des Traumes, aber er war zu schwach, um das Zittern zu beherrschen. Seine Schwäche beschämte ihn, und er hielt die Augen fest geschlossen.

Dieses Mal wusste er genau, wessen Hände ihn berührten. Auch ohne die Augen zu öffnen, konnte er sich ihr ruhig-heiteres Gesicht vorstellen. Ihr Mund würde wohl sanft lächeln. Auch ihre Augen, die wie goldene Topase aussahen und immer ein wenig traurig waren, sah er vor sich. Oder würde er heute Verachtung darin sehen?

Die qualvollen Bilder des Albtraumes kehrten wieder zurück, so wirklich, dass er den Staub und das Blut riechen konnte, und neue Schauder erschütterten sein Körper. Er wusste, dass die Bilder sich verflüchtigen würden, wenn er nur die Augen aufmachte, aber er ließ sie starrsinnig geschlossen, da er fürchtete, dass im Blick der jungen Krankenschwester Hohn zu lesen sein würde.

»Machen Sie die Augen auf«, redete Julie ihm zu. »Sie sind in Turin, in der Klinik Ihres Bruders. Es passiert Ihnen nichts.« Sie legte eine Hand an seine Wange, während sie mit der anderen über seine schweißnasse Stirn strich.

Sie sollte verschwinden, redete Theo sich ein. Er wollte sie nicht hier haben. Er wollte mit seinen beschämenden Erinnerungen allein sein. Am liebsten hätte er ihre weichen, kühlen Hände weggefegt. Und doch konnte er es einfach nicht, denn er wusste, welche Erquickung, welche Linderung sie bringen konnten, die er so bitter nötig hatte.

Als er schließlich die Lider hob, ließ der Seelenschmerz, den Julie in seinen Augen erblickte, sie aufkeuchen. Sie hatte gelernt, mit den körperlichen Leiden ihrer Patienten umzugehen, aber sie war völlig unvorbereitet für die Qual der Verzweiflung, die sie in Theos Augen sah. Sie musste etwas, irgendetwas tun, um ihm Erleichterung zu verschaffen, und doch fürchtete sie, dass das, was ihre Gabe ihr zu tun ermöglichte, dazu nicht imstande wäre. Also neigte sie den Kopf zu ihm hinunter, streifte seine hohle Wange mit den Lippen und schenkte ihm in einem Augenblick der Gnade ihr aus tiefstem Herzen kommendes Mitgefühl.

Theo spürte ihre Lippen auf seiner Haut, und längst verdrängte, vergessene Bedürfnisse regten sich in ihm, und er drehte den Kopf zu Julie, wie eine Pflanze in der Wüste sich dem Frühlingsregen entgegenreckte, sodass sie plötzlich Mund an Mund waren.

Einen langen Moment hielten sie still, der Hauch eines Kusses ganz keusch, und waren sich nicht bewusst, dass die ersten Strömungen neuer Empfindungen bereits begannen, sich unter der Oberfläche zu regen.

Als er sich bewegte, wich Julie instinktiv zurück. Bestürzt, mit pochendem Puls setzte sie sich auf und Verlegenheit und Befangenheit verhüllten die Erkenntnis, dass ihr soeben etwas Außerordentliches widerfahren war.

Theo nahm ihren verwirrten Blick wahr und schloss die Augen. Doch ihr Bild blieb bei ihm und beschützte ihn gegen den Albtraum … und gegen die Dunkelheit in seiner Seele.

Julie fühlte, wie sich ihre Spannung löste, als er die Augen schloss. Die betäubende Arznei und sein Seelenschmerz hatte sie in einem Augenblick außerhalb der Wirklichkeit zusammengeführt, dachte sie. Morgen, bei Tageslicht, würden sie sich gar nicht mehr daran erinnern.

Zum zweiten Mal in ebenso vielen Tagen nahm sie seine Hand. Diesmal aber, als sie wartete, bis Theo einschlief, träumte sie nicht von Maximilian von Berg.

Kapitel2

Julie hatte frische Kompressen auf Theos Rücken gelegt und begann nun, zusammen mit Dr. von Bergs Assistenzarzt, ihm einen neuen Verband anzulegen.

»Sind Sie für heute fast fertig?«

»Ich brauche nur noch ganz kurz.« Julie lächelte den jungen Arzt freundlich an. »Brauchen Sie noch etwas, Dr. Schalk?«

Der junge Mann errötete leicht und schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich hätte Sie gerne nach Hause begleitet«, sagte er leise, »wenn ich darf.«

Noch ehe Julie ihm antworten konnte, fuhr Theo den jungen Arzt an. »Ich würde vorschlagen, Sie machen ihre Rendezvous woanders aus.«

Julie biss sich auf die Lippen, um sich eine schroffe Erwiderung zu verkneifen. Ihre Geduld mit Theodor von Berg ging langsam aber sicher zu Ende, dachte sie. Seit jenem Abend, an dem sie ihn nach seinem Albtraum beruhigt hatte, hatte er jede Möglichkeit ergriffen, seine schlechte Laune an ihr auszulassen. Aber dies war das erste Mal, dass er seine Verdrossenheit bei einem Unbeteiligten abreagierte.

Als Julie das Unbehagen des jungen Arztes bemerkte, nickte sie ihm zu. »Gehen Sie nur. Ich kann das jetzt allein fertig machen.«

Erleichtert nahm der junge Arzt seinen Gehrock, den er vorhin abgelegt hatte. Mit einem zaghaften Lächeln in Julies Richtung schloss er die Tür hinter sich.

»War es notwendig, ihn so anzuherrschen?«, fragte Julie indigniert.

»Ihn?« Theo hob den Kopf. »Ich habe Sie angeherrscht.«

»Wie tröstlich. Ich sollte mich wohl dafür artig bedanken.«

Ihr gereizter Ton ließ Theo den Kopf noch weiter aufrichten. »Also beißt sie doch.« Spöttisch hob er die Augenbrauen. »Und ich dachte, Sie wären ein Muster an christlicher Nächstenliebe und Duldsamkeit.«

Julie zog den Verband straff und befestigte das Ende, bevor sie Theo ansah. Mit den semmelblonden Locken, die ihm in die Stirn fielen, sah er aus wie ein kleiner, frecher Junge, sodass sie vergaß, dass sein Ton ätzend war und seine Augen bitter.

»Das bin ich in der Tat.« Ihre Lippen verzogen sich in einem verschmitzten Lächeln, das im Widerspruch zu ihrem kühlen, hochmütigen Blick stand. »Ich habe mich bloß entschlossen, in Ihrem Fall eine Ausnahme zu machen.«

Einen Augenblick lang starrte Theo sie verdutzt an und begann dann plötzlich, lauthals zu lachen, was sie beide überraschte.

Wann hatte er wohl das letzte Mal gelacht? Theo dachte kurz nach und musste feststellen, dass er sich nicht erinnern konnte.

Wann hatte er wohl das letzte Mal gelacht? Julie musste erheitert feststellen, dass all seine Quengelei, all sein Missmut während der letzten Tage mit einem Male vergessen waren.

Max blieb in der Tür stehen, als er Theo schallend lachen hörte, und es schnürte ihm die Kehle zu, sodass er heftig schlucken musste.

»Nun«, sagte er schließlich, »das muss ein besonders lustiger Witz gewesen sein.«

»Ihr Bruder war wieder einmal äußerst anstrengend.«

»Und deine Krankenschwester«, ahmte Theo Julie nach, »war unverschämt respektlos.«

»Sie haben es verdient«, sagte Julie halblaut, während sie Theo routiniert wieder auf den Rücken drehte, noch bevor Max ihr zur Hand gehen konnte.

»Sie war ärgerlich, da ich sie tadelte, dass sie ein Rendezvous mit ihrem Verehrer an meiner Bettkante ausmachte.« Ein zynischer Tonfall färbte wieder seine Worte.

»Verehrer?«

Julie wandte den Blick zu Max. Er hatte fragend seine schwarzen Augenbrauen gehoben und Überraschung war in seinen Augen zu sehen. Plötzlich wurde ihr klar, so schrecklich klar, dass er sie noch nie als Frau wahrgenommen hatte, geschweige denn als eine begehrenswerte, und ihr Herz weinte.

»Ach, jetzt kenne ich mich aus. Deshalb also ist mein Freund Horst Schalk entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.«

Sein liebenswertes Lächeln konnte den Schmerz, der ihr Herz einschnürte, nicht erträglicher machen. »Wenn Sie nichts mehr brauchen, würde ich jetzt gern nach Hause gehen.« Zu stolz, um sich etwas anmerken zu lassen, stand sie gerade und ihr Blick blieb klar und ruhig.

»Gehen Sie nur. Ich …« Max lag eine scherzhafte Bemerkung auf den Lippen, doch als Julie plötzlich wegschaute, sprach er nicht weiter. Seine sonst so verlässliche Intuition ließ ihn jetzt im Stich und er dachte, dass sie wohl einfach verlegen sei. Er hatte sich so an ihre ruhige Tüchtigkeit gewöhnt, dass es ihm gar nie zu Bewusstsein gekommen war, dass sie jung und schön war. Doch seit er seine Gattin, Felicity, vor sechs Jahren kennengelernt hatte, war er ohnehin für die Reize anderer Frauen blind geworden.

Beide Männer schauten ihr nach, lange nachdem Julie die Tür hinter sich geschlossen hatte, beide eigenartig berührt und befangen, ohne zu wissen, warum.

»Wo hast du sie überhaupt aufgegabelt?«, fragte Theo zynisch, wie es seine Art war, mit unwillkommenen Gefühlen umzugehen. »In irgendeinem Waisenhaus? Oder auf der Straße?«

Max schüttelte den Kopf. »Es war andersherum. Sie hat mich gefunden.«

»Was auch immer. Du hast sie wohl retten müssen, wie all die verletzten Tiere, die du als Kind nach Hause geschleppt hast.« Er zog die Augenbrauen zusammen, nicht sicher, warum er sich über sie mokieren musste.

Wenn es jemand anderer als Theo gewesen wäre, hätte Max die Missbilligung seines herablassenden Tones zum Ausdruck gebracht »Sie hatte es nicht notwendig, von mir gerettet zu werden.«

»Ach, wirklich?«

»Es ist doch egal, oder?« Max zuckte die Achseln mit bemühter Lässigkeit. »Sie ist eine hervorragende Krankenschwester, und das ist das Einzige, was zählt, würde ich sagen.« Er sandte seinem Bruder das gleiche aufmunternde Lächeln, das er anwandte, wenn er seiner vierjährigen Tochter Lisa zuredete, nun doch ihre Karotten zu essen. »Und dich sticht wohl der Hafer heute«, sagte er herzlich – ein wenig zu herzlich. »Man hat mir berichtet, dass du dich geweigert hast, auch nur einen Schluck Laudanumtinktur zu dir zu nehmen.«

»Weißt du, Max, dafür, dass du jahrelang im Verborgenen agiert hast, bist du manchmal ein miserabler Lügner. Und dein charmantes Lächeln funktioniert vielleicht bei Lisa, aber nicht bei mir.« Theo kniff die Augen zusammen. »Was versuchst du eigentlich, mir mit aller Gewalt zu verheimlichen?«

»Es ist nicht wichtig, Theo. So lass es doch.«

Es war nicht Max’ Art, solche Ausweichmanöver zu unternehmen, dachte Theo, als er seinem Bruder zusah, wie er die Hände in seine Rocktaschen stopfte und zum Fenster schritt. Plötzlich war es ganz wichtig zu erfahren, wer dieses Mädchen war, und seine Gedanken jagten dahin, als er die Möglichkeiten durchging. Als er zur einzig logischen Schlussfolgerung gelangte, lachte er auf.

»Nun sag mir, Max, ist sie meine Nichte oder unsere Halbschwester?«

Max drehte sich um und sah seinem Bruder in die Augen. Er kämpfte kurz gegen die Versuchung an, ihn eine seiner Mutmaßungen glauben zu lassen.

»Nein, Theo.« Er schüttelte den Kopf. »Weder noch.«

»Verdammt noch mal …« Theo zuckte vor Schmerz zusammen, als er sich auf einen Ellenbogen aufstützte. »Wer ist sie dann? Und warum überschlägst du dich bei deinen Bemühungen, mir nicht zu sagen, wer sie ist?«

Max kapitulierte und seufzte resigniert. Er hatte gewusst, dass er irgendwann einmal Theo die Wahrheit würde sagen müssen. »Weil sie Russin ist.« Angespannt beobachtete er, wie Hass und eiskalte Wut in Theos Augen aufwallten, sodass sie die Farbe von Stahl annahmen.

Theo bemerkte eine seltene Unruhe in den Augen seines Bruders. »Und das ist nicht einmal alles, oder?«

Max holte tief Luft. »Ihr Name ist Fürstin Julia Muromski.«

»Und …« Theo brauchte jedes Quäntchen seiner Kraft, um den Namen des Mannes auszusprechen, der Maryka entführt und ihn selbst schwer verwundet zum Sterben zurückgelassen hatte. »… Boris Muromski ist …?«

»Ihr Onkel.«

»Wie konntest du nur? Wie konntest du zulassen, dass sie mich überhaupt berührte!« Die Worte sprudelten aus seinem Mund wie Gift aus einer Wunde. »Oder hattest du eine nette, kleine homöopathische Theorie, dass eine Russin meinen Hass auf die Russen kurieren würde?« Ein höhnisches Lächeln entstellte Theos Mund.

»Ich habe lange darüber nachgedacht. Das kannst du mir glauben.«

Theo schnaubte hämisch, und Max’ Temperament ging mit ihm durch. »Verdammt noch einmal, Theo, ich wollte dir die allerbeste Pflege zukommen lassen, und Schwester Julie kann sie dir geben.«

Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Wie konnte er erklären, dass Julie nicht einfach nur eine kompetente Krankenschwester war, sondern dass sie Heilkräfte besaß? Er konnte es nicht einmal sich selbst erklären. Wie konnte er Theo erklären, dass er einfach wusste, dass sie die Einzige war, mit deren Hilfe er wieder gesund werden konnte.

»Und übrigens hat sie nichts mit dem zu tun, was du erlitten hast.« Er wandte sich abrupt um und sah Theo ins Gesicht. »Überhaupt nichts. Ihre Eltern mussten Russland nach dem Dekabristen-Aufstand im Jahr 1825 verlassen. Sie sind Vertriebene, genauso wie wir.«

»Verschwind’, Max.« Das Gefühl, verraten worden zu sein, durchflutete Theo wie ein wilder Fluss. »Und schick sie ja nie mehr her.«

»Theo …«

Theo blickte Max wütend in die Augen. »Verschwind’, hab ich gesagt.« Er wandte ostentativ seinen Kopf zur Seite und starrte auf die weiß getünchte Wand. »Lass mich in Ruhe.«

Er würde nicht an sie denken, schwor er sich. Er würde an Maryka denken. Er schloss die Augen und versuchte, das Bild seiner jungen Geliebten aufzurufen, doch trotz aller Bemühungen konnte er nur einzelne Merkmale sehen, die sich nicht zu ihrem Gesicht zusammenfügen ließen.

Die ständigen Schmerzen und sein körperliches Gebrechen, mit denen er die letzten vier Jahre gelebt hatte, hatten ihn gelehrt, seine Gedanken zu beherrschen. Nur so konnte er sich aus der abgrundtiefen Verzweiflung befreien, in die Schmerz und Schuldgefühle und Hilflosigkeit ihn gestürzt hatten. Warum entglitten sie seiner Kontrolle jetzt und wurden mutwillig und unberechenbar? Sie schienen ein Eigenleben angenommen zu haben und verhöhnten ihn, provozierten ihn. Er versuchte dagegen anzukämpfen, doch fand er, dass die Waffen, die ihm zur Verfügung standen, recht kläglich waren.

Hatte er sie nicht von Anfang an verachtet? Du lügst, sagte die Stimme in seinem Kopf, doch er unterdrückte sie.

Hatte er nicht gewusst, dass sie gemein und niederträchtig war, noch bevor er gewusst hatte, dass sie mit jenem Erzschurken verwandt war? Sein Gewissen schalt ihn, doch er ignorierte es.

Das Zimmer wurde in Dämmerung getaucht, dann in Dunkelheit. Die Nacht brach herein und mit ihr kamen jene Stunden, die auch den stärksten Mann entkräfteten. Jene Stunden, die sogar beim selbstsichersten Zweifel aufkommen ließen. Theo klammerte sich verzweifelt an seine Lügen, seine Ungerechtigkeit, seinen konstruierten Hass, weil der Gedanke, dass er Julie nie wiedersehen würde, unerträglich war.

Als schlussendlich ein unruhiger Schlaf ihn übermannte, nahm er Julies Bild mit hinüber in seine Träume.

Als Julie sah, dass Dr. von Berg auf den Stufen zur Klinik stand, senkte sie den Kopf und verlangsamte ihren Schritt. Zum ersten Mal, seit sie an der Klinik tätig war, hatte sie es nicht eilig, mit ihrer Arbeit zu beginnen. Und ihr Wunsch, Maximilian von Berg gegenüberzutreten, hielt sich auch in Grenzen.

Sie war eine dumme Gans, tadelte sie sich. Wie oft hatte sie sich wegen ihrer verzweifelten, hoffnungslosen Liebe Vorhaltungen gemacht? Wie oft hatte sie versucht, sich diese Gefühle auszureden? Es war aber alles vergebens gewesen. Aber wie konnte es anders sein, wenn sie tagaus, tagein an der Seite des wunderbarsten Mannes der Welt ihre Arbeit verrichten durfte? Eines Mannes, der liebenswürdig und hochkompetent war. Eines Mannes, dessen ganze Fürsorge seinen Patienten galt.

Vorsichtig riskierte sie einen Blick unter ihren dichten Wimpern und bemerkte, dass er immer noch an derselben Stelle stand und sie direkt ansah. Doch sein liebenswürdiges Lächeln schien ihm heute abhandengekommen zu sein und er hatte seine Augenbrauen zusammengezogen. Julie schob ihre Verlegenheit und ihren Kummer beiseite und beschleunigte wieder ihre Schritte.

»Würden Sie bitte so nett sein und in mein Sprechzimmer kommen, bevor Sie mit der Arbeit beginnen, Schwester Julie?«

»Ist etwas passiert?« Besorgt wollte Julie die Hand auf seinen Arm legen, besann sich jedoch im letzten Moment, dass eine solche Geste ihr nicht zustand. »Ihrem Bruder geht es hoffentlich nicht schlechter?«

Max hob die Schulter. »In gewisser Weise schon.« Er sah die Betroffenheit in ihrem Blick und erkannte das Mitgefühl, aber die Verehrung entging ihm. Er schrieb sein Unbehagen dem zu, was er ihr zu sagen hatte. »Ich bin dann in meinem Sprechzimmer«, sagte er halblaut und eilte davon.

Dr. von Berg stand am Fenster seines kleinen Sprechzimmers, als Julie eintrat. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, als er zu sprechen begann.

»Sie erinnern sich sicher daran, dass ich Sie gebeten hatte, Ihre russische Herkunft meinem Bruder gegenüber nicht zu erwähnen.«

»Natürlich. Sie sagten, dass er während der Revolte von meinen russischen Landsleuten schwer misshandelt worden sei. Ich habe ihm nie etwas gesagt.« Julie machte einen Schritt zurück, als er sich umwandte und sie sein düsteres Gesicht bemerkte. »Wirklich, gar nichts.«

»Ich weiß.« Angesichts des Kummers in ihrem Gesicht entspannte er seine Miene. »Aber ich habe es getan.«

»Aber …«

»Er stellte mir allerhand Fragen über Sie. Als ich ihm auswich, hat er …« Max verstummte kurz, da er ihr einfach nicht sagen konnte, was Theo zuerst vermutet hatte. »Jedenfalls sagte ich ihm, wer Sie sind.« Er beachtete nicht das Schuldgefühl, das mit seinem Entschluss einherging, ihr die Tatsache zu verschweigen, dass der Mann, der Theo misshandelt hatte, ihr Onkel war, den sie nur aus Erzählungen ihrer Eltern kannte. Das tat nichts zur Sache und würde ihr nur Kummer bereiten, dachte er. »Und nun …«

»Und nun weigert er sich, meine Hilfeleistungen in Anspruch zu nehmen«, vervollständigte sie den Satz.

Er nickte.

»Und Sie? Was möchten Sie?« Ihr Atem stockte, als ihr klar wurde, dass sie über Theo von Berg sprach und doch nicht.

Die Untertöne ihrer Worte entgingen ihm und Max kam auf sie zu und ergriff ihre Hände mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Ich kann es nicht erklären. Alles, was ich als Arzt, als Wissenschaftler weiß, sagt mir, dass es solcherart Dinge nicht gibt. Und dennoch weiß ich, dass Ihre Hände Wunder vollbringen.« Er drückte leicht ihre Finger. »Und Theo braucht ein Wunder.«

Das waren nicht die Worte, die sie hören wollte, doch wenn er sie so anlächelte, hätte sie es mit dem Teufel aufgenommen.

»Ich werde tun, was ich kann«, flüsterte sie.

»Er wird es Ihnen schwer machen.« Er ließ ihre Hände los.

»Dann wird alles bleiben, wie es war.« Jetzt, da Dr. von Berg ihre Hände nicht mehr in den seinen hielt, fand Julie ihre Stimme und ihren Sinn für Humor wieder. »Nicht wahr?«

Max lachte reumütig. »Allerdings. Er war wohl bisher auch kein mustergültiger Patient.«

»Er wird wieder gesund werden – ob mit meiner Hilfe oder ohne«, meinte Julie und dachte an die verbissene Entschlossenheit in Theos Augen. »Er will es zu sehr, um es nicht zu schaffen.«

Max nickte. Aber die Gründe, warum Theo gesund werden wollte, waren ganz verkehrt, dachte er. Vielleicht würde diese junge Frau ihm die richtigen Gründe beibringen.

---ENDE DER LESEPROBE---