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Der Begriff Arbeitsintensität beschreibt einen Belastungsfaktor, dessen Relevanz angesichts aktueller Trends wie zunehmende Digitalisierung, Beschleunigung und Komplexität in der globalen Arbeitswelt immer mehr an Bedeutung gewinnt. Bei hoher Arbeitsintensität handelt es sich um eine Arbeitsanforderung, die von Beschäftigten vielfach als psychisch beanspruchend erlebt und in der betrieblichen Praxis mit Begriffen wie Zeitdruck, Leistungsdruck und Stress umschrieben wird. Dieser Band fasst die langjährige qualitative und quantitative Forschung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zum Thema Arbeitsintensität zusammen und leitet auf der Grundlage aktueller Forschungsergebnisse Empfehlungen für die betriebliche Praxis ab. Eingegangen wird dabei auf die Verbreitung, die Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen von hoher Arbeitsintensität und Informationsüberflutung am Arbeitsplatz. Zudem werden Möglichkeiten der betrieblichen Gestaltung hoher Arbeitsintensität und eines guten Umgangs mit diesem Belastungsfaktor am Arbeitsplatz aufgezeigt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Anika Schulz-Dadaczynski
Nicole Stab
Andrea Lohmann-Haislah
Gisa Junghanns
Arbeitsintensität
Umgang mit Zeitdruck, Leistungsdruck und Informationsflut in der betrieblichen Praxis
unter Mitarbeit von Nina Assenheimer
Managementpsychologie
Band 4
Arbeitsintensität
Dr. Anika Schulz-Dadaczynski, Dr. Nicole Stab, Dipl.-Psych. Andrea Lohmann-Haislah, Dr. Gisa Junghanns
Die Reihe wird herausgegeben von:
Prof. Dr. Rolf van Dick, Prof. Dr. Jörg Felfe, Prof. Dr. Sandra Ohly, Prof. Dr. Jürgen Wegge
Dr. Anika Schulz-Dadaczynski, geb. 1978. Studium Organisational Management an der Universität Flensburg. 2012 Promotion. Seit 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Fachbereich Arbeit und Gesundheit, Fachgruppe für Psychische Belastung und Mentale Gesundheit in Berlin.
Dr. Nicole Stab, geb. 1982. Studium Gesundheitsförderung und -management an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal und Studium Gesundheitswissenschaften/Public Health an der medizinischen Fakultät der TU Dresden. 2008 Promotion. 2014–2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) an den Standorten Berlin und Dresden. Seit 2017 Mitarbeiterin der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) in der Bezirksstelle Dresden. Seit 2021 Aufsichtsperson gemäß SGB VII.
Dipl.-Psych. Andrea Lohmann-Haislah, geb. 1965. Studium der Psychologie an der Freien Universität Berlin. Seit 2007 Referentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin (Gruppe 3.2 Psychische Belastung und Mentale Gesundheit).
Dr. Gisa Junghanns, geb. 1962. Studium der Arbeits- und Ingenieurpsychologie an der TU Dresden. 1992 Promotion. 2009–2019 stellv. Leitung der Fachgruppe „Psychische Belastungen“ und 2019–2021 kommissarische Leitung der Fachgruppe „Psychische Belastung und Mentale Gesundheit“ an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Berlin.
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Satz: Sabine Rosenfeldt, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
Format: EPUB
1. Auflage 2022
© 2022 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2977-9; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2977-0)
ISBN 978-3-8017-2977-6
https://doi.org/10.1026/02977-000
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1 Einleitung
2 Arbeitsintensität verstehen
2.1 Aktuelles Begriffsverständnis in der Wissenschaft
2.2 Erleben von Arbeitsintensität durch Beschäftigte: Zeit- und Leistungsdruck
2.2.1 Beschreibungen von Beschäftigten: Was ist Zeit- und/oder Leistungsdruck?
2.2.1.1 Aspekte von Zeitdruck
2.2.1.2 Aspekte von Leistungsdruck
2.2.2 Fazit zum Erleben von Zeit- und Leistungsdruck
2.3 Arbeitsintensität in Theorien und Modellen
2.3.1 Das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept
2.3.2 Das Anforderungs-Belastungs-Konzept aus der Handlungsregulationstheorie
2.3.3 Das transaktionale Stressmodell
2.3.4 Das Modell der Ressourcenerhaltung
2.3.5 Das Anforderungs-Kontroll-Modell (Job-Demand-Control Model)
2.3.6 Das Job Demands-Resources Model
2.3.7 Das Demand-Induced Strain Compensation Model (DISC-Modell)
2.3.8 Das Challenge-Hindrance Framework
2.3.9 Fazit
3 Verbreitung von Arbeitsintensität
3.1 Hintergrund
3.2 Stichprobe
3.3 Operationalisierung von Arbeitsintensität, subjektiver Belastung und weiterer Arbeitsmerkmale
3.4 Ergebnisse
3.4.1 Aktueller Stand und Entwicklung der Arbeitsintensität
3.4.2 Subjektives Belastungsgefühl durch Arbeitsintensitätsmerkmale
3.4.3 Mit Arbeitsintensität einhergehende Arbeitsmerkmale
3.5 Zusammenfassung
4 Folgen von Arbeitsintensität
4.1 Arbeitsintensität und gesundheitliche sowie motivationale Folgen: Ein Blick auf die Studienlage
4.1.1 Wie wird Arbeitsintensität gemessen?
4.1.2 Gibt es Zusammenhänge mit gesundheitlichen und motivationalen Folgen?
4.1.2.1 Quantitative Anforderungen: Gesundheitliche und motivationale Zusammenhänge mit der Dimension „Menge/Zeit“
4.1.2.2 Qualitative Anforderungen: Gesundheitliche und motivationale Zusammenhänge mit der Dimension „Qualität/Beschaffenheit der Arbeit“
4.1.2.3 Alternative Messung von Arbeitsintensität: Laborstudien versus Feldstudien
4.1.3 Zusammenfassung
4.2 Arbeitsintensität, Beanspruchung und gesundheitliche Beschwerden auf Basis der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung
4.2.1 Hintergrund und Stichprobe
4.2.2 Operationalisierung von Arbeitsintensität, Beanspruchung und gesundheitlichen Beschwerden
4.2.3 Ergebnisse
4.2.4 Zusammenfassung
4.3 Folgen von Zeit- und Leistungsdruck vor dem Hintergrund qualitativer Studien
4.3.1 Folgen für Befinden und Gesundheit der Beschäftigten
4.3.2 Folgen für die Work-Life-Balance
4.3.3 Folgen für die Tätigkeitsausübung (Leistung)
4.3.4 Folgen für die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz
4.4 Fazit
5 Informationsüberflutung am Arbeitsplatz
5.1 Einleitung
5.2 Definition
5.3 Entstehung und Kernmerkmale von Informationsüberflutung
5.4 Die Bedeutung von Arbeitsmerkmalen für die Informationsüberflutung
5.5 Auswirkungen von Informationsüberflutung auf Verhalten, Leistung und Gesundheit
5.6 Arbeitsgestaltung zur Vermeidung oder zum Abbau von Informationsüberflutung
5.7 Fazit
6 Arbeitsintensität gestalten
6.1 Direkte (verhältnisorientierte) Gestaltung von Zeit- und Leistungsdruck
6.1.1 Zentrale Ursachen von Zeit- und Leistungsdruck
6.1.2 Gestaltungsmöglichkeiten bei Zeit- und Leistungsdruck
6.1.3 Gestaltungswissen: Gestaltungsempfehlungen aus betrieblichen Interventionsstudien
6.1.3.1 Welche Maßnahmen wurden in den Studien umgesetzt?
6.1.3.2 Was ist organisationales Lernen und wie entsteht es?
6.1.3.3 Wie ist das durch Interventionsstudien gesicherte Wissen einzuschätzen?
6.2 Indirekte Gestaltung: Umgang mit Zeit- und Leistungsdruck
6.2.1 Weit verbreitete Umgangsweisen: Arbeitsausdehnung und -intensivierung
6.2.2 Alternative Umgangsweisen: Begrenzung und Fokussierung
6.2.2.1 Umgangsweisen der Begrenzung
6.2.2.2 Umgangsweisen der Fokussierung
6.2.2.3 Begrenzung und Fokussierung: Eine Bewertung vor dem Hintergrund ihrer Folgen
6.2.3 Voraussetzungen von Begrenzung und Fokussierung
6.2.3.1 Ebene der Organisation
6.2.3.2 Ebene der Tätigkeit
6.2.3.3 Ebene des Teams
6.2.3.4 Ebene der Beschäftigten
6.2.4 Voraussetzungen von Begrenzung und Fokussierung: Eine Zusammenfassung und Diskussion
6.2.5 Gestaltungsempfehlungen zur Förderung eines guten Umgangs mit Zeit- und Leistungsdruck
6.3 Fazit zur Gestaltung von Arbeitsintensität und Zeit- und Leistungsdruck
7 Literaturempfehlungen
8 Literatur
9 Anhang
9.1 Fragebogeninstrumente mit Skalen zu Arbeitsintensität
9.2 Arbeitsanalyseverfahren mit Verfahrensteilen zu Arbeitsintensität
9.3 Handlungshilfen verschiedener Institutionen
9.4 Praxisbeispiele in Datenbanken, Fachbüchern und Broschüren
Sachregister
Anika Schulz-Dadaczynski
Das Thema Arbeitsintensität ist in „vieler Munde“. So widmeten sich im Jahr 2019 gleich zwei größere gewerkschaftliche Publikationen der Thematik: Der Jahresbericht zum DGB-Index Gute Arbeit wählte Arbeitsintensität als Schwerpunktthema und stellte fest, dass es sich hierbei um ein Thema handelt, das „von den Beschäftigten seit Jahren besonders kritisch bewertet wird“ (Institut DGB-Index Gute Arbeit, 2019, S. 5). Es bestehe großer Handlungsbedarf. Auch eine auf dem DGB-Index basierende ver.di-Publikation greift das Thema auf, beleuchtet Arbeitsintensität unter verschiedenen Aspekten und Perspektiven und unterstreicht ihre hohe Relevanz für unterschiedliche Branchen (ver.di, 2019).
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) stellt in ihrem Stressreport 2019 fest, dass von den im Report betrachteten Stressoren „Merkmale, die mit hoher Arbeitsintensität in Verbindung stehen, auch im Jahr 2018 am stärksten verbreitet sind“ (Lohmann-Haislah, 2020, S. 32). So berichten bspw. 48 Prozent der befragten Beschäftigten von hohem Termin- oder Leistungsdruck. Ein eigenes Kapitel vertieft die Thematik (Schulz-Dadaczynski, 2020, S. 40 ff.), wie bereits im Vorgänger-Report 2012 (Junghanns, 2012, S. 107 ff.). Auch im aktuellen Bericht „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ (SUGA) wird das Thema vertiefend behandelt (BAuA, 2020, S. 74 ff.). Die Zahlen aus dem Stressreport verdeutlichen, dass die Arbeitsintensität anhaltend hoch ist. Sie wird als Schlüsselfaktor bei der Arbeit erachtet, auch im Rahmen der Arbeitsgestaltung (Rothe et al., 2017; Stab, Jahn & Schulz-Dadaczynski, 2016).
Angesichts des Wandels in der Arbeitswelt, der durch unterschiedliche Trends gekennzeichnet ist, wie vor allem auch durch eine zunehmende Digitalisierung und Globalisierung (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2017), ist nicht von einer Abnahme der Verbreitung und Relevanz von Arbeitsintensität auszugehen. So ist die Digitalisierung bspw. mit beschleunigten Kommunikations- und Produktionsprozessen, der Verkürzung von Produktlebens- und Innovationszyklen und einer erhöhten Verfügbarkeit von Informationen verknüpft. Hierdurch wird die Arbeitswelt schnelllebiger und zunehmend komplex, die Arbeitsintensität für die Beschäftigten erhöht sich (Schulz-Dadaczynski, Junghanns & Lohmann-Haislah, 2019). Viele Beschäftigte werden vor diesem Hintergrund mit veränderten und intensivierten Anforderungen konfrontiert, die sich auch auf die Notwendigkeit des kontinuierlichen Lernens, Planens und Entscheidens beziehen und damit neue Dimensionen von Arbeitsintensität beinhalten (Kubicek, Paskvan & Korunka, 2015).
Arbeitsintensität kommt somit eine hohe Aufmerksamkeit zu, sowohl in der Wissenschaft als auch in der betrieblichen Praxis. Was verbirgt sich jedoch genau hinter dem Thema Arbeitsintensität? Wer ist besonders von Arbeitsintensität betroffen? Wodurch entsteht eine (zu) hohe Arbeitsintensität? Welche Folgen kann eine (zu) hohe Arbeitsintensität haben? Welche Möglichkeiten zur Gestaltung und für einen guten Umgang gibt es?
|10|Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich dieses Buch. Es richtet sich vor allem an Praktiker und Fachleute, die sich in der betrieblichen Realität mit Arbeitsintensität auseinandersetzen, wie zum Beispiel Führungskräfte, Beschäftigte der Personalabteilung oder Fachkräfte des Arbeitsschutzes. Wissenschaftler, die sich für eine praxisorientierte Auseinandersetzung mit dem Thema interessieren, werden mit diesem Buch ebenso angesprochen. Es soll sowohl zum Verständnis von Arbeitsintensität als wichtigem Faktor bei der Arbeit beitragen als auch Impulse für die Gestaltung von Arbeitsintensität geben.
Das folgende Kapitel 2 legt zunächst die Grundlage dafür, Arbeitsintensität besser zu verstehen. Was genau ist eigentlich Arbeitsintensität? Welche Aspekte bzw. Merkmale beinhaltet dieses Phänomen? Welche Annahmen vor dem Hintergrund von Theorien und Modellen gibt es zu Arbeitsintensität? Zur Beleuchtung dieser Fragen werden unterschiedliche Begriffsverständnisse und Erscheinungsformen von Arbeitsintensität vorgestellt sowie Theorien und Modelle, die für die Betrachtung von Arbeitsintensität relevant sind.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit den Fragen, wer insbesondere von hoher Arbeitsintensität betroffen ist, und mit welchen Arbeitsmerkmalen dieses Phänomen oftmals einhergeht. Um diesen Fragen nachzugehen, werden Daten einer großen repräsentativen Erwerbstätigenbefragung genutzt.
Das Kapitel 4 wendet sich anschließend den möglichen Folgen einer hohen Arbeitsintensität zu. Welche Auswirkungen kann eine (zu) hohe Arbeitsintensität haben? Welche Folgen werden aus der Sicht von Beschäftigten beschrieben? Es werden sowohl verschiedene quantitative Datenquellen als auch qualitative Interviewdaten zur Beantwortung dieser Fragen genutzt.
Kapitel 5 unternimmt einen Exkurs zu einer Facette von Arbeitsintensität, die insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung in der Arbeitswelt eine hohe Bedeutung hat: die Informationsüberflutung am Arbeitsplatz. Das Kapitel beschäftigt sich mit diesem relevanten Phänomen, seinen Ursachen und Folgen und beschreibt Gestaltungsmöglichkeiten, die auf die Vermeidung bzw. den Abbau von Informationsüberflutung abzielen.
Das Kapitel 6 behandelt schließlich ausführlich die Gestaltung von Arbeitsintensität. Dabei werden zum einen Möglichkeiten der direkten Gestaltung, d. h. des Abbaus einer hohen Arbeitsintensität, aufgezeigt, die aus empirischen Studien abgeleitet oder in Interventionsstudien erprobt wurden. Zum anderen werden Möglichkeiten eines guten Umgangs mit hoher Arbeitsintensität vorgestellt sowie hierfür förderliche Faktoren.
Der Anhang des Buches beinhaltet abschließend weiterführende Hinweise auf Materialien, die bei der Thematisierung von Arbeitsintensität in der betrieblichen Praxis und ihrer Gestaltung unterstützen können. Diese Materialien beinhalten Literaturempfehlungen im Hinblick auf exemplarisch ausgewählte Fragebogeninstrumente zur Ermittlung von Arbeitsintensität, Handlungshilfen für die Praxis sowie konkrete Praxisbeispiele.
Nicole Stab
Arbeitsintensität – Was ist das eigentlich? In der betrieblichen Praxis findet dieser Begriff kaum Verwendung: Hier werden vielmehr Begriffe wie Zeitdruck, Leistungsdruck oder Stress im Allgemeinen benutzt, um einer starken Inanspruchnahme durch die Arbeit und/oder Überforderung Ausdruck zu verleihen.
Der Begriff Arbeitsintensität wurde jedoch ganz bewusst für dieses Buch gewählt, da er zunächst ohne Wertung einen für alle Beschäftigten an einem Arbeitsplatz ähnlichen Zustand beschreibt, der letztendlich auch gestaltet werden kann. Nach der entsprechenden DIN-Norm sprechen wir hier von einer Belastung. Trotzdem sollte eine Belastung nicht ohne eine Bewertung (durch die Beschäftigten) betrachtet werden, die sich in der sogenannten Beanspruchung niederschlägt (vgl. dazu auch DIN EN ISO 10075-1, 2018; siehe Kasten).
Erläuterungen zur Norm DIN EN ISO 10075-1
Der erste Teil der Norm DIN EN ISO 10075-1 „Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung – Allgemeine Aspekte und Konzepte und Begriffe“ differenziert die Begriffe psychische Belastung und Beanspruchung und kann als Verständnisgrundlage für die verschiedenen Bezeichnungen rund um den Begriff Arbeitsintensität verwendet werden:
Psychische Belastung ist die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken.
Psychische Beanspruchung ist die unmittelbare (nicht langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seinen jeweiligen überdauernden und augenblicklichen Voraussetzungen, einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategien.
Hierbei stellt die Arbeitsintensität die Belastung dar, die aufgrund unterschiedlicher Leistungsvoraussetzungen, Ressourcen und Umgangsweisen der Beschäftigten unterschiedlich erlebt wird und sich auch unterschiedlich auswirkt.
In diesem Kapitel werden zunächst das Begriffsverständnis und die Begriffsverwendung von Arbeitsintensität in der Wissenschaft näher betrachtet (Abschnitt 2.1). Der nachfolgende Abschnitt 2.2 beschäftigt sich mit dem Erleben von Arbeitsintensität durch Beschäftigte bzw. der Wahrnehmung von Arbeitsintensität in der betrieblichen Realität. Im Abschnitt 2.3 werden anschließend Theorien und Modelle zur Arbeitsintensität vorgestellt.
Nicole Stab
Arbeitsintensität ist als Begriff abstrakt und wenig greifbar. Zudem ist Arbeitsintensität als Ganzes auch nicht gestaltbar. Vielmehr ist es notwendig, Facetten oder Merkmale von Arbeitsintensität zu betrachten, die letztendlich gestaltet werden können.
In der arbeits- und sozialwissenschaftlichen Forschung gibt es bisher keine einheitliche Definition und Betrachtung von Arbeitsintensität. Die Forderung und der Nutzen einer belastungsbezogenen Erfassung werden hingegen durchaus herausgestellt (z. B. Roe & Zijlstra, 2000; Stab, Jahn & Schulz-Dadaczynski, 2016), sodass in der jüngeren Forschung vereinzelt versucht wurde, Arbeitsintensität als Belastungsfaktor zu beschreiben und Merkmale zu finden, um Arbeitsintensität erfassbar zu machen (z. B. Rau & Göllner, 2018; Stab, Jahn & Schulz-Dadaczynski, 2016).
Dabei wurden stets die von Trägner (2006) postulierten Dimensionen Arbeitszeit, -quantität und -qualität als Kerndimensionen von Arbeitsintensität bzw. deren Verhältnis zueinander betrachtet. Während die Dimensionen Arbeitszeit und Arbeitsquantität ziemlich klar definierbar sind, nämlich
Arbeitszeit als die zur Verfügung stehende Zeit zur Verrichtung der Arbeitsaufgabe,
Arbeitsquantität als die Menge der zu verrichtenden Aufgabe in der geforderten Beschaffenheit,
ist die Dimension Arbeitsqualität schwerer fassbar. Um die Kerndimension Arbeitsqualität näher zu beleuchten, bedarf es eines kurzen Blicks in die geschichtliche Entwicklung von Arbeit. Arbeit war noch vor ein paar Jahrzehnten maßgeblich geprägt von einfachen Industrietätigkeiten in Fertigung und Produktion. Dabei handelte es sich in der Regel um einzelne Arbeitsschritte oder die Aneinanderreihung einiger weniger Arbeitsschritte, die sich oft wiederholten. Diese Arbeitsschritte konnten in hoher Frequenz durchgeführt werden, da sie einer niedrigen geistigen Anstrengung bedurften, d. h. sie waren automatisiert oder regelbasiert ausführbar und benötigten keine geistig-schöpferischen Denkprozesse.
In den letzten dreißig Jahren wurden Industriearbeitsplätze zunehmend von Dienstleistungs- oder Wissensarbeit verdrängt. Diese Tätigkeiten werden immer komplexer und erfordern hohe geistig-schöpferische Anteile. Sie bestehen nicht mehr aus einzelnen gleichartigen Arbeitsschritten, sondern aus vielfältigen, ganz unterschiedlichen Teilaufgaben, gekennzeichnet durch Elemente der Planung, Organisation und Bewertung. Während bei einfacher Industriearbeit die Kerndimensionen Menge und Zeit ausreichen, um Arbeitsintensität zu charakterisieren, kommt mit komplexer werdenden Tätigkeiten eine neue Dimension hinzu, welche die Qualität, oder vielmehr die |13|Beschaffenheit der Arbeitsaufgabe beschreibt: Hat ein Beschäftigter nur eine einfache oder eine sehr komplexe, zum Teil auch neuartig-schöpferische Arbeitsaufgabe zu verrichten? Hier geht es nicht um die Qualität des Produktes, sondern um die Qualität der Arbeitsaufgabe im Sinne der geistigen Anforderung, die an den Beschäftigten gestellt wird. Rau und Göllner (2018) beschreiben dies auch als das für die Aufgabenerfüllung erforderliche kognitive Regulationsniveau (automatisiert ausführbare vs. regelbasierte vs. wissensbasierte kognitive Anforderungen der Arbeitsaufgabe). Bei Dienstleistungstätigkeiten sind diese geistigen Anforderungen vor allem durch die Intensität der Betreuung von Klient:innen und Patient:innen oder auch die Intensität von Kundenberatungen geprägt.
Es gibt also drei Kerndimensionen, die Arbeitsintensität beschreibbar machen. Folglich gibt es auch drei Stellschrauben, die verändert werden können, um Arbeitsintensität zu beeinflussen (siehe Kasten auf S. 14).
Beschäftigte sprechen in der betrieblichen Praxis in der Regel nicht von Arbeitsintensität, sondern von zu hohem Termindruck bzw. Zeitdruck oder Leistungsdruck. Diese Begrifflichkeiten sind negativ konnotiert und deuten darauf hin, dass Beschäftigte, die dies bei ihrer Arbeit erleben, sich „unter Druck“ gesetzt fühlen. Das impliziert bereits eine Bewertung und „beinhaltet immer ein Element der subjektiven Wahrnehmung von Stress“ (Rau & Göllner, 2018, S. 152).
Die Erfassung des Erlebens von Zeit- und Leistungsdruck durch Beschäftigte kann die Betrachtung von Arbeitsintensität in Unternehmen sinnvoll ergänzen und wichtige Erkenntnisse für den betrieblichen Umgang mit diesem Belastungsfaktor liefern. Deshalb ist der Blick auf die individuelle Wahrnehmung von Zeit- und Leistungsdruck überaus nützlich. Doch handelt es sich bei Zeitdruck und Leistungsdruck um das Gleiche? Und ist das Erleben von Zeitdruck auch gleichzeitig an das Erleben von Leistungsdruck geknüpft?
Leinhos et al. (2018) beschreiben Zeit- und Leistungsdruck als voneinander unabhängige Konstrukte. Während Zeitdruck die Fertigstellung von Arbeitsaufgaben innerhalb eines begrenzten Zeitraums beinhaltet und als quantitative Anforderung betrachtet werden kann, ist Leistungsdruck eine qualitative Anforderung. Eisenberger und Aselage (2009) stellen Leistungsdruck als die Anforderung dar, eine hohe Leistung zu zeigen, ohne Fehler zu machen. Beide Konstrukte können den Kerndimensionen von Arbeitsintensität zugeordnet werden. Zeitdruck wird erlebt, wenn die Dimensionen Zeit und Menge in einem Missverhältnis zueinanderstehen. Leistungsdruck entsteht, wenn die Dimension Qualität/Beschaffenheit der Arbeit zu komplex gestaltet ist, wobei dies noch verschärft werden dürfte, wenn die Tätigkeit im Rahmen von engen Zeitvorgaben ausgeübt wird.
Im nächsten Abschnitt 2.2 wird Zeit- und Leistungsdruck als Erleben von Arbeitsintensität umfassender betrachtet.
|14|Beeinflussung von Arbeitsintensität über drei Stellschrauben
Beeinflussung der Stellschraube „Zeit“
Beispiel 1: Der Fluglotse. Beim Fluglotsen ist die Arbeit so gestaltet, dass überwiegend komplexe Arbeitsschritte vorliegen, die mit sehr viel Konzentration und Präzision verrichtet werden müssen. Fehler können fatale Folgen haben. Das heißt, da hohe wissensbasierte kognitive Anforderungen zur Tätigkeit gehören, kann nur an den Schrauben „Menge“ und „Zeit“ gedreht werden, um die Arbeitsintensität zu verändern. Die Menge ist hier aber auch nicht oder nur in geringem Maße zu beeinflussen, da der Flugplan eines Flughafens in der Regel feststeht. Daher arbeitet der Fluglotse in der Regel maximal 2 bis 3 Stunden am Stück und hat dann längere Pausen einzuhalten.
Beeinflussung der Stellschraube „Menge“
Beispiel 2: Pflegende im Krankenhaus. Im Krankenhaus gibt es verschiedene Einsatzbereiche für Pflegende, bspw. die Intensivstation oder eine Normalpflegestation. Der Unterschied von Intensivstation und Normalpflegestation ist, dass auf Intensivstationen die Arbeit kognitiv höhere Anforderungen an die Pflegenden stellt. Es kommen bspw. intensive Überwachungstätigkeiten hinzu, außerdem muss mit mehr Technik gearbeitet werden. Das spiegelt sich auch in der Konstellation der Komponenten von Arbeitsintensität wider. Die Arbeitszeit ist für beide Einsatzbereiche, Intensivstation und Normalpflegestation, gleich geregelt, da der Krankenhausbetrieb aufrechterhalten werden muss. Intensivpflegende haben aber in der Menge weniger Patient:innen zu betreuen, in der Regel zwei oder drei, während Pflegende auf Normalpflegestationen für 10 bis 12 Patient:innen verantwortlich sind.
Beeinflussung der Stellschraube „Qualität“ bzw. Beschaffenheit der Arbeitsaufgabe
Beispiel 3: Pflegende im Krankenhaus. Wie zuvor dargestellt, haben Pflegende einer Normalpflegestation 10 bis 12 Patient:innen in einer Schicht zu versorgen. Wenn er oder sie Zeitdruck erlebt, dann können Prioritäten gesetzt werden, d. h. Arbeitsschritte können vereinfacht werden. Beispielsweise lässt sich die Körperwäsche in stressigen Diensten (siehe hierzu auch das Beispiel in Abschnitt 9.4) auf eine Gesichtswäsche reduzieren oder andere Tätigkeiten, wie z. B. das Auffüllen von Verbrauchsmaterialien der Station, können ganz weggelassen und so die Teilschritte der Arbeit vereinfacht bzw. reduziert werden (siehe dazu das Beispiel „Priorisierungen in stressigen Diensten“ auf S. 134).
Weitere Gestaltungsmöglichkeiten werden im Kapitel 6 vertieft dargestellt.
Anika Schulz-Dadaczynski
Im vorherigen Abschnitt wurde beschrieben, was in der Wissenschaft unter Arbeitsintensität verstanden wird bzw. welche Aspekte in der Forschung und in betrieblichen Untersuchungen unter der Begrifflichkeit der Arbeitsintensität betrachtet werden. Es wurde bereits darauf verwiesen, dass bei dieser Betrachtung die Erfassung des Erlebens bzw. der Wahrnehmung von Arbeitsintensität durch die Beschäftigten eine wichtige Ergänzung ist. Wenn Beschäftigte ihre Wahrnehmung bzw. ihr Erleben eines Ungleichgewichts zwischen der Arbeitsmenge, Arbeitsqualität und Arbeitszeit beschreiben, sprechen sie in der Regel von Zeitdruck und/oder Leistungsdruck.
Abseits von DIN-Normen und festgelegten Fragen zur Messung von Arbeitsintensität in quantitativen Untersuchungen wird dieser Abschnitt beleuchten, was Beschäftigte in der betrieblichen Realität als Zeit- und Leistungsdruck beschreiben. Welche Aspekte ihrer Tätigkeit erleben sie als Zeitdruck und/oder Leistungsdruck? Was ist Zeit- und Leistungsdruck für Beschäftigte? Gehören Zeitdruck und Leistungsdruck für Beschäftigte zusammen oder handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Wahrnehmungen?
Auf der Basis von Interviewstudien mit Beschäftigten in Unternehmen werden diese Fragen in diesem Abschnitt aufgegriffen.
Datenbasis
