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Rund 34.000 Architektinnen sind zurzeit in Deutschland tätig. Wie leben und arbeiten sie? Wie sind sie ausgebildet? Welche Vorbilder haben sie und wie gestaltet sich ihr Berufsalltag? Wie arbeiten Frauen in der von Männern geprägten Baubranche? Welche Berufswege und Möglichkeiten haben sie und wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren? Ein Rückblick in die Geschichte, Statistiken, die Antworten einer Fragebogeninitiative und sechzehn Interviews vermitteln einen Einblick in das Leben und den Alltag von Architektinnen. Die aufgezeigten Daten, Fakten und Lebenswege können eine Orientierungs- und Diskussionsgrundlage sein, Studentinnen und angehende Kolleginnen bei ihrer individuellen Lebensplanung zu unterstützen. Aber auch Architektinnen, die auf der Suche nach Veränderungen und Verbesserungen sind, kann das Buch eine Anregung sein, neue Wege anzusteuern, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Ziele in Angriff zu nehmen. Dieser Beruf bietet nach wie vor, und mehr denn je, wunderbare Möglichkeiten, künstlerische wie technische und kaufmännische Neigungen auszuleben. "Jeder hat mir das ausreden wollen, dass ich Architektin werde… kein Mensch würde sich von einer Frau ein Haus bauen lassen." Margarethe Schütte-Lihotzky (1897—2000)
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2013
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ULRIKE EICHHORN
Inhalt
Vorwort
I. Rückblick
Anfänge
Architektinnenbiografien
Architektinnen und ihr Einfluss auf berühmte Architekten
Architektinnen in der Kriegs- und Nachkriegszeit
II. Architektinnen. Ihr Beruf. Ihr Leben.
Architektinnen in der Ausbildung und in der Lehre
Architektinnen im Beruf
Architektinnen mit Partner und Familie
Architektinnen und ihr Einkommen
Architektinnen in Rente
Architektinnen in Europa und weltweit
III. Interviews
1. Bewerberin für die Architekturausbildung
2. Vollzeit angestellt tätige Architektin
3. Masterabsolventin Architektur in Bewerbung
4. Lehrbeauftragte Architektin
5. Freiberuflich tätige Architektin
6. Teilzeit angestellt tätige Architektin in der Verwaltung
7. Angestellt tätige Architektin im Baugewerbe
8. Arbeitssuchende Architektin
9. Berufsfremd tätige Architektin
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
verehrte Leserinnen und Leser,
bevor ich Sie in die Welt der Architektinnen entführe, möchte ich ein paar Worte in eigener Sache voranstellen, denn viele Kolleginnen haben mich gefragt, was mich zu diesem Projekt bewogen hat.
Ehrlich gesagt, war es nichts anderes als die Suche nach Antworten auf Fragen, die sich im Laufe meines Berufs- und Lebensweges gestellt haben und die Neugier auf Lösungen. Wie kam es zu den Fragen? Voller Begeisterung hatte ich nach dem Schulabschluss das Architekturstudium aufgenommen und nach dem Diplom die berufliche Tätigkeit begonnen. Nach anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten habe ich arbeitsreiche, zufriedenstellende, erfüllende, lehrreiche und heitere Jahre mit meinem Beruf verbracht. Eine Wende vollzog sich, einhergehend mit einer allgemeinen Baurezession, mit der Geburt meines Kindes, dessen aufmerksame Erziehung mir und meinem Mann sehr am Herzen lag. Die folgende Lebensphase war geprägt von einer Gratwanderung, zwischen Berufsausübung, Kinderbetreuung und Erziehung, Partnerschaft, Familie und der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Vielen von uns, und so auch mir, wurden die Pflege der Eltern und die Begleitung bis zu ihrem Tod nicht abgenommen, sodass auch diese Phase Bestandteil meines Lebensweges ist. Nicht nur einmal habe ich mich gefragt, was aus meinem elanvollen Berufsstart geworden ist und wie ich ihn hätte fortsetzen können. Wie gehen meine Kolleginnen mit ihrer Situation um? Wie kann ich als Architektin erfolgreich arbeiten, wenn ich Kinder versorge, in einer Partnerschaft lebe und zudem die Elternpflege auf mir lastet? Hätte ich mit einem anderen Partner, einem Architekten, vielleicht größere Chancen gehabt, meine Karriere fortzusetzen? Und wenn, hätte ich dann genug Freiraum für eine eigene Entwicklung gehabt? Wäre ich beruflich erfolgreicher geworden, wenn ich mich mit Kolleginnen zusammengetan hätte? Ist es überhaupt möglich, in diesem Beruf erfolgreich zu arbeiten, wenn Kinder Teil des Lebens sind? Unter welchen Umständen sind Beruf und Kinder vereinbar? Wie sind die Chancen, nach einer Erziehungspause wieder in den Beruf einzusteigen?
Viele Fragen haben mich über Jahre begleitet, bevor ich mich zeitlich und mit Hilfe moderner technischer Entwicklungen in der Lage sah, ihnen nachzugehen um nach Antworten zu suchen.
Um mich den Antworten zu nähern, beschloss ich, mir zunächst mir einen geschichtlichen Überblick über die Entwicklung des Berufs für Frauen zu verschaffen. Dass die Anfänge in der Geschichte der weiblichen Berufsausübung von der ungleichen Behandlung von Mann und Frau geprägt war, und dass Frauen generell erst ab Anfang des 20. Jahrhunderts zum Studium der Architektur zugelassen wurden, war mir bekannt. Dass es damals trotz aller Schwierigkeiten bei der Zulassung aber viele Frauen gab, die das Architekturstudium absolvierten, wusste ich nicht. Und die Anzahl der Absolventinnen wuchs stetig, ebenso wie die Anzahl der in diesem Beruf tätigen Frauen. 1930 waren in der Architektenschaft nahezu 16Prozent Frauen registriert. Die politischen Ideologien der Naziherrschaft stoppten diese Entwicklung eklatant. Zahlreiche jüdische Frauen, die zu der Zeit erfolgreich als Architektinnen tätig waren, sahen sich gezwungen zu emigrieren. Andere wurden in der Ausübung des Berufs gehindert, viele zogen sich aus der aktiven Tätigkeit zurück. Nachhaltig geprägt von den Ideologien der Kriegs- und Nachkriegszeit wuchsen mindestens zwei Generationen damit auf, dass Kindererziehung, Karriere und Familie keinesfalls miteinander zu vereinbaren seien, und dass Frauen, die diesen Lebensweg anstrebten, als karrierekrank oder Rabenmütter galten. Nicht wenige Frauen sahen sich gezwungen, die Situation als gegeben hinzunehmen. Die Biografie der Architektin Trudy Frisch zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie sich eine hervorragend ausgebildete Architektin mit Beginn des Ehelebens und mit der Geburt der Kinder aus dem Beruf zurückzog. Sicherlich nicht, weil sie den Beruf nicht mehr liebte. Aber weder wurde sie von ihrem Mann noch von ihrer Familie unterstützt, ihren Beruf weiterauszuüben. Am Ende entschwand sie ganz im Schatten einer Berühmtheit, die ohne die persönliche und finanzielle Unterstützung seiner Frau sicherlich niemals diese Bekanntheit erlangt hätte.
Es ist nicht die einzige Biografie, die dieses Schicksal erzählt. Bis vor kurzem noch wurde in der Nationalgalerie Berlin die von Aino Aalto entworfene Vase Savoy als Entwurf von Alvar Aalto präsentiert. Niemand störte sich daran. Bis heute gilt es nicht als angemessen, sich als Frau in den Vordergrund zu spielen, und vielen Frauen scheint es auch nicht so wichtig, öffentlich aufgrund ihrer beruflichen Leistungen anerkannt zu werden. Warum eigentlich?
Leider ist diese Haltung ein großes Problem. Die Anerkennung einer Leistung wird durch Geld entlohnt. Frauen und auch Architektinnen erhalten 20 bis 30 Prozent weniger Entgelt als Männer bei gleichwertiger Leistung. Das führt dazu, dass Männer bei Gründung einer Familie häufig aus ökonomischen Gründen ihre berufliche Tätigkeit fortsetzen und ihre Frauen sich gegebenenfalls mit einer Teilzeittätigkeit arrangieren. Viele Architektinnen tun dies.
Auch meine berufliche Tätigkeit beschränkte sich auf die Zeiten, in denen unser Kind von zu bezahlenden Kräften betreut wurde. Das Hin- und Hereilen zwischen Büro und Übergabe des Kindes musste minutiös geplant werden. Schulferien, Öffnungszeiten des Horts, Krankheiten ließen sich nicht mit Bauzeitplänen in Einklang bringen. Der Stress zehrte an meinen Nerven. Nach Verrechnung meiner Einkünfte, die ich aus meiner Arbeit erzielte und den Ausgaben für Büro, Versicherungen, Kammerbeiträgen etc., musste ich feststellen, dass mir wenig eigenes Einkommen blieb. Es gab aber Architektinnen, die dieses Problem nicht kannten. In Zeitschriften und Feuilletons jedenfalls wurde vielfach davon berichtet. In mir keimten Frust und Selbstzweifel. Was hatte ich in meiner Lebensplanung falsch gemacht? Noch während ich darüber nachdachte, wie ich mein Leben in zufriedenstellende, neue berufliche Bahnen lenken konnte, wurde ich durch ein Thema, von dem inzwischen viele Menschen meiner Generation betroffen sind, gefordert: die Pflege der Eltern. Gerade als unser Sohn zur Schule kam, im Hort versorgt wurde, ich die familiäre Situation erreicht hatte, in der ich hätte wieder beruflich durchstarten können, ereilte mich die Nachricht aus dem Krankenhaus, dass ich mich um die Zukunft meiner kranken Mutter zu kümmern hätte.
In dieser Situation bin ich kein Einzelfall. Sie wird mittlerweile auch in den Medien äußerst vielfältig kommuniziert. Die Thematisierung hat aber leider noch keine Lösungen parat, die es uns zeigen, Kinder, Beruf, und pflegebedürftige Eltern unter einen Hut zu bringen.
Warum erzähle ich das? Ich erzähle das, weil ich zehn Jahre vor dem Eintritt in das Rentenalter bin und feststellen muss, dass ich in Relation für ein engagiertes Leben in Beruf, in der Erziehung, der Betreuung kranker Familienangehöriger und im Zusammenleben mit meinem Partner eine völlig unangemessene Rente erhalte. Sollte mein Mann versterben, erhalte ich 60Prozent seiner Rente. Warum eigentlich? Mein Mann bekommt 100Prozent.
„Schön blöd, wer da noch Kinder bekommt, vor allem in einem Beruf, der zeitaufwendig und verantwortungsvoll ist. Das kann nicht Ziel der Politik sein“, sagte eine Kollegin bei einem Interview.
Da eine Lösung dieses gesamtgesellschaftlichen Problems nicht absehbar ist, können wir zurzeit nur darüber nachdenken, wie Architektinnen die Herausforderung meistern und Beruf und Familie vereinbaren können. Gibt es Kolleginnen, die das zufriedenstellend umsetzen? Wie gestaltet sich dieser Lebensweg? Gibt es alternative Lebensformen, in denen das möglich ist? Welche Schlüsse können wir aus diesen Beispielen ziehen?
Recherchen, Statistiken, die Ergebnisse einer Umfrage1 und 16 Interviews gaben mir Antworten. Die Erkenntnisse spiegeln natürlich nur einen Ausschnitt wieder. Meine Herangehensweise an die Fragen ist nur eine Variante und es gibt sicherlich viele andere Sichtweisen, die es darzustellen gilt. Ein neuer Fragebogen wirft neue Fragen auf und ein weiteres Interview würde ergänzende Sichtweisen offenbaren. Es bleibt ein steter Prozess, wie ein Rückblick in die Geschichte zeigt. Und ich denke, dass dieser unerlässlich ist, um für die Zukunft Veränderungen zu erzielen. Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft, sagte Wilhelm von Humboldt.
Das vorliegende Buch ist nicht nur eine Übersicht der Geschichte und eine Bestandsaufnahme, sondern vielmehr auch als Diskussionsgrundlage gedacht, nicht nur für Architektinnen. Viele der dargestellten und angesprochenen Probleme, Wünsche und Sorgen gelten auch für Frauen in anderen Berufen. Für Architektinnen aber ist, und das ist anders als in anderen Berufen, ein viel weiter gespanntes Aufgabenfeld Bestandteil des beruflichen Alltags. Deshalb ist dieses Buch auch für diejenigen Frauen gedacht, die sich für den Beruf interessieren, ihn ergreifen und studieren möchten. Denn so vielseitig dieser Beruf auch ist, so vielfältig sind auch die Herausforderungen.
Als ich mein Studium 1986 beendete, waren nur sehr wenige Architekturbüros mit einem CAD-System ausgestattet. Nahezu alle Pläne wurden per Hand gezeichnet und mithilfe von Rasierklingen geändert und den Wünschen des Bauherrn angepasst. Selbst Anfang der 1990er-Jahre war CAD noch kein Bestandteil in den Büros, selbst in Chicago nicht, wo ich in einem Architekturkonzern für ein Jahr tätig war. Inzwischen werden in nahezu allen Architekturbüros, selbst in den kleinsten, Pläne am PC oder Mac erstellt und nicht mehr mit der Post versandt, wie zurzeit meines beruflichen Einstiegs, sondern per E-Mail. Die Entwicklung wird kein Ende nehmen und immer neue Anforderungen werden immer neue Herausforderungen stellen. Wie orientieren sich junge Architektinnen im Dschungel der zahlreichen Möglichkeiten? Wie finden sie die Spezialisierung, die ihren Neigungen weitestgehend entspricht? Und wie sind diese mit Familie und Kindern vereinbar?
Die aufgezeigten Daten, Fakten und Lebenswege können eine Orientierungs- und Diskussionsgrundlage sein, Studentinnen und angehende Kolleginnen bei ihrer individuellen Lebensplanung zu unterstützen. Aber auch Architektinnen, die auf der Suche nach Veränderungen und Verbesserungen sind, kann das Buch eine Anregung sein, neue Wege anzusteuern, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue Ziele in Angriff zu nehmen. Dieser Beruf bietet nach wie vor, und mehr denn je, wunderbare Möglichkeiten, künstlerische wie technische und kaufmännische Neigungen auszuleben.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen.
Schon in der Antike und im frühen Mittelalter wurde über Frauen berichtet, die als Architektinnen, Ärztinnen, Philosophinnen tätig waren. Zwar war es ihnen nicht erlaubt, in diesen Berufen zu arbeiten, aber immerhin möglich, an Akademien zu studieren und zu lehren. Leider blieb es nicht dabei. Im weiteren Verlauf der Zeitgeschichte reduzierte sich diese Freiheit und Frauen durften sich nur noch im klösterlich-medizinischen Umfeld beruflich bilden. Auch das wurde über die Jahrhunderte mehr und mehr eingeschränkt. Letztendlich wurde Frauen der Zugang zu Bildung und Lehre gänzlich verwehrt.
Erst mit Beginn des 17. Jahrhunderts und der Unterstützung des Philosophen, Theologen und Pädagogen Johann Amos Comenius (1592 — 1670), Bischof der Unität der Böhmischen Brüder, veränderte sich dies. Nach dem lateinischen Grundsatz„omnes-omnia-omnino“(alle alles ganz zu lehren) setzte sich Comenius dafür ein, dass auch Mädchen staatliche Schulen besuchen durften. Sie zu einer weiterführenden Ausbildung zuzulassen, war man aber noch weit entfernt. So wurde ein weiteres Jahrhundert heftig diskutiert, ob Frauen von ihrer geistigen Leistungsfähigkeit und körperlichen Verfassung her überhaupt für ein Studium geeignet seien. Beispiele beweisen, dass Frauen zweifellos dazu imstande waren:
Eine von ihnen war Dorothea von Erxleben (1715 — 1762) aus Quedlinburg, die als erste deutsche Frau in den deutschen Staaten zu einer Promotion zugelassen wurde. Mit Unterstützung ihres Vaters, einem Arzt, war sie in der Medizin unterrichtet und ausgebildet. Nur mit Genehmigung des preußischen Königs wurde sie zur Disputation zugelassen. 1754 erhielt sie in Halle die Promotionsurkunde mit Auszeichnung. Eine andere Ausnahme war die Freifrau Dorothea von Rodde-Schlözer (1770 — 1825). Die Tochter eines Göttinger Professors für Staatsrecht und Geschichte wurde in klassischer Literatur, Bergbau, Baukunst und Mathematik ausgebildet. Sie promovierte 1787 zur Doktorin der Philosophie, obwohl sie keine Dissertation vorlegen musste. Zu den Ausnahmen gehörte auch Sofja Wassiljewna Kowalewskaja (1850greg. Moskau — 1891greg. Stockholm), die russischer Herkunft war. Da der slawische weibliche Name in den westlichen Ländern unbekannt war, wurde über sie meist unter dem Namen des Ehemanns berichtet. Sofia studierte ab 1869 als Gasthörerin an der Universität Heidelberg, weil ihr in Russland der Besuch einer Hochschule nicht gestattet war. 1870 wechselte sie nach Berlin. Trotz zahlreicher Empfehlungen damaliger namhafter Professoren wurde ihr eine Universitätszulassung nicht gewährt. Doch sie ließ sich nicht entmutigen und nahm Privatstunden bei ihrem Professor, der sie für eine Promotion nach Göttingen empfahl, wo sie 1874 trotz vieler Widerstände die Doktorwürde mit summa cum laude erhielt. Ihr Traum wieder zu ihrer Familie nach Russland zurückzukehren, um dort mit ihrer Promotion eine Anstellung an einer Hochschule zu bekommen, zerschlug sich. Die Lehre an einer russischen Universität blieb ihr weiterhin versagt. Auf Einladung des Mathematikers Gösta Mittag-Leffler ging sie nach Schweden, um dort als Privatdozentin tätig zu sein. Der Preis dafür war hoch: Ihre 1878 geborene Tochter musste sie in Russland bei einer nahen Freundin zurücklassen. Sofia war befreundet mit Julija Wsewolodowna Lermontowa (1847greg Sankt Petersburg — 1919 bei Moskau). Lermontowa war die erste Frau, die im Fach Chemie ihre Dissertation vorlegte. Auch sie wurde in Göttingen promoviert und 1874 mit summa cum laude ausgezeichnet. Ebenfalls in Göttingen wurde die Amerikanerin Margaret Eliza Maltby (1860 — 1944) promoviert. Sie war physikalische Chemikerin und leidenschaftliche Frauenrechtlerin. Sie hatte Naturwissenschaften am Massachusetts Institute of Technology in Boston studiert und schloss dort 1891 mit dem Bachelor of Science ab. Um ihre Forschungsarbeit in Physik fortzusetzen, entschloss sie sich, nach Deutschland zu gehen, wo sie die Doktorwürde 1895 erhielt. Maltby arbeitete anschließend in Berlin als wissenschaftliche Assistentin an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin-Charlottenburg. Im Jahr 1900 kehrte sie in die USA zurück, um an der Columbia University, einem College, das dort ausschließlich für Frauen gegründet worden war, zu lehren. 1903 wurde sie außerordentliche Professorin, 1910 Juniorprofessorin und 1913 ordentliche Professorin und Vorsitzende des Fachbereichs Physik. Margaret Maltby engagierte sich zeitlebens für die Gleichstellung der Frau in Studium und Beruf, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich. Sie ermunterte ihre Studentinnen, sich nicht entweder für das Studium oder für die Familie zu entscheiden, sondern möglichst beides miteinander zu verbinden. Als langjähriges Führungsmitglied der American Association of University Women rief sie 1926 ein Stipendien-Programm für studierende Frauen ins Leben.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es zahlreiche Frauen, die sich als Wegbereiterinnen für das Frauenstudium in Deutschland einen Namen machten. Zu ihnen gehörte Katharina Charlotte Friederike Auguste Windscheid (1859 — 1943), die im Jahr 1895 die Doktorwürde im Fach Philosophie erhielt. Zu nennen sind ebenfalls Marianne Theodore Charlotte v. Siebold Heidenreich, (1788 — 1859, Doktorwürde in der Entbindungskunst 1817 in Gießen), Schriftstellerin Daniel Jeanne (Johanna) Wyttenbach, (1773 — 1830, philosophische Ehrendoktorwürde 1827, Marburg), Elsa Neumann (Physik, 1899, Berlin) und Clara Immerwahr (Chemie, 1900, Breslau). Sie alle machten ihrem Geschlecht alle Ehre, auch wenn sie durch ihr Tun zunächst keine Veränderungen für die allgemeinen Zulassungsbedingungen erreichte. 1888 hatte der Allgemeine Deutsche Frauenverein eine Petition beim preußischen Abgeordnetenhaus eingereicht, um die Zulassung von Frauen zum Medizinstudium und zur wissenschaftlichen Lehrerinnenausbildung zu erreichen. Im selben Jahr hatte auch der Frauenverein Reform die Zulassung für Frauen zu allen Fächern gefordert. Dennoch konnten diese Initiativen keine unmittelbaren Erfolge verbuchen. Das pragmatische Vorgehen einzelner Frauen, eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken, sollte sich als erfolgreich erweisen. Der erste Schritt dazu war die Zulassung als Gasthörerin. So war Hope Bridges Adams Lehmann die erste Frau in Deutschland, die ihr Medizinstudium als Gasthörerin begann und die es letztendlich mit einem Staatsexamen abschloss. Durch diese Hintertür gelang vielen der Zugang zu den Universitäten. Was als Ausnahme begann, wurde schließlich schnell zur Regel. Die weitaus meisten Gasthörerinnen konnte die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin verzeichnen. Jüdische Frauen, besonders solche aus dem Russischen Reich, waren unter diesen ersten Jahrgängen ausnehmend zahlreich vertreten. An der Medizinischen Fakultät stellten sie sogar die Mehrheit der Studentinnen. Viele dieser Frauen hatten zuvor in der Schweiz studiert, konnten also schon Studienleistungen vorweisen. Die guten Erfahrungen, die die Schweizer Universitäten mit studierenden Frauen gemacht hatten, waren ein wichtiges Argument, die deutschen Hochschulen für Studentinnen zu öffnen. So betrachtet ist die Einführung des Frauenstudiums in Deutschland den vielen russisch-jüdischen Frauen zu verdanken, die an Schweizer Universitäten studiert hatten. Die bekannteste unter ihnen ist Rosa Luxemburg (1871 — 1919), die an der Universität Zürich Volkswirtschaft studierte. Ein anderes Beispiel ist die Philosophin Anna Tumarkin (1875 — 1951), die erste Professorin an der Universität Bern. Im Jahr 1906 wurde sie Honorarprofessorin und 1908 Extraordinaria. Sie war die erste Professorin Europas, mit dem Recht, Doktoranden und Habilitanden zu prüfen. Zudem war sie die erste Frau, die einen Sitz im akademischen Senat hatte.
Nach und nach öffneten sich die deutschen Universitäten, und noch vor der Jahrhundertwende wurde vielen Frauen der volle Zugang zu allen Studiengängen ermöglicht. Ab dem Sommersemester 1900 waren Frauen an nahezu allen Landesuniversitäten als „ordentliche Studierende“ zugelassen. Unter ihnen war auch die jüdische Medizinstudentin und spätere Ärztin Rahel Straus (1880 — 1963). Sie gilt es insofern zu erwähnen, da sie nicht nur die erste Abiturrede einer jungen Frau in Deutschland hielt (1899), als erste Medizinstudentin an der Universität Heidelberg eingeschrieben war, sondern sich auch aktiv in der Vereinigung Studierender Frauen engagierte. 1902 bestand sie das Staatsexamen mit Erfolg, promovierte 1907 und setzte ihren beruflichen Weg mit der Eröffnung einer gynäkologischen Praxis 1908 fort. Mit ihrem Ehemann, einem promovierten Juristen, bekam sie fünf Kinder. Auch mit Familie und Kindern setzte sie ihren beruflichen Weg beständig fort, kämpfte für die Abschaffung des Paragrafen 218 und engagierte sich im jüdischen Frauenbund. Nach dem Tod ihres Mannes 1933 emigrierte Rahel Straus nach Palästina, arbeitete dort weiter als Sozialarbeiterin und gründete 1952 die israelische Gruppe der Woman´s International League for Peace and Freedom, deren Ehrenpräsidentin sie bis zu ihrem Tod 1963 blieb.
Neben Erfolgsgeschichten soll nicht unerwähnt bleiben, dass es auch traurig endende Lebensläufe von Akademikerinnen gab, die zwar zuversichtlich begannen, im Laufe der Jahre aber in die Mühlen des Zeitgeschehens gerieten. So geschehen mit Emilie Kempin-Spyri (1853 — 1901), die erst nach der Geburt ihrer drei Kinder (1876 bis 1879) die Reifeprüfung ablegte. Im Anschluss schrieb sie sich 1885 an der Staatswissenschaftlichen Fakultät Zürich zum Jurastudium ein, promovierte mit 34 Jahren 1887 und bewarb sich auf eine Dozentenstelle. Aufgrund ihres Geschlechts wurde sie sowohl von der Universität als auch bei der Zulassung zur Anwältin abgelehnt. Wütend ob dieser Rückständigkeit überzeugte sie ihren Mann, mit ihr und den Kindern 1888 in die USA auszuwandern. Dort fand sie allerdings ähnliche Bedingungen vor. Durch eine glückliche Fügung lernte sie eine wohlhabende New Yorkerin kennen, die sie unterstützte, eine Schule für Anwältinnen zu gründen. (Die „Emily Kempin-Law-School“ ermöglichte in späteren Jahren vielen Frauen eine Ausbildung zum Anwaltsberuf.) Emily war die erste Frau, die an einer amerikanischen juristischen Fakultät lehren durfte. Sie hielt Vorträge, verfasste Aufsätze für Zeitschriften und engagierte sich in der Frauenbewegung. Doch sie war hin- und hergerissen zwischen beruflichem Erfolg und familiären Herausforderungen. Ihr Mann war mit zweien ihrer Kinder 1889 wieder in die Schweiz zurückgekehrt, da er in den USA nicht Fuß zu fassen vermochte. Schuldgefühle der jüngsten Tochter gegenüber wegen vermeintlicher mangelnder Betreuung und eine Krankheit ihres Sohnes in Zürich veranlassten sie 1891 zur Rückkehr in die Schweiz. Dort bewarb sie sich für eine Dozentenstelle. Sie gründete einen Frauenrechtsverein und engagierte sich mit Zeitungsartikeln und Vorträgen für die Sache. Das Glück stand nicht auf ihrer Seite, denn der finanzielle Erfolg blieb aus und ihre Ehe scheiterte. 1895 zog Kempin zunächst allein nach Berlin, holte ihre Kinder nach und verliebte sich in einen Privatlehrer. Dieser zog ihr allerdings ihre jüngste Tochter vor und zeugte mit ihr ein Kind. Emilie erlitt einen Nervenzusammenbruch, lebte seit 1897 in einer Heil- und Nervenanstalt und hoffte auf Erholung. Doch die Ärzte hielten sie für geisteskrank und empfahlen dem Ehemann, für sie die Vormundschaft zu übernehmen. Emilie versuchte vergeblich, aus der Anstalt zu fliehen. Sie wurde in eine Baseler Irrenanstalt überführt, wo sie einsam von Familie und Freunden abgeschottet dahinvegetierte, bis sie 1901 mit achtundvierzig Jahren starb.
Ein ähnliches Schicksal erlitt Camille Claudel (1864 — 1943). Die Bildhauerin lebte und arbeitete an der Seite des berühmten Auguste Rodin. Auch sie wurde diskriminiert und in ihrem künstlerischen Schaffen behindert, weil sie sich von Rodin getrennt hatte. Claudel begann zu trinken und vereinsamte. Ihre Familie veranlasste eine gewaltsame Überführung in eine Irrenanstalt, wo sie mehr als 30 Jahre verbrachte, bevor sie am 19. September 1943 starb.
Ungeachtet dieser betrüblichen Lebenswege konnten im Laufe der Jahre und aufgrund der Bemühungen zahlreicher Vorreiterinnen viele Frauen ermutigt werden zu studieren. Im Jahre 1913 waren etwa 8 Prozent aller Studierenden weiblichen Geschlechts. Ihr Anteil stieg bis 1930 auf etwa 16 Prozent. So können wir ab der Jahrhundertwende bis zum Beginn der nationalsozialistischen Strömungen zahlreiche Frauenbiografien lesen, die in akademischen Berufen erfolgreich waren. Zu ihnen gehörten auch zahlreiche Architektinnen:
Emilie Winkelmann,
